Am Lagerfeuer

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smoothieIch sage, dieser ganze Ernährungswissenschaftskram ist Quatsch. Ich bin der (noch) lebende Beweis, dass das alles Blödsinn sein muss, was einem von den Lebensmittelindustrievertretern mit Haifschgrinsen erzählt wird, die sich als Wissenschaftler verkleiden, indem sie sich einen Kittel überwerfen: Iss jeden Tag dein Gemüse auf, von jeder Obstsorte mindestens zwei Kilo, dann wirst du ewig leben und kannst nur noch sterben, indem ein anderer, der ebenso jeden Tag tonnenweise Gemüse und Obst vernichtet, dir mit einem in den schottischen Highlands geschmiedeten Schwert den Kopf abschlägt. 

Ich esse täglich mindestens einen Apfel, meistens eine Banane und vor allem ... trinke ich Smoothies. Jeden Morgen einen. Ich ziehe das so konsequent durch wie eigentlich kaum etwas sonst: Aufstehen, Klo, Frühstück, Klo, Zähneputzen, Klo, ein bisschen Prokrastination am Smartphone, Klo und DANN den Smoothie, bevor ich aufs Klo und dann zur Arbeit gehe. Durch die Smoothietrinkerei müsste ich eigentlich längst unbesiegbar sein, kugelsicher sowieso. Smoothies sind der Gegenentwurf zum Feierabendbier. Alles, was an Bier schlecht ist, kehrt ein Smoothie ins Gegenteil. Nur fett machen sie beide. Würde ich nicht an jedem verdammten Morgen einen Smoothie trinken, hätte ich vielleicht längst einen Waschbrettbauch. Stattdessen sieht mein Körper selbst nach vielen Jahren Sport immer noch aus wie eine Riesenleberwurst im Naturdarm. Toll! Danke Smoothie, danke Merkel!

Und ich schreibe mich hier gerade nur deswegen so in Rage, weil ich alle drei, vier Wörter husten und drei Kilo Rotz in ein Taschentuch entladen muss, was sich zusammen anfühlt, als wollte sich mein Inneres nach außen kehren, wobei: Wenn ich derzeit in den Spiegel schaue, beschleicht mich eher das Gefühl, das Äußere wollte sich eher wieder nach außen kehren und das Innere zurück nach innen – so schlimm steht es um mich! Jedenfalls huste und schniefe ich, als gäbe es kein Morgen und mit jeder Stunde, die hustend und schniefend ins kontaminierte Land zieht, bekomme ich den Eindruck, das mit dem Morgen könnte sich noch bewahrheiten. Denn ich habe Männerschnupfen! Jene furchtbare Krankheit, die nur XY-Chromosomträger befällt, erbarmungslos wie die Ansteckungsgefahr während einer Zombieapokalypse und von der wir Männer nie wissen, ob wir sie überleben werden – und falls doch, in welchem erbarmungswürdigen Zustand. Diese Krankheit, die den Frauen dieser Welt absolut null Mitleid abringt, was das Leiden nur umso schlimmer macht.

Was mich jedenfalls derart in Rage versetzt, ist dass ich nun bereits die zweite blöde Erkältung innerhalb desselben Quartals habe. Innerhalb eines Monats sogar! Durch die verflixten Vitamine müssten meine Immunzellen längst mit Kevlarwesten und Integralhelmen ausgestattet sein, stets bereit, selbst einen Meteoriteneinschlag einfach abzuwehren. Stattdessen herrscht scheinbar Tag der offenen Tür für alle gängigen Berliner Bazillen. »Hereinspaziert, hereinspaziert, hinten stehen Kaffee, Kekse und funktionstüchtige Atemwege für Sie bereit!« Klasse!

Wozu also, frage ich, trinke ich dann diese blöden Smoothies? Da könnte ich, um darauf zurückzukommen, auch gleich morgens in erster Amtshandlung ein Bier zischen. Ich sehe da gerade lauter Vorteile: In den Flaschen ist mehr drin, es erzeugt keinen Plastikmüll, Bier ist erfrischender, es macht nach reichlich Konsum Mett- und Eierbrötchen zur schmackhaftesten Delikatesse des Universums und endlich hätte ich auf der Arbeit mal wieder gute Laune. Okay, vielleicht nicht sonderlich lange, denn wer seine Fahne konsequenter durch die Gegend trägt als der überzeugteste Kommunist, dem ist vermutlich keine sonderlich lange Karriere vergönnt, es sei denn, er arbeitet bei Warsteiner im Testzentrum.

Gut, Bier tut so gar nichts für die Gesundheit, geballte Vitaminpower aber ja nun offenbar auch nicht. Alles Lügenpresse, was da auf den Flaschen steht. Ich sage: Smoothies töten! Denn alles, was nicht zu meiner Gesundheit beiträgt, unterstützt meine Sterblichkeit und ist damit de facto ein Mörder. Und immer, wenn ich jetzt röchelnd und schnaufend den Kühlschrank öffne, mit blutunterlaufenen von den Schatten Mordors umringten Augen nach was Essbarem suche, dann fallen mir diese kleinen bunten Killerfläschchen ins Auge. Wie Spielzeugatombomben liegen sie da, sorgfältig aufgereiht: rote, gelbe, weiße, gefüllt mit püriertem Schleim aus Früchten, die ich in meinem Leben noch nicht gehört, gesehen oder geschweige denn gegessen habe.

So stehe ich vor der geöffneten Kühlschranktür und starre sie an. Und die Smoothies starren zurück. Wie im Westernduell stehen wir uns gegenüber, ein Steppenläufer weht frech über den staubigen Weg, die Türen des verlassenen Saloons knarzen vom Spiel des rauen Windes und im Hintergrund säuselt leise die ikonische Musik von Ennio Morricone. Und ich weiß, ich kann dieses Duell nur verlieren, schließlich habe ich Männerschnupfen, bin längst geschlagen, weshalb die Smoothieflaschen mich weiterhin einfach nur anstarren, bis sie im Chor sagen: »Tja, krank sein ist schon scheiße, oder?«

Recht haben sie, krank sein ist scheiße. Man fühlt sich schwach und mitunter so wirr, dass Dinge mit einem reden. Und das gerade, wo die Alternative – nämlich gesund sein – doch so einfach zu sein scheint. In der Hoffnung, dass ich mich in meiner erkältungsbedingten Grantigkeit irre, trinke ich doch wieder einen dieser blöden Smoothies. Und selbst wenn sie, wie ich vermute, tatsächlich null Wirkung haben sollten, abgesehen von der des Lebenserhaltungssystems meiner Fettschicht, dann bleibt mir doch irgendwie keine andere Wahl, als sie zu trinken, denn es ist, verdammt noch mal, kein Bier im Haus!

