Stilechtes Pjöngjang-Feeling in der Hauptstadt

Manchmal hasse ich Menschen. Wir sind gerade auf der Suche nach einer neuen Bleibe, möglichst in Berlin, gern auch eher am Rand und nicht mehr mitten im Trubel, aber woah, das auf Immo-Scout und Konsorten Dargebotene als Angebot zu bezeichnen, grenzt ja schon an Frechheit. Es sind tatsächlich Menschen, die für horrende Mieten im Innenstadtbereich sorgen, Menschen, die versuchen, grässlichste Bruchbuden an die Frau oder den Mann oder auch die Familie zu bringen. Ich weiß nicht, was in den Köpfen der Leute vorgeht, die die Angebote erstellen und auf den einschlägigen Webseiten einstellen, Menschen, die ich momentan wirklich aus tiefstem Herzen hasse. Wer eine umfunktionierte Tropfsteinhöhle als Prachtbau verkaufen will, hält seine Mitmenschen entweder für minderbemittelt oder für schlicht verzweifelt genug, für die Ranzbude trotzdem monatlich das Bruttoinlandsprodukt eines asiatischen Kleinstaats auf den Tisch zu legen. Das ist frech, dreist, unverschämt.

Meine Freundin und ich liegen regelmäßig abends auf der Couch, wischen auf dem iPad herum und lachen uns über die Beschreibungstexte der angebotenen Wohnimmobilien kaputt. Wir reißen Witze über das stilechte Pjöngjang-Feeling, das viele der Wohnungen von den Bildern her ausstrahlen, dass der Fotograf der eingestellten Bilder keine Ahnung von irgendwas hatte, wenn er ausgerechnet den Gammelfleck vorm Klo festhalten musste, dass man in der offenbar kaputten Küche wenigstens die Türen wieder in die Schränke hätte hängen können und und und. In manche Wohnungen möchte ich keinen Fuß hineinzusetzen, aus Angst, ich könnte mir was wegholen von dem aggressiven Dreck, der vermutlich durch die Sohlen der Schuhe diffundiert. Und während wir lachen, ist uns eigentlich gar nicht zum Lachen zumute, weil das sehr, sehr traurig ist. Traurig, dass es solche Bleiben überhaupt gibt und dass man Menschen im eigentlich reichen Deutschland zumutet, in diesen Wohnungen hausen zu müssen. Einige sehen so schlimm aus, dass die dranhängenden Balkone nur dafür geeignet sein scheinen, sich direkt nach dem Einzug von ihnen auf den Asphalt zu stürzen. Kein Wunder, dass so viele Berliner ständig eine Fresse ziehen, wenn sie so wohnen müssen.

Da kriegt man dann ziemlich schnell zu viel. Ich wünsche mir manchmal ein Kommentarfeld zu den Inseraten, ähnlich wie bei Facebook. Einfach nur, um die dreisten Makler und Immobilienverwalter anzupöbeln, die es wagen, solchen Dreck an Wohnraum überhaupt anzupreisen und dafür auch noch Geld zu verlangen.

Vielleicht sind wir auch einfach zu anspruchsvoll, vielleicht muss man in der Großstadt ja diese Extraportion Wurschtigkeit mitbringen, um glücklich darüber zu sein, überhaupt ein dichtes Dach über dem Kopf zu haben, wenn man nicht gerade in der übervollen U2 durch die Gegend gondelt und den Berufsschweiß seiner Nebensteher einatmet. So schön es hier im Frühling und Sommer auch sein kann, in all den Parks, auf den Straßenfesten, in den Einkaufsstraßen, manchmal macht's einen fertig, Teil dieser Stadt zu sein, in der man eigentlich gar nicht mehr wohnen möchte, weil man in ihr ja nicht zu vertretbaren Konditionen wohnen kann.

Wenn das so weitergeht, sehe ich uns schon in ein paar Jahren irgendwo im tiefsten Brandenburg hausen, wo ich mit 'nem Strohhut auf dem Kopf auf meinem Hof hocken und hin und wieder nach hinten gehen werde, um die Hühner zu füttern. Und wenn dann nie wieder jemand online was von mir hören sollte, dann kein Wunder, weil es im nicht urbanen Deutschland ja auch anno 2015 noch immer kein richtiges Internet gibt. Und auch sonst nichts, abgesehen von bellenden Hunden, Nazis und Kiefernwäldern. Und ich muss es wissen, ich komme schließlich von dort. Geht also auch nicht, verdammt!

