Die Speiseeisverschwörung

Sommerzeit, Eiszeit. Früher war das etwas anders, da war für mich prinzipiell immer Eiszeit. Mochten draußen auch Minusgrade herrschen, ein paar Kugeln Eis passten immer zwischen Schnitzel zum Mittag und Vollkornbrot zum Abend. Inzwischen sehe ich das etwas anders. Liegt erstens daran, dass meine Freundin es ziemlich absurd findet, Eis zu essen, wenn man eh schon friert – was ich ja nun so gar nicht nachvollziehen kann, aber alleine Eis essen ist eben auch blöd. Zweitens liegt es aber vor allem an den Preisen.

Und hier sind wir an dem Punkt, an dem ich mich so richtig herrlich aufregen kann. Wer sommers durch die Fußgängerzonen der Republik flaniert, kommt nicht umher, festzustellen, dass eine Kugel Eis nirgends mehr für unter einen Euro zu haben ist. 1,20 Euro sind zumindest hier in Berlin schon eher normal. Wenn man sich in Touristen-Nap-Ecken über den Tisch ziehen lässt, ist man für eine Kugel Eis auch schnell mal 1,60 Euro los.

Das sind – Achtung, jetzt verwandle ich mich in einen provinziellen Hinterwäldler mit Zahnlücke und speckigem Feinrippunterhemd – ungefähr 3,20 DM. Zugegeben, die Rückrechnerei ist üblicherweise reichlich bescheuert und zeugt nicht nur von Verbohrtheit sondern auch davon, dass man die Wirtschaftvorlesungen geschwänzt hat. Aber hier beim Eis lässt sich so ganz gut der Vergleich ziehen. Im Jahr der D-Mark-Ablösung hielt ich eine Mark für eine Kugel Eis schon für eine ziemliche Frechheit. Das wären in Europreisen ja ungefähr 50 Cent gewesen. Nehmen wir jetzt eine jährliche Inflation von 2 Prozent an (seit ein paar Jahren ist sie deutlich niedriger, was aber wohl eher an Kraftstoffpreisen liegen dürfte), dann müsste die Kugel Eis 14 Jahre nach der Euro-Einführung ungefähr 65 Cent kosten. Tatsächlich ist sie aber doppelt so teuer. DOPPELT! Man stelle sich vor, 2002 hätte eine Kugel Eis zwischen 2,40 und 3,20 DM gekostet. Die Eisverkäufer hätte man doch mit Fackeln und Forken aus der Stadt gejagt.

Wie, zum Henker, kommt diese Teuerung zustande? Am Milchpreis kann es ja wohl kaum liegen, oder kommt Speiseeismilch ausschließlich von königlichen Kühen? Sind die Kugeln mundgeblasen? Ist Blattgold als Zutat enthalten? Zumindest gefühlt hat sich in den letzten Jahren kein Lebensmittel derart verteuert wie Speiseeis in der Eisdiele. Und was machen die Leute? Kaufen's trotzdem, wo wir wieder bei der Marktwirtschaft wären: Ein Gut wird immer so viel kosten, wie die Konsumenten bereit zu zahlen sind.

Und hin und wieder, das gebe ich zu, in schwachen Momenten, da erwischt es mich auch, und dann gebe ich eben doch über drei Euro (!!!) für drei popelige Kugeln Eis aus. Trotzdem: Dieser Zustand regt mich auf! Sehr sogar. Statt gegen Islamisierung auf die Straße zu gehen, sollte es einen großangelegten Protest gegen überteuertes Speiseeis geben. Mir ist der Spaß an dem Zeug nämlich leider gehörig vergangen.