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Neulich, ich war auf dem Heimweg, stieg eine Frau vor mir aus dem Bus aus, in deren Nacken ich ein Tattoo entdeckte. Nun ist es wenigstens in Berlin nichts Ungewöhnliches, tätowiert zu sein – im Gegenteil: Man ist fast schon Avantgarde, wenn man keine Tintenkleckse unter der Haut mit sich spazieren trägt. Irgendwann wird eine Generation von Rentnern die Straßen bevölkern, deren faltige Körper von oben bis unten mit ebenso faltigen Motiven aller Art verziert sind. Faltige Bilder gelebter Leben. Vielleicht werden Tattoos bis dahin schon wieder so sehr aus der Mode sein, dass jüngere Menschen sich fragen werden, was die alten Tattergreise nur geritten haben könnte, sich selbst so zu verunstalten. Aber egal, einstweilen ist es cool, tätowiert zu sein, und wer es nicht ist, der ist ’ne ignorante Randerscheinung. So wie ich, der Zaungast der Gesellschaft, der sich über all die bunten Extremitäten in der Öffentlichkeit doch ein bisschen wundert – nicht aufregt, denn so viel Liberalität hat Berlin mir inzwischen angewöhnt, aber wundert eben.

Besagte Frau fiel mir bei aller Normalität jedenfalls trotzdem auf. Es war nicht, wie sie aussah, welche Kleidung sie trug oder wie sie ihre Haare frisiert hatte. Was das anging, gab sie eine ganz gewöhnliche Figur ab. Und wahrscheinlich hat sie einen ebenso gewöhnlichen Bürojob, dem sie von neun bis fünf nachgeht und dessen gelegentliche Tristesse sie durch sozial akzentuierte Pausen in der Kaffeeküche auflockert. Umso seltsamer mutete eben das Tattoo an. »Life is fucking crazy« stand nämlich in ihrem Nacken. Geschwungene Schrift, leicht verschnörkelt, wie man das eben so schreiben würde, wenn man wüsste, das geht nicht mehr weg. »Life is fucking crazy« – ich glaube, kein Spruch dieser Welt hätte besser ausdrücken können, wie gewöhnlich wir doch alle sind.

Ich musste in dem Moment, als ich das Tattoo entdeckte, kurz daran denken, dass wir alle einmal gestorben sein werden. Auch die Frau mit dem Tattoo wird dann vielleicht in einem Sarg liegen und vor sich hin modern, wenn sie nicht gerade eine Feuerbestattung bekommen haben wird. Ein Leichnam, den Würmern als Festschmaus vorgesetzt, und im faltigen, von der unbarmherzigen Hand des Todes kalten Nacken wird immer noch »Life is fucking crazy« stehen. Nicht »Life was fucking crazy«, wie es sich in diesem Fall gehören würde – eine glatte Lüge also. Ein Tattoo kann sich bekanntlich nicht nach dem wechselhaften Lebensstatus seines Trägers richten – immer wieder dann ein Ärgernis, wenn etwa jemand »Jessica-Chiara & Dennis-Robin 4ever« auf dem Unterarm stehen hat, obwohl Jessica-Chiara und Dennis-Robin doch schon seit einem halben Jahr gar kein Paar mehr sind.

Die Dinge ändern sich, Menschen ändern sich, doch ihre Tätowierungen ändern sich nicht mit ihnen. Die Motivwahl ist ohnehin schon eine Crux. Gesellschaftlich relevante Themen zu verbildlichen beispielsweise, dürfte meistens eher eine schlechte Idee sein – ähnlich wie der oben genannte Liebesschwur schneller irrelevant sein kann als ein C-Promi nach einem Aufenthalt im Dschungel-Camp, dürfte es sich mit fast allen zeitgeschichtlich gerade relevanten Dingen verhalten. Na gut, ein Tattoo des unfertigen Hauptstadtflughafens könnte durchaus auf Lebenszeit aktuell bleiben und zudem so ungefähr den kompletten Körper abdecken, schön ist aber was anderes. Tiere dagegen bieten sich als Motiv immer an. Ein Wolf etwa, den können wir Menschen zwar auch ein zweites Mal ausrotten, aber deswegen wird er nicht in zehn Jahren uncool sein. Wölfe sind coole Tiere. Waren sie immer schon, werden sie auch immer sein. Warum also nicht den Steppenwolf irgendwohin tätowieren? Hat dann auch gleich was Metaphorisches – einsamer Wolf und so. Aber ein Spruch wie »Life is fucking crazy«?

Ich habe vor einiger Zeit eine Theorie aufgestellt: Immer dann, wenn irgendetwas mit einem Attribut angepriesen wird, kann man ziemlich sicher sein, dass dieses Etwas die versprochene Eigenschaft genau nicht besitzt. Denn wenn es doch so wäre, dann müsste nicht extra mit dem verbalen Zeigefinger darauf hingewiesen werden. So wird es wohl auch mit dem »Life« sein, das erstens nicht »crazy« ist und zweitens schon gar nicht »fucking«. Ob die Frau mit dem Tattoo sich dessen wohl bewusst ist? War sie es, als sie sich für dieses Motiv entschieden hatte? Wollte sie ihr gewöhnliches Dasein kaschieren? Oder hielt sie sich und ihr Leben tatsächlich für so »crazy«, als sie dem Tätowierer erlaubte, ihren Nacken auszuschildern?

Da mir ihr Gesicht nicht bekannt vorkam – und ich habe ein wahnsinnig gutes Gesichtergedächtnis –, kann ich ruhigen Gewissens davon ausgehen, dass sie in früheren Jahren weder Rockstar war, noch erfolgreiche Schauspielerin oder sonst wie derart aus der Gesellschaft herausstechend, als dass sie ein »fucking crazy« Leben geführt haben könnte. Aber vielleicht tue ich ihr ja Unrecht. Vielleicht ist »fucking crazy« im Kleinen gemeint. Eben nur für sie. Ein auf Haut verewigter Insider ihres Daseins. »Fucking crazy« für sie und ihren Partner und die Kinder? Vielleicht ja, und ist es nicht irgendwie auch ein schöner Gedanke, das eigene Leben für so besonders zu halten, ihm so viel Bedeutung beizumessen, dass man es der Welt mitteilen möchte – zumindest der Welt, die in der Fußgängerzone direkt hinter einem läuft? Denn ganz egal, wie groß und erfolgreich wir Menschen zu Lebzeiten sein oder werden mögen, am Ende sind wir doch alle nicht mehr als ein Wimpernschlag in der Geschichte der Welt. Schall und Rauch und Asche, wenn dereinst die Sonne zum Roten Riesen wird und uns alle verschlingt.

