Archive für den Monat: Mai 2015

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FahrsimulatorDas Ding auf dem obigen Bild hatte ich als Kind auch. Meine Eltern schenkten mir das als Fahrsimulator getarnte "Telespiel" irgendwann zu Weihnachten. Ich weiß noch sehr genau, dass ich immer an dem kleinen weißen Tisch im Kinderzimmer saß, das ich mir mit meiner Schwester teilen musste, und damit spielte. Irgendwo in alten Alben gibt es davon auch ein paar Fotos. Vermutlich schenkten meine Eltern mir das Ding, weil, tja, ich eben ein Junge war und Jungs mit so was zu spielen hatten. Oder so. Passt aber auch ein bisschen zur Autonation Deutschland. Das Heranführen ans Autofahren schon im Kindesalter. Gibt's ja so ähnlich auch mit Werkzeug, Puppenküchen, etc., wobei man sich da natürlich berechtigt über veraltete Rollenmodelle streiten kann.

Das mit dem Heranführen hat jedenfalls nicht geklappt. Als ich 18 war, drückte ich mich davor, den Führerschein zu machen. Ich hatte schlichtweg kein Interesse daran, Auto zu fahren. Ein bisschen schämte ich mich wahrscheinlich auch, weil ich wusste, dass ich mir selbst kein Auto leisten können würde und dass meine Eltern mir auch keines kaufen konnten. Ich nahm ihnen das nicht übel oder so, es war eben ganz einfach so. Ich legte auch nicht allzu viel Wert darauf. Wenn es nach mir gegangen wäre: Ich hätte ewig weiter Fahrrad fahren können. Allerdings merkte ich schnell: Ab 18 war mit dem Fahrrad allein ziemlich schnell außen vor, wenn es um Unternehmungen ging, die plötzlich überall stattfanden, nur nicht mehr im Heimatort.

Mit 19 machte ich dann doch den Führerschein. Auf Anraten meiner Mutter hin, die immer sagte: "So was braucht man einfach." Wenn dieses tolle Argument nicht zog, ergänzte sie auch gerne: "Wie willst du denn ohne Führerschein eine Arbeit finden?" Okay, die Frage war berechtigt. Tatsächlich wurde ich bei Bewerbungsgesprächen schon danach gefragt, ob ich ein Auto besäße.

Mit 19 also stieg ich dann das erste Mal vorne links ins Fahrschulauto, einen VW Golf, ließ mich auf den Fahrersitz sinken und wusste ziemlich schnell: Das ist nichts für mich!

Ich hab mich wirklich durch die Fahrstunden gequält. Wenn ich wusste, ich hatte am selben Tag noch Fahrunterricht, dann war der Tag für mich eigentlich bis dahin gelaufen. War ich mit den Stunden durch, fing der Tag erst richtig an. Ich fühlte mich nie wohl als Fahrer. In der Stadt ging es gerade noch so, aber sobald ich raus aufs Land und damit schneller fahren musste, bekam ich schwitzige Hände und innerlich eine ziemliche Panik. Wenn ich dann noch eine Kurve bewältigen musste, war das die Hölle für mich. Ich konnte den Gedanken nicht abschütteln, dass ich, wenn ich nicht richtig lenkte, einfach gegen den nächsten Baum vor mir fahren würde, dass mein damaliger Fahrlehrer und ich dann sofort tot wären. Es war einfach allgegenwärtig. Das alles hatte so eine Endgültigkeit, etwas sehr Konkretes. Ich konnte das ja wirklich tun, und ich traute es mir irgendwie zu, weil ich mir wahrscheinlich generell damals nicht viel zutraute. Es lag in meiner Hand, die Stunde zu überleben oder eben nicht. Damit kam ich echt nicht klar.

Irgendwann, es kam noch persönlicher Stress in anderen Bereichen hinzu, bekam ich vor oder nach einer Fahrstunde einen leichten Hörsturz. Zwei Wochen lang schlug ich mich mit einem Pfeifen im Ohr herum, das dann glücklicherweise wieder verschwand. Es lag nahe, das Hörproblem aufs Autofahren zu schieben, das für mich der pure Horror war.

Den Führerschein bekam ich trotzdem. Die Prüfung war seinerzeit relativ einfach. Der Prüfer hatte offenbar keine Lust oder wenig Zeit, drum war ich dann nach ungefähr 20 Minuten mit der Geschichte durch. Für mich war das ein Erweckungsmoment: Ich würde nie wieder Auto fahren müssen!

Na ja, ein paar mal habe ich es noch versucht, dann eben mit dem Auto meiner Eltern. Das ging nur mäßig gut, weil mir einfach die Übung fehlte und ich nicht über meine Angst hinwegkam. Ich gab dann auf. Diesmal für immer.

