Berlin und ich

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Für fast alles gibt es ein erstes Mal. Nicht alles davon tritt ein, einiges hätte man gern erlebt, auf anderes hätte man gut und gern verzichten können. In letztere Kategorie fällt das Erlebnis, festzustellen, dass einem die Geldbörse geklaut wurde.

Nun hatte es mich also auch getroffen, am dreizehnten eines Monats, nicht mal an einem Freitag. Dafür ausgerechnet am Tag vor den Osterfeiertagen. Tage, an denen man nichts regeln kann, an denen man sich gern erholen würde.

Aber natürlich hatte es sich mit der Erholung erledigt. Auch als ich aus der Panikphase heraus war – wirklich angenehm wurden meine freien Tage nicht mehr. Überhaupt, die Panik: Zuerst einmal will man so etwas ja nicht wahr haben. Ich trug meine Geldbörse immer in meiner Handtasche Umhängetasche und vielleicht hatte ich diese an jenem Tag einfach nicht richtig geschlossen, ich weiß es nicht. Ich kann nicht mehr rekonstruieren, wo auf meinem Heimweg mein Portmonee abhanden kam. Von selbst herausgefallen konnte es immerhin nicht sein, so viel konnte ich sagen. Als ich den Verlust feststellte, wollte ich eigentlich gerade in einen Baumarkt gehen. Die erste Reaktion war natürlich, alles zu durchwühlen. Die Situation war für mich so surreal, dass ich irgendwann sogar kleinste Zettel in meiner Tasche dreimal umdrehte, so, als hätte sich noch irgendwas darunter verbergen können. Doch es half nichts, meine Geldbörse war weg. Das verlorene Bargeld störte mich dabei weniger, schlimmer waren all die Karten und Ausweise, die ich nun halt nicht mehr besaß.

Hektisch suchte ich noch auf dem Heimweg via Internet eine Telefonnummer, über die ich zumindest meine Geldkarten sperren lassen konnte. Das war gar nicht mal so einfach, wollte die Bandansage doch jedes Mal die Telefonbanking-PIN von mir erfahren. Klar, die hat man ja ständig parat. NICHT! Irgendwie konnte ich diese Hürde jedoch umgehen, sodass zumindest der erste Schritt schnell bewerkstelligt war. Trotzdem guckte ich tagelang ständig auf mein Konto und beäugte sämtliche Geldausgänge.

Tja, und dann saß ich da, ohne die Möglichkeit, irgendwo Geld abheben zu können, ohne im Falle eines Falles zu einem Arzt gehen können, ohne mich irgendwo ausweisen zu können. Und plötzlich stellte ich fest, ohne all die Plastikkarten, auf denen wir unser Leben aufbauen, war ich keine Person mehr. Nur noch ein Mensch, ein Haufen Fleisch, durch den ein rhythmisch pochender Muskel Blut pumpt. Alles, was uns offiziell als Person definiert, ist die Gesamtheit unserer Plastikkarten. Ich fand das ein bisschen schockierend, ehrlich gesagt. Wir schimpfen immer, wie abhängig wir doch von unseren Smartphones geworden seien, dabei sind wir von diesem Bündel an rechteckigen Plastikkarten noch weitaus abhängiger. Sie machen uns aus, sie geben an, wer wir sind und dass wir überhaupt ein Jemand sind. Und so hatte ich eben auch das Gefühl, dass ein Teil von mir gestohlen wurde, zumal auch ein paar alte Bons, vermutlich die eine oder andere Kinokarte und ein paar Fotos in meiner Geldbörse waren. Ich spürte, mir fehlte was. Gestohlene Identität.

Ich versuchte im Laufe der freien Tage, wieder etwas Ordnung in meinen Verstand zu bringen, der die ganze Sache noch immer nicht so recht wahrhaben wollte. Ich erstellte eine Liste und markierte rot bzw. grün, für welche Karten ich bereits eine Sperre beantragt hatte, welche ich neu beauftragt hatte und für welche ich in Bälde Ersatz erhalten würde. Seit einiger Zeit geben mir Listen das Gefühl, Dinge unter Kontrolle zu bekommen. Früher wuppte ich die Dinge einfach nach Chaossystem, indem ich mir alles merkte oder eben auch nicht. Das könnte ich so irgendwie nicht mehr. Inzwischen ist auf meiner Liste alles soweit grün (abgesehen vom Personalausweis und dem von mir nie benötigten Führerschein) und die Normalität ist zurückgekehrt.

Gelernt habe ich aus der Sache, meine Geldbörse nur noch in Jackeninnentaschen zu tragen und nicht benötigte Karten lieber gleich zu Hause zu lassen. Und vielleicht auch ein bisschen, mich selbst noch etwas weniger wichtig zu nehmen. Aber nur vielleicht.

