Worte des Unheils

Jedes Mal, wenn ich einen meiner ohnehin inzwischen sehr seltenen Texte hier thematisch dem Älterwerden widme, rolle ich selbst mit den Augen und denke: Ja gut, der eine hier geht noch, nun ist aber Schluss mit der Heulerei!

Doch dann ...

Meine Freundin und ich waren am Wochenende in einem größeren Elektronikmarkt Nähe Ku'damm. Traditionell wandern wir hier die Games-Abteilung in einem der oberen Stockwerke auf und ab, nur um uns hinterher darüber zu ärgern, dass es einfach keine anständigen Spiele mehr gibt. Also gibt es schon, aber entweder besitzen wir die schon, oder sie passen einfach nicht zum eigenen Geschmack. Dennoch: Ich fühle mich immer ausgesprochen jung und aufgeschlossen, wenn ich nach Spielen schaue. Computer- und Videospiele sind eines meiner Hobbys seit dem siebten Lebensjahr, würde ich jetzt mal behaupten. Und wenn mich etwas zeitgemäßer macht als meine Eltern, als sie in meinem Alter waren (woran ich mich tatsächlich noch erinnere), dann ist das mein Interesse für Spiele. Ha!

Nachdem wir abermals nichts Spielbares fanden, gingen wir noch ins Erdgeschoss, um uns die Fitness-Tracker anzuschauen, die es derzeit so gibt. Den Unkenrufen zu diesen Teilen kann ich mich irgendwie nicht anschließen. Wenn ich eine Uhr trage, die mir zeigt, wie wenig ich mich eigentlich mal wieder den Tag über bewegt habe, dann ist das, finde ich, erst mal eine gute Sache. Zudem treibe ich recht viel Sport, vor allem laufe ich gern, und kann mittels GPS-Uhr meine Strecke planen, tracken, Intervalltrainings besser koordinieren, etc. Außerdem haben Fitness-Tracker zumindest für mich einen nicht zu unterschätzenden Motivationsfaktor: Die paar Schritte, um mein tägliches Bewegungspensum zu schaffen, gehe ich dann eben doch noch schnell zu Fuß. Man kann diese Art der Selbstoptimierung verteufeln, man kann das Thema aber auch einfach ignorieren, wenn man keinen Bock drauf hat, und was anderes tun.

Wie dem auch sei: Ein bisschen erinnert mich die Fülle an angebotenen Fitnessbegleitern an die Prä-Smartphone-Ära, als man in Elektronikmärkten noch hunderte unterschiedlicher MP3-Player kaufen konnte – von den Geräten einer gewissen Apfelfirma abgesehen eines hässlicher und unintuitiver zu bedienen als das andere. So auch bei den Trackern: Einigermaßen hübsch fand ich, von einigen Smart Watches abgesehen, einzig die Geräte von Fitbit, die eben mal nicht aussahen, als basiere ihre Gestaltung auf Designvorlagen, die Casio in den 80er-Jahren für seine Uhren als zu klobig ansah und in die Tonne warf.

Und wie das so ist in solchen Märkten, steht man keine zehn Sekunden an einem Regal, schon materialisiert ein »Berater« aus dem Nichts in den Raum hinein wie ein Bühnenmagier:

PUFF! (Knall und Rauch ...) »Sie interessieren also für Gerät XY.«

»Also ... äh ... eigentlich wollten wir nur mal gucken«, sagte ich so in etwa, aber das war dem jungen Mann natürlich egal, der augenblicklich anfing, die technischen Spezifikationen und Vorteile der Fitbit-Geräte, die er mal in irgendeiner Schulung eingeimpft bekommen hatte, herunterzubeten. Hat er auch ganz gut gemacht, ich konnte ein paar Rückfragen stellen und so tun, als wäre ich Sachen verbaler Kommunikation kein absoluter Vollidiot. Natürlich hätte ich nicht einfach was gekauft, ohne mich selbst noch mal unabhängig schlau zu machen, schließlich bin ich in Sachen Gadgets quasi Mann vom Fach: Wäre ich nicht in die DDR hineingeboren worden, wo ein klobiger drei Tonnen schwerer Fernseher mit Wackelkontakt das technisch Geilste unter der sozialistischen Sonne war, dann wäre ich anno 1984 vermutlich direkt mit einem Walkman in der Hand zur Welt gekommen.

