Das Schlumpftrauma

In der Mitte der 90er, als Spinat noch viel Eisen enthielt, niemand ernsthaft geglaubt hätte, Kanzler Helmut Kohl würde innerhalb der kommenden hundert Jahre abtreten und Nachrichtensprecher sich ungestraft mit kunterbunten Krawatten in die Tagesschau setzen konnten, da bekam ich zu Weihnachten eine Stereoanlage geschenkt. Damals, die älteren werden sich erinnern, musste man zum Musikhören noch wuchtige Geräte mit zwei ebenso wuchtigen Lautsprechern, die das Wörtchen »Stereo« rechtfertigten, auf sperrige Wohnzimmeranrichten oder in, uh, »Anbauwände« stellen. Grabsteine aus Plastik und Spanplatten waren diese Geräte, chinesische Massenware, vollgeklatscht mit blinkenden Digitalanzeigen, die allen Gästen mitteilen sollten: Hey, ich war scheißteuer, bewundere mich! Selbige Anlagen verlangten nach möglichst kratzfreien Silberscheiben, auf denen sich die Musik befand, die man hören wollte, und die noch älteren unter den Mitlesern gehörten damals ja vielleicht zu jenen Ewiggestrigen, die nicht müde wurden, darüber zu staunen, dass man die kleinen runden Scheiben gar nicht nach der Hälfte umdrehen musste. Absurde Zeiten waren das.

Aber zurück zu den wichtigen Dingen: zu mir. Ich wurde also am Abend der Bescherung mit einer von mir definitiv nicht gewünschten Musikabspielapparatur konfrontiert. Zu jener Zeit verhielten Musik und ich uns zueinander wie Öl zu Wasser. Ich weiß nicht mehr, warum das so war, aber als Knirps fand ich Musik grundsätzlich noch beschissener als Mädchen (und das wollte was heißen). Später ging mir auf, dass »Perlen« wie Dr. Alban, Haddaway, Ace of Base und das Schweizer Tanzschokobärchen DJ Bobo nicht ganz unschuldig an dieser Einstellung gewesen sein können. Ich war halt einfach zu klug für diese den Gehörgang verklebende Flitzekacke der 90er, die den künstlerischen Gehalt von aufgeweichtem Styropor besaß. Entsprechend lang war am Heiligabend mein Gesicht. Hätte in jenem Moment ein Pferd neben mir gestanden, man hätte uns nicht auseinanderhalten können. Und mein Vater hielt natürlich immer schön mit der Videokamera drauf. Auch so eine Unsitte der 90er: jedes noch so kleine Familienereignis wurde auf Videokassette gebannt. Das machten alle so, die ich kannte. Auf einem der ersten Bänder sagte der Filmende grundsätzlich etwas wie: »Das kannste mit Fotos gar nicht vergleichen. So was ist später mal unschätzbar.« Die aufgenommenen Kassetten schaute man dann einmal an, lachte sich den Podex ab, und anschließend verschwanden sie für lange Zeit in einem der Schränke, der, uh, »Anbauwand«, wo sie vor sich hin entmagnetisierten, einsortiert in nummerierte Plastikschachteln, die wie alte Bücher aussahen, bis man das irgendwann völlig ungenießbare Krisselwerk dutzendfach in Plastiksäcke steckte und wegschmiss, weil sowieso kein Mensch mehr einen Videorekorder im Haus hatte. Exkurs Videokamera Ende.

So was wie »Na, was ist denn das?«, fragte mein Vater natürlich, während er mit einem Auge durch den surrenden Camcorder glotzte und mich dabei beobachtete, wie ich vor dem Geschenk hockte wie Ludwig XVI. vor dem Schafott. Solche Fragen, die grundsätzlich jedem Kind vor laufender Kamera peinlich waren und deswegen immer nur stillschweigend und mit entnervten Blicken à la »Alter, das siehst du doch selber, was das ist, also frag nicht so blöde!« in Richtung Kamera beantwortet wurden, sollten wohl die für die Nachwelt dokumentierende Stimme aus dem Off darstellen. Quasi der Facebook-Kommentar der 90er. Derweil meine Eltern mir immer noch ein Statement zu meinem ach so tollen Geschenk entlocken wollten, hockte ich weiter ungläubig vor der Stereoanlage und fragte mich, warum meine Eltern mir nicht einfach 'nen Game Boy geschenkt hatten, wenn sie mir wirklich eine Freude machen wollten. (Ein Jahr später waren sie übrigens schlauer und schenkten mir tatsächlich einen. Entgegen der allgemeinen Annahme sind auch Eltern lernfähig.)

