Wie man am Produkt vorbeientwickelt

Vor einiger Zeit habe ich mir eine Polar M400 gekauft, also so 'ne Schnickschnackuhr, die aussieht wie eine dieser uralten Casio-Armbanduhren auf Steroiden. Da ich mal mehr und mal weniger häufig laufen gehe und eben hin und wieder auch ganz gerne sehe, ob ich mich verbessert habe oder so langsam bin, dass ich rückwärts durch die Zeit diffundiere, empfand ich's als eine ganz gute Idee, mir so ein Teil zu kaufen. Klar, nichts, was mein Smartphone nicht auch kann, aber dieses Riesending mittels Schnalle um den Arm zu wickeln fühlt sich eben immer an, als würde ein sadistischer Arzt eine ganze Stunde lang den Puls messen, während man auf einem Laufband vor sich hinkeuchen muss. So 'ne Uhr erschien mir da schon chicer. Die Apple Watch fiel übrigens von vornherein flach, weil die kein eingebautes GPS hat und damit auch nur eine Penisverlängerung für das iPhone ist.

Apropos Penisverlängerung: Polar hat seiner Uhr mit dem letzten Update auch ein paar ... Features spendiert, die denen der Apple Watch ähneln: Smartphone-Benachrichtigungen jeglicher Art werden jetzt auch auf der M400 angezeigt, und wie gestern bemerkte, kann ich scheinbar nun sogar Anrufe auf dem Ding entgegennehmen. Wie auch immer das funktionieren soll, wenn das Telefon währenddessen in meiner Hosentasche steckt, aber hey, that's none of my business. Das mit den Benachrichtigungen ist zugegebenermaßen ein bisschen praktisch, weil ich so sofort sehe, warum mein Telefon pingt oder vibriert, ohne es erst mühsam aus der Tasche kramen zu müssen, während ich im Bus eingepfercht zwischen schwitzenden Touristen stehe und mich kaum bewegen kann. Ist aber eben nur ein bisschen praktisch, weil man bspw. Nachrichten auf der Uhr nicht scrollen kann, d.h., ich sehe auf dem Winzdisplay mit seiner Auflösung von gefühlt vier mal vier Pixeln den Absender und vielleicht die ersten zwanzig Zeichen einer Nachricht. Den Rest muss ich dann erraten oder eben doch auf dem Telefon nachlesen. Antworten oder so geht schon mal gar nicht. Dolles Ding. Kommt hinzu, dass die Uhr nun ständig die Verbindung zur App auf dem Smartphone verliert, bzw. die App mich dauernd ausloggt. Alle paar Tage muss ich mich nun neu einloggen, die Daten der Uhr mit der App synchronisieren, etc. Von der Sync-Software auf meinem Mac ganz zu schweigen, die bei gefühlt jedem zweiten Synchronisationsvorgang sang- und klanglos abstürzt. Hat den Kram eigentlich irgendwer getestet?!

Hätte man der M400 statt dieser unausgereiften und nicht zu Ende gedachten Funktionen nicht lieber was Gescheites hinzufügen können? Wo sind bspw. individualisierbare Trainingspläne? Eine Funktion, die mich dran erinnert, wie lange ich heute laufen muss? Smartphone-Apps können das schon lange. Warum baut man der Software nicht ein, dass die Uhr mich darauf hinweist, wenn ich zu schnell oder zu langsam laufe? Es gibt Pulsmessgurte, die können das. Wenn ich schon einen Trainingsbegleiter kaufe, weshalb begleitet er mich nicht, sondern tut so, als wäre er eine Apple Watch für alle, die gern eine hätten, sich aber keine leisten können? Solche Funktionen treiben die Leute am Ende doch nur zum Original.

Ich kann mir gut vorstellen, wie das im Management bei Polar abgelaufen sein wird. Der Chef kam mit seiner nagelneuen Apple Watch Edition rein (Ja, Edition ist die goldene mit dem Mondpreis!), schlug mit der Faust auf den Tisch und sagte: »Das, was meine neue Uhr hier kann, müssen unsere auch können. Baut das ein!«

Bemitleidenswerter Ingenieur mit Ahnung darauf: »Aber dafür ist unser Produkt doch gar nicht gemacht.«

Chef: »Papperlapapp! Baut das ein!«

Bemitleidenswerter Ingenieur mit Ahnung und zweihundert Puls: »Aber DAS GEHT NICHT!«

Chef: »Sie sind RAUS!«

Oder eben so:

Meeting bei Polar

2 Gedanken zu “Wie man am Produkt vorbeientwickelt

  1. RoM

    Salut, Thomas.
    Die Stopuhr-Funktion war doch schon Gadget in den ollen Knight-Rider-Uhren von anno War-ich-jung; oder läuft es sich heute besser mit einer medizinischen Entourage in der "Cloud"!? 🙂
    Vor allem wenn man/frau Zeit dafür aufbringen muß die digitalen Eierköpfe am laufen (sic!) zu halten.

    bonté

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Hallo RoM,

      besser läuft es sich nun nicht, aber ich kann ziemlich genau die bereits gelaufene Strecke ablesen, gucken, ob ich zu schnell renne, etc. Ob das jetzt so'n großer Mehrwert ist, sei mal dahingestellt. Ein kleiner Motivator ist’s aber auf jeden Fall.

      Übrigens hat besagter Hersteller die von mir bemängelten nicht vorhandenen Trainings inzwischen nachgerüstet. Ob die hier wohl mitlesen? 😉

      Viele Grüße
      Thomas

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