Archive für den Monat: Januar 2016

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... hab mich nur versteckt.« Ich hasse übrigens Westernhagen. Trotzdem hätte ich dem zitierten Lied auch gern das »Ich bin wieder hier – in meinem Revier« vorangestellt, aber das wäre wohl nicht so ganz wahr. Ich habe mal wirklich gern geschrieben. Mal Sinnloses, mal (hoffentlich) Lustiges, hin und wieder habe ich mir auch wirklich Mühe gegeben, mir Geschichten auszudenken. Das alles war mal mein digitales Zuhause, ein Ventil, meine Art von gesundem Eskapismus.

Mit noch nicht Mitte 20, als das Leben relativ scheiße war, saß ich vor meinem röhrenden PC und dachte: Ja, und nu? Das war's jetzt? Ich fing dann (wieder) mit dem Schreiben an, was ich schon mal versucht hatte, es dann aber aus Gründen wieder sein lassen hatte. Diesmal war's mir doch ernst. Von meinem Textverständnis her war ich auch gar nicht mal so schlecht, obwohl ich wahrscheinlich nicht gerade mal eben einen konsistenten Roman aus dem Ärmel hätte schütteln können. Kurzgeschichten und lustige Textchen aus dem Leben waren ja auch was. Das half mir, ein bisschen zu entfliehen, wenn mir das Leben zu sehr in Richtung dessen ging, wie ich es nie führen wollte. Ich hatte nie vor, ewig in der IT zu arbeiten, mit der ich nie warm wurde, und so war das Schreiben für mich auch immer eine Option, in weiter Ferne mal was draus zu machen. Ein Plan B quasi, sogar ein Masterplan vielleicht, irgendwas, um dem zu entfliehen, was ich nicht ewig machen wollte.

Und um nicht einfach nur dazu sein. Dass das Leben gefühlt an einem vorbeizieht, ist unvermeidlich, wenn nicht gerade jeder Tag anders ist als der davor. Aber wenn es das schon tut, kann man ja wenigstens versuchen, das bisschen Zeit zu nutzen, um etwas Bleibendes zu schaffen. Nicht, dass ich je geglaubt hätte, irgendwas von meinem bisherigen Geschreibsel könnte überdauern, aber was wusste ich denn, was noch kommen würde? Denn hey, mit Anfang 20 war so was von noch alles drin!

Tja, und jetzt? Mit Anfang 30? Alles irgendwie kaputt. Es fühlt sich nicht mehr gut an, das Notebook aufzuklappen, den Cursor über die Seite des Textverarbeitungsprogramms wandern zu lassen. Es fühlt sich sinnlos an, unbrauchbar. Ich bin nie über den Punkt hinausgekommen, dass ich eigentlich nur selbst mein einziger Leser war. Woran's lag? Darüber habe ich oft nachgedacht, und sicher in erster Linie an mir. An meinem Unvermögen, Interesse zu wecken, oder zumindest überhaupt halbwegs interessante Texte zu fabrizieren. Das klingt alles sehr selbstmitleidig, aber so fühlt sich's an.

Schuld ist auch das Internet, das sich in den letzten Jahren so verändert hat, und das mir den Spiegel vorhält wie früher nie. Aus der kleinen gemütlichen Filterblase, in der ich mich bewegte, ist eine ziemlich große solche geworden. Twitter, Instagram, vor allem großartige Blogs (Facebook lasse ich mal weg) – alles Plattformen, die ich beobachte. Ich habe meine »Favoriten«, ich sehe, was die Leute aus ihrer Basis machen, was sie fabrizieren. Da fotografiert einer irgendwas halbwegs Lustiges, das Bild hat keinen künstlerischen Mehrwert, nichts Ansprechendes, und dennoch: Allein die Reichweite ist so viel höher als die, die ich je hatte. Von tollen Artikeln, die ich nie schreiben könnte, ganz abgesehen.

Kurz: Ich krieg's einfach nicht gebacken. Das Internet zeigt mir das heute in einem Maße, dass ich's unerträglich finde. Das, nun ja, ist der Status quo. Ich sitze in einem Loch und komme nicht raus. Meine Unzufriedenheit mit der beruflichen Situation tut da vermutlich ihr Übriges. Und dieses Gefühls wegen würde ich jetzt gern sagen, dass das hier mein letztes Posting war und es auch wirklich gern so meinen und erleichtert das Notebook zuklappen. Dann würde mir aber was fehlen, und bekanntlich stirbt die Hoffnung ja zuletzt. Wer weiß, was noch wird? Vielleicht findet mich die Lust am Schreiben ja wieder, wenn ich sie schon nicht finden kann.

Manchmal reicht es ja schon, sich einmal ausgekotzt zu haben, auch wenn's fast keiner liest, außer man selbst. Das jedenfalls ist der Grund, weshalb ich in den letzten Monaten eigentlich kaum mehr was zustande bringe.