Vor einer Weile habe ich mal versucht, ein bisschen was zum Thema zu recherchieren. Einfach, weil mir danach war, weil es mir wieder einfiel und, okay, ich geb's zu, weil wieder mal der Bus nicht kam und es mich in dem Moment tierisch aufregte, immer auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen zu sein. Glaubt man dem Internet, dann ist diese Angst vor dem Autofahren etwas, das nur Frauen betrifft. Sämtliche Seiten, Foren, etc. sind auf Frauen ausgelegt, die sich mit dem Fahren überfordert fühlen. Ich dachte mir, hey, das kann doch nicht sein. Wir leben im Jahr 2015, da kann man doch zumindest im Internet über alles reden. Also suchte ich weiter, doch ... nö. Überall nur Frauen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich nicht der einzige Mann auf dem Erdball bin, der Angst vorm Autofahren hat, also: Ist das wirklich ein so beschämendes Thema? Wo seid ihr alle? Ich habe mich die erste Zeit ja auch davor gedrückt, das zuzugeben, doch dann dachte ich: Warum eigentlich? Ist doch nichts dabei. Ich will nicht Teil einer Machokultur sein, die sich nicht traut, zu ihren Ängsten zu stehen, nur weil das von Gott gegebene Automobil zum Ausdruck von Männlichkeit und männlicher Individualität verklärt wird. Das ist mir echt zu blöd. Dafür bin ich zu alt und zu abgeklärt. Und wenn kein Mann von sich aus drüber sprechen will, ja, dann hab ich das hiermit eben gemacht.

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Ich saß in der U7, las irgendwelchen Kram auf dem iPhone, während über die Kopfhörer einer meiner Lieblingspodcasts mein Hirn mit nutzlosem Wissen anreicherte, als besagte U-Bahn einmal heftig ruckte und dann anhielt. Kurz tat sich gar nichts, dann ging der Motor aus, dann auch das Licht. Ein Notlicht blieb eingeschaltet und versprühte die wenig heimelige Atmosphäre einer Kerze, die in einem Sarg angezündet wurde. Damit tat sich quasi noch weniger als nichts, bis die recht vage Durchsage kam: »Die Weiterfahrt verzögert sich, wir bitten um etwas Geduld. Wir haben hier ein ... etwas größeres Problem.« So was klingt immer, als hätte die Bahn ein Rad verloren oder so.

Als es schon »angenehm« warm im Waggon wurde, hörte man draußen Menschen über den Gleisschotter schlurfen. BVG-Mitarbeiter kamen, dann die nächste Durchsage: »Wir können nicht weiterfahren, weil erst eine Person geborgen werden muss.« Da fiel mir das Rucken der Bahn wieder ein. Irgs! Keine zwei Minuten später gesellten sich Polizisten und Sanitäter zur Menschentraube, die sich zwischen erstem und zweitem Waggon gebildet hatte. Zwischen erstem und zweitem − das hieß ziemlich sicher, dass da nicht einfach nur jemand angefahren wurde, das klang eher danach, als müsste man die Einzelteile einsammeln, von den Rädern abkratzen und hinterher nass durchwischen. Schauriger Gedanke in der düsteren Stille, in der lediglich leise getuschelt wurde. Und dann der arme Fahrer der Bahn, der ja nichts dafür konnte, dass sein Zug gerade jemanden überrollt hatte.

Wenig später wurde der Zug evakuiert. Aussteigen und langsam zurück zum letzten Bahnhof laufen, hieß es. Das klappte alles recht geordnet und schnell, obwohl die Polizei sich ruhig etwas besser um die älteren Leute hätte kümmern können. Eine recht störrische ältere Dame, die vor mir ging, hielt an und lehnte sich im dunklen Tunnel gegen die Wand. Nur ausruhen wolle sie. Ich fragte, ob sie Hilfe benötige, was sie verneinte. Nach weiterem Zureden meinerseits und einer jüngeren Frau ließ sie sich schließlich doch an der Hand aus dem Tunnel führen.

Da der Strom komplett abgestellt war, beschloss ich, einen Bus zu suchen. Ich verließ den U-Bahnhof über die Treppe und fand mich in der Fußgängerzone Nähe Wilmersdorfer Straße wieder. Am Himmel schien die Sonne, es wehte leicht kühler Wind. In der Fußgängerzone war gerade vermutlich zwecks verkaufsoffenem Sonntag ein kleiner Rummel aufgebaut. Nervige Karussellmusik wummerte, an diversen Ständen wurden Eis und Snacks verkauft. Menschen eilten von Geschäft zu Geschäft. Während hier oben Schokoladeneis in der Sonne schmolz, kratzten einige Meter tiefer die Helfer noch immer die Reste des Verunglückten von den Schienen.

Wer war der Verunglückte? Was mochte wohl sein trauriges Schicksal gewesen sein? Das Leben ist fragil, der Einzelne so unwichtig. Wer geht, ist weg, und die meisten Menschen nehmen nicht einmal Notiz davon. Natürlich nicht, und das weiß ja auch jeder. An manchen Tagen wird's einem aber deutlicher vor Augen geführt als an anderen.