Die verflixte 30

30 sein ist blöd. Ich bin's ja jetzt schon ein Weilchen, aber irgendwie gewöhne ich mich nicht daran. Beim besten Willen nicht! Nach meinem Alter gefragt, schwebt immer noch zuerst eine 2 durch meinen Kopf, bis ich dann realisiere: Ach nee, ich bin ja jetzt alt. Dabei stimmt das gar nicht, und es fühlt sich auch nicht wirklich so an. Es ist eher ein Zwischending, so wie der Pizzaburger: Nichts halbes und nichts Ganzes, alles in allem aber auch ein bisschen eklig. Mit 30 bin ich zu jung, um mich alt zu fühlen, aber gleichzeitig auch zu alt, um mich noch jung zu fühlen. Das geht einfach nicht richtig klar.

Ich hätte gar nicht gedacht, dass dieses Alter so was Einschneidendes haben könnte, es ist aber so. Ein bisschen kann ich mir jetzt gedanklich ausmalen, wie es dann sein muss, mit knapp 50 oder so in eine waschechte Midlife-Crisis hineinzustolpern. Ich habe jetzt mit 30 nicht das Gefühl, was verpasst zu haben in meinem Leben. Es gibt ja Leute, die laufen mit einer imaginären Checkliste durch den Tag und meinen, möglichst früh am besten schon die ganze Welt bereist zu haben. Das habe ich gar nicht mal. Ich mag die Welt nicht, die interessiert mich nicht, hat sie auch nie. Aber es ist so, bzw. geht es mir so, dass doch viele Gedankengänge in ihrer Wichtigkeit durcheinandergequirlt worden sind. Das schlich sich so in den letzten Monaten ein. In den Zwanzigern etwa dachte ich noch, dass ich mal aus meinem Job ausbrechen würde, einfach was ganz anderes machen, dass ich ja auch jede Menge andere Möglichkeiten hätte. Inzwischen finde ich das gar nicht mehr sonderlich relevant. Dass aus mir wohl kein Bestsellerautor mehr werden wird, nun ja, das kann ich inzwischen ganz gut verschmerzen. Ist ja auch heilsam, da mal ehrlich zu sich selbst zu sein: Mir fehlt das Talent, und mir fehlt auch das Feuer. Gerade Letzteres ist doch ein bisschen erloschen. Als hätte, kaum wurde ich 30, irgendwer den Ofen ausgemacht.

Wie gesagt, ist auch gar kein fieser Gedanke, der sich da eingenistet hat. Es ist nur so, dass andere Dinge an Relevanz gewonnen haben. Beispielsweise kann ich das Leben im Hier und Jetzt viel mehr wertschätzen. Einmal aus dieser Was-noch-werden-könnte-Blase ausgebrochen lebt es sich doch deutlich intensiver. Ich mäandere weniger durchs Dasein, plane weniger Dinge, die ich sowieso nicht umsetzen würde. Dafür mache ich nun aber eben auch mal was, gehe Themen wirklich an. Die Wochenenden mit einer Tasse Kaffee auf der Couch zu starten, das Notebook auf dem Schoß, und irgendwelche Texte in Blogs zu klöppeln, das alles war gut und schön, aber inzwischen hat sich der gedankliche Standpunkt manifestiert, dass auch mal was vorangehen muss. Zeit, Texte in Blogs zu klöppeln bleibt auch so noch, aber ein grundsätzlicher Lebensinhalt sollte das wohl nicht werden. Das Schlimmste, was ich mir für mich vorstellen kann, ist in 30 Jahren noch immer dieselben Rituale zu haben, morgens dieselben Seiten anzusurfen, dieselben alten Lieder zu hören, immer noch zu denken, ich könnte alles erreichen, ich müsste es ja nur wollen. So funktioniert das alles nicht. Im eigenen Saft schmoren ist schon mal ganz okay, aber wenn der Saft ranzig wird, sollte man wohl aus dem Topf steigen.

Dass ich auch mal was wirklich angehe, mag auch damit zusammenhängen, dass ich seltsamerweise ganz schlimm das Gefühl habe, nicht mehr genügend Zeit zu haben. Das korreliert nicht wirklich mit dem Gefühl, nie wirklich was verpasst zu haben, ich weiß, aber hat ja auch keiner behauptet, dass Gedankengänge zusammengenommen ein Großes und Ganzes ergeben müssen. Auch das hat sich innerhalb der letzten Monate so eingeschlichen. Weihnachten? Ist ja quasi schon morgen. Das Jahr 2016? So gut wie auch schon erledigt. Dass die Zeit immer schneller vergeht, je älter man wird, das Gefühl kennt wahrscheinlich jeder. Aber gehört da auch zwingend dazu, dass man stets denkt, alles Künftige wäre quasi im Nu schon wieder vorüber? Das treibt seltsame Blüten. Wenn ich beispielsweise durch ein Buchgeschäft laufe, kann ich mich kaum richtig für ein Buch entscheiden, weil ich mit jeder Entscheidung bedauere, welche Bücher ich deswegen wohl in meinem Leben nicht mehr lesen können werde. Jetzt noch schnell was Neues anfangen? Lohnt ja gar nicht richtig. Und gleichzeitig ist da eben auch dieses: Wenn nicht jetzt, wann dann? Also los!