Wie auch immer, am Ende ist es immer noch ein bisschen doof, tot zu sein und »Life is fucking crazy« im Nacken stehen zu haben – auch wenn es dann keiner mehr sieht – abgesehen von den Würmern, die aber nicht lesen können (Bücherwurmwitz bitte hier selbst einfügen). Dann vielleicht doch lieber ein chinesisches Schriftzeichen in den Nacken stechen lassen, das irgendeine alte ebenso chinesische Weisheit darstellen soll, am Ende aber doch nur »35 mit Reis« bedeutet. Zumindest hierzulande kann das nämlich auch zu Lebzeiten schon kaum einer lesen und Zaungäste der Gesellschaft wie ich müssen sich dann keine Gedanken über den tieferen Sinn machen, Punkt.

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Tote Gäule traben nichtDer Einzelhandel ist ein toter Gaul. Und während zumindest meine Generation längst abgestiegen ist, versucht die Branche noch immer, den aufgedunsenen Kadaver zum Trab zu bewegen, indem sie neue Sättel draufschnallt und liebevoll das Fell striegelt. Und ich gebe zu, hin und wieder lasse ich mich von einem besonders schönen Sattel und hübsch gebürstetem Fell auch in den Glauben versetzen, das könnte noch was werden mit dem Gaul ... und dann betrete ich doch einen Laden. Oder eben einfach dann, wenn ich dringend neue Schuhe brauche.

So letztens geschehen. Das Wetter war gut, ich hatte frei, und so machte ich mich auf nach Steglitz, wo es geschätzt fünf komma drei Schuhläden je Einwohner gibt. Und bevor ich jetzt in genervten Ton verfalle, sei diesem Prolog hinzugefügt: Ich! War! In! Jedem! Einzelnen!

Grundsätzlich scheint es erst mal zwei Arten von Schuhgeschäften zu geben. Die, in denen man jeweils nur einen Schuh im Regal findet und dann die, in denen beide Schuhe im Karton liegen.

Okay, zur ersteren Sorte: Ich hatte mich als Kind ja immer gefragt, warum Geschäfte, in denen man eigentlich VIELE Dinge kaufen kann, als »EINZELhandel« bezeichnet werden. Offenbar lautet zumindest für manche Schuhgeschäfte die simple Antwort: weil man eben nur einen einzelnen Schuh bekommt! Und da kriege ich ja einen Hals, dick wie’n Butterfass! Soll ich etwa, wenn ich – oh Wunder – einen verdammten Schuh gefunden habe, der mir gefällt, mit dem Ding durch den Laden bolzen und einen Verkäufer suchen wie ein Verdurstender in der Wüste auf der Suche nach der nächsten Oase? Und das, wo doch Menschen wie ich andere Menschen nicht leiden können – besonders dann, wenn sie Verkäufer sind, mich beobachten und dauernd fragen, ob sie helfen können. NEIN, IHR KÖNNT MIR NICHT HELFEN!!! MIR IST NICHT MEHR ZU HELFEN!!! Baumarktregel Nummer 1: Ich frage nicht nach, wo das Badezimmersilikon liegt, ich finde es selbst. Und wenn es sich nicht finden lässt, dann gehe ich eben wieder, weil es ganz offenbar nicht da ist, Punkt! Das gilt so auch in Schuhläden, verdammt noch mal! Die Urmenschen gingen doch auch nicht zum Serviceschalter, um zu fragen, wo das nächste Mammut zu finden war oder eine Aufbauanleitung fürs Lagerfeuer zu bekommen. Deshalb, liebe Einzelschuhhändler: So wird das nichts mit uns. Sagt doch schon eine alte chinesische Weisheit: Biete dem Menschen nur einen Schuh und du bietest ihm keinen Schuh.

Kategorie zwei der Schuhgeschäfte, die wenigstens nicht glaubt, jeder Kunde sei von Haus aus Kleptomane und würde mit den frisch anprobierten Tretern sogleich aus dem Laden marschieren, ist alles in allem aber auch nicht angenehmer. Zwar wäre ich während meiner Schuhsafari hier zumindest theoretisch in der Lage gewesen, auch mal BEIDE Füße in die besohlten Lederwaren zu schieben, aber immer dann, wenn die Theorie mit einem niedergeschriebenen Masterplan glänzt, kommt die Praxis fröhlich pfeifend um die Ecke und setzt einen großen Haufen drauf.

Denn das Drama fängt schon bei der Auswahl an. Ja ich weiß, die Ladenfläche ist begrenzt und man kann eben nicht so viel Zeug im Angebot haben wie Amazon oder diese Berliner Gebrauchthandyläden, die sich über Nacht in pleitegegangenen Geschäften manifestieren, aber wenn ich eben Sneakers kaufen will, und wenigstens gefühlt tragen doch die meisten Leute unter achtzig Jahren Sneakers, dann erwarte ich einfach nicht, dass das Sneakers-Regal so groß ist wie die Miniküche in Barbies scheiß Traumhaus! Es gibt deswegen auch nur so ungefähr fünf unterschiedliche Modelle, von denen gerade mal eines farblich nicht nach halb verdautem Brokkoli aussieht. Der Rest des Ladens ist dafür vollgestopft mit zehn Fantastilliarden Varianten an Lackraketen! Das sind jene Schuhe, die sich der Businesskasper von Welt über die gebügelten Socken stülpt, wenn er Kompetenz vortäuschen muss. Schuhe wie diese gibt es in genau zwei Farben: Braun und schwarz. Warum zur Hölle muss ein Laden davon also mehr Modelle haben, als es Atome im Universum gibt?

Das nächste Drama ist dann – man ahnt es – die Schuhgröße. Als Mann finde ich es ja schon schlimm genug, dass man von den guten alten Größenangaben in Zahlen wie 40, 41 und so weiter abgerückt ist, um mir jetzt eine Achteinhalb zu präsentieren. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, verflixt und zugenäht, also hört auf, unsere liebgewonnenen Größen durch fünf zu teilen oder was weiß ich, was ihr da tut! Hundert Gramm Käse sind schließlich auch seit jeher hundert Gramm Käse und nicht plötzlich dreiundzwanzig komma sieben acht Metakubri. Man muss nicht aus allem eine Wissenschaft machen.

