Was Hans nicht misst, misst Hänschen nimmermehr

Letztens lief auf Arte, der staatlich alimentierten Spielwiese für deutschfranzösische Kulturexperimente, dieser Sender, dessen einzige glanzvolle Leistung die Ausstrahlung der US-Serie »Breaking Bad« war und den man trotzdem zu mögen verpflichtet ist, weil man sonst ein Kulturbanause und ein Idiot sowieso ist, so was wie eine Doku, in der behauptet wurde, der, äh, Penis des Mannes (muss man heutzutage ja durchaus erwähnen) sei seit der letzten, ähm, tja, Vermessung (?) geschrumpft. Also nicht der eines einzelnen bemitleidenswerten Herren versteht sich, sondern so insgesamt, im Durchschnitt halt - und zwar sowohl der erigierte Phallus als auch sein demotiviert in der Gegend herumhängendes Pendant. Ob es dabei jetzt im Speziellen um französische oder deutsche Penisse ging, weiß ich nicht mehr, aber vermutlich ist die französische Flinte von Natur aus kleiner bemessen als die teutonische Tröte. Alles andere wäre ja auch eine Frechheit seitens unseres alten Erbfeindes, die einer Kriegserklärung gleichkäme, aber ach, lassen wir das.

In besagter Sendung wurden natürlich auch Experten zum Längenschwund im Lullerland befragt, was ja klar ist, denn immer dann, wenn eine These aus dem Urschleim menschlicher Hirnwindungen ans Tageslicht kriecht, sind selbsternannte Experten nicht weit. Diese schütteln freilich prompt ein, zwei gerade veröffentlichte Bücher zum Thema aus dem Ärmel, die einem zwar nicht mehr Wissen vermitteln als eine mit Blümchen bedruckte Rolle Klopapier, dafür kosten sie aber auch nur einen Zehner und taugen zumindest dazu, dass das heimische Bücherregal nicht nur mit Schneekugeln, bedruckten Bierkrügen und Fotos vom letzten Malle-Urlaub gefüllt werden kann, sondern auch mit Dingen, die einen Buchrücken haben. Was besagte Experten zum Besten gaben, weiß ich nicht mehr, weil meine Aufmerksamkeitsspanne erstens der einer Katze gleicht, die sich ins Bällebad bei McDonald's verirrt hat und zweitens mein unfassbar schwerer Daumen auf die Kanal-plus-Taste kam. Schade aber auch!

Und nun bin ich zwar zur Recherche fähig, schließlich habe ich irgendwann mal in klassischer Bachelor-Manier fertigstudiert, ohne auch nur ein Fachbuch gelesen zu haben und meine Diplomarbeit quasi aus umgestellten Wikipedia-Formulierungen zusammengestückelt, aber eine rasche Google-Suche zur mysteriösen Gliedschrumpfkur förderte lediglich besorgte (Noch-)Geschlechtsgenossen hervor, die beim zweiten Vermessen ihres besten Stücks offenbar auf der Zentimeterskala verrutscht sind und panisch Hilfe in natürlich von Penisexperten bevölkerten Internetforen gesucht haben. Oder in Kürze: Weshalb aus der prächtigen Fleischwurst, dem Fahnenmast für die Flagge brodelnder Männlichkeit allmählich eine Schrumpfnudel wird, müssen wir uns wohl selbst erarbeiten. Akademiker, der ich bin, habe ich einfach mal ein paar wahnsinnig seriöse Thesen aufgestellt. So here we go.

These 1: Der Penis ist als Bollwerk männlicher Potenz so überflüssig wie ein Kropf geworden. Mag in Urzeiten das Gehänge noch für überbordende Schöpfungskraft gestanden haben, so lässt sich heutzutage kein It-Girl dieser Welt abschleppen, indem der Werbende seine Hosen runterlässt und ihr den Schwengel vor die Nase hält. Das Vorrecht, externe Geschlechtsmerkmale in der Öffentlichkeit zu präsentieren, ist sowieso protestierenden Frauen vorbehalten, die zu viel Zeit haben. Ein Kerl, der seinen mit »Mindestlohn für alle« beschriebenen Zuchthengst in die nächste RTL-Kamera hält, wird dafür kaum Anerkennung ernten, sondern allenfalls für immer und ewig in den dunkelsten Keller des versifftesten Gefängnisses auf diesem Planeten gesperrt und dort mit einem lebenslangen Abo der EMMA bestraft. Nee, da muss es schon was Größeres sein, um im Survival-of-the-Fittest-Spielchen bei der Stange (haha) zu bleiben. Ein 3er BMW tut es hierzulande in gewissen Milieus schon, und soll's was Höherklassiges sein, dann holt man halt einen Aston Martin oder einen Ferrari zur Probefahrt aus dem Proletenautohaus. Muss die Dame, die man abschleppen will, ja nicht wissen, dass die Karre in ein paar Stunden wieder weg ist. Tja, und wo nicht mehr Hormone, sondern Pferdestärken und Ausstattung den Ton angeben, da verhält sich der kleine Hosengallier halt umgekehrt proportional zur evolutionären Entwicklung des Giraffenhalses, um ein letztes Mal den alten Darwin zu bemühen, bevor er einen langen Bart kriegt. Irgendwann ist das arme Schwänzlein dann so nützlich wie ein Blinddarm. Andererseits baut zumindest der Franzose Autos wie Renault und Citroën und fährt, ausgestattet mit Nationalstolz bis zum Bersten, damit auch noch selbst sein Baguette durch die Gegend, was meine These von der motorisierten Schwanzverlängerung durchaus entkräften mag.

