Als Boris Becker das Internet erklärte

Ich hatte gerade einen gedanklichen Way-Back-Moment. Erinnert sich noch jemand an die Urzeiten des WWW? Nee, nicht die ganz frühen, als sich nur wahre Nerds mit Flaschenbödenbrillengläsern durch unverständliche Textwüsten klickten, sondern die, als die Telekom noch an die Börse und Manfred Krug mitging. Es war eine Zeit, in der ich gottseidank noch keine Aktien kaufen durfte und in der ich entdeckte, dass sich mit unserem 28K-Uraltmodem nicht nur Faxe verschicken ließen, sondern dass man sich mit dem Ding unter lautem Piepsgetröte auch problemlos ins Internet einwählen konnte.

Es war die Zeit, als Freischalt-Codes noch per Post kamen. Es war auch die Zeit der AOL-CDs, die jeder Klopapierrolle beilagen, jede Menge Gratisspaß im Netz versprachen und die doch immer von der Aura horrend hoher Monatsendabrechnungen umgeben waren, weil man das Kleingedruckte nicht gelesen hatte. Und es war die Zeit unsäglich peinlicher Fernsehwerbungen. Warum die besagte CD-ROM-Schleuder ausgerechnet Lispelkünstler Boris Becker für mehr Akzeptanz des eigenen Internet-Angebots werben ließ, verstehen bis heute vermutlich nur die ehemaligen AOL-Marketing-Genies, wenn sie noch mal dasselbe Kraut wie damals rauchen. »Daf if ja einfach!«, sagte der Tennisheini mit dem Zeugungsdrang im Spot und glotzte grenzdebil auf einen Röhrenmonitor. Sollte wohl so viel sagen wie: Ja also wenn sogar der blöde Becker das rafft, dann krieg ich das ja wohl auch noch gebacken!

Ich verwendete niemals eine der AOL-CDs, starrte aber dennoch immer sehnsüchtig auf die versprochenen Gratisstunden. Denn ich wählte mich seinerzeit mittels sogenannter Call-by-Call-Anbieter ein. Das waren windige Service-Provider, die meisten heute zurecht pleite und begraben, die zu mehr oder minder geringen Pfennigbeträgen kleckerweise Internet im Gehäuseschneckentempo anboten.

An meinen ersten Netzgehversuch erinnere ich mich noch ganz genau: »Mutti, ich bin im Internet!«, rief ich die Treppe hinunter. STAMPF STAMPF STAMPF, mit nicht mehr als drei ausladenden Godzilla-Schritten hatte meine Mutter die fünfzehn Stufen der Treppe genommen und stand in meinem Zimmer, noch ehe ich meinen Satz richtig beendet hatte. »Und jetzt? Müssen wir doch alles bezahlen, oder?«, schrie sie mit schreckgeweiteten Augen. Für meine Mutter war klar, sobald man ins Internet geht, passt die Endsumme der Telefonabrechnung auf keine DIN-A4-Seite mehr. Später war es dasselbe mit Internetkaufhäusern: Sobald man irgendwo was bestellte, war völlig selbstverständlich, dass hinterher das ganze Girokonto geplündert war. So war sie, meine Mutter. Und heute bestellt sie sogar ihre Topflappen bei Amazon.

»Geh nicht zu oft ins Internet«, war in der Folgezeit immer so eine Warnung meiner Mutter. Ein komplettes Verbot konnte sie nicht durchboxen. Meinem Argument »Aber ich brauch das doch für die Schule!« konnte sie nichts entgegensetzen. Gute Noten waren eben mit Geld nicht aufzuwiegen. Und so teilte ich mir meine Internetzeit gut ein. Mit einem Auge auf dem Browserfester, dessen Inhalt langsamer aufgebaut wurde, als die Hamburger Elbphilharmonie, und einem auf dem Gebührenzähler des Einwahlprogrämmchens, surfte ich maximal eine Stunde pro Tag auf den Seiten meiner Lieblingsbands vorbei, guckte mir mies aufgelöste Schweinkrambilder an und klaute Musik bei Napster. Was man für die guten Noten eben so tat.

