Archive für den Monat: März 2015

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WinkekatzeWenn ich durch die Stadt fahre, fühle ich mich beschissen. Die Werbung, die überall herumhängt, ist schuld. »Ey Leute, da ist ’ne freie Wand, lasst uns ein Werbeplakat dranflanschen!«, sagt wahrscheinlich irgendeiner mit ’ner teuren Krawatte, und zack, hängt ’ne neue Cola-Werbung dran, die mir suggerieren soll, wie geil es doch wäre, jetzt, und zwar wirklich genau jetzt eine Flasche Cola zu trinken. Da sind dann Leute auf diesen Plakaten abgebildet, die in die Luft springen und mit weit geöffnetem Mund lachen, dass einem angst und bange wird, die Mundwinkel könnten bis zu den Ohren einreißen. Und natürlich halten die alle eine Flasche der beworbenen Colamarke in der Hand. Schwappt natürlich auch nichts aus der Flasche, während sie hochspringen und feixen, ach was, natürlich nicht. Ganz so, als wäre in der Flasche gar nichts Flüssiges. Aber so, wie die alle aus ihren individuellen Klamotten grinsen, könnte man eh meinen, die Pullen wären randvoll mit Koks, statt mit Zuckerwasser. Wenn ich an diesen Plakaten vorbeifahre, denk ich gar nicht, hey, ich hätte jetzt aber auch gerne so ’ne Cola. Nee nee, ich denke nur, boah, haben diese Leute da offenbar ein cooles Leben, wenn sie so herumspringen und lachen können. Und weil der Teufel immer auf den größten Haufen scheißt, schwappt nicht mal was aus der Flasche. Ja, das denk ich, und deswegen fühle ich mich schlecht. In meinem Leben wird nicht herumgesprungen, da wird auch nicht gelacht. Trotzdem schwappt ständig was aus der Flasche.

Ich geh drum gar nicht mehr so gerne raus, jetzt echt. Wenn die Sonne morgens hinterm Horizont hochkommt, gehen bei mir die Rollos erst so richtig runter. Ich schlurfe dann erst mal zum Klo und kacke den Frust vom Vortag aus. Dann spül ich’s weg. Und dann sitz ich im Dunkeln und guck durch meine verschmierte Brille Internet. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, dann ist das Internetgucken auch nicht viel besser, als die vielen glücklichen Menschen auf den Plakaten draußen. Also gegen die Werbung hier im Internet hab ich mir so ’nen Werbeblocker besorgt. Jetzt versucht da keiner mehr, mir Cola zu verkaufen. Besser wird’s davon aber auch nicht. Wenn ich im Internet Porno gucke, sehen die Leute da auch immer so fürchterlich glücklich aus. Vor allem ... na ja ... hinterher. Ich mach dann manchmal ’ne Faust aus der rechten Hand. Die betrachte ich von allen Seiten und denke mir so, hmm ... nee, die sieht jetzt nicht so richtig glücklich aus.

Das nervt mich dann schon ein bisschen. Also guck ich lieber Facebook. Aber, man könnte es schon ahnen, besser ist es da auch nicht. Überall sieht man da nur Menschen, die Spaß haben. Würde Spaß den Speichelfluss anregen, hätten die alle Schaum vorm Mund. Es wirkt immer so, als müssten all die Menschen auf Facebook gar nicht arbeiten gehen, als würden die nie ihren Kindern die stinkenden Windeln wechseln müssen oder im Streit mit dem oder der Angetrauten Omas gute Porzellanerbmasse zerschmeißen. Nee, immer grinsen nur alle von ihren Bildern, als wär das Leben ein Wettbewerb im Glücklichsein. Auf ihren Fotos stehen sie immer an mutterseelenverlassenen Stränden und lächeln in die Kamera. Alle. Dabei denk ich dann, wenn das wirklich alle machen würden, müssten die Strände ja ständig voller Leute sein, die irgendwie versuchen, noch gerade so aufs Foto zu kommen, dass es aussieht, als wären sie ganz alleine da.

Tja, und ich so? Ich steh jetzt auf meinem Profilbild auch vor so ’nem Strand. Hab ich selbst gemacht. Mit Photoshop. Hab dabei auch versucht, so zu grinsen wie die anderen, aber immer, wenn ich einen Mundwinkel hochgezogen hab, ist der andere wieder runtergefallen. Jetzt ganz ehrlich, dieses ... dieses Grinsen, dieses Lachen und Glücklichsein, das ist nichts für mich.

