Gestohlene Identität

Für fast alles gibt es ein erstes Mal. Nicht alles davon tritt ein, einiges hätte man gern erlebt, auf anderes hätte man gut und gern verzichten können. In letztere Kategorie fällt das Erlebnis, festzustellen, dass einem die Geldbörse geklaut wurde.

Nun hatte es mich also auch getroffen, am dreizehnten eines Monats, nicht mal an einem Freitag. Dafür ausgerechnet am Tag vor den Osterfeiertagen. Tage, an denen man nichts regeln kann, an denen man sich gern erholen würde.

Aber natürlich hatte es sich mit der Erholung erledigt. Auch als ich aus der Panikphase heraus war – wirklich angenehm wurden meine freien Tage nicht mehr. Überhaupt, die Panik: Zuerst einmal will man so etwas ja nicht wahr haben. Ich trug meine Geldbörse immer in meiner Handtasche Umhängetasche und vielleicht hatte ich diese an jenem Tag einfach nicht richtig geschlossen, ich weiß es nicht. Ich kann nicht mehr rekonstruieren, wo auf meinem Heimweg mein Portmonee abhanden kam. Von selbst herausgefallen konnte es immerhin nicht sein, so viel konnte ich sagen. Als ich den Verlust feststellte, wollte ich eigentlich gerade in einen Baumarkt gehen. Die erste Reaktion war natürlich, alles zu durchwühlen. Die Situation war für mich so surreal, dass ich irgendwann sogar kleinste Zettel in meiner Tasche dreimal umdrehte, so, als hätte sich noch irgendwas darunter verbergen können. Doch es half nichts, meine Geldbörse war weg. Das verlorene Bargeld störte mich dabei weniger, schlimmer waren all die Karten und Ausweise, die ich nun halt nicht mehr besaß.

Hektisch suchte ich noch auf dem Heimweg via Internet eine Telefonnummer, über die ich zumindest meine Geldkarten sperren lassen konnte. Das war gar nicht mal so einfach, wollte die Bandansage doch jedes Mal die Telefonbanking-PIN von mir erfahren. Klar, die hat man ja ständig parat. NICHT! Irgendwie konnte ich diese Hürde jedoch umgehen, sodass zumindest der erste Schritt schnell bewerkstelligt war. Trotzdem guckte ich tagelang ständig auf mein Konto und beäugte sämtliche Geldausgänge.

Tja, und dann saß ich da, ohne die Möglichkeit, irgendwo Geld abheben zu können, ohne im Falle eines Falles zu einem Arzt gehen können, ohne mich irgendwo ausweisen zu können. Und plötzlich stellte ich fest, ohne all die Plastikkarten, auf denen wir unser Leben aufbauen, war ich keine Person mehr. Nur noch ein Mensch, ein Haufen Fleisch, durch den ein rhythmisch pochender Muskel Blut pumpt. Alles, was uns offiziell als Person definiert, ist die Gesamtheit unserer Plastikkarten. Ich fand das ein bisschen schockierend, ehrlich gesagt. Wir schimpfen immer, wie abhängig wir doch von unseren Smartphones geworden seien, dabei sind wir von diesem Bündel an rechteckigen Plastikkarten noch weitaus abhängiger. Sie machen uns aus, sie geben an, wer wir sind und dass wir überhaupt ein Jemand sind. Und so hatte ich eben auch das Gefühl, dass ein Teil von mir gestohlen wurde, zumal auch ein paar alte Bons, vermutlich die eine oder andere Kinokarte und ein paar Fotos in meiner Geldbörse waren. Ich spürte, mir fehlte was. Gestohlene Identität.

