Das Brillendilemma

Das BrillendilemmaDas Brilletragen kann einem gehörig auf die Nerven gehen. Hin und wieder stehe ich morgens an der Bushaltestelle, starre mit verkniffenen Augen auf die dort angebrachte Uhr und wenn die Zeiger sich partout nicht scharf stellen wollen, merke ich, dass ich meine Brille auf dem Nachttisch liegen lassen habe. Kann einem das Ding nicht einfach überallhin folgen, wie es die Katze tut? Wenn es darum geht, die Ersatzaugen zu suchen und sie schließlich an den unmöglichsten Stellen zu finden, klappt es ja auch schon ganz gut, was das Imitieren unseres Stubentigers angeht. Nicht, dass ich sie je dorthin gelegt hätte, nee nee, die wandert schon von ganz allein durch die Gegend und versteckt sich. Einfach, um mich zu ärgern. Ähnlich wie die Butter im Kühlschrank mit ihrem Tarnschild, den nur Frauenaugen durchblicken können.

Dann ist da diese Sache mit den Krümeln. Ich nehme also die Brille aus dem Etui, wische mit dem Mikrofasertuch über die Gläser und setze sie auf. Es dauert keine zwei Minuten, dann macht sich der erste seltsam unscharfe Fleck in meinem Sichtfeld bemerkbar. Ich nehme die Brille ab und betrachte die Gläser, die aussehen, als hätte jemand einen Miniaturstaubsaugerbeutel auf ihnen entleert. Dabei habe ich sie gerade eben erst geputzt. Was soll das? Wo kommt das Zeug her? Ist mein Kopf eine dieser Schneekugeln, die man Leuten schenkt, an die man zufällig am Abreisetag im Souvenirgeschäft noch gedacht hat? Und nicht, dass ich diese Nanokekskrümel einfach von den Brillengläsern wischen könnte, oh nein, die verschmieren natürlich ganz gerne auch noch, sodass inzwischen ein nicht ganz unbeträchtlicher Teil meines Tagesablaufs daraus besteht, zwei kleine, geschwungene Gläser zu polieren. Auftragen, polieren. Auftragen, polieren ... Mister Miyagi fände das vielleicht toll, aber für mich ist diese Putzerei fast noch unbefriedigender als das Abspülen von Geschirrbergen: Gerade ist man fertig mit dem Abwasch, wobei man trotz angeblich pH-neutralem Spülmittel die Haut an den Händen nachhaltig geschädigt hat, dann dreht man sich einmal kurz weg, schon stehen mindestens vier schmutzige Teller sowie drei Töpfe mit angebranntem Boden da, lachen fies und drohen damit, unangenehm zu müffeln, wenn man sich nicht umgehend an die Reinigung macht. Das! Ist! Ätzend!

Ich weiß, ich jammere auf hohem Niveau. Früher wogen Brillen fünf Kilogramm, weil die Gläser Vollmantelgeschosse abwehren konnten und die Rahmen aus Kruppstahl waren. Heute sind die Gläser nicht mal mehr aus Glas, angeblich schmutzabweisend, aus dem Gestell ohne messbares Eigengewicht lassen sich bei Bedarf lustige Luftballontiere knoten, ohne dass was kaputt geht, und würde ich die Anleitung lesen (was ich als Mann natürlich niemals tue), erführe ich bestimmt, dass so eine Brille auch ganz passabel Schach spielt. Trotzdem: Es nervt! Und klar, natürlich könnte ich mir Kontaktlinsen in die Augen drücken, wäre da nicht meine Panik davor, mit den Fingern auf der Hornhaut herumzufuhrwerken. Ich habe zwei Horrorvorstellungen: Die erste ist, von einer Kobra gebissen zu werden (Ich träume das. Ständig!), die zweite ist eine Kontaktlinse, die wegen meiner linken Hände hinters Auge rutscht, immer weiter, bis sie genüsslich den Sehnerv vom Augapfel schält. Brrr, natürlich ist das Blödsinn ... also vermutlich. Gruselgeschichten wie die Giftspinnen, die sich nachts unter der Haut alter Leute einnisten, um dort ihre Brut zu verstauen, was natürlich immer tödlich für den unfreiwilligen Vermieter endet. Alles ausgedacht, schon klar. Aber Tote erzählen keine Geschichten. Wer weiß also, wie viel grusliges Zeug abseits urbaner Horrormärchen tatsächlich passiert? Zu mörderischen Kontaktlinsen ist mir keine urbane Legende bekannt, was im Umkehrschluss die Wahrscheinlichkeit, dass so was hier und da mal passiert, signifikant erhöht. Ähhh ...

Immerhin bleibt noch der modische Faktor, nicht wahr? Brillen sind ja heutzutage weniger Sehhilfe als viel mehr Accessoire. Der modebewusste Proband trägt gerne mal eine Brille, obwohl er gar keine benötigt. Albern finde ich das nicht. Albern wird es erst, wenn die Fashion Victims von Welt anfangen, auch Hörgeräte, Rollstühle und künstliche Darmausgänge eher so als Accessoire zu betrachten. Theoretisch gibt es nämlich nichts, das sich nicht mit Swarovski-Steinchen veredeln ließe. Aber gut, manchen Menschen steht eine Brille auch wirklich ausgesprochen gut. Macht was her, unterstreicht den Typ. Diese Menschen gibt es, die dann gleich nach mehr aussehen. Und dann gibt es Menschen wie mich: Ich sehe mit Brille im Prinzip aus wie ich mit Brille.

Insgesamt eigentlich genug Gründe, auf das Tagsichtgerät zu verzichten und ein Leben als Maulwurf zu fristen. (Auftragen, polieren ...) Wäre da nicht eine Sache, ein so positiver Aspekt, dass er all die negativen Punkte doppelt und dreifach wieder aufwiegt. Denn endlich ... endlich sehe ich genauso klug aus wie ich bin!

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