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Im Jahr 2004 machte ich mein Abitur. An den Vorabend meines letzten Schultages erinnere ich mich noch, als wäre es gestern gewesen: Ich saß in meinem Zimmer und trank ein Radler. Im Fernsehen lief »Friss oder stirb« von den Toten Hosen. (Damals spielten Musiksender ja noch Musik.) Wenn ich das Lied heute höre, sehe ich mich wieder dort sitzen, vor dem Fernseher in meinem kleinen Zimmer im Haus meiner Eltern, in der Hand das kalte Getränk, im Kopf die Vorfreude auf den letzten Schultag meines Lebens und noch viel mehr die alles überwältigende Neugier auf das Kommende – ein akustischer Bernstein, ein aufflackerndes Lebensgefühl für immer konserviert. Es war ein perfekter Moment. »Oh, ich liebe dieses Leben«, singt Campino in dem Lied und auch wenn natürlich nicht alles positiv gemeint ist, irgendwie bildeten einige Textfetzen und die Melodie genau meine Gefühlswelt ab. »Und bleibt’s mal irgendwann für immer dunkel, der letzte Abend wird unser bester sein«, heißt es weiter. Was hätte meine Aufbruchstimmung besser beschreiben können?

Jeder Mensch hat natürlich solche Momente und vor allem mit Musik verbindet man eben auch immer wieder besondere Augenblicke und Erlebnisse. Dieser eine ist in der Hinsicht vielleicht nicht mein schönster, wohl aber mein »besonderster«. Vielleicht, weil im Nachhinein alles gar nicht so aufregend wurde, gar nicht so großartig und umwälzend, wie ich es mir damals erhofft hatte. Ich hatte ja keine genaue Vorstellung davon, wohin mein Leben mich führen würde, was ich mal machen würde. Ich hatte zu der Zeit einen Studienplatz sicher, war mir bewusst darüber, dass ich mein Heimatkaff bald verlassen würde. Ich war Single, mir stand die Welt offen und wann immer ich meine Stimmung hinausrief, rief das Echo »Freiheit« zurück.

Na ja, genug Pathos. Sage und schreibe dreizehn Jahre später bin ich ein wenig herumgekommen – nicht allzu sehr und wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, habe ich wohl längst nicht alle Chancen immer so genutzt, wie ich das hätte tun sollen oder können. (Obwohl sich durchaus fragen ließe, ob da überhaupt eine Chance war, wenn sie nicht genutzt wurde.) Ich habe in Stuttgart gewohnt, habe in Bonn gelebt, bin nach Berlin gezogen und wider Erwarten einiger früherer Weggefährten immer noch in dieser Stadt – wenn auch seit ein paar Monaten nicht mehr im quirligen Kern (was in Berlin eigentlich fast jeder beliebige Ort innerhalb des S-Bahn-Rings sein kann – je nach Blickwinkel).

Ich bin jetzt 32 und dass ich mich manchmal unsäglich alt fühle, habe ich ja schon das eine oder andere Mal durchklingen lassen. 32, das ist so eine Zahl, bei der ich automatisch denke, dass da so viel eben auch nicht mehr geht. Die Tatsache, dass wir ein Haus am Stadtrand gekauft haben, ist vielleicht auch nur ein Ausdruck dessen, dass ich mich so angekommen fühle wie sich mein 2004er-Aufbruchego vermutlich nie hätte fühlen wollen. Zu behaupten, ich wäre nicht irgendwie doch wie meine Eltern geworden, wäre jedenfalls eine glatte Lüge. Neulich stand ich auf unserer Terrasse. Über mehrere Stunden hinweg fegte ich Kies in die offenen Fugen der Terrassensteine – ein bisschen ist das wie umgekehrtes Zähneputzen: Man putzt den Dreck halt in die Rillen hinein, statt heraus. Ich stand also dort in meiner Windjacke, den Besen in der Hand und da war es wieder, dieses Lied: »Oh, ich liebe dieses Leben. Das bisschen Sehnsucht bringt mich nicht um.«

Das ist es jetzt also, dachte ich, während Steinchen in die Rillen purzelten, das ist das Resultat meiner Lebensreise. Hier bin ich, angekommen, die Reise ist zu Ende. Ich begann als kaum Erwachsener mit einem Radler im Dachzimmer vor dem Fernseher und endete Kies fegend auf meiner Terrasse. Und bin ich deswegen unglücklich? Aber nein, im Gegenteil. 32 ist ein schönes Alter, um zufrieden zu sein. Mit sich und dem Erreichten, Mit all der Spießigkeit, die ein gewöhnliches Leben mitbringt. Mit all seiner Normalität, für die ich meistens dankbar bin. Und das bisschen Sehnsucht? Bringt mich nicht um.

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Mich treibt's mal wieder auf die Palme: Wenn man umzieht und rechtzeitig(!) bei seinem Internet-Provider kündigt, dann muss man den Anschluss ab Umzug trotzdem noch drei Monate lang bezahlen. Wohlgemerkt gilt das auch, obwohl man ihn vielleicht gar nicht mehr nutzen kann.

