Shades of Brown

Ich sitze auf dem Klo und ... kacke. Scheiße noch mal, was soll ich auch groß drum herum reden? Legt man einem großen Haufen einen Blumenkranz aufs dampfende Haupt, wird nicht plötzlich eine wohlgeformte Hula-Tänzerin draus. Ich habe noch nie viel davon gehalten, um den heißen Brei herumzureden, oder in diesem Fall um den heißen, wohlgeformten Stuhl. Das heißt, mit wohlgeformt hat das ganze Geschäft hier eigentlich nichts zu tun, denn ich hatte Mittagessen im kleinen asiatischen Restaurant um die Ecke. Dort ist man immer freundlich, immer bemüht, die Portionen sind ach so riesig, die Preissteigerungen moderat, das Glutamat mundet ganz wunderbar, und weil mir die Schärfe des Dargebotenen meistens nicht reicht, lege ich noch ordentlich nach. Wofür sonst stehen da diese kleinen Gläschen mit dem roten Zeug auf jedem Tisch? Tischschmuck gäbe es ja wohl besseren.

Teufel noch mal, brennt das! Man weiß es zwar vorher, aber was interessiert es mich, während es oben so gut schmeckend reingeht, was später mal hinten wieder rauskommt? Wäre das Batmobil ein Lebewesen, es würde, wenn jemand auf die Nachbrennertaste drückt, ähnlich dreinschauen wie ich, der ich gemartert auf dem Lokus hocke.

Aber bei allem Brennen, es ist doch so herrlich ruhig hier. Es gibt nicht viele Orte auf der Welt, die so ruhig sind. Bei Waldspaziergängen etwa nerven die Vögel, und ist es doch mal ruhig, dann rennt man früher oder später in ein Spinnennetz. Zumindest ich schlage dann wild um mich und keife, als hätte jemand meine Testikel zwischen zwei Backsteinen zerquetscht. Bei Kamelen macht man das, hab ich mal gehört, wirklich: Die armen Tiere werden an den Wassertrog gelockt, und während sie sich nichtsahnend erfrischen, befördert der Kamelzüchter ihre wehrlosen Fortpflanzungsmitbringsel in den siebten Kamelhimmel. Den Gedanken, ob das etwas über das traurige Leben eines Kamels aussagt oder über die Perversion des Menschen, habe ich bisher nie zu Ende gedacht. Und auch nicht, ob es Dromedaren wohl genauso ergeht. Aber hier, jetzt und hier, wäre doch ein guter Ort fürs Nachdenken, wo es gerade so schön ruhig ist. Nur im Sarg kann es stiller sein. Oder vielleicht in einer Bibliothek, wenn mal niemand da ist, der sich dauernd räuspern muss oder der nie gelernt hat, leise umzublättern. Diese Leute, die ihren Finger befeuchten, bevor sie penetrant laut umblättern, ich hasse sie! Die schlürfen auch laut Suppe, beißen mit hundert Dezibel in einen Apfel und zünden Katzenbabys an. Ich möchte die Spucke dieser Menschen nicht an meinen Fingern haben, wenn ich ein Buch lese! Und nehme mir deshalb jedes Mal vor, öffentlich ausliegende Bücher nur noch mit ungewaschenen Fingern zu lesen, einfach aus Rachegelüsten. Ha!

Doch immer mit der Ruhe ... Jetzt würde ich ja gern was lesen. Hab aber mein Buch vergessen und unterhaltsam bedrucktes Klopapier hat irgendwie selbst anno 2014 noch niemand erfunden. Dabei wären manche Machwerke prädestiniert dafür: »Shades of Grey« beispielsweise. Die Bücher sind eh für den Arsch. Zeitungen gibt es hier auch nicht, weil ich keine lese. Diese unsäglich großen Druckerzeugnisse, die laut rascheln, die man nicht gescheit halten kann, ohne dass einem beide Arme einschlafen, man seinen Nebensitzer ärgert oder man hässliche Knicke ins Papier macht - oder alles drei gleichzeitig. Wer hat diesen Mist, der allenfalls als Unterlage für schmutzige Handwerker taugt, überhaupt erfunden?

Nun, aller Ärger hilft ja nichts, ich sitze schließlich hier und habe lediglich nichts zu lesen, es gibt also nichts, über das ich mich aufregen bräuchte. Alles gut. Nur Stille. Glückseligkeit. Ich starre auf den Fußboden und versuche, das Brennen an meinem verlängerten Rücken zu ignorieren, das sich anfühlt, als würde mir jemand einen glühenden Speer in den Allerwertesten treiben. Gibt ja Schlimmeres. Man denke an die Kamele.

