Archive für das Jahr: 2017

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Für fast alles gibt es ein erstes Mal. Nicht alles davon tritt ein, einiges hätte man gern erlebt, auf anderes hätte man gut und gern verzichten können. In letztere Kategorie fällt das Erlebnis, festzustellen, dass einem die Geldbörse geklaut wurde.

Nun hatte es mich also auch getroffen, am dreizehnten eines Monats, nicht mal an einem Freitag. Dafür ausgerechnet am Tag vor den Osterfeiertagen. Tage, an denen man nichts regeln kann, an denen man sich gern erholen würde.

Aber natürlich hatte es sich mit der Erholung erledigt. Auch als ich aus der Panikphase heraus war – wirklich angenehm wurden meine freien Tage nicht mehr. Überhaupt, die Panik: Zuerst einmal will man so etwas ja nicht wahr haben. Ich trug meine Geldbörse immer in meiner Handtasche Umhängetasche und vielleicht hatte ich diese an jenem Tag einfach nicht richtig geschlossen, ich weiß es nicht. Ich kann nicht mehr rekonstruieren, wo auf meinem Heimweg mein Portmonee abhanden kam. Von selbst herausgefallen konnte es immerhin nicht sein, so viel konnte ich sagen. Als ich den Verlust feststellte, wollte ich eigentlich gerade in einen Baumarkt gehen. Die erste Reaktion war natürlich, alles zu durchwühlen. Die Situation war für mich so surreal, dass ich irgendwann sogar kleinste Zettel in meiner Tasche dreimal umdrehte, so, als hätte sich noch irgendwas darunter verbergen können. Doch es half nichts, meine Geldbörse war weg. Das verlorene Bargeld störte mich dabei weniger, schlimmer waren all die Karten und Ausweise, die ich nun halt nicht mehr besaß.

Hektisch suchte ich noch auf dem Heimweg via Internet eine Telefonnummer, über die ich zumindest meine Geldkarten sperren lassen konnte. Das war gar nicht mal so einfach, wollte die Bandansage doch jedes Mal die Telefonbanking-PIN von mir erfahren. Klar, die hat man ja ständig parat. NICHT! Irgendwie konnte ich diese Hürde jedoch umgehen, sodass zumindest der erste Schritt schnell bewerkstelligt war. Trotzdem guckte ich tagelang ständig auf mein Konto und beäugte sämtliche Geldausgänge.

Tja, und dann saß ich da, ohne die Möglichkeit, irgendwo Geld abheben zu können, ohne im Falle eines Falles zu einem Arzt gehen können, ohne mich irgendwo ausweisen zu können. Und plötzlich stellte ich fest, ohne all die Plastikkarten, auf denen wir unser Leben aufbauen, war ich keine Person mehr. Nur noch ein Mensch, ein Haufen Fleisch, durch den ein rhythmisch pochender Muskel Blut pumpt. Alles, was uns offiziell als Person definiert, ist die Gesamtheit unserer Plastikkarten. Ich fand das ein bisschen schockierend, ehrlich gesagt. Wir schimpfen immer, wie abhängig wir doch von unseren Smartphones geworden seien, dabei sind wir von diesem Bündel an rechteckigen Plastikkarten noch weitaus abhängiger. Sie machen uns aus, sie geben an, wer wir sind und dass wir überhaupt ein Jemand sind. Und so hatte ich eben auch das Gefühl, dass ein Teil von mir gestohlen wurde, zumal auch ein paar alte Bons, vermutlich die eine oder andere Kinokarte und ein paar Fotos in meiner Geldbörse waren. Ich spürte, mir fehlte was. Gestohlene Identität.

Ich versuchte im Laufe der freien Tage, wieder etwas Ordnung in meinen Verstand zu bringen, der die ganze Sache noch immer nicht so recht wahrhaben wollte. Ich erstellte eine Liste und markierte rot bzw. grün, für welche Karten ich bereits eine Sperre beantragt hatte, welche ich neu beauftragt hatte und für welche ich in Bälde Ersatz erhalten würde. Seit einiger Zeit geben mir Listen das Gefühl, Dinge unter Kontrolle zu bekommen. Früher wuppte ich die Dinge einfach nach Chaossystem, indem ich mir alles merkte oder eben auch nicht. Das könnte ich so irgendwie nicht mehr. Inzwischen ist auf meiner Liste alles soweit grün (abgesehen vom Personalausweis und dem von mir nie benötigten Führerschein) und die Normalität ist zurückgekehrt.