Wir haben derzeit Internet via Kabel und das wird demnächst nicht mehr möglich sein, da am neuen Wohnort nicht vorhanden. Eine Alternative desselben Anbieters (Vodafone übrigens) fällt ebenfalls flach, weil die Telekom am Standort Glasfaser bis ins Haus legt und da derzeit den Daumen drauf hat. Wir wären also gar nicht in der Lage, den alten Provider irgendwie weiterzunutzen, selbst wenn wir mit Vodafone kundenzufriedenheitstechnisch auf Wolke 7 schweben und uns rosa Zuckerwatte teilen würden.

Und TROTZDEM müssen wir drei Monate lang ab Umzug weiter für den alten Anschluss bezahlen? Was ist denn das bitte für eine Brückentrollmentalität? Kann da mal die EU dem Gesetzgeber was auf die Finger geben, bitte? Oder kommt das sogar von denen? Wer Gurken normt, dem traut man schließlich so manches zu.

Falls wir übrigens den Umzug nicht nachweisen können, laufen die Telefon- und Internetverträge bis Mitte April weiter – also nicht einmal so lange wie die drei angedrohten Pflichtmonate. Ich bin gespannt, wie da vom Anbieter für den Exkunden entschieden wird, habe aber so eine vage Vermutung ... Was den Kabelfernsehanschluss angeht: Dieser läuft sogar bis in den August hinein weiter, sofern die drei Zwangsmonate nicht greifen. Eine Frechheit insbesondere, da Kabelfernsehen am neuen Wohnort gar nicht angeboten wird. Aber gut, könnte ja sein, dass wir schamlos lügen und gar nicht umziehen, sondern nur still und heimlich den Anbieter wechseln wollen. So was geht schließlich nicht, wo kämen wir da denn hin? Würde das jeder machen, das wäre ja ... wäre ja ... wie ein freier Markt wäre das. Igitt!

Ich rief jedenfalls, als ich das mit den drei Monaten erfuhr, einfach mal den Kundensupport an. Das alles schien mir so absurd, das konnte doch einfach nicht stimmen. Zugegebenermaßen hatte mein Puls bereits gesundheitlich bedenkliche Höhen erreicht, aber ich war am Telefon dennoch freundlich wie ... Zuckerwatte und so. Die trotzdem von vornherein passiv-aggressive Callcenter-Agentin bestätigte leider die kundenfeindliche Regelung nochmals und versuchte dann, im Tonfall eines ausgehungerten und tollwütigen Tyrannosaurus Rex, mir stattdessen einen konventionellen DSL-Anschluss anzudrehen. Super Idee! Das Gespräch lief jedenfalls ungefähr so ab.

Ich: »Ich muss leider wechseln, weil wir am neuen Wohnort Glasfaser bis ins Haus gelegt bekommen. Da lässt die Telekom momentan ja keinen anderen dran.«

Sie: »Stimmt nicht! Wir können Ihnen da auch was anbieten. Wohin ziehen Sie denn?«

Innerlich leicht genervt nannte ich ihr unsere Adresse, denn DSL würde eben genau NICHT funktionieren, wenn da kein Kupferkabel liegt.

Sie: »Aha. Nein, also da könnten wir Ihnen nur DSL 16.000 anbieten.«

Nein, können Sie nicht, dachte ich, sagte aber: »Nee, also das ist zu langsam. Bei der Telekom kriege ich bis zu 200 MBit.«

Sie: »Stimmt nicht. Die Telekom bietet auch nur maximal 100 Mbit an. Mehr ist technisch gar nicht möglich.«

Ich: »Aha.« Komisch, dachte ich, steht doch überall drauf, dass mit reiner Glasfaser durchaus 200 Mbit möglich sind und auch angeboten werden.

Ich beendete das dezent unsachliche Gespräch dann wieder und ärgerte mich weiter über die Brückentrolle des Digitalzeitalters. Unabhängig von allen ärgerlichen gesetzlichen Regelungen, mit denen man offenbar ehemals zufriedene Kunden in den ersten Herzinfarkt treiben will, könnte so mancher vermeintliche KundenBERATER ruhig mal eine Softskills-Schulung besuchen.

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Neulich, ich war auf dem Heimweg, stieg eine Frau vor mir aus dem Bus aus, in deren Nacken ich ein Tattoo entdeckte. Nun ist es wenigstens in Berlin nichts Ungewöhnliches, tätowiert zu sein – im Gegenteil: Man ist fast schon Avantgarde, wenn man keine Tintenkleckse unter der Haut mit sich spazieren trägt. Irgendwann wird eine Generation von Rentnern die Straßen bevölkern, deren faltige Körper von oben bis unten mit ebenso faltigen Motiven aller Art verziert sind. Faltige Bilder gelebter Leben. Vielleicht werden Tattoos bis dahin schon wieder so sehr aus der Mode sein, dass jüngere Menschen sich fragen werden, was die alten Tattergreise nur geritten haben könnte, sich selbst so zu verunstalten. Aber egal, einstweilen ist es cool, tätowiert zu sein, und wer es nicht ist, der ist ’ne ignorante Randerscheinung. So wie ich, der Zaungast der Gesellschaft, der sich über all die bunten Extremitäten in der Öffentlichkeit doch ein bisschen wundert – nicht aufregt, denn so viel Liberalität hat Berlin mir inzwischen angewöhnt, aber wundert eben.

