Archive für den Monat: Dezember 2015

Im AffenhausAuf der Suche nach einer Kerze (immer diese kreativen Weihnachtsgeschenke) waren meine Freundin und ich neulich – da muss ich tief durchatmen – im »Bikini Berlin«. Nicht, dass nebenan nicht auch ein Weihnachtsmarkt gewesen wäre, auf dem fünf fantastilliarden Sorten an Kerzen verkauft wurden, aber nee, irgendwie sagte uns das alles nicht zu. Wenn man schon Kerzen schenkt, dann richtig. Aber gut, zurück zum »Bikini«: Dabei handelt es sich nicht etwa um extragroße Damenbademode, die man betreten kann (obwohl man solche extravaganten Konstruktionen den Berliner Stadtplanern mit ihrem Stahlbetonfetisch ja durchaus zutraut), sondern um ein Einkaufszentrum. Na ja, oder um so etwas Ähnliches.

Genau genommen habe ich noch nicht verstanden, was das »Bikini« eigentlich genau sein möchte. Laut Webseite eine »Concept Mall«. Und damit fängt der Irrsinn auch schon an. Optisch schaut das Ding von innen aus wie das »Alexa« am Alexanderplatz von außen: grausig! Alles hat diese Warenlageratmosphäre: Die Decke voller Rohre und wirr verlaufender Kabelkonstruktionen, die Wände nicht verkleidet, also ziemlich genau so, wie der BER anno 2015. Überall stehen Kisten im Weg, von denen man eigentlich meinen möchte, jemand hätte sie beim Einräumen vergessen, aber dann sitzt eben doch schon wieder ein komisch anmutender Berliner drauf und schlürft sein Tässchen Was-auch-immer-mit-Biosojamilch. Geschäfte gibt es dort natürlich auch. Alles wirkt ein bisschen wie in »Mad Max«, nachdem da einmal feucht durchgewischt wurde: Zusammenimprovisierte Miniboutiquen aus Bretterzäunen, Baupaletten und Maschendraht zusammengefriemelt, und drinnen oder daneben steht eine gelangweilte Verkaufskraft, die sich aufgrund des mageren Warenangebots so wenig bewegen muss, dass man sie auch für eine Schaufensterpuppe halten könnte. Aber ich weiß schon, das muss so, das gehört zum Konzept.

Apropos Konzept: Das erschließt sich mir nämlich nicht wirklich. In den größeren Geschäften mit dekadent üppiger Verkaufsfläche stehen lediglich zwei, drei Tischlein, auf denen ... Dinge platziert wurden, die entweder Verkaufsartikel oder Deko sind oder beides. Meist sieht das, was da an potenzielle Kundschaft mit ausgeleiertem Geldbeutel vertickt werden soll, so aus, als hätte man zwei willkürliche Gegenstände in einen Teilchenbeschleuniger geschmissen, um sie kollidieren zu lassen und das verknäulte Ergebnis dann als Kunst auszugeben. Zumeist haben wir das nur vom Schaufenster aus festgestellt, weil wir uns nicht wirklich trauten, die Läden zu betreten, denn merke: Ein leeres Geschäft und ein gelangweilter Verkäufer bergen immer die Gefahr, dass man mit Beratungsgesprächen vollgeballert wird, sobald man auch nur einen Viertelfuß in den Laden setzt. Der Traum eines jeden, der lieber online bestellt.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Geschäfte ihr ach so individuelles Konzept schon am Namen herausstellen wollen, der dann auch so gar nichts darüber aussagt, was einem drinnen eigentlich angedreht wird. Das alles geht so weit, dass ich mich fast nicht traute, aufs Klo zu gehen, weil ich nicht sicher war, ob sich hinter der Tür mit den goldenen Lettern »WC« tatsächlich ein Lokus oder doch wieder nur ein Klamottenladen verbarg.

Aber wie gesagt, gehört eben alles zum Konzept. Man kann sich schließlich schlecht »Concept Mall« nennen, wenn dann hinter der Tür doch nur Kik und Lidl warten. Ich will das »Bikini« auch gar nicht zerreden, auch wenn das hier eventuell, also nur vielleicht, ein kleines bisschen so wirken könnte. Das Ding war brechend voll, auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass da irgendwer tatsächlich mal eine Lampe aus rostigem Stacheldraht und ein paar Glasscherben für tausend Euro kauft. Das Ding ist quasi der Gegenentwurf zu den Ikeas und H&Ms dieser Welt: Hier ist alles und jeder so fürchterlich individuell, dass man eigentlich nur dann auffällt, wenn man bei Ikea und H&M einkaufen geht. Alles ist so hip, hipster wird's definitiv nicht. Anders ausgedrückt: Wir sind einfach die falsche Klientel. Zu einfach, zu provinziell, zu Kassengestell. Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, in dem Salz und Pfeffer im Essen das höchste aller kulinarischen Gefühle waren. In einem solchen Shoppingtempel fühle ich mich wie Charlton Heston auf dem Planeten der Affen (die übrigens ihr Gehege – kein Witz – direkt nebenan haben), und das fasst für mich auch alles zusammen, was man darüber sagen kann.

Ach ja, Kerzen gab's dort übrigens keine.

