Schatz, lass mal nach Urlaub gucken

»Schatz, lass mal nach Urlaub gucken«, sagt meine Freundin, als wir gerade reglos auf dem Sofa herumlümmeln wie zwei Eidechsen, die sich auf einem Stein sonnen.

Ich heb den Kopf und schaue sie ungläubig an. Allein diese Bewegung erzeugt Niagarafälle an Schweiß, die über meine Stirn rinnen, um elegant an den Augenbrauen vorbeizuzirkeln und im Auge zu brennen wie frischer Morgenurin.

»Urlaub?«, frage ich sicherheitshalber. Sie nickt. »Du meinst ...«, ich werfe einen Blick aufs Thermometer, das knappe 28 Grad Wohlfühltemperatur im Wohnzimmer anzeigt und inzwischen dabei ist, sich zusammenzufalten wie eine von Dalís Uhren, »... irgendwohin, wo's warm ist? Was mit ... viel Sonne?« Ich frage das nur vorsichtshalber, schließlich fühlt sich die Boxershorts an meinem Hintern inzwischen an, als hätte ich mir gebrauchte Teebeutel in die Hose gehängt.

»Nee, muss nix mit Sonne sein«, sagt meine Freundin. »Kann ja auch irgendwas im Norden sein. Hauptsache ein bisschen raus. Mal was anderes als immer zu Hause sein.«

Das ist ja wieder typisch, denk ich. Da gibt man tausende Euros aus, um aus dem Wohnzimmer ein Ersatzkino zu machen, definiert den Begriff »Comfort Zone« neu, indem man das schwerste Polstermobiliar des Planeten bei IKEA aus dem obersten Regal wuchtet, dann drei Tage mit dem Aufbau verbringt, davon einen mit dem Übersetzen der Anleitung und einen mit dem Reklamieren der fehlenden Teile, und dann heißt es plötzlich, Hauptsache ein bisschen raus und mal was anderes als zu Hause. Wozu hat der Mensch das Hausen in Höhlen, schließlich sogar das Aufstellen wuchtiger Anbauwände voller Kristallglas und Porzellanfiguren aus Omas Erbmasse überwunden, und so das Wohnzimmer nahezu perfektioniert, wenn es am Ende doch nur heißt, Hauptsache ein bisschen raus und mal was anderes als zu Hause? Dann hätt's statt einer teuren Couch auch ein Bierkasten als Sitzmöbel getan.

Aber vielleicht hat sie ja Recht, meine Freundin. Für gewöhnlich hat sie das, denn das hält den Haussegen im Lot. Man lebt nur einmal und soll bekanntlich was draus machen. Wenn ich da an meine Eltern denke: Die wollten immer mal nach Ägypten fahren und die Pyramiden angucken. »Machen wir dann später mal«, sagten sie jedes Mal und kauften sich am Ende vom Erspartem doch nur 'ne neue Luxuskaffeemaschine mit nutzlosen Funktionen wie einer selbstreinigenden Brühgruppe, die einem an schlechten Tagen auch noch »No Milk Today« vorsingt. Heute sähe so ein Ägyptenurlaub mit meinen Eltern wohl so aus:

Mama: »Was ist denn das da für'n kleiner Tempel?«

Ich: »Das ist ein kaputter Leopard-II-Panzer. Den haben die von uns.«

Papa: »Und wo sind jetzt die Pyramiden?«

Ich: »Weggebombt. Ach so, und heb nicht den Fuß hoch. Du stehst auf 'ner Landmine. Hab per App schon den Notruf angefunkt. Die bringen uns aus der Wüste.«

Papa: »Ah, da kommen sie ja schon.«

Ich: »Wo? Ach du meinst die, die da angerast kommen? Die Bärtigen? Nee, das ist Al-Qaida. Die bringen uns eher in die Wüste und hacken uns die Rübe runter.«

Mal im Ernst, das will man in seiner Pauschalreise ja auch nicht drin haben. Auch wenn All-Inclusive da gerade zum Schnäppchenpreis zu haben sein sollte: Lieber höre ich als letzte Worte »Pass auf, der Bus!« als irgendwas wie »Allah ist groß!« in einer Sprache, die klingt, als hätten alle Vokale sich erfolgreich vorbeigeschlichen, um in den Westen zu flüchten.

Apropos Westen: Drüben bei Uncle Sam muss es auch nicht besser sein. Floridas Alligatoren hätte ich mir zwar schon gern mal aus der Nähe angeguckt, aber heutzutage muss man ja Angst haben, da auch nur aus dem Flugzeug zu steigen. Einmal was Falsches getwittert wie »Reise in die #USA: Bombenspaß bei #Obama!!11!«, schon gibt's die Spezialbehandlung für europäische Freunde: Tagelange Fragerunden im fensterlosen Wohnklo, und hey, sind das nicht Blutspritzer da an der Wand? Zum Einschlafen gibt's Videos von der arschwackelnden Miley Cyrus bei 200 Dezibel. Und wenn man am Ende unter Tränen immer noch versichert, noch nie was von diesem Aiman az-Zawahiri gehört zu haben, ja der einzige bekannte Aiman sei der, der diese eine Verdummungssendung »Galileo« auf ProSieben moderiere, und das sei ja wohl Terror genug, ja gerade, wenn man denkt, schlimmer kann es nicht mehr kommen, dann schlendert der nächste Kollege pfeifend zur Tür rein, in der Hand ein Hanfseil, ein durchnässtes Handtuch und 'ne randvolle Gießkanne. Waterboarding, das lernt man spätestens in der folgenden Fragerunde, ist eben doch keine Fun-Sportart, auch wenn sie das bei »Galileo« behauptet haben.

