Archive für den Monat: November 2016

11 Kommentare

smoothieIch sage, dieser ganze Ernährungswissenschaftskram ist Quatsch. Ich bin der (noch) lebende Beweis, dass das alles Blödsinn sein muss, was einem von den Lebensmittelindustrievertretern mit Haifschgrinsen erzählt wird, die sich als Wissenschaftler verkleiden, indem sie sich einen Kittel überwerfen: Iss jeden Tag dein Gemüse auf, von jeder Obstsorte mindestens zwei Kilo, dann wirst du ewig leben und kannst nur noch sterben, indem ein anderer, der ebenso jeden Tag tonnenweise Gemüse und Obst vernichtet, dir mit einem in den schottischen Highlands geschmiedeten Schwert den Kopf abschlägt. 

Ich esse täglich mindestens einen Apfel, meistens eine Banane und vor allem ... trinke ich Smoothies. Jeden Morgen einen. Ich ziehe das so konsequent durch wie eigentlich kaum etwas sonst: Aufstehen, Klo, Frühstück, Klo, Zähneputzen, Klo, ein bisschen Prokrastination am Smartphone, Klo und DANN den Smoothie, bevor ich aufs Klo und dann zur Arbeit gehe. Durch die Smoothietrinkerei müsste ich eigentlich längst unbesiegbar sein, kugelsicher sowieso. Smoothies sind der Gegenentwurf zum Feierabendbier. Alles, was an Bier schlecht ist, kehrt ein Smoothie ins Gegenteil. Nur fett machen sie beide. Würde ich nicht an jedem verdammten Morgen einen Smoothie trinken, hätte ich vielleicht längst einen Waschbrettbauch. Stattdessen sieht mein Körper selbst nach vielen Jahren Sport immer noch aus wie eine Riesenleberwurst im Naturdarm. Toll! Danke Smoothie, danke Merkel!

Und ich schreibe mich hier gerade nur deswegen so in Rage, weil ich alle drei, vier Wörter husten und drei Kilo Rotz in ein Taschentuch entladen muss, was sich zusammen anfühlt, als wollte sich mein Inneres nach außen kehren, wobei: Wenn ich derzeit in den Spiegel schaue, beschleicht mich eher das Gefühl, das Äußere wollte sich eher wieder nach außen kehren und das Innere zurück nach innen – so schlimm steht es um mich! Jedenfalls huste und schniefe ich, als gäbe es kein Morgen und mit jeder Stunde, die hustend und schniefend ins kontaminierte Land zieht, bekomme ich den Eindruck, das mit dem Morgen könnte sich noch bewahrheiten. Denn ich habe Männerschnupfen! Jene furchtbare Krankheit, die nur XY-Chromosomträger befällt, erbarmungslos wie die Ansteckungsgefahr während einer Zombieapokalypse und von der wir Männer nie wissen, ob wir sie überleben werden – und falls doch, in welchem erbarmungswürdigen Zustand. Diese Krankheit, die den Frauen dieser Welt absolut null Mitleid abringt, was das Leiden nur umso schlimmer macht.

Was mich jedenfalls derart in Rage versetzt, ist dass ich nun bereits die zweite blöde Erkältung innerhalb desselben Quartals habe. Innerhalb eines Monats sogar! Durch die verflixten Vitamine müssten meine Immunzellen längst mit Kevlarwesten und Integralhelmen ausgestattet sein, stets bereit, selbst einen Meteoriteneinschlag einfach abzuwehren. Stattdessen herrscht scheinbar Tag der offenen Tür für alle gängigen Berliner Bazillen. »Hereinspaziert, hereinspaziert, hinten stehen Kaffee, Kekse und funktionstüchtige Atemwege für Sie bereit!« Klasse!

Wozu also, frage ich, trinke ich dann diese blöden Smoothies? Da könnte ich, um darauf zurückzukommen, auch gleich morgens in erster Amtshandlung ein Bier zischen. Ich sehe da gerade lauter Vorteile: In den Flaschen ist mehr drin, es erzeugt keinen Plastikmüll, Bier ist erfrischender, es macht nach reichlich Konsum Mett- und Eierbrötchen zur schmackhaftesten Delikatesse des Universums und endlich hätte ich auf der Arbeit mal wieder gute Laune. Okay, vielleicht nicht sonderlich lange, denn wer seine Fahne konsequenter durch die Gegend trägt als der überzeugteste Kommunist, dem ist vermutlich keine sonderlich lange Karriere vergönnt, es sei denn, er arbeitet bei Warsteiner im Testzentrum.

Gut, Bier tut so gar nichts für die Gesundheit, geballte Vitaminpower aber ja nun offenbar auch nicht. Alles Lügenpresse, was da auf den Flaschen steht. Ich sage: Smoothies töten! Denn alles, was nicht zu meiner Gesundheit beiträgt, unterstützt meine Sterblichkeit und ist damit de facto ein Mörder. Und immer, wenn ich jetzt röchelnd und schnaufend den Kühlschrank öffne, mit blutunterlaufenen von den Schatten Mordors umringten Augen nach was Essbarem suche, dann fallen mir diese kleinen bunten Killerfläschchen ins Auge. Wie Spielzeugatombomben liegen sie da, sorgfältig aufgereiht: rote, gelbe, weiße, gefüllt mit püriertem Schleim aus Früchten, die ich in meinem Leben noch nicht gehört, gesehen oder geschweige denn gegessen habe.

So stehe ich vor der geöffneten Kühlschranktür und starre sie an. Und die Smoothies starren zurück. Wie im Westernduell stehen wir uns gegenüber, ein Steppenläufer weht frech über den staubigen Weg, die Türen des verlassenen Saloons knarzen vom Spiel des rauen Windes und im Hintergrund säuselt leise die ikonische Musik von Ennio Morricone. Und ich weiß, ich kann dieses Duell nur verlieren, schließlich habe ich Männerschnupfen, bin längst geschlagen, weshalb die Smoothieflaschen mich weiterhin einfach nur anstarren, bis sie im Chor sagen: »Tja, krank sein ist schon scheiße, oder?«

Recht haben sie, krank sein ist scheiße. Man fühlt sich schwach und mitunter so wirr, dass Dinge mit einem reden. Und das gerade, wo die Alternative – nämlich gesund sein – doch so einfach zu sein scheint. In der Hoffnung, dass ich mich in meiner erkältungsbedingten Grantigkeit irre, trinke ich doch wieder einen dieser blöden Smoothies. Und selbst wenn sie, wie ich vermute, tatsächlich null Wirkung haben sollten, abgesehen von der des Lebenserhaltungssystems meiner Fettschicht, dann bleibt mir doch irgendwie keine andere Wahl, als sie zu trinken, denn es ist, verdammt noch mal, kein Bier im Haus!