Aber das Elend nahm an besagtem Abend kein Ende, denn wenn man schon so einen elektronischen Backstein verschenkt, dann will man ja auch, dass der Beschenkte was damit anfangen kann. Drum offenbarte sich ein weiteres Geschenk nach dem Auspacken zu meinem Entsetzen als Musik-CD. Und nun kannte die Geschmacklosigkeit der 90er Jahre in Sachen Popmusik ja bekanntlich keine Grenzen, doch trotzdem schafften meine Eltern es, diese nicht vorhandene Grenze zu sprengen: Die Techno-Schlümpfe?!?! Falls sich jemand fragt, was das war: Ein geldgeiler wie skrupelloser Musikproduzent nahm Lieder aus dem Archiv, die jeder kannte, verdoppelte einfach deren Abspielgeschwindigkeit, bis der Gesang nach heliumsüchtigen Chorknaben klang, packte einen saudummen Bumsbuden-Beat dazu, presste den Mist auf CD und klebte hinterher die Schlümpfe drauf. Hätte im Prinzip auch mit Pumuckl funktioniert, nur dass die Interpreten dann Kreide hätten fressen müssen. In dem Moment wäre ich gern einfach durch den Boden gesickert, um es mir in der Wohnung unter uns gemütlich zu machen, aus der es immer so stank, wenn die 80jährige Bewohnerin, von der man nie wusste, ob sie überhaupt noch lebte, mal in ihre Kittelschürze gewickelt die Tür öffnete, um uns Kinder anzuschnauzen, wir sollten im Hausflur leiser sein. Aber es half ja alles nichts: Es galt, gute Miene zum bösen Spiel zu machen ... NICHT! Wenn es einen Gott der undankbaren Kinder gibt, dann war er in jenem Moment sehr, sehr stolz auf mich. Kurzum: Die Freude blieb aus, und ich ging gleich zum traditionellen Kartoffelsalat über. Die Stereoanlage fristete fortan ein dem Staub ausgesetztes, ungenutztes Dasein neben meinem Freund, dem Fernseher. Und diese unsägliche CD ließ ich irgendwo hinter Bergen aus altem Spielzeug verschwinden, wo keiner meiner Freunde sie jemals zufällig finden würde, um mich zum Gespött der ganzen Schule zu machen.

Damit war mein Ausflug in musikalische Gefilde bis auf Weiteres vorüber, bevor er überhaupt richtig begonnen hatte. Ich war ja so was von bedient! Die nächsten Jahre befasste ich mich mit den wichtigen Dingen des Lebens: Videospiele, Pommes rot-weiß, Cola und Oben-ohne-Sonnenanbeterinnen im Freibad, Videospiele, Cartoons auf RTL2 und, ach ja, Videospiele. Bis dann plötzlich 1999 war. Inzwischen holte ich die Kiste mit dem Lego nicht mehr vom Schrank, in mein Gesicht verirrten sich hin und wieder mal Pickel und flaumige Haare, und Mädchen fand ich zwar immer noch blöd, jedoch nur, weil ich einer von denen war, die grundsätzlich nie eine abbekamen. Aber plötzlich fand ich MTV cool. Das war, bevor die esoterische Führungsriege des Senders vor lauter Kifferei vergaß, dass das M im Namen des Senders für »Music« stand, und stattdessen die Zuschauer 24 Stunden, sieben Tage die Woche mit Paris Hiltons stumpfsinniger Hackfresse unter Dauerbeschuss setzte, bis keine Sau mehr einschaltete und aus dem verbrannten Rest des einstigen Pioniersenders ein Pay-TV-Müllkübel für hirnamputierte Sofakartoffeln wurde.

1999, das war eine Zeit, zu der eine Jennifer Lopez noch irgendwie sexy war und nicht die Verkörperung eines männerfressenden Hausdrachens mit Riesenhintern und Klunkersucht. Das Geschäftsmodell namens Backstreet Boys war bereits am Ablaufdatum angekommen, setzte sich aber immerhin noch nicht aus fettleibigen Alkoholikern zusammen. Na ja, zumindest waren sie noch nicht fettleibig. Es war eine Zeit, als die Welt noch wusste, wer Ronan Keating war, als Britney Spears solche heutzutage unvorstellbaren Dinge tat wie singen und tanzen, vor allem aber war es eine Zeit, als anständige Rockbands noch anständige Rockmusik machten. Na ja, zumindest empfand ich das so, und genau das sollte mein Ding werden. Und weil Apple die Welt von heute noch nicht erfunden und mit schlechten Akkus ausgestattet hatte und manche Songs mir wahnsinnig gut gefielen, stellte ich gerne mal ein Mikrofon an den Fernsehlautsprecher, um das Lied auf Kassette aufzunehmen. Wenn dann mitten im Lied meine Mutter ohne Vorwarnung mein Zimmer betrat und mit ihrem für sie typischen lauten Mundwerk grammatikalisch fragwürdige Dinge rief wie: »Sind das deine Socken, oder Papa seine?«, dann war meine böse ausfallende Reaktion so gerechtfertigt wie für sie unverständlich, weil sie natürlich nicht kapieren wollte, dass sie mir gerade die Aufnahme versaut hatte und ich jetzt den ganzen Tag weiter Musikfernsehen schauen musste, bis die Nummer noch mal gespielt wurde. Aber man war ja jung, und wenn man was hatte, dann war es Zeit.