Aber das eigentliche Problem mit den Größen ist dann viel eher, dass keine der vorrätigen Schuhe passen. Okay ich weiß, ich habe kleine Füße, ich bin größentechnisch insgesamt eh nicht gerade das, was man Durchschnitt nennt, aber zumindest in meinen Augen sind alle Schuhe der Herrenabteilung, die man heute in einem Geschäft kaufen kann, lediglich in den Größen »Kindersarg« und aufwärts erhältlich. Was ist hier eigentlich passiert? Hat Tschernobyl nicht nur unsere Pilze versaut, sondern den Leuten Goofys Fußlänge beschert? Das kann doch nicht gesund sein. Wenn das so weitergeht, braucht sich zum Skifahren bald niemand mehr Bretter unter die Füße zu schnallen.

Um es kurz zu machen, es lief in jedem einzelnen Laden so ab: Ich suchte und fand so ziemlich genau ein Schuhmodell, das mir gefiel, probierte es an und es passte nicht. Kein! Einziges! Mal! Natürlich machte mich das immer wütender. Jedes Mal, wenn ich dann ein Schuhgeschäft verließ, stellte ich mir vor, ich sei einer dieser Superbösewichte aus den Comics und im nächsten Moment würde der Laden effektvoll explodieren, während ich ganz lässig, ohne mich umzudrehen und natürlich in Zeitlupe, weggehen würde – den rechten Mundwinkel zu einem fiesen aber zufriedenen Lächeln verzogen.

Ende der traurigen Ballade: Ich ging nach Hause, klappte das Notebook auf, rief den Schuhhändler meines Vertrauens auf, der mit »Z« anfängt und auf »alando« endet, stellte ein paar Filter ein – klick, klick, klick – schon waren drei (übrigens passende) Schuhpaare unterwegs zu mir. Zeitaufwand: ungefähr drei Minuten. Nervenersparnis: unendlich! Und so leid es mir tut: Zumindest für mich bleiben die toten Gäule jetzt tot.

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Manchmal wünsche ich mir, irgendwann in ferner Zukunft Enkelkinder zu haben. Das ist natürlich völlig absurd, weil ich selbst keine Kinder haben möchte. Dennoch mag ich den Gedanken, als mit Weisheit gesegneter Opi in meinem unfassbar bequemen Ohrensessel zu sitzen, eine karierte Decke mit Goldrand über dem Schoß und ein Rudel Halbwüchsiger im Halbkreis vor mir sitzend, das staunend zu dem kahlen aber mit einem imposanten weißen Bart gesegneten Großvater aufschaut und sich elegant ausgeschmückte Geschichten von früher anhört, während die Großmutter etwas abseits sitzt und mit halbem Ohr zuhört, was der Greis jetzt schon wieder für Blödsinn verzapft.

Das wären dann Geschichten, wie sie selbst heute schon fast wie aus grauer Vorzeit klingen. Zum Beispiel, dass wir, als ich selbst noch ein Dreikäsehoch war, keine Heizung hatten, sondern nur einen wuchtigen Kohleofen, in dem ganz bestimmt kinderfressende Kobolde lebten, die nachts hervorkamen und uns schlafenden Kindern die Seele absaugten. Morgens nach dem Aufstehen war es so kalt in der Wohnung, dass wir unsere blaugefrorenen Füße in ausgehöhlte Eisblöcke steckten, um sie zu wärmen. Okay, das ist etwas weit hergeholt, klingt für unwissende Kinder, die sich den gut gepolsterten Hintern an der Fußbodenheizung wärmen, aber sicherlich ganz faszinierend.

Und dann wäre da die Geschichte, dass es ja damals kein Telefon gab, zumindest nicht bei uns auf dem Land, wo unachtsame Spaziergänger noch von riesigen Wölfen gefressen wurden. Für Kinder, deren Hände – der Evolution sei dank – vermutlich bereits allein für das Halten eines Smartphones geformt sein werden, sicherlich ein unvorstellbar barbarischer Zustand. Aber es war ja so. Wir mussten eben einfach losziehen und solange bei Freunden klingeln, bis eine ausreichend große Gruppe zusammengetrommelt war, mit der sich was Anständiges anfangen ließ: mit Spraydosen kleine Wälder abfackeln zum Beispiel. Dicke Kinder gab es deswegen nicht, schließlich wohnten alle ausreichend gut im Ort verteilt, und hin und wieder ging auch mal ein Kind auf dem Weg zu Freunden für immer verloren – zumindest erzählte man sich das, und der komische Typ, der ständig sein Auto wusch, war auf jeden Fall ein Kindermörder, der leckere Süßigkeiten anbot, wenn man zu nah heranging und zu dem man auf gar keinen Fall ins frisch gewaschene Auto steigen durfte –, aber so war das eben. Wer sozial sein wollte, musste noch ganz andere Opfer bringen als einer im Sekundentakt nervig piepsenden WhatsApp-Gruppe beizutreten oder beim gemeinsamen Pokémon-GO-Spielen in den Dorfteich zu fallen.

Außerdem würde ich in epischer Länge über das Nichtvorhandensein adäquaten Spielzeugs fabulieren. Hm, ob Kinder in 40 Jahren noch wissen werden, was nicht digitales Spielzeug ist? Sogar bei digitalem Kram wird es doch heute schon schwierig: Welches Kind weiß bei all den hochauflösenden Bildschirmen denn heutzutage noch, was ein echtes Pixel ist? Als ich jünger war, waren Pixel groß wie Grizzlybären und mindestens genauso gefährlich. Aber zurück zum Spielzeug, das wir, wie schon angedeutet, ja quasi gar nicht besaßen, weshalb wir mit Mottenkugeln und Rattenködern »Glückliche Familie« spielten. Na gut, gelogen, aber das werden die Kinder ja nicht merken. Was nicht gelogen ist: Meine Kindheit war dermaßen unschuldig, dass ich statt ausufernder Weltraumschlachten einfach nur das Märchen »Der Wolf und die sieben Geißlein« nachspielen wollte. Die Geißlein hatte ich, den Wolf sowieso, aber die Mutter fehlte mir, weshalb ich sie im Kindergarten klauen musste. Wir hatten ja nichts, hab ich das schon erwähnt? Nun gut, jedenfalls wurde ich erwischt, trotzdem nicht bestraft und hatte hinterher endlich die olle Ziegenmutter für mein Spiel. Wenn das nicht pädagogisch wertvoll war, was dann? Klauen lohnte sich offenbar voll, aber das würde ein weiser Großvater in seinem Haus voller wertvollem Kram natürlich nicht den Kindern erzählen, die ihm gebannt lauschen.

