Ach so traurig

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Bis in die 80er Jahre hinein hatten die Menschen Angst vor einem Atomkrieg. Dann kam –die Älteren wie auch der regelmäßige Dokugucker jüngerer Generation werden das wissen – das Ende des Kalten Krieges. Alle hatten sich plötzlich lieb, die olle innerdeutsche Grenze verschwand und ich durfte eine behütete Kindheit, garniert mit Unmengen "West"-Spielzeug, genießen. Manchmal, wenn Menschen darüber berichten, wie das war, speziell zu Zeiten der Kubakrise, als die Welt kurzzeitig am Abgrund zu stehen schien, dann würde ich gern wissen, wie sich das wohl angefühlt haben mag – zu befürchten, dass jeder Tag auf Erden der letzte sein könnte.

Tja, und heute haben wir Donald Trump und sind nahe dran, wieder in den Genuss dieses Gefühls zu kommen. Trump bietet zwar mehr Unterhaltungspotenzial als die britische Königsfamilie zu ihren besten Skandalzeiten, gleichzeitig steht hinter diesem offensichtlich irren Kerl mit der geschmacksbefreiten Betonfrisur und seinen nicht weniger wahnsinnigen Untergebenen eine echte Gefahr: nämlich die, den von uns als normal empfundenen Frieden des größten Teils dieser (zumindest westlichen) Welt schnurstracks über den Jordan zu befördern. Und wir erinnern uns: Der Präsident der Vereinigten Staaten besitzt auch heute noch, so bekloppt und orange er auch sein mag, das hübsche kleine Köfferchen mit den Codes, die einen Atomkrieg entfesseln könnten. Eigentlich ein Wunder, dass Trump nach inzwischen knapp 20 Tagen im Amt das Ding noch nicht eingesetzt hat.

Lange kann's ja nicht mehr dauern ...

Na gut, ich will den Teufel wirklich nicht an die Wand malen, aber die Gefahr ist nun mal da, drum folgt nun ein Servicebeitrag. Wer nach dem hellen Blitz, dem Feuerball, der Druckwelle und der Radioaktivität noch steht, der sollte vorbereitet sein. Das »Outland«, die zerstörte und verrohte Welt nach dem Atomkrieg, ist kein schöner Ort zum Verweilen, das kann ich euch sagen. Ich hab immerhin »Fallout 3«, »Fallout New Vegas« und »Fallout 4« durchgespielt, die allesamt ein solches Szenario durchexerzieren, und weiß daher, wie das sein wird, dieses Leben danach. Hier zehn Überlebenstipps von einem, der sich auskennt:

  1. Niemals aus der Toilette trinken! Echt jetzt. Wasser ist nach dem weltweiten Fallout kostbarer als Gold. Wer auch immer so blöd ist und erwartet, das Zeug hinterher in genießbarer Form in einer Kloschüssel vorzufinden, den erwartet ein so qualvoller wie verdienter Tod.
  2. Raus aus der Kanalisation! Wann immer sich draußen eine radioaktive Regenwolke anschickt, die ohnehin dezimierte Bevölkerung weiter auszudünnen, mag es wie eine gute Idee erscheinen, sich in der Kanalisation unterzustellen. Ganz dumme Idee, denn sobald sich dort unten etwas mit leisen Schritten nähern mag, seid gewiss, es handelt sich nicht um die Ninja Turtles. Die sind zwar auch mutiert, aber das, was sich da anschickt, eure Gesellschaft zu suchen, ist zumeist ziemlich groß, hat ziemlich viele Beine, ziemlich viele und große Zähne und mächtig Kohldampf.
  3. Gesellschaft tötet! Solltet ihr euch einer Siedlung nähern, deren Bewohner bereits von weitem zu erkennen lassen, dass sie nicht nur reichlich groß geraten, sondern auch noch mit grüner Haut bedeckt sind, legt den Rückwärtsgang ein. Es handelt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Supermutanten, von irgendeinem wahnsinnigen Warlord oder Wissenschaftler aus Menschenexperimenten gezüchtete Kriegsberserker. Die Bösartigkeit der grünen Zeitgenossen wird nur noch durch ihre miese Laune übertroffen. Gilt allerdings eigentlich auch für so ziemlich alle anderen Typen, die sich in freier Wildbahn antreffen lassen. Kein Wunder: Ich kann mir kaum vorstellen, dass es im wasserarmen Outland anständigen Kaffee gibt. Nach zwei Tagen ohne würde ich schon heute töten.
  4. Kraft rockt! Ihr seid charismatischere Redner als Gregor Gysi zu seinen besten Zeiten, übt allabendlich vor dem Spiegel das Argumentieren für euren Debattierklub und habt deswegen keine Zeit für Sport? Schön für euch, ihr seid so gut wie tot. Im Ernst, der eine oder andere mordlüsterne Bandenchef mag sich von eurem Geschwurbel vielleicht beeindrucken lassen, das allermeiste Viehzeug, das in der verstrahlten Welt kreucht und fleucht, hat allerdings nahezu null Prozent Hirn und hundert Prozent Hunger. Da helfen nur schnelle Beine oder dicke Arme, die richtig dicke Knarren halten können.
  5. Die verlassene Fabrik ist nicht verlassen! Klar, die Grundstücks- und Immobilienpreise sind im Keller, da bietet es sich an, für 'nen schmalen Taler mal eben eine Eigentumswohnung in dieser verlassenen Fabrik gleich um die Ecke zu beziehen. So reizvoll das eigene Loft zum Nulltarif auch scheinen mag, eine gute Idee ist der Einzug nicht. Irgendeine Bande marodierender Hipster hatte die Idee nämlich schon vor euch und im günstigsten Fall werdet ihr von denen einfach nur gegessen.
  6. Nur mit den großen Kindern spielen! Falls ihr Punkt 3 nicht berücksichtigt habt, wider Erwarten trotzdem noch leben solltet, und dabei Freunde gefunden habt, bleibt bei ihnen, solange sie diejenigen mit den dicken Wummen sind. Finger weg von Rebellen und anderem Gesocks, das euch nur mit eurer Unterhose als Rüstung zu irgendwelchen Rettungsaufträgen schickt, bleibt bei denen mit den fetten Rüstungen und vor allem den fetten Waffen. Nichts ist schöner, als mittels richtigem Equipment mit ordentlich Feuerkraft ein zu zehn Metern Größe mutiertes Insekt fertig für den Weber-Gasgrill zu machen.
  7. Niemals zu Hilfe eilen! Ihr hört Radio, weil Netflix im Outland nicht mehr funktioniert? Gute Idee, schließlich macht ein wenig Musik das öde Leben etwas weniger öde. Solltet ihr allerdings per UKW einen Hilferuf auffangen, denkt immer an Admiral Ackbar aus »Star Wars«, der schon damals in seiner Weisheit sagte: »Es ist eine Falle!« Grundsätzlich nicht zu helfen mag euch zwar schlechtes Karma bescheren, aber vergesst nicht: Erstens überlebt ihr. Und zweitens, solltet ihr nach dem dennoch unvermeidlichen Ableben mangels Karma als Insekt wiedergeboren werden, so seid ihr immerhin ein paar Meter groß und kräftig wie Hulk.
  8. Der Messie wird siegreich sein! Ihr habt auf der Pirsch eine kaputte Kaffeemaschine, drei Zigarettenstummel und den Henkel einer Teetasse gefunden? Prima und hoffentlich habt ihr das Zeug mitgenommen. Im KaDeWe wird es nach der Apokalypse definitiv nichts mehr zu kaufen geben und irgendein postapokalyptischer MacGyver aus eurer Nachbarschaft könnte euch vielleicht verraten, wie sich aus den genannten Zutaten ein Protonenredongulator bauen lässt. Was das ist? Keine Ahnung, aber im Zweifel lässt sich damit irgendeinem Fiesling die Birne einschlagen.
  9. Kronkorken sammeln! Fast schon der wichtigste Tipp, auch wenn er komisch klingen mag. Erwartet halt nicht, nach der atomaren Pulverisierung mit Euro bezahlen zu können. Kronkorken dagegen sind die Travelers Cheques der tristen radioaktiven Zukunft und in jedem Gebrauchtwarenhandel gern gesehen, glaubt mir!
  10. Nicht die AfD wählen! Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie neigt dazu, sich zu zitieren. Mit ein wenig Glück wird auch nach der totalen Vernichtung noch mal eine Art zivilisierte Gesellschaftsform entstehen – mit demokratischen Wahlen, zu viel Bürokratie, der Telekom und Mineralölsteuer. Und mit Sicherheit wird es dann auch wieder einen Haufen rechter Populisten geben, die meinen, alles sei scheiße und ließe sich mit ihnen an der Macht viel besser gestalten, indem man einfach alles verteufelt, was anders ist als man selbst. Denkt immer dran: Typen wie die haben euch überhaupt erst in diese beschissene Situation gebracht.