These 2: Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Keine Ahnung, wie oft der Jugendliche von heute mit Hilfe des unendlich großen Pornoarchivs namens Internet im Schnitt so Hand anlegt, aber wenn von zwei bis dreimal wöchentlich die Rede ist, dann gehe ich mal davon aus, dass sich das »wöchentlich« auch durch »täglich« substituieren ließe, ohne dass eine Lüge draus würde. Früher, also so richtig früher meine ich, da wird das anders gewesen sein, nicht nur, weil das Bewegtbild noch nicht derart exzessiv zur Darstellung fleischlicher Freuden verwendet wurde, sondern vermutlich auch, weil Onanie dumm und blind machte, das Rückenmark zerstörte, und natürlich war nach tausend Schuss grundsätzlich Schluss. Und wenn der verängstigte Max den Papa nach derartigem Aufklärungsunterricht so beobachtete, dann fiel ihm wahrscheinlich schon ein wenig auf, dass der alte Herr immer so komisch krumm ging. Die Brille vom Alten hatte auch ganz schön dicke Gläser, und so richtige helle war der Papa, der Trigonometrie für einen römischen Gott hielt, auch nicht gerade. Da ließ man die Hände schön über der Bettdecke. Doch jetzt ist das alles anders. Der junge Mann von heute lässt grundsätzlich das Internet Wahrheit sprechen, bevor er all den Scheiß glaubt, den seine Alten so vom Stapel lassen. Und wo er schon mal drin ist, kann er auch gleich noch den Rest von »Vier Fäuste in Halle-Julia« zu Ende angucken und gepflegt die Palme schütteln. So viel Zeit für Recherche muss sein. Bei all dem Gehoble in jungen Jahren wird aus dem Pflänzchen dann eben keine stolze Eiche mehr. Andererseits dürfte das auch für die beteiligte Hand gelten, und Typen mit unterschiedlich großen Händen sind mir bisher noch nicht begegnet, womit These 2 also vor allem eines sein dürfte: großer Stuss.

These 3: Reality kills the porno star. Schließt sich nahtlos an These Nummer zwo an. Wessen sexuelle Früherziehung hauptsächlich darin besteht, die Vielfältigkeit amerikanischer Hochglanzpornoproduktionen zu studieren, der wird erschüttert sein, wenn er im Alter von vermutlich zirka sechzehn die erste richtige Freundin zum ersten Mal feierlich entblättert und feststellt, dass erstens ihre Brüste nicht aussehen wie auf den Torso geklebte Kokosnusshälften und zweitens an keiner ihrer Körperöffnungen ein »Open 24/7«-Schild baumelt. Wenn der pornoverseuchte Verstand eines pubertären Eroberers derart hart auf das Miststück namens Realität prallt, dann wäre es zumindest wenig verwunderlich, wenn das Schweizer Taschenmesser hinter der Boxershorts sich nicht mehr anschickte, zum Excalibur zu gedeihen. Quasi wie bei den »Twilight«-Filmen: Wer den ersten Teil gesehen hat, der wird sich kaum bemühen, auch dem zweiten seine Aufmerksamkeit zu schenken, wenn er sich stattdessen schöneren Dingen widmen kann, etwa dem Nachholen der Steuererklärung für die letzten fünf Jahre.