Mein Kumpel Heinz, der ist auch so einer, der von den Urlaubsfotos grinst. Der hat so viele davon online gestellt, dass die Hälfte von Facebooks Speicherplatz mit seinen Bildern vollgeknallt sein muss. Heißt ja immer, Facebook würde die Bilder von den Leuten für Werbung missbrauchen, weil man ja seine Rechte quasi abgibt und so, aber ich hab Heinz bisher noch von keiner Litfaßsäule grinsen sehen. Obwohl das ganze Facebook voll von ihm ist. Ist jetzt aber auch nicht der schönste, der Heinz. Na jedenfalls meinte Heinz mal zu mir: »Ey, warum fährst du denn nicht auch einfach mal in den Urlaub? Wird dir gut tun, wirst sehen. Das macht einen ganz neuen Menschen aus dir.«

Ich hab dann nur mit den Schultern gezuckt. Das kann ich gut, das Schulterzucken. »Ach, was soll der Quatsch?«, sagte ich. »Urlaub machen kann ich auch mit Google Earth. Dat kost’ nix. Und wenn ich ’n Bild vom Eiffelturm brauch, dann such ich mir eins ausm Internet.«

»Das ist doch aber nicht dasselbe«, meinte Heinz kopfschüttelnd. Der konnte das irgendwie nicht verstehen, was ich wiederum nicht verstehen konnte. Ich meine, es gibt ungefähr eine Bazilliarde Bilder von Sehenswürdigkeiten. Müssen es denn unbedingt eine Bazilliarde und eins werden, indem ich auch noch ein Bild dazu tue? Ich glaub ja nicht.

»Du bist da echt zu pragmatisch eingestellt. Das bringt dich alles noch mal vorzeitig unter die Erde«, sagte Heinz, und vielleicht hatte er damit ja recht.

»Außerdem kann ich mir so einen tollen Urlaub gar nicht leisten«, ergänzte ich, weil ich das Gefühl hatte, was zu ergänzen, wär nicht das Schlechteste. Außerdem mag ich es nicht, zusätzlich das Gefühl zu haben, andere Leute hätten recht.

»Ach was! Das kannste doch mit ’nem kleinen Kredit machen«, sagte Heinz und zwinkerte so komisch, wie er das immer machte, wenn er meinte, er hätte da ’nen Trick, den kein anderer außer ihm kennt. »Klitzekleine Rate, das zahlste dann locker ab und hast dafür ’nen bombigen Urlaub.« Von wegen klitzekleine Rate. Kleinvieh macht auch Mist, sagt man. Bei Heinz hatte der Misthaufen schon ’ne eigene Gravitation. Schulden mit anderen Schulden ablösen, das ist auch ’ne Kunst. Das ist, wie aus nichts noch weniger machen und damit dann noch ruhig schlafen können. Aber so machte der Heinz das schon immer. Die ganze Welt wurde schon von Heinz bereist, ohne dass der auch nur einen ausgegebenen Euro dafür selbst verdient hätte.

Das Problem für so Typen wie Heinz ist aber, dass die Leute von den Banken auch nicht ganz blöde sind. Man munkelt ja, dass inzwischen angehende Bankberater in Kreditrisikoschulungen zuerst Heinz’ Foto zu sehen kriegen. Also müssen so Leute wie Heinz irgendwann anderswo Kohle herbekommen. Na ja, machen wir’s kurz: Vor ein paar Monaten, da war der Heinz im Urlaub auf Maui, wo ihn allerdings Inkasso Moskau aufspürte. Die kamen wohl mit guten Argumenten und ’nem Knüppel oder so zu ihm, nahmen ihm die Hälfte seiner Kauleiste raus und meinten, wenn er nicht bald zahlt, nehmen sie auch die andere Hälfte mit und schenken ihm ein paar Adidas-Treter mit Betoneinlagen. Klar zahlte Heinz dann, wie auch immer er das wieder gemacht haben mag. Weiß halt, wie’s geht, der Heinz.