Ich versuchte im Laufe der freien Tage, wieder etwas Ordnung in meinen Verstand zu bringen, der die ganze Sache noch immer nicht so recht wahrhaben wollte. Ich erstellte eine Liste und markierte rot bzw. grün, für welche Karten ich bereits eine Sperre beantragt hatte, welche ich neu beauftragt hatte und für welche ich in Bälde Ersatz erhalten würde. Seit einiger Zeit geben mir Listen das Gefühl, Dinge unter Kontrolle zu bekommen. Früher wuppte ich die Dinge einfach nach Chaossystem, indem ich mir alles merkte oder eben auch nicht. Das könnte ich so irgendwie nicht mehr. Inzwischen ist auf meiner Liste alles soweit grün (abgesehen vom Personalausweis und dem von mir nie benötigten Führerschein) und die Normalität ist zurückgekehrt.

Gelernt habe ich aus der Sache, meine Geldbörse nur noch in Jackeninnentaschen zu tragen und nicht benötigte Karten lieber gleich zu Hause zu lassen. Und vielleicht auch ein bisschen, mich selbst noch etwas weniger wichtig zu nehmen. Aber nur vielleicht.

2 Gedanken zu “Gestohlene Identität

  1. RoM

    Sali, Thomas.
    Bei solchen & ähnlichen Wiederfahrungen liegt einem mal schnell ein Wellenbrecher quer im Magen; hintergründig bollert der Gedanke durch die Denkmuster warum einem gerade das passieren musste. Merde, bullshit, maldição...
    Dein gefledderter Geldbeutel wird innerhalb kurzer Zeit in einem Abfalleimer oder Gulli gelandet sein - weil den Langfingern ist alles schnurz, nur ihre Armseligkeit nicht.

    Selber führe ich in der Brieftasche lediglich die Amts-Pappe mit, die stets vorzuweisen wäre. Alles andere ist sicher verwahrt & kommt nur bei der Notwendigkeit mit.
    Aus Gewohnheit stets eng am Körper.

    Jackeninnentasche ist gut solange die einen Reissverschluss hat; besser bleibt die enge Vordertasche der Hose.
    Bevor ich mich jetzt noch anhöre wie seinerzeit Eduard Zimmermann ("Nepper, Schlepper & Bauernfänger")...morgen ist mal wieder "May the fourth be with you"!

    bonté

    Antwort
  2. Anonymous

    Ja, ein Albtraum, und das immer wieder doch noch einmal schauen, da es eigentlich nicht sein kann, ja genau so ist es, noch hinter einem Zettel hoffen, man kann es nicht glauben, man will es nicht wahrhaben und die Zeit, bis man begriffen hat, das es doch so ist, die kommen einem aber auch nicht wie ein paar aufschreckende Minuten vor, ein unbeschreiblich ausgelaugter Zustand, den man nicht beschreiben kann, sie werden ihren Personalausweis sicher schon neu beantragt haben und wurden auch gefragt, ob sie ihren Fingerabdruck für ihren Personalausweis abgeben möchten, da somit kein Anderer mit ihrem Ausweis eine Grenzkontrolle passieren könnte, ich hab im letzten Jahr zugestimmt, da man mir vergewisserte, das keine Datenbank, keine Registrierung stattfände und anschließend gelöscht würde, ja die Meinungen sind auch unterschiedlich, viele zweifeln, dass Fingerabdrücke nicht doch vielleicht von der Polizei aufgenommen würden, was ich nicht denke oder man möchte nicht auf dieselbe Stufe von Verbrecher gestellt werden, das Abgeben des Fingerabdrucks ist freiwillig und ich habe mir nur gedacht, ach wie schön, mehr Sicherheit, Ja, als ich gelesen habe, dachte ich, dass viele, wie auch ROM beschreibt, die Geldbörse verschwinden lassen und bei bisschen Glück zumindest die Papiere, und die Bilder in einer Hecke oder beim Leeren von öffentlichen Abfalleimer doch noch gefunden würde, naja, dann wünsche ich zumindest, dass ihnen das in ihrem Leben nicht noch einmal passiert. Bis denne und ein hoffentlich schöneres Wochenende 🙂

    Antwort

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