Gelernt habe ich aus der Sache, meine Geldbörse nur noch in Jackeninnentaschen zu tragen und nicht benötigte Karten lieber gleich zu Hause zu lassen. Und vielleicht auch ein bisschen, mich selbst noch etwas weniger wichtig zu nehmen. Aber nur vielleicht.

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Im Jahr 2004 machte ich mein Abitur. An den Vorabend meines letzten Schultages erinnere ich mich noch, als wäre es gestern gewesen: Ich saß in meinem Zimmer und trank ein Radler. Im Fernsehen lief »Friss oder stirb« von den Toten Hosen. (Damals spielten Musiksender ja noch Musik.) Wenn ich das Lied heute höre, sehe ich mich wieder dort sitzen, vor dem Fernseher in meinem kleinen Zimmer im Haus meiner Eltern, in der Hand das kalte Getränk, im Kopf die Vorfreude auf den letzten Schultag meines Lebens und noch viel mehr die alles überwältigende Neugier auf das Kommende – ein akustischer Bernstein, ein aufflackerndes Lebensgefühl für immer konserviert. Es war ein perfekter Moment. »Oh, ich liebe dieses Leben«, singt Campino in dem Lied und auch wenn natürlich nicht alles positiv gemeint ist, irgendwie bildeten einige Textfetzen und die Melodie genau meine Gefühlswelt ab. »Und bleibt’s mal irgendwann für immer dunkel, der letzte Abend wird unser bester sein«, heißt es weiter. Was hätte meine Aufbruchstimmung besser beschreiben können?

Jeder Mensch hat natürlich solche Momente und vor allem mit Musik verbindet man eben auch immer wieder besondere Augenblicke und Erlebnisse. Dieser eine ist in der Hinsicht vielleicht nicht mein schönster, wohl aber mein »besonderster«. Vielleicht, weil im Nachhinein alles gar nicht so aufregend wurde, gar nicht so großartig und umwälzend, wie ich es mir damals erhofft hatte. Ich hatte ja keine genaue Vorstellung davon, wohin mein Leben mich führen würde, was ich mal machen würde. Ich hatte zu der Zeit einen Studienplatz sicher, war mir bewusst darüber, dass ich mein Heimatkaff bald verlassen würde. Ich war Single, mir stand die Welt offen und wann immer ich meine Stimmung hinausrief, rief das Echo »Freiheit« zurück.

Na ja, genug Pathos. Sage und schreibe dreizehn Jahre später bin ich ein wenig herumgekommen – nicht allzu sehr und wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, habe ich wohl längst nicht alle Chancen immer so genutzt, wie ich das hätte tun sollen oder können. (Obwohl sich durchaus fragen ließe, ob da überhaupt eine Chance war, wenn sie nicht genutzt wurde.) Ich habe in Stuttgart gewohnt, habe in Bonn gelebt, bin nach Berlin gezogen und wider Erwarten einiger früherer Weggefährten immer noch in dieser Stadt – wenn auch seit ein paar Monaten nicht mehr im quirligen Kern (was in Berlin eigentlich fast jeder beliebige Ort innerhalb des S-Bahn-Rings sein kann – je nach Blickwinkel).

Ich bin jetzt 32 und dass ich mich manchmal unsäglich alt fühle, habe ich ja schon das eine oder andere Mal durchklingen lassen. 32, das ist so eine Zahl, bei der ich automatisch denke, dass da so viel eben auch nicht mehr geht. Die Tatsache, dass wir ein Haus am Stadtrand gekauft haben, ist vielleicht auch nur ein Ausdruck dessen, dass ich mich so angekommen fühle wie sich mein 2004er-Aufbruchego vermutlich nie hätte fühlen wollen. Zu behaupten, ich wäre nicht irgendwie doch wie meine Eltern geworden, wäre jedenfalls eine glatte Lüge. Neulich stand ich auf unserer Terrasse. Über mehrere Stunden hinweg fegte ich Kies in die offenen Fugen der Terrassensteine – ein bisschen ist das wie umgekehrtes Zähneputzen: Man putzt den Dreck halt in die Rillen hinein, statt heraus. Ich stand also dort in meiner Windjacke, den Besen in der Hand und da war es wieder, dieses Lied: »Oh, ich liebe dieses Leben. Das bisschen Sehnsucht bringt mich nicht um.«

Das ist es jetzt also, dachte ich, während Steinchen in die Rillen purzelten, das ist das Resultat meiner Lebensreise. Hier bin ich, angekommen, die Reise ist zu Ende. Ich begann als kaum Erwachsener mit einem Radler im Dachzimmer vor dem Fernseher und endete Kies fegend auf meiner Terrasse. Und bin ich deswegen unglücklich? Aber nein, im Gegenteil. 32 ist ein schönes Alter, um zufrieden zu sein. Mit sich und dem Erreichten, Mit all der Spießigkeit, die ein gewöhnliches Leben mitbringt. Mit all seiner Normalität, für die ich meistens dankbar bin. Und das bisschen Sehnsucht? Bringt mich nicht um.