Auf jeden Fall hab ich seitdem ein neues Hobby. Wenn ich nämlich mal wieder schlechte Laune hab, weil alle anderen um mich herum so gut drauf sind und mir die Perlweißmodels von den Werbeplakaten ihr kapitalistisches Glück auf die Glatze kotzen, dann guck ich einfach wieder Facebook, surfe bei Heinz vorbei und gucke seine Urlaubsbilder an: Heinz auf Maui – grinst auch wie ’n Honigkuchenpferd, und das geschwollene Auge ist da schon ganz gut abgeheilt, dafür sieht man allerdings einen ganzen Haufen schwarzer Löcher im Gebiss. Das sieht vielleicht aus. Herrlich! Echt nicht zu beneiden, der Kerl, und damit besser als jeder Urlaub. Darauf trink ich dann erst mal ’ne Cola.

Reich und berühmt - NICHT!Es war einmal ... ich. So in der Art wird die Aufschrift meines Grabsteins lauten, wenn ich mich erst auf unabsehbare Zeit in einem Holzschächtelchen schlafen gelegt haben werde. Uh, Futur II! Ja, Sätze bauen, das kann ich. Mögen sie auch siebenzeilig werden und Rodeo durch die absurde deutsche Grammatik reiten, ich krieg das hin. Das ist quasi die Inselbegabung eines Typen, der sonst eigentlich nicht so richtig viel kann. Jetzt braucht mir auch keiner mit »Ach komm, sei doch nicht so hart zu dir selbst« kommen. Die Tatsache, dass ich auch anno 2015 noch immer nicht reich und berühmt bin, ist Indiz genug dafür, dass ich es wohl auch innerhalb der nächsten dreißig Jahre meiner irdischen Daseinsberechtigung zu nichts gebracht haben werde. Uh, Futur II!

Früher, da wäre ich gern Rockstar geworden. Nicht, dass ich Ahnung gehabt hätte, wie man so was überhaupt anfängt, aber auf MTV sah das schon sehr lässig aus, wenn die Superduperstars den Kameraleuten grinsend ihre dekadenten Häuser zeigten und die goldenen Wasserhähne ihrer stadtstaatgroßen Bäder sich in ihren Goldzähnen spiegelten, das Ganze brillant reflektiert von den polierten Türklinken aus Gold. Und dann das mit der Musik erst! Woah, so wie mancher Klampfengott wollte ich auch Gitarre spielen können. Machte im Musikfernsehen schon was her. Aber das war damals. Heute sieht man, wenn man so was wie Musikfernsehen überhaupt noch irgendwo auf Kanal drölftausend beim Sendersuchlauf findet, allenfalls, wie Helene Fischer im ultrakurzen Glitzerhöschen nachts nach ihrem Atem sucht. Nee, das ... also das will ich dann ja doch nicht. Dieser Würfelhusten von Musik heutzutage ist von Coolness so weit entfernt wie Hitler im April 1945 vom Endsieg. Egal, das Gitarrespielen brachte ich mir vor knapp zehn Jahren dann trotzdem bei. Ich wusste nicht, wie Slash und Co. das so grandios hinbekamen, ich wusste nur, ich wollte das auch. Was brauchte ich dafür schon mehr als eine Gitarre, mich, meinen Elan und funktionierende Finger? Und hier die Antwort darauf: Talent. Heute weiß ich immerhin, dass eine Gitarre möglichst mindestens sechs Saiten haben sollte, angesichts der menschlichen Hand mit nur fünf Fingern übrigens eine blöde Idee, wie ich finde. Und wenn ich was auf der Klampfe spiele, ist es wahrscheinlich, dass man ein von mir virtuos vorgetragenes »Alle meine Entchen« auch für ein solches hält und nicht für das viel weniger anspruchsvolle »Laterne, Laterne – Sonne, Mond und Sterne«. Für MTV, goldene Wasserhähne und mit Koks panierte Playboy-Bunnys reichte das alles letztlich aber nicht, doch wenn's so wäre, hätte ich diesen Text ja auch ganz anders begonnen.