Apropos klauen: Derweil ich so darüber nachdenke, fällt mir auf, dass das ganze Prinzip meiner Gedankenspielerei von »Käpt’n Blaubär« gestohlen ist. Ach, es ist doch eine Crux: Kaum erfindet man was, hat’s schon irgendwer vorher erfunden. Aber wie gesagt, mit den brav zuhörenden Enkelkindern wird es eh nichts, also werde ich mir wohl doch lieber einen wunderschönen Krückstock kaufen, mit dem ich drohend in der Luft herumfuchteln werde, während ich unverständliches Zeug schimpfe, weil mir nicht gefällt, was die Nachbarskinder schon wieder treiben. So lässt sich der Lebensabend sicher auch gut aushalten.

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Um dich her, da sitzen Leute,
jeder tut, was er so tut.
Am Monatsende, »fette« Beute
für die Arbeit. Für dein Blut.

Bis hierher! Du möchtest schreien:
Fickt euch doch und euren Mist!
Du willst dich aus dem Schlund befreien,
der dich täglich mehr zerfrisst.

Schaust du dir mal in die Augen?
Siehst im Spiegel dich aus Glas.
Erkennst du, wie die Jahre saugen?
Stück für Stück beißt du ins Gras.

Wär's nicht leicht, jetzt fortzugehen?
Führt der Weg doch durch die Tür.
Bevor du losgehst, bleibst du stehen.
»Erst mal sehen.« – Nur wofür?

Deine Zeit hört auf zu geben,
da sie auch mal nehmen muss.
Doch c'est la vie, du gibst dem Leben
einen schweren Sehnsuchtskuss.

Tust, was immer du schon tatest,
Weil's auch jeder and're tut.
Du würdest gerne, doch du wartest:
»Wird mal besser, wird mal gut.«

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Bärte machen keine MännerIch schrieb einst einen Text über Bärte. Über Männer mit Bärten, um genau zu sein. So ganz trennscharf ist das spätestens seit Künstlerinnen mit selbstgewähltem Nachnamen eines Fleischerzeugnisses ja auch nicht mehr. Ich war und bin der Ansicht, dass es das Recht eines jeden Mannes sein sollte, sein Antlitz mit Haar zu schmücken, vor allem dann, wenn er das Pech hat, auszusehen, als sei er in Kindertagen mit dem Gesicht in einen hochschnellenden Spaten gerannt. Nicht umsonst tragen männliche Superhelden so gut wie nie Bärte: Sie haben ein Kinn. Ein richtiges Männerkinn. Ein Kinn, so ausgeprägt, dass sie damit problemlos gefrorenen Boden umpflügen könnten. Nicht-Superhelden wie ich sind da anders gebaut: Mein Kinn sieht eher aus, als hätte der Unterkiefer mal Prügel vom Oberkiefer bezogen und sich seither tief in den Schatten zurückgezogen. Das kann man schon so zur Schau tragen. Kann man machen, ja, aber dann sieht’s halt scheiße aus. Drum einfach was drüberwachsen lassen, und fertig ist die Laube.

Zusammengefasst war ich bisher also für Männer mit Bärten. Ja ganz ehrlich, ich war total dafür, einen Trend draus zu machen. Dooferweise wurde dann ... ein Trend draus. Tja, und jetzt laufen sie überall herum, diese Männer mit Bärten. Aber nicht nur mit Schnauzbärten, Kinnbärten oder extravaganten Backenbärten. Nein, Vollbärte müssen es sein. Die ganze Stadt ist voll von diesen Typen. Ich weiß nie, stehe ich einem Hipster gegenüber, einem Salafisten auf Urlaub oder doch nur einem entlaufenen Alpaka. Manchmal komme ich mir vor wie auf dem Waldmond Endor, umgeben von zu groß geratenen Ewoks mit tätowierten Unterarmen. Argh, überall diese Bärte, und ich gebe zu, ja, sie regen mich auf! Ein Haar in der Suppe stört mich nicht, aber wenn man schon dran ersticken kann, schwillt mir doch der Kamm.

Als ich klein war, gab es das nicht. Da trugen eher so Leute wie einer der Wildecker Herzbuben einen Vollbart. Und das war okay. Der hätte ohne Bart wahrscheinlich einfach nur noch dicker ausgesehen. Oder man hätte ihn mit seinem Herzbubenbruder verwechselt, was jetzt auch keine Katastrophe gewesen wäre. Ansonsten trugen in meiner Kindheit genau drei Männer Vollbart. Aufsteigend geordnet nach ihrer Wichtigkeit waren das: Gott, der Weihnachtsmann und Bud Spencer. Das war eine sichere Bank, das musste so sein. Einen Weihnachtsmann ohne Vollbart hätte ja kein Mensch ins Haus gelassen. »Ein dicker, glatt rasierter Kerl mit rotweißen Klamotten und 'nem großen Sack über der Schulter? Ein Perverser! Ruft die Bullen!« Nein, so ein Vollbart vermittelte einfach auch Sicherheit und Seriosität. Bud Spencer mit seinem Bart aus Bürstendraht beispielsweise: Da konnte man immer sicher sein, dass er den Bösen ziemlich seriös eins aufs Maul gibt.

Ja, damals war die Welt eben noch in Ordnung. Niemand sonst ließ sich so das Gesicht zuwuchern. Väter, die trugen damals beispielsweise lieber Schnauzbärte. Ob von dominanten Ehefrauen verordnet oder einfach im Schatten des wandelnden Brusthaarpanzers Tom Selleck, das weiß ich nicht, aber es war halt so. Mein Vater trug einen dicken, dichten, schwarzen Schnauzbart, in dem man locker ein paar mittelgroße Zootiere hätte verstecken können. Der sah damit immer ein bisschen aus wie Josef Stalin, nur in weniger böse. Doch einen Vollbart hätte der sich nie stehen lassen, obwohl er es gekonnt hätte.

Nun, ich könnte das zwar auch so irgendwie, auch wenn das Ergebnis vermutlich löchrig wäre und eher einem viel zu lange gereiften Schweizer Käse gleichen würde. Aber das Hauptproblem wäre wohl eher, dass ich eben nicht sonderlich groß bin. Was das mit Vollbärten zu tun hat? Nun, mit Vollbart sähe ich aus wie ein verirrter Gartenzwerg auf der Suche nach seiner Mütze. Das ist jetzt nicht unbedingt, was man mit so einem Bart suggerieren will: Männlichkeit natürlich!

