Reich und berühmt – NICHT!

Reich und berühmt - NICHT!Es war einmal ... ich. So in der Art wird die Aufschrift meines Grabsteins lauten, wenn ich mich erst auf unabsehbare Zeit in einem Holzschächtelchen schlafen gelegt haben werde. Uh, Futur II! Ja, Sätze bauen, das kann ich. Mögen sie auch siebenzeilig werden und Rodeo durch die absurde deutsche Grammatik reiten, ich krieg das hin. Das ist quasi die Inselbegabung eines Typen, der sonst eigentlich nicht so richtig viel kann. Jetzt braucht mir auch keiner mit »Ach komm, sei doch nicht so hart zu dir selbst« kommen. Die Tatsache, dass ich auch anno 2015 noch immer nicht reich und berühmt bin, ist Indiz genug dafür, dass ich es wohl auch innerhalb der nächsten dreißig Jahre meiner irdischen Daseinsberechtigung zu nichts gebracht haben werde. Uh, Futur II!

Früher, da wäre ich gern Rockstar geworden. Nicht, dass ich Ahnung gehabt hätte, wie man so was überhaupt anfängt, aber auf MTV sah das schon sehr lässig aus, wenn die Superduperstars den Kameraleuten grinsend ihre dekadenten Häuser zeigten und die goldenen Wasserhähne ihrer stadtstaatgroßen Bäder sich in ihren Goldzähnen spiegelten, das Ganze brillant reflektiert von den polierten Türklinken aus Gold. Und dann das mit der Musik erst! Woah, so wie mancher Klampfengott wollte ich auch Gitarre spielen können. Machte im Musikfernsehen schon was her. Aber das war damals. Heute sieht man, wenn man so was wie Musikfernsehen überhaupt noch irgendwo auf Kanal drölftausend beim Sendersuchlauf findet, allenfalls, wie Helene Fischer im ultrakurzen Glitzerhöschen nachts nach ihrem Atem sucht. Nee, das ... also das will ich dann ja doch nicht. Dieser Würfelhusten von Musik heutzutage ist von Coolness so weit entfernt wie Hitler im April 1945 vom Endsieg. Egal, das Gitarrespielen brachte ich mir vor knapp zehn Jahren dann trotzdem bei. Ich wusste nicht, wie Slash und Co. das so grandios hinbekamen, ich wusste nur, ich wollte das auch. Was brauchte ich dafür schon mehr als eine Gitarre, mich, meinen Elan und funktionierende Finger? Und hier die Antwort darauf: Talent. Heute weiß ich immerhin, dass eine Gitarre möglichst mindestens sechs Saiten haben sollte, angesichts der menschlichen Hand mit nur fünf Fingern übrigens eine blöde Idee, wie ich finde. Und wenn ich was auf der Klampfe spiele, ist es wahrscheinlich, dass man ein von mir virtuos vorgetragenes »Alle meine Entchen« auch für ein solches hält und nicht für das viel weniger anspruchsvolle »Laterne, Laterne – Sonne, Mond und Sterne«. Für MTV, goldene Wasserhähne und mit Koks panierte Playboy-Bunnys reichte das alles letztlich aber nicht, doch wenn's so wäre, hätte ich diesen Text ja auch ganz anders begonnen.

Noch viele Jahre, bevor ich die Musik für mich entdeckte, zeichnete ich viel und gerne. Ich konnte das auch ganz gut, was verwunderlich ist, sagte doch meine Mutter gerne Sachen wie: »Also wenn ich was male, kann man hinterher nicht sagen, ob's eine Kuh oder ein Schwein sein soll.« Weshalb sie immer nur Kühe und Schweine malen wollte, erschloss sich mir nicht, klar war aber, die genetischen Grundlagen für eine Malerkarriere waren, was mich anging, nicht gerade Faber-Castell, sondern eher so was wie minderwertige Billigstifte aus China, deren Spitzen nach dem ersten Aufsetzen aufs Papier mehrfach brachen, sodass man sie zu kleinen Stummeln zurechtspitzen musste. Genau so war es auch immer mit meinen echten Stiften. Ja, abbrechende Stifte wären die rote Linie meiner Zeichenkarriere gewesen, wenn man mit den Dingern denn überhaupt Linien hätte zeichnen können – ohne dass sie abbrachen. Mit der Zeichnerei wurde ich übrigens – oh Wunder – nicht reich und berühmt. Ich schickte während meiner Grundschuljahre ein paar Zeichnungen zu Wettbewerben, aber das Einzige, was ich damit jemals gewann, war der Besuch eines aalglatten Schlipsträgers bei uns zu Hause, der uns 'ne überteuerte Bertelsmann-Enzyklopädie andrehen wollte. Toll! Für die Jüngeren unter uns: Das war so was wie Wikipedia, nur ohne Suchfeld und ohne Artikel über eure Lieblings-YouTube-Stars.