Noch viele Jahre, bevor ich die Musik für mich entdeckte, zeichnete ich viel und gerne. Ich konnte das auch ganz gut, was verwunderlich ist, sagte doch meine Mutter gerne Sachen wie: »Also wenn ich was male, kann man hinterher nicht sagen, ob's eine Kuh oder ein Schwein sein soll.« Weshalb sie immer nur Kühe und Schweine malen wollte, erschloss sich mir nicht, klar war aber, die genetischen Grundlagen für eine Malerkarriere waren, was mich anging, nicht gerade Faber-Castell, sondern eher so was wie minderwertige Billigstifte aus China, deren Spitzen nach dem ersten Aufsetzen aufs Papier mehrfach brachen, sodass man sie zu kleinen Stummeln zurechtspitzen musste. Genau so war es auch immer mit meinen echten Stiften. Ja, abbrechende Stifte wären die rote Linie meiner Zeichenkarriere gewesen, wenn man mit den Dingern denn überhaupt Linien hätte zeichnen können – ohne dass sie abbrachen. Mit der Zeichnerei wurde ich übrigens – oh Wunder – nicht reich und berühmt. Ich schickte während meiner Grundschuljahre ein paar Zeichnungen zu Wettbewerben, aber das Einzige, was ich damit jemals gewann, war der Besuch eines aalglatten Schlipsträgers bei uns zu Hause, der uns 'ne überteuerte Bertelsmann-Enzyklopädie andrehen wollte. Toll! Für die Jüngeren unter uns: Das war so was wie Wikipedia, nur ohne Suchfeld und ohne Artikel über eure Lieblings-YouTube-Stars.

Wer nichts in der Birne hat, wird zur Not Sportler. Das geht immer. Zwar hatte ich was in der Birne (und habe hoffentlich auch heute noch nicht alles davon wegmalocht), trotzdem war ich in wenigstens einigen sportlichen Disziplinen gar nicht übel. Gut, wenn ich einen Ball warf, konnte der Sportlehrer die Weite mittels seiner Armspannweite messen, wobei ein Arm locker reichte, beim Handball versuchte ich einzig und allein, den Ball nicht in die Fresse zu kriegen, und ich schaffte tatsächlich nur einen einzigen Klimmzug, aber hey, ich konnte rennen, schnell wie der Wind. Nicht unbedingt olympiagoldverdächtig, zumindest NOCH nicht, dachte ich damals, aber es reichte immerhin, schadlos davonzukommen, wenn die Sechstklässler hinter einem her waren. Das war auch bitter nötig, denn wenn man mir eine rote Zipfelmütze aufgesetzt hätte, wäre ich vom Gartenzwerg nicht zu unterscheiden gewesen. Da hatte die Evolution ein Einsehen mit mir. Sie gab mir schnelle, wenn auch kurze Beine. Der neue Weltrekordhalter im Hundertmeterlauf wurde ich allerdings trotzdem nicht, damit also auch nicht reich und berühmt. Eine Blutgrätsche beim Fußball mit anschließender Bänderdehnung sowie später eine Knie-OP machten meine Ambitionen sowie meinen evolutionären Geschwindigkeitsvorsprung ein für allemal zu nichte: Ich blieb so langsam wie heute das Smartphone-Internet, wenn am Ende des Datenvolumens noch zu viel Monat übrig ist. Inzwischen waren aus einigen der einstigen Sechstklässler übrigens gestandene Neonazis geworden, doch glücklicherweise wäre ich im Zweifelsfall trotz kaputter Gelenke immer noch schnell genug davongekommen, weil so ein herkömmlicher Nazi naturgemäß säuft wie'n Loch und die wandelnden Fleischmützen damit so agil waren wie ein fest verbauter Kachelofen im Altbau. Half aber nix: Meine Läuferkarriere hatte sich totgelaufen.

Später, viel, viel später, da versuchte ich es mit dem Schreiben. Ich schrieb Gedichte, Kurzgeschichten, Texte wie diesen, oder eben alles, was gerade mal so raus musste. Auch hier war ich so schlecht gar nicht mal. Für einen Tausendseiter, wie er einem Stephen King beim Niesen versehentlich mal aus dem Ärmel purzelt, hätte mein Sitzfleisch während des Tippens zwar ohnehin nie gereicht, aber was hochgradig Intellektuelles, wo oft schon nach zweihundert Seiten das Ende der platonischen Fahnenstange erreicht ist, wäre theoretisch bestimmt drin gewesen. Nun funktioniert allerdings theoretisch auch der Kommunismus, drum ist es praktisch so, dass ich erstens weiß, dass man mit intellektuellem Geseiere vielleicht mäßig berühmt, keinesfalls aber reich wird, ich zweitens niemals das männliche Pendant zu Sibylle Berg hätte werden wollen, und mir drittens – ich erinnere an die nicht unterscheidbaren Kühe und Schweine aus meiner Erblinie – schlicht und einfach der Intellekt fehlt.