These 4: It's in the water! Wer kennt sie nicht, die Horrorgeschichte vom Trinkwasser, das eigentlich nur noch aus jenen synthetischen Hormonen besteht, welche »die Pille« schluckende Frauen beim Wasserlassen in den Kreislauf des Wassers überführen? Es grenzt schon an ein Wunder, dass man beim Duschen noch nass wird, statt von tausenden zu neuen Pillen zusammengeklebten Hormonbatzen erschlagen zu werden. Futtert ein Mann Östrogene wie Tortillachips, muss er sich nicht wundern, wenn er bald nicht nur singen kann wie Mariah Carey in ihren besten Tagen, sondern aus seiner Gurke ein saures Gürkchen wird, das am liebsten ganz abfallen würde, um irgendwohin zu ziehen, wo es schöner ist. Hormongeschwängertes Trinkwasser könnte die Erklärung für so Vieles sein, vor allem natürlich für die Verweichlichung der Männerschaft. Kerle, die man früher zu Weicheiern abgestempelt hätte, weil sie nicht ohne Haargel aus dem Haus gehen, einen begehbaren Schuhschrank besitzen und immer mindestens zwei Ersatz-Labellos in der mitgeführten Tasche gebunkert haben, schmückt man heute mit dem Prädikat »metrosexuell« - besonders wertvoll. Ganz schlimm sind die armen Schweine, die freiwillig in der »Friendzone« versauern, bis sie grau oder kahl werden und am Ende ihrer Tage ganz schief gehen, weil sich zeitlebens dauernd irgendeine Frau an ihrer weichen Schulter ausheulte, die an allem interessiert war, aber gewiss nicht an ihnen. Doch mag das östrogenverseuchte Wasser nun schuld an der gesellschaftlichen Kastration des Mannes und der laut Arte voranschreitenden Miniaturisierung seines mobilen Bohrturms sein oder nicht, wer sich derart verweichlicht gibt, als sei er selbst ein Penis mit chronischer Erektionsstörung, der hat es auch nicht besser verdient, als dass ihm der Pfefferstreuer abfällt. Punkt!

These 5: Die Geschichte des Gliedes ist eine Geschichte voller Messfehler. Sehen wir's, wie es ist: Auch wenn Arte und Konsorten durch staatlich erzwungene Schröpfung eines jeden, der ein Dach über dem Kopf hat, sein Überleben gesichert hat, bis die Erde dereinst von der Sonne zu einem Häufchen Asche verbrannt wird, geht es am Ende des Tages wie bei diversen Boulevardmedien doch nur um eines: Aufmerksamkeit. Und womit erhascht man die am besten, wenn nicht mit einer Mär vom dahinsiechenden Lustlöffel? Eben. Hat die aufgestellte Behauptung überhaupt irgendwer von der Redaktion mal geprüft? Klar, wie auch? Dass etwa die genormte Kondomgröße falsch ist, weiß man ja schon länger. Logisch eigentlich, wenn der Durchschnittskerl angibt, seine Wumme misse mindestens fundundzwanzig Zentimeter und sei dick wie der Stamm eines ausgewachsenen Spitzahorn, dann sollte man das nicht wörtlich nehmen und das durchschnittliche Verhüterli eher so zwo Finger breit und nicht übermäßig lang konzipieren. Kleiner Tipp: Es müssen keine zehn Liter Wasser reinpassen. Vielleicht hat man also beim ersten Messvorgang, als die Welt noch in Prüderie ersoff, höflich nachgefragt und nun, wo eh jeder dauernd die Hosen runterlässt und die USA auch noch dabei zuschauen, tatsächlich mal nachgemessen. Klar, dass da kleinere oder, ähm, größere Unterschiede zu Tage kommen. Oder sagen wir es so: Die im Spiegel sichtbaren Objekte sind eben kleiner, als sie scheinen. Vielleicht hat man aber auch einfach einmal im Sommer und einmal im Winter nachgemessen. Bei minus zehn Grad reckt schließlich niemand gern den Hals in die Kälte hinaus.

So, Schluss, aus. Weshalb jetzt dieser blöde Text, der mindestens zehn Minuten an kostbarer Zeit mit Pillermannbezeichnungen aller Art verschwendet hat, mag der Leser mit Niveau und natürlich regelmäßiger Arte-Gucker vom Dienst sich fragen. Die Antwort ist so komplex wie vielschichtig: Erstens bringt die sprachlich möglichst vielfältige Erwähnung des kleinen Lendenprinzen ganz ordentliche Klickzahlen, und zweitens gibt es, Experte, der ich nun bin, demnächst für einen Zehner mein neues Buch zum Thema: »Weshalb Mann im Swinger-Club die Hosen oben lassen sollte, wenn die Heizung ausgefallen ist« (Arbeitstitel). Bis dahin viel Spaß beim Nachmessen.

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