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Am letzten Wochenende haben meine Freundin und ich "Der kleine Prinz" im Kino angeschaut. Zugegebenermaßen bin ich nur ihr zu Liebe ins Kino gegangen, weil ich mir von der Geschichte an und für sich nicht so richtig viel versprach. Das Büchlein habe ich nie gelesen, im Groben war mir die Geschichte aber bekannt. Nun, um es kurz zu machen: Der Kinobesuch hat sich gelohnt. Der Film gibt nicht einfach nur Antoine de Saint-Exupérys Geschichte wieder, sondern spinnt auch eine wirklich sehr schön gemachte Rahmenhandlung um die ursprüngliche Erzählung. Während die Buchpassagen wunderschön in Stop-Motion-Technik visualisiert wurden, ist der größte Teil des Films im Grunde ein gewöhnlicher Animationsfilm, wie ihn auch Pixar und Co. machen. Das mag nicht jedem älteren Semester gefallen, aber gerade Kinder, für die der Film ja - nicht nur, aber auch - gemacht wurde, werden daran natürlich Gefallen finden (ich übrigens auch).

Aber worum geht's? Ein kleines Mädchen soll auf eine besonders renommierte Schule gehen. Dafür hat die arbeitsame Helikoptermutter das komplette Leben des Kindes durchgeplant, wenn sie sonst schon keine Zeit für Erziehung hat. Jede Tagesaktivität läuft nach einem strengen Zeitplan ab, für Freunde oder Spaß bleibt auf dem Weg zur vermeintlichen Traumkarriere keine Zeit. Nachdem gleich zu Beginn des Films eine Bewerbung an der besagten Schule in die Hose geht, zieht die vaterlose Familie in ein neues Haus in einer übertrieben konformistisch gestalteten Eigenheimsiedlung, nah an der ersehnten Akademie gelegen. Das Haus war besonders günstig, weil direkt nebenan ein schrulliger alter Mann in einem schrägen Haus wohnt, der so gar nicht in die Ordnung liebende Nachbarschaft passen möchte. Kurz um: Natürlich lernt das Mädchen den alten Mann kennen, der sich schließlich als der Pilot aus "Der kleine Prinz" herausstellt. In der Folge wird dem Zuschauer nicht nur die zauberhafte titelgebende Geschichte näher gebracht, sondern er erfährt auch die Werte wahrer Freundschaft und was es bedeutet, ein Kind zu sein und dieses Kind sowie die Macht der Vorstellungskraft in sich zu bewahren.

Aber ach, der Trailer erzählt das besser als ich:

Wenn man den Film analysiert, lässt sich natürlich das eine oder andere Haar in der Suppe finden. Die Themen werden etwas plakativ angegangen, der Handlungsaufbau ist recht konventionell, und ob Til Schweiger als (glücklicherweise nicht omnipräsenter) Synchronsprecher wirklich sein musste, darüber kann man streiten. Darüber konnte ich insgesamt sehr gut hinwegsehen. Denn sehr erstaunt hat mich doch, wie gut die eigentliche Geschichte um den kleinen Prinzen in ein stets aktuelles Setting eingebettet wurde. Gerade der Kontrast macht sehr deutlich, dass auch die originale Erzählung nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat. Und während wir den Film schauten, umringt von mampfenden und tuschelnden Kindern (vor allem das Mädchen hinter uns, das den Film offenbar schon gesehen hatte und ständig die im nächsten Moment gesprochenen Sätze vorplapperte ... Grrr!), erwischte ich mich doch selbst immer wieder mal dabei, wie ich Stationen meines bisherigen Lebens Revue passieren ließ.

Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie es damals war, als ich so allmählich mit der Schule fertig wurde. Karriere wollte ich machen, auf jeden Fall hoch hinaus. Wie genau, das wusste ich damals auch noch nicht, aber dass es sein musste, das war klar. Wurde mir ja auch so vorgelebt. Meine Eltern wollten immer, dass ich's mal besser habe. Wenn sie selbst es schon nie aus dem Proletarierdasein herausgeschafft hatten, so sollten doch ihre Kinder das erreichen, was ihnen verwehrt blieb. Das ewige Projektionsthema der Eltern auf ihre Kinder eben. Ich dachte damals allen Ernstes, ich könnte nach der Schule mein altes Leben einfach abstreifen wie eine abgetragene Jacke, mich in den Anzug schmeißen und Businesskasper spielen.

Hat glücklicherweise nie geklappt, und darüber bin ich sehr froh. Mir war mein Leben, meine Hobbys, der Kontakt zu Menschen, die mir etwas bedeuten, immer wichtiger, als ganze Tage schwer schuftend im Büro zu verbringen und nur noch zum Schlafen nach Hause zu gehen. In meinem Umfeld beobachte ich so was leider allzu oft, und ich möchte dann immer schreien, dass Arbeit doch wohl nicht alles im Leben ist. Ich habe das Kind in mir bewahrt, und das lebe ich auch aus. Böse Zungen könnten natürlich behaupten, ich würde damit kompensieren, dass ich noch immer keine eigenen Kinder habe, und vielleicht ist da auch was dran, aber das ist mir eigentlich sehr egal. Ich habe auch lange gebraucht, um herauszufinden, was es eigentlich bedeutet, jemanden wirklich zu lieben, diesen jemand festzuhalten, wieder loszulassen und zu wissen, dieser jemand kommt auch wieder zurück. In dieser oberflächlichen Höher-schneller-weiter-Zeit, in der jeder immer nur dabei ist, sich selbst weiter zu optimieren, kann man das schon mal verlernen, glaub ich. Oder vielleicht auch nie gelernt haben. Und das ist schade, entgeht einem dadurch doch so viel Schönes.

Es ist nicht immer ganz leicht, sich stets all dieser Lebensinhalte abseits des Strebens nach Geld und Konsum bewusst zu sein, aber es ist wichtig, es sich immer wieder bewusst zu machen, wenn man mal abdriftet. Das waren so Gedanken, die mir während des Films und danach durch den Kopf gingen. Ist also durchaus nicht nur für Kinder gemacht, denn die wissen es wahrscheinlich sowieso noch viel besser als wie Erwachsenen. Erwachsen wird man von allein, am Kindbleiben muss man arbeiten.