Und vielleicht hasse ich sie ja deswegen so, die vielen schlacksigen Typen, die in ihren Birkenstocksandalen durch Berlin schlurfen, das wallende Haar zu einem Hipster-Dutt zusammengeknödelt, die teure Markensonnenbrille auch an schattigen Tagen in der U-Bahn auf der gepeelten Nase, und unterhalb selbiger natürlich der kilometerlange schamponierte und gute geölte Naturhaarteppich: Ich kann da nicht mitmachen, weil meine Freundin mich erstens so wohl mit einem Schlafsack und 'nem Laib Brot in den Keller sperren würde und weil ich zweitens eben, wie gesagt, einfach unfassbar albern aussähe.

Aber ganz ehrlich, viel weniger albern wirken diese Fellfetischisten in derart rauen Mengen auch nicht mehr: zwei Augen, die aus einem Gewühl von Haaren ragen und sich hinter 'ner Sonnenbrille verstecken? Gab es seinerzeit, als das Fernsehen noch schwarzweiß war, bei der Addams Family schon: Vetter It hieß der haarige Zeitgenosse, der stets klang wie ein schimpfendes Eichhörnchen mit Heliumsucht. Sogar den bei Hipstern beliebten Hut trug It bereits. Herzlichen Glückwunsch also, liebe Hipster: Ihr seid nun modisch definitiv in der Addams Family angekommen.

Nein, also wenn ich genauer drüber nachdenke, wird mir die Sache doch zu haarig. Genervt bin ich von der Allgegenwärtigkeit zugewucherter Männergesichter trotzdem. Und spätestens, wenn mir einer dieser BRÖSELBESENANBETER DAS HACKFRESSENSCHAMHAAR NÄCHSTENS IN DER ÜBERFÜLLTEN U-BAHN INS GESICHT DRÜCKT, SKALPIERE ICH IHM SELBIGES OHNE BETÄUBUNG!!! Aber ich rege mich nicht auf. Drum, für den sozialen Frieden in meinem näheren Umfeld und allgemeines Ungenervtsein, und weil das nach dem letzten Barttext auch so prima geklappt hat, versuche ich es einfach noch mal ganz nett und ohne Haarspalterei: Liebe Leute ... können wir uns nicht einfach auf ’nen Dreitagebart einigen? Das wär sehr lieb, danke schön!

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Es wohnt ein Monster an der Spree,
macht (re)publik
wohl Politik.
Spielt Spiele, die ich nicht versteh,
von Geld und Krieg
und Markt und Sieg.

Weil Monsters Säen Wellen macht,
verbricht sein Wind
ein totes Kind
und tote Mütter - schwarze Nacht!
Weil Leichen blind
und freudlos sind

zieh'n Lebende vor uns're Tür,
aus Monsters Brand
verheertem Land.
Mit krummem Rücken steh'n sie hier
zur kahlen Wand
mit leerer Hand.

Der Kleingeist flucht, das Monster schreit:
»Die Welle rollt
nicht wie gesollt!
Wir sind für euch hier nicht bereit!
Noch nicht mal zollt
ihr Schwarzrotgold!«

Wer Wind erst sät, der erntet Sturm.
Der Kluge weiß
um diesen Preis
für Kriegsspiel aus dem Herrscherturm.
Ein ewig' Kreis,
des Monsters Scheiß!

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Muss man wissenMeine allererste Vorlesung während meines Studiums war allgemeine Betriebswirtschaftslehre, kurz ABWL. Der Dozent, ein schneidiger, wahnsinnig beschwingter, hundert-Euro-Kurzhaarfrisur-tragender Mann von höchstens vierzig Jahren, spazierte in seinem königsblauen Honecker-Gedächtnis-Anzug zur Tür herein und grüßte freundlich in die Runde. In den Händen trug er einen großen Karton. »Da ist doch hoffentlich Ihr Frühstück drin«, witzelte ich. Er guckte mich kurz erstaunt an, grinste dann und sagte: »Oh ja, geistiges Frühstück!« Darauf lachte er, wie damals nur Leute lachten, die ein FDP-Parteibuch besaßen. Das Skript zur Vorlesung, das in n-facher Ausführung in diesem Karton lag, war fürchterlich dick, und ich ahnte, bis zur Prüfung am Semesterende würde ich all diesen Kram irgendwie in mich hineinfressen müssen. Tipp: Keine Angst vorm Lernen! Das In-sich-hineinfressen von Wissen führt keinesfalls zu akuten Kotzanfällen, selbst dann nicht, wenn die halbe Nacht durchgepaukt wird. Sollte der lernende Proband wider Erwarten doch anschließend mittels Brüllen in die Kloschüssel die Nachtruhe stören, war einfach nur die zehnte Tasse Kaffee eine zu viel.

Der Mensch hat ja keine Ahnung, wie viel Kram er tatsächlich lernen kann, bis er es einmal tun muss. Man stellt sich das menschliche Lernvermögen ja immer – Al Bundy-Fans werden sich erinnern – ganz gern wie das Abstellen von Gegenständen auf einem Regal vor: Hier ein Büchlein mit BWL-Stoff, da das Schächtelchen mit dem Grundlagenwissen zur VWL, dann ganz vorsichtig noch die Finanzsbuchhalt... verdammt, jetzt ist doch glatt die Ming-Vase mit den kostbaren Actionfilmzitaten vom Regalbrett runtergefallen, direkt auf das eingestaubte Fabergé-Ei mit den von Omi überlieferten Plätzchenrezepten. Beides futsch, alles vergessen. Mist! Aber so ist es eben nicht. Der Mensch ist in der Lage, unendlich viel nützliches wie unnützes Zeug zu lernen. Das meiste davon braucht man nie wieder wirklich, höchstens, um sich auf Partys unbeliebt zu machen. Einfach mal in illustrer Runde ein Bier öffnen und direkt nach dem ersten Schluck das Gossensche Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen herbeten, schon wird man für den Rest des Abends gehasst wie Fußpilz im Wohnheimklo. Mein Tipp an dieser Stelle: nicht ausprobieren! Zack, und schon wieder hat jeder was gelernt, ohne was anderes vergessen zu müssen. Wer das nicht glaubt, möge sein Sammelsurium an Filmzitaten ruhig durchgehen. Alles noch da, richtig? Na also. Yippie-Ya-Yeah, Schweine...priester.

