Kerzen auf dem Planeten der Affen

Im AffenhausAuf der Suche nach einer Kerze (immer diese kreativen Weihnachtsgeschenke) waren meine Freundin und ich neulich – da muss ich tief durchatmen – im »Bikini Berlin«. Nicht, dass nebenan nicht auch ein Weihnachtsmarkt gewesen wäre, auf dem fünf fantastilliarden Sorten an Kerzen verkauft wurden, aber nee, irgendwie sagte uns das alles nicht zu. Wenn man schon Kerzen schenkt, dann richtig. Aber gut, zurück zum »Bikini«: Dabei handelt es sich nicht etwa um extragroße Damenbademode, die man betreten kann (obwohl man solche extravaganten Konstruktionen den Berliner Stadtplanern mit ihrem Stahlbetonfetisch ja durchaus zutraut), sondern um ein Einkaufszentrum. Na ja, oder um so etwas Ähnliches.

Genau genommen habe ich noch nicht verstanden, was das »Bikini« eigentlich genau sein möchte. Laut Webseite eine »Concept Mall«. Und damit fängt der Irrsinn auch schon an. Optisch schaut das Ding von innen aus wie das »Alexa« am Alexanderplatz von außen: grausig! Alles hat diese Warenlageratmosphäre: Die Decke voller Rohre und wirr verlaufender Kabelkonstruktionen, die Wände nicht verkleidet, also ziemlich genau so, wie der BER anno 2015. Überall stehen Kisten im Weg, von denen man eigentlich meinen möchte, jemand hätte sie beim Einräumen vergessen, aber dann sitzt eben doch schon wieder ein komisch anmutender Berliner drauf und schlürft sein Tässchen Was-auch-immer-mit-Biosojamilch. Geschäfte gibt es dort natürlich auch. Alles wirkt ein bisschen wie in »Mad Max«, nachdem da einmal feucht durchgewischt wurde: Zusammenimprovisierte Miniboutiquen aus Bretterzäunen, Baupaletten und Maschendraht zusammengefriemelt, und drinnen oder daneben steht eine gelangweilte Verkaufskraft, die sich aufgrund des mageren Warenangebots so wenig bewegen muss, dass man sie auch für eine Schaufensterpuppe halten könnte. Aber ich weiß schon, das muss so, das gehört zum Konzept.

Apropos Konzept: Das erschließt sich mir nämlich nicht wirklich. In den größeren Geschäften mit dekadent üppiger Verkaufsfläche stehen lediglich zwei, drei Tischlein, auf denen ... Dinge platziert wurden, die entweder Verkaufsartikel oder Deko sind oder beides. Meist sieht das, was da an potenzielle Kundschaft mit ausgeleiertem Geldbeutel vertickt werden soll, so aus, als hätte man zwei willkürliche Gegenstände in einen Teilchenbeschleuniger geschmissen, um sie kollidieren zu lassen und das verknäulte Ergebnis dann als Kunst auszugeben. Zumeist haben wir das nur vom Schaufenster aus festgestellt, weil wir uns nicht wirklich trauten, die Läden zu betreten, denn merke: Ein leeres Geschäft und ein gelangweilter Verkäufer bergen immer die Gefahr, dass man mit Beratungsgesprächen vollgeballert wird, sobald man auch nur einen Viertelfuß in den Laden setzt. Der Traum eines jeden, der lieber online bestellt.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Geschäfte ihr ach so individuelles Konzept schon am Namen herausstellen wollen, der dann auch so gar nichts darüber aussagt, was einem drinnen eigentlich angedreht wird. Das alles geht so weit, dass ich mich fast nicht traute, aufs Klo zu gehen, weil ich nicht sicher war, ob sich hinter der Tür mit den goldenen Lettern »WC« tatsächlich ein Lokus oder doch wieder nur ein Klamottenladen verbarg.

Aber wie gesagt, gehört eben alles zum Konzept. Man kann sich schließlich schlecht »Concept Mall« nennen, wenn dann hinter der Tür doch nur Kik und Lidl warten. Ich will das »Bikini« auch gar nicht zerreden, auch wenn das hier eventuell, also nur vielleicht, ein kleines bisschen so wirken könnte. Das Ding war brechend voll, auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass da irgendwer tatsächlich mal eine Lampe aus rostigem Stacheldraht und ein paar Glasscherben für tausend Euro kauft. Das Ding ist quasi der Gegenentwurf zu den Ikeas und H&Ms dieser Welt: Hier ist alles und jeder so fürchterlich individuell, dass man eigentlich nur dann auffällt, wenn man bei Ikea und H&M einkaufen geht. Alles ist so hip, hipster wird's definitiv nicht. Anders ausgedrückt: Wir sind einfach die falsche Klientel. Zu einfach, zu provinziell, zu Kassengestell. Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, in dem Salz und Pfeffer im Essen das höchste aller kulinarischen Gefühle waren. In einem solchen Shoppingtempel fühle ich mich wie Charlton Heston auf dem Planeten der Affen (die übrigens ihr Gehege – kein Witz – direkt nebenan haben), und das fasst für mich auch alles zusammen, was man darüber sagen kann.

Ach ja, Kerzen gab's dort übrigens keine.

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