Die Scheibenwelt und ich

Meine erste Begegnung mit einem Pratchett-Roman verlief sehr unspektakulär. Ich gebe zu, mich schreckten die irre bunten Cover der Scheibenweltromane mit ihren detailverliebten Comiczeichnungen immer ab. Terry Pratchett, von meinem damaligen Verständnis her ein Fantasy-Autor für Nerds, das war nichts für mich. Vielleicht weil ich selbst immer ein bisschen nerdiger war, als ich es gern gewesen wäre. Irgendwann im Frühsommer 2011, recht spät im Lebenswerk des britischen Autors also, fiel mir die deutsche Übersetzung zu »Making Money« in einer Berliner Thalia-Buchhandlung in die Hände. Deutscher Titel: »Schöne Scheine« – der erste Scheibenweltroman in meinen Fittichen, der keines der genannten Cover hatte, sondern ein für mein Empfinden sehr ansprechendes, flächiges. Ich bin ein Augentier, drum kaufte ich das Buch wohl seines Covers wegen. Und weil ich endlich wissen wollte, was es mit dieser verflixten Scheibenwelt überhaupt auf sich hatte.

Es gibt nicht so viele Autoren, die mich von der ersten Seite an mitnehmen. Manche Werke entfalten ihre Qualitäten erst nach der Hälfte des kompletten Buches, andere plätschern bis zum Schluss dahin wie ein gemütliches Bächlein, wieder anderen fehlt die Seele. »Schöne Scheine« dagegen zog mich von der ersten Seite an in seinen Bann. Wie oft fand ich mich selbst in der Schrulligkeit der Charaktere, in ihren ganz gewöhnlichen Fehlbarkeiten wieder? Ich erkannte recht schnell, dass Pratchett das Fantasy-Setting der Scheibenwelt nicht um seiner selbst willen entworfen hatte. Für ihn diente die Fantasy-Welt, die er selbst erschaffen hatte, immer auch dazu, auf ironische Art und Weise auseinandergenommen zu werden – wie Kinder, die eine Sandburg bauen, um sie hinterher mit lautem Gebrüll wieder plattzutrampeln. Diese Welt, eine flache Scheibe, auf dem Rücken von vier Elefanten liegend, die wiederum auf dem Rücken der riesigen Schildkröte Groß A'Tuin stehen, die ihrerseits durchs All schwimmt – schon für sich genommen eigentlich eine Absurdität. Die Demontage dieser Welt, vor allem der mit ihr verbundenen Fantasy-Klischees, war auch immer Pratchetts Mittel, dem Leser die eigenen Fehler und den Irrsinn der echten Welt um ihn herum aufzuzeigen. Man muss den Humor der Bücher nicht mögen, und ich kenne viele, die ihn sogar unerträglich finden, aber die Weitsicht, die Klugheit, die Pratchetts Romanen – bei Weitem nicht nur den Scheibenweltromanen – innewohnt, die muss man anerkennen.

Ich habe inzwischen, bis auf den jüngsten Roman, alle Scheibenwelterzählungen gelesen. Viele gute und entspannende Momente verbinde ich mit diesen Büchern. Ich las sie im Sommer auf dem Balkon, neben mir ein kaltes alkoholfreies Bier, ich las sie in der Badewanne, hatte sie auf meinen Reisen dabei, ganz egal, ob ich meine Freundin besuchte, die damals noch in Stuttgart studierte, ob es in den Urlaub ging, oder ob ich beruflich unterwegs war. Zuerst las ich die Bücher ungeordnet, später in chronologischer Reihenfolge – ich wollte die Querverweise verstehen, denn die Scheibenwelt, die immer auch eine Parabel auf die Rundwelt darstellt, entwickelt sich natürlich weiter. Begann sie in einem mittelalterlichen Szenario um den trottligen Zauberer Rincewind, so lässt sie sich inzwischen eher mit dem viktorianischen England vergleichen, bevölkert von einer Vielzahl wiederkehrender Charaktere. Ich begann auch, die bunten Cover der Bücher zu mögen, weil die vielen Details, die mich anfangs abstießen, mich nun auch zum Schmunzeln brachten.

Vieles habe ich aus Pratchetts Büchern gelernt, sowohl, was das Erzählen von Geschichten an sich angeht, als auch – was viel wichtiger ist – über das Funktionieren einer modernen Gesellschaft. Pratchetts Romane standen und stehen für Toleranz, Pazifismus und eben jenes Quäntchen an gesundem Menschenverstand, das am Ende über Kriegstreiberei, Vorurteile, Hass und Gier siegen wird. Wenn ich nur eine zentrale Botschaft von der Scheibenwelt mitnehmen dürfte, so wäre es diese: Denke und glaube, woran du möchtest, aber geh damit niemandem auf die Nerven. Pratchett hat diesen Satz so nie geschrieben, aber das war auch nicht notwendig.

