Archive für den Monat: Mai 2016

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Im Februar dieses Jahres ist meine Großmutter gestorben. Die Beisetzung der Urne fand Ende desselben Monats statt – das erste Mal, dass ich auf einer Beerdigung bzw. Beisetzung rr. Ich hatte meine Großeltern immer als eine Einheit empfunden. Man sagt, Menschen gleichen sich an, je länger sie zusammen sind. Die beiden waren das beste Beispiel dafür. So ein richtig enges Verhältnis hatte ich zu ihnen nie, aber wenn meine Familie sie besuchte, als ich noch kleiner war, oder wenn sie zu Weihnachten oder Ostern zu uns kamen, dann nahm ich sie immer als untrennbares Ganzes wahr. Einzeln gab es sie gar nicht – zumindest für mich nicht. Wenn sie sich unterhielten, fielen sie sich gegenseitig in die Sätze – einer wusste es immer besser als der andere. Für Außenstehende hätte das manchmal wie ein Streit klingen können, aber so waren sie halt.

Vor allem machten beide auf mich immer den Eindruck großer Zufriedenheit. Meine Großeltern waren Kriegsflüchtlinge – gebeutelte Schicksale des Zweiten Weltkriegs. Von der Sandkastenfreundschaft schafften sie es bis zur Eisernen Hochzeit. Sieben Kinder gingen aus dieser Partnerschaft hervor, großgezogen in Jahren voller Entbehrungen. Vielleicht waren es all diese Entbehrungen aus Zeiten, die wir heute so zum Glück nicht mehr kennen, die meine Großeltern im Alter so zufrieden machten. Sie mussten keine großen Reisen unternehmen, um Erfüllung zu finden, fuhren stattdessen mit dem Auto in die nächste Stadt, aßen Kuchen, tranken Kaffee, waren stolz auf ihre Enkelkinder.

Als ich meinen Großvater Ende Februar wiedersah, war von der Zufriedenheit nichts mehr übrig. Von dem gut genährten Opa, der in meiner Erinnerung meistens eine Schiebermütze trug und immer lächelte, war ein ausgemergelter Mann übrig geblieben, dem der Anzug und sogar die eigene Haut zu groß zu sein schien. Da war nichts in seinen Augen als Trauer und Verzweiflung, als er mich ansah. Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Eigentlich wusste ich nicht einmal, ob er mich überhaupt erkannte.

Die wichtigste Person in seinem Leben war gestorben und mit ihr für ihn die ganze Welt. Nach der Beisetzung stand er vor dem Grabstein, strich sanft mit der Hand drüber und sagte: »Mach's gut, mein Schnuckiputz.« So hatte er sie immer genannt.

Meine alltäglichen Ärgernisse und Problemchen, dieser Wunsch, das Leben noch ein Stückchen weiter zu optimieren, das Warten aufs nächste große Ereignis – all das schrumpfte zusammen. Was ist das schon wert, wenn der Mensch fort ist, der am wichtigsten ist?

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Jedes Mal, wenn ich einen meiner ohnehin inzwischen sehr seltenen Texte hier thematisch dem Älterwerden widme, rolle ich selbst mit den Augen und denke: Ja gut, der eine hier geht noch, nun ist aber Schluss mit der Heulerei!

Doch dann ...

Meine Freundin und ich waren am Wochenende in einem größeren Elektronikmarkt Nähe Ku'damm. Traditionell wandern wir hier die Games-Abteilung in einem der oberen Stockwerke auf und ab, nur um uns hinterher darüber zu ärgern, dass es einfach keine anständigen Spiele mehr gibt. Also gibt es schon, aber entweder besitzen wir die schon, oder sie passen einfach nicht zum eigenen Geschmack. Dennoch: Ich fühle mich immer ausgesprochen jung und aufgeschlossen, wenn ich nach Spielen schaue. Computer- und Videospiele sind eines meiner Hobbys seit dem siebten Lebensjahr, würde ich jetzt mal behaupten. Und wenn mich etwas zeitgemäßer macht als meine Eltern, als sie in meinem Alter waren (woran ich mich tatsächlich noch erinnere), dann ist das mein Interesse für Spiele. Ha!

