[Testbericht]: Polar M400

Ich persönlich halte Armbanduhren ja für einen Anachronismus, den niemand mehr wirklich benötigt. Die meisten Leute zücken eh zu jeder sich bietenden Gelegenheit ihr Smartphone, und das zeigt eigentlich immer irgendwo eine Uhr an. Meine Theorie ist ja ohnehin, dass Frauen Uhren nur tragen, weil sie ihr Telefon in der Handtasche vergraben haben und es zu lange dauern würde, das Ding zu finden, während Männer meist nur dann eine Uhr am Handgelenk haben, wenn diese den Gegenwert einer Raumstation hat. Man will schließlich zeigen, was man hat, nech?

Nun ja, ich trage deswegen eben keine Uhr, hab jetzt aber quasi trotzdem eine. Allerdings eher aus sportlichen Gründen, denn eigentlich handelt es sich um einen Activity Tracker. Das Ding namens M400 ist von der Firma Polar und misst bspw. die Anzahl meiner Schritte, schaut, wie weit ich abends beim Joggen gekommen bin, zeichnet die Strecke auf, nimmt dabei den Puls ab, etc. pp. Das Interface der Uhr ist dabei relativ intuitiv geraten, die zugehörige App »Polar Flow« ist dagegen ein wirres Sammelsurium von Messdaten und Fitnessinformationen. Gleiches gilt für das Webportal. Dauert vermutlich noch ein Weilchen, bis ich da durchblicke. Für App und Portal braucht man übrigens einen eigenen Account bei Polar. Ein Facebook-Connect oder ähnliches wäre wünschenswert gewesen, aber was soll's, das Leben ist eben kein Ponyschlecken. Etwas kurios: Beim ersten Einrichten der Uhr wollte ich die Sprache umstellen. Standard ist nämlich Englisch. Das Ding verklickerte mir dann, ich müsse es erst per Kabel an meinen Rechner anschließen und könne es erst nach Synchronisierung mittels downloadbarer Software inklusive Accounterstellung auf Deutsch umstellen. Na schönen Dank auch! Ebenfalls blöd: Die Synchronisierungssoftware, die es immerhin auch für Apple-Computer gibt, gönnt sich Admin-Rechte. Ob das technisch notwendig ist, kann ich nicht sagen, interessieren würde es mich aber schon, zumal ich's als IT-affiner Mensch mit Edward-Snowden-Sicherheitswahn echt blöd finde.

Ist alles eingerichtet, geht die Synchronisierung der Uhr mit Smartphone und Computer relativ leicht von der Hand. Per Bluetooth lässt die M400 sich direkt mit der Smartphone-App synchronisieren, während man am PC oder Mac, soweit ich bisher weiß, das mitgelieferte USB-Kabel verwenden muss. Muss man aber eigentlich nur einmal ganz am Anfang tun, weil hinterher Bluetooth einfach bequemer ist. Das Kabel braucht man übrigens natürlich auch zum Laden der Uhr, was man, wenn nicht gerade der GPS-Tracker für die Laufstrecke läuft, erfreulich selten tun muss. Ich habe meine Uhr vorgestern Abend zum letzten Mal geladen, trug sie gestern den ganzen Tag über und ließ beim Sport auch das Aufnahmeprogramm inklusive Pulsmessung laufen (für die man ein Pulsmessband benötigt, das man sich wie einen BH umschnallen muss und das bei der HR-Variante der Uhr mitgeliefert wird). Die Akkuladeanzeige zeigt immer noch 100 Prozent an. Dieses Bluetooth, mit dem ich bisher nie was anfangen konnte, ist in Sachen Energieverbrauch echt brachial gut! Der USB-Anschluss der Uhr ist auf der Unterseite versteckt und mittels Gummi abgedichtet. Ob das jetzt wasserdicht ist, kann ich nicht sagen. Werde ich auch nicht testen. Für Regenläufe sollte es allemal langen.

Ah ja, eine Sache, die mich wirklich letztens vorm Laufen nervte: Bis die Uhr mal ein GPS-Signal gefunden hat, bin ich dreimal um den Block gerannt. Man muss dafür natürlich auch stehen bleiben, sodass man sich vorkommt wie ein verlorener Funkmast im Wind. Das scheint mir in aktuellen Smartphones doch irgendwie schon etwas besser gelöst. Beim Laufen ging das Signal diverse Male auch verloren, wurde aber immer sofort wiedergefunden, und auch in der späteren Laufauswertung wurden die GPS-Verluste vollständig kompensiert. Soweit immerhin kein Problem.

Zum alltäglichen Tragen finde ich die Uhr leider nur so mittelgut geeignet. Zwar ist sie angenehm leicht, dafür aber ist der Verschluss des Armbands etwas wuchtig geraten. Wer ständig Armbanduhren trägt, den mag das nicht stören, mich nervt es aber bspw. schon jetzt beim Tippen dieses Textes. Ansonsten ist das Gerät an sich relativ schlank geraten. Designtechnisch gewinnt die Uhr allerdings keinen Schönheitspreis, da sie zumindest mich an diese hässliche uralte Digitaluhr von Casio erinnert (Ja genau, DIIIEEE Uhr!). Dafür ist das Interface, wie bereits erwähnt, angenehm funktional und intuitiv. So was hab ich auch schon schlimmer gesehen.