Manchmal wünsche ich mir in diesen Momenten der Ruhe, die Sonne würde in dieses Badezimmer hineinscheinen, um den Augenblick perfekt zu machen. Ein göttlicher Strahl, der mich in warmes Licht hüllt, den Schmerzschweiß auf meiner Stirn funkeln lässt wie kleine Diamanten, während ich dem natürlichsten aller Bedürfnisse nachgehe. Stattdessen sind die meisten Bäder in Städten fensterlos - wie auch dieses. Wie dumm ist das eigentlich? Man kann nicht lüften, und hat man während eines Geschäftes wie meinem Gäste im Haus, dann muss man hoffen, dass nach einem niemand zur Toilette möchte. Was würden die denn bitte denken, wenn ihnen beim Betreten des Bades eine Welle aus bestialischem Gestank entgegenschlägt, gefolgt von unkontrollierten Würgereizen? Peinlich! Badezimmer mit Fenstern sollten ein Grundrecht sein, jawohl! Ins Grundgesetz gehört das: »Artikel 1 (4): An Badezimmern mit Fenstern soll es niemandem mangeln.« Klingt jetzt eher nach Bibel, obwohl ich den Wälzer - auch ideal fürs Klopapier eigentlich - nie in der Hand hatte, aber immerhin klingt es vernünftig. Stattdessen sind Leute wie ich verpflichtet, ihre Hinterlassenschaften mit Raumspray zu übertünchen. Als würde das Verteilen künstlicher Fliederaromen irgendwas besser machen. Das ist so, als würde man sagen: »Hey, falls du jetzt echt ins Bad gehst, also da stinkt es erbärmlich nach Scheiße, aber mach dir keine Sorgen, ich hab den Mief mit Kunstfliederaroma veredelt, sodass du gar nichts merken wirst.« Bullshit ist das!

Aber darin sind wir eben besonders gut, wir Menschen: im Übertünchen, im Verneinen, im Verweigern, im Wegschauen. Nicht aber im Wegriechen, dabei wäre die Welt, wäre all das genau umgekehrt, doch so viel besser. Alle Probleme wären längst gelöst, weil jeder sich um den anderen kümmern würde, und entfleuchte doch mal jemandem ein frecher Wind, dann röche jeder brav weg. Röche, auch so ein Wort. Wer hat sich diese blöden Konjunktive ausgedacht? Flieder drauf, echt!

»Was machst du denn da drin?«, höre ich meine Freundin vor der Tür rufen. Oder dahinter - alles eine Frage der Perspektive. Früher hatte sie noch gefragt: »Alles okay?« Voller Sorge, als hätte ich auf dem Porzellanthron einen Infarkt erlitten. Männer sterben ja bekanntlich früher, und man weiß schließlich nie. Heute fragt sie dagegen, was ich mache. Ja was? Dasselbe wie immer eben. Sie will nicht wahrhaben, dass ein Mensch aus Fleisch und Blut derart lange auf der Klobrille hocken kann. So als könne es einfach nicht stimmen, als würde ich in Wahrheit eine wilde Party mit Freunden und Flieder feiern und hätte sie nicht eingeladen.

»Na was denn, ich bin aufm Klo!«, rufe ich energisch im Tonfall der aufgeklärten Zweisamkeit, überzogen mit einer Zuckerglasur aus Liebe, zurück. Eine so laute Stimme in diesem bisher so stillen Zimmer. Fast befürchte ich, die Fliesen könnten vor Schreck erzittern und klappern. Vermutlich hallt meine Antwort diese komische, nicht funktionierende Automatiklüftung hinauf, sodass die Bewohner über uns nun auch wissen, was ich treibe. Aber die NSA weiß ja eh alles. Miese Schweine! Dreckssystem!

»Aha«, sagt meine Freundin und zieht von dannen. Aha - nur ein Wort und doch ein Universum des Wertens. Ich höre ihre besockten Füße übers Laminat schleichen, dann geht die Wohnzimmertür zu. Ich bin wieder allein. Allein mit mir. Und der Stille. Wo war ich? Ach ja, die Welt, und wie viel besser sie doch sein könnte, wenn manches umgekehrt wäre. Ein so greifbarer und doch so ferner Gedanke. Manchmal denke ich, herrschte überall Frieden, dann gäbe es nur noch mehr Menschen als jetzt. Wir müssten noch mehr Tiere töten und essen, noch mehr Wälder roden und Ackerbau zu betreiben, noch mehr Schindluder mit diesen ekligen Genen treiben, die jetzt schon überall drin sind, und am Ende würden nur noch mehr Menschen verhungern. Und dann wäre die Welt wieder schlecht. Schlecht, schwarz und voller Blut, voller verhungerter Menschen und voller Gene.

