Archive für das Jahr: 2015

Im AffenhausAuf der Suche nach einer Kerze (immer diese kreativen Weihnachtsgeschenke) waren meine Freundin und ich neulich – da muss ich tief durchatmen – im »Bikini Berlin«. Nicht, dass nebenan nicht auch ein Weihnachtsmarkt gewesen wäre, auf dem fünf fantastilliarden Sorten an Kerzen verkauft wurden, aber nee, irgendwie sagte uns das alles nicht zu. Wenn man schon Kerzen schenkt, dann richtig. Aber gut, zurück zum »Bikini«: Dabei handelt es sich nicht etwa um extragroße Damenbademode, die man betreten kann (obwohl man solche extravaganten Konstruktionen den Berliner Stadtplanern mit ihrem Stahlbetonfetisch ja durchaus zutraut), sondern um ein Einkaufszentrum. Na ja, oder um so etwas Ähnliches.

Genau genommen habe ich noch nicht verstanden, was das »Bikini« eigentlich genau sein möchte. Laut Webseite eine »Concept Mall«. Und damit fängt der Irrsinn auch schon an. Optisch schaut das Ding von innen aus wie das »Alexa« am Alexanderplatz von außen: grausig! Alles hat diese Warenlageratmosphäre: Die Decke voller Rohre und wirr verlaufender Kabelkonstruktionen, die Wände nicht verkleidet, also ziemlich genau so, wie der BER anno 2015. Überall stehen Kisten im Weg, von denen man eigentlich meinen möchte, jemand hätte sie beim Einräumen vergessen, aber dann sitzt eben doch schon wieder ein komisch anmutender Berliner drauf und schlürft sein Tässchen Was-auch-immer-mit-Biosojamilch. Geschäfte gibt es dort natürlich auch. Alles wirkt ein bisschen wie in »Mad Max«, nachdem da einmal feucht durchgewischt wurde: Zusammenimprovisierte Miniboutiquen aus Bretterzäunen, Baupaletten und Maschendraht zusammengefriemelt, und drinnen oder daneben steht eine gelangweilte Verkaufskraft, die sich aufgrund des mageren Warenangebots so wenig bewegen muss, dass man sie auch für eine Schaufensterpuppe halten könnte. Aber ich weiß schon, das muss so, das gehört zum Konzept.

Apropos Konzept: Das erschließt sich mir nämlich nicht wirklich. In den größeren Geschäften mit dekadent üppiger Verkaufsfläche stehen lediglich zwei, drei Tischlein, auf denen ... Dinge platziert wurden, die entweder Verkaufsartikel oder Deko sind oder beides. Meist sieht das, was da an potenzielle Kundschaft mit ausgeleiertem Geldbeutel vertickt werden soll, so aus, als hätte man zwei willkürliche Gegenstände in einen Teilchenbeschleuniger geschmissen, um sie kollidieren zu lassen und das verknäulte Ergebnis dann als Kunst auszugeben. Zumeist haben wir das nur vom Schaufenster aus festgestellt, weil wir uns nicht wirklich trauten, die Läden zu betreten, denn merke: Ein leeres Geschäft und ein gelangweilter Verkäufer bergen immer die Gefahr, dass man mit Beratungsgesprächen vollgeballert wird, sobald man auch nur einen Viertelfuß in den Laden setzt. Der Traum eines jeden, der lieber online bestellt.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Geschäfte ihr ach so individuelles Konzept schon am Namen herausstellen wollen, der dann auch so gar nichts darüber aussagt, was einem drinnen eigentlich angedreht wird. Das alles geht so weit, dass ich mich fast nicht traute, aufs Klo zu gehen, weil ich nicht sicher war, ob sich hinter der Tür mit den goldenen Lettern »WC« tatsächlich ein Lokus oder doch wieder nur ein Klamottenladen verbarg.

Aber wie gesagt, gehört eben alles zum Konzept. Man kann sich schließlich schlecht »Concept Mall« nennen, wenn dann hinter der Tür doch nur Kik und Lidl warten. Ich will das »Bikini« auch gar nicht zerreden, auch wenn das hier eventuell, also nur vielleicht, ein kleines bisschen so wirken könnte. Das Ding war brechend voll, auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass da irgendwer tatsächlich mal eine Lampe aus rostigem Stacheldraht und ein paar Glasscherben für tausend Euro kauft. Das Ding ist quasi der Gegenentwurf zu den Ikeas und H&Ms dieser Welt: Hier ist alles und jeder so fürchterlich individuell, dass man eigentlich nur dann auffällt, wenn man bei Ikea und H&M einkaufen geht. Alles ist so hip, hipster wird's definitiv nicht. Anders ausgedrückt: Wir sind einfach die falsche Klientel. Zu einfach, zu provinziell, zu Kassengestell. Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, in dem Salz und Pfeffer im Essen das höchste aller kulinarischen Gefühle waren. In einem solchen Shoppingtempel fühle ich mich wie Charlton Heston auf dem Planeten der Affen (die übrigens ihr Gehege – kein Witz – direkt nebenan haben), und das fasst für mich auch alles zusammen, was man darüber sagen kann.