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Bis in die 80er Jahre hinein hatten die Menschen Angst vor einem Atomkrieg. Dann kam –die Älteren wie auch der regelmäßige Dokugucker jüngerer Generation werden das wissen – das Ende des Kalten Krieges. Alle hatten sich plötzlich lieb, die olle innerdeutsche Grenze verschwand und ich durfte eine behütete Kindheit, garniert mit Unmengen "West"-Spielzeug, genießen. Manchmal, wenn Menschen darüber berichten, wie das war, speziell zu Zeiten der Kubakrise, als die Welt kurzzeitig am Abgrund zu stehen schien, dann würde ich gern wissen, wie sich das wohl angefühlt haben mag – zu befürchten, dass jeder Tag auf Erden der letzte sein könnte.

Tja, und heute haben wir Donald Trump und sind nahe dran, wieder in den Genuss dieses Gefühls zu kommen. Trump bietet zwar mehr Unterhaltungspotenzial als die britische Königsfamilie zu ihren besten Skandalzeiten, gleichzeitig steht hinter diesem offensichtlich irren Kerl mit der geschmacksbefreiten Betonfrisur und seinen nicht weniger wahnsinnigen Untergebenen eine echte Gefahr: nämlich die, den von uns als normal empfundenen Frieden des größten Teils dieser (zumindest westlichen) Welt schnurstracks über den Jordan zu befördern. Und wir erinnern uns: Der Präsident der Vereinigten Staaten besitzt auch heute noch, so bekloppt und orange er auch sein mag, das hübsche kleine Köfferchen mit den Codes, die einen Atomkrieg entfesseln könnten. Eigentlich ein Wunder, dass Trump nach inzwischen knapp 20 Tagen im Amt das Ding noch nicht eingesetzt hat.

Lange kann's ja nicht mehr dauern ...

Na gut, ich will den Teufel wirklich nicht an die Wand malen, aber die Gefahr ist nun mal da, drum folgt nun ein Servicebeitrag. Wer nach dem hellen Blitz, dem Feuerball, der Druckwelle und der Radioaktivität noch steht, der sollte vorbereitet sein. Das »Outland«, die zerstörte und verrohte Welt nach dem Atomkrieg, ist kein schöner Ort zum Verweilen, das kann ich euch sagen. Ich hab immerhin »Fallout 3«, »Fallout New Vegas« und »Fallout 4« durchgespielt, die allesamt ein solches Szenario durchexerzieren, und weiß daher, wie das sein wird, dieses Leben danach. Hier zehn Überlebenstipps von einem, der sich auskennt:

