Shampoo, weiße Haare und ein Xylophon

Manchmal stehe ich morgens vor dem Spiegel und schaue diesen schönen Mann an. Ich drehe die Shampooflasche* dann um, weil meine Haarpracht sowieso nie den Level des Kerls auf dem Etikett erreichen wird. Etikettenschwindel ist das, suggeriert doch der werbende Aufdruck, man könne sich nach reichlich Gebrauch genüsslich mit den Händen durch die wallende Mähne fahren. Wallende Mähne ... die wüchse mir vielleicht am Kinn, würde ich nicht ab und an mit dem Gesichtsrasenmäher drüberfahren.

Und apropos Bart: In selbigem wachsen seit einiger Zeit zwei weiße Haare frech und fröhlich vor sich hin. Nicht eines, nein, es sind zwei – weil doppelt besser hält? Und nicht grau sind sie, sondern weiß. WEISS! An manchen Tagen fühle ich mich wahnsinnig jung und energiegeladen. An diesen Tagen sprechen die beiden weißen Haare zu mir und sagen: »Nope, du bist alt, Kollege. Nicht wahnsinnig alt, aber das kriegen wir auch noch hin. Und bis dahin sind wir zwei ein kleiner Vorgeschmack.« An anderen Tagen dagegen fühle ich mich schon von Haus aus alt. Ich stehe auf, strecke den Rücken durch und die Geräusche meiner Wirbelsäule ergeben eine saubere c-Moll-Tonleiter, gespielt auf einem hölzernen und morschen Xylophon. An diesen Tagen hätten die Ringe unter meinen Augen Anrecht auf eine eigene Postleitzahl. Stehe ich dann im Bad vor dem Spiegel, denke ich nicht mehr allzu vieles, nur noch: Puuuh!

Mein Hirn hat die manchmal blöde Eigenart, Erinnerungen nicht verblassen zu lassen. Verblassen tut regelmäßig nur, was ich morgen unbedingt erledigen wollte. Ich sehe das meiste von dem, was einmal war, noch ganz deutlich vor mir, fast als wären all diese Erinnerungen Miniaturausgaben dessen, was vergangen ist. Dioramen, in die ich hineingreifen kann, wenn ich möchte, fühlen, wie es damals war, ohne jedoch jemals wieder Teil dessen sein zu können. Das kann sehr zermürbend sein. Es ist grundsätzlich ja schön, wenn man sich erinnern kann, das weiß ich sehr wohl, aber manchmal ist es eben auch ein Fluch. Denn irgendwo in mir schlummert noch das Kind von damals, fragt sich morgens vor diesem blöden Spiegel, was plötzlich passiert ist, wer dieser Mann da ist, und meint damit nicht den üppig behaarten Typ auf dem Etikett der Shampooflasche.

Dieses Kind, hatte morgens regelmäßig den Haarwirbel am Hinterkopf niederzuringen. Ein Ärgernis, das heute nicht mehr existiert und somit direkt in ein anderes Ärgernis übergegangen ist: Sonnenbrände am Hinterkopf ... Dieses Kind stellte sich, während es sich kämmte, gern vor, dass sich hinter dem Spiegelschrank eine Geheimtür in irgendein gemütliches Fantasiereich verbarg. Na ja, im Wesentlichen ging es dabei darum, gedanklich der Schule zu entfliehen. Der Mann, der heute vor dem Spiegel steht, vermutet im Schrank allerhöchstens noch eine angefangene Packung Kopfschmerztabletten, sicher aber keine geheimen Türen.

Mit Anfang 30 steckt man in einer seltsamen Situation: zu alt um sich noch dauerhaft jugendlich zu fühlen und zu jung um sich weise fühlen zu dürfen. Dafür funktioniert der Verstand noch ausgezeichnet genug, um sich darüber Gedanken und Sorgen gleichermaßen zu machen. Mit Anfang 30 ist man quasi eine Ente: Kann nicht richtig gut fliegen, kann nicht wirklich gut schwimmen, schmeckt aber gut. Na immerhin!

