Happy birthday …

Als ich klein war, dachte ich, Alter wäre etwas, das nur anderen passiert. Als Dreikäsehoch ist die Welt ziemlich winzig – soll heißen, meist reichte sie gerade bis zu dieser einen Straße, die ich auf keinen, aber auch wirklich auf GAR KEINEN Fall allein überqueren durfte. Vielleicht ist das für Kinder heute anders, aber vor über zwanzig Jahren gab es halt noch kein Internet, meine Heimat war in eine unüberwindbare Grenze eingezwängt und das einzige von weiter weg, was mir unterkam, waren die Westpakete meiner Urgroßtante aus Baden-Württemberg. Aber erwachsen werden, so alt und grau wie Oma und Opa und vielleicht sogar eines Tages dieses ominöse Sterben mitmachen zu müssen, nee, das war nichts, was mir passieren würde. Viel zu absurd, die Vorstellung. Andere von mir aus, aber mein Leben hatte gefälligst in Wachs gegossen zu sein.

Mit diesem Glauben ließ es sich prima leben. Ich konnte Tage grandios verschwenden, indem ich auf einer Wiese herumlag und in die Wolken starrte, um Bilder in ihnen zu erkennen, ich konnte zum zwanzigsten Mal denselben Trickfilm gucken, die unproduktivsten Dinge des Universums tun, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen und dachte eigentlich nie über so abstrakte Dinge wie Zeit nach – darüber, dass sie vergeht, dass man sie nicht wiederbekommt und dass man sie vielleicht ja mal sinnvoll nutzen sollte. Was war schon Sinn, was war Zeit? Jedenfalls nicht so cool wie Cartoons und Wrestling auf RTL2.

In meiner Jugend hielt ich mich längst nicht mehr für unsterblich, aber durchaus noch für unbesiegbar. Hier und da hörte ich schon mal von anderen Jugendlichen, die schlimme Krankheiten bekamen, die darüber hinwegkamen oder auch nicht, und hin und wieder verunglückte auch mal jemand, den ich aber nie wirklich gut kannte. Im Großen und Ganzen blieb alles wie es war: Ich hatte alle Zeit der Welt und wusste sie immer noch nicht so richtig zu schätzen. Es würde immer ein Morgen geben, um richtig anzufangen mit ... was auch immer, aber einfach fest genug dran glauben würde schon helfen. Irgendwo am Horizont ließ sich allmählich erahnen, dass es nicht ewig so weitergehen würde, dass ich erwachsen werden und sich alles für immer ändern würde und dass die kleinen Sorgenfalten, die sich dabei auf die Stirn verirrten, eines Tages nicht wieder verschwinden würden, sobald der lästige Gedanke abgeschüttelt war.

Inzwischen ist es auch so gekommen. Es fing nicht mal damit an, dass ich plötzlich erwachsen war, Alkohol kaufen und Ab-18-Filme im Kino anschauen durfte, ohne mich irgendwie durchmogeln zu müssen. Das war alles noch ganz cool und aufregend. Es schlich sich eher so ein. Erst war es nur eine Dissonanz hier und da, inzwischen ist daraus eine mitunter wirklich hässliche Melodie geworden. Ich denke oft über den Tod nach. Über all das, was bereits hinter mir liegt. Zum Glück nie über verpasste Chancen, das ist immerhin etwas und das hätte ich auch albern gefunden. Auch nicht so oft darüber, wie viel Zeit ich mit Dingen verschwendet habe, die unsinnig waren, denn wenn auch ich nicht mehr frage, was Zeit ist, dann aber schon noch, was Sinn überhaupt sein soll.