Ach ja, Kerzen gab's dort übrigens keine.

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Am letzten Wochenende haben meine Freundin und ich "Der kleine Prinz" im Kino angeschaut. Zugegebenermaßen bin ich nur ihr zu Liebe ins Kino gegangen, weil ich mir von der Geschichte an und für sich nicht so richtig viel versprach. Das Büchlein habe ich nie gelesen, im Groben war mir die Geschichte aber bekannt. Nun, um es kurz zu machen: Der Kinobesuch hat sich gelohnt. Der Film gibt nicht einfach nur Antoine de Saint-Exupérys Geschichte wieder, sondern spinnt auch eine wirklich sehr schön gemachte Rahmenhandlung um die ursprüngliche Erzählung. Während die Buchpassagen wunderschön in Stop-Motion-Technik visualisiert wurden, ist der größte Teil des Films im Grunde ein gewöhnlicher Animationsfilm, wie ihn auch Pixar und Co. machen. Das mag nicht jedem älteren Semester gefallen, aber gerade Kinder, für die der Film ja - nicht nur, aber auch - gemacht wurde, werden daran natürlich Gefallen finden (ich übrigens auch).

Aber worum geht's? Ein kleines Mädchen soll auf eine besonders renommierte Schule gehen. Dafür hat die arbeitsame Helikoptermutter das komplette Leben des Kindes durchgeplant, wenn sie sonst schon keine Zeit für Erziehung hat. Jede Tagesaktivität läuft nach einem strengen Zeitplan ab, für Freunde oder Spaß bleibt auf dem Weg zur vermeintlichen Traumkarriere keine Zeit. Nachdem gleich zu Beginn des Films eine Bewerbung an der besagten Schule in die Hose geht, zieht die vaterlose Familie in ein neues Haus in einer übertrieben konformistisch gestalteten Eigenheimsiedlung, nah an der ersehnten Akademie gelegen. Das Haus war besonders günstig, weil direkt nebenan ein schrulliger alter Mann in einem schrägen Haus wohnt, der so gar nicht in die Ordnung liebende Nachbarschaft passen möchte. Kurz um: Natürlich lernt das Mädchen den alten Mann kennen, der sich schließlich als der Pilot aus "Der kleine Prinz" herausstellt. In der Folge wird dem Zuschauer nicht nur die zauberhafte titelgebende Geschichte näher gebracht, sondern er erfährt auch die Werte wahrer Freundschaft und was es bedeutet, ein Kind zu sein und dieses Kind sowie die Macht der Vorstellungskraft in sich zu bewahren.

Aber ach, der Trailer erzählt das besser als ich:

Wenn man den Film analysiert, lässt sich natürlich das eine oder andere Haar in der Suppe finden. Die Themen werden etwas plakativ angegangen, der Handlungsaufbau ist recht konventionell, und ob Til Schweiger als (glücklicherweise nicht omnipräsenter) Synchronsprecher wirklich sein musste, darüber kann man streiten. Darüber konnte ich insgesamt sehr gut hinwegsehen. Denn sehr erstaunt hat mich doch, wie gut die eigentliche Geschichte um den kleinen Prinzen in ein stets aktuelles Setting eingebettet wurde. Gerade der Kontrast macht sehr deutlich, dass auch die originale Erzählung nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat. Und während wir den Film schauten, umringt von mampfenden und tuschelnden Kindern (vor allem das Mädchen hinter uns, das den Film offenbar schon gesehen hatte und ständig die im nächsten Moment gesprochenen Sätze vorplapperte ... Grrr!), erwischte ich mich doch selbst immer wieder mal dabei, wie ich Stationen meines bisherigen Lebens Revue passieren ließ.

Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie es damals war, als ich so allmählich mit der Schule fertig wurde. Karriere wollte ich machen, auf jeden Fall hoch hinaus. Wie genau, das wusste ich damals auch noch nicht, aber dass es sein musste, das war klar. Wurde mir ja auch so vorgelebt. Meine Eltern wollten immer, dass ich's mal besser habe. Wenn sie selbst es schon nie aus dem Proletarierdasein herausgeschafft hatten, so sollten doch ihre Kinder das erreichen, was ihnen verwehrt blieb. Das ewige Projektionsthema der Eltern auf ihre Kinder eben. Ich dachte damals allen Ernstes, ich könnte nach der Schule mein altes Leben einfach abstreifen wie eine abgetragene Jacke, mich in den Anzug schmeißen und Businesskasper spielen.

Hat glücklicherweise nie geklappt, und darüber bin ich sehr froh. Mir war mein Leben, meine Hobbys, der Kontakt zu Menschen, die mir etwas bedeuten, immer wichtiger, als ganze Tage schwer schuftend im Büro zu verbringen und nur noch zum Schlafen nach Hause zu gehen. In meinem Umfeld beobachte ich so was leider allzu oft, und ich möchte dann immer schreien, dass Arbeit doch wohl nicht alles im Leben ist. Ich habe das Kind in mir bewahrt, und das lebe ich auch aus. Böse Zungen könnten natürlich behaupten, ich würde damit kompensieren, dass ich noch immer keine eigenen Kinder habe, und vielleicht ist da auch was dran, aber das ist mir eigentlich sehr egal. Ich habe auch lange gebraucht, um herauszufinden, was es eigentlich bedeutet, jemanden wirklich zu lieben, diesen jemand festzuhalten, wieder loszulassen und zu wissen, dieser jemand kommt auch wieder zurück. In dieser oberflächlichen Höher-schneller-weiter-Zeit, in der jeder immer nur dabei ist, sich selbst weiter zu optimieren, kann man das schon mal verlernen, glaub ich. Oder vielleicht auch nie gelernt haben. Und das ist schade, entgeht einem dadurch doch so viel Schönes.

