Die Egaligkeit des Seins

Die Egaligkeit des Seins

Falls irgendwer sich fragen sollte, was ich treibe ... okay, ich erzähl's trotzdem. Ich sitze unter meinem Stein. Es ist schön hier, echt. Glaubt einem ja keiner, wie gemütlich es unter so einem Stein sein kann, bis er selbst mal druntergessen hat. Ich hab's nämlich aufgegeben, mich um das zu scheren, was draußen so vor sich geht und schaue mir stattdessen zum Beispiel Katzen-GIFs an. Das ist zwar wenig gehaltvoll, aber das sind Chickennuggets auch, und trotzdem rennt keiner draußen rum und brüllt: »Igitt, Chickennuggets!«

Ganz im Ernst, was könnte ich denn großartig verpassen, wenn ich statt Tagesschau und Spiegel Online lieber Bilder von Colonel Meow, Grumpy Cat und Bob dem Streuner anschaue? Ich meine, der Colonel hat es ins Guinessbuch der Rekorde geschafft, von Grumpy Cats berühmtestem Foto gibt es sehr wahrscheinlich mehr Kopien als von der Mona Lisa und Bob der Streuner hat sogar eigene Romane. Jede dieser Katzen hat es weiter gebracht als jeder in meiner Familie zusammengerechnet. Was zugegenermaßen nicht schwer ist, aber das ist eine andere leidvolle Geschichte.

Ich brauche keine Zeitung mehr, keine Nachrichten. Ich weiß, da draußen rennen immer noch Verrückte mit ans Kinn geklebten Schamhaaren rum und hauen unbescholtenen Bürgern die Rübe runter, die Ukraine wird immer noch großflächig von militanten Hobbygärtnern umgepflügt, wahrscheinlich geht just in diesem Moment Griechenland einmal mehr pleite, und die Amerikaner versuchen, ekliges Chlorhühnchen unter meinen Kartoffelbrei zu mogeln. Ihr seht also, ich bin bestens im Bilde. Hab viel besseren Stuhl, seit ich mir nicht mehr den Irrsinn der Welt auf die Schultern lade. Zum Beweis könnte ich freilich versuchen, eine Fotodokumentation draus zu machen, aber dann würde den NSA-Kollegen beim Durchschauen meiner Aufnahmen vermutlich schlecht werden, und jeglicher USA-Urlaub wäre dann für immer hinfällig.

Nee nee, ich hab meinen Frieden gefunden. Ich habe einfach keine Lust mehr auf diese gebündelte Blödheit da draußen. Wenn ich mich zu sehr aufrege, werde ich bloß zynisch. Am Ende kommt vor lauter Meckerei noch 'ne Mohammed-Karrikatur heraus, und dann zerballern mir irgendwelche bekloppten Islamisten die Wohnzimmereinrichtung mit freundlicher Unterstützung von Heckler & Koch. Und am Ende stellt sich wieder irgendein blöder Politiker hin und meint, der Islam gehöre zu Deutschland. Ha ja, von mir aus … Und demnächst macht der Sigmar Gabriel in Mekka 'ne Currywurstbude auf, oder was? Auge um Auge, Freunde der Sonne. Aber was schert das mich?

Außerdem bin ich gar nicht islamfeindlich oder so. Ich finde Christen genauso scheiße. Habe mal in Bonn gesehen, wie sechs vollverschleierte Frauen an einem Tisch saßen und Eisbecher mampften. Wer das gesehen hat, den kann eh nichts mehr überraschen. Da kann man auch gar nicht wütend drüber sein, wenn man dabei zuschaut, wie sechs vollbeladene Löffel abwechselnd unter schwarzem Tuch verschwinden. Wichtig ist, der einzige Gedanke, der mir in dem Moment durch den Kopf ging, war: Mensch, wenn das mal keine Flecken gibt. Tja, da soll einer behaupten, ich sei vorurteilsbehaftet oder weltfremd.

Das gilt übrigens so ganz allgemein für den Brandenburger an sich, denn aus Brandenburg komme ich ja. Wir Brandenburger sind offener, als allgemein angenommen. Also nicht alle, klar. Die wenigen Betonköpfe können aber nichts dafür, schließlich waren sie jahrelang eingesperrt, und beim Urlaub aufm staatseigenen Campingplatz steppt jetzt eher nicht so der Kulturbär. Ansonsten ist er aber sehr weltoffen, der Brandenburger an sich. Da haut man nicht nur den Schwarz- und Gelbhäuten was aufs Maul, sondern auch dem Landsmann, wenn er komisch guckt. Ich weiß das. Ich guck immer komisch.