Aber okay, genug der Altersärgernisse einstweilen, genug der Lethargie der vergangenen Wochen, auch wenn es hin und wieder mal sehr angenehm ist, nach Feierabend wenig produktives zu tun, tonnenweise Netflix-Serien wegzuatmen und ansonsten fünfe gerade sein zu lassen.

* Das mit dem Shampoo ist frei erfunden. Auf dem Zeug, das ist benutze, ist nichts aufgedruckt, abgesehen vom Markennamen und dem Hinweis, dass es sich um Shampoo handelt (und nicht etwa um Barbecuesauce).

10 Gedanken zu “Shampoo, weiße Haare und ein Xylophon

  1. RoM

    Hoi, Thomas.
    Image ist in der Konsumgesellschaft eben alles; dann wird es auch egal, wenn die Teenagerin in der Werbung für Anti-aging-Schmierfette diese anwendet. Hauptsache die Projektion stimmt.
    Abgesehen davon, daß die "perfekten" Haare in Shampo-Clips eh nach Antimaterie aussehen! 😀

    Weißbärtige gelten in einschlägig genutzten Klischees als (wahlweise) weise Männer*, oder dogmatische Vordenker einer Blut & Sperma-Sekte. Allerdings sind erbleichte Barthaare auch kein Grund den Schröder zu machen; könnte auch ein Alleinstellungsmerkmal Deiner Gen-Küche sein.

    So manches Mal ist 30 auch nur das nötige Bindeglied zwischen 20 & 40 - liegt eben mit auf dem Weg weiter.

    Schon Zeit für den Trailer zu 'Rogue One' gehabt?

    bonté

    * "Nur der Eigesichtige steht seinem Nahanattras im Weg!"

    Antwort
    1. Hallo RoM,

      Jasmin hat inzwischen ein drittes weißes Haar entdeckt. Herrje, ich glaub, allmählich wird es ernst. 😉 Aber das war bei mir schon immer so. Erst musste ich, längst dem Gesetz nach erwachsen, dauernd den Ausweis zücken, und – Paff! – gefühlt einen Tag später halten mich alle für 40 und älter. Vielleicht Überspring ich jetzt optisch mal wieder 'ne Dekade. Das Gute am Älterwerden ist ja durchaus, dass man weniger dazu neigt, sich über Äußerlichkeiten zu definieren. Das muss wohl auch so sein, sonst wären wir nur noch verzweifelt, wenn das Alter anfängt, weniger gnädig mit dem eigenen Äußeren zu sein.

      Den Trailer hab ich natürlich schon längst gesehen. Ich war sehr positiv überrascht. Wenn das Ding jetzt noch eine anständige Handlung mitbringt, könnte ich mich dafür glatt ins Kino bewegen. Rein optisch und akustisch macht zumindest der Trailer schon mal einiges her und Lust auf mehr.

      Und wo wir grad bei »Star Wars« sind: Vielen lieben Dank für die Buchpost! 🙂 Ich war ja sehr überrascht über den recht dicken Brief, hatten wir doch gar nichts bestellt. Bin gespannt, wie »Episode 7« als Jugendroman umgesetzt worden ist. Vielleicht ja auch ein Mittel, um Jasmin etwas an die Materie heranzuführen? Jugendbücher mag sie ja schon mal. 😉

      Viele Grüße
      Thomas

    2. Anonymous

      Ja, jetzt wird es so richtig ernst, das ist wirklich das Nonplusultra ! Aber mit 30 Jahren hat das Leben doch noch gar nicht so richtig begonnen, muss man mit einem Dreigaengemenue vergleichen, hab ich mal auf einem 30. Geburtstag gehoert, wonach der Hauptgang, das Fileestueck noch vor Ihnen liegt und das Dessert noch in weiter Ferne auf sie wartet, also die 3 weissen Haare sind ein Klax, ich kann als Vertreter des weiblichen Geschlechtes natuerlich
      nicht ueber Barthaare sprechen, aber generell weisse Haare hatte ich schon viel frueher, meiner Meinung nach Vererbung, aber die schoenen Menschen in der Reklame, ganz ehrlich, die aergern mich auch ein bisschen, ist doch menschlich, immer blond, immer schlank, als wenn es nichts anderes gaebe, aber ist das eigentlich wichtig?