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Secret of Mana
»Secret of Mana«

In grauer Vorzeit, also irgendwann Mitte der 90er Jahre, fuhr ich gern mit meinen Eltern in große Einkaufszentren. Lust auf Klamottenläden hatte ich natürlich keine, viel mehr spurtete ich sofort in den nächsten Elektronikmarkt, um dort den Tag an den Spielekonsolen zu verbringen, die sie dort hatten und die ich armer Tropf eben nicht besaß. Es war die Zeit des Super Nintendo. »Donkey Kong«, »Mario Kart«, »Super Mario World«, das waren die Spiele, die dort meist liefen. Ich war ein Sega-Kind, besaß selbst drum keine Nintendo-Konsole, und spielte daher alles ganz gern mal. Besonders faszinierte mich aber, wenn auf einer der Konsolen »Secret of Mana« lief. Das war ein Action-Rollenspiel, dessen Mechanik ich nicht ganz verstand, weshalb ich auch nie besonders weit kam, das sich aber in einer Hinsicht von den anderen genannten Spielen unterschied: Man konnte nicht nur nach links und rechts laufen, sondern sich frei in einer isometrisch dargestellten Welt bewegen, Häuser betreten, Bewohner treffen.

Das war neu für mich. Eine ganze Welt stand mir da offen! In meiner kindlichen Unwissenheit konnte ich mir auch nicht vorstellen, dass die Entwickler die Welt irgendwie begrenzt haben könnten. Bei allen anderen Spielen, die ich kannte, war das einfach: Scrollte der Bildschirm nicht weiter, ging es eben auch nicht weiter. Aber bei »Secret of Mana« schien mir das anders zu sein. Ich konnte ja gehen, wohin ich wollte. Wie sollte es da also Grenzen geben? Gern hätte ich die Welt vollständig erkundet, entdeckt, was hinter dem Offensichtlichen auf mich wartete, aber meist waren meine Eltern dann eben doch schneller mit dem Shopping fertig, und so musste ich eben wieder mit zurück.

Der nächste Wow-Moment kam, als ich zum ersten Mal den Werbespot zu »Super Mario 64« im Fernsehen zu sehen bekam. Hier konnte man sich als Mario nicht nur frei durch die Welt bewegen, nein, plötzlich war auch noch alles dreidimensional. Die räumliche Tiefe faszinierte mich. In diesem Spiel konnte es doch erst recht keine Grenzen geben. Wie sollte man in einem solchen Spiel an den Rand einer Welt kommen, wenn der Bildschirm doch gar nicht mitscrollte, sondern wie eine Kamera hinter der Spielfigur blieb? Leider kauften mir meine Eltern kein Nintendo 64, sodass ich diese Frage für mich nicht klären konnte.

Witzigerweise war es auch gar nicht die bonbonbunte Mariowelt, die mich gedanklich so faszinierte, sondern die Vorstellung davon, wie wohl die Welt hinter dieser Welt aussehen würde. Wenn es keine Grenzen mehr gab, konnte man doch überallhin gehen, oder? War es, wenn ich nur weit genug lief, vielleicht möglich, die Welt zu erkunden, in der ich lebte? Eine Eins-zu-eins-Entsprechung der realen Welt quasi? Wo würde ich hingehen? Würde ich unser Haus suchen? Bei den Freunden vorbeischauen? Mit Mario durch meine Schule rennen und Lehrern auf den Kopf hüpfen?

Dass die Entwickler nur so viel von der Welt erstellt hatten, wie für das Spiel nötig war, konnte ich mir nicht vorstellen, bzw. kam ich einfach nicht auf die simple Lösung: Wenn ein Leveldesigner nicht möchte, dass ich unendliche Weiten vor mir habe, dann setzt er mir eben einen Abgrund vor die Nase. Oder eine Wand. It's that simple! Vielleicht wollte ich mich aber auch einfach nur in ein Spiel hineinträumen, das grenzenlos war.

Heute sind wir der Sache schon ein gutes Stück näher gekommen. Wenn ich »Fallout 4«, »GTA 5« oder aktuell »The Witcher 3« spiele, dann kann ich stundenlang durch die offenen Welten der Spiele streifen, ohne an irgendwelche Ränder zu gelangen. Ich kann auf Entdeckungsreise gehen, finde Schätze und kleine liebevolle Details, die von den Entwicklern für mich in den hintersten Winkeln der Welt versteckt wurden. Ich rede mit den Bewohnern, mische mich in ihr Leben ein, kann nahezu jedes Gebäude betreten und mit allem interagieren, was mir vor die Nase kommt.

Doch dann, wenn mich gerade die Begeisterung gepackt hat und ich immer weiter und weiter gehe, wird die Welt plötzlich ungemütlich. Scharfe Winde zwingen mich in »Dragon Age: Inquisition« zum Umkehren, reite ich mit dem Hexer Geralt in »The Witcher 3« zu weit hinaus, warnt mich das Spiel: »Hier sind Drachen, kehr um!« Dann möchte ich seufzen und denke wieder zurück an meine Kindheit, daran, wie ich in »Super Mario 64« auf die Suche nach unserem Haus gehen würde. Wie sie wohl sein würde, die Welt hinter der Welt?