Es ist nicht immer ganz leicht, sich stets all dieser Lebensinhalte abseits des Strebens nach Geld und Konsum bewusst zu sein, aber es ist wichtig, es sich immer wieder bewusst zu machen, wenn man mal abdriftet. Das waren so Gedanken, die mir während des Films und danach durch den Kopf gingen. Ist also durchaus nicht nur für Kinder gemacht, denn die wissen es wahrscheinlich sowieso noch viel besser als wie Erwachsenen. Erwachsen wird man von allein, am Kindbleiben muss man arbeiten.

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Der Arzt sagt, ich muss auf meine Blutfettwerte achten. Zwar bin ich nicht dick und bewege mich genug, aber meinem Blut ist das offenbar egal: Alles voller ekligem Cholesterin, sodass ich jetzt erstens komische Tabletten nehmen muss, die beim Herauslösen aus der unpraktischen Packung jedes Mal durchs halbe Badezimmer fliegen wie weiße Riesenflöhe. Zweitens muss ich mehr auf meine Ernährung achten. Mein Blut hält es offenbar für eine gute Idee, die Arterien ordentlich verkalken zu lassen. Man weiß schließlich nie, wofür man so eine richtig schöne Verkalkung mal gebrauchen kann. Hat sich die Natur wirklich ganz fein ausgedacht, das mit dem Kalk. Bei den einen kommt er aus den Leitungen, die anderen haben ihn in den Leitungen. Nun, bevor meine Gefäße irgendwann dickwandig wie Gartenschläuche werden und so verstopft wie das Klo nach dem Herunterspülen einer kompletten Packung Jumbo-Tampons, tu ich halt was. Kann ja nicht so schwer sein, so 'ne Ernährungsumstellung, oder? ODER?

Ist ja prinzipiell eine gesunde Herangehensweise, die Sache sportlich zu nehmen. Hey, ich kann was tun, also packen wir's an! Das macht auch wirklich erst mal Spaß, sich darüber Gedanken zu machen, was man vielleicht lieber nicht essen sollte, was auch bisher vermutlich gar nicht so gesund war und wie man künftig leben möchte. Ja, das macht Spaß ... bis du vor einer schönen, großen Käsepizza sitzt ... die dem vor dir sitzenden Kollegen gehört ... weil zwischen dir und der Pizza nur ein Schälchen Rucolasalat auf dich und deinen gelangweilten Gaumen wartet, der in einer Tour "Töte mich! Das Leben hat doch keinen Sinn mehr!" zu schreien scheint.

Gut, auf Pizza, Burger und Lasagne ließe sich noch einigermaßen verzichten. Das Zeug schmeckt zwar lecker, aber abgesehen davon, dass nichts davon auch nur annähernd gesund ist, überredet es ja auch den Bauch nur allzu gern zur Anschaffung zusätzlicher Rettungsringe. Aber schon mal versucht, auf Nudeln zu verzichten? Nudeln! Wenn das Leben überhaupt einen definierbaren Sinn hat, dann fängt der mit "N" an und hört mit "udeln" auf! So viele schöne Erinnerungen verbinde ich mit Nudeln. Gut die ähneln sich allesamt und beschränken sich darauf, dass ich meinen Teller leergegessen habe, aber trotzdem sind es schöne Erinnerungen. Und jetzt? Alles weg? Keine Nudeln mehr? Ich habe letztens versucht, alternativ eben mal glutenfreie Nudeln zu essen. Seither habe ich ganz, ganz großes Mitleid mit Menschen, die eine Glutenunverträglichkeit plagt. Glutenfreie Nudeln ... meine Fresse! Wie heißt ein Mensch, der absolut keinen Spaß im Leben akzeptiert? Dschihadist. Rasiere einem solchen den Bart ab, dann bleibt quasi eine glutenfreie Nudel übrig: eine Nudel, der alles fehlt, was eine Nudel ausmacht. So schlimm schmecken die Dinger, echt jetzt! Drum ein Hoch auf Vollkornnudeln. Würdest du in einem italienischen Restaurant nach Vollkornnudeln fragen, dann käme zwar vermutlich der Koch aus der Küche gestürmt, um dich mit einem extra in Gluten gebadeten Backblech zu vermöbeln, aber hey, irgendeinen Tod muss man schließlich sterben.