»Schatz, wie wäre es mit Ägypten?«, frage ich also, während ich über die Angebote bei reise.com scrolle. Reise.com - der Anbieter mit dem dämlichsten Werbespruch seit dem Spot für Vagisan Feuchtcreme: »Wenn ich reise ... (Pause) ... ist es weise ... (noch mal Pause, tief durchatmen) ... buche ich auf reise.com.« Wer bei dem Spot auch nach dem zehnten Ansehen nicht wutentbrannt vom Sofa aufspringt, der sollte dringend darüber nachdenken, das Ritalin abzusetzen. Mir stellen sich ja zwei Fragen. Erstens: Warum????? Zweitens: Wenn reise.com es schafft, die Marketingabteilung ausschließlich mit Pavianen zu besetzen, weshalb müssen andere Unternehmen dann Unsummen fürs Marketing ausgeben?

»Ägypten? Aber da ist es doch noch heißer als hier«, wirft meine Freundin ein. Berechtigterweise, denke ich, wo ich mich doch gerade frage, ob da eben eine riesige Kakerlake über meinen Rücken gelaufen ist, oder ob nur der dickste Schweißtropfen aller Zeiten zwischen meinen Arschbacken verschwunden ist. Bah! »Außerdem ist da Krieg«, schießt sie hinter.

»Es ist überall Krieg«, erwidere ich. Ist doch so! Willst du in ein friedliches Land mit Anstand und Ordnung reisen, sagen wir, nach Nordkorea beispielsweise, dann musst du Angst haben, dass während des Überflugs eines Kriegsgebiets die vollbesetzte Boeing für einen Eurofighter gehalten und vom Himmel geballert wird. Das ist schlimm, sehr sogar. Vor allem aber hinkt auch die Argumentationskette der Angreifer. Wenn ich behaupte, Kate Moss gesehen zu haben, obwohl jeder weiß, es war Beth Ditto, dann stellt sich für alle Beteiligten automatisch die Frage, ob ich einfach einen Knick in der Optik oder schlicht nicht mehr alle Steine auf der Schleuder habe. Schlimm, schlimm. Und dann stellt sich auch noch so'n Putin da hin und behauptet, die anderen seien's gewesen. Hab ich früher auch immer gemacht, nachdem ich eine Scheibe eingeschmissen hatte und beim Wegrennen erwischt wurde. Nee, da wollen wir nicht drüberfliegen.

»Na dann lass uns doch in den Süden reisen«, schlägt meine Freundin vor. »Wie wäre es mit Italien?«

»Nix da. Da ist die Mafia«, sage ich. »Hast du mal den Film Gomorrha gesehen? In Italien hockst du nichtsahnend auf dem Klo, und dann bohrt plötzlich von unten einer 'ne Knarre in deinen Hintern und drückt ab, weil er dich mit dem Enkel von Don Gillette verwechselt hat!«

Meine Freundin rollt mit den Augen. »Und was ist mit der Schweiz? Schweiz ist doch schön.«

»Da können wir auch gleich nach Gütersloh fahren«, sag ich. »Abgelehnt! Is' nich'!«

»Dänemark?«

»Nope. Alles voller LEGO da. In Dänemark läufst du einmal ohne Schuhe herum, schon müssen sie dir einen Satz Hobbit-Figuren operativ aus dem Fuß entfernen.«

»Schweden?«

Ich schüttle den Kopf. »Billy und Benno stehen nebenan, auf Ektorp sitzen wir drauf, ansonsten gibt’s in Schweden an Kultur nur noch die Villa Kunterbunt, und wenn du die sehen willst, können wir auch 'ne Woche Besuch bei meinen Eltern ankündigen.«

»Ja meine Fresse«, schimpft meine Freundin und springt auf, »dann sag doch gleich, dass du nicht in den Urlaub fahren willst. Geh ich halt jetzt auf den Balkon!« Sie verschwindet um die Ecke und kehrt kurz darauf mit Handfeger und Schippe zurück, die sie energisch vor sich herträgt wie ein römischer Legionär Speer und Schild. »Da kann ich wenigstens das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden und das Laub runtersammeln, das da schon seit letztem Herbst liegt.«

Find ich auch, denke ich. Warum nicht gleich so? Ich klappe das Notebook zu und lehne mich wieder entspannt zurück. Urlaub ist schon was Feines.

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