Das mit dem Autofahren

FahrsimulatorDas Ding auf dem obigen Bild hatte ich als Kind auch. Meine Eltern schenkten mir das als Fahrsimulator getarnte "Telespiel" irgendwann zu Weihnachten. Ich weiß noch sehr genau, dass ich immer an dem kleinen weißen Tisch im Kinderzimmer saß, das ich mir mit meiner Schwester teilen musste, und damit spielte. Irgendwo in alten Alben gibt es davon auch ein paar Fotos. Vermutlich schenkten meine Eltern mir das Ding, weil, tja, ich eben ein Junge war und Jungs mit so was zu spielen hatten. Oder so. Passt aber auch ein bisschen zur Autonation Deutschland. Das Heranführen ans Autofahren schon im Kindesalter. Gibt's ja so ähnlich auch mit Werkzeug, Puppenküchen, etc., wobei man sich da natürlich berechtigt über veraltete Rollenmodelle streiten kann.

Das mit dem Heranführen hat jedenfalls nicht geklappt. Als ich 18 war, drückte ich mich davor, den Führerschein zu machen. Ich hatte schlichtweg kein Interesse daran, Auto zu fahren. Ein bisschen schämte ich mich wahrscheinlich auch, weil ich wusste, dass ich mir selbst kein Auto leisten können würde und dass meine Eltern mir auch keines kaufen konnten. Ich nahm ihnen das nicht übel oder so, es war eben ganz einfach so. Ich legte auch nicht allzu viel Wert darauf. Wenn es nach mir gegangen wäre: Ich hätte ewig weiter Fahrrad fahren können. Allerdings merkte ich schnell: Ab 18 war mit dem Fahrrad allein ziemlich schnell außen vor, wenn es um Unternehmungen ging, die plötzlich überall stattfanden, nur nicht mehr im Heimatort.

Mit 19 machte ich dann doch den Führerschein. Auf Anraten meiner Mutter hin, die immer sagte: "So was braucht man einfach." Wenn dieses tolle Argument nicht zog, ergänzte sie auch gerne: "Wie willst du denn ohne Führerschein eine Arbeit finden?" Okay, die Frage war berechtigt. Tatsächlich wurde ich bei Bewerbungsgesprächen schon danach gefragt, ob ich ein Auto besäße.

Mit 19 also stieg ich dann das erste Mal vorne links ins Fahrschulauto, einen VW Golf, ließ mich auf den Fahrersitz sinken und wusste ziemlich schnell: Das ist nichts für mich!

Ich hab mich wirklich durch die Fahrstunden gequält. Wenn ich wusste, ich hatte am selben Tag noch Fahrunterricht, dann war der Tag für mich eigentlich bis dahin gelaufen. War ich mit den Stunden durch, fing der Tag erst richtig an. Ich fühlte mich nie wohl als Fahrer. In der Stadt ging es gerade noch so, aber sobald ich raus aufs Land und damit schneller fahren musste, bekam ich schwitzige Hände und innerlich eine ziemliche Panik. Wenn ich dann noch eine Kurve bewältigen musste, war das die Hölle für mich. Ich konnte den Gedanken nicht abschütteln, dass ich, wenn ich nicht richtig lenkte, einfach gegen den nächsten Baum vor mir fahren würde, dass mein damaliger Fahrlehrer und ich dann sofort tot wären. Es war einfach allgegenwärtig. Das alles hatte so eine Endgültigkeit, etwas sehr Konkretes. Ich konnte das ja wirklich tun, und ich traute es mir irgendwie zu, weil ich mir wahrscheinlich generell damals nicht viel zutraute. Es lag in meiner Hand, die Stunde zu überleben oder eben nicht. Damit kam ich echt nicht klar.