Und so geht es weiter und weiter. Das Einkaufen ist ein wahrer Spießrutenlauf. Käse, Wurst? Alles Mist, aber hey, wie wäre es denn mit den gammeligen Radieschen dahinten? Cremiger Joghurt? Ach wozu, es gibt doch auch den nahezu fettfreien, der wie püriertes Styropor schmeckt. Schlagsahne? Schlag's dir aus dem Kopf! Geht es nach den Ernährungsempfehlungen, darf ich eigentlich nur noch Dinge essen, die auf Wiesen wachsen, und Körnerfutter. Am besten, ich klebe mir ein Euter an den Bauch und stelle mich auf die Weide. Da falle ich jetzt auch nicht mehr auf.

Aber am schlimmsten ist doch die Sache mit dem Kaffee. Der enthält zwar kein Cholesterin, ist aber wohl dennoch wenig förderlich für die Blutfettwerte. Zumindest, wenn man dem Internet glaubt, und wie jeder weiß, lügt das Internet nie. Bisher hab ich ja ganz gern mal das eine oder andere Tässchen Kaffee getrunken, wenn die Tasse gerade leer war. Also im Prinzip war es eher schwer, einen Zeitpunkt zu finden, an dem ich keinen Kaffee trank. Während des Schlafens vielleicht und unter der Dusche. Aber auch nur, weil meine Kaffeebecher keinen Deckel haben. Tja, und jetzt? Jetzt trinke ich Tee. Tee, das ist wie Kaffee, nur ohne Spaß, ohne richtiges Aroma, ohne Leben in der Tasse. Seit dem Ende der Entzugserscheinungen gleite ich zwar entspannt durch den Tag wie nie zuvor, aber gerade bei all der inneren Ruhe wird mir bewusst: So richtig schön ist das alles nicht. Da möchte man sich manchmal doch am liebsten mit einer Überdosis fettiger Salamipizzen selbst ins Jenseits befördern. Andererseits: Wenn's dabei dann doch gerade so gut schmeckt ... Ach.

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Um dich her, da sitzen Leute,
jeder tut, was er so tut.
Am Monatsende, »fette« Beute
für die Arbeit. Für dein Blut.

Bis hierher! Du möchtest schreien:
Fickt euch doch und euren Mist!
Du willst dich aus dem Schlund befreien,
der dich täglich mehr zerfrisst.

Schaust du dir mal in die Augen?
Siehst im Spiegel dich aus Glas.
Erkennst du, wie die Jahre saugen?
Stück für Stück beißt du ins Gras.

Wär's nicht leicht, jetzt fortzugehen?
Führt der Weg doch durch die Tür.
Bevor du losgehst, bleibst du stehen.
»Erst mal sehen.« – Nur wofür?

Deine Zeit hört auf zu geben,
da sie auch mal nehmen muss.
Doch c'est la vie, du gibst dem Leben
einen schweren Sehnsuchtskuss.

Tust, was immer du schon tatest,
Weil's auch jeder and're tut.
Du würdest gerne, doch du wartest:
»Wird mal besser, wird mal gut.«

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Bärte machen keine MännerIch schrieb einst einen Text über Bärte. Über Männer mit Bärten, um genau zu sein. So ganz trennscharf ist das spätestens seit Künstlerinnen mit selbstgewähltem Nachnamen eines Fleischerzeugnisses ja auch nicht mehr. Ich war und bin der Ansicht, dass es das Recht eines jeden Mannes sein sollte, sein Antlitz mit Haar zu schmücken, vor allem dann, wenn er das Pech hat, auszusehen, als sei er in Kindertagen mit dem Gesicht in einen hochschnellenden Spaten gerannt. Nicht umsonst tragen männliche Superhelden so gut wie nie Bärte: Sie haben ein Kinn. Ein richtiges Männerkinn. Ein Kinn, so ausgeprägt, dass sie damit problemlos gefrorenen Boden umpflügen könnten. Nicht-Superhelden wie ich sind da anders gebaut: Mein Kinn sieht eher aus, als hätte der Unterkiefer mal Prügel vom Oberkiefer bezogen und sich seither tief in den Schatten zurückgezogen. Das kann man schon so zur Schau tragen. Kann man machen, ja, aber dann sieht’s halt scheiße aus. Drum einfach was drüberwachsen lassen, und fertig ist die Laube.

Zusammengefasst war ich bisher also für Männer mit Bärten. Ja ganz ehrlich, ich war total dafür, einen Trend draus zu machen. Dooferweise wurde dann ... ein Trend draus. Tja, und jetzt laufen sie überall herum, diese Männer mit Bärten. Aber nicht nur mit Schnauzbärten, Kinnbärten oder extravaganten Backenbärten. Nein, Vollbärte müssen es sein. Die ganze Stadt ist voll von diesen Typen. Ich weiß nie, stehe ich einem Hipster gegenüber, einem Salafisten auf Urlaub oder doch nur einem entlaufenen Alpaka. Manchmal komme ich mir vor wie auf dem Waldmond Endor, umgeben von zu groß geratenen Ewoks mit tätowierten Unterarmen. Argh, überall diese Bärte, und ich gebe zu, ja, sie regen mich auf! Ein Haar in der Suppe stört mich nicht, aber wenn man schon dran ersticken kann, schwillt mir doch der Kamm.