7 Gedanken zu “Die Speiseeisverschwörung

  1. Anonymous

    Ja, bei diesem Thema werden automatisch wunderschoene Kindheitserinnerungen wach, in den 60 zigern bin ich tatsaechlich stolz mit 10 Pfennig ins Dorf marschiert, um mir 1 Baellchen Eis in einem kleinen Hoernchen zu kaufen, die grossen Eishoernchen gab es nur fuer groessere Portionen, also ab 3 Baellchen Eis. Das Beste war der Geruch von Vanilleeis direkt aus der Eismaschine, hab ich in keinem Eisladen wiederentdeckt.Dann kamen die schoenen Urlaube in den 70 zigern mit meiner Familie in Italien an der Adria, da wurde das Eis nicht in Baellchen, (also Kugeln das sagen die Grossstaedter, wir "Hinterwaeldler", sagen Baellchen) sondern gestrichen, ja einfach mit so ner Art flachen Schaufel auf die Waffel gestrichen, mehrmals, sodass eine riesige portion zustande kam, es muss billig gewesen sein, ich glaube mal 50 Lire das Eis, sonst waeren wir nicht Dauergast waehrend der Urlaubszeit gewesen. Dann hoere ich tagsueber am Strand die Eisverkaeufer stuendlich rufen Stracciatella, Gelatti, La Bomba, dahinter lief immer ein Kokosnussverkaeufer, der schrie cocco bello, trug einen Eimer Wasser mit sich, damit die Kokosnussstuecken nicht austrockneten, dann kamen die 80 ziger und ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass sich die Eiswagen nachmittags immer am Spielplatz aufhielten, damit die Kinder bewusst animiert wurden und um Eis bettelten, denn welche Mutter konnte schon nein sagen,wenn neben dir ein kind mit einer Eistuete sass, die naechsten Urlaube gingen dann natuerlich mit Kind auch nach Italien, da gab's dann die Eisverkaeufer , die extra fuer die Kleinen ein Eis in einer Pfeife, genannt Pipa, verkauften, und das in allen Farben, so dass nach 14 Tagen schon ein sehr buntes Plastikpfeifensortiment zustandekam, ja mal wirklich wieder ein super Thema, aber der Preis steht wahrhaftig zu keinem Verhaeltnis, meiner Meinung nach, wenn man im Netz die wirtschaftliche Seite liest und die Generationsprobleme, die die Eisverkaeufer haben, ich bin eher grosszuegig statt geizig, aber ich habe vielleicht 2 mal in meinem Leben einen Eisbecher gekauft und dann nur, wenn ich einlade, damit mein Gast nicht denkt, er duerfte nur 3 Baellchen Eis essen, da ist ja das Eis schon durch die Sossen fast geschmolzen, mehr als 3 Baellchen esse ich grundsaetzlich nie, da bestell ich mir lieber noch cappuccino, obwohl ich rechne auch immer noch in DM, verheerend, man haette doch frueher auch keinen kaffee fuer 7 DM getrunken.Viele Gruesse

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Ich glaube, »Bällchen« nennt man die Kugeln nicht mal unbedingt auf dem Dorf. Ich komme vom Dorf und hörte das erste Mal diese Bezeichnung, als ich 2005 Kontakte ins Rheinland bekam. Im Raum Bonn scheint man aus Kugeln grundsätzlich Bällchen zu machen, hier dagegen sagen alle »Kugel«. Scheint also eher eine regionale Sache zu sein.
      Und das »geschabte« Eis ist ja gerade wieder im Trend, also dass eben keine Kugeln geformt werden, sondern dass Eisverkäufer*innen das Eis mit einem Stab herausschaben und dann eben in den Becher oder die Waffel tun. Ist aber im Endeffekt auch nicht billiger, man fühlt sich nur weniger um sein Geld betrogen. 😉
      In Italien war ich selbst nur einmal. Das war 2000, da waren wir einen Tag lang in Venedig. Eis hab ich dort nicht gegessen, aber ich erinnere mich, dass in einem Lokal 6000 Lire für ein Glas Wasser verlangt wurden. Das waren ja ziemlich genau 6 DM, für damalige Verhältnisse unfassbarer Wucher. Wir nahmen dann die Beine in die Hand und kauften nichts.

      Viele Grüße
      Thomas

    2. Anonymous

      Ja, das koennte sein, ich hab zwar in bonn noch niemals eis gegessen, war aber auf kloster nonnenwerth zur schule vor einen halben jahrhundert, das liegt vor bonn auf einer kleinen insel, da musste man noch mit der faehre fahren, um zur schule zu kommen, und da ging es abends schon mal nach bonn ins theater, das gehoert schon zu nordrhein-westfalen, allerdings ist die sprache bereits ab bad breisig schon koeschisch anjehaucht, in den ganzen regionen essen wir dann mal die baellchen♧♤♢, ich hab leider keine lachmaennchen auf meinem tablet gefunden, diese zeichen sollen einen ersatz darstellen.