Die jüngsten Romane versprühen leider nicht mehr den Geist und die Magie früherer Werke, was wohl der Alzheimer-Erkrankung zuzuschreiben sein dürfte, unter welcher der Autor seit spätestens 2007 litt und die seinem Dasein gestern ein viel zu frühes Ende bereitete. Der früher so charmante Humor war in den letzten paar Büchern inzwischen eher ein fernes Echo geworden, die Charaktere waren Schatten ihrer selbst und kaum mehr wiederzuerkennen. Irgendwie hoffte ich trotzdem immer, es würde wieder besser werden, wieder bergauf gehen, schließlich ist es nicht vorbei, bis die dicke Frau gesungen hat. Auf der Rundwelt stirbt die Hoffnung zuletzt. Pratchett ist gestern vorausgegangen. Tod und er konnten hoffentlich wenigstens noch kurz an einem Imbiss anhalten und ein Currygericht genießen.

Einen Roman gibt es noch, einen habe ich noch nicht gelesen. Die Scheibenwelt erhält zum Abschluss eine Eisenbahnlinie. Ich weiß, der Roman, »Toller Dampf voraus«, wird eher mittelmäßig sein. Ich werde ihn trotzdem lesen. In Gedanken werde ich dann in einem der Waggons sitzen und rausschauen, während die Stadt Ankh-Morpork noch einmal an mir vorbeizieht, wo die Flaggen auf Halbmast wehen. Irgendwo im winzigen Königreich Lancre wird wohl sogar Oma Wetterwachs ein Tränchen vergießen, aber natürlich nur, wenn wirklich, wirklich, wirklich niemand in der Nähe ist, der sie dabei sehen könnte.

Die Endgültigkeit auf einer Welt, von der man nicht herunterfallen kann, wenn man immer geradeaus läuft, ist ein seltsam mattes Gefühl. Kommandant Mumm von der Stadtwache hätte darauf wohl einen zotigen Spruch parat. Ich werde all das wirklich vermissen.

4 Gedanken zu “Die Scheibenwelt und ich

  1. Ich habe mich auch lange gesträubt, bis ich irgendwann mal Wachen! Wachen! angefasst habe. Danach ging es dann sehr schnell. Als ich umgezogen bin habe ich nur sehr wenige Bücher mitgenommen - aber jedes einzelne Scheibenwelt-Buch war dabei!

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Von den Büchern könnte ich mich auch nicht trennen. "Wachen! Wachen!" war auch wirklich grandios. Hätte ich das zuerst gelesen, dann hätte ich die anderen Bücher wahrscheinlich noch schneller verschlungen. Ist eines der wenigen Bücher, bei denen wirklich alles stimmt.

  2. RoM

    Servus, Thomas.
    Die Kunst etwas zu erschaffen ist die List des Menschen, um Gevatter Tod eins auszuwischen. Wirkt vielleicht nicht immer so langfristig wie bei Homer* - aber ein kleinster Splitter "Unsterblichkeit" bleibt es dann doch.
    Mir selbst ist der Pate der Scheibenwelt nie ins Interesse gerutscht; obwohl ich jahrelang im Fandom herumhing & alle von den Büchern schwärmen konnten. Douglas Adams, ja. Vieleicht auch, weil Terry Pratchetts Ceuvre derart umfangreich ist. Genau weiß ich es nicht.

    Bleibt zu fragen, ob Gevatter Tod eigentlich ein irgendwie brauchbar gerechtes System hat, seine Besuche zu planen; vermutlich aber eher ein Gedanke für die Scheibenwelt.

    Ich denke, sein Tod macht Dir Deine Sammlung seiner Bücher um ein, zwei Welten wertvoller.

    bonté

    * für den Fall, daß es bis in 4 Mrd. Jahren keine Galaktische Bibliothek geben sollte, ist der fabulierfreudige Grieche spätestens mit dem Kippen des sonneninternen Supernova-Schalters dran.

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Hallo RoM,

      Gevatter Tod hat kein gerechtes System. Es gibt einen Ausspruch, der, meine ich, auch aus dem Buch "Gevatter Tod" stammt. In diesem sagt Tod: ES GIBT KEINE GERECHTIGKEIT. ES GIBT NUR MICH.
      Damit ist ja so ziemlich alles gesagt, was das angeht. Allerdings behält Tod sich vor, nur jene persönlich zu beehren, die im Leben einen gewissen Stand hatten. Für alle anderen hat er wohl irgendwelche Helfer.

      Der Vergleich zu Douglas Adams bietet sich natürlich auch an, was Pratchett angeht, klar. Die sind sich auch schon sehr ähnlich, und dann aber wieder so gar nicht. Pratchett ist Humanist, der Moralische, während Douglas Adams eher der Visionär war, der über seine Visionen die Absurditäten der Gegenwart vermittelt hat. Saukomisch waren sie beide.

      Und na klar, die Bücher sind für mich natürlich von sehr großem Wert. 🙂

      Viele Grüße
      Thomas

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