Ein Unfall im Dunkeln

Ich saß in der U7, las irgendwelchen Kram auf dem iPhone, während über die Kopfhörer einer meiner Lieblingspodcasts mein Hirn mit nutzlosem Wissen anreicherte, als besagte U-Bahn einmal heftig ruckte und dann anhielt. Kurz tat sich gar nichts, dann ging der Motor aus, dann auch das Licht. Ein Notlicht blieb eingeschaltet und versprühte die wenig heimelige Atmosphäre einer Kerze, die in einem Sarg angezündet wurde. Damit tat sich quasi noch weniger als nichts, bis die recht vage Durchsage kam: »Die Weiterfahrt verzögert sich, wir bitten um etwas Geduld. Wir haben hier ein ... etwas größeres Problem.« So was klingt immer, als hätte die Bahn ein Rad verloren oder so.

Als es schon »angenehm« warm im Waggon wurde, hörte man draußen Menschen über den Gleisschotter schlurfen. BVG-Mitarbeiter kamen, dann die nächste Durchsage: »Wir können nicht weiterfahren, weil erst eine Person geborgen werden muss.« Da fiel mir das Rucken der Bahn wieder ein. Irgs! Keine zwei Minuten später gesellten sich Polizisten und Sanitäter zur Menschentraube, die sich zwischen erstem und zweitem Waggon gebildet hatte. Zwischen erstem und zweitem − das hieß ziemlich sicher, dass da nicht einfach nur jemand angefahren wurde, das klang eher danach, als müsste man die Einzelteile einsammeln, von den Rädern abkratzen und hinterher nass durchwischen. Schauriger Gedanke in der düsteren Stille, in der lediglich leise getuschelt wurde. Und dann der arme Fahrer der Bahn, der ja nichts dafür konnte, dass sein Zug gerade jemanden überrollt hatte.

Wenig später wurde der Zug evakuiert. Aussteigen und langsam zurück zum letzten Bahnhof laufen, hieß es. Das klappte alles recht geordnet und schnell, obwohl die Polizei sich ruhig etwas besser um die älteren Leute hätte kümmern können. Eine recht störrische ältere Dame, die vor mir ging, hielt an und lehnte sich im dunklen Tunnel gegen die Wand. Nur ausruhen wolle sie. Ich fragte, ob sie Hilfe benötige, was sie verneinte. Nach weiterem Zureden meinerseits und einer jüngeren Frau ließ sie sich schließlich doch an der Hand aus dem Tunnel führen.

Da der Strom komplett abgestellt war, beschloss ich, einen Bus zu suchen. Ich verließ den U-Bahnhof über die Treppe und fand mich in der Fußgängerzone Nähe Wilmersdorfer Straße wieder. Am Himmel schien die Sonne, es wehte leicht kühler Wind. In der Fußgängerzone war gerade vermutlich zwecks verkaufsoffenem Sonntag ein kleiner Rummel aufgebaut. Nervige Karussellmusik wummerte, an diversen Ständen wurden Eis und Snacks verkauft. Menschen eilten von Geschäft zu Geschäft. Während hier oben Schokoladeneis in der Sonne schmolz, kratzten einige Meter tiefer die Helfer noch immer die Reste des Verunglückten von den Schienen.

Wer war der Verunglückte? Was mochte wohl sein trauriges Schicksal gewesen sein? Das Leben ist fragil, der Einzelne so unwichtig. Wer geht, ist weg, und die meisten Menschen nehmen nicht einmal Notiz davon. Natürlich nicht, und das weiß ja auch jeder. An manchen Tagen wird's einem aber deutlicher vor Augen geführt als an anderen.

4 Gedanken zu “Ein Unfall im Dunkeln

  1. RoM

    Grüß Dich, Thomas.
    Entschließt sich ein Mensch den Tod zu suchen, konfrontiert es die direkte Umgebung wie das jeweilige Umfeld unnarmherzig mit der Endlichkeit, der Sterblichkeit. Das eigene Lebenslicht flackert kurz - als wolle es sich versichern.
    Hart - die erlebte Bruchkante der Realität, danach.
    Obschon einem menschlicher Alltag vielleicht besser entgegenkommt, als eine gaffende Menge. Gar Sensations-Geile! (Smarty hoch!)

    Du erwähnst den unmittelbaren Zeugen...der Entschluß zum Freitod mag gefallen sein - aber muß man/frau dadurch andere traumatisieren?!
    Zu schweigen von Lebensmüden, die Unbeteiligte mit in den Tod reißen, oder verletzen. Zynische Egozentrik!?
    Ich weiß es nicht...

    War es vielleicht "nur" ein Unfall...

    Anmerkenswert, daß Ihr Euch um die Frau ein wenig gekümmert habt.

    bonté

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Hallo RoM,

      dem gibt es eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Hätte aber tatsächlich noch gefehlt, dass einer ein Handy zückt und die verunfallten Reste fotografiert. Gewundert hätt’s mich allerdings auch nicht wirklich.

      Viele Grüße
      Thomas

  2. U-Bahn ist sicher etwas anders als der reguläre Schienenverkehr, aber dort gibt es die Statistik, dass jeder Lokführer in seiner Karriere durchschnittlich 1 bis 2 Leute überfährt. Ganz toll, mit sowas nach der Arbeit nach Hause zu kommen, ohne dass man dafür etwas kann.

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Das ist 'n krasser Gedanke. Schon dafür müsste man den Leuten mehr Geld zahlen. Stell ich mir auch schwierig vor, damit klarzukommen, wenn man kurz vor Feierabend noch jemanden zu Matsch gefahren hat.

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