Trotzdem fand ich das ganz interessant, was der Herr so erzählte, bis er dann – um auf die Einleitung zurückzukommen – diesen einen Satz sagte: »Also den XYZ feiere ich ja selbst am meisten.«

Ich muss selbst jetzt tief Luft holen ...

Keine Ahnung, vielleicht habe ich ja tatsächlich meine Kindheit und Jugend unter einem Stein verbracht, ohne es gemerkt zu haben, aber als ich jünger war, hat man so nicht geredet. Man konnte seinen Geburtstag feiern, Weihnachten, von mir aus auch Ostern (was ich nie verstand), aber wie kann man denn ETWAS feiern? Was für ein ekliger Slang ist denn das? Wo spricht man so? Wer hat sich das ausgedacht? Hat man das irgendwo tatsächlich immer schon so gesagt? Hab ich natürlich selbst nicht ganz zum ersten Mal gehört, aber jedes Mal, wenn jemand diese pseudocoole Formulierung hervorhustet, klappen sich mir vor Abscheu die Fußnägel hoch.

Hier war ich dann auch raus. Wer so was sagt, dem kaufe ich nichts ab, tut mir leid. Vielleicht gehöre ich, was sprachliche Trends angeht, echt schon zum alten Eisen, keine Ahnung, doch wenn man seinen Sympathielevel bei mir auf einen Negativrekord herunterfahren möchte, dann erzählt man mir, dass man etwas feiert, das kein Feiertag ist.

So, genug aufgeregt. Jetzt braucht der alte Mann erst mal seinen Mittagschlaf.

7 Gedanken zu “Worte des Unheils

  1. Anonymous

    Ja, ich hab den Spruch auch noch nicht gehoert, hab mal gegoogelt und scheinbar die Aussage "feier dich selbst, egal was du tust, ob wandern, tanzen, klettern, dann wahrscheinlich auch spielen, liegt bei der Jugend voll im Trend, fehlen mir vielleicht Enkelkinder, hab das so noch nicht gehoert.Davon abgesehen, jedes Dialekt, jedes Platt-deutsch hat seine eigene Sprache und kommt einander fremd vor, ist mir gestern besonders bewusst geworden, wie ich auf berlinerisch geantwortet habe, ist wirklich auch nicht jedermanns Sache.Aber zu den Spielen, wie Super Mario etc, die hatten wir alle, leider haben bei uns stundenlang die Freunde damit gespielt, aber komischerweise selten unser Sohn, der hat sich danebengesetzt und Anweisungen gegeben oder einfach nur zugeschaut.

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Ich hatte diese Formulierung schon ein paar mal gehört und jedes Mal dieses scheußliche Gefühl zurückbehalten, mich dafür schämen zu müssen, dass ein Mensch so (mit mir) redet. Nun war mir mal danach, das zu (digitalem) Papier zu bringen. Um Dialekte oder so geht's dabei ja gar nicht, sondern einzig um diese grässliche Formulierung an sich. Dialekte machen eine Sprache interessant, wobei ich natürlich auch so manchen mehr und manchen weniger gern höre.

      Spiele wie "Super Mario" gibt's ja auch heute noch. Die sind etwas ausgefeilter als damals, die Figuren erkennt man aber durchaus wieder. Überhaupt haben Spiele heute eine immense Vielfalt erreicht (auch kulturell) und ich glaube, da sind wir noch lange nicht am Ende dessen angekommen, was möglich ist. Ich war da ein paar Jahre von weg, aber inzwischen hab ich das Hobby für mich wiederentdeckt und bin froh drum. Klar kann man sich die Zeit auch anders vertreiben, aber es gibt durchaus weit weniger interessante Zeitvertreibe.

