Mein »tolino«-Rant

Ich habe mir mal vorgenommen, mich weniger aufzuregen. Wenn man darüber nachdenkt, wie gut es einem eigentlich im Gegensatz zu so vielen anderen Menschen auf der Welt geht, dann geht es doch ganz schön gegen das eigene Gewissen, sich ständig an Kleinigkeiten hochzuziehen. So viel zur Theorie. Praktisch ist es leider so, dass ich mich ganz hervorragend aufregen kann. Ich würde soweit gehen zu behaupten, dass ich der perfekte Oppositionspolitiker wäre: Kritik kann ich – blumig gesprochen – einigermaßen schmissig formulieren, mit konstruktiven Verbesserungsvorschlägen dagegen sieht's mau aus. Ist mir aber wurscht. Da ich aber erstens kein Politiker bin, dies hier zweitens mein eigenes Blog ist und sich drittens gerade mein E-Reader nicht einschalten lassen möchte, rege ich mich jetzt nämlich über selbigen auf – in der Hoffnung, dass einer der Macher hier zufällig mal drüber liest. Und falls nicht: Mir doch egal!

Einen wohlmeinenden Test zum »tolino shine« habe ich bereits geschrieben. Wer nicht weiß, was das ist und meinen hervorragenden Test nicht lesen möchte: »Tolino« nennt sich die in Deutschland so ziemlich einzig relevante Konkurrenzgerätefamilie zum Amazon Kindle. Das Modell »shine« war bzw. ist das erste dieser Familie  und wird auch immer noch als Einsteigergerät verkauft. Grundsätzlich gilt auch alles noch, was ich dazu mal fabuliert habe: Robustes Gerät, über das auch mal ein Panzer rollen kann, ohne dass es Schaden nimmt, angenehm knackiges Schriftbild (wenn auch etwas blass), prima augenfreundliche Bildschirmbeleuchtung, falls man mal im Dunkeln unter der Bettdecke lesen möchte, bzw. der DB-Fernzug gerade mal wieder etwas länger – sänk ju for träwelling ... – im Tunnel feststeckt.

So, jetzt aber! AAABER! Diese Software! Software ist – wenn man in der Branche arbeitet, weiß man das – nicht gerade des Deutschen bestes Pferd im Stall. Eher ein lahmer Brauereigaul, der aus dem letzten Loch pfeift. Als ich den »tolino shine« damals gekauft habe, war er einigermaßen flott. Die Software konnte nicht viel, aber mir war das egal. Ich wollte Bücher drauf laden und sie lesen, Punkt! Hat sich bis heute nicht geändert. Das ging prima, doch inzwischen wurden einige »Features« nachgeliefert, die keine Sau braucht. Grundsätzlich sind Softwareupdates ja was Schönes: Dem Hersteller liegt was am Gerät und am Kunden, sehr löblich also. Wenn aber diese Software wie beim »tolino shine« dafür sorgt, dass das Gerät so träge wird wie ich am Sonntagmorgen vorm ersten Kaffee, dann ist das schon ein bisschen frech. Es kommt nicht selten vor, dass sich der Reader nicht mal mehr einschalten lässt. Da hilft nur, einen Zahnstocher im Haus zu haben. Den braucht man nämlich, um an den kleinen Resetknopf neben dem USB-Anschluss zu kommen. Sehr schön sind auch plötzliche Neustarts während ich das Gerät verwende, die dann gerne mal fünf Minuten lang dauern. Was macht das Ding in der Zeit? Primzahlen berechnen? Sehr angenehm, wenn man morgens im Bus zehn Minuten Zeit zu Lesen hat. Als würde ich nicht schon oft genug auf Ladebildschirme schauen, muss ich das nun auch noch während des Lesens? Bah!

Dann diese elende Anmelderei! Ey Leute! Es gibt Menschen, die sind weniger technikaffin als ich. Ältere Menschen beispielsweise, die damit aufgewachsen sind, dass ein Farbfernsehgerät mit vier Sendern mal der neuste Schrei der Technik war. Die sitzen jetzt vor dem »tolino« und wollen die digitale Variante irgendeines staubigen Reklam-Heftes lesen, müssen sich aber alle Nase lang mit ihrem Account anmelden. Du möchtest ein Buch kaufen? Meld dich an! Du hast ein Buch am PC gekauft und möchtest es per Synchronisation auf den Reader laden? Meld dich endlich an! Du möchtest auf dem Reader im Shop stöbern? Meld dich an, verdammt noch mal! Alter! Wenn ich das einmal machen muss, ist es ja okay, aber beim »tolino« muss ich das dauernd tun. Für Leute, deren Passwort 123456 lautet, mag das in Ordnung sein, wer aber so paranoid ist wie ich und seine eigenen Passwörter gar nicht kennen möchte, sondern sie in einer cleveren Passwortverwaltung hält, der guckt abends im Bett in die Röhre, wenn er zum E-Reader greift.