Trotzdem: Ich bin nun 32, eigentlich immer noch annehmbar jung. Wenn ich nur auf die Zahl schaue, kommt mir dieser ganze Text hier wahnsinnig bekloppt vor. Schaue ich dagegen in den Spiegel, sehe ich hinter meinen Augen den Jungen von früher, der sich fragt, was zum Teufel passiert ist. Vielleicht liegt es daran, dass die ersten Einschläge doch schon kamen: Ende des letzten Jahres starben meine Oma und mein Onkel in kurzer Folge. Bevor ich abends schlafen gehe, nehme ich seit längerem eine Tablette gegen zu hohe Blutfettwerte, um nicht irgendwann mit 'nem Herzkasper vom Stuhl zu kippen. Das zusammengenommen mit allerlei Gedankenspielereien und Verlustängsten hat in meinem Gemüt über die Jahre – wie Salat, der zulange herumstand – aus einem knackigen »Carpe diem« ein siffiges »Memento mori« werden lassen.

Aber gut, es ist ja auch Herbst, die Sonne lässt sich seit Wochen nicht blicken, ich bin erkältet und an Geburtstagen bin ich sowieso grundsätzlich melancholisch und die Grummeligkeit in Person. In diesem Sinne: Happy birthday to me!

14 Gedanken zu “Happy birthday …

  1. Wolf

    Der leicht melancholische Einschlag deines Beitrags passt zu einem Geburtstag. Aber ich kann dich beruhigen, die nächste kritische Phase ist das Alter um die 50 herum. Das ist das kritische Alter in dem Aneorysmen gerne platzen. Also noch sehr lange bis dahin bei Dir. Wir leben nicht im luftleeren Raum sondern in einem sozialen Kontext und es sterben immer wieder Menschen. Das nehmen wir als Kinder nicht so wahr.
    Irgend jemand sagte mal: Das Leben ist eine Geschlechtskrankheit, entsteht durch Sex und endet immer tödlich.
    Da sage ich mal als Rheinländer: "Et is wie et is, et kütt wie et kütt und et is immer jut jejange." In dem Sinne dir noch ein weiteres spannendes Lebensjahr.
    Wolf

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Hallo Wolf,

      schön, hier von dir zu lesen. 🙂 Okay, platzende Aneurysmen sind jetzt weniger schön, aber du hast ja recht: Ab da wird's dann kritisch, was so was angeht, wie ich aus eigener Familie ja weiß.
      Die Wahrnehmung von Kindern ist natürlich eine krass andere. Gefühlt waren die 90er Jahre, in denen ich bewusst aufwuchs, eine friedliche Zeit. Das war aber ja nicht so. Die Nachrichten schafften es halt gerade noch in die Tagesschau, die mich damals wiederum nicht interessierte. Das muss wohl auch so sein, denn wenn sich bereits ein Kind so schwer mit düsteren Gedanken auflädt, ist das für die Persönlichkeitsfindung sicher nicht sehr zuträglich.
      Das mit der Geschlechtskrankheit werde ich mir merken, vielen Dank! 😀 Werd ich bei nächst passender Gelegenheit im Büro mal anbringen. 😉

      Viele Grüße
      Thomas

  2. Anonymous

    Oh, verblueffend, was gibt's hier zu lesen, ein Wolf heut in ihrem Revier gewesen, ein Wolf in Rlp gesichtet, hat uns die Welt bereits berichtet, hat Schafe in Neuwied gerissen, 4 weitere im Westerwald gebissen, nach 100 Jahren zurueckgekommen, sich die 'Koelsche Gesetze' einfach jenommen, ins Rheinland damit abjesetzt, hier anjekommen, unverletzt,viel Derriel vorher jemacht, ueber dreckelige Witze sich kapott jelacht, seitdem de Rheinlaender singen im Chor, dem Wolf de dollste Sachen vor, et bliev nix, wie et wor, Schoene Gruesse lass ich Rheinlaender nun hier fuer den Wolf im Berliner Revier.