All das Wissen, das man in seinem Leben hortet, kann eine ziemliche Last sein. Nicht nur, weil man damit längst zu »Wer wird Millionär?« gehen könnte, es aber nicht tut, aus Angst, direkt bei der Fünfzig-Euro-Frage abzustinken – was, wie inzwischen bewiesen wurde, durchaus möglich ist. Nein, auch deswegen, weil man all den gesammelten Kram nicht mitnehmen kann, wenn irgendwann einmal der dürre, schwarzgekleidete Mann vor der Tür steht, der nicht über Gott sprechen möchte, dafür aber eine Sense mitbringt. Noch schlimmer: Im Alter verkalken, sodass zwar all das Wissen noch im Hirn steckt, der Zugang dorthin aber unwiderbringlich verlorengegangen ist. Wie Kleingeld, von dem man ganz genau weiß, dass es irgendwo in diesem verdammten Sparschwein noch drinstecken muss, das aber festklemmt, sodass man es mit einem spitzen Haken herausnesteln muss. Tipp an dieser Stelle: Dies war nur ein Vergleich. Das mit dem Haken sollte keinesfalls aufs menschliche Gehirn und das dort vergrabene Wissen übertragen werden. Derart gequirlten Blödsinn haben zuletzt die alten Ägypter mit ihren Pharaonen veranstaltet, mit der direkten Folge, dass diese zweitausend Jahre später nicht, wie verdient, in Frieden ruhen dürfen, sondern seit jeher in irgendwelchen Museen herumstehen und einstauben. Hier werden sie zu allem Überfluss von Bazillionen an gelangweilten Schulkindern begafft, die, statt sich in Klopapier eingewickelte Leichen anzugucken, vermutlich viel lieber Pokémon zocken würden. »Shiggy greift Tutanchamun mit Aquaknarre an. Es ist sehr effektiv.« Will man denn so enden? Ich glaube ja nicht.

Das Wissen an sich hat also schon mal nur eine begrenzte Lebensdauer, deren Ende spätestens dann erreicht ist, wenn nach dem Ableben aus dem einstmals prachtvollen Hirn ein schrumpliges Würmergulasch wird (sofern es eben nicht von Altägyptern per Pürierstab zu Maggi-Fix-Rahmsauce verarbeitet wurde). Davon abgesehen spricht man leider auch noch von der Halbwertzeit des Wissens. Die hat nichts mit der Güte des eigenen Denkapparats zu tun, sondern ist daran gebunden, wann ein Wissen seinen Nutzen verliert. Ein einfaches und allseits bekanntes Beispiel ist das Wissen um den Eisengehalt des Spinats. Dass Spinat sehr viel Eisen enthielt, war so lange gut zu wissen, bis es schlicht und ergreifend nicht mehr stimmte. Millionen unter Eisenmangel leidende Kinder, denen der von Mutti aufgezwungene Spinat noch aus den Mundwinkeln hing, konnten aufatmen. Okay, blödes Beispiel. Hier ein akkurateres: Angenommen, ich hätte irgendwann einmal gelernt, wie ein Röhrenmonitor funktioniert – und ja, das habe ich –, dann wäre die Halbwertzeit dieses Wissens inzwischen überschritten. Die Dinger findet man heute höchstens noch in Museen oder in den Büros von Einwohnermeldeämtern. Es war schön zu wissen, wie die dicken Kisten funktionierten, bis eben der Tag gekommen war, an dem keine Sau mehr so ein Ding besaß. Zusätzlicher Tipp an dieser Stelle: Partygäste, denen der Gossensche Grenznutzen schon nicht gefällt, sind auch wirklich nur äußerst selten daran interessiert zu erfahren, wie ein Röhrenmonitor funktioniert. Das Feststellen derartiger Zusammenhänge bezeichnet man als Datamining, aber auch hier gilt: Trägt der potenzielle Party-Kommunikationspartner nicht gerade ein Warhammer-40,000-Shirt und balanciert eine Brille aus zusammengezurrten Flaschenböden auf der Nase, wird er sich kaum für die Vorzüge von Datamining interessieren. Und DAS nennt man übrigens Vorurteil.

Leute, die sich einen gut gepflegten Garten aus Vorurteilen halten, meinen meist auch, das Wissen insgesamt gepachtet zu haben. Klar, auf irgendwas muss das Unkraut aus Klischees und Ignoranz ja auch wachsen, das sie für ein hübsches Blumenbeet halten. Mitunter sind solche Menschen leicht zu erkennen: Tragen sie beispielsweise absichtlich kein Haupthaar und haben eine chronische Starre im rechten Arm, dann erübrigt sich ein intellektueller Diskurs mit ihnen zumeist. Mein Tipp: Führen diese Leute Argumentationshilfen in Form nordamerikanischer Sportschlaggeräte bei sich, dann gilt: Maul halten und rennen, was das Zeug hält! Schon schwerer zu erkennen ist eine andere Kategorie von Menschen: nämlich jene, die erst mal völlig gewöhnlich aussehen, mit einem ziemlich normalen Gesprächsthema einsteigen, nur um dann ganz fix darauf umzuschwenken, dass sie ziemlich genau wissen, wie der Hase läuft und wie wir von »denen da oben« ferngesteuert werden. Plötzlich werden wir reihenweise von der Lebensmittelindustrie vergiftet, von der Pharmaindustrie sowieso, und bei allem Blabla denkt man unweigerlich: Freund Blase, wenn du ganz genau weißt, dass uns jeder vergiftet, weshalb klappt es dann bei dir nicht? Solche Menschen meinen gerne, alles zu wissen, sind aber in erster Linie vor allem eines: saublöd! Drum hier mein abschließender Tipp: Jedes Gespräch vermeiden und lieber noch einen Schluck nehmen, solange das Bier kalt ist. Schlauer wird man davon zwar auch nicht, mehr Spaß bringt es aber allemal. Muss man wissen.

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»Lauf, Alcudia! Lauf!« Vorhin, als ich gerade ins Büro schlurfte – vor dem ersten Kaffee ist schlurfen die einzig akzeptable Möglichkeit, einen Fuß vor den anderen zu setzen –, kam ich an einem Kinderlaufevent vorbei, oder wie man so was auch immer nennen mag. Früher hätten wir das Sportfest genannt, heute klingt das aber ganz schön nach Erich Honecker. Jedenfalls rannten da ein paar Kinder in bunten Klamotten um einen winzig kleinen Platz, angefeuert von Eltern und Erziehern. Und eine Frau rief eben besagtes: »Lauf, Alcudia! Lauf!« Wer dachte, das klingt mit Forrest schon doof, der hat's mit Alcudia noch nicht gehört. Alcudia ... also eigentlich Alcúdia, nun, ich war da ja mal. Schönes Örtchen auf Mallorca, wenn man keine Lust drauf hat, Urlaubern dabei zuzusehen, wie sie sich zum Einzeller zurückentwickeln und der Meinung sind, nur überleben zu können, wenn sie Pennerbombengesöff aus einem Eimer trinken. Bisschen viele krebsrote Engländer in der Hauptsaison, die sich ja auch ganz gerne mal danebenbenehmen (wobei sich dieses Benehmen direkt proportional zur Anzahl ihrer Zahnlücken zu verhalten scheint), ansonsten aber wirklich ein schönes Örtchen. Aber würde ich mein Kind deswegen so nennen?