Als ich klein war, gab es das nicht. Da trugen eher so Leute wie einer der Wildecker Herzbuben einen Vollbart. Und das war okay. Der hätte ohne Bart wahrscheinlich einfach nur noch dicker ausgesehen. Oder man hätte ihn mit seinem Herzbubenbruder verwechselt, was jetzt auch keine Katastrophe gewesen wäre. Ansonsten trugen in meiner Kindheit genau drei Männer Vollbart. Aufsteigend geordnet nach ihrer Wichtigkeit waren das: Gott, der Weihnachtsmann und Bud Spencer. Das war eine sichere Bank, das musste so sein. Einen Weihnachtsmann ohne Vollbart hätte ja kein Mensch ins Haus gelassen. »Ein dicker, glatt rasierter Kerl mit rotweißen Klamotten und 'nem großen Sack über der Schulter? Ein Perverser! Ruft die Bullen!« Nein, so ein Vollbart vermittelte einfach auch Sicherheit und Seriosität. Bud Spencer mit seinem Bart aus Bürstendraht beispielsweise: Da konnte man immer sicher sein, dass er den Bösen ziemlich seriös eins aufs Maul gibt.

Ja, damals war die Welt eben noch in Ordnung. Niemand sonst ließ sich so das Gesicht zuwuchern. Väter, die trugen damals beispielsweise lieber Schnauzbärte. Ob von dominanten Ehefrauen verordnet oder einfach im Schatten des wandelnden Brusthaarpanzers Tom Selleck, das weiß ich nicht, aber es war halt so. Mein Vater trug einen dicken, dichten, schwarzen Schnauzbart, in dem man locker ein paar mittelgroße Zootiere hätte verstecken können. Der sah damit immer ein bisschen aus wie Josef Stalin, nur in weniger böse. Doch einen Vollbart hätte der sich nie stehen lassen, obwohl er es gekonnt hätte.

Nun, ich könnte das zwar auch so irgendwie, auch wenn das Ergebnis vermutlich löchrig wäre und eher einem viel zu lange gereiften Schweizer Käse gleichen würde. Aber das Hauptproblem wäre wohl eher, dass ich eben nicht sonderlich groß bin. Was das mit Vollbärten zu tun hat? Nun, mit Vollbart sähe ich aus wie ein verirrter Gartenzwerg auf der Suche nach seiner Mütze. Das ist jetzt nicht unbedingt, was man mit so einem Bart suggerieren will: Männlichkeit natürlich!

Und vielleicht hasse ich sie ja deswegen so, die vielen schlacksigen Typen, die in ihren Birkenstocksandalen durch Berlin schlurfen, das wallende Haar zu einem Hipster-Dutt zusammengeknödelt, die teure Markensonnenbrille auch an schattigen Tagen in der U-Bahn auf der gepeelten Nase, und unterhalb selbiger natürlich der kilometerlange schamponierte und gute geölte Naturhaarteppich: Ich kann da nicht mitmachen, weil meine Freundin mich erstens so wohl mit einem Schlafsack und 'nem Laib Brot in den Keller sperren würde und weil ich zweitens eben, wie gesagt, einfach unfassbar albern aussähe.

Aber ganz ehrlich, viel weniger albern wirken diese Fellfetischisten in derart rauen Mengen auch nicht mehr: zwei Augen, die aus einem Gewühl von Haaren ragen und sich hinter 'ner Sonnenbrille verstecken? Gab es seinerzeit, als das Fernsehen noch schwarzweiß war, bei der Addams Family schon: Vetter It hieß der haarige Zeitgenosse, der stets klang wie ein schimpfendes Eichhörnchen mit Heliumsucht. Sogar den bei Hipstern beliebten Hut trug It bereits. Herzlichen Glückwunsch also, liebe Hipster: Ihr seid nun modisch definitiv in der Addams Family angekommen.

Nein, also wenn ich genauer drüber nachdenke, wird mir die Sache doch zu haarig. Genervt bin ich von der Allgegenwärtigkeit zugewucherter Männergesichter trotzdem. Und spätestens, wenn mir einer dieser BRÖSELBESENANBETER DAS HACKFRESSENSCHAMHAAR NÄCHSTENS IN DER ÜBERFÜLLTEN U-BAHN INS GESICHT DRÜCKT, SKALPIERE ICH IHM SELBIGES OHNE BETÄUBUNG!!! Aber ich rege mich nicht auf. Drum, für den sozialen Frieden in meinem näheren Umfeld und allgemeines Ungenervtsein, und weil das nach dem letzten Barttext auch so prima geklappt hat, versuche ich es einfach noch mal ganz nett und ohne Haarspalterei: Liebe Leute ... können wir uns nicht einfach auf ’nen Dreitagebart einigen? Das wär sehr lieb, danke schön!

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Es wohnt ein Monster an der Spree,
macht (re)publik
wohl Politik.
Spielt Spiele, die ich nicht versteh,
von Geld und Krieg
und Markt und Sieg.

Weil Monsters Säen Wellen macht,
verbricht sein Wind
ein totes Kind
und tote Mütter - schwarze Nacht!
Weil Leichen blind
und freudlos sind

zieh'n Lebende vor uns're Tür,
aus Monsters Brand
verheertem Land.
Mit krummem Rücken steh'n sie hier
zur kahlen Wand
mit leerer Hand.