Irgendwann, es kam noch persönlicher Stress in anderen Bereichen hinzu, bekam ich vor oder nach einer Fahrstunde einen leichten Hörsturz. Zwei Wochen lang schlug ich mich mit einem Pfeifen im Ohr herum, das dann glücklicherweise wieder verschwand. Es lag nahe, das Hörproblem aufs Autofahren zu schieben, das für mich der pure Horror war.

Den Führerschein bekam ich trotzdem. Die Prüfung war seinerzeit relativ einfach. Der Prüfer hatte offenbar keine Lust oder wenig Zeit, drum war ich dann nach ungefähr 20 Minuten mit der Geschichte durch. Für mich war das ein Erweckungsmoment: Ich würde nie wieder Auto fahren müssen!

Na ja, ein paar mal habe ich es noch versucht, dann eben mit dem Auto meiner Eltern. Das ging nur mäßig gut, weil mir einfach die Übung fehlte und ich nicht über meine Angst hinwegkam. Ich gab dann auf. Diesmal für immer.

Vor einer Weile habe ich mal versucht, ein bisschen was zum Thema zu recherchieren. Einfach, weil mir danach war, weil es mir wieder einfiel und, okay, ich geb's zu, weil wieder mal der Bus nicht kam und es mich in dem Moment tierisch aufregte, immer auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen zu sein. Glaubt man dem Internet, dann ist diese Angst vor dem Autofahren etwas, das nur Frauen betrifft. Sämtliche Seiten, Foren, etc. sind auf Frauen ausgelegt, die sich mit dem Fahren überfordert fühlen. Ich dachte mir, hey, das kann doch nicht sein. Wir leben im Jahr 2015, da kann man doch zumindest im Internet über alles reden. Also suchte ich weiter, doch ... nö. Überall nur Frauen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich nicht der einzige Mann auf dem Erdball bin, der Angst vorm Autofahren hat, also: Ist das wirklich ein so beschämendes Thema? Wo seid ihr alle? Ich habe mich die erste Zeit ja auch davor gedrückt, das zuzugeben, doch dann dachte ich: Warum eigentlich? Ist doch nichts dabei. Ich will nicht Teil einer Machokultur sein, die sich nicht traut, zu ihren Ängsten zu stehen, nur weil das von Gott gegebene Automobil zum Ausdruck von Männlichkeit und männlicher Individualität verklärt wird. Das ist mir echt zu blöd. Dafür bin ich zu alt und zu abgeklärt. Und wenn kein Mann von sich aus drüber sprechen will, ja, dann hab ich das hiermit eben gemacht.

11 Gedanken zu “Das mit dem Autofahren

  1. Und wie so oft, ist die Solidarität näher als gedacht. Ich habe zwar keine panische Angst vorm Autofahren, aber ich mache es auch trotzdem nicht mehr. In der Bundeswehrzeit bin ich sogar noch gerne und auch sicher gefahren ("Wie eine Oma"), wenn auch mich Autofahren immer ganz schön gestresst hat.
    Im zivilen wurde es dann bei mir aber schlimmer. Mit einem Auto, welches nicht mir gehörte, aber jemandem der mir wichtig war, kam ich kaum einen Meter vorwärts, ich traute es mir nicht mehr zu sicher zu fahren.
    Und dann war es einfach nicht mehr notwendig. Kaum einen wichtigen Ort kann ich nicht auch mit Öffentlichen oder zu Fuß erreichen. Kommt der Bus nicht? Dann laufe ich die Strecke halt.
    Auf den Fahrerplatz in einem Auto motiviert mich inzwischen gar nichts mehr, auch wenn meine Vater immer wieder Werbung dafür macht. Der hat aber auch als Abschleppwagenfahrer sein Geld verdient.