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Was für ein Jahr! Eigentlich ist in meiner heimeligen Welt gar nicht so viel Schlimmes passiert, aber das Drumherum ... meine Güte! Gefühlt hat der Lärm der Welt eine nie dagewesene Unerträglichkeit erreicht. Vermutlich war’s niemals wirklich besser und wenn man mal die Tagesschau von vor 20 Jahren anschaut, die auf einem der unzähligen Öffentlich-rechtlichen Sender ausgestrahlt wird, dann wird das auch untermauert: Irgendwo gab es immer Krieg, irgendwo wurden immer Geiseln genommen, Anschläge begangen, etc. und irgendwo gab es immer schon einen Irren, der nichts lieber getan hätte, als der Welt den letzten Schubs zu geben, der nötig war, um sie gänzlich in den Abgrund zu stürzen.

Trotzdem scheint 2016 eine Zäsur darzustellen, eine scheußliche Dissonanz im Reigen der sonstigen Aufs und Abs der Jahre, die ich bewusst und aufmerksam miterlebt habe. Der Brexit, ein – um es mit Jan Böhmermanns Worten zu sagen – orangefarbener Pelikan als nächster US-Präsident, von dem auch so gar nichts Gutes zu erwarten ist, in Deutschland ist der Terror angekommen und passend dazu erstarken überall die rechten Parteien. Inzwischen wird für 2017 ja schon das komplette Auseinanderbrechen der Eurozone herbeiprophezeit. Es ist, als würde die Welt in ein vermeidbares Chaos stürzen, alle wüssten es, wären aber zum Zusehen verdammt, weil die einen kein Rezept gegen die Katastrophe parat haben und die anderen Freude dabei empfinden, die Welt brennen zu sehen. Auf ganz ähnliche Art und Weise ist diese Welt in die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, den Ersten Weltkrieg, hineingeschlittert, aber ich will den Teufel nicht noch deutlicher an die Wand malen, als er dort ohnehin schon prangt.

Nie war es verlockender als 2016, Augen und Ohren zu verschließen, ganz, ganz langsam bis zehn zu zählen und zu hoffen, dass dann der Kelch an uns Menschen vorübergegangen sein möge. Die Lösung ist das aber wohl auch nicht.

2016 war das Jahr, in dem ich endgültig die Lust daran verlor, lustige Texte zu schreiben. Vielleicht, weil nach vielen Jahren der erfolglosen Schreiberei ein bisschen die Luft raus ist, vielleicht aber auch, weil es eben doch kein richtiges Leben im Falschen geben kann. Die Wahrheit liegt vermutlich dazwischen. Wann immer ich eine Juxnummer über ein banales Alltagsthema zu Papier bringe, fühle mich ein wenig schuldiger an der ganzen Misere, die uns umgibt. Ich, der hier sitzt, sich die Sonne ins Gesicht scheinen lässt, ein teures MacBook auf dem Schoß, neben mir eine Tasse mit gut dampfendem Kaffee und dem letzten »Green Day«-Album, das aus den Lautsprechern schallt, während die Katze neben mir die Sofadecke knetet und zufrieden schnurrt.

Es fühlt sich alles nicht gut an, nicht aufrichtig, viel mehr noch, weil sich unsere private Situation 2016 so sehr verbessert hat wie nie zuvor: Wir sind Mitte Dezember ins eigene neu gebaute Haus gezogen, wo alle großen Fenster und Terrassen mit ihrer Südlage reichlich Sonnenschein einfangen, wo kein zu hoch gebautes Hinterhaus mehr das Tageslicht stiehlt, wo ein kleiner Garten darauf wartet, dass wir im kommenden Jahr irgendwas Passables mit ihm machen. Es ist, als hätten wir eine kleine Insel der Glückseligkeit inmitten eines tosenden Meeres gefunden, und so schön es hier eben auch ist, wissen wir ja doch nie, wann dieses blöde Meer eine alles überrollende Welle ausspuckt.

Es sind unsichere Zeiten, ich denke, darauf können sich alle einigen. Wir können nur hoffen und im Kleinen unseren Teil dazu beitragen, dass alles wieder besser wird. Mögen Vernunft und Verstand 2017 die Oberhand gewinnen, mögen wir alle gesund bleiben oder werden, ein kleines bisschen Glück für uns und andere finden. Noch sind wir alle hier, können belanglosen Stuss schreiben und selbigen lesen und das ist im Angesicht der Verrücktheiten da draußen doch schon mal was Gutes. Und immer dran denken: »It ain’t over ’til it’s over«, wie Lenny Kravitz mal sang. In diesem Sinne allen Mitlesern einen guten Rutsch ins nächste Jahr! Keep fingers crossed, wir schaffen’s schon irgendwie.