Der Kleingeist flucht, das Monster schreit:
»Die Welle rollt
nicht wie gesollt!
Wir sind für euch hier nicht bereit!
Noch nicht mal zollt
ihr Schwarzrotgold!«

Wer Wind erst sät, der erntet Sturm.
Der Kluge weiß
um diesen Preis
für Kriegsspiel aus dem Herrscherturm.
Ein ewig' Kreis,
des Monsters Scheiß!

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Freundin und ich haben ein neues Projekt. Wir bauen ein Haus, bzw. eher, wir lassen bauen. Vor einigen Wochen bereits haben wir ein kleines Baublog eröffnet, auf dem sich allerdings noch nicht allzu viel getan hat, abgesehen davon, dass sich überraschenderweise bereits erste künftige Nachbarn vorgestellt haben.

Wie wir auf die Idee gekommen sind, habe ich im ersten Post dort bereits ein wenig erläutert. Im Prinzip ist es aber einfach so: Wenn man hier eine wirklich schöne Mietwohnung haben möchte, dann muss man mindestens 1200 Euro monatlich auf den Tisch legen. 1200. Euro. Miete. In Berlin, einer Stadt mit hoher Arbeitslosigkeit, mit vergleichsweise geringem Durchschnittseinkommen. Und selbst wenn man eine derart teure Wohnung findet, muss man bei der Besichtigung dem jeweiligen Vermieter dermaßen tief in den Arsch kriechen, dass man ihm hinterher erzählen kann, welche seiner Backenzähne Löcher haben. Das geht so nicht, echt. Mach ich nicht mehr mit, so was.

Tja, deswegen ziehen wir nun eben in die eigenen vier Wände. Das heißt, nicht »nun«, sondern irgendwann spät im nächsten Jahr. Und natürlich hoffe ich, dass alles glatt geht und man uns nicht in wenigen Jahren wahlweise bei »Raus aus den Schulden« oder »Nachbarschaftsstreit« in der Glotze zu sehen bekommt. Falls doch, treten wir dann hinterher noch bei »Goodbye Deutschland« auf. Irgendwas geht ja immer.

Sollte es also künftig weiterhin etwas ruhiger hier sein, kann das entweder daran liegen, dass ich keine Lust zum Bloggen habe, oder aber ich bin dabei, zähneknirschend die ersten Rechnungen zu bezahlen. Und sollte ich nach dem Einzug nichts mehr von mir hören lassen, habe ich wahlweise die Gartenarbeit nicht überlebt, oder ich liege auf der Dachterrasse und sonne meine Zehen.

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Der Sommer ist vorbei, ich bin fühle mich wieder agiler (ohne es zu sein), und genauso geht es auch unserer Katze. Ihre Wohlfühltemperaturschwelle liegt bei ungefähr 27 Grad. Sobald es im Wohnzimmer wärmer wird, liegt sie auf dem Teppich herum wie ein eingelaufener Bettvorleger. Wird es wieder kühler, dann ist es, als würde jemand einen Schalter in dem Tierchen umlegen: Sie wetzt durch die Bude wie ein tasmanischer Teufel – oder wenigstens wie der von den »Looney Tunes« – und dekoriert ihre Lichtgeschwindigkeitsspurts gern mit den seltsamsten Lauten.

Besonders gern macht sie das übrigens, wenn ich zu Hause bin. Ist nur meine Freundin da, macht die Katze der Bezeichnung Schmusetiger alle Ehre. Da wird auch mal den ganzen Tag über auf der Couch gepennt. Sobald aber ich dazukomme, scheint sie nichts lieber zu tun, als ... mich zu ärgern. Als hätte sie zwei Liter Kaffee getrunken. Sie macht das nicht boshaft oder so. Sie beißt ja nicht, bzw. nur dann, wenn man mal versucht, ihren Bauch zu streicheln, wenn sie gerade so gar keine Lust darauf hat (was zu 90 Prozent der Fall zu sein scheint): Dann klappt sie zusammen wie eine Bärenfalle, krallt sich fest, beißt und tritt. Na ja, wie das wahrscheinlich fast alle Katzen gern tun.

Aber dieses Ärgern ... Dahinter steckt Methode, und das Vieh ist verdammt gerissen, wenn es darum geht, neue Wege zu finden, wie sie mich auf die Palme bringen kann. Am liebsten stolziert sie zum Fernseher hinüber, stellt sich dann auf die Hinterpfoten und wischt mit den Vorderpfoten über den Bildschirm wie ein putzwütiges Erdmännchen. Was erst mal sehr putzig aussieht, nervt, wenn man gerade einen Film schauen möchte. Störe ich mich mal nicht an ihren Bildschirmwischaktionen, hat die Katze eine Steigerungsstufe entwickelt: Sie packt die Krallen aus und kratzt am Rahmen. Spätestens jetzt springe ich natürlich auf wie von der Tarantel gestochen. Die Katze tippelt dann freudig erregt in Richtung Futternapf. Gut, manchmal möchte sie lediglich darauf hinweisen, dass sie Futternachschub braucht, immer ist das aber eben auch nicht der Fall. Es ist, als würde sie alle paar Minuten frisches Futter haben wollen, und vielleicht ist das auch tatsächlich so. Ich habe aber eher das Gefühl, die Katze hat einfach Spaß daran, mich zu ärgern.