Besagte Frau fiel mir bei aller Normalität jedenfalls trotzdem auf. Es war nicht, wie sie aussah, welche Kleidung sie trug oder wie sie ihre Haare frisiert hatte. Was das anging, gab sie eine ganz gewöhnliche Figur ab. Und wahrscheinlich hat sie einen ebenso gewöhnlichen Bürojob, dem sie von neun bis fünf nachgeht und dessen gelegentliche Tristesse sie durch sozial akzentuierte Pausen in der Kaffeeküche auflockert. Umso seltsamer mutete eben das Tattoo an. »Life is fucking crazy« stand nämlich in ihrem Nacken. Geschwungene Schrift, leicht verschnörkelt, wie man das eben so schreiben würde, wenn man wüsste, das geht nicht mehr weg. »Life is fucking crazy« – ich glaube, kein Spruch dieser Welt hätte besser ausdrücken können, wie gewöhnlich wir doch alle sind.

Ich musste in dem Moment, als ich das Tattoo entdeckte, kurz daran denken, dass wir alle einmal gestorben sein werden. Auch die Frau mit dem Tattoo wird dann vielleicht in einem Sarg liegen und vor sich hin modern, wenn sie nicht gerade eine Feuerbestattung bekommen haben wird. Ein Leichnam, den Würmern als Festschmaus vorgesetzt, und im faltigen, von der unbarmherzigen Hand des Todes kalten Nacken wird immer noch »Life is fucking crazy« stehen. Nicht »Life was fucking crazy«, wie es sich in diesem Fall gehören würde – eine glatte Lüge also. Ein Tattoo kann sich bekanntlich nicht nach dem wechselhaften Lebensstatus seines Trägers richten – immer wieder dann ein Ärgernis, wenn etwa jemand »Jessica-Chiara & Dennis-Robin 4ever« auf dem Unterarm stehen hat, obwohl Jessica-Chiara und Dennis-Robin doch schon seit einem halben Jahr gar kein Paar mehr sind.

Die Dinge ändern sich, Menschen ändern sich, doch ihre Tätowierungen ändern sich nicht mit ihnen. Die Motivwahl ist ohnehin schon eine Crux. Gesellschaftlich relevante Themen zu verbildlichen beispielsweise, dürfte meistens eher eine schlechte Idee sein – ähnlich wie der oben genannte Liebesschwur schneller irrelevant sein kann als ein C-Promi nach einem Aufenthalt im Dschungel-Camp, dürfte es sich mit fast allen zeitgeschichtlich gerade relevanten Dingen verhalten. Na gut, ein Tattoo des unfertigen Hauptstadtflughafens könnte durchaus auf Lebenszeit aktuell bleiben und zudem so ungefähr den kompletten Körper abdecken, schön ist aber was anderes. Tiere dagegen bieten sich als Motiv immer an. Ein Wolf etwa, den können wir Menschen zwar auch ein zweites Mal ausrotten, aber deswegen wird er nicht in zehn Jahren uncool sein. Wölfe sind coole Tiere. Waren sie immer schon, werden sie auch immer sein. Warum also nicht den Steppenwolf irgendwohin tätowieren? Hat dann auch gleich was Metaphorisches – einsamer Wolf und so. Aber ein Spruch wie »Life is fucking crazy«?

Ich habe vor einiger Zeit eine Theorie aufgestellt: Immer dann, wenn irgendetwas mit einem Attribut angepriesen wird, kann man ziemlich sicher sein, dass dieses Etwas die versprochene Eigenschaft genau nicht besitzt. Denn wenn es doch so wäre, dann müsste nicht extra mit dem verbalen Zeigefinger darauf hingewiesen werden. So wird es wohl auch mit dem »Life« sein, das erstens nicht »crazy« ist und zweitens schon gar nicht »fucking«. Ob die Frau mit dem Tattoo sich dessen wohl bewusst ist? War sie es, als sie sich für dieses Motiv entschieden hatte? Wollte sie ihr gewöhnliches Dasein kaschieren? Oder hielt sie sich und ihr Leben tatsächlich für so »crazy«, als sie dem Tätowierer erlaubte, ihren Nacken auszuschildern?