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Als ich klein war, dachte ich, Alter wäre etwas, das nur anderen passiert. Als Dreikäsehoch ist die Welt ziemlich winzig – soll heißen, meist reichte sie gerade bis zu dieser einen Straße, die ich auf keinen, aber auch wirklich auf GAR KEINEN Fall allein überqueren durfte. Vielleicht ist das für Kinder heute anders, aber vor über zwanzig Jahren gab es halt noch kein Internet, meine Heimat war in eine unüberwindbare Grenze eingezwängt und das einzige von weiter weg, was mir unterkam, waren die Westpakete meiner Urgroßtante aus Baden-Württemberg. Aber erwachsen werden, so alt und grau wie Oma und Opa und vielleicht sogar eines Tages dieses ominöse Sterben mitmachen zu müssen, nee, das war nichts, was mir passieren würde. Viel zu absurd, die Vorstellung. Andere von mir aus, aber mein Leben hatte gefälligst in Wachs gegossen zu sein.

Mit diesem Glauben ließ es sich prima leben. Ich konnte Tage grandios verschwenden, indem ich auf einer Wiese herumlag und in die Wolken starrte, um Bilder in ihnen zu erkennen, ich konnte zum zwanzigsten Mal denselben Trickfilm gucken, die unproduktivsten Dinge des Universums tun, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen und dachte eigentlich nie über so abstrakte Dinge wie Zeit nach – darüber, dass sie vergeht, dass man sie nicht wiederbekommt und dass man sie vielleicht ja mal sinnvoll nutzen sollte. Was war schon Sinn, was war Zeit? Jedenfalls nicht so cool wie Cartoons und Wrestling auf RTL2.

In meiner Jugend hielt ich mich längst nicht mehr für unsterblich, aber durchaus noch für unbesiegbar. Hier und da hörte ich schon mal von anderen Jugendlichen, die schlimme Krankheiten bekamen, die darüber hinwegkamen oder auch nicht, und hin und wieder verunglückte auch mal jemand, den ich aber nie wirklich gut kannte. Im Großen und Ganzen blieb alles wie es war: Ich hatte alle Zeit der Welt und wusste sie immer noch nicht so richtig zu schätzen. Es würde immer ein Morgen geben, um richtig anzufangen mit ... was auch immer, aber einfach fest genug dran glauben würde schon helfen. Irgendwo am Horizont ließ sich allmählich erahnen, dass es nicht ewig so weitergehen würde, dass ich erwachsen werden und sich alles für immer ändern würde und dass die kleinen Sorgenfalten, die sich dabei auf die Stirn verirrten, eines Tages nicht wieder verschwinden würden, sobald der lästige Gedanke abgeschüttelt war.

Inzwischen ist es auch so gekommen. Es fing nicht mal damit an, dass ich plötzlich erwachsen war, Alkohol kaufen und Ab-18-Filme im Kino anschauen durfte, ohne mich irgendwie durchmogeln zu müssen. Das war alles noch ganz cool und aufregend. Es schlich sich eher so ein. Erst war es nur eine Dissonanz hier und da, inzwischen ist daraus eine mitunter wirklich hässliche Melodie geworden. Ich denke oft über den Tod nach. Über all das, was bereits hinter mir liegt. Zum Glück nie über verpasste Chancen, das ist immerhin etwas und das hätte ich auch albern gefunden. Auch nicht so oft darüber, wie viel Zeit ich mit Dingen verschwendet habe, die unsinnig waren, denn wenn auch ich nicht mehr frage, was Zeit ist, dann aber schon noch, was Sinn überhaupt sein soll.

Trotzdem: Ich bin nun 32, eigentlich immer noch annehmbar jung. Wenn ich nur auf die Zahl schaue, kommt mir dieser ganze Text hier wahnsinnig bekloppt vor. Schaue ich dagegen in den Spiegel, sehe ich hinter meinen Augen den Jungen von früher, der sich fragt, was zum Teufel passiert ist. Vielleicht liegt es daran, dass die ersten Einschläge doch schon kamen: Ende des letzten Jahres starben meine Oma und mein Onkel in kurzer Folge. Bevor ich abends schlafen gehe, nehme ich seit längerem eine Tablette gegen zu hohe Blutfettwerte, um nicht irgendwann mit 'nem Herzkasper vom Stuhl zu kippen. Das zusammengenommen mit allerlei Gedankenspielereien und Verlustängsten hat in meinem Gemüt über die Jahre – wie Salat, der zulange herumstand – aus einem knackigen »Carpe diem« ein siffiges »Memento mori« werden lassen.

Aber gut, es ist ja auch Herbst, die Sonne lässt sich seit Wochen nicht blicken, ich bin erkältet und an Geburtstagen bin ich sowieso grundsätzlich melancholisch und die Grummeligkeit in Person. In diesem Sinne: Happy birthday to me!

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Neulich, ich war auf dem Heimweg, stieg eine Frau vor mir aus dem Bus aus, in deren Nacken ich ein Tattoo entdeckte. Nun ist es wenigstens in Berlin nichts Ungewöhnliches, tätowiert zu sein – im Gegenteil: Man ist fast schon Avantgarde, wenn man keine Tintenkleckse unter der Haut mit sich spazieren trägt. Irgendwann wird eine Generation von Rentnern die Straßen bevölkern, deren faltige Körper von oben bis unten mit ebenso faltigen Motiven aller Art verziert sind. Faltige Bilder gelebter Leben. Vielleicht werden Tattoos bis dahin schon wieder so sehr aus der Mode sein, dass jüngere Menschen sich fragen werden, was die alten Tattergreise nur geritten haben könnte, sich selbst so zu verunstalten. Aber egal, einstweilen ist es cool, tätowiert zu sein, und wer es nicht ist, der ist ’ne ignorante Randerscheinung. So wie ich, der Zaungast der Gesellschaft, der sich über all die bunten Extremitäten in der Öffentlichkeit doch ein bisschen wundert – nicht aufregt, denn so viel Liberalität hat Berlin mir inzwischen angewöhnt, aber wundert eben.

Besagte Frau fiel mir bei aller Normalität jedenfalls trotzdem auf. Es war nicht, wie sie aussah, welche Kleidung sie trug oder wie sie ihre Haare frisiert hatte. Was das anging, gab sie eine ganz gewöhnliche Figur ab. Und wahrscheinlich hat sie einen ebenso gewöhnlichen Bürojob, dem sie von neun bis fünf nachgeht und dessen gelegentliche Tristesse sie durch sozial akzentuierte Pausen in der Kaffeeküche auflockert. Umso seltsamer mutete eben das Tattoo an. »Life is fucking crazy« stand nämlich in ihrem Nacken. Geschwungene Schrift, leicht verschnörkelt, wie man das eben so schreiben würde, wenn man wüsste, das geht nicht mehr weg. »Life is fucking crazy« – ich glaube, kein Spruch dieser Welt hätte besser ausdrücken können, wie gewöhnlich wir doch alle sind.