    3. Anonymous

      so, dat waren die baellchen, mit bonn assoziiere ich den schoenen weihnachtsmarkt und das bonn-beueler chinaschiff, nur ein tip, falls die reise nochmal nach bonn gehen soll, nach venedig, ja das stimmt, waren auch 1979 einmal auch fuer einen tag, gondelfahrt fuer eineviertel stunde, nicht zuzweit, nein total ueberfuellt, 80 DM, fleischsuppe bestellt, fischsuppe (halbvoll) pro person 13 DM, taubenfutter 7DM, kaffee am dogenpalast bestellt und abgehauen, sollte naemlich 10 DM kosten. ja, etwas gutes hat es ja, das hab ich bisher noch nicht vergessen. Und das der Trend mit eis einfach auf waffel gestrichen nach so vielen jahren zurueckkehrt, das ist bis zu uns noch nicht vorgedrungen, obwohl ich halte mich auch immer nur in ganz normalen eissalons auf, vielleicht in dengehobenerem eisdielen gibt es sowas hier bei uns auch. Zum thema " eis im winter", freundin einladen ins eissalon zu einer heissen waffel, 1 baellchen eis und heisse kirschen und Cappuccino, dann klappt's auch vielleicht mit eisessen im winter mit freundin, war nur eine Idee.

    4. PhanThomas

      Beitragsautor

      Ich glaub, das sind nicht mal die abgehobenen Eisdielen, die das Eis wieder geschabt statt in Kugeln herausgeben, sondern einfach diejenigen, die versuchen, sich als "Eismanufaktur" zu verstehen. Ist vielleicht ein Großstadtding, weiß ich nicht, aber auf jeden Fall ist es ein Berlinding. In Berlin sind die Leute einfach immer wild drauf, dass Dinge möglichst selbst hergestellt wurden. Der Trend geht hier seit einiger Zeit weg von der industriellen Massenware. Ironischerweise hat die Industrie den Trend längst erkannt und ist auch auf den Zug aufgesprungen. Man muss dann schon genau aufpassen, was nun tatsächlich hier hergestellt wurde und was nicht. Beim Eis steht's halt immer dran, ob es nun stimmt, sei mal dahingestellt.

  2. RoM

    Sali, Thomas.
    Persönlich verbinde ich auch gernst Eis mit Hochsommerlichkeiten & delektiere mich an der edlen Nachspeise, zu kälteren Jahreszeiten, allenfalls wenn die Karte ansonsten nichts hergibt.
    Ein Fragezeichen blinkt zudem grell über meinem Kopf auf, wenn Kinder ein Eis in ihren Fäustlingen durch den Schnee tragen. 😉

    Was die Preise zu Berlin angeht, so vermute ich da schwerst, daß die Eis-Dealer lediglich die letzten in der Ketter sind; einer Ketter, an der sich Immobilien-Eigner gern die goldene Nase anhängen wollen. Suspektiere ich jetzt einmal bläulich.

    Aber eigentlich ist das Intermezzo "Hochsommer" offensichtlich bereits wieder vorbei.

    bonté

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Hallo RoM,

      im Winter isst man ein gutes Eis freilich in der beheizten Eisdiele oder im heimischen Wohnzimmer. Sich bei arktischen Temperaturen draußen mit einem Eis abzukühlen, halte ich natürlich auch für fragwürdig. 😉

      Ist es mit den Preisen denn aber auf dem Land so viel anders? Wenn ich mich recht erinnere, waren die Eispreise auf dem Dorf zuletzt auch bereits dezent unanständig. Aber ja, hier mögen natürlich irrsinnige Immobilienpreise bzw. eben Standortmieten zur Eisinflation beitragen. Ich erinnere mich, dass die hiesigen Eispreise, als ich 2004 nach Stuttgart zog, auch dort bereits aufgerufen wurden. Und da hatten die Immobilienpreise ja bereits damals schon mindestens das Berliner Niveau erreicht (wenn nicht schlimmer).

      Viele Grüße
      Thomas

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