Da mir ihr Gesicht nicht bekannt vorkam – und ich habe ein wahnsinnig gutes Gesichtergedächtnis –, kann ich ruhigen Gewissens davon ausgehen, dass sie in früheren Jahren weder Rockstar war, noch erfolgreiche Schauspielerin oder sonst wie derart aus der Gesellschaft herausstechend, als dass sie ein »fucking crazy« Leben geführt haben könnte. Aber vielleicht tue ich ihr ja Unrecht. Vielleicht ist »fucking crazy« im Kleinen gemeint. Eben nur für sie. Ein auf Haut verewigter Insider ihres Daseins. »Fucking crazy« für sie und ihren Partner und die Kinder? Vielleicht ja, und ist es nicht irgendwie auch ein schöner Gedanke, das eigene Leben für so besonders zu halten, ihm so viel Bedeutung beizumessen, dass man es der Welt mitteilen möchte – zumindest der Welt, die in der Fußgängerzone direkt hinter einem läuft? Denn ganz egal, wie groß und erfolgreich wir Menschen zu Lebzeiten sein oder werden mögen, am Ende sind wir doch alle nicht mehr als ein Wimpernschlag in der Geschichte der Welt. Schall und Rauch und Asche, wenn dereinst die Sonne zum Roten Riesen wird und uns alle verschlingt.

Wie auch immer, am Ende ist es immer noch ein bisschen doof, tot zu sein und »Life is fucking crazy« im Nacken stehen zu haben – auch wenn es dann keiner mehr sieht – abgesehen von den Würmern, die aber nicht lesen können (Bücherwurmwitz bitte hier selbst einfügen). Dann vielleicht doch lieber ein chinesisches Schriftzeichen in den Nacken stechen lassen, das irgendeine alte ebenso chinesische Weisheit darstellen soll, am Ende aber doch nur »35 mit Reis« bedeutet. Zumindest hierzulande kann das nämlich auch zu Lebzeiten schon kaum einer lesen und Zaungäste der Gesellschaft wie ich müssen sich dann keine Gedanken über den tieferen Sinn machen, Punkt.

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Wenn es einen König unter den »First World Problems« gibt, dann ist das – zumindest in meinen Augen – das Einkaufen. Also nicht Klamotten und Schuhe, denn so was kaufe ich ohnehin ausschließlich im Internet. Denn erstens gibt es in Geschäften nur selten meine Größe, und zweitens kann ich es auf den Tod nicht ausstehen, wenn Verkäufer mir nachlaufen und vielleicht auch noch fragen, ob sie mir helfen können. Brrr!!! Nein, ich meine das Einkaufen im Supermarkt.

Ich bin ja sehr technologie- und fortschrittaffin, und da stößt mir der Einkauf von Lebensmitteln eben sauer auf, denn:

  1. Einkaufen frisst wahnsinnig viel Zeit. Wenn ich unter der Woche von der Arbeit nach Hause komme, gibt es wirklich angenehmere Sätze als: »Du, wir müssen noch einkaufen.« Und aufs Wochenende verschieben ist zumindest in Berlin auch nicht immer die beste Lösung.
  2. Womit wir nämlich bei Punkt 2 wären. Ein Wochenendbesuch in einem beliebigen Berliner Supermarkt erinnert ziemlich frappierend an eine Massenpanik während einer Zombieapokalypse: Es ist voll, die Leute plündern, als würden die Regale niemals wieder nachgefüllt (was in gewissen Discountern in der Obst- und Gemüseabteilung auch manchmal so zu sein scheint) und wer jetzt noch einen Einkaufswagen durch die engen Gänge bugsieren muss, kommt sich ganz schnell vor wie in einem Autoscooter, bei dem nur Besoffene mitfahren.
  3. Die Kassen sind ein Graus. Ein ungeschriebenes Gesetz besagt, dass Supermärkte fünf bis sechs Kassen haben müssen, von denen jedoch nur zwei besetzt sein dürfen. In der eigenen Warteschlange geht es dann natürlich immer am aller-aller-allerlangsamsten voran und hat man sich doch mal bis nach ganz vorn vorgekämpft werden die Waren, die man vorher mühevoll aufs Laufband gewuchtet hat, in einem Tempo über den Scanner geschoben, als säße »Flash« persönlich an der Kasse. Hastig räumt man die gescannten Waren schnell wieder ein, damit sie sich nicht zu einem meterhohen Berg auftürmen und verlässt dann mit dem Stresslevel eines Kampfjetpiloten auf der Flucht vor einer Boden-Luft-Rakete den Supermarkt.
  4. Betrifft wohl vor allem uns: Wir haben kein Auto. Was mit den Lebensmitteln des täglichen Gebrauchs wie Brot, Käse und Obst noch geht, wird bei Katzenstreu und Getränken echt zum Problem: das Geschleppe. Und nein, das trägt nicht zur körperlichen Ertüchtigung bei, sondern ruiniert dem schleppenden Proband maximal die Schultern.