Ich seufze. Und als wäre das ein Zeichen, huscht ein Silberfischchen über den Fußboden. Kruzifix, denke ich, ich hab doch erst gestern gewischt! Wieder einmal fällt mir auf, dass es immer nur ein Silberfischchen pro Badezimmer zu geben scheint. Knallharte Revierpolitik ist das. Vielleicht sind die Silberfische aber auch einfach nur gern allein im Bad. Vielleicht geht es ihnen da wie mir. Ich schaue dem kleinen, über die Fugen zwischen den Bodenfliesen huschenden Tier zu, als es plötzlich innehält. Vielleicht fragt es sich, weshalb ich es so anstarre, vielleicht hat es aber auch gar keine Augen, kein Gehirn, nicht mal etwas Vergleichbares und kann sich schlicht nichts fragen. Vielleicht fühlt es sich jetzt gerade wahnsinnig groß, wo es ja ganz allein auf weiter Flur ist und über den Fußboden huschen kann, wie es ihm beliebt. Vielleicht fühlt es sich aber auch ganz klein und einsam. Denn es ist doch so winzig, so winzig, wie auch ich, obwohl ich zumindest im Augenblick der König des Porzellanthrons bin. Mein ganzes Leben ist nicht einmal ein Wimpernschlag in der Geschichte des Universums. Dass ich jetzt hier sitze, ist im Kontext von Raum und Zeit gar nicht wahrnehmbar. Irgendwann werde ich verschwunden sein, es wird sein, als hätte es mich nie gegeben. Nichts bleibt zurück, nichts von dem, was ich je getan habe und noch tun werde, sofern nicht wirklich gleich einen Infarkt erleide. Und das, wo es doch im Moment so essenziell ist, dass ich hier sitze. Mir fällt »Dust In The Wind« von Kansas ein. »I close my eyes, only for a moment, and the moment's gone.« Da könnte man schon verzweifeln, wenn man drüber nachdenkt. In hundert Jahren wird die Welt mehr über den Anfang und das Ende des Universums wissen als über mich. Und der Anfang war ein Nichts, während ich ein Jemand bin. Das muss man sich mal vorstellen, obwohl da ja schon der größte Fehler beginnt: sich das vorstellen, das Nichts, so als wäre es ein Etwas. Ach ... »Duuuuust in the wind ...«

Jetzt fällt auch mir auf, dass ich zu singen begonnen habe. Ganz leise nur. Als ich noch allein lebte, sang ich voller Inbrunst. Mir doch egal, ob die Nachbarn zuhörten. Im Badezimmer singt jeder begnadet, textsicher oder nicht.

Mir fällt Kollege Silberfisch wieder ein. Wir sind ja irgendwie zwei Buddys, wir beide, so richtig dicke. Ich denke, ich sollte ihn Jochen nennen. Ich schaue mich um, doch er ist verschwunden. Einfach weg. »All we are is dust in the wind. Oh, ho, hooooo ...«

»Singst du da jetzt auch noch?«, höre ich meine Freundin aus dem Flur rufen. Sind das eigentlich alles immer nur rhetorische Fragen? Wer sollte denn sonst hier singen? Jochen etwa? Weiber, denke ich und schüttle ganz machomäßig den Kopf, während ich zwei Blatt vom Klopapierhalter löse und sorgsam falte. »Komm mal langsam raus da!«, setzt sie nach. Das Misstrauen in ihrer Stimme trieft durch die Türritzen wie ranziges Frittenfett. Sie denkt noch immer, ich würde hier eine Feier schmeißen, und nur die besten DJs legten auf, und die Nebelmaschinen schössen Fliederaroma durch den Raum. Schössen, auch so'n ... ach, lassen wir das.

Ich stehe auf, begutachte den Unfall in der Schüssel für einen Moment, »Shades of Brown«, denke ich, dann drücke ich auf die Spülung und greife zur Bürste. Mein Universum der Ruhe endet im satten Rauschen des herabstürzenden Spülwassers. Ein umgekehrter Urknall, der Moment, in dem aus dem Nichts ein Etwas wurde, und fast spüre ich so etwas wie Bedauern. Jochen würde mich verstehen, denke ich.

»Komme ja schon«, rufe ich prophylaktisch, während ich die fensterlose Kammer der schweifenden Gedanken mit künstlichem Fliederaroma verpeste. Flieder ... Warum eigentlich Flieder und nicht Banane?

2 Gedanken zu “Shades of Brown

  1. Dieter

    Würde Dich für den Literatur-Nobelpreis vorschlagen. So wie Du schreibst. Mit so einer Leichtigkeit! Freue mich jedesmal auf Deine originellen Beiträge!
    Mit freundlichem Gruß - Dieter

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Danke für die Blumen! Für den Nobelpreis sind meine Texte vermutlich zu sehr für den Arsch - in diesem Fall zumindest. Spaß beiseite: Über Lob und Kritik freu ich mich selbstverständlich. Und darüber, dass tatsächlich auch mal jemand hier reinliest, noch viel mehr. Du darfst mich natürlich gern weiterempfehlen, so ist's ja nicht. 😉

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