Sehr schön ist auch das Kratzen an der Wohnzimmertür: Die Katze haut ihre Krallen in den Türrahmen am Rand der eingesetzten Glasscheibe und wetzt sie wie an einem Kratzbaum. Sie tut das immer an derselben Stelle und hat den Türrahmen damit inzwischen in eine Art Aktionskunstwerk verwandelt. Und wie das mit Kunst so ist: Kann man mögen, muss man aber nicht. Die Kunsteinschätzung des Vermieters kann ich mir in etwa vorstellen ...

Auch das Kratzen an der Raufasertapete hat die Miez für sich entdeckt – zumindest an Ecken, wo es sich so richtig lohnt. Zeitweilig hatten wir hier im Wohnzimmer zudem eine etwas größere Pflanze stehen – von der Katze freilich liebend gern genutzt, um daran zu rütteln oder hinaufzuklettern. Am Ende hatte die Katze eine ausgeklügelte Strategie entwickelt: Sie wischte über den Fernseher, bis man sie verscheuchte, dann ging sie zur Pflanze, und wenn man sie auch von dort verjagte, machte sie sich an der Wand zu schaffen. Hinterher begann sie von vorn. Auch mit Nerven wie Drahtseilen hält man das nicht lange aus.

Inzwischen haben wir das Wohnzimmer umgeräumt: Die Wohzimmerecke ist verdeckt, die Pflanze musste ins Schlafzimmer umziehen, geblieben ist einzig der Fernseher, den die Katze immer noch liebend gern bearbeitet, und natürlich konnten wir auch die Tür nicht ... äh ... verlegen. Weitere Katzenabwehrmittel sind ätherische Öle und zwei dicke Hausschuhe, die aussehen wie Cartoon-Eselköpfe, und vor denen die Katze seltsamerweise ziemliche Angst hat. Nun ja ... So bleibt unsere Wohnung ein Schlachtfeld, auf dem das Wettrüsten zwischen Mensch und Katze weiter voranschreitet, doch wann immer man sie am liebsten zum Mond schießen möchte, wann immer man meint, es reicht jetzt endgültig, macht sie einfach irgendwas unfassbar Süßes wie ... schlafen ... in der Gegend herumliegen oder ... gucken. Und wann immer meine Freundin oder ich etwas wie »Ohhhh, ist das süß!« sagen, ist im Prinzip klar: Wir Menschen haben den Krieg längst verloren.

Katze

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30 sein ist blöd. Ich bin's ja jetzt schon ein Weilchen, aber irgendwie gewöhne ich mich nicht daran. Beim besten Willen nicht! Nach meinem Alter gefragt, schwebt immer noch zuerst eine 2 durch meinen Kopf, bis ich dann realisiere: Ach nee, ich bin ja jetzt alt. Dabei stimmt das gar nicht, und es fühlt sich auch nicht wirklich so an. Es ist eher ein Zwischending, so wie der Pizzaburger: Nichts halbes und nichts Ganzes, alles in allem aber auch ein bisschen eklig. Mit 30 bin ich zu jung, um mich alt zu fühlen, aber gleichzeitig auch zu alt, um mich noch jung zu fühlen. Das geht einfach nicht richtig klar.

Ich hätte gar nicht gedacht, dass dieses Alter so was Einschneidendes haben könnte, es ist aber so. Ein bisschen kann ich mir jetzt gedanklich ausmalen, wie es dann sein muss, mit knapp 50 oder so in eine waschechte Midlife-Crisis hineinzustolpern. Ich habe jetzt mit 30 nicht das Gefühl, was verpasst zu haben in meinem Leben. Es gibt ja Leute, die laufen mit einer imaginären Checkliste durch den Tag und meinen, möglichst früh am besten schon die ganze Welt bereist zu haben. Das habe ich gar nicht mal. Ich mag die Welt nicht, die interessiert mich nicht, hat sie auch nie. Aber es ist so, bzw. geht es mir so, dass doch viele Gedankengänge in ihrer Wichtigkeit durcheinandergequirlt worden sind. Das schlich sich so in den letzten Monaten ein. In den Zwanzigern etwa dachte ich noch, dass ich mal aus meinem Job ausbrechen würde, einfach was ganz anderes machen, dass ich ja auch jede Menge andere Möglichkeiten hätte. Inzwischen finde ich das gar nicht mehr sonderlich relevant. Dass aus mir wohl kein Bestsellerautor mehr werden wird, nun ja, das kann ich inzwischen ganz gut verschmerzen. Ist ja auch heilsam, da mal ehrlich zu sich selbst zu sein: Mir fehlt das Talent, und mir fehlt auch das Feuer. Gerade Letzteres ist doch ein bisschen erloschen. Als hätte, kaum wurde ich 30, irgendwer den Ofen ausgemacht.