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Ja, der Wolf und ich haben mal zusammengearbeitet. Fürs Leben hab ich, glaube ich, seither nie mehr so viel Brauchbares gelernt. Für den Rheinländer an sich scheint mir ohnehin zumeist zu gelten: Wenn denn das ganze große Chaos um uns überhaupt einen Sinn haben soll, dann hat man ihn im Rheinland entweder gefunden oder wenn nicht, dann kann man wenigstens drüber lachen. Die Leichtigkeit fehlt mir hier im mitunter biestigen Berlin manchmal ein bisschen.

    2. Anonymous

      Ja, hallo, das ist schon mal der Unterschied zwischen Tablet und Smartphone, bekommst du grad mal ne SMS, hoerst auf zu schreiben, kommst anschliessend zurueck, um Text hier weiterzuschreiben, Text nicht mehr vorhanden, weisses Kommentarfeld, ich fasse kurz zusammen, ich denke diese Leichtigkeit und Gelassenheit eines Menschen sei eher den in sich ruhenden Menschen zuzuordnen, ausserdem sollen die Berliner doch viel cooler sein, hat meiner Meinung nach aber auch nichts mit dem jeweiligen Bundesland zu tun, meine Ausraster, oder verrueckten Phasen hier im Netz, kann auch lediglich ein Ausgleich sein, kommt vielleicht manchmal so rueber

    3. PhanThomas

      Beitragsautor

      Ach herrje, die liebe Technik ... Ich hab nicht das Gefühl, die Berliner seien besonders cool. Die sind einfach nur oftmals abgebrühter und ihnen scheint zumindest oberflächlich vieles egal zu sein. Das muss auch so sein, glaub ich, sonst würde man bei all dem Irrsinn hier durchdrehen.

    4. Anonymous

      Wenn ich kurz die letzten Wochen Revue passieren lasse, Wasserrohrbruch, Wasser in der kompletten Wohnung , nach Grundreinigung saemtliches Holzlaminat von unten durch das Wasser richtig schoen aufgequillt, abends barfuss ins Bad, Zeh gebrochen, stand komplett ab, naechsten morgen waehrend Fahrt ins Krankenhaus Auto stehengeblieben, wohlbemerkt der neuere Wagen, Auto abgeschleppt, 2 Tage spaeter mit 1000 Euro leichter Wagen wieder zurueckbekommen, naechsten Tag genau diesselbe Misere mit Auto, Ehemann meiner besten Kollegin zu Grabe getragen, und heute 3 Stunden fuer 2 verschiedene Untersuchungen im Krankenhaus verbracht, alles Elend dort gesehen, gluecklich humpelnd ins Auto gestiegen, Aerger im Outlet Laden, wo ich seit Jahren verdammt guter Kunde bin, ging bisher immer nur wegen der Produkte dorthin, aber anschrein vom Chef persoenlich lauthals ueber den kompletten Laden hinweg, das Mass ist hier voll, ich merk mir alles, ich kann Leichen von vor 10 Jahren aus dem Keller holen, also Rheinlaender, Leichtigkeit, neee, das ist vielleicht nur ein schoener Ausgleich anonym auch noch ein paar fuer mich lustige Zeilen zu verfassen.Das eher durchdachte und ueberlegte, nicht voreilige, dass gefaellt mir viel viel besser

    5. PhanThomas

      Beitragsautor

      Boah, also ein gebrochener Zeh ist mein persönlicher Albtraum. Ist mir zum Glück noch nie passiert. Auch der Rest klingt jetzt kombiniert nicht so, als wäre dem mit Leichtigkeit zu begegnen. Also ich wünsche auf jeden Fall ein paar deutlich ruhigere Monate oder am besten Jahre, die da nun kommen mögen. Das Leben lässt sich ja leider nicht planen, aber irgendwie wurschteln wir uns ja doch alle durch.

  3. RoM

    Salvate, Thomas.
    "Morituri te salutant"...mit dem Slogan der Gladiatoren-Innung laufen wir alle durch unser Leben. Was auch immer, dem Knochenmann entgeht kein Leben - zumindest auf der Kruste dieser Erdkugel. Möglich, dass Unsterblichkeit im System Epsilon-Eridiani Usus ist. Hier nicht.

