[Kurzgeschichte]: Von Glück, Cola und Inkasso Moskau

WinkekatzeWenn ich durch die Stadt fahre, fühle ich mich beschissen. Die Werbung, die überall herumhängt, ist schuld. »Ey Leute, da ist ’ne freie Wand, lasst uns ein Werbeplakat dranflanschen!«, sagt wahrscheinlich irgendeiner mit ’ner teuren Krawatte, und zack, hängt ’ne neue Cola-Werbung dran, die mir suggerieren soll, wie geil es doch wäre, jetzt, und zwar wirklich genau jetzt eine Flasche Cola zu trinken. Da sind dann Leute auf diesen Plakaten abgebildet, die in die Luft springen und mit weit geöffnetem Mund lachen, dass einem angst und bange wird, die Mundwinkel könnten bis zu den Ohren einreißen. Und natürlich halten die alle eine Flasche der beworbenen Colamarke in der Hand. Schwappt natürlich auch nichts aus der Flasche, während sie hochspringen und feixen, ach was, natürlich nicht. Ganz so, als wäre in der Flasche gar nichts Flüssiges. Aber so, wie die alle aus ihren individuellen Klamotten grinsen, könnte man eh meinen, die Pullen wären randvoll mit Koks, statt mit Zuckerwasser. Wenn ich an diesen Plakaten vorbeifahre, denk ich gar nicht, hey, ich hätte jetzt aber auch gerne so ’ne Cola. Nee nee, ich denke nur, boah, haben diese Leute da offenbar ein cooles Leben, wenn sie so herumspringen und lachen können. Und weil der Teufel immer auf den größten Haufen scheißt, schwappt nicht mal was aus der Flasche. Ja, das denk ich, und deswegen fühle ich mich schlecht. In meinem Leben wird nicht herumgesprungen, da wird auch nicht gelacht. Trotzdem schwappt ständig was aus der Flasche.

Ich geh drum gar nicht mehr so gerne raus, jetzt echt. Wenn die Sonne morgens hinterm Horizont hochkommt, gehen bei mir die Rollos erst so richtig runter. Ich schlurfe dann erst mal zum Klo und kacke den Frust vom Vortag aus. Dann spül ich’s weg. Und dann sitz ich im Dunkeln und guck durch meine verschmierte Brille Internet. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, dann ist das Internetgucken auch nicht viel besser, als die vielen glücklichen Menschen auf den Plakaten draußen. Also gegen die Werbung hier im Internet hab ich mir so ’nen Werbeblocker besorgt. Jetzt versucht da keiner mehr, mir Cola zu verkaufen. Besser wird’s davon aber auch nicht. Wenn ich im Internet Porno gucke, sehen die Leute da auch immer so fürchterlich glücklich aus. Vor allem ... na ja ... hinterher. Ich mach dann manchmal ’ne Faust aus der rechten Hand. Die betrachte ich von allen Seiten und denke mir so, hmm ... nee, die sieht jetzt nicht so richtig glücklich aus.

Das nervt mich dann schon ein bisschen. Also guck ich lieber Facebook. Aber, man könnte es schon ahnen, besser ist es da auch nicht. Überall sieht man da nur Menschen, die Spaß haben. Würde Spaß den Speichelfluss anregen, hätten die alle Schaum vorm Mund. Es wirkt immer so, als müssten all die Menschen auf Facebook gar nicht arbeiten gehen, als würden die nie ihren Kindern die stinkenden Windeln wechseln müssen oder im Streit mit dem oder der Angetrauten Omas gute Porzellanerbmasse zerschmeißen. Nee, immer grinsen nur alle von ihren Bildern, als wär das Leben ein Wettbewerb im Glücklichsein. Auf ihren Fotos stehen sie immer an mutterseelenverlassenen Stränden und lächeln in die Kamera. Alle. Dabei denk ich dann, wenn das wirklich alle machen würden, müssten die Strände ja ständig voller Leute sein, die irgendwie versuchen, noch gerade so aufs Foto zu kommen, dass es aussieht, als wären sie ganz alleine da.

Tja, und ich so? Ich steh jetzt auf meinem Profilbild auch vor so ’nem Strand. Hab ich selbst gemacht. Mit Photoshop. Hab dabei auch versucht, so zu grinsen wie die anderen, aber immer, wenn ich einen Mundwinkel hochgezogen hab, ist der andere wieder runtergefallen. Jetzt ganz ehrlich, dieses ... dieses Grinsen, dieses Lachen und Glücklichsein, das ist nichts für mich.