Nee, Scherz. Schon schlimm, diese Nazibrut, vor allem im ehemaligen Ostdeutschland. Hocken da noch immer in ihren Kneipen vorm Köstritzer, verbreiten ihre dummen Deutschland-den-Deutschen-Parolen über ihre koreanischen Smartphones, tragen immer noch dieselben alten Klamotten – dieselben, nicht die gleichen – und schmoren überhaupt dermaßen im eigenen Saft, dass man meinen könnte, auf ihren Glatzen müsste sich längst 'ne knusprige Panade gebildet haben. Ich schäme mich schon so'n bisschen, von dort zu kommen. Letztens habe ich zum Beispiel auf Facebook in so 'ner Gruppe zu meiner Heimatstadt wieder was Fremdenfeindliches gelesen. Meine Güte, das kann ich gar nicht wiedergeben, so schlimm war das, also vor allem der Satzbau, aber auf groteske Art faszinierend ist es schon: Ganz egal, was einer postet, nach spätestens sechs, sieben Beiträgen meint irgendwer, was über diese fiesen Ausländer palavern zu müssen. Ich nenne das Phänomen den Braunen Brandenburger Senfautomaten. Dabei sind die einzigen Ausländer, die diese geistigen Napfkuchen je gesehen haben, die Quotentürken aus dem nachmittäglichen Hartz-IV-Schrottprogramm. Sonst gehen die doch gar nicht mehr vor die Tür, seit bei denen nach der Wende die Treuhand wohl versehentlich auch das Hirn abgewickelt hat.

Aber das alles lese ich jetzt auch nicht mehr mit. Ich rege mich sonst nur auf über so viel Blödheit. Und was da an Zeit draufgeht, bis ich im Kopf aus diesen grammatikalischen Kernschmelzen mal von Menschen lesbare Sätze gemacht habe … meine Fresse! Nee, muss ich mir nicht geben, echt. Ich halte es jetzt, wie schon die Ärzte in »Ignorama« singen: »Delfine im Thunfischsalat, wie gemein – Es könnt' mir nichts egaler sein.«

Unwissenheit kann auch ein Segen sein. Überhaupt, bei so vielen Katastrophenmeldungen, da muss unsereiner das Glücklichsein ja erst wieder erlernen. Reduktion aufs Wesentliche, back to basic. Manch einer muss dafür extra ins Dschungelcamp gehen, gemahlene Kakerlaken durch die Nase schlürfen und Walter Freiwalds nackten Hintern ertragen. Ich dagegen lass einfach die Glotze aus. Es kann ja so einfach sein. Wie schon Loriot sagte: Einfach nur hier sitzen. Wird man auch nicht dumm von. Dem weisen Mann vom Berg liefert sicher auch kein Abo-Service 'ne Frankfurter Allgemeine hoch. Auch nicht mit Mindestlohn.

Und schließlich lassen sich mit all der freigewordenen Zeit mal ganz neue Projekte angehen. Beispielsweise fit werden, indem man sich von Detlef D(ummschwätzer) Soost sexy-dot-com machen lässt, sofern die Werbung allein nicht schon Mordgelüste ausgelöst hat. Woah, so sehr hab ich niemandem einen Jo-Jo-Effekt gewünscht, seit mir Harry Wijnvoord mit seinem blöden Slimfast auf die Nüsse ging. Ja, manchmal werden Wünsche wahr, Detlef! Aber hey, wir wollen ja hier nicht unentspannt werden.

Apropos unentspannt: Kürzlich hab ich was über eine Initiative »bedingungsloses Grundeinkommen« gelesen – oder auch: »Wie etabliere ich als faule Sau ein Schmarotzerschneeballsystem für all jene, die auch keine Lust mehr haben, für ihren vollen Satz vorm Jobcentermitarbeiter die Unterhosen runterlassen zu müssen?« Also SO meine ich das mit dem entspannten Nichtstun natürlich nicht! Nee, da könnte ich echt ausrasten. Den Schulabschluss versemmeln, weil Kippen klauen bei Aldi und Streber verdreschen cooler ist, hinterher aber trotzdem ein dickes Stück vom Wohlstandskuchen abhaben wollen, was? Nicht mit mir, elendes Pack! GEHT GEFÄLLIGST ARBEITEN, SO WIE ANDERE LEUTE AUCH, STATT VOR DER VERDAMMTEN GLOTZE ZU VERBLÖDEN UND DIE HAND AUFZUHALTEN!!!

So, ich bin dann mal wieder unter meinem Stein. Alles ganz ruhig hier, ganz entspannt. Herrlich!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du möchtest einen Kommentar hinterlassen, weißt aber nicht, was du schreiben sollst? Dann nutze doch den KOMMENTAROMAT! Ein Klick auf einen der Buttons unten trägt automatisch die gewählte Reaktion in das Kommentarfeld ein. Du musst nur noch die Pflichtfelder ausfüllen und den Kommentar abschicken. :)