Lern du später was Anständiges …

Schrauben ...»Lern du später was Anständiges, dann hast du es mal besser als wir!«, war so ein Satz, den meine Mutter gern vom Stapel ließ, wenn sie mal wieder die Spinnweben aus der Brieftasche wedelte. Nun, ich nahm sie beim Wort und studierte Wirtschaftsinformatik. Die Wirtschaft bringt seit jeher die Kohle, Computer sind die Zukunft, da konnte ich ja gar nichts verkehrt machen!

Neulich dann im Baumarkt ...

Eigentlich hätte es schon ein schlechtes Omen sein müssen, als ich die U-Bahn-Station hochstiefelte und mir die in Moll gehaltenen, dramatisch interpretierten Akkordeonklänge eines Straßenmusikanten hinterherdudelten. Hätte man dem guten Herrn stattdessen eine dicke Orgel hingestellt und das eigentlich ganz nette Frühlingswetter durch grollendes Gewitter ersetzt, der vor mir aufragende Baumarkt hätte dann auch gut und gern das düstere Schloss eines stereotypen Vampirfürsten in einem Horror-B-Movie sein können. Baumärkte und ich, wir verhalten uns äquivalent zu Pizza und Mikrowellen: Wir gehen cool rein und kommen nach viel zu vielen gedrehten Runden im Inneren ziemlich labbrig und aufgeheizt wieder raus, ohne dass das Resultat für irgendwen sonderlich zufriedenstellend wäre.

Dabei mochte ich Baumärkte als Kind noch ganz gerne. Also eigentlich waren es nur diese ganz speziellen Häuslebauabteilungen mit den ausgestellten Türen in mehr oder weniger freistehenden Rahmen, die ich gern mochte. Keine Ahnung warum, aber ich ging als Dreikäsehoch eben gern durch Türen, auch wenn nichts dahinter lag. Vielleicht war das unbewusst der frühe Ausgleich dafür, dass ich im späteren Leben ständig gegen Wände, statt durch Türen rennen sollte. Für das ganze andere Brimborium, das Baumärkte dem Heimwerker von Welt so boten, interessierte ich mich damals dagegen nicht. Das lag in der Natur der Sache, was mich anging: Heimwerken und ich, das verhielt sich immer schon äquivalent zu Pizza und ... ach nee, das hatten wir schon. Jedenfalls ist es seit jeher so, dass ein Versuch meinerseits, einen Nagel in eine x-beliebige Wand zu treiben, eher den Gebäudestatiker auf den Plan rufen würde, als dass der Nagel tatsächlich fachgerecht in der Wand landet.

Natürlich sind daran wie immer meine Eltern schuld. Mein Vater hätte mich mehr in die Pflicht nehmen müssen, aber das tat er ebenso wenig, wie meine Mutter mir etwa beibrachte, wie man sich was Anständiges zu essen kocht. Und so würde ich heute am liebsten bei jeder Kleinigkeit einen Handwerker engagieren, wie ich auch Maggi Fix für Nudelwasser kaufen würde.

Entsprechend fremd fühle ich mich, sobald ich einen Baumarkt betrete, so wie ich das neulich eben tat. Um ein paar Schrauben zu kaufen. Schrauben. Einfach nur ... Schrauben. Um etwas ... festzu...schrauben. Als Informatiker denke ich da vielleicht zu digital, zu sehr in Einsen und Nullen, aber wenn ich losziehe und Schrauben kaufen möchte, dann erwarte ich – verdammte Axt – dass es einfach ein Regal gibt, in dem Schrauben liegen. Und das gibt es dann ja auch, aber warum ist das vermaledeite Regal denn bitte zwanzig Meter lang und enthält hunderte Schraubensorten, die für alles Mögliche geeignet sind? Holzschrauben, Spanplattenschrauben, Bohrschrauben, Schrauben für Blech, Schrauben für Harzer Käse, und und und. Dazu passend und nicht passend natürlich alle nur erdenklichen Größen und Formen von zugehörigen Muttern, Unterlegscheiben und Dübeln, und nichts davon liegt irgendwie so beieinander, dass ein Typ wie ich, der zwar jeden Drucker zum Laufen kriegt, der aber beim Einschrauben einer Glühbirne zur Gefahr für die Allgemeinheit wird, auch nur annähernd die Teile findet, die tatsächlich zusammengehören. Meine Fresse, das kann doch nicht im Sinne des Erfinders sein, oder?

Ich habe da ja eine Theorie: Eigentlich geht es gar nicht darum, dem potenziellen Kunden ein gut sortiertes Warenangebot zu präsentieren, bei dem er beherzt zugreifen und möglichst wenig falsch machen kann. Nein, es geht in erster Linie darum, dummen Idioten wie mir den beratenden Baumarktangestellten auf den Hals zu hetzen, der mir ruhigen Gewissens nur das Beste vom Besten empfiehlt, sprich, das Teuerste vom Teuersten aufschwatzt. Das ist wie beim Taxifahren in fremden Städten: Einmal »Och, ich bin eigentlich gar nicht von hier« zum Taxifahrer gesagt, schon braucht der für fünf Kilometer zwei Stunden und berechnet am Ende hundertfünfzig Euro. Ja ja, tolles Geschäftsmodell, das auf der Unwissenheit von Menschen wie mir fußt, die zwar wissen, wie man einen Webserver aufsetzt, die aber zum akuten Psychodoktorfall werden, wenn sie mal ein Loch in eine Wand bohren sollen.