Nach all den Versuchen habe ich schließlich einen Trick entdeckt, mittels dem ich wenigstens so was Ähnliches wie Wohlstand anhäufen kann. Es nennt sich: arbeiten gehen. Kaum zu glauben, aber ehrliche Arbeit hilft akut gegen große Träume, hoch gesteckte Ziele und das damit meist einhergehende Arbeitslosengeld 2. Der Grad an Berühmtheit reicht beim Arbeiten zwar kaum über die Grenzen des Abteilungsmailverteilers hinaus, dafür kleckert monatlich wie von Zauberhand ein bescheidenes Salär auf mein Konto. Reichtum ist das nicht, für Bio-Eier reicht's aber allemal. Was das Superstardasein angeht, bin ich nach dreißig Jahren unter dem Titel »Die Schwarze Null« einigermaßen geerdet. Und um, wie es der Weltliterat Sido einst so schön sagte, die Fuffis in den Club zu schmeißen, und zwar so richtig, muss man sowieso schon mindestens mal EZB-Präsident sein, kein oller Rapper aus Marzahn-Hellersdorf oder was auch immer. Ansonsten geht's mir ja derzeit nicht anders als beispielsweise dem moralisch nicht ganz einwandfrei zu Reichtum gelangten Uli Hoeneß: Tagsüber sitze ich gezwungenermaßen in grauen Räumlichkeiten fest, schlafen darf ich aber wenigstens zu Hause. So gesehen habe ich es also doch zu was gebracht. Und falls in dreißig Jahren doch noch mal eine große Sinnkrise ansteht, erfinde ich einfach schnell vor meinem Ableben das Futur IV (Teil drei lass ich aus), ein kaum zu durchschauendes Konstrukt nicht eingetretener Möglichkeiten in einer bereits vergangenen Zukunft. Reich wird mich das posthum nicht machen, dafür aber berühmt: Generationen von Schülern werden mich gehasst haben worden hätten.

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Meine erste Begegnung mit einem Pratchett-Roman verlief sehr unspektakulär. Ich gebe zu, mich schreckten die irre bunten Cover der Scheibenweltromane mit ihren detailverliebten Comiczeichnungen immer ab. Terry Pratchett, von meinem damaligen Verständnis her ein Fantasy-Autor für Nerds, das war nichts für mich. Vielleicht weil ich selbst immer ein bisschen nerdiger war, als ich es gern gewesen wäre. Irgendwann im Frühsommer 2011, recht spät im Lebenswerk des britischen Autors also, fiel mir die deutsche Übersetzung zu »Making Money« in einer Berliner Thalia-Buchhandlung in die Hände. Deutscher Titel: »Schöne Scheine« – der erste Scheibenweltroman in meinen Fittichen, der keines der genannten Cover hatte, sondern ein für mein Empfinden sehr ansprechendes, flächiges. Ich bin ein Augentier, drum kaufte ich das Buch wohl seines Covers wegen. Und weil ich endlich wissen wollte, was es mit dieser verflixten Scheibenwelt überhaupt auf sich hatte.

Es gibt nicht so viele Autoren, die mich von der ersten Seite an mitnehmen. Manche Werke entfalten ihre Qualitäten erst nach der Hälfte des kompletten Buches, andere plätschern bis zum Schluss dahin wie ein gemütliches Bächlein, wieder anderen fehlt die Seele. »Schöne Scheine« dagegen zog mich von der ersten Seite an in seinen Bann. Wie oft fand ich mich selbst in der Schrulligkeit der Charaktere, in ihren ganz gewöhnlichen Fehlbarkeiten wieder? Ich erkannte recht schnell, dass Pratchett das Fantasy-Setting der Scheibenwelt nicht um seiner selbst willen entworfen hatte. Für ihn diente die Fantasy-Welt, die er selbst erschaffen hatte, immer auch dazu, auf ironische Art und Weise auseinandergenommen zu werden – wie Kinder, die eine Sandburg bauen, um sie hinterher mit lautem Gebrüll wieder plattzutrampeln. Diese Welt, eine flache Scheibe, auf dem Rücken von vier Elefanten liegend, die wiederum auf dem Rücken der riesigen Schildkröte Groß A'Tuin stehen, die ihrerseits durchs All schwimmt – schon für sich genommen eigentlich eine Absurdität. Die Demontage dieser Welt, vor allem der mit ihr verbundenen Fantasy-Klischees, war auch immer Pratchetts Mittel, dem Leser die eigenen Fehler und den Irrsinn der echten Welt um ihn herum aufzuzeigen. Man muss den Humor der Bücher nicht mögen, und ich kenne viele, die ihn sogar unerträglich finden, aber die Weitsicht, die Klugheit, die Pratchetts Romanen – bei Weitem nicht nur den Scheibenweltromanen – innewohnt, die muss man anerkennen.