Zusammengefasst lässt sich feststellen, dass diese elenden Einkäufe ziemlich mittelalterlich anmuten. Die Lösung, zumindest in größeren Städten: Bringdienste! Ja genau, ähnlich wie jene, die uns Menschen seit Urzeiten mit Grundnahrungsmitteln wie Pizza Salami, Lasagne und gebratenem Eierreis versorgen. Die gibt es seit einiger Zeit nämlich auch für den Wocheneinkauf. Wir haben da mal zwei ausprobiert.

Amazon Prime Now

»Amazon Prime Now« gibt es, glaube ich, bisher nur in Berlin. Der Name sagt eigentlich schon alles: Ist von Amazon, gibt’s nur mit Prime-Mitgliedschaft und wird sofort geliefert. Und mit sofort meine ich auch sofort, bzw. halt innerhalb von zwei Stunden nach Bestellung. »Prime Now« bietet diverse Waren, neben Büchern, Filmen, etc. eben auch Lebensmittel (sogar Tiefkühlkost). Wir haben das zweimal probiert und unseren Einkauf dort geordert. Die Lieferung erfolgte innerhalb von zwei Stunden, wie versprochen. Die Produkte waren tadellos und alles kam einigermaßen umweltverträglich in Papiertüten. Die Lieferung lässt sich per App nachverfolgen (über die man übrigens auch bestellen muss) und überhaupt fühlt sich das ganze Prozedere sehr futuristisch an. »Prime Now« hat meiner Ansicht nach aber auch ein paar größere Mankos:

  1. Es ist teuer. Während des Bestellens fällt das zwar nicht so auf, weil sich der Unterschied ja meist hinterm Komma abspielt, aber insgesamt läppert sich der Einkauf doch ganz schön. Immerhin aber ist’s dann aber versandkostenfrei.
  2. Das Sortiment ist sehr eingeschränkt und erinnert mitunter an den Einkauf in einem Tante-Emma-Laden auf dem Dorf: Von allem gibt es irgendwie nur eine Sorte (abgesehen von Getränken), Lauchzwiebeln bspw. haben wir auch gar nicht gefunden.
  3. Man muss Prime-Mitglied sein. Die Mitgliedschaft kostet im Jahr knapp 50 Euro, man erhält damit Premiumversand (der nicht immer funktioniert), kann online tonnenweise Filme und Serien schauen, bekommt ein ordentliches Musiksortiment zum Streamen und hat noch ein paar weitere Vorteile. Muss man aber eben haben, sonst kann man »Prime Now« nicht nutzen.
  4. Es gibt kein Pfandsystem. Wer sich tonnenweise Getränke in Glasflaschen liefern lässt, hat hinterher eben tonnenweise Pfandflaschen im Haus. Und habe ich erwähnt, dass wir kein Auto haben? Genau, doof.

Man merkt eben doch, dass der Dienst nicht für den Wocheneinkauf gedacht ist, sondern dafür, sich schnell noch das liefern zu lassen, was man vergessen hat oder bspw. für den Grillabend noch braucht. Die Logistik funktioniert hier nämlich prima. Für den Supermarkteinkauf wird man hierzulande wohl auf »Amazon Fresh« warten müssen, das gerüchteweise im Herbst starten soll (in Berlin, höhö).

AllyouneedFresh

Der zweite Dienst, den wir ausprobiert haben, trägt den passenden Namen »AllyouneedFresh« und auch hier war zumindest bei unserer ersten Testbestellung (die zweite folgt demnächst) der Name Programm: Wir haben alles gefunden, was wir brauchten, und – wow – was waren die Waren frisch! Der Salat war so knackig, als hätte man ihn vom Feld geholt und wäre dann damit direkt zum nächsten Lieferanten gerannt.

Im Prinzip hat dieser Dienst, der übrigens zu DHL gehört, genau all die Nachteile, die ich zu »Prime Now« aufgezählt habe, NICHT.

  1. Die Preise sind echt in Ordnung und beispielsweise günstiger als im »Kaiser’s« um die Ecke, oft gibt es sogar Rabattcoupons, was das Einkaufen ein bisschen wie das Suchen nach Angeboten im Supermarkt wirken lässt. Klar, an Aldi, Lidl und Co. kommt »AllyouneedFresh« nicht heran, aber dafür bekommt man auch mehr Markenprodukte.
  2. Das Sortiment ist mit angeblich über 20.000 Artikeln ausreichend groß, wir haben jedenfalls alles gefunden, was wir wollten. Es gibt auch nicht nur ein Produkt zu jeder Kategorie: Bananen zum Beispiel gibt es in drei unterschiedlichen Sorten und Preisen.
  3. Man muss nirgends Mitglied sein. Witzigerweise kann man sich sogar mit seinem Amazon-Konto einloggen und auch dessen Zahlungsdaten verwenden.
  4. Es gibt ein Pfandsystem. Zusammen mit den Getränken bekommt man einen Coupon. Bei der nächsten Bestellung gibt man dem Kurier einfach seine Flaschen wieder mit und bekommt das Flaschenpfand hinterher zurück. Zumindest in Berlin ist das so, auf dem Land ggf. eher nicht.

