Lauf, Alcudia! Lauf!

»Lauf, Alcudia! Lauf!« Vorhin, als ich gerade ins Büro schlurfte – vor dem ersten Kaffee ist schlurfen die einzig akzeptable Möglichkeit, einen Fuß vor den anderen zu setzen –, kam ich an einem Kinderlaufevent vorbei, oder wie man so was auch immer nennen mag. Früher hätten wir das Sportfest genannt, heute klingt das aber ganz schön nach Erich Honecker. Jedenfalls rannten da ein paar Kinder in bunten Klamotten um einen winzig kleinen Platz, angefeuert von Eltern und Erziehern. Und eine Frau rief eben besagtes: »Lauf, Alcudia! Lauf!« Wer dachte, das klingt mit Forrest schon doof, der hat's mit Alcudia noch nicht gehört. Alcudia ... also eigentlich Alcúdia, nun, ich war da ja mal. Schönes Örtchen auf Mallorca, wenn man keine Lust drauf hat, Urlaubern dabei zuzusehen, wie sie sich zum Einzeller zurückentwickeln und der Meinung sind, nur überleben zu können, wenn sie Pennerbombengesöff aus einem Eimer trinken. Bisschen viele krebsrote Engländer in der Hauptsaison, die sich ja auch ganz gerne mal danebenbenehmen (wobei sich dieses Benehmen direkt proportional zur Anzahl ihrer Zahnlücken zu verhalten scheint), ansonsten aber wirklich ein schönes Örtchen. Aber würde ich mein Kind deswegen so nennen?

Ein Kollege meinte, vielleicht wurde das Kind ja in Alcúdia gezeugt. Guter Punkt. Wenn der Urlaub besonders schön war und man eine Dekade lang drauf gespart hat, deswegen extra auf Kippen, Markeneierlikör und ergonomisches Schuhwerk verzichtet hat, will man sich vielleicht auch für immer daran erinnern, wie schön es da war. Schließlich ist so ein Urlaub ratzfatz wieder vorbei. Ich fand's ja auch schön, nur das mit den Algen beim Baden war ein bisschen doof. Und die viel zu stark brutzelnde Sonne, die meiner Freundin und mir diese fies juckenden Hitzepickelchen bescherte, auch wenn ich ja immer noch der Meinung bin, dass es eine Mischung aus Algen und Sonne war, aber wurscht. Jedenfalls hätte ich ein eventuell gezeugtes Kind - eventuell deswegen, weil ja keines gezeugt wurde - nicht Alcúdia genannt, himmelherrgott. Vielleicht auch, weil das Kind mich dann immer an fies juckende Hitzepickel erinnert hätte, vornehmlich aber, weil Alcúdia einfach ein total bescheuerter Name für ein Kind ist.

Was wäre denn gewesen, wenn das Kind in Kotzen gezeugt worden wäre? Oder in Wassersuppe? In Gifthof oder Knochenmühle? Nicht auszudenken! Auch ich finde es ja gut, dass Eltern ihre Kinder heutzutage nicht mehr Gertrud oder Randolf nennen müssen. Mein Opa heißt Traugott ... Ja. Und gibt's eigentlich noch irgendwo herumlaufende Adolfs? Wenn ein Name aus der Zeit gefallen ist, sollte man ihn auch einfach da liegen lassen. Schließlich hebt man ja auch sonst nicht alles auf, was so auf dem Boden herumliegt. Vor allem, wenn es braun ist und matschig und anfängt zu stinken, sobald man reingetreten ist. Für manch altmodische Namen gilt das alles sicherlich auch. Andere leicht veraltete Namen dagegen werden vermutlich gerade von Sojamilch-Chai latte schlürfenden Hipsterpärchen wiederentdeckt. Ludwig und Kassandra gehen dem stolzen Hipsterpapa wahrscheinlich deutlich eleganter vom wallenden Vollbart als Stangenware wie Lara oder Max.

Apropos Hipsternamen: Ich recherchiere nebenher selbstverständlich ein bisschen, und unter den Top-Hipster-Babynamen ist zumindest bei den Mädchen doch tatsächlich auch Nike. Nike ... Spricht man das jetzt Nike, also so wie Pike, oder tatsächlich doch eher wie den Sportartikelhersteller mit dem Häkchen als Logo? In dem Fall: Gut, dass Hipster Adidas offenbar weniger gern mögen. Oder Puma ... meine Güte! Puma! Unter den Top-Jungsnamen befindet sich übrigens Darwin. Das find ich ja schon wieder sehr souverän: einerseits ein Bekenntnis zur Evolutionstheorie, andererseits aber auch gleich ein Fingerzeig, wo's für den Nachwuchs modisch künftig mal hingehen wird: Denn wenn Darwin heutzutage für was anderes als für seine Evolutionstheorie bekannt ist, dann doch wohl für seinen episch langen, weißen und vermutlich gut schamponierten (Hipster-)Vollbart. Obwohl Darwin ja streng genommen ein Nachname ist, hieß doch der gelehrte Weihnachtsmanndoppelgänger mit Vornamen eigentlich Charles. Weiß der Hipster an sich aber bestimmt nicht. Nicht schlimm, erinnert Charles die meisten doch wahrscheinlich am ehesten an den elefantenohrigen britischen Thronfolger, dem man immer noch einen Hang zum Tampon-Fetisch nachsagt.