Brrr, schlimm ist das! Fast, als wäre ich wieder in der Pubertät angelangt, nur ohne Akne und den schrecklichen Fluch, mich ständig in irgendwelche Mädels zu verknallen. Kann das mal wer abstellen? Und wird das eigentlich noch schlimmer, wenn ich dann 40 bin? Leidensberichte gerne in die Kommentare. Mit 50 bin ich dann wahrscheinlich auch ein perfekter Midlife-Crisis-Kandidat. Dann werde ich wieder Band-Shirts kaufen, in Jeans-Jacke auf Rockkonzerten mit dem Fuß wippen, während das Plastikbecherbier in meiner Hand pisswarm wird, und mir diesen riesigen Totenkopf auf den Rücken tätowieren lassen, für den meine Mutter mich früher garantiert gekillt hätte. Na ja, so gesehen könnte es dann wohl auch schlimmer kommen.

4 Gedanken zu “Die verflixte 30

  1. RoM

    Yum tuv, Thomas.
    Mit der Jugend ist es (fast!) wie mit dem Alter - bei ersterem kommt immer jemand nach Dir in den Genuß, bei letzterem war schon immer einer vor Dir da.
    Wir sind verdammt verdammt...

    Gut in den Fünfzigern steckend, kann ich einmal vorsichtig Behaupten, daß die Krise in der Mitte des Lebens eine Schimäre ist. Eher ein lifestyle Produkt.

    Das Universum bleibt ein zu großer Ort, um es zu durchleben; an Deinem Beispiel zu bleibend - jedes gelesene Buch ist das Deinige. Abgesehen davon kannst Du grundsätzlich nicht nach all den anderen Büchern trachten. Bereits der schieren Menge wegen. Ist ähnlich wie mit den Göttinnen der Existenz *.

    Eben jetzt zu leben bleibt eine weise Einsicht. Schließlich können wir nicht alle - und sollten es auch nicht - Getriebene diverser Sehnsüchte sein. Die Welt wäre eine andere würde nicht ausdauernd wer danach gieren Imperien aufzubauen. Abgesehen davon, daß das Gros seine Ruhe vor den Alexanders oder Napoleons hätte.

    Zukunft verfliegt augenblicklich zur Vergangenheit. Daran ändert keine Strategie irgend etwas.
    Es sei denn im Wohnzimmer materialisiert plötzlich eine Tardis!

    Du hast bei den Ersatzhandlungen noch vergessen "sich eine Harley kaufen"... 🙂

    Off topic!
    Der Fokus auf das einzige Fenster mit üppigem Blumenschmuck, ist ein gelungen Photo!

    bonté

    * irgendwessens Metapher für die Frauen

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Hallo RoM,

      ja, so ist das. Ärgert man sich übers eigene Alter, gibt es immer wen, der sagt: "DAS nennst du alt? Komm mal in mein Alter." Ändert sich vermutlich erst dann, wenn man irgendwann eine Auszeichnung dafür bekommt, der älteste Mensch der Welt zu sein. Aber will man das?

      Das mit den Sehnsüchten ist auch so'n bisschen ein Thema der Konsumgesellschaft, denk ich. Irgendwie wird man ja daraufhinerzogen, stets das nächste materielle Ziel anzustreben. Vielleicht erstreckt sich das ja schließlich auch auf die nicht materiellen Zielmöglichkeiten, die sich einem im Leben bieten oder wenigstens zu bieten scheinen.

      Uh, und das mit der Harley lasse ich mal besser. Wenn ich schon in kein Auto steige, dann sicher auch nicht auf ein Gefährt, das mir noch weniger Knautschzone im Fall der Fälle bietet. 😉

      Viele Grüße
      Thomas

      Off topic: Solche Bilder sieht man hier an allen Ecken. Man müsste nur immer eine Kamera dabei haben. Die Smartphone-Bildergebnisse sind ja doch eher ernüchternd, wenn man weiß, wie's mit einer richtigen Kamera ausgesehen hätte. Wobei ich vielleicht auch einfach ein Smartphone jüngerer Generation bräuchte. Womit wir wieder bei den materiellen Sehnsüchten wären. 😉

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