Personenschaden im Flugverkehr

Diesen Text habe ich in natürlich viel schönerer Form letztens schon auf einem Smartphone zusammengeklöppelt, doch dann löschte ein App-Wechsel plötzlich die beschriebene Seite, und der Wunsch nach einer Undo-Funktion auf dem Handy war groß. Nun ja. (Wer nicht scrollen mag, könnte sich auch durch ein hübsches Büchlein blättern.)

Im Flugzeug von München nach Berlin bin ich ihr begegnet: der Unperson schlechthin, dem wandelnden Arschloch in menschlicher Gestalt, der Apokalypse der Rücksichtnahme. Ich hatte gerade am Fenster Platz genommen, nichts ahnend ein Buch ausgepackt, die Leselampe über mir eingeschaltet und wartete nun im wohlig warmen Lichtkegel friedlich darauf, dass es endlich losging. Plötzlich stand da diese Frau im Gang: zum Bürstenschnitt geschorenes, graumeliertes Haar, ein Gesicht, aus dem jegliche Freundlichkeit von einem Fachmann herausgefräst worden war, und jede ihrer Bewegungen ließ einen Elefanten im Porzellanladen wie eine grazile Ballerina beim »Tanz der Zuckerfee« erscheinen.

Es fing damit an, dass sie sich selbst auf den mittleren der drei Sitze wuchtete, als sei sie ein Kartoffelsack mit Füßen. Die Vordersitzer drehten sich empört herum, um nachzuschauen, wer da wohl wie ein Berserker mit der Axt auf ihre Rückenlehne eindrosch. Der recht grobschlächtige Prozess des Hinsetzens konnte aber auch darin begründet gewesen sein, dass besagte Dame keuchend wie ein Asthmatiker vorm Exodus ihre fünfzig Kilo Handgepäck vor sich her schob, die kein Mensch in eine der oberen Ablagen hineingepresst bekommen hätte, der nicht mindestens über den Körperbau eines Vitali Klitschko verfügt. Also musste das Ding mittels Falttechnik der Marke »Was nicht passt, wird passend gemacht« unter den Sitz, klar. Wie sie überhaupt mit einem solchen Felsen durch die Kontrollen gekommen war, erschloss sich mir schon nicht so recht, aber vermutlich hatte sie die Kontrolleure einfach mit ihrem ... Gesicht ... angeschaut.

Als die Todsünde von einem Handkoffer tatsächlich verstaut war, ohne dass meine Beinfreiheit beeinträchtigt worden wäre, holte die grenzwertig feinsinnige Dame das Beeinträchtigen augenblicklich nach, indem sie, nun ja, so sanft in den Sitz glitt wie eine Feder, die zu Boden sinkt. Sofern die Feder aus Blei ist. Kaum war auch das erledigt, wurde die mitgebrachte Zeitung ausgepackt. Wie ein Adler majestätisch seine Schwingen ausbreitet, schlug die omnipräsente Nebensitzerin das Blatt auf, bis nicht nur mein eigenes, sondern auch das Leselicht ihres Sitznachbarn auf der anderen Seite komplett vereinnahmt war. Gut, man soll sich schließlich wie zu Hause fühlen, und da hat sie offenbar die Hosen an. Außerdem konnte Madame so ihr eigenes Leselicht ausgeschaltet lassen und Strom sparen.

Definitiv nicht sparte sie dafür am Getränk. Wir waren inzwischen in der Luft, und kaum hatte sie den ersten Weißwein in den Schlund gekippt, rief sie nach der vorbeieilenden Flugbegleiterin und verlangte lautstark das nächste Gesöff, um die dargereichten Chips runterzuspülen. Immerhin musste hinterher niemand ihren Müll abholen, denn die leeren Becher landeten flugs auf dem Rest an Fußboden, der nicht vom Monsterkoffer blockiert war. Die Chipstüte auch. Und die Zeitung. Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein? Also meine jedenfalls nicht, lieber Herr Mey!

Und immer, wenn man denkt, schlimmer geht's nicht mehr, kommt von irgendwo penetrant laute Musik her. Der Pilot oder seine Automatik war längst zum Landeanflug übergegangen, als Miss Höflichkeit ein paar Kopfhörer in ihr Smartphone stöpselte, um in Lautstärke Trommelfelldesaster die eigenen wie die sie umgebenden Gehörgänge zu ruinieren. Woah! Die Bitte, jetzt doch aber wirklich alle elektronischen Geräte auszuschalten, half da nicht weiter, ging dieser Hinweis doch in donnernder Popmusik unter. Für solche Personen wünsche ich mir in Passagiermaschinen einen Bombenschacht!

Als ich das Lesen längst aufgegeben hatte und mit meiner Stirn entnervt das Fensterchen zu meiner Rechten einfettete, um dem armlehnenkonfiszierenden Störfaktor neben mir nicht irgendwann im Affekt den Hals umzudrehen, kam die Maschine endlich wohlbehütet in Berlin Tegel an. Um noch einen draufzusetzen, durfte ich das Flugzeug erst so ziemlich als letzter verlassen, weil die personenschädigende Schadperson unbedingt die eigentlich beschäftigte Flugbegleiterin in einen hübschen Plausch verwickeln musste, während der portable Wandschrank, den sie mitgebracht hatte, noch immer zwischen den Sitzen klemmte und mich so temporär meiner Freiheit beraubte.

Und so was nennt sich am Ende »Economy«? Von wegen! Ökonomisch war auf diesem Flug zumindest links von mir allerhöchstens der Haarschnitt.

2 Gedanken zu “Personenschaden im Flugverkehr

    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Tut man. Bei Auslandsflügen wäre ich mir da allerdings nicht so sicher. Und wenn man dann noch zwischen den Kindern sitzt ... puh!

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