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    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Ehrlich gesagt, ich hab mir fast schon gedacht, dass du auch nicht fährst. Vielleicht, weil man dich auf Bildern nie mit 'nem Auto sieht. Oder nie Bilder von dir und 'nem Auto oder von dir gemachte Bilder, auf denen nur ein Auto drauf ist. Ich dachte ja immer, diese Bilder würden Menschen ab Mitte 20 oder so ohnehin kaum mehr machen, aber die Aktivitäten in meinem, na ja, zumindest entfernteren Bekanntenkreis haben mich dann doch vom traurigen Gegenteil überzeugt: Das eigene Auto fotografieren und Bilder davon online stellen ist irgendwie immer noch im Trend. Na ja, jeder, wie er mag ...

      Ich seh's im Wesentlichen wie du: Meist ist man wirklich nicht drauf angewiesen, solange man jedenfalls in einer Stadt wohnt. Mit den Öffis geht das alles sehr bequem. Doof sind halt immer größere Einkäufe oder die Momente im Urlaub, wenn man die Insel Xyz doch ganz gerne mal OHNE Touribus erkunden würde, diese aber für Fußmärsche oder Radtouren eigentlich zu groß oder unerschlossen ist. Na gut, das kommt nicht oft vor, aber hier ist's halt schon irgendwie blöd. Auch schwer ist es, wenn man sich dann doch mal entscheidet, aufs Land ziehen zu wollen, z.B. der Entschleunigung wegen. Will man sich dabei nicht gleich komplett vom Leben verabschieden, geht's eben ohne Auto sehr, sehr schwer. Das finde ich ärgerlich.

      Weniger ärgerlich ist, dass man auch als Mann offenbar eben doch nicht allein mit der Situation ist. Sei's nun, weil das Nichtfahren mit Ängsten verbunden ist oder einfach, weil es so entschieden wurde. 🙂

  2. Interessanterweise war es bei mir immer andersrum: Über Land fahren war kein Problem, aber sobald das Ortsschild am Horizont auftauchte, hätte ich mich gerne auf den Rücksitz verkrümelt.

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    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Vielleicht hätten wir uns dann einfach immer ergänzen können. Hätten können, weil ich inzwischen auch in kleineren Städten nicht mehr fahren würde. Ich wüsste auch gar nicht mehr, wie's geht. 😉

    2. Nach sieben Jahren (Uh!) ohne Fahrpraxis (nicht dass ich jemals welche besessen hätte) könnte ich mich auch nicht mehr guten Gewissens hinter ein Lenkrad setzen. Das heißt: Sitzen geht noch. Alles darüber hinaus eher nicht.

  3. Vage Erinnerungen: Ich selbst hatte nie so ein Spielzeug, aber war total geflasht als ich mal an eines ran durfte.
    Ich fahre eigentlich ganz gerne und mag auch lange Fahrten als Beifahrer, aber a) enger Stadtverkehr oder b) nachts bei Regen mit gleißendem Licht vom Gegenverkehr machen echt wenig Spaß.

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Och, eigentlich war das Ding nur kurz wirklich cool. Ich dachte immer, wenn ich lange genug vor der Kiste sitze und fahre, wird schon noch irgendwas Cooles passieren. Das Einzige, was irgendwann passierte, war allerdings, dass die Batterien leer waren. Nun ja ...
      Nächtliches Fahren bei Regen mit gleißendem Licht von vorn hab ich zum Glück nie probieren müssen. Das müsste irgendwie Level 7 sein oder so, ich bin ja allerdings über Level 1 nicht hinausgekommen.

  4. RoM

    Kia ora, Thomas.
    Soweit ich mich entsinne gab es zu der Ausgabe für zuhause auch eine Arkade-Version für Spielotheken u.ä. Etablissements diverser Lustbarkeiten; mit integriertem Sitz, Lenkrad, Gangschaltung.
    Ein absolutes high-tech Produkt.
    Meine Geschwister hatten dann bereits die Telespielversion des Rennkonzepts. Immer noch pre-Sparta, irgendwo.