Und all das immer mit der Angst vor diesem einen Satz im Rücken: »Thomas? Geh mal aus dem Internet raus, ich will telefonieren!« Ganz schlimm war es, wenn ich eigentlich längst schlafen sollte, dann aber doch noch dieses eine Lied fertigladen musste, und dann hörte, wie unten der Telefonhörer abgehoben wurde. So was wie »Äääaaach!« vernahm ich noch, bevor, STAMPF STAMPF STAMPF, meine Mutter im Zimmer stand. »Du sollst doch schlafen! Das bezahlst du bald alles von deinem Taschengeld!« Die Drohung verpuffte natürlich, denn so viel Taschengeld bekam ich nie und nimmer. Außerdem zog wiederum »Mir fiel eben noch ein, dass ich ja was für die Schule nachgucken muss. Bin gleich fertig.« ganz wunderbar. Mein Vater dagegen ließ sich dieses eine Mal nicht besänftigen, als er bei Minusgraden in halbtrunkenem Zustand nach der Betriebsweihnachtsfeier frierend durch die Nacht irrte und gern abgeholt worden wäre, jedoch per Telefon nicht durchkam, weil der Sohnemann die Leitung fortwährend blockierte. Ja, es waren aufregende Zeiten voller Entbehrungen. Für den einen oder anderen.

Es war auch die Geburtszeit der Wikipedia und eine Zeit, in der sich digitale Lexika und Online-Artikel noch nicht bis zu den Lehrern herumgesprochen hatten. Wir druckten ganze Artikelserien samt der Bilder aus, klebten sie auf Wandzeitungen und kassierten die guten Noten dafür, während die ärmeren Kinder ohne Computer gnadenlos auf der Strecke blieben. Tja, wer hat, der kann. Das galt auch damals schon, insbesondere für Referate und Wandzeitungen.

Und dabei war die Online-Suche noch ziemlich rudimentär: Wenn die heiligen Herren des Index gewisse Seiten nicht sorgfältig von Hand eingepflegt hatten, dann fand man die eben auch nicht. Es war ein bisschen wie das Blättern im Quelle-Katalog: Was da nicht drin war, ließ sich ja auch nicht bei Quelle bestellen. Einige Suchmaschinen- und Versandhauspleiten später hat Google sich als Synonym für die Suche im Netz natürlich längst etabliert, aber der erste Besuch auf dieser gruseligen Suchmaschine, mit der man tatsächlich alles finden konnte, war schon ein Aha-Erlebnis.

Nach einer Stunde des gepflegten Surfens war es dann in der Regel auch vorbei. Klack machte das Modem, schon war ich wieder voll und ganz offline. Musste ich mich dann doch noch mal verbinden, drückte ich gern ein Kissen auf das Modem, damit meine Mutter den verräterischen Pfeifton nicht hören konnte. Und manchmal flog man auch einfach so aus dem Netz. Ein Horror, wenn dieser blöde Green-Day-Song noch nicht fertig heruntergeladen war! Außerdem wurde allein für die Einwahl von den meisten brauchbaren Call-by-Call-Providern eine Gebühr verlangt. Wie gesagt, zurecht pleite, die Bande. Irgendwann erklärte meine Mutter, Hüterin der Hauskasse, die Internetrechnung für zu hoch. Als ich vorrechnete, dass schnelles DSL, das es inzwischen gab, genauso teuer sei und man dann einfach immer im Internet sein könne, sagte sie überraschenderweise: »Na warum haben wir denn so was nicht schon längst?« Ich hielt kurz inne, realisierte diesen Satz und dachte: Daf if ja einfach!

2 Gedanken zu “Als Boris Becker das Internet erklärte

  1. Ich war zwar später dran, aber kenne vieles davon auch. Ich/Wir waren sogar bei AOL. Da war das Netz noch ganz anders, da war der Provider auch noch deine Eingangstür: Ich habe Nachrichten von AOL gelesen, da meinen Chatmessenger gehabt und alles.

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      T-Online hatte es doch, glaube ich, damals genauso gemacht: Der Provider war zugleich ein Portal ins Web. Das ist insofern sehr amüsant, als dass man heute sagen würde, diese Provider habe das Internet nicht verstanden. Damals war das alles noch ein wenig anders.

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