Wespen! Wespen!

Gott schuf die Welt in sieben Tagen, so heißt es. Nachdem ihm am sechsten Tag die Hand ausgerutscht und der Mensch herausgekommen war, nutzte er den siebten Tag, um sich auszuruhen, XBox zu spielen, und sich über all die Perversitäten zu ärgern, die seine versehentliche Schöpfungskrone während der ihr gegeben Zeit so verzapfte: Kriege, Bausparverträge, die CSU und 'ne Menge anderen Blödsinn. Drum schuf er am achten Tag schließlich die Geißel der Menschheit: die Wespe.

Die Wespe ist das Arschloch unter den Insekten. Im Gegensatz zu ihrem achtbeinigen Mistviechkollegen, der Spinne, die zwar ihr Netz stets zielsicher dort hinstellt, wo man garantiert als nächstes hineinlaufen wird, die aber lediglich jenen Menschen besonders nah kommt, die ganz besonders viel Angst vor ihr haben, taucht die Wespe einfach überall auf, wo es was zu stechen gibt. Eingepackt in ihre auffällige schwarzgelbe Here-I-am-to-fuck-some-shit-up-Kluft wirkt sie zuerst einmal gar nicht sonderlich gefährlich. Was farbenfroh ist, das ist kindgerecht, so wird man schließlich sozialisiert. Blöd zum Ersten halt, dass die Tierwelt, was Farben angeht, da eine leicht andere Auffassung hat: je bunter, desto tödlicher nämlich. Wäre der Legostein quasi ein Tier, wir wären längst ausgestorben. Blöd zum Zweiten, dass auch heute immer noch Kinder mit der Biene Maja ruhiggestellt werden. Der leicht pummlige Heidiverschnitt mit Flügeln und ihr auf ewig in der Friendzone gefangener Sidekick mit dem Sprachfehler namens Willi flattern derart knuffig über die heimische Mattscheibe, dass man einfach so gar keine Angst vor Bienen haben kann. Womit wir bei blöd zum Dritten wären: Wespen sind keine Bienen, und Bienen sind auch gar nicht so schwarz-gelb, wie die Kinderserie es einem vorgaukelt. Die gemeine Biene ist eher so, hm, braun, während tatsächlich schwarz-gelb lediglich unbrauchbare Koalitionen und eben Wespen sind. Diese schmerzhafte Unterscheidunsglektion will erst einmal gemacht sein.

Und so kommt es, dass in meinen beiden schockierendsten Kindheitserinnerungen einmal Sexzeitschriften im Wohnzimmerzeitungsständer vorkommen und einmal, nun, Wespen. Als Dreikäsehoch versucht man ja noch irgendwie, alles zu Brei zu schlagen, was kleiner ist als man selbst - ein roter Faden, der sich bei mir übrigens bis heute durchzieht. Dazu gehörten an jenem schicksalhaften Tag auch zwei Wespen auf unserem Balkon. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen: Bewaffnet nur mit dem Mut eines Löwen und einer Fliegenklatsche wagte ich mich hinaus, um den gestreiften Lolek und Bolek - Watsch! - den Garaus zu machen, holte drum aus und - Zack! - schlug gehörig daneben. Majestätisch wie zwei dicke US-Kampfhubschrauber erhob sich das Duo Infernale in die Luft, hielt zielsicher auf meinen Fuß zu und - Zack! Zack! - ballerte zwei Hellfire-Raketen in Form schmerzhafter Stachel in meinen bemitleidenswerten Fuß. Das Geschrei hinterher war größer als meine ohnehin schon große Klappe, aber nicht halb so groß wie mein zu einem Globus angeschwollener Fuß.

Okay, nun mag man zumindest diesem Stechduett noch so was wie Selbstverteidigung attestieren, aber das ändert nichts am Grundproblem: Wespen - die Plage der westlichen Welt, auf die selbst Moses so nie gekommen wäre - wurden einzig und allein zu dem Zweck erschaffen, perfekte Grillabende und Kindergeburtstage im Sommer gehörig zu vermiesen. Frech wie Oskar hocken die kleinen Giftspritzen sich auf jedes noch so kleine Stück Essen und verharren selbst dann auf ihrer unrechtmäßig besetzten Mahlzeit, wenn eine Gabel das besagte Stück allmählich zum Mund führt. Bis zum bitteren Ende, mag die Wespe da denken, wobei das Ende schlimmstenfalls ein Luftröhrenschnitt ist, denn die Wildwestwespe weiß ziemlich genau, wer im Duell den Kürzeren zieht und sein blaues Gesichtsfarbenwunder erlebt.

Sätze wie »Schlag doch nicht so wild um dich, dann tun sie dir nichts« und »Die haben viel mehr Angst vor dir als du vor ihnen« bringen übrigens auch nichts, da die Wespe die Sprüche nicht kennt. Die Wespe, die Angst vor mir hat, ist außerdem zumindest mir bisher noch nicht begegnet. Im Gegenteil: Mit Wespenstacheln ist es nicht wie mit Karate, das man lernt, um es nicht anzuwenden. Wespen haben einen Stachel, um ihn sehr wohl zu benutzen. Im Gegensatz zum Gegenentwurf, der Biene, dem Nice Guy der Stecher, der für seine Nettig- wie Nützlichkeit gerade ein mysteriöses Massensterben durchmacht, während Bad Guy Wespe zur schönsten Jahreszeit Großstädte in der Bäckereiauslage gründet, können Wespen bekanntlich mehr als einmal zustechen, ohne hinterher den Stachel wie den Löffel abzugeben. Die Drecksbiester stechen nicht, weil sie es müssen, sondern weil sie es wollen.

Ja, es macht ihnen schlicht Spaß, beschissen zu sein. Sie sind das tierische Äquivalent zu den Schlägertypen, die den bemitleidenswerten Losern in der Schule das Pausenbrot abnehmen, um es ihnen hinterher mit der Butterseite nach oben in die Unterhose zu stopfen. Wespen haben keinen erkennbaren Nutzen in der Tierwelt. Sie liefern keinen Honig, sie fressen keine Reste, sie sind einzig da, um kleine Stücken Kuchen und Bratwurst mitzunehmen und Leute mit schmerzverzerrten Gesichtern zurückzulassen, die mit frischen Zwiebelhälften an sich herumrubbeln.

Zum nervigen Problem trägt auch bei, dass die gestreiften Kackbratzen kaum natürliche Feinde haben, abgesehen von der gerollten Sonntagszeitung und einem noch viel bedrohlicheren und eigentlich verwandten Insekt, dem Crocodile Dundee der Stechbiester, dem einzigen, das zur Wespe gehen und sagen kann: »Das ist doch kein Stachel. DAS ... ist ein Stachel!« - man ahnt es: die Hornisse. Die futtert zwar die Grillabendspaßverderber gern zum Frühstück, kommt aber in freier Wildbahn nicht sonderlich oft vor, weil der Mensch sie zum Dank für ihre Nützlichkeit nahezu ausgerottet hat. Andererseits vielleicht auch zum Glück, denn wir erinnern uns: Wer dreimal von einer Hornisse gestochen wird, der stirbt. Das ist zwar Blödsinn, aber ausprobieren will ich's auch nicht, sind Hornissen doch ungefähr so groß wie ein B52-Kampfbomber. Und so was als Plage ... brrrr! Bringen wir den Alten da oben zwischen XBox und Wegschauen mal lieber nicht auf dumme Gedanken.

2 Gedanken zu “Wespen! Wespen!

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