Alles in allem waren wir sehr zufrieden. Der Einkauf hat wahnsinnig viel Zeit gespart, war bequem und wir konnten, während wir auf den Lieferanten warteten, was anderes machen. Drei kleinere Mankos hat »AllyouneedFresh« dann aber doch:

  1. Man bekommt die Lieferung nicht am Tag der Bestellung. Das ist nicht schlimm, zumal man abends bestellen kann und die Waren am nächsten Vormittag erhält, ist aber eben nicht ganz so cool wie bei »Amazon«.
  2. Der Mindestbestellwert für den Gratisversand liegt bei 40 Euro. Bei einem Wocheneinkauf kommt der Betrag aber schnell zusammen, sodass sich damit gut leben lässt.
  3. Der Dienst wirbt damit, besonders umweltfreundlich zu sein. Ich war aber doch ein wenig schockiert darüber, dass alles in Plastiktüten geliefert wird. Das müsste wirklich nicht sein. Wir heben die Tüten jetzt auf und verwenden sie als Mülltüten. Die wären sowieso aus Plastik, sodass die Umweltsünde nicht ganz so groß ausfällt. Hier könnte man aber doch sicher noch nachbessern. UPDATE: Wer lesen kann, ist klar im Vorteil. Was ich nämlich bisher übersehen hatte: Auf den Tüten steht, diese seien zu 85 Prozent aus Zuckerrüben und zu 100 Prozent biologisch abbaubar. Sollte das denn so stimmen, ist dieser Punkt natürlich obsolet.

Ansonsten, wie gesagt, kann ich zumindest nach der ersten Bestellung jedem, der wie ich das Einkaufen verabscheut wie der Teufel das Weihwasser, empfehlen, »AllyouneedFresh« mal auszuprobieren. Ich find’s großartig!

Im AffenhausAuf der Suche nach einer Kerze (immer diese kreativen Weihnachtsgeschenke) waren meine Freundin und ich neulich – da muss ich tief durchatmen – im »Bikini Berlin«. Nicht, dass nebenan nicht auch ein Weihnachtsmarkt gewesen wäre, auf dem fünf fantastilliarden Sorten an Kerzen verkauft wurden, aber nee, irgendwie sagte uns das alles nicht zu. Wenn man schon Kerzen schenkt, dann richtig. Aber gut, zurück zum »Bikini«: Dabei handelt es sich nicht etwa um extragroße Damenbademode, die man betreten kann (obwohl man solche extravaganten Konstruktionen den Berliner Stadtplanern mit ihrem Stahlbetonfetisch ja durchaus zutraut), sondern um ein Einkaufszentrum. Na ja, oder um so etwas Ähnliches.

Genau genommen habe ich noch nicht verstanden, was das »Bikini« eigentlich genau sein möchte. Laut Webseite eine »Concept Mall«. Und damit fängt der Irrsinn auch schon an. Optisch schaut das Ding von innen aus wie das »Alexa« am Alexanderplatz von außen: grausig! Alles hat diese Warenlageratmosphäre: Die Decke voller Rohre und wirr verlaufender Kabelkonstruktionen, die Wände nicht verkleidet, also ziemlich genau so, wie der BER anno 2015. Überall stehen Kisten im Weg, von denen man eigentlich meinen möchte, jemand hätte sie beim Einräumen vergessen, aber dann sitzt eben doch schon wieder ein komisch anmutender Berliner drauf und schlürft sein Tässchen Was-auch-immer-mit-Biosojamilch. Geschäfte gibt es dort natürlich auch. Alles wirkt ein bisschen wie in »Mad Max«, nachdem da einmal feucht durchgewischt wurde: Zusammenimprovisierte Miniboutiquen aus Bretterzäunen, Baupaletten und Maschendraht zusammengefriemelt, und drinnen oder daneben steht eine gelangweilte Verkaufskraft, die sich aufgrund des mageren Warenangebots so wenig bewegen muss, dass man sie auch für eine Schaufensterpuppe halten könnte. Aber ich weiß schon, das muss so, das gehört zum Konzept.