Die haben einen hier echt bei den Eiern. Sagt, was ihr wollt, aber der Teufel existiert definitiv, und er ist in der Immobilienbranche tätig.

6 Gedanken zu “Stilechtes Pjöngjang-Feeling in der Hauptstadt

  1. boah, viel glück. ich hatte damals ja ziemlich schwein, zuerst die wohnung, die man mir praktisch angeboten hat ohne dass ich suchen musste und dann das wg-zimmer, das ich in den morgenstunden im golden gate organisiert bekam. also ein bisschen berlin magic ist bestimmt auch noch für euch wo versteckt 🙂 wo solls denn hingehen?

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Ja, "viel Glück" hab ich jetzt auch schon mehrfach gehört. 😀 Ist echt eine recht frustrierende Angelegenheit, das mit der Wohnungssuche. Wenn man in sehr hohen Preisregionen sucht, geht's natürlich wieder, aber das hilft einem ja auch nicht weiter.
      Wo's hingehen soll? Wir versuchen, so'n bissl raus aus dem Trubel zu kommen, also gern etwas randwärts. Wo da genau, ist eigentlich ziemlich wurscht. Nur Marzahn müsste nicht sein, sonst haben wir wirklich das Pjöngjang-Feeling pur. 😉

  2. RoM

    Salut, Thomas.
    Wenn die Möglichkeit geboten ist wandelt sich Otto-Norma gern in den gierschlündigen Raffgeier von der Stange. Die möblierbare Sickergrube* wandelt sich da renditegeil in die eigene Goldmine. Bei den heißgelaufenen Immobilien ("Rendite ohoo-o-oo!") bleibt die Suche vom ungekündigten Miet-Sofa aus die sichere Option. Alles andere dürfte in Adressen wie Berlin eher an von Clausewitz erinnern.

    Die erwähnten Fotos aus dem Gulag der Mietangebote wurden vermutlich von einer Drohne aus geschoßen - die anschließend Selbstzerstörung beging.

    Apropos Drecklöcher! Jede Frittenbude sollte eine Hygiene-Inspektion bestehen können; eigentlich hätte das zuständige Amt jede Menge Arbeit, bei den online gestellten Selbstanzeigen.
    Gut, in der Theorie. Personal abgebaut, Mittel gekürzt. Aber den Flughafen selber bauen wollen. Blöd, aber unfähig!
    In welchem Vorstand ein Ex-regierender-Bürgermeister wohl demnächst auftauchen wird?!

    Bonne chance auf jeden aller Fälle!

    bonté

    * um 'Die Beduinen Von Paris' zu zitieren: "Hier! Kannst du Hammel schächten!"

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Hallo RoM,

      unfähig, oh ja. Nicht nur den Flughafen nicht fertig kriegen, nee, für 'ne bescheuerte Olympiade soll's auch noch reichen. Was die wiederum mit den Mieten in der Stadt anstellen würde, kann man sich ja sehr gut vorstellen. Echt, wäre ich kein solcher Mobilitätsmuffel, ich würd glatt zurück nach Brandenburg ziehen, so ärgerlich finde ich das alles.

      Tja, und wo der König der Wurschtigkeit demnächst auftaucht, will ich gar nicht wissen. Vermutlich im Aufsichtsrat irgendeines windigen Immobilieninvestors in Berlin. Wen würd's wundern?

      Viele Grüße
      Thomas

  3. Das ist nicht nur in Berlin so, je näher man Großstädten kommt desto teurer wird es, hin zu absurden Wucherpreisen die durch gar nichts zu rechtfertigen sind. Warum man, bis auf irgendwelche Prestige-Gründe, mitten in der Großstadt wohnen muss, hab ich noch nicht verstanden.

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Ja, das gilt wohl generell für Großstädte. Und weshalb man da wohnt, kann diverse Gründe haben. Einer ist der, den du genannt hast. In meinem Fall sieht's so aus: Im Berliner Umland gibt es schlicht keine Arbeit, und würde ich dort trotzdem wohnen wollen, bräuchte ich ein Auto. Weder habe ich eins, noch kann ich eines fahren. Dumm gelaufen, wie's aussieht.

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