Ich habe inzwischen, bis auf den jüngsten Roman, alle Scheibenwelterzählungen gelesen. Viele gute und entspannende Momente verbinde ich mit diesen Büchern. Ich las sie im Sommer auf dem Balkon, neben mir ein kaltes alkoholfreies Bier, ich las sie in der Badewanne, hatte sie auf meinen Reisen dabei, ganz egal, ob ich meine Freundin besuchte, die damals noch in Stuttgart studierte, ob es in den Urlaub ging, oder ob ich beruflich unterwegs war. Zuerst las ich die Bücher ungeordnet, später in chronologischer Reihenfolge – ich wollte die Querverweise verstehen, denn die Scheibenwelt, die immer auch eine Parabel auf die Rundwelt darstellt, entwickelt sich natürlich weiter. Begann sie in einem mittelalterlichen Szenario um den trottligen Zauberer Rincewind, so lässt sie sich inzwischen eher mit dem viktorianischen England vergleichen, bevölkert von einer Vielzahl wiederkehrender Charaktere. Ich begann auch, die bunten Cover der Bücher zu mögen, weil die vielen Details, die mich anfangs abstießen, mich nun auch zum Schmunzeln brachten.

Vieles habe ich aus Pratchetts Büchern gelernt, sowohl, was das Erzählen von Geschichten an sich angeht, als auch – was viel wichtiger ist – über das Funktionieren einer modernen Gesellschaft. Pratchetts Romane standen und stehen für Toleranz, Pazifismus und eben jenes Quäntchen an gesundem Menschenverstand, das am Ende über Kriegstreiberei, Vorurteile, Hass und Gier siegen wird. Wenn ich nur eine zentrale Botschaft von der Scheibenwelt mitnehmen dürfte, so wäre es diese: Denke und glaube, woran du möchtest, aber geh damit niemandem auf die Nerven. Pratchett hat diesen Satz so nie geschrieben, aber das war auch nicht notwendig.

Die jüngsten Romane versprühen leider nicht mehr den Geist und die Magie früherer Werke, was wohl der Alzheimer-Erkrankung zuzuschreiben sein dürfte, unter welcher der Autor seit spätestens 2007 litt und die seinem Dasein gestern ein viel zu frühes Ende bereitete. Der früher so charmante Humor war in den letzten paar Büchern inzwischen eher ein fernes Echo geworden, die Charaktere waren Schatten ihrer selbst und kaum mehr wiederzuerkennen. Irgendwie hoffte ich trotzdem immer, es würde wieder besser werden, wieder bergauf gehen, schließlich ist es nicht vorbei, bis die dicke Frau gesungen hat. Auf der Rundwelt stirbt die Hoffnung zuletzt. Pratchett ist gestern vorausgegangen. Tod und er konnten hoffentlich wenigstens noch kurz an einem Imbiss anhalten und ein Currygericht genießen.

Einen Roman gibt es noch, einen habe ich noch nicht gelesen. Die Scheibenwelt erhält zum Abschluss eine Eisenbahnlinie. Ich weiß, der Roman, »Toller Dampf voraus«, wird eher mittelmäßig sein. Ich werde ihn trotzdem lesen. In Gedanken werde ich dann in einem der Waggons sitzen und rausschauen, während die Stadt Ankh-Morpork noch einmal an mir vorbeizieht, wo die Flaggen auf Halbmast wehen. Irgendwo im winzigen Königreich Lancre wird wohl sogar Oma Wetterwachs ein Tränchen vergießen, aber natürlich nur, wenn wirklich, wirklich, wirklich niemand in der Nähe ist, der sie dabei sehen könnte.