Ich musste in dem Moment, als ich das Tattoo entdeckte, kurz daran denken, dass wir alle einmal gestorben sein werden. Auch die Frau mit dem Tattoo wird dann vielleicht in einem Sarg liegen und vor sich hin modern, wenn sie nicht gerade eine Feuerbestattung bekommen haben wird. Ein Leichnam, den Würmern als Festschmaus vorgesetzt, und im faltigen, von der unbarmherzigen Hand des Todes kalten Nacken wird immer noch »Life is fucking crazy« stehen. Nicht »Life was fucking crazy«, wie es sich in diesem Fall gehören würde – eine glatte Lüge also. Ein Tattoo kann sich bekanntlich nicht nach dem wechselhaften Lebensstatus seines Trägers richten – immer wieder dann ein Ärgernis, wenn etwa jemand »Jessica-Chiara & Dennis-Robin 4ever« auf dem Unterarm stehen hat, obwohl Jessica-Chiara und Dennis-Robin doch schon seit einem halben Jahr gar kein Paar mehr sind.

Die Dinge ändern sich, Menschen ändern sich, doch ihre Tätowierungen ändern sich nicht mit ihnen. Die Motivwahl ist ohnehin schon eine Crux. Gesellschaftlich relevante Themen zu verbildlichen beispielsweise, dürfte meistens eher eine schlechte Idee sein – ähnlich wie der oben genannte Liebesschwur schneller irrelevant sein kann als ein C-Promi nach einem Aufenthalt im Dschungel-Camp, dürfte es sich mit fast allen zeitgeschichtlich gerade relevanten Dingen verhalten. Na gut, ein Tattoo des unfertigen Hauptstadtflughafens könnte durchaus auf Lebenszeit aktuell bleiben und zudem so ungefähr den kompletten Körper abdecken, schön ist aber was anderes. Tiere dagegen bieten sich als Motiv immer an. Ein Wolf etwa, den können wir Menschen zwar auch ein zweites Mal ausrotten, aber deswegen wird er nicht in zehn Jahren uncool sein. Wölfe sind coole Tiere. Waren sie immer schon, werden sie auch immer sein. Warum also nicht den Steppenwolf irgendwohin tätowieren? Hat dann auch gleich was Metaphorisches – einsamer Wolf und so. Aber ein Spruch wie »Life is fucking crazy«?

Ich habe vor einiger Zeit eine Theorie aufgestellt: Immer dann, wenn irgendetwas mit einem Attribut angepriesen wird, kann man ziemlich sicher sein, dass dieses Etwas die versprochene Eigenschaft genau nicht besitzt. Denn wenn es doch so wäre, dann müsste nicht extra mit dem verbalen Zeigefinger darauf hingewiesen werden. So wird es wohl auch mit dem »Life« sein, das erstens nicht »crazy« ist und zweitens schon gar nicht »fucking«. Ob die Frau mit dem Tattoo sich dessen wohl bewusst ist? War sie es, als sie sich für dieses Motiv entschieden hatte? Wollte sie ihr gewöhnliches Dasein kaschieren? Oder hielt sie sich und ihr Leben tatsächlich für so »crazy«, als sie dem Tätowierer erlaubte, ihren Nacken auszuschildern?

Da mir ihr Gesicht nicht bekannt vorkam – und ich habe ein wahnsinnig gutes Gesichtergedächtnis –, kann ich ruhigen Gewissens davon ausgehen, dass sie in früheren Jahren weder Rockstar war, noch erfolgreiche Schauspielerin oder sonst wie derart aus der Gesellschaft herausstechend, als dass sie ein »fucking crazy« Leben geführt haben könnte. Aber vielleicht tue ich ihr ja Unrecht. Vielleicht ist »fucking crazy« im Kleinen gemeint. Eben nur für sie. Ein auf Haut verewigter Insider ihres Daseins. »Fucking crazy« für sie und ihren Partner und die Kinder? Vielleicht ja, und ist es nicht irgendwie auch ein schöner Gedanke, das eigene Leben für so besonders zu halten, ihm so viel Bedeutung beizumessen, dass man es der Welt mitteilen möchte – zumindest der Welt, die in der Fußgängerzone direkt hinter einem läuft? Denn ganz egal, wie groß und erfolgreich wir Menschen zu Lebzeiten sein oder werden mögen, am Ende sind wir doch alle nicht mehr als ein Wimpernschlag in der Geschichte der Welt. Schall und Rauch und Asche, wenn dereinst die Sonne zum Roten Riesen wird und uns alle verschlingt.

Wie auch immer, am Ende ist es immer noch ein bisschen doof, tot zu sein und »Life is fucking crazy« im Nacken stehen zu haben – auch wenn es dann keiner mehr sieht – abgesehen von den Würmern, die aber nicht lesen können (Bücherwurmwitz bitte hier selbst einfügen). Dann vielleicht doch lieber ein chinesisches Schriftzeichen in den Nacken stechen lassen, das irgendeine alte ebenso chinesische Weisheit darstellen soll, am Ende aber doch nur »35 mit Reis« bedeutet. Zumindest hierzulande kann das nämlich auch zu Lebzeiten schon kaum einer lesen und Zaungäste der Gesellschaft wie ich müssen sich dann keine Gedanken über den tieferen Sinn machen, Punkt.

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Manchmal stehe ich morgens vor dem Spiegel und schaue diesen schönen Mann an. Ich drehe die Shampooflasche* dann um, weil meine Haarpracht sowieso nie den Level des Kerls auf dem Etikett erreichen wird. Etikettenschwindel ist das, suggeriert doch der werbende Aufdruck, man könne sich nach reichlich Gebrauch genüsslich mit den Händen durch die wallende Mähne fahren. Wallende Mähne ... die wüchse mir vielleicht am Kinn, würde ich nicht ab und an mit dem Gesichtsrasenmäher drüberfahren.

Und apropos Bart: In selbigem wachsen seit einiger Zeit zwei weiße Haare frech und fröhlich vor sich hin. Nicht eines, nein, es sind zwei – weil doppelt besser hält? Und nicht grau sind sie, sondern weiß. WEISS! An manchen Tagen fühle ich mich wahnsinnig jung und energiegeladen. An diesen Tagen sprechen die beiden weißen Haare zu mir und sagen: »Nope, du bist alt, Kollege. Nicht wahnsinnig alt, aber das kriegen wir auch noch hin. Und bis dahin sind wir zwei ein kleiner Vorgeschmack.« An anderen Tagen dagegen fühle ich mich schon von Haus aus alt. Ich stehe auf, strecke den Rücken durch und die Geräusche meiner Wirbelsäule ergeben eine saubere c-Moll-Tonleiter, gespielt auf einem hölzernen und morschen Xylophon. An diesen Tagen hätten die Ringe unter meinen Augen Anrecht auf eine eigene Postleitzahl. Stehe ich dann im Bad vor dem Spiegel, denke ich nicht mehr allzu vieles, nur noch: Puuuh!