Besonders schön ist auch, wenn das Anmelden auf dem Gerät nicht funktioniert (wie gerade jetzt nach dem Reset!!!11!), weil die Seite nach dem erfolgreichen Login nicht angezeigt werden kann. Die Seite nach dem Login? Genau, wenn man es sich nämlich leicht machen möchte – wie im Fall des »tolino« –, dann benutzt man einfach die eh schon vorhandene Internetseite, um die Anmeldung auf dem Gerät umzusetzen. Tolle Wurst! Nun will ich ein Buch draufladen, das ich gerade gekauft habe und kann es nicht tun. Und das 2016! Da könnte ich strahlkotzen! Immerhin: Klappt's dann mit dem Anmelden doch, dann funktioniert die Synchronisation problemlos. Neu erworbene Bücher sind ratzfatz auf dem Gerät.

Aber dann, und hier muss ich ausholen: So wie Mose, wenn man an derlei Kram glaubt, irgendwann von seinem Berg heruntergekraxelt kam, um den Menschen die zehn Gebote zu bringen, muss auch Satan zwischenzeitlich mal aus seiner kuschligen Hölle gekommen sein, um dem Menschen Adobe DRM zu bringen. Adobe DRM ist der mistige Kopierschutz, mit dem E-Books ganz gern mal versehen werden. Eine Gängelung sondergleichen! Möchte gerne mal Mäuschen spielen, wenn ein/eine BuchhändlerIn dem Altersrente beziehenden Kunden erklärt, wofür er jetzt zum Lesen eine Adobe-ID benötigt. Ohne die kann man kopiergeschützte Bücher nämlich nicht lesen. Und es kommt teilweise noch schlimmer: Eine von mir gekaufte Ausgabe des Buches »Sternenkrieger« von Robert Heinlein war derart DRM-verseucht, dass ich alle paar Male, wenn ich weiterlesen wollte, vorher meine Adobe-ID eingeben musste – inklusive Passwort. Dass meine Passwörter nicht 123456 lauten, habe ich bereits erwähnt, nech? Vielleicht können die Macher der tolino-Software auch gar nicht so viel dafür, keine Ahnung, aber trotzdem: Wenn ich ein Buch kaufe, möchte ich dafür nicht bestraft werden, indem mir Adobe mit seiner bescheuerten ID auf den Sack geht. DAS! GEHT! GAR NICHT! Mit schwarzkopierten Büchern hätte ich dieses Problem nämlich nicht. Und außerdem: Amazon, der unsympathische Internetriese aus Übersee kriegt's doch auch hin.

Also bitte bitte, liebe tolino-Hersteller: Kriegt mal die Performance eurer Software in den Griff und macht, dass ich nicht mehr 'nen Zettel mit Passwörtern neben dem Bett liegen haben muss, wenn ich abends vorm Schlafen noch mal lesen möchte. Zwohundert Puls wegen eines Login-Bildschirms tragen nämlich nicht gerade zu meiner Nachtruhe bei. Ansonsten hab ich nichts zu beanstanden, danke!

5 Gedanken zu “Mein »tolino«-Rant

  1. Bin seit Jahren auf dem Kindle unterwegs den ich per USB betanke (ja, man kann auch ohne Amazon und Online-Verbindung), lese Bücher inzwischen ausschließlich in eBook Form drauf. Super zufrieden damit, würde mir nochmal einen holen wenn der jetzige kaputt geht. Das ganze Konto-Jonglieren gibt es da nicht.

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Über USB kann ich meinen Reader auch versorgen. Das geht dann auch ganz ohne Account. Grundsätzlich finde ich Accounts allerdings auch gar nicht schlimm, wenn die Sache eben so umgesetzt ist, dass sie mich nicht ständig nervt.
      Wir haben auch noch 'nen Kindle (Paperwhite). Gefällt mir von der Nutzerführung jedenfalls deutlich besser. Aus den genannten Gründen.

      Viele Grüße

  2. RoM

    Kia ora, Thomas
    Manche Anbieter halten es eben mit dem Tal-zu-Silikon-Grundsatz, daß sich keine Software nicht doch durch sinnfreie Updates vermurksen läßt. Ist die Idee schon schlecht, läßt sie sich eins-zu-eins auch in einen Programmcode gießen!

    Nicht zu vergessen - das Goldene Kalb* der Moderne, die heilige Wahrung des Copyrights; und die pechgeschwefelte Verfolgung ilegalen Downloads durch die himlischen Scharen. Schwertentflammt angeführt durch die Erzengel Digitalkopierschutz & Abmahnungskanzlei.

    Dabei sollte tolino seine Kundschaft eher garnicht vergraulen, anöden, nerven. Man/frau könnte alles auch in der Wüste stehen laßen.

    bonté

    * um auf dein Moses-Bild einzugehen

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Hallo RoM,

      wahrscheinlich finden manche Nutzer die zusätzlichen Funktionen wie Wörterbücher, Notizen usw. ganz toll. Ich möchte aber damit einfach nur lesen. Kommt hinzu, dass ich die anderen Funktionen gar nicht verwenden wollte, selbst wenn ich sie als nützlich erachten würde. Ein E-Reader ist halt kein Smartphone oder Tablet. Der Bildschirm ist entsprechend behäbig, und so macht es doch nicht wirklich Spaß, mit dem Ding was anderes zu tun, als Bücher zu lesen.

      Ansonsten find ich die tolino-Geräte eigentlich sehr schön gemacht. Die neueren Geräte sind designtechnisch auch etwas fortgeschrittener als die erste Generation. Kann jedenfalls nicht schaden, wenn es ein wenig wahrnehmbare Konkurrenz zum Klassenprimus Amazon gibt.

      Viele Grüße

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