Nun, irgendwie schaffte ich es am Ende, Schrauben, Dübel und Unterlegscheiben zusammenzusuchen, ohne dass mich jemand fragte, ob er mir helfen könne, aber kompetentes Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit liegt mir eben, schließlich bin ich Berater von neun bis fünf.

Damit war das Elend allerdings noch nicht ganz überstanden, denn als Antichrist des Heimwerkens habe ich natürlich, abgesehen von einem Hammer und einem Kreuzschlitzschraubendreher nichts daheim, was sich beispielsweise auch nur annähernd für das Anbauen eines Regals nutzen lassen würde, von dem hinterher nicht alles wie von Zauberhand herunterrutscht. Sprich, mir fehlte eine Wasserwaage. Also ging ich die Regale auf und ab, auf und ab, auf und ab ... Zwar hängen an jedem der gigantischen Regale bedrohliche Schilder, die auf die Folterwerkzeuge hindeuten, die sich dort jeweils finden lassen, von Wasserwaagen stand da allerdings nichts. Falls ich je der Ansicht war, dass es nicht gut sein kann, alles über das Internet zu bestellen, ich revidierte diese Meinung augenblicklich und wünschte mir ein Suchfeld herbei. Während dieses natürlich nicht plötzlich über mir aufploppte, stolperte ich dennoch zufällig über eine kleine Palette mit Wasserwaagen in – man ahnt es – allen Formen und Größen. Inzwischen haben die Dinger LED-Anzeigen und piepsen, wenn man sie schräg hält, oder vielleicht auch, wenn man sie gerade hält, oder sie piepsen einfach immer, was weiß denn ich?! Dass man ein Stück Metall mit einem Röhrchen, in dem eine Wasserblase von links nach rechts schwappt, so verkomplizieren kann, hätte ich auch nicht für möglich gehalten. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass man für eben ein solches Stück Metall fünfzig Euro auf den Tisch legen kann.

Schnaufend packte ich also so ein völlig überteuertes High-Tech-Begradigungsdingsbums in meinen Korb und schlurfte resigniert in Richtung Kasse ... wo ich inmitten der Quengelware für den Hobbyheimwerker, der den Hals nicht voll kriegt, Wasserwaagen für unter zehn Euro fand: ein Stück Metall mit einem Röhrchen, in dem eine Wasserblase von links nach rechts schwappt. Na bitte! Also unter gut sortiert verstehe ich was anderes!

Für einen Moment überlegte ich, niedergeschlagen, wie ich inzwischen war, diese Abteilung mit den Türen zu suchen, die ... na ihr wisst schon: einfach ein paarmal hindurchgehen, nicht gegen Wände rennen, ganz wie früher, als derweil noch der Rest von Papa erledigt wurde, der sich mit dem ganzen Baumarktblödsinn auskannte, weil er das wahrscheinlich irgendwo mal gelernt hatte. Herrgott, hätte ich doch auch was Anständiges gelernt!

4 Gedanken zu “Lern du später was Anständiges …

  1. Ich bewundere immer mehr die Sorte Job, wo man weiß was man gemacht hat. Wo man was handwerkliches tut und irgendwas praktisches erschafft. Wo man macht, dass es Menschen besser geht. Stattdessen geht man Abends nach Hause und weiß, dass die Nullen und Einsen in anderer Reihenfolge auf den Speichern liegen und darum irgendein Fremder auf seinem Bildschirm das sieht, was er erwartet. Meh.

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Das muss 'ne IT-Krankheit sein. Exakt denselben Gedanken hab ich seit einiger Zeit auch immer öfter. Und wenn ich dann im Büro die Leute um mich herum über die Belanglosigkeiten reden hören, die diese Einsen und Nullen im Prinzip darstellen, dann komm ich mir vor wie im falschen Film. Wenn einer dagegen dafür bezahlt wird, ein Haus zu bauen, dann weiß er, was er am Ende gemacht hat. Da kann jemand drin wohnen, Lebensgeschichten entstehen, Zeiten kommen und gehen, etc. Wir dagegen schubsen die Bits durch die Gegend. Das kann manchmal frustrierend sein.

  2. RoM

    Hoi, Thomas.
    Was den Bit-Frust angeht - digitales vermag ja auch Menschen zu einander zu bringen. Ohne Netz hätte ich ein sozial ärmeres Leben, kann ich festhalten. Da gehen meine angeschobenen Kontakte bis Tel Aviv, Wien oder Zürich.
    Berlin, nicht zu vergessen! 🙂

    Das sagt jetzt übrigens ein beruflicher Handwerker...

    bonté

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Hallo RoM,

      das sehe ich ganz genauso. Ich kann dieses Genörgle über das digitale Zeitalter auch nicht nachvollziehen. Wer vom Netz und den damit einhergehenden sozialen Kontaktgelegenheiten genervt ist, soll halt die Kiste abschalten und in den Wald ziehen. Ein paar Vorteile bringt das Internet ja eben doch jedem. Sogar meinen Eltern, für die alles Digitale wohl bis zum Sanktnimmerleinstag Neuland bleiben wird. Das Schöne ist ja: Jeder kann sich raussuchen, was er mag.
      Tja, was allerdings das Handwerkliche angeht: Ob ich gegen meine zwei linken Pfoten irgendwas machen kann? Ich bezweifle es ja, obwohl ich inzwischen immerhin ein Loch so in die Wand kriege, dass man hinterher nicht die ganze Faust reinstecken kann. 😉

      Viele Grüße
      Thomas

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