Mein Hirn hat die manchmal blöde Eigenart, Erinnerungen nicht verblassen zu lassen. Verblassen tut regelmäßig nur, was ich morgen unbedingt erledigen wollte. Ich sehe das meiste von dem, was einmal war, noch ganz deutlich vor mir, fast als wären all diese Erinnerungen Miniaturausgaben dessen, was vergangen ist. Dioramen, in die ich hineingreifen kann, wenn ich möchte, fühlen, wie es damals war, ohne jedoch jemals wieder Teil dessen sein zu können. Das kann sehr zermürbend sein. Es ist grundsätzlich ja schön, wenn man sich erinnern kann, das weiß ich sehr wohl, aber manchmal ist es eben auch ein Fluch. Denn irgendwo in mir schlummert noch das Kind von damals, fragt sich morgens vor diesem blöden Spiegel, was plötzlich passiert ist, wer dieser Mann da ist, und meint damit nicht den üppig behaarten Typ auf dem Etikett der Shampooflasche.

Dieses Kind, hatte morgens regelmäßig den Haarwirbel am Hinterkopf niederzuringen. Ein Ärgernis, das heute nicht mehr existiert und somit direkt in ein anderes Ärgernis übergegangen ist: Sonnenbrände am Hinterkopf ... Dieses Kind stellte sich, während es sich kämmte, gern vor, dass sich hinter dem Spiegelschrank eine Geheimtür in irgendein gemütliches Fantasiereich verbarg. Na ja, im Wesentlichen ging es dabei darum, gedanklich der Schule zu entfliehen. Der Mann, der heute vor dem Spiegel steht, vermutet im Schrank allerhöchstens noch eine angefangene Packung Kopfschmerztabletten, sicher aber keine geheimen Türen.

Mit Anfang 30 steckt man in einer seltsamen Situation: zu alt um sich noch dauerhaft jugendlich zu fühlen und zu jung um sich weise fühlen zu dürfen. Dafür funktioniert der Verstand noch ausgezeichnet genug, um sich darüber Gedanken und Sorgen gleichermaßen zu machen. Mit Anfang 30 ist man quasi eine Ente: Kann nicht richtig gut fliegen, kann nicht wirklich gut schwimmen, schmeckt aber gut. Na immerhin!

Aber okay, genug der Altersärgernisse einstweilen, genug der Lethargie der vergangenen Wochen, auch wenn es hin und wieder mal sehr angenehm ist, nach Feierabend wenig produktives zu tun, tonnenweise Netflix-Serien wegzuatmen und ansonsten fünfe gerade sein zu lassen.

* Das mit dem Shampoo ist frei erfunden. Auf dem Zeug, das ist benutze, ist nichts aufgedruckt, abgesehen vom Markennamen und dem Hinweis, dass es sich um Shampoo handelt (und nicht etwa um Barbecuesauce).

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Als Kind schaute ich gern »Star Trek – The Next Generation«. Für diejenigen, die's nicht kennen, das ist die Serie, in der Patrick Stewart den Captain Jean-Luc Picard mimt. Ich musste gerade nachschauen, wie man den Namen schreibt, ein riesiger Fan war ich also nie. Aber in Ermangelung eines besseren Programms und weil die Titelmelodie so unfassbar gut war, schaute ich mir die Serie eben gern an. Ich konnte mit dem dort gezeigten Weltall nicht viel anfangen, konnte mir nicht vorstellen, wie das denn funktionieren sollte, das mit der Unendlichkeit, mit der Leere, der Weite. Für mich war der Weltraum tatsächlich ein Raum. Ein Raum mit Wänden, die man nur nicht sehen konnte, ein Raum, in dem Sterne funkelten, von denen ich nicht wusste, was sie eigentlich waren, außer funkelnde Dinger im Hintergrund. Ein Raum mit Boden, den ich mir immer als eine Art galaktischen Vogelsand vorstellte, weil ein Raum eben einen Boden haben musste, weil es ein Unten und ein Oben geben musste, weil mein kindlicher Verstand nichts anderes zuließ. Aber mich faszinierte die Vorstellung vom freien Reisen in einem Raumschiff. Wir hatten ja gerade erst die deutsche Teilung überwunden, da wurde Freiheit noch in viel kleineren Dimensionen gedacht, und nicht mal damit konnte ich wirklich was anfangen.

Später dann, ich war so um die zwölf, spielte ich mit Freunden oft Fußball auf dem Bolzplatz um die Ecke. Wenn wir besonders lange spielten und es schon dunkel wurde, kletterte ich gern am Tor hinauf und ließ mich ins Netz sinken. Dort lag ich dann und schaute in die Sterne. Immer wenn ich das tat, dudelte durch meinen Kopf die Titelmelodie aus »Star Trek – The Next Generation«. Ich stellte mir vor, wie dort oben jetzt irgendwo Raumschiffe fremde Galaxien erkundeten und Welten entdeckten, die sich hier unten niemand vorstellen konnte. Irgendwann in der Zukunft, so wusste ich, würden wir Menschen auch in der echten Welt das All bereisen. Irgendwann, das stand außer Frage.

Inzwischen habe ich die 30 überschritten. Die letzten Begegnungen mit der Zukunft, an die ich mich erinnere, waren die Vorstellung des ersten iPhone – ein Gerät, das ganz offensichtlich aus der Zukunft zu uns gekommen war und all die mittelalterlichen Murkstelefone wegfegte, mit denen wir uns bis dahin begnügen mussten – und zuletzt die Landung der Forschungssonde »Philae« auf dem Kometen »Tschuri«.

Und das war's dann leider auch schon. Gut, Wissenschafter haben zwischenzeitlich das Higgs-Boson gefunden, und bei der Kernfusion sind wir auch immerhin schon einen kleinen Schritt weiter, aber sonst so? Wo sind denn die Raumschiffe? Wo sind die fernen bewohnbaren Planeten, zu denen wir aufbrechen? Wo denn wenigstens die realistische Marsbesiedelung, die nicht ein Himmelfahrtskommando für alle Beteiligten darstellen würde?

Ich bin ernüchtert, so viele Dinge betreffend. Es geht mir gar nicht um die Kolonialisierung des Weltalls, die ich in meiner viel zu langen Einleitung ausgebreitet habe, es geht mir um die Menschheit, die so dumm ist, so unsäglich, unfassbar dumm, dass ich sie kaum mehr ertragen kann. Auch in meiner Sturm-und-Drangzeit habe ich zwar nie versucht, die Welt zu verbessern, aber ich hing doch einer Art unerschütterlichem Glauben an, es könnte alles mal besser werden. Wir würden unsere Konflikte bald gelöst haben. Wenn schon nicht durch die Beseitigung unserer Energieprobleme, dann doch zumindest durch das Internet. Wissen, Information und Kommunikation waren der Schlüssel. Wenn ich mit einem ganz gewöhnlichen Menschen in einem anderen Kulturkreis via Internet innerhalb von Sekundenbruchteilen Nachrichten austauschen konnte, dazu auch noch in der gemeinsamen Sprache Englisch, die so viele von uns zumindest einigermaßen beherrschen, dann musste es doch funktionieren, dass man einander versteht, sich akzeptiert und gemeinsam an Dingen arbeitet, statt sich über den Haufen zu schießen.

So dumm war ich damals. Echt jetzt.