    3. RoM

      ...wenn Dich der Blick auf die Handschrift des 'Rogue One'-Regisseurs interessiert, dann empfehle ich sein Debüt 'Monsters'.

      You're welcome!

      bonté

    4. @RoM: »Monsters«? Hm, ich dachte erst, das sei dieser Film mit Charlize Theron und hatte mich jetzt schon gewundert. »Monsters« hat laut IMDB eine Wertung von 6,4. Hmm, was allerdings nicht unbedingt was heißen muss, einer meiner SF/Horror-Lieblinge, »Event Horizon«, kommt da auch nur mit einer 6,7 weg. Hab manchmal den Eindruck, der Geschmack der Zuschauer orientiert sich an der Wertung der Kritiker. Also ich merk's mir direkt mal vor. Muss mal gucken, ob's den Film bei Netflix oder Amazon Prime gibt. Danke für den Tipp! 🙂

      @Anonymous: Das hat tatsächlich was mit Vererbung zu tun. Manche werden ja schon mit 18 grau oder weiß. Ich find's tatsächlich auch gar nicht so schlimm. Das Gute am Altern ist ja, dass man zunehmend gnädiger mit sich selbst wird. Wahrscheinlich würden wir sonst alle von Brücken springen, weil wir unser eigenes Äußeres nicht mehr ertragen könnten. Ich hab ja auch immer noch eine Notlösung: Sollte der Bart ganz weiß werden, kommt er ab und ich sehe dann bestimmt wieder aus wie 24 (oder so). 😉

      Viele Grüße
      Thomas

    1. Anonymous

      Ein Koelner und ein Berliner wetten, wer von beiden am besten luegen kann, Wetteinsatz fuer jeden 5 Euro. Der Koelner erzaehlt, dass er neulich von der Spitze des Koelner Doms aus wie ein Vogel ueber Koeln geflogen ist. Wortlos steckt der Berliner beide 5 Eurostuecke ein.Was denn, ruft der Koelner, du hast doch noch gar nicht gelogen? Darauf der Berliner:
      "Ick hab dir fliejen sehn!"
      Det kannste fuer de Puppe unta ULK verbuchen.

    2. @aworldtocome: Das hab ich auch schon gehört. Also bis auf fünf ... Ist schon auch was dran, find ich. Ich weiß noch sehr gut, wie meine Eltern waren, als sie in meinem Alter waren (Oh Gott, wie das klingt!). Und ich muss sagen, ich verhalte und fühle mich (wahrscheinlich) deutlich jünger und fideler.

      @Anonymous: Okay, den kannte ich noch nicht. Würde ich einem Berliner so aber auch zutrauen. Aber Fünf-Euro-Stücke??? Der Witz ist entweder sehr neu (inzwischen gibt es die Dinger ja), oder aus seligen DM-Zeiten für die Neuzeit adaptiert. 😉

      Viele Grüße
      Thomas

    3. Anonymous

      Ja, den Witz hab ich speziell fuer aworldtocome umjeschrieben, man ist ja auch noch jung jeblieben, hab aus 5 Mark die 5 Euro jemacht, und ROM hat's mal wieder auf'n Punkt je-
      bracht.Und Phanthomas koennte als Sternzeichen eigentlich nur eine Waage sein, rueckt alles wieder richtig ein, soveraen geschrieben, so wie immer, schlimmer wird es heute nimmer.
      Schoenen Sonntag!

      S

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