Wer die Uhr trotz nervigem Armband den ganzen Tag über trägt, hat den angenehmen Benefit, dass er am Ende des Tages weiß, wie viel er sich bewegt hat und ob die empfohlene Tagesdosis an Bewegung erreicht wurde. Diese wird in Prozent angegeben und kann an Tagen mit intensiver sportlicher Betätigung die 100 Prozent auch locker überschreiten. Sehr witzig indes: Wer sich mit dem Ding mal ein Stündchen auf die Couch haut, um, so wie ich bspw., ein Ründchen auf der Konsole zu zocken, der bekommt nach einer Stunde Bewegungslosigkeit eine von leisem Piepsen untermalte Warnmeldung angezeigt: »Zeit für Bewegung!« Uh! Schlechtes Gewissen kann sie also auch. Zusätzlich gibt's einen Tadel ins Online-Bewegungstagebuch. Meine Freundin meinte dazu (hoffentlich) scherzhaft: »Ich hätte das Ding schon weggeschmissen.«

Fazit: Ich bin, abgesehen von einigen kleinen Mankos, rundum zufrieden mit dem Teil und kann für Fitnessnerds oder wohl eher solche, die's werden wollen, eine Kaufempfehlung aussprechen, zumal die Uhr samt Pulsmessband (Hat das Ding eigentlich auch einen richtigen Namen?) für unter 200 Euro zu haben ist und damit deutlich unter dem Preis des Topmodells V800 liegt. Ich kann mir aber insgesamt auch recht gut vorstellen, wie Apple, na ja, vielleicht nicht unbedingt mit der ersten Generation aber dann in ein, zwei Jahren, mit seiner eigenen Uhr diesen Markt aufrollt. Insgesamt werde ich das Gefühl nämlich nicht los, dass mit dieser Technik schon im Sportsegment deutlich mehr drin wäre. Was genau? Tja, wenn ich das wüsste, wäre ich längst reich und berühmt.

6 Gedanken zu “[Testbericht]: Polar M400

    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Um Douglas Adams zu zitieren: »Orbiting this at a distance of roughly ninety-eight million miles is an utterly insignificant little blue-green planet whose ape-descended life forms are so amazingly primitive that they still think digital watches are a pretty neat idea...«

      Aber ist ja letztlich auch immer Geschmackssache. Wenn du den »Casio-Look« eh magst, wär das von mir hier geschilderte Teil vielleicht wirklich was für dich. Ist wirklich interessant, wie viel bzw. wenig man sich den Tag über so bewegt, je nachdem, ob man eben Sport treibt oder nicht. Und der Akku steht übrigens immer noch bei 100 Prozent. In Zeiten von Smartphones, die täglich an die Dose müssen, ist das schon fast richtig beeindruckend.

  1. RoM

    Bojú, Thomas.
    Tatsächlich kann man mit Armbanduhren schnell in Erklärungsnöte geraten, wenn es sich dabei gleich um zwei Luxus-Chronometer handelt, die da am Flughafenzoll vorbeigeschleust werden wollten.
    Aber die obere Chefetage eines unsympathischen Balltreter-Konzerns scheint sich inzwischen eh für sakrosant zu halten.

    Einen Fitness-Homunkulus würde ich mir selber eher nie zulegen wollen. Selbst wenn er nicht am Big-Data-Gespinst hinge, hätte ich den Eindruck einen Little Brother am Handgelenk zu tragen. Ganz zu schweigen von der Aufseherallüre, einen vom Sofa zu vertreiben. Nö... 🙂

    Eine Armbanduhr lege ich eigentlich nur an wenn ich ausgehe (ist eine zum aufziehen). Das Smartie habe ich indes noch nie als Zeitknochen benutzt.

    bonté

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Hallo RoM,

      weshalb die Rummenigges dieser Welt gleich mit zwei unverzollten Blingbling-Chronographen einreisen müssen, wird wohl auch ein Geheimnis derer bleiben, die sich's leisten können.

      Das Spionageproblem sehe ich auch so'n bisschen, ehrlich gesagt. Aber gerade das Tracking der Aktivität und der Laufstrecken hat auch einen wirklich netten Motivationsfaktor inne. Man sollte eben nicht vergessen, dass hinter all der Technik auch ein weniger angenehmes Potenzial steckt. Also weniger angenehm für den Träger solcher Accessoires. 😉

      Du hast eine Uhr zum Aufziehen? Die ist dann aber auch schon älter, oder gibt's die auch heute noch so? Ein Kommilitone hatte seinerzeit eine Uhr zum Schütteln. Das fand ich faszinierend.

      Viele Grüße
      Thomas

  2. RoM

    ...der Karl Heinz sammelt teure Uhren, tut er. Was Neureichs eben so freizeitlich machen.

    Eigentlich sind es deren zwei; Erbstücke von anno Tobak. In den Achtzigern hatte ich auch mal so ne "Schüttel-Uhr" - sind dann allerdings von den Knopfbatterien untergepflügt worden.

    bonté

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Joa, soll ja jeder sammeln, was er mag. Bei mir sind es King- und Pratchett-Romane. Allerdings keine streng limitierten Sammlerausgaben, sonst könnte ich vermutlich auch gleich Luxuschronographen sammeln.

      Ach die Schütteluhren gibt's schon länger? Ich dachte, das sei damals der krasse neue Scheiß gewesen. So kann man sich irren. Vielleicht war's aber auch ein frühes Zeichen aufkommenden Hipstertums: Dem zugeneigte Probanden finden zwanzig Kilo schwere Telefone mit Wählscheibe ja auch sehr trendig. Die Schütteluhren finde ich dagegen ja immerhin noch ziemlich praktisch.

      Viele Grüße
      Thomas

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du möchtest einen Kommentar hinterlassen, weißt aber nicht, was du schreiben sollst? Dann nutze doch den KOMMENTAROMAT! Ein Klick auf einen der Buttons unten trägt automatisch die gewählte Reaktion in das Kommentarfeld ein. Du musst nur noch die Pflichtfelder ausfüllen und den Kommentar abschicken. :)