    Was zum Teufel passiert ist?!
    Leben, eben. Das Festhalten von Etappen, der ausdauernde kleine Zellzerfall. Mehr scheint es nicht zu sein. Ist aber tatsächlich mehr, weil der Mensch nun einmal der geborene Dickschädel ist. Listig schlagen wir Haken & entziehen uns dem Dräuenden. Was bleibt auch ansonsten übrig.
    Bei der Geburt sind wir nicht gefragt worden. Gevatter Sense lässt auch nicht mit sich reden. Also kleben wir für eine geraume Zahl von Sonnenumrundungen auf der blauen Kugel fest.

    Beste Wünsche noch - nachgereicht!?

    bonte

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Hallo RoM,

      vielen Dank erst mal. Ist natürlich alles richtig, und wenn man diesem ganzen Kram übers Leben seine überschwängerte Bedeutung nehmen möchte, dann sehe man sich einfach mal wieder "Der Sinn des Lebens" an. Manchmal nur, scheint es, zeigt einem das Leben dann eben doch von sich aus auf weniger humorvolle Art, dass das Ende wenn auch nicht nah, dann aber doch zumindest irgendwie ziemlich absehbar ist. Aber ich will nicht klagen, schließlich könnte alles auch immer deutlich schlimmer sein, außerdem ist mein Geburtstag vorbei und damit auch die jährlich wiederkehrende Melancholie. 🙂

      Viele Grüße
      Thomas

    2. Anonymous

      Ja, ich hoffe, hab mich richtig eingeordnet, ja danke fuer die ruhigeren Tage, zunaechst werden ab naechste Woche komplette Wohnungsboeden saniert, der kleine Zeh ist das kleinere Uebel, wenn erst einmal ein Zinkleimverband, sehr feste Substanz, das nennt man getappt, wenn der gebrochene Zeh mit dem danebenliegenden fest zusammengebunden ist, sind Schmerzen auszuhalten im offenen Schuh, nun wird's leider kalt, und im geschlossenen Zeh stosst man bei jedem Schritt gegen den Schuh, aber genau wie ueberall, beim woechentlichen Verband jedesmal eine neue Kraft, entweder zu locker verbunden, letzesmal viel zu fest, ich musste wieder zurueck und dann diese ewig verdammten Diskusionen um einen Verband, du sagst, es tut mir weh, du bekommst zur Antwort, das muss aber so gebunden werden , dann hat der Kollege letzte Woche......ach, entsetzlich, da kommt der Gedanke hoch, so wie es frueher einmal war.

    3. PhanThomas

      Beitragsautor

      Oje, ich hoffe, dem Zeh geht's soweit inzwischen besser und die Böden sind wieder begehbar. Schließlich steht die Vorweihnachtszeit an. Die ist der blöden Geschenkebeschafferei wegen stressig genug, da muss nicht noch das traute Heim zur ungemütlichen Höhle ohne Wohlfühlcharakter mutieren.

      Viele Grüße
      Thomas

  4. Anonymous

    IM GRSCHLOSSENEN SCHUH STOESST Gebrochener Zeh bei jedem Schritt gegen Schuh Puuh, mein Gott jetzt hat sies, mein Gott jetzt hat sies.(ein Seufzer von Musical My fair Lady)

    Antwort
    1. Anonymous

      Ja, danke fuer die Genesungswuensche, hoffe naechste Woche gehoert gebrochener Zeh der Vergangenheit an, Sanierung hat gerade im Moment begonnen, wird schon laengere Zeit in Anspruch nehmen und Stress um Weihnachtsgeschenke wird es zum Glueck nicht mehr geben, da ich nicht mehr berufstaetig bin und nur noch sehr wenige Menschen beschenke und das tue ich sehr gerne, hoffe Text kommt an, ist bereits 3. Versuch.

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