      Viele Grüße
      Thomas

    2. Anonymous

      Ja, es gibt im Grunde genommen fast nichts, was es nicht gibt.Unter - Deine Meinung zaehlt,, was haelst du von-wird im Netz nach deiner Meinung gefragt, um das Jugendwort des Jahres 2015 zu finden, in Zusammenarbeit mit Langenscheidt, Bravo, die Arche etc.ist als Bsp.angegeben-Eine Sache sehr geil finden, sich lange damit beschaeftigen - z.B. Ich hab als Kind Lego KRASS gefeiert.Wenn ich richtig recherchiert habe, muesste das Wort, mir bisher ebenfalls unbekannt, SMOBIE zum Jugendwort des Jahres 2015 gewaehlt worden sein.Also wenn jemand, der wie gebannt auf seinSmartphone schaut und dadurch wie ein Zombie durch die Gegend laeuft uns demnaechst begegnet, so haben wir einen Smobie gesehen.Also beim Schreiben hab ich jetzt selbst mal kurz an mir gezweifelt, ob ich das was ich jetzt hier auf's Papier gebracht, wirklich gelesen habe, aber doch ja, unter www. Jugendwort.de steht'sja auch.Hab aber noch mal etwas Lustiges wiedergefunden bei meiner Recherche in ihrem Blog und diesen roten Fahrsimulator als Telespiel gefunden, das war bei uns zu Weihnachten auch mal der Renner, haargenau dasselbe Teil, ob es sowas heut noch gibt, nee sicher nicht, waer ja auch peinlich als Erwachsener sich mit so einem Teil zu beschaeftigen.Schoenen Tag noch, das Wetter ist herrlich bei uns!

    3. Anonymous

      Hab was zu berichtigen, ich denke, dass es Nebensache ist, aber hab dieses Wort nicht mehr gefunden, hatte schon einen Schreck bekommen, etwas Falsches berichtet zu haben, aber es lag nur an der falschen Schreibweise des Wortes, SMOMBIE heisst das besagte Jugendwort des Jahres 2015, dass von einem 20 koepfigen Langenscheidt-Jury gewaehlt worden ist.Es stand in jeder Zeitung, eine Kombi aus Smartphone und Zombie. Das Wort merkeln konnte sich nicht durchsetzen, obwohl es die meisten Klicks hatte, ich denke es reicht, wollte nur noch das fehlende "M" nachschicken.
      Liebe Gruesse Anonymica

    4. PhanThomas

      Beitragsautor

      Hatte ich auch von gelesen und im Nachgang wurden mal ein paar Jugendliche befragt, ob sie wirklich so reden. Niemand konnte das bestätigen, fragte sich dann also , wer sich die Begriffe für die Jugendwortabstimmung ausdenkt. Die Jugendlichen waren's ja offenbar nicht. "Smobie" ist auch wirklich ein denkbar bescheuertes Wort. "Merkeln" dagegen fand ich ganz amüsant. Die Frau ist zwar sehr fleißig, aber trotzdem scheint sie jedes politische Problem einfach auszusitzen.

      Viele Grüße
      Thomas

  2. RoM

    Sali, Thomas.
    Das "... eigentlich wollten wir nur mal gucken" wird vom modern geschulten Verkaufspersonal als "irrelevante Aussage" kaltlächelnd ignoriert - die Maxime ist: "Den Fang festnageln & einholen!"
    Also nicht die Maxime das Richtige für den Kunden finden - leider! ?

    Der Aspekt des "Feierns" ( eines Produktes) ist wohl spätestens mit den zelebrierten Gottesdiensten eines Steve Jobs en vogue geworden; wobei das Wörtchen "abfeiern" der Sachlage wohl gerechter wird.
    "...den XYZ feiere ich ja selbst am meisten" ist mir jetzt als Satz selbst noch nie untergekommen. ?

    bonte

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Hallo RoM,

      ich hätte auch so nicht einfach was gekauft, aber mich hatte mal interessiert, was diese Geräte können. Als Geek, der ich bin, interessiere ich mich ja schon dafür, wohin die Gadget-Reise geht. Aber bevor ich einem Verkäufer seine Argumente aufs Wort glaube, friert die Hölle zu.

      Im Kontext "abfeiern" kann ich mit dem Wortstamm in Verwendung noch ganz gut leben, aber ohne Präfix gruselt es mich doch sehr. Vielleicht werde ich langsam doch zum altmodischen Zauderer, wie ich's immer befürchtet habe, aber wenn die Entwicklung der Sprache derart scheußliche Blüten treibt, dann drohe ich gerne mit dem Krückstock. So was mach ich nicht mit. 😀

      Viele Grüße
      Thomas

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