2016 – gefühlt schießen wir uns mehr denn je über den Haufen. Vermeintlich intelligente Leute ziehen in Religionskriege, stützen sich auf angebliche Lehren aus uralten Büchern mit so hanebüchenen Geschichten, dass ich eher noch die Märchen der Gebrüder Grimm glauben würde. Menschen, die eigentlich aufgeklärt sein müssten, sprengen sich in die Luft, der angeblich fortschrittliche Westen schmeißt dem primitiven Osten unter dem Banner der Menschenrechte Bomben auf den Kopf, und unser ach so fortschrittlicher Wohlstand basiert auf der Ausbeutung des Planeten und der Ärmsten, die auf ihm leben. In Deutschland zünden derweil Volldeppen Unterkünfte für Zugereiste an wie zuletzt Anfang der 90er Jahre, und mittendrin in all dem Chaos stehen Menschen wie ich.

Menschen wie ich, die mal an das Gute glaubten, daran, dass nichts unmöglich sein würde, wenn man nur weiter daran arbeitete. Menschen wie ich, die keine Lust mehr auf andere Menschen mit ihrer unfassbaren Blödheit haben. Menschen wie ich, die sich lieber in Eskapismus üben, bevor sie vor lauter Schockstarre gänzlich in Handlungsunfähigkeit verfallen, und dabei auch noch Schuldgefühle wegen ihres Nichteingreifens bekommen. Ich hätte nie gedacht, dass es mal so weit kommen würde, aber ich fühle mich nicht mehr wohl. Nicht in dieser Stadt, nicht auf diesem Planeten. Ich habe Angst. Angst vor dem, was kommt, vor der Zukunft, die ich mal als so verheißungsvoll empfand. Ich möchte hier in Frieden leben, aber es scheint mir nicht mehr möglich.

Unter der Annahme, dass das Universum unendlich groß oder wenigstens unvorstellbar groß ist, müsste es doch wahrscheinlich sein, dass wir Menschen nicht die einzig intelligente Lebensform sind, die nach den Sternen greift. Warum sind wir dann anderen Zivilisationen noch nicht begegnet? Das sogenannte »Fermi-Paradoxon« befasst sich mit diesem Widerspruch. Eine von vielen Begründungen dafür ist, dass wir einander verpassen. Die Zeitspanne, über die eine Lebensform sich entwickelt und schließlich doch ausstirbt, bevor sie auf eine andere intelligente Spezies treffen kann, ist demzufolge schlicht zu kurz, gemessen am Alter des Universums. Das scheint logisch: Wenn man sich in diesem Sinne nach den Gründen für das Aussterben der Menschheit fragt, fiele mir in Anbetracht unserer aller Blödheit genug ein.

Vielleicht sind wir Menschen schon zu klug geworden, um nicht bescheuert zu sein, vielleicht sind auch einfach die meisten Menschen zu bescheuert, als dass die Klugheit obsiegen könnte, ich weiß es nicht. Schaue ich in den Sternenhimmel, sehe ich dort keine Menschen mehr, die mal fremde Galaxien erkunden werden. Wir werden vorher bereits ausgestorben sein, und die einzigen, die sich fragen werden, wie das jetzt passieren konnte, werden die Katzen sein, die auf ihr Mutterschiff zurückgekehrt sein werden, um sich eine andere dämliche Rasse zu suchen, die ihnen die Futterdosen öffnet.

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... hab mich nur versteckt.« Ich hasse übrigens Westernhagen. Trotzdem hätte ich dem zitierten Lied auch gern das »Ich bin wieder hier – in meinem Revier« vorangestellt, aber das wäre wohl nicht so ganz wahr. Ich habe mal wirklich gern geschrieben. Mal Sinnloses, mal (hoffentlich) Lustiges, hin und wieder habe ich mir auch wirklich Mühe gegeben, mir Geschichten auszudenken. Das alles war mal mein digitales Zuhause, ein Ventil, meine Art von gesundem Eskapismus.

Mit noch nicht Mitte 20, als das Leben relativ scheiße war, saß ich vor meinem röhrenden PC und dachte: Ja, und nu? Das war's jetzt? Ich fing dann (wieder) mit dem Schreiben an, was ich schon mal versucht hatte, es dann aber aus Gründen wieder sein lassen hatte. Diesmal war's mir doch ernst. Von meinem Textverständnis her war ich auch gar nicht mal so schlecht, obwohl ich wahrscheinlich nicht gerade mal eben einen konsistenten Roman aus dem Ärmel hätte schütteln können. Kurzgeschichten und lustige Textchen aus dem Leben waren ja auch was. Das half mir, ein bisschen zu entfliehen, wenn mir das Leben zu sehr in Richtung dessen ging, wie ich es nie führen wollte. Ich hatte nie vor, ewig in der IT zu arbeiten, mit der ich nie warm wurde, und so war das Schreiben für mich auch immer eine Option, in weiter Ferne mal was draus zu machen. Ein Plan B quasi, sogar ein Masterplan vielleicht, irgendwas, um dem zu entfliehen, was ich nicht ewig machen wollte.

Und um nicht einfach nur dazu sein. Dass das Leben gefühlt an einem vorbeizieht, ist unvermeidlich, wenn nicht gerade jeder Tag anders ist als der davor. Aber wenn es das schon tut, kann man ja wenigstens versuchen, das bisschen Zeit zu nutzen, um etwas Bleibendes zu schaffen. Nicht, dass ich je geglaubt hätte, irgendwas von meinem bisherigen Geschreibsel könnte überdauern, aber was wusste ich denn, was noch kommen würde? Denn hey, mit Anfang 20 war so was von noch alles drin!

Tja, und jetzt? Mit Anfang 30? Alles irgendwie kaputt. Es fühlt sich nicht mehr gut an, das Notebook aufzuklappen, den Cursor über die Seite des Textverarbeitungsprogramms wandern zu lassen. Es fühlt sich sinnlos an, unbrauchbar. Ich bin nie über den Punkt hinausgekommen, dass ich eigentlich nur selbst mein einziger Leser war. Woran's lag? Darüber habe ich oft nachgedacht, und sicher in erster Linie an mir. An meinem Unvermögen, Interesse zu wecken, oder zumindest überhaupt halbwegs interessante Texte zu fabrizieren. Das klingt alles sehr selbstmitleidig, aber so fühlt sich's an.

Schuld ist auch das Internet, das sich in den letzten Jahren so verändert hat, und das mir den Spiegel vorhält wie früher nie. Aus der kleinen gemütlichen Filterblase, in der ich mich bewegte, ist eine ziemlich große solche geworden. Twitter, Instagram, vor allem großartige Blogs (Facebook lasse ich mal weg) – alles Plattformen, die ich beobachte. Ich habe meine »Favoriten«, ich sehe, was die Leute aus ihrer Basis machen, was sie fabrizieren. Da fotografiert einer irgendwas halbwegs Lustiges, das Bild hat keinen künstlerischen Mehrwert, nichts Ansprechendes, und dennoch: Allein die Reichweite ist so viel höher als die, die ich je hatte. Von tollen Artikeln, die ich nie schreiben könnte, ganz abgesehen.