Nachdem wir abermals nichts Spielbares fanden, gingen wir noch ins Erdgeschoss, um uns die Fitness-Tracker anzuschauen, die es derzeit so gibt. Den Unkenrufen zu diesen Teilen kann ich mich irgendwie nicht anschließen. Wenn ich eine Uhr trage, die mir zeigt, wie wenig ich mich eigentlich mal wieder den Tag über bewegt habe, dann ist das, finde ich, erst mal eine gute Sache. Zudem treibe ich recht viel Sport, vor allem laufe ich gern, und kann mittels GPS-Uhr meine Strecke planen, tracken, Intervalltrainings besser koordinieren, etc. Außerdem haben Fitness-Tracker zumindest für mich einen nicht zu unterschätzenden Motivationsfaktor: Die paar Schritte, um mein tägliches Bewegungspensum zu schaffen, gehe ich dann eben doch noch schnell zu Fuß. Man kann diese Art der Selbstoptimierung verteufeln, man kann das Thema aber auch einfach ignorieren, wenn man keinen Bock drauf hat, und was anderes tun.

Wie dem auch sei: Ein bisschen erinnert mich die Fülle an angebotenen Fitnessbegleitern an die Prä-Smartphone-Ära, als man in Elektronikmärkten noch hunderte unterschiedlicher MP3-Player kaufen konnte – von den Geräten einer gewissen Apfelfirma abgesehen eines hässlicher und unintuitiver zu bedienen als das andere. So auch bei den Trackern: Einigermaßen hübsch fand ich, von einigen Smart Watches abgesehen, einzig die Geräte von Fitbit, die eben mal nicht aussahen, als basiere ihre Gestaltung auf Designvorlagen, die Casio in den 80er-Jahren für seine Uhren als zu klobig ansah und in die Tonne warf.

Und wie das so ist in solchen Märkten, steht man keine zehn Sekunden an einem Regal, schon materialisiert ein »Berater« aus dem Nichts in den Raum hinein wie ein Bühnenmagier:

PUFF! (Knall und Rauch ...) »Sie interessieren also für Gerät XY.«

»Also ... äh ... eigentlich wollten wir nur mal gucken«, sagte ich so in etwa, aber das war dem jungen Mann natürlich egal, der augenblicklich anfing, die technischen Spezifikationen und Vorteile der Fitbit-Geräte, die er mal in irgendeiner Schulung eingeimpft bekommen hatte, herunterzubeten. Hat er auch ganz gut gemacht, ich konnte ein paar Rückfragen stellen und so tun, als wäre ich Sachen verbaler Kommunikation kein absoluter Vollidiot. Natürlich hätte ich nicht einfach was gekauft, ohne mich selbst noch mal unabhängig schlau zu machen, schließlich bin ich in Sachen Gadgets quasi Mann vom Fach: Wäre ich nicht in die DDR hineingeboren worden, wo ein klobiger drei Tonnen schwerer Fernseher mit Wackelkontakt das technisch Geilste unter der sozialistischen Sonne war, dann wäre ich anno 1984 vermutlich direkt mit einem Walkman in der Hand zur Welt gekommen.

Trotzdem fand ich das ganz interessant, was der Herr so erzählte, bis er dann – um auf die Einleitung zurückzukommen – diesen einen Satz sagte: »Also den XYZ feiere ich ja selbst am meisten.«

Ich muss selbst jetzt tief Luft holen ...

Keine Ahnung, vielleicht habe ich ja tatsächlich meine Kindheit und Jugend unter einem Stein verbracht, ohne es gemerkt zu haben, aber als ich jünger war, hat man so nicht geredet. Man konnte seinen Geburtstag feiern, Weihnachten, von mir aus auch Ostern (was ich nie verstand), aber wie kann man denn ETWAS feiern? Was für ein ekliger Slang ist denn das? Wo spricht man so? Wer hat sich das ausgedacht? Hat man das irgendwo tatsächlich immer schon so gesagt? Hab ich natürlich selbst nicht ganz zum ersten Mal gehört, aber jedes Mal, wenn jemand diese pseudocoole Formulierung hervorhustet, klappen sich mir vor Abscheu die Fußnägel hoch.

Hier war ich dann auch raus. Wer so was sagt, dem kaufe ich nichts ab, tut mir leid. Vielleicht gehöre ich, was sprachliche Trends angeht, echt schon zum alten Eisen, keine Ahnung, doch wenn man seinen Sympathielevel bei mir auf einen Negativrekord herunterfahren möchte, dann erzählt man mir, dass man etwas feiert, das kein Feiertag ist.

So, genug aufgeregt. Jetzt braucht der alte Mann erst mal seinen Mittagschlaf.