Ein Kollege meinte, vielleicht wurde das Kind ja in Alcúdia gezeugt. Guter Punkt. Wenn der Urlaub besonders schön war und man eine Dekade lang drauf gespart hat, deswegen extra auf Kippen, Markeneierlikör und ergonomisches Schuhwerk verzichtet hat, will man sich vielleicht auch für immer daran erinnern, wie schön es da war. Schließlich ist so ein Urlaub ratzfatz wieder vorbei. Ich fand's ja auch schön, nur das mit den Algen beim Baden war ein bisschen doof. Und die viel zu stark brutzelnde Sonne, die meiner Freundin und mir diese fies juckenden Hitzepickelchen bescherte, auch wenn ich ja immer noch der Meinung bin, dass es eine Mischung aus Algen und Sonne war, aber wurscht. Jedenfalls hätte ich ein eventuell gezeugtes Kind - eventuell deswegen, weil ja keines gezeugt wurde - nicht Alcúdia genannt, himmelherrgott. Vielleicht auch, weil das Kind mich dann immer an fies juckende Hitzepickel erinnert hätte, vornehmlich aber, weil Alcúdia einfach ein total bescheuerter Name für ein Kind ist.

Was wäre denn gewesen, wenn das Kind in Kotzen gezeugt worden wäre? Oder in Wassersuppe? In Gifthof oder Knochenmühle? Nicht auszudenken! Auch ich finde es ja gut, dass Eltern ihre Kinder heutzutage nicht mehr Gertrud oder Randolf nennen müssen. Mein Opa heißt Traugott ... Ja. Und gibt's eigentlich noch irgendwo herumlaufende Adolfs? Wenn ein Name aus der Zeit gefallen ist, sollte man ihn auch einfach da liegen lassen. Schließlich hebt man ja auch sonst nicht alles auf, was so auf dem Boden herumliegt. Vor allem, wenn es braun ist und matschig und anfängt zu stinken, sobald man reingetreten ist. Für manch altmodische Namen gilt das alles sicherlich auch. Andere leicht veraltete Namen dagegen werden vermutlich gerade von Sojamilch-Chai latte schlürfenden Hipsterpärchen wiederentdeckt. Ludwig und Kassandra gehen dem stolzen Hipsterpapa wahrscheinlich deutlich eleganter vom wallenden Vollbart als Stangenware wie Lara oder Max.

Apropos Hipsternamen: Ich recherchiere nebenher selbstverständlich ein bisschen, und unter den Top-Hipster-Babynamen ist zumindest bei den Mädchen doch tatsächlich auch Nike. Nike ... Spricht man das jetzt Nike, also so wie Pike, oder tatsächlich doch eher wie den Sportartikelhersteller mit dem Häkchen als Logo? In dem Fall: Gut, dass Hipster Adidas offenbar weniger gern mögen. Oder Puma ... meine Güte! Puma! Unter den Top-Jungsnamen befindet sich übrigens Darwin. Das find ich ja schon wieder sehr souverän: einerseits ein Bekenntnis zur Evolutionstheorie, andererseits aber auch gleich ein Fingerzeig, wo's für den Nachwuchs modisch künftig mal hingehen wird: Denn wenn Darwin heutzutage für was anderes als für seine Evolutionstheorie bekannt ist, dann doch wohl für seinen episch langen, weißen und vermutlich gut schamponierten (Hipster-)Vollbart. Obwohl Darwin ja streng genommen ein Nachname ist, hieß doch der gelehrte Weihnachtsmanndoppelgänger mit Vornamen eigentlich Charles. Weiß der Hipster an sich aber bestimmt nicht. Nicht schlimm, erinnert Charles die meisten doch wahrscheinlich am ehesten an den elefantenohrigen britischen Thronfolger, dem man immer noch einen Hang zum Tampon-Fetisch nachsagt.

Aber letzten Endes kann es mir ohnehin egal sein. Vermutlich kompensiere ich mit meiner persönlichen Abneigung gegen die ausufernde Kreativität werdender Eltern (Alcúdia, also bitte!)  nur den mangelnden Einfallsreichtum meiner eigenen Eltern. Zwar konnten die 1984 noch nicht im Internet herumsurfen, um sich ein paar Ideen zu holen, und überhaupt war man in der DDR ja auch nicht so richtig aufgeschlossen, wenn da einer mit Namen um die Ecke kam, die irgendwie nach Imperialismus rochen, aber ein bisschen mehr als Thomas wäre doch bestimmt drin gewesen. Vor allem dann, wenn man mit einem der am häufigsten vorkommenden deutschen Nachnamen gesegnet ist. Ist ja nicht so, als hätten sie nicht vorher neun Monate Zeit zum Überlegen gehabt, aber ach ... Meine Schwester bekam dann drei Jahre später übrigens tatsächlich einen einfallsreicheren Namen. Meine Mutter meinte mal, sie hätte diesen Namen aus einem Film. Der hätte ihr halt gefallen. Kann ich eigentlich froh sein, dass meine Mutter den Film Sissi immer schon beschissen fand. Mit Franz als Vorname hätte ich wahrscheinlich schon längst die Beine in die Hand genommen und wäre ins Exil geflüchtet. Vielleicht hätte man mir dann nachgerufen: »Lauf, Franz! Lauf!« Und DAS hätte erst mal bescheuert geklungen!

Ich saß im Büro, war im Alltag ersoffen,
da hatte ich dich in 'nem Tagtraum getroffen:
Wir zwei an der Ampel, sie gab grünes Licht,
und ich ging auf dich zu, doch du regtest dich nicht.

Zog Kreise um dich wie die Sonne ums Heute,
ich winkte und rief dich, es starrten die Leute
auf uns und sie wünschten, es würde gescheh'n,
denn sie sagten: Mensch Mädchen, du musst ihn doch seh'n!

Doch hatte mein Traum dir die Augen genommen.
Du bliebst wie erstarrt, ich lud tränenverschwommen
die Schuld auf den Traum, denn du sahst mich ja nicht,
mit zwei tiefschwarzen Löchern in deinem Gesicht.

So wachte ich auf, mir war heiß und es brannte
die Frage im Kopf, deren Antwort ich kannte:
Weshalb du nichts sagtest – sie sei mir erlaubt.
Denn wenngleich du auch blind warst, du warst nicht ertaubt.