Möge der Böller mit euch sein

Möge der Böller mit euch sein (http://pixabay.com)Ah, das Jahresende ist da. Bald wird es wieder laut, dann fliegen die Raketen, fliegen die Böller, fliegen die Finger, und am Ende des Tages liegt man sich entweder in den Armen oder in der Notaufnahme. Silvester – an keinem anderen Tag im Jahr schafft es polnische Wertarbeit derart in die Wahrnehmung der Öffentlichkeit. Der Polenböller, ein Exportschlager, das von gepresstem Klopapier umwickelte, mit Schießpulver gefüllte Äquivalent zum Mercedes Benz. So was gibt es nur am letzten Tag des Jahres.

Silvester ist ja eh ein Fest der Gegensätze. Wir freuen uns, dass endlich ein neues Jahr beginnt, versaufen aber gerne derart den Beginn, dass das frische Jahr genauso verkatert startet, wie das alte aufgehört hat. Vielleicht wollen wir ja einfach nur vergessen, schließlich wurde wieder nichts richtig fertig im alten Jahr. Was wollten wir nicht alles gemacht haben? Das Wohnzimmer streichen oder die Kinder aus dem Testament, den Partner fürs Leben finden oder wenigstens mal den eigenen Kopf. Nichts hat geklappt, und schon wieder ist ein Jahr rum. Wir blicken zurück auf das, was wir gepackt haben und sehen ... nichts. Wieder ein Jahr Lebenserwartung im Büro wegmalocht und dabei nicht mal die Hälfte der aufgelaufenen Mails abgearbeitet, geschweige denn gelesen. Und nicht, dass wir sonst was bewegt hätten. Die Welt, die blöde Sau, hat sich weitergedreht, einfach so, ohne unser Zutun. Nie wird einem bewusster, dass man dieses abgearbeitete Nichts noch höher stapeln kann als Scheiße, als am Silvesterabend, während einem der Geruch von Schießpulver in die Nase und der Sekt zu Kopf steigt. Da kann man schon mal melancholisch werden. Und besoffen.

Überhaupt Sekt: Das ist auch so ein Gesöff. Alle stehen sie da mit ihrem Gläschen, stoßen an und reichen die Pulle rum, als gäbe es nichts Besseres unter der Sonne. Ich für meinen Teil versuche ja immer, das Zeug geschickt um die Geschmacksknospen auf der Zunge herumzuzirkeln, und wenn keiner guckt, kippe ich den Rest entweder ins Becken oder vergesse mein Sektglas ganz zufällig auf irgendeinem Beistelltisch. Hups, weg isses. Mensch, der Rotkäppchen-Sekt war aber auch wieder lecker! Gibt es überhaupt irgendjemanden da draußen, dem Sekt schmeckt? Ist wahrscheinlich wie mit Tomatensaft, den man ja auch nur im Flugzeug trinkt, weil ... ja weil halt. Oder mit Popcorn, das man auch nur im Kino isst, weil zerkleinerter und karamellisierter Bauschaum außerhalb von Filmvorführsälen einfach nicht sonderlich bekömmlich ist und eine Darm-OP nach sich zieht. Na ja, einige Dinge werde ich wohl nie verstehen.

So wie das mit manchen Vorsätzen. Es ist doch jedes Jahr dasselbe: Die Raucher hören auf zu rauchen, weil sie sich das vorgenommen haben. Bis sie dann ein paar Tage später auf die Waage steigen, weil die neue Jeans nicht mehr über den Hintern rutschen will. »Wenn ich aufhöre zu rauchen, nehm ich zu«, argumentieren sie hinterher und ziehen sich den nächsten Sargnagel rein. Dabei liegt das nicht an den Kippen, sondern an der Fresserei. Teer und Nikotin haben noch keinen dünn gemacht, sag ich immer, aber auf mich hört ja keiner. Und dann, nach Neujahr, ist auch das Fitnessstudio plötzlich wieder so voll, weil all die Sportmuffel, deren Bluthochdruck sich bereits warnend auf ihren roten Pausbäckchen abzeichnet, die Fitnessgutscheine, die sie zu Weihnachten bekommen haben, einlösen wollen oder müssen. »Lieber jetzt was für den Körper machen, bevor es zu spät ist«, ist dann gerne mal zu hören, und bei so manchem, der im Vorbeigehen die Sonne verdunkelt, fragt man sich schon, wie er »zu spät« eigentlich definiert. Wäre aber schön, wenn es klappt und der eine oder andere stark bleibt, statt dass zwei Wochen später nach Feierabend Kollege Schweinehund mit einem Hefeweizen oder einer Tasse Kakao und Schokoladenkeksen um die Ecke schlendert und man den Sport eben Sport sein lässt, weil irgendwo die neue Staffel »Game of Thrones« angelaufen ist. Aber gut, mir kann's ja wurscht sein, und abgesehen davon begrüße ich das von Jahr zu Jahr zunehmende Gesundheitsbewusstsein durchaus. Haben wir ja alle was von, was auch immer das sein mag. Denn dass von Jahr zu Jahr auch die Beiträge zur Krankenversicherung steigen, wird derweil wohl ein Geheimnis gut geföhnter Versicherungsmathematiker bleiben.

Aber ich will nicht unken. Auch ich werde mir natürlich wieder ein paar Vorsätze machen. Als vitaler Mensch braucht man ja schon irgendwie ein Projekt, ein bisschen Motivation, um auch die nächsten zwölf Monate wieder ohne Leberzirrhose zu überstehen. Muss ja nichts Großes sein. Mein Vorsatz wäre da beispielsweise einfach: Überleben. Kein Scherz. So ein Jahreswechsel wird ja auch immer ein bisschen begleitet von der Angst vor dem Neuen. Das kann alles sein: neue Blutwerte, neue Zellwucherung, neue Depression. Neu ist nicht immer besser, auch wenn die Industrie einem das gern so verkauft. Und wer weiß, was die uns kommendes Jahr wieder alles ins Essen mischen, um uns abzumurksen? Da hat es schon was Zynisches, wenn man trotzdem all die Unwägbarkeiten des Alltags meistert, kerngesund zwölf Monate am Stück übersteht und sich dann am letzten Tag des Jahres ausgerechnet die Onaniehand wegböllert. Tja, Freund Blase, mit besten Grüßen aus Warschau.

Aber Spaß beiseite. Passt auf euch auf, seid lieb zueinander, scheut euch aber auch nicht davor, den blöden Nachbarn mit der 5000-Watt-Anlage bei der Hausverwaltung anzuscheißen. Lasst die Finger von Drogen, vor allem aber von künstlichen Fingernägeln. Baut auch sonst keinen Mist, vor allem keine Homepages mit Comic Sans, und wenn dann endlich auch der Letzte von euch verstanden hat, dass man im Deutschen so gut wie niemals ein Apostroph benutzt, dann habt ihr einen kleinen Wahlberliner sehr glücklich gemacht. In diesem Sinne: Möge der Böller mit euch sein. Einen guten Rutsch und vorab schon mal ein frohes neues Jahr. Wir werden es öfter hören, als uns lieb sein kann.

2 Gedanken zu “Möge der Böller mit euch sein

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