Wie gesagt, ist auch gar kein fieser Gedanke, der sich da eingenistet hat. Es ist nur so, dass andere Dinge an Relevanz gewonnen haben. Beispielsweise kann ich das Leben im Hier und Jetzt viel mehr wertschätzen. Einmal aus dieser Was-noch-werden-könnte-Blase ausgebrochen lebt es sich doch deutlich intensiver. Ich mäandere weniger durchs Dasein, plane weniger Dinge, die ich sowieso nicht umsetzen würde. Dafür mache ich nun aber eben auch mal was, gehe Themen wirklich an. Die Wochenenden mit einer Tasse Kaffee auf der Couch zu starten, das Notebook auf dem Schoß, und irgendwelche Texte in Blogs zu klöppeln, das alles war gut und schön, aber inzwischen hat sich der gedankliche Standpunkt manifestiert, dass auch mal was vorangehen muss. Zeit, Texte in Blogs zu klöppeln bleibt auch so noch, aber ein grundsätzlicher Lebensinhalt sollte das wohl nicht werden. Das Schlimmste, was ich mir für mich vorstellen kann, ist in 30 Jahren noch immer dieselben Rituale zu haben, morgens dieselben Seiten anzusurfen, dieselben alten Lieder zu hören, immer noch zu denken, ich könnte alles erreichen, ich müsste es ja nur wollen. So funktioniert das alles nicht. Im eigenen Saft schmoren ist schon mal ganz okay, aber wenn der Saft ranzig wird, sollte man wohl aus dem Topf steigen.

Dass ich auch mal was wirklich angehe, mag auch damit zusammenhängen, dass ich seltsamerweise ganz schlimm das Gefühl habe, nicht mehr genügend Zeit zu haben. Das korreliert nicht wirklich mit dem Gefühl, nie wirklich was verpasst zu haben, ich weiß, aber hat ja auch keiner behauptet, dass Gedankengänge zusammengenommen ein Großes und Ganzes ergeben müssen. Auch das hat sich innerhalb der letzten Monate so eingeschlichen. Weihnachten? Ist ja quasi schon morgen. Das Jahr 2016? So gut wie auch schon erledigt. Dass die Zeit immer schneller vergeht, je älter man wird, das Gefühl kennt wahrscheinlich jeder. Aber gehört da auch zwingend dazu, dass man stets denkt, alles Künftige wäre quasi im Nu schon wieder vorüber? Das treibt seltsame Blüten. Wenn ich beispielsweise durch ein Buchgeschäft laufe, kann ich mich kaum richtig für ein Buch entscheiden, weil ich mit jeder Entscheidung bedauere, welche Bücher ich deswegen wohl in meinem Leben nicht mehr lesen können werde. Jetzt noch schnell was Neues anfangen? Lohnt ja gar nicht richtig. Und gleichzeitig ist da eben auch dieses: Wenn nicht jetzt, wann dann? Also los!

Brrr, schlimm ist das! Fast, als wäre ich wieder in der Pubertät angelangt, nur ohne Akne und den schrecklichen Fluch, mich ständig in irgendwelche Mädels zu verknallen. Kann das mal wer abstellen? Und wird das eigentlich noch schlimmer, wenn ich dann 40 bin? Leidensberichte gerne in die Kommentare. Mit 50 bin ich dann wahrscheinlich auch ein perfekter Midlife-Crisis-Kandidat. Dann werde ich wieder Band-Shirts kaufen, in Jeans-Jacke auf Rockkonzerten mit dem Fuß wippen, während das Plastikbecherbier in meiner Hand pisswarm wird, und mir diesen riesigen Totenkopf auf den Rücken tätowieren lassen, für den meine Mutter mich früher garantiert gekillt hätte. Na ja, so gesehen könnte es dann wohl auch schlimmer kommen.

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Da bin ich also im angekommen im Sommerloch – wieder mal. Während Berlin gähnend leer ist wie nach der Zombieapokalypse, weil all die Berliner an den Stränden der Welt noch nach ein paar freien Handtuchzentimetern suchen, harre ich aus und sinniere über das Leben nach. Etwa wie das so ist, jetzt mit 30 und fast 31. Sofern ich mich nicht in den kommenden Tagen in einen Klumpen Schmelzkäse verwandelt haben sollte, muss ich das mal hier zusammenfassen. Bisschen sortierter halt, was aber nur geht, wenn die Rübe wieder etwas kühler ist. Ansonsten haben wir die letzte wie die jetzige Hitzeperiode genutzt, um die Uraltmöbel, die teilweise noch aus meiner Studentenzeit stammten, durch was Aktuelleres zu ersetzen. Wer bei 30 Grad einen Ikea-Kleiderschrank zusammenschraubt, der hat auch vor dem Fegefeuer keine Angst mehr, so viel mal dazu. Ferner tue ich derzeit, was man halt so tut: »Das Lied von Eis und Feuer« lesen, fotografieren, dafür aber irgendwie so gar nichts schreiben, die PS4 in der heimischen Konsolenfamilie willkommen heißen und wie ein Satellit um mögliche Immobilienkäufe kreisen. Genug bloggenswerter Kram für die nächste Zeit also, sofern halt ... na ja, Schmelzkäse und so. So, nun aber wieder ab ins Sommerloch.