Die Endgültigkeit auf einer Welt, von der man nicht herunterfallen kann, wenn man immer geradeaus läuft, ist ein seltsam mattes Gefühl. Kommandant Mumm von der Stadtwache hätte darauf wohl einen zotigen Spruch parat. Ich werde all das wirklich vermissen.

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In dem Moment, in dem ich ohne meinen Schlüssel vor der Bürotür stand, wusste ich, es würde kein schöner Tag werden.

Eine Welt ohne Scheibenwelt ist doch irgendwie viel zu flach.

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In letzter Zeit war's hier etwas ruhiger als, äh, vor ein paar Jahren oder so. Okay, nichts Neues also. Diesmal hat meine Schreibfaulheit aber auch einen Grund. Meiner Freundin sei dank, die eigentlich lediglich eine neue Kamera kaufen wollte, um schönere Fotos für ihr Bücherblog zu knipsen, bin ich auf das Thema Fotografie aufmerksam geworden. Und wer mich kennt, weiß, dass aufkeimendes Interesse bei mir vor allem mit einem beginnt: Recherche, Recherche, fucking Recherche! Wer fotografieren will, braucht schließlich vor allem eines: 'ne Knipse.

Nach ausgiebigen Testberichten, Befragungen von Kollegen, etc. hatten wir uns recht schnell für die kompakte Sony RX100 entschieden. Gesagt, gekauft, und so konnte die erste Fototour im Berliner Viktoriapark beginnen. Daran hatte auch ich so viel Spaß, dass ich mich entschied, gleich mal selbst 'ne Kamera zu kaufen. Weil ich da dank Recherche, Recherche, fucking Recherche schon ganz gut im Bilde war, hatte ich mir natürlich schon ein paar Modelle ausgeguckt.

Im Saturn war's dann, wie's immer ist, wenn man da was kaufen will: Hinterher möchte man den Verkäufer am liebsten gegen die nächste Wand klatschen oder gleich mit Kompaktkameras steinigen. Auf meine Frage nach einem bestimmten Modell, das leider nur noch als Vorführmodell vorhanden war, führte der übermotivierte Angestellte mich zu einer, seiner Meinung nach, natürlich ausgezeichneten Alternative – die so drei- bis vierhundert Euro mehr kostete. »Hat super Werte«, meinte der werte Herr, und ich dachte nur: Wie jetzt, soll das diese Beratung sein, von der man außerhalb des Internet hin und wieder hört? »Junger Mann«, hätte ich am liebsten gesagt, »ich tue seit Wochen nichts anderes, als die Spezifikationen zu System- und Spiegelreflexkameras auswendig zu lernen, kommen Sie mir also nicht mit ›Hat super Werte‹, klar?« Woah! Um der gammligen Sahnetorte dann noch die eklige Chemiekirsche draufzusetzen, die keiner mag, versuchte der Kerl hinterher noch, mir 'ne überteuerte Kameraversicherung ins Paket zu mogeln, nach der ich nicht gefragt hatte. Auf die Art aber nicht, Freundchen! Nächstes Mal kauf ich wieder im Internet bei freundlichen Fachhändlern wie Amazon oder so. Als beruflicher Berater bin ich ohnehin beratungsresistent, da brauche ich keinen Einzelhandel mit der Mentalität eines windigen Gebrauchtwagenverkäufers.

Jedenfalls bin ich jetzt Besitzer einer Nikon DSLR aus dem Einsteigersegment, und wenn ich an freien Tagen nicht gerade samt Freundin und Kameras durch die Gegend stromere, versuche ich, die Theorie in meinen Kopf zu kriegen. Die Geschichte mit den Blenden, Verschlusszeiten und ISO-Werten ist ja schnell begriffen (wenn auch nicht immer schnell umgesetzt), das mit der Motivwahl dagegen ist die eigentliche Kunst, wie mir scheint. Aber es ist schließlich noch kein Meister vom Himmel gefallen.

Sollte ich mich letztlich nicht allzu blöde anstellen, schmück ich diese Seite hier demnächst also vielleicht sogar mal mit Bildern. Es geschehen eben doch noch Zeichen und Wunder.