Kurz: Ich krieg's einfach nicht gebacken. Das Internet zeigt mir das heute in einem Maße, dass ich's unerträglich finde. Das, nun ja, ist der Status quo. Ich sitze in einem Loch und komme nicht raus. Meine Unzufriedenheit mit der beruflichen Situation tut da vermutlich ihr Übriges. Und dieses Gefühls wegen würde ich jetzt gern sagen, dass das hier mein letztes Posting war und es auch wirklich gern so meinen und erleichtert das Notebook zuklappen. Dann würde mir aber was fehlen, und bekanntlich stirbt die Hoffnung ja zuletzt. Wer weiß, was noch wird? Vielleicht findet mich die Lust am Schreiben ja wieder, wenn ich sie schon nicht finden kann.

Manchmal reicht es ja schon, sich einmal ausgekotzt zu haben, auch wenn's fast keiner liest, außer man selbst. Das jedenfalls ist der Grund, weshalb ich in den letzten Monaten eigentlich kaum mehr was zustande bringe.

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Der Arzt sagt, ich muss auf meine Blutfettwerte achten. Zwar bin ich nicht dick und bewege mich genug, aber meinem Blut ist das offenbar egal: Alles voller ekligem Cholesterin, sodass ich jetzt erstens komische Tabletten nehmen muss, die beim Herauslösen aus der unpraktischen Packung jedes Mal durchs halbe Badezimmer fliegen wie weiße Riesenflöhe. Zweitens muss ich mehr auf meine Ernährung achten. Mein Blut hält es offenbar für eine gute Idee, die Arterien ordentlich verkalken zu lassen. Man weiß schließlich nie, wofür man so eine richtig schöne Verkalkung mal gebrauchen kann. Hat sich die Natur wirklich ganz fein ausgedacht, das mit dem Kalk. Bei den einen kommt er aus den Leitungen, die anderen haben ihn in den Leitungen. Nun, bevor meine Gefäße irgendwann dickwandig wie Gartenschläuche werden und so verstopft wie das Klo nach dem Herunterspülen einer kompletten Packung Jumbo-Tampons, tu ich halt was. Kann ja nicht so schwer sein, so 'ne Ernährungsumstellung, oder? ODER?

Ist ja prinzipiell eine gesunde Herangehensweise, die Sache sportlich zu nehmen. Hey, ich kann was tun, also packen wir's an! Das macht auch wirklich erst mal Spaß, sich darüber Gedanken zu machen, was man vielleicht lieber nicht essen sollte, was auch bisher vermutlich gar nicht so gesund war und wie man künftig leben möchte. Ja, das macht Spaß ... bis du vor einer schönen, großen Käsepizza sitzt ... die dem vor dir sitzenden Kollegen gehört ... weil zwischen dir und der Pizza nur ein Schälchen Rucolasalat auf dich und deinen gelangweilten Gaumen wartet, der in einer Tour "Töte mich! Das Leben hat doch keinen Sinn mehr!" zu schreien scheint.

Gut, auf Pizza, Burger und Lasagne ließe sich noch einigermaßen verzichten. Das Zeug schmeckt zwar lecker, aber abgesehen davon, dass nichts davon auch nur annähernd gesund ist, überredet es ja auch den Bauch nur allzu gern zur Anschaffung zusätzlicher Rettungsringe. Aber schon mal versucht, auf Nudeln zu verzichten? Nudeln! Wenn das Leben überhaupt einen definierbaren Sinn hat, dann fängt der mit "N" an und hört mit "udeln" auf! So viele schöne Erinnerungen verbinde ich mit Nudeln. Gut die ähneln sich allesamt und beschränken sich darauf, dass ich meinen Teller leergegessen habe, aber trotzdem sind es schöne Erinnerungen. Und jetzt? Alles weg? Keine Nudeln mehr? Ich habe letztens versucht, alternativ eben mal glutenfreie Nudeln zu essen. Seither habe ich ganz, ganz großes Mitleid mit Menschen, die eine Glutenunverträglichkeit plagt. Glutenfreie Nudeln ... meine Fresse! Wie heißt ein Mensch, der absolut keinen Spaß im Leben akzeptiert? Dschihadist. Rasiere einem solchen den Bart ab, dann bleibt quasi eine glutenfreie Nudel übrig: eine Nudel, der alles fehlt, was eine Nudel ausmacht. So schlimm schmecken die Dinger, echt jetzt! Drum ein Hoch auf Vollkornnudeln. Würdest du in einem italienischen Restaurant nach Vollkornnudeln fragen, dann käme zwar vermutlich der Koch aus der Küche gestürmt, um dich mit einem extra in Gluten gebadeten Backblech zu vermöbeln, aber hey, irgendeinen Tod muss man schließlich sterben.

Und so geht es weiter und weiter. Das Einkaufen ist ein wahrer Spießrutenlauf. Käse, Wurst? Alles Mist, aber hey, wie wäre es denn mit den gammeligen Radieschen dahinten? Cremiger Joghurt? Ach wozu, es gibt doch auch den nahezu fettfreien, der wie püriertes Styropor schmeckt. Schlagsahne? Schlag's dir aus dem Kopf! Geht es nach den Ernährungsempfehlungen, darf ich eigentlich nur noch Dinge essen, die auf Wiesen wachsen, und Körnerfutter. Am besten, ich klebe mir ein Euter an den Bauch und stelle mich auf die Weide. Da falle ich jetzt auch nicht mehr auf.

Aber am schlimmsten ist doch die Sache mit dem Kaffee. Der enthält zwar kein Cholesterin, ist aber wohl dennoch wenig förderlich für die Blutfettwerte. Zumindest, wenn man dem Internet glaubt, und wie jeder weiß, lügt das Internet nie. Bisher hab ich ja ganz gern mal das eine oder andere Tässchen Kaffee getrunken, wenn die Tasse gerade leer war. Also im Prinzip war es eher schwer, einen Zeitpunkt zu finden, an dem ich keinen Kaffee trank. Während des Schlafens vielleicht und unter der Dusche. Aber auch nur, weil meine Kaffeebecher keinen Deckel haben. Tja, und jetzt? Jetzt trinke ich Tee. Tee, das ist wie Kaffee, nur ohne Spaß, ohne richtiges Aroma, ohne Leben in der Tasse. Seit dem Ende der Entzugserscheinungen gleite ich zwar entspannt durch den Tag wie nie zuvor, aber gerade bei all der inneren Ruhe wird mir bewusst: So richtig schön ist das alles nicht. Da möchte man sich manchmal doch am liebsten mit einer Überdosis fettiger Salamipizzen selbst ins Jenseits befördern. Andererseits: Wenn's dabei dann doch gerade so gut schmeckt ... Ach.

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Um dich her, da sitzen Leute,
jeder tut, was er so tut.
Am Monatsende, »fette« Beute
für die Arbeit. Für dein Blut.

Bis hierher! Du möchtest schreien:
Fickt euch doch und euren Mist!
Du willst dich aus dem Schlund befreien,
der dich täglich mehr zerfrisst.