Wer nichts in der Birne hat, wird zur Not Sportler. Das geht immer. Zwar hatte ich was in der Birne (und habe hoffentlich auch heute noch nicht alles davon wegmalocht), trotzdem war ich in wenigstens einigen sportlichen Disziplinen gar nicht übel. Gut, wenn ich einen Ball warf, konnte der Sportlehrer die Weite mittels seiner Armspannweite messen, wobei ein Arm locker reichte, beim Handball versuchte ich einzig und allein, den Ball nicht in die Fresse zu kriegen, und ich schaffte tatsächlich nur einen einzigen Klimmzug, aber hey, ich konnte rennen, schnell wie der Wind. Nicht unbedingt olympiagoldverdächtig, zumindest NOCH nicht, dachte ich damals, aber es reichte immerhin, schadlos davonzukommen, wenn die Sechstklässler hinter einem her waren. Das war auch bitter nötig, denn wenn man mir eine rote Zipfelmütze aufgesetzt hätte, wäre ich vom Gartenzwerg nicht zu unterscheiden gewesen. Da hatte die Evolution ein Einsehen mit mir. Sie gab mir schnelle, wenn auch kurze Beine. Der neue Weltrekordhalter im Hundertmeterlauf wurde ich allerdings trotzdem nicht, damit also auch nicht reich und berühmt. Eine Blutgrätsche beim Fußball mit anschließender Bänderdehnung sowie später eine Knie-OP machten meine Ambitionen sowie meinen evolutionären Geschwindigkeitsvorsprung ein für allemal zu nichte: Ich blieb so langsam wie heute das Smartphone-Internet, wenn am Ende des Datenvolumens noch zu viel Monat übrig ist. Inzwischen waren aus einigen der einstigen Sechstklässler übrigens gestandene Neonazis geworden, doch glücklicherweise wäre ich im Zweifelsfall trotz kaputter Gelenke immer noch schnell genug davongekommen, weil so ein herkömmlicher Nazi naturgemäß säuft wie'n Loch und die wandelnden Fleischmützen damit so agil waren wie ein fest verbauter Kachelofen im Altbau. Half aber nix: Meine Läuferkarriere hatte sich totgelaufen.

Später, viel, viel später, da versuchte ich es mit dem Schreiben. Ich schrieb Gedichte, Kurzgeschichten, Texte wie diesen, oder eben alles, was gerade mal so raus musste. Auch hier war ich so schlecht gar nicht mal. Für einen Tausendseiter, wie er einem Stephen King beim Niesen versehentlich mal aus dem Ärmel purzelt, hätte mein Sitzfleisch während des Tippens zwar ohnehin nie gereicht, aber was hochgradig Intellektuelles, wo oft schon nach zweihundert Seiten das Ende der platonischen Fahnenstange erreicht ist, wäre theoretisch bestimmt drin gewesen. Nun funktioniert allerdings theoretisch auch der Kommunismus, drum ist es praktisch so, dass ich erstens weiß, dass man mit intellektuellem Geseiere vielleicht mäßig berühmt, keinesfalls aber reich wird, ich zweitens niemals das männliche Pendant zu Sibylle Berg hätte werden wollen, und mir drittens – ich erinnere an die nicht unterscheidbaren Kühe und Schweine aus meiner Erblinie – schlicht und einfach der Intellekt fehlt.

Nach all den Versuchen habe ich schließlich einen Trick entdeckt, mittels dem ich wenigstens so was Ähnliches wie Wohlstand anhäufen kann. Es nennt sich: arbeiten gehen. Kaum zu glauben, aber ehrliche Arbeit hilft akut gegen große Träume, hoch gesteckte Ziele und das damit meist einhergehende Arbeitslosengeld 2. Der Grad an Berühmtheit reicht beim Arbeiten zwar kaum über die Grenzen des Abteilungsmailverteilers hinaus, dafür kleckert monatlich wie von Zauberhand ein bescheidenes Salär auf mein Konto. Reichtum ist das nicht, für Bio-Eier reicht's aber allemal. Was das Superstardasein angeht, bin ich nach dreißig Jahren unter dem Titel »Die Schwarze Null« einigermaßen geerdet. Und um, wie es der Weltliterat Sido einst so schön sagte, die Fuffis in den Club zu schmeißen, und zwar so richtig, muss man sowieso schon mindestens mal EZB-Präsident sein, kein oller Rapper aus Marzahn-Hellersdorf oder was auch immer. Ansonsten geht's mir ja derzeit nicht anders als beispielsweise dem moralisch nicht ganz einwandfrei zu Reichtum gelangten Uli Hoeneß: Tagsüber sitze ich gezwungenermaßen in grauen Räumlichkeiten fest, schlafen darf ich aber wenigstens zu Hause. So gesehen habe ich es also doch zu was gebracht. Und falls in dreißig Jahren doch noch mal eine große Sinnkrise ansteht, erfinde ich einfach schnell vor meinem Ableben das Futur IV (Teil drei lass ich aus), ein kaum zu durchschauendes Konstrukt nicht eingetretener Möglichkeiten in einer bereits vergangenen Zukunft. Reich wird mich das posthum nicht machen, dafür aber berühmt: Generationen von Schülern werden mich gehasst haben worden hätten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du möchtest einen Kommentar hinterlassen, weißt aber nicht, was du schreiben sollst? Dann nutze doch den KOMMENTAROMAT! Ein Klick auf einen der Buttons unten trägt automatisch die gewählte Reaktion in das Kommentarfeld ein. Du musst nur noch die Pflichtfelder ausfüllen und den Kommentar abschicken. :)