    Nicht vernachläßigbar dürfte auch der sozial bedingte Eindruck auf das andere Geschlecht gewesen sein, verfügte man (in vorgrauer Neuzeit) über zumindest ein Moped, besser noch einen Flitzer.
    Allerdings hatte bereits zu meiner Fahrschulzeit die Gleichberechtigung sich Bann gebrochen. Ein Grund auch weswegen ich mich gern den Theoriestunden widmete; der sommersproßigen, rothaarigen Angelika wegen...

    Es ist wohl wie beim ersten Schwimmen, bei den ersten hundert Meter Fahrrad - man/frau fühlt sich urplötzlich einer neuen Dynamik der Fortbewegung ausgeliefert, bis einem irgendwann die Macht darüber bewußt geworden ist.
    Ich kann Dich allerdings in gewisser Weise beruhigen, machten mir doch die Fahrstunden auch keinen sonderlichen Spaß; ich hatte einen cholesteringesättigsten Choleriker neben mir am sitzen. Motivation genug die Sache zu einem scheinhaltigen Ende zu bringen.
    Tatsächliche Fahrfreude kam dann erst mit dem eigenen Auto auf.

    Ich würde sagen "echte Männer" bringen einfach nicht den Mumm dazu auf, über Fahrängste öffentlich zu reden. Normalos schon.

    bonté

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Hallo RoM,

      die Arcade-Automaten gibt es heute noch. Ist wahrscheinlich eher was für Liebhaber und Nostalgiker, wo die Spielhallen doch am Aussterben sind (allerdings auch schon ewig), ich meine aber, dass bspw. Sega heute noch viel Geld mit solchen Automaten verdient. Meins war das nie. Geld einschmeißen zum Zocken – das konnte ich zu Hause auch billiger haben.

      Dass es mit ’nem eigenen Auto anders sein würde, hab ich schon öfter gehört. Bin mir da nicht so sicher, weil’s ja nichts an meiner Fahrangst geändert hätte. Denke ich jedenfalls. Allerdings hätte ich das nie probieren können, weil ich für ein eigenes Auto kein Geld hatte. Als ich mir dann eines hätte leisten können, war ich schon lange raus. Und noch mal probieren ... nee, das lass ich mal lieber.

      Und ja, ich bin lieber Normalo als echter Mann. Weiß sowieso nicht, was das so wirklich sein soll.

      Viele Grüße
      Thomas

  5. ich hasse es auch sehr, auch wenn ich mich sowohl männlich als auch weiblich betrachten würde (in diesen veralteten denkstrukturen, buwäh).
    bei der prüfung musste meine lehrerin für mich lügen, damit ich nicht durchfalle. und sojemand besitzt halt jetzt den führerschein....fraglich! bin übrigens viel lieber am land gefahren, schnell und ohne nerviges gehupe im nacken. irgendwann kauf ich mir einen vw bus und ziehe damit durch die welt. langsam.

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Ach na ja, die Denkstrukturen kriegste nur langsam aus den Köpfen raus. Und entweder kommen die Leute mal klar, und in hundert Jahren ist alles so, wie man es heute gern hätte, oder irgendeine rückständige Bewegung schmeißt uns gesellschaftlich in die Steinzeit zurück. Aber Fakt ist ja schon, dass männliche und weibliche Gehirne unterschiedlich funktionieren. Ich weiß aber natürlich, was du meinst.
      Jedenfalls hattest du dann echt ’ne »coole« Fahrlehrerin, oder aber die war so verzweifelt mit dir, dass sie dich loswerden wollte, bevor du ihr Auto gegen ’ne Mauer setzt. 😉 Ich glaub übrigens, hätte mich einer in der Stadt angehupt, wäre ich auch durchgedreht. Allerdings komme ich ja vom Land in Ostdeutschland. Da sieht man innerorts nur hin und wieder mal Menschen, geschweige denn Autos. Und mit dem VW-Bus solltest du dich beeilen. Die Dinger sterben auch so langsam aus, schätz ich doch mal.

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