Und am Ende brannten die Bücher

Und am Ende brannten die Bücher

Meine Güte, es gab nicht viele wirklich miese Schulfächer zu meiner Zeit, aber eines, das mir absolut gegen den Strich ging, war Russisch. Der Teufel weiß, was mich geritten hatte, dieses Kauderwelsch als zweite Fremdsprache zu wählen, klingt Russisch doch immer ein bisschen, als würde man eine einzige große Schimpftirade vom Stapel lassen. Ist doch so. Vielleicht ist ja der Putin in Wirklichkeit ein ganz und gar missverstandener, feinfühliger Mann, der seiner Omi regelmäßig Blumen bringt und der lediglich immer wieder über die Härte seiner eigenen Muttersprache stolpert und … nee, totaler Blödsinn! Jedenfalls wollte ich damals wahrscheinlich einfach nicht Französisch lernen, sieht doch ein französisch sprechender Mensch stets aus, als versuche er, einen Schmallippenfrosch vom anderen Ufer zu imitieren. Ja ja, ich hatte es nicht mit Vielem damals, aber wenn man bei mir die geistigen Schubladen öffnete, wurde man von einer Lawine aus Allerweltsvorurteilen überrollt. Und da sich manche Dinge ja nie ändern, machen wir weiter im Programm.

Die Krux am Russischlernen fängt beim Sprechen an. Wie, nicht das Alphabet?, mag der vielleicht kalligraphisch interessierte Leser jetzt denken, und ja, dazu komme ich noch, aber tatsächlich beginnt das Kuddelmuddel schon bei den ersten gesprochenen Worten. Ein russisches L beispielsweise erfordert, dass man versucht, den hinteren Teil seiner Zunge zu verschlucken, nur um die Verrenkung dann in einen akkuraten Laut umzulenken, der den Mund verlässt, ohne den Redner blau anlaufen zu lassen. Dann wäre da noch das X, das eigentlich kein X ist, sondern eher ein H. Aber auch das ist nur die halbe Wahrheit, weil es so was Sanftes wie ein H – weiß der Wodka, warum – im Russischen nicht gibt. Man gibt sich gerne hart, da ist kein Platz für Gehauchtes. Stattdessen spricht man das Ding also eher als »Chhh« aus, im Prinzip, als würde man jede Menge Spucke von, äh, ganz tief unten im Mund sammeln wollen, um sie seinem Vordermann in die Kapuze zu schleudern (alles erlebt, Freunde der Sonne, alles erlebt). Fügt man Wörter mit diesem Laut in seine erlernten Baukastensätze ein, klingt das in etwa, als würde ein Schweizer rückwärts reden. Tja, und die Königsdisziplin ist natürlich das pflichtgemäß mit der Zunge (nicht mit dem Gaumen) zu rollende R, was außerhalb Russlands niemand so meisterlich beherrscht wie Till Lindemann, die Latzhosen tragende Dampfwalze der Teutonenkombo Rammstein. Stundenlang lag ich abends im Bett und übte speichelsprühend diesen blöden Laut, der mir partout nicht gelingen wollte. Und dann, eines Morgens, flatterte er wie von Zauberhand so leichtfüßig von meiner Zunge wie ein unter Hochdruck freigesetzter frecher Wind, der sich seinen Weg durch die bebenden Gesäßbacken bahnt. Ein wahrlich erhabenes Gefühl! Also das mit der Zunge natürlich, nicht das andere!

Nun aber zum Alphabet, diesem erst mal absurd anmutenden Buchstabenwirrwarr, das einst ein Grieche namens Kyrill den Mannen und Frauen von der Wolga gebracht haben soll: Zumindest das kyrillische Alphabet ist gar nicht so schwer zu erlernen, wie man meinen könnte. Viele Buchstaben gibt es im Deutschen ja auch. Gut, manche tarnen sich als andere Buchstaben. So ist etwa ein deutsches R im Russischen ein P, während es das R zwar auch, aber nur gespiegelt gibt, was zudem als »ja« ausgesprochen wird. Ein C ist ein S, ein W ein B, und damit die Verwirrung für Zugereiste erst so richtig perfekt ist, hat der Russe nicht nur 26 Buchstaben in seinem Alphabet, sondern tischt gleich 33 derer auf. Aber wie gesagt, alles nicht so richtig schwer zu erlernen, wenn man nur will. Oder muss. Wie wir damals.

Unsere Russischlehrerin, die auch zugleich unsere Klassenlehrerin war, gab sich große Mühe, uns die Sprache mittels einfacher Situationsgespräche näher zu bringen. War leider wenig effizient. Im Gedächtnis geblieben ist mir davon eigentlich nur ein Verkaufsgespräch, sodass ich neben meinem Namen und meinem Alter heute in Russland lediglich einen einzigen Satz sagen könnte: »Ich möchte ein Tuch kaufen.« Wie weit man damit kommt, konnte ich mangels Reisefreude ins Domizil des Väterchen Frost nie herausfinden, aber ich denke, bis kurz vor Wolgograd würde ich damit schon irgendwie kommen.