Aber letzten Endes kann es mir ohnehin egal sein. Vermutlich kompensiere ich mit meiner persönlichen Abneigung gegen die ausufernde Kreativität werdender Eltern (Alcúdia, also bitte!)  nur den mangelnden Einfallsreichtum meiner eigenen Eltern. Zwar konnten die 1984 noch nicht im Internet herumsurfen, um sich ein paar Ideen zu holen, und überhaupt war man in der DDR ja auch nicht so richtig aufgeschlossen, wenn da einer mit Namen um die Ecke kam, die irgendwie nach Imperialismus rochen, aber ein bisschen mehr als Thomas wäre doch bestimmt drin gewesen. Vor allem dann, wenn man mit einem der am häufigsten vorkommenden deutschen Nachnamen gesegnet ist. Ist ja nicht so, als hätten sie nicht vorher neun Monate Zeit zum Überlegen gehabt, aber ach ... Meine Schwester bekam dann drei Jahre später übrigens tatsächlich einen einfallsreicheren Namen. Meine Mutter meinte mal, sie hätte diesen Namen aus einem Film. Der hätte ihr halt gefallen. Kann ich eigentlich froh sein, dass meine Mutter den Film Sissi immer schon beschissen fand. Mit Franz als Vorname hätte ich wahrscheinlich schon längst die Beine in die Hand genommen und wäre ins Exil geflüchtet. Vielleicht hätte man mir dann nachgerufen: »Lauf, Franz! Lauf!« Und DAS hätte erst mal bescheuert geklungen!

4 Gedanken zu “Lauf, Alcudia! Lauf!

    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Hm, Namen mit zu vielen Konsonanten hintereinander sind doch eher 'ne osteuropäische Erscheinung, oder? Interessant ist dabei dann auch, dass die Aussprache nicht selten so gar nichts mit den zugrunde liegenden Buchstaben zu tun hat. Seltsam.

  1. RoM

    Bore da, Thomas.
    Scharf bedacht ist die Menscheit, seit Anbeginn der namentlichen Individualisierung, in Geiselhaft der entstandenen Verwandschaft; die zuletzt eine groteske Einfallslosigkeit mit der Benennung nach den väterlichen Eltern erreichte. Die Willhelm-Otto-Willhem-Namenszüge auf alten Grabsteinen, das Junior-Anhängsel, oder die römische Durchnummerierung (letzteres als Indiz dynastischen Wahns!). Man/frau kann sich demnach glücklich schätzen, mit dem gewählten Namen harmonieren zu können.*

    Die besagten A- & Bdolfs (Hochkonunktur in den 30ern & noch frühen 40ern) begegnen einem häufig nur noch in den Todesanzeigen der Tageszeitung; selbst die ideologischen Nachzügler geben sich mit nordischer Götterpreisung eher neumodisch angepaßt.

    Bei Nike ließe sich auf erhöhten Wagner-Konsum schließen, während Darwin wohl dem Amerikanismus geschuldet scheint, aus jedem Nomen einen Vornamen zu machen. Immerhin, ein "Wirsing-Bios-Unterhuber", da steht noch der hiesige Standesbeamte vor!

    Immerhin - 1984 war nicht mehr ganz die Hochzeit der sozialistischen Brudervolk-Verschmelzung im Sektor Vornamen.

    Mann, Edison, von Aquin - die Ahnenliste Deines Vornamens ist doch recht illuster zu nennen.... 🙂

    bonté

    *tatsächlich fühle ich mich auch als "Robert" getroffen

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Hallo RoM,

      ich bin schon sehr froh, nicht Chlodwig oder so genannt worden zu sein. Thomas ist ja schon was, womit man sich irgendwie arrangieren kann. In der Schule halt doof, dass man zumeist einen Namensvetter in der Klasse hat und jedes Mal bei der Namensnennung hochschreckt, auch wenn man vielleicht mal gar nicht gemeint ist. Aber es gibt wohl Schlimmeres. Da schaut's bei dir ja ähnlich aus.

      »Matt-Eagle« soll ja gerade auch einigermaßen Avantgarde sein, auch wenn ich nicht weiß, ob das vielleicht nicht doch einfach nur ein Fake war. Ggf. handelte es sich aber auch um amerikanische Einwanderer, die schlicht nicht wussten, dass sie ihrem Nachwuchs phonetisch die Bezeichnung eines kalt servierten Hackgerichtes verpassen. 😀

      Der Vater eines früheren Klassenkameraden hieß bzw. heißt Hans-Jürgen-Eberhardt. Jeweils ein Namensteil von dessen Vater und einer des Großvaters kam da hinzu. Glücklicherweise machte man bei besagtem Klassenkameraden dann einen Schnitt und gab ihm 'nen sehr schlichten Namen ohne Bindestriche und Gedöns. Wozu schwer, wenn's auch einfach geht? Genau.

      Viele Grüße
      Thomas

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