Mein Kumpel Heinz, der ist auch so einer, der von den Urlaubsfotos grinst. Der hat so viele davon online gestellt, dass die Hälfte von Facebooks Speicherplatz mit seinen Bildern vollgeknallt sein muss. Heißt ja immer, Facebook würde die Bilder von den Leuten für Werbung missbrauchen, weil man ja seine Rechte quasi abgibt und so, aber ich hab Heinz bisher noch von keiner Litfaßsäule grinsen sehen. Obwohl das ganze Facebook voll von ihm ist. Ist jetzt aber auch nicht der schönste, der Heinz. Na jedenfalls meinte Heinz mal zu mir: »Ey, warum fährst du denn nicht auch einfach mal in den Urlaub? Wird dir gut tun, wirst sehen. Das macht einen ganz neuen Menschen aus dir.«

Ich hab dann nur mit den Schultern gezuckt. Das kann ich gut, das Schulterzucken. »Ach, was soll der Quatsch?«, sagte ich. »Urlaub machen kann ich auch mit Google Earth. Dat kost’ nix. Und wenn ich ’n Bild vom Eiffelturm brauch, dann such ich mir eins ausm Internet.«

»Das ist doch aber nicht dasselbe«, meinte Heinz kopfschüttelnd. Der konnte das irgendwie nicht verstehen, was ich wiederum nicht verstehen konnte. Ich meine, es gibt ungefähr eine Bazilliarde Bilder von Sehenswürdigkeiten. Müssen es denn unbedingt eine Bazilliarde und eins werden, indem ich auch noch ein Bild dazu tue? Ich glaub ja nicht.

»Du bist da echt zu pragmatisch eingestellt. Das bringt dich alles noch mal vorzeitig unter die Erde«, sagte Heinz, und vielleicht hatte er damit ja recht.

»Außerdem kann ich mir so einen tollen Urlaub gar nicht leisten«, ergänzte ich, weil ich das Gefühl hatte, was zu ergänzen, wär nicht das Schlechteste. Außerdem mag ich es nicht, zusätzlich das Gefühl zu haben, andere Leute hätten recht.

»Ach was! Das kannste doch mit ’nem kleinen Kredit machen«, sagte Heinz und zwinkerte so komisch, wie er das immer machte, wenn er meinte, er hätte da ’nen Trick, den kein anderer außer ihm kennt. »Klitzekleine Rate, das zahlste dann locker ab und hast dafür ’nen bombigen Urlaub.« Von wegen klitzekleine Rate. Kleinvieh macht auch Mist, sagt man. Bei Heinz hatte der Misthaufen schon ’ne eigene Gravitation. Schulden mit anderen Schulden ablösen, das ist auch ’ne Kunst. Das ist, wie aus nichts noch weniger machen und damit dann noch ruhig schlafen können. Aber so machte der Heinz das schon immer. Die ganze Welt wurde schon von Heinz bereist, ohne dass der auch nur einen ausgegebenen Euro dafür selbst verdient hätte.

Das Problem für so Typen wie Heinz ist aber, dass die Leute von den Banken auch nicht ganz blöde sind. Man munkelt ja, dass inzwischen angehende Bankberater in Kreditrisikoschulungen zuerst Heinz’ Foto zu sehen kriegen. Also müssen so Leute wie Heinz irgendwann anderswo Kohle herbekommen. Na ja, machen wir’s kurz: Vor ein paar Monaten, da war der Heinz im Urlaub auf Maui, wo ihn allerdings Inkasso Moskau aufspürte. Die kamen wohl mit guten Argumenten und ’nem Knüppel oder so zu ihm, nahmen ihm die Hälfte seiner Kauleiste raus und meinten, wenn er nicht bald zahlt, nehmen sie auch die andere Hälfte mit und schenken ihm ein paar Adidas-Treter mit Betoneinlagen. Klar zahlte Heinz dann, wie auch immer er das wieder gemacht haben mag. Weiß halt, wie’s geht, der Heinz.

Auf jeden Fall hab ich seitdem ein neues Hobby. Wenn ich nämlich mal wieder schlechte Laune hab, weil alle anderen um mich herum so gut drauf sind und mir die Perlweißmodels von den Werbeplakaten ihr kapitalistisches Glück auf die Glatze kotzen, dann guck ich einfach wieder Facebook, surfe bei Heinz vorbei und gucke seine Urlaubsbilder an: Heinz auf Maui – grinst auch wie ’n Honigkuchenpferd, und das geschwollene Auge ist da schon ganz gut abgeheilt, dafür sieht man allerdings einen ganzen Haufen schwarzer Löcher im Gebiss. Das sieht vielleicht aus. Herrlich! Echt nicht zu beneiden, der Kerl, und damit besser als jeder Urlaub. Darauf trink ich dann erst mal ’ne Cola.

2 Gedanken zu “[Kurzgeschichte]: Von Glück, Cola und Inkasso Moskau

    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Danke schön! Das mit der Grundgrantigkeit (Auch ’n schönes Wort!) ist natürlich die Hauptsache. Und ich finde, Porzellanerbmasse sollte der offizielle Begriff dafür sein. Kein Mensch unter 70 Jahren hat solches Zeug, wenn er’s denn daheim im Schrank hat, selbst gekauft. So was kriegt man immer vererbt und traut sich dann nicht, es in den Müll zu schmeißen.

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