Ansonsten habe ich mit Grausen das Übersetzen längerer, meist historischer Texte in Erinnerung behalten. Glücklicherweise waren zumindest wir Jungs damals bereits technisch derart versiert, dass wir ohne Probleme die entsprechenden Seiten des Russischbuches einscannen konnten, um hinterher eine Texterkennung drüberlaufen zu lassen und das Ganze dann in einen Online-Übersetzer zu schmeißen. Der halbdeutsche Wortsalat wurde vom Klassenbesten, dem Depp vom Dienst, also von mir, dann noch in eine ansprechende Form gebracht und das Ergebnis am nächsten Tag vor dem Unterricht an alle verteilt. Eine kleine logistische Meisterleistung für damalige Verhältnisse. Ein paar Jährchen später, am letzten Schultag, meine ich, steckten wir unserer Klassenlehrerin, was wir getan hatten, aber da sie uns russischen Wodka mitgebracht hatte, erinnere ich mich nicht mehr, wie sie darauf reagierte. Ist vielleicht auch besser so.

Trotz unserer technischen Superkräfte hassten wir diese blöden Russischbücher wie die Pest. Es waren lauter rot- und pausbäckige, schlecht gezeichnete Charaktere darin, die natürlich immer Olga, Tanja, Nadja, Pavel und Vladimir hießen, und die wohl davon ablenken sollten, dass die Lehrbücher von Kapitel zu Kapitel zu einem Sammelsurium von Geschichtstexten mutierten, in denen etwa eindringlich vor Wahnsinnigen wie Josef Stalin gewarnt wurde. Sonderlich interessant fanden wir das alles nicht, und so erinnere ich mich, dass ein Klassenkamerad aus Langeweile das gezeichnete Gesicht einer Lehrbuchprotagonistin feinsäuberlich mittels Radiergummi von der Seite tilgte, nur um hinterher den entstandenen weißen Fleck mit einer Totenkopffratze zu verzieren. Wir alle begutachteten das Ergebnis in der Pause und fanden es wahnsinnig lustig. Unsere Klassenlehrerin nicht so. »Das wirst du so wiederherstellen, wie es war!«, polterte sie. »Aber wie soll ich das denn machen?«, bekam sie vom verzweifelten Schüler zur Antwort, während wir anderen nur umso lauter brüllten. »Das ist mir scheißegal!«, setzte sie hinterher. Das war es, damit war die Sache für ihn gelaufen und für uns auch, denn wir hatten vor Lachen Bauchkrämpfe. Wer den Schaden nicht hat, hat eben einen guten Tag. Tja, und wenn es um den Zustand der Lehrbücher ging, legte man sich eben nicht mit unserer Klassenlehrerin an.

Womit ich auch beim traurigen Ende meiner kleinen Russischexkursion wäre. Nach fünf Jahren voller Tuchkäufe, Texte einscannen und scheußlicher Klausuren hatten wir alle derart die Schnauze voll, dass wir Russisch kollektiv abwählten. Unser Russischunterricht der frühen Nullerjahre war quasi das Äquivalent zur FDP von heute: aus und vorbei! Und weil wir den Befreiungsschlag so richtig zelebrieren wollten, trafen wir uns am Abend alle am Wasser, entfachten ein hübsches Lagerfeuer und ... verbrannten unsere Russischbücher. Unsere Lehrerin bemerkte einige Tage später, am letzten Tag des Schuljahres oder so: »Übrigens, ich bekomm noch ein paar Russischbücher zurück.« Betretenes Schweigen. Sie, deren schönstes Hobby es war, uns nicht nur den Irrsinn eines Stalin näherzubringen, sondern auch alles rund um die Nazischwachmaten, sie, deren Oberheiligstes ihre Schulbücher waren, hätte vermutlich wenig entspannt reagiert, wenn wir von unserer Bücherverbrennung erzählt hätten. Wir hatten uns an dem Abend nicht mal was Schlimmes dabei gedacht. Ratsch ratsch … wieder wanderten ein paar Seiten ins Feuer, stets unter johlendem Beifall. Streber und notorische Schwänzer Hand in Hand. Wären hinter uns Fackelträger in braunen Hemden aufmarschiert, musikalisch begleitet vom Königgrätzer Marsch, wir hätten uns wohl selbst dann nichts dabei gedacht, kackenblöd wie wir waren. Parallelen kannten wir halt nur aus der Mathematik.

Und da sieht man es wieder: Selbst etwas Harmloses wie Russischunterricht kann bei akuter Nachdenkverweigerung in einer kleinen Katastrophe enden. Frau M., falls Sie dies hier zufällig lesen: Es tut mir aufrichtig leid. Sollte ich je nach Russland reisen, bringe ich Ihnen ein Tuch mit.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du möchtest einen Kommentar hinterlassen, weißt aber nicht, was du schreiben sollst? Dann nutze doch den KOMMENTAROMAT! Ein Klick auf einen der Buttons unten trägt automatisch die gewählte Reaktion in das Kommentarfeld ein. Du musst nur noch die Pflichtfelder ausfüllen und den Kommentar abschicken. :)