Was man dagegen so gar nicht hatte, war Geld. Trotzdem hatte ich irgendwann genug Zaster zusammen, um meine allererste CD zu kaufen: »Americana«, ein Album der, na ja, Spaß-Punk-Kapelle The Offspring. Damals klangen die noch einigermaßen ruppig und nicht nach Bierzeltrock für abgehalfterte Jeansjackenopis, die ihrer Jugend nachheulen. Ironischerweise hatten die ihre große Zeit eigentlich, als ich die oben erwähnte Strereoanlage geschenkt bekam, vor lauter musikalischen Feuchtfürzen wie »What is love? Baby don't hurt me ...« und »Eins, zwei, Polizei, drei, vier, Kölner Bier« hatte ich das aber akustisch nicht mitbekommen. Außerdem war ich da wohl definitiv zu jung für Rockmusik gewesen und meine Eltern hätten sich allenfalls gefragt, was sie in der Erziehung falsch gemacht hatten. Aber 1999 war ja alles anders. Ich kam also mit der Platte nach Hause und klaute zu allererst ein CD-Radio aus dem elterlichen Schlafzimmer, weil die alte Stereoanlage sich vor lauter Nichtnutzung längst »kaputtgestanden« hatte, quasi nicht mehr existent war. Kurze Zeit später stand dann die komplette Familie wie zum Gruppenfoto versammelt in meinem Zimmer und bestaunte meinen Einkauf, als hätte ich den heiligen Gral erbeutet. War ja klar, dass der Sohn irgendwann doch noch anfangen würde, Musik zu hören, man hatte das ja gleich gewusst, der Junge sei ja inzwischen in der Pubertät, bla bla bla. Ich schmiss also die CD ein und ließ das erste Lied laufen. Das setzte ungefähr so ein: Gitarrengeschrammel ... »Faaaaaaaalling, I'm faaaaaaaalling ...«, begleitet von mehr Gitarrengeschrammel. Man stelle sich dazu eine Stimme vor, die klang, als kämpfe eine sehr, sehr wütende Katze mit einer rostigen Kreissäge und sei dabei, zu gewinnen. Die Reaktion meiner Mutter war entsprechend: »Um Gottes Willen!!!« Meine Schwester sagte so was wie: »Ach du Scheiße!« und mein Vater, fachkundig, wie er war: »Das ist doch so 'ne Rechtsradikalenrambazambamusik, wa'?« Ja Papa, das war so 'ne Rechtsradikalenrambazambamusik, ganz genau.

Das Verhältnis in Sachen Musik zwischen mir und meinen Eltern blieb weiterhin zerrüttet, und zwar bis zum heutigen Tag. Und mit jedem neuen »Krach«, der auf Silberscheibe Einzug in mein inzwischen von Bandpostern zugepflastertes Zimmer hielt, wuchs das Unverständnis, bis es irgendwann in Gleichgültigkeit umschlug. Einzig Kurt Cobain attestierte meine Mutter beim ersten Mithören »aber eine schöne Stimme«, was sie allerdings zum Refrain hin sofort wieder revidierte. Und derweil ich weiter vor mich hin pubertierte und mein Gehör mit jeder Menge Rockmusik nachhaltig ruinierte, fragte ich mich immer wieder mal ganz kurz, in welcher düsteren Ecke wohl die CD mit den Techno-Schlümpfen abgeblieben sein mochte. Gefunden habe ich sie bis heute nicht.

4 Gedanken zu “Das Schlumpftrauma

  1. Ich erinnere mich noch vage an einige 90s Eurodance Stücke, die frühe musikalische Berührungspunkte waren. Manche wie "No Limit" finde ich heute noch ernsthaft geil, die Mehrheit ist nur peinlich.

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      »No Limit«?! Das fandest du gut? Ich hätte das jetzt mit dem von mir genannten Murks in eine Schublade gesteckt, aber so unterschiedlich können Geschmäcker sein. Ich hätte eher gedacht, du wärst mit irgendwelchen Metal-Platten unterm Arm zur Welt gekommen.

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