  1. Niemals aus der Toilette trinken! Echt jetzt. Wasser ist nach dem weltweiten Fallout kostbarer als Gold. Wer auch immer so blöd ist und erwartet, das Zeug hinterher in genießbarer Form in einer Kloschüssel vorzufinden, den erwartet ein so qualvoller wie verdienter Tod.
  2. Raus aus der Kanalisation! Wann immer sich draußen eine radioaktive Regenwolke anschickt, die ohnehin dezimierte Bevölkerung weiter auszudünnen, mag es wie eine gute Idee erscheinen, sich in der Kanalisation unterzustellen. Ganz dumme Idee, denn sobald sich dort unten etwas mit leisen Schritten nähern mag, seid gewiss, es handelt sich nicht um die Ninja Turtles. Die sind zwar auch mutiert, aber das, was sich da anschickt, eure Gesellschaft zu suchen, ist zumeist ziemlich groß, hat ziemlich viele Beine, ziemlich viele und große Zähne und mächtig Kohldampf.
  3. Gesellschaft tötet! Solltet ihr euch einer Siedlung nähern, deren Bewohner bereits von weitem zu erkennen lassen, dass sie nicht nur reichlich groß geraten, sondern auch noch mit grüner Haut bedeckt sind, legt den Rückwärtsgang ein. Es handelt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Supermutanten, von irgendeinem wahnsinnigen Warlord oder Wissenschaftler aus Menschenexperimenten gezüchtete Kriegsberserker. Die Bösartigkeit der grünen Zeitgenossen wird nur noch durch ihre miese Laune übertroffen. Gilt allerdings eigentlich auch für so ziemlich alle anderen Typen, die sich in freier Wildbahn antreffen lassen. Kein Wunder: Ich kann mir kaum vorstellen, dass es im wasserarmen Outland anständigen Kaffee gibt. Nach zwei Tagen ohne würde ich schon heute töten.
  4. Kraft rockt! Ihr seid charismatischere Redner als Gregor Gysi zu seinen besten Zeiten, übt allabendlich vor dem Spiegel das Argumentieren für euren Debattierklub und habt deswegen keine Zeit für Sport? Schön für euch, ihr seid so gut wie tot. Im Ernst, der eine oder andere mordlüsterne Bandenchef mag sich von eurem Geschwurbel vielleicht beeindrucken lassen, das allermeiste Viehzeug, das in der verstrahlten Welt kreucht und fleucht, hat allerdings nahezu null Prozent Hirn und hundert Prozent Hunger. Da helfen nur schnelle Beine oder dicke Arme, die richtig dicke Knarren halten können.
  5. Die verlassene Fabrik ist nicht verlassen! Klar, die Grundstücks- und Immobilienpreise sind im Keller, da bietet es sich an, für 'nen schmalen Taler mal eben eine Eigentumswohnung in dieser verlassenen Fabrik gleich um die Ecke zu beziehen. So reizvoll das eigene Loft zum Nulltarif auch scheinen mag, eine gute Idee ist der Einzug nicht. Irgendeine Bande marodierender Hipster hatte die Idee nämlich schon vor euch und im günstigsten Fall werdet ihr von denen einfach nur gegessen.
  6. Nur mit den großen Kindern spielen! Falls ihr Punkt 3 nicht berücksichtigt habt, wider Erwarten trotzdem noch leben solltet, und dabei Freunde gefunden habt, bleibt bei ihnen, solange sie diejenigen mit den dicken Wummen sind. Finger weg von Rebellen und anderem Gesocks, das euch nur mit eurer Unterhose als Rüstung zu irgendwelchen Rettungsaufträgen schickt, bleibt bei denen mit den fetten Rüstungen und vor allem den fetten Waffen. Nichts ist schöner, als mittels richtigem Equipment mit ordentlich Feuerkraft ein zu zehn Metern Größe mutiertes Insekt fertig für den Weber-Gasgrill zu machen.
  7. Niemals zu Hilfe eilen! Ihr hört Radio, weil Netflix im Outland nicht mehr funktioniert? Gute Idee, schließlich macht ein wenig Musik das öde Leben etwas weniger öde. Solltet ihr allerdings per UKW einen Hilferuf auffangen, denkt immer an Admiral Ackbar aus »Star Wars«, der schon damals in seiner Weisheit sagte: »Es ist eine Falle!« Grundsätzlich nicht zu helfen mag euch zwar schlechtes Karma bescheren, aber vergesst nicht: Erstens überlebt ihr. Und zweitens, solltet ihr nach dem dennoch unvermeidlichen Ableben mangels Karma als Insekt wiedergeboren werden, so seid ihr immerhin ein paar Meter groß und kräftig wie Hulk.
  8. Der Messie wird siegreich sein! Ihr habt auf der Pirsch eine kaputte Kaffeemaschine, drei Zigarettenstummel und den Henkel einer Teetasse gefunden? Prima und hoffentlich habt ihr das Zeug mitgenommen. Im KaDeWe wird es nach der Apokalypse definitiv nichts mehr zu kaufen geben und irgendein postapokalyptischer MacGyver aus eurer Nachbarschaft könnte euch vielleicht verraten, wie sich aus den genannten Zutaten ein Protonenredongulator bauen lässt. Was das ist? Keine Ahnung, aber im Zweifel lässt sich damit irgendeinem Fiesling die Birne einschlagen.
  9. Kronkorken sammeln! Fast schon der wichtigste Tipp, auch wenn er komisch klingen mag. Erwartet halt nicht, nach der atomaren Pulverisierung mit Euro bezahlen zu können. Kronkorken dagegen sind die Travelers Cheques der tristen radioaktiven Zukunft und in jedem Gebrauchtwarenhandel gern gesehen, glaubt mir!
  10. Nicht die AfD wählen! Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie neigt dazu, sich zu zitieren. Mit ein wenig Glück wird auch nach der totalen Vernichtung noch mal eine Art zivilisierte Gesellschaftsform entstehen – mit demokratischen Wahlen, zu viel Bürokratie, der Telekom und Mineralölsteuer. Und mit Sicherheit wird es dann auch wieder einen Haufen rechter Populisten geben, die meinen, alles sei scheiße und ließe sich mit ihnen an der Macht viel besser gestalten, indem man einfach alles verteufelt, was anders ist als man selbst. Denkt immer dran: Typen wie die haben euch überhaupt erst in diese beschissene Situation gebracht.