Schaust du dir mal in die Augen?
Siehst im Spiegel dich aus Glas.
Erkennst du, wie die Jahre saugen?
Stück für Stück beißt du ins Gras.

Wär's nicht leicht, jetzt fortzugehen?
Führt der Weg doch durch die Tür.
Bevor du losgehst, bleibst du stehen.
»Erst mal sehen.« – Nur wofür?

Deine Zeit hört auf zu geben,
da sie auch mal nehmen muss.
Doch c'est la vie, du gibst dem Leben
einen schweren Sehnsuchtskuss.

Tust, was immer du schon tatest,
Weil's auch jeder and're tut.
Du würdest gerne, doch du wartest:
»Wird mal besser, wird mal gut.«

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FahrsimulatorDas Ding auf dem obigen Bild hatte ich als Kind auch. Meine Eltern schenkten mir das als Fahrsimulator getarnte "Telespiel" irgendwann zu Weihnachten. Ich weiß noch sehr genau, dass ich immer an dem kleinen weißen Tisch im Kinderzimmer saß, das ich mir mit meiner Schwester teilen musste, und damit spielte. Irgendwo in alten Alben gibt es davon auch ein paar Fotos. Vermutlich schenkten meine Eltern mir das Ding, weil, tja, ich eben ein Junge war und Jungs mit so was zu spielen hatten. Oder so. Passt aber auch ein bisschen zur Autonation Deutschland. Das Heranführen ans Autofahren schon im Kindesalter. Gibt's ja so ähnlich auch mit Werkzeug, Puppenküchen, etc., wobei man sich da natürlich berechtigt über veraltete Rollenmodelle streiten kann.

Das mit dem Heranführen hat jedenfalls nicht geklappt. Als ich 18 war, drückte ich mich davor, den Führerschein zu machen. Ich hatte schlichtweg kein Interesse daran, Auto zu fahren. Ein bisschen schämte ich mich wahrscheinlich auch, weil ich wusste, dass ich mir selbst kein Auto leisten können würde und dass meine Eltern mir auch keines kaufen konnten. Ich nahm ihnen das nicht übel oder so, es war eben ganz einfach so. Ich legte auch nicht allzu viel Wert darauf. Wenn es nach mir gegangen wäre: Ich hätte ewig weiter Fahrrad fahren können. Allerdings merkte ich schnell: Ab 18 war mit dem Fahrrad allein ziemlich schnell außen vor, wenn es um Unternehmungen ging, die plötzlich überall stattfanden, nur nicht mehr im Heimatort.

Mit 19 machte ich dann doch den Führerschein. Auf Anraten meiner Mutter hin, die immer sagte: "So was braucht man einfach." Wenn dieses tolle Argument nicht zog, ergänzte sie auch gerne: "Wie willst du denn ohne Führerschein eine Arbeit finden?" Okay, die Frage war berechtigt. Tatsächlich wurde ich bei Bewerbungsgesprächen schon danach gefragt, ob ich ein Auto besäße.

Mit 19 also stieg ich dann das erste Mal vorne links ins Fahrschulauto, einen VW Golf, ließ mich auf den Fahrersitz sinken und wusste ziemlich schnell: Das ist nichts für mich!

Ich hab mich wirklich durch die Fahrstunden gequält. Wenn ich wusste, ich hatte am selben Tag noch Fahrunterricht, dann war der Tag für mich eigentlich bis dahin gelaufen. War ich mit den Stunden durch, fing der Tag erst richtig an. Ich fühlte mich nie wohl als Fahrer. In der Stadt ging es gerade noch so, aber sobald ich raus aufs Land und damit schneller fahren musste, bekam ich schwitzige Hände und innerlich eine ziemliche Panik. Wenn ich dann noch eine Kurve bewältigen musste, war das die Hölle für mich. Ich konnte den Gedanken nicht abschütteln, dass ich, wenn ich nicht richtig lenkte, einfach gegen den nächsten Baum vor mir fahren würde, dass mein damaliger Fahrlehrer und ich dann sofort tot wären. Es war einfach allgegenwärtig. Das alles hatte so eine Endgültigkeit, etwas sehr Konkretes. Ich konnte das ja wirklich tun, und ich traute es mir irgendwie zu, weil ich mir wahrscheinlich generell damals nicht viel zutraute. Es lag in meiner Hand, die Stunde zu überleben oder eben nicht. Damit kam ich echt nicht klar.

Irgendwann, es kam noch persönlicher Stress in anderen Bereichen hinzu, bekam ich vor oder nach einer Fahrstunde einen leichten Hörsturz. Zwei Wochen lang schlug ich mich mit einem Pfeifen im Ohr herum, das dann glücklicherweise wieder verschwand. Es lag nahe, das Hörproblem aufs Autofahren zu schieben, das für mich der pure Horror war.

Den Führerschein bekam ich trotzdem. Die Prüfung war seinerzeit relativ einfach. Der Prüfer hatte offenbar keine Lust oder wenig Zeit, drum war ich dann nach ungefähr 20 Minuten mit der Geschichte durch. Für mich war das ein Erweckungsmoment: Ich würde nie wieder Auto fahren müssen!

Na ja, ein paar mal habe ich es noch versucht, dann eben mit dem Auto meiner Eltern. Das ging nur mäßig gut, weil mir einfach die Übung fehlte und ich nicht über meine Angst hinwegkam. Ich gab dann auf. Diesmal für immer.

Vor einer Weile habe ich mal versucht, ein bisschen was zum Thema zu recherchieren. Einfach, weil mir danach war, weil es mir wieder einfiel und, okay, ich geb's zu, weil wieder mal der Bus nicht kam und es mich in dem Moment tierisch aufregte, immer auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen zu sein. Glaubt man dem Internet, dann ist diese Angst vor dem Autofahren etwas, das nur Frauen betrifft. Sämtliche Seiten, Foren, etc. sind auf Frauen ausgelegt, die sich mit dem Fahren überfordert fühlen. Ich dachte mir, hey, das kann doch nicht sein. Wir leben im Jahr 2015, da kann man doch zumindest im Internet über alles reden. Also suchte ich weiter, doch ... nö. Überall nur Frauen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich nicht der einzige Mann auf dem Erdball bin, der Angst vorm Autofahren hat, also: Ist das wirklich ein so beschämendes Thema? Wo seid ihr alle? Ich habe mich die erste Zeit ja auch davor gedrückt, das zuzugeben, doch dann dachte ich: Warum eigentlich? Ist doch nichts dabei. Ich will nicht Teil einer Machokultur sein, die sich nicht traut, zu ihren Ängsten zu stehen, nur weil das von Gott gegebene Automobil zum Ausdruck von Männlichkeit und männlicher Individualität verklärt wird. Das ist mir echt zu blöd. Dafür bin ich zu alt und zu abgeklärt. Und wenn kein Mann von sich aus drüber sprechen will, ja, dann hab ich das hiermit eben gemacht.