Apropos Konzept: Das erschließt sich mir nämlich nicht wirklich. In den größeren Geschäften mit dekadent üppiger Verkaufsfläche stehen lediglich zwei, drei Tischlein, auf denen ... Dinge platziert wurden, die entweder Verkaufsartikel oder Deko sind oder beides. Meist sieht das, was da an potenzielle Kundschaft mit ausgeleiertem Geldbeutel vertickt werden soll, so aus, als hätte man zwei willkürliche Gegenstände in einen Teilchenbeschleuniger geschmissen, um sie kollidieren zu lassen und das verknäulte Ergebnis dann als Kunst auszugeben. Zumeist haben wir das nur vom Schaufenster aus festgestellt, weil wir uns nicht wirklich trauten, die Läden zu betreten, denn merke: Ein leeres Geschäft und ein gelangweilter Verkäufer bergen immer die Gefahr, dass man mit Beratungsgesprächen vollgeballert wird, sobald man auch nur einen Viertelfuß in den Laden setzt. Der Traum eines jeden, der lieber online bestellt.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Geschäfte ihr ach so individuelles Konzept schon am Namen herausstellen wollen, der dann auch so gar nichts darüber aussagt, was einem drinnen eigentlich angedreht wird. Das alles geht so weit, dass ich mich fast nicht traute, aufs Klo zu gehen, weil ich nicht sicher war, ob sich hinter der Tür mit den goldenen Lettern »WC« tatsächlich ein Lokus oder doch wieder nur ein Klamottenladen verbarg.

Aber wie gesagt, gehört eben alles zum Konzept. Man kann sich schließlich schlecht »Concept Mall« nennen, wenn dann hinter der Tür doch nur Kik und Lidl warten. Ich will das »Bikini« auch gar nicht zerreden, auch wenn das hier eventuell, also nur vielleicht, ein kleines bisschen so wirken könnte. Das Ding war brechend voll, auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass da irgendwer tatsächlich mal eine Lampe aus rostigem Stacheldraht und ein paar Glasscherben für tausend Euro kauft. Das Ding ist quasi der Gegenentwurf zu den Ikeas und H&Ms dieser Welt: Hier ist alles und jeder so fürchterlich individuell, dass man eigentlich nur dann auffällt, wenn man bei Ikea und H&M einkaufen geht. Alles ist so hip, hipster wird's definitiv nicht. Anders ausgedrückt: Wir sind einfach die falsche Klientel. Zu einfach, zu provinziell, zu Kassengestell. Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, in dem Salz und Pfeffer im Essen das höchste aller kulinarischen Gefühle waren. In einem solchen Shoppingtempel fühle ich mich wie Charlton Heston auf dem Planeten der Affen (die übrigens ihr Gehege – kein Witz – direkt nebenan haben), und das fasst für mich auch alles zusammen, was man darüber sagen kann.

Ach ja, Kerzen gab's dort übrigens keine.

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Bärte machen keine MännerIch schrieb einst einen Text über Bärte. Über Männer mit Bärten, um genau zu sein. So ganz trennscharf ist das spätestens seit Künstlerinnen mit selbstgewähltem Nachnamen eines Fleischerzeugnisses ja auch nicht mehr. Ich war und bin der Ansicht, dass es das Recht eines jeden Mannes sein sollte, sein Antlitz mit Haar zu schmücken, vor allem dann, wenn er das Pech hat, auszusehen, als sei er in Kindertagen mit dem Gesicht in einen hochschnellenden Spaten gerannt. Nicht umsonst tragen männliche Superhelden so gut wie nie Bärte: Sie haben ein Kinn. Ein richtiges Männerkinn. Ein Kinn, so ausgeprägt, dass sie damit problemlos gefrorenen Boden umpflügen könnten. Nicht-Superhelden wie ich sind da anders gebaut: Mein Kinn sieht eher aus, als hätte der Unterkiefer mal Prügel vom Oberkiefer bezogen und sich seither tief in den Schatten zurückgezogen. Das kann man schon so zur Schau tragen. Kann man machen, ja, aber dann sieht’s halt scheiße aus. Drum einfach was drüberwachsen lassen, und fertig ist die Laube.

Zusammengefasst war ich bisher also für Männer mit Bärten. Ja ganz ehrlich, ich war total dafür, einen Trend draus zu machen. Dooferweise wurde dann ... ein Trend draus. Tja, und jetzt laufen sie überall herum, diese Männer mit Bärten. Aber nicht nur mit Schnauzbärten, Kinnbärten oder extravaganten Backenbärten. Nein, Vollbärte müssen es sein. Die ganze Stadt ist voll von diesen Typen. Ich weiß nie, stehe ich einem Hipster gegenüber, einem Salafisten auf Urlaub oder doch nur einem entlaufenen Alpaka. Manchmal komme ich mir vor wie auf dem Waldmond Endor, umgeben von zu groß geratenen Ewoks mit tätowierten Unterarmen. Argh, überall diese Bärte, und ich gebe zu, ja, sie regen mich auf! Ein Haar in der Suppe stört mich nicht, aber wenn man schon dran ersticken kann, schwillt mir doch der Kamm.

Als ich klein war, gab es das nicht. Da trugen eher so Leute wie einer der Wildecker Herzbuben einen Vollbart. Und das war okay. Der hätte ohne Bart wahrscheinlich einfach nur noch dicker ausgesehen. Oder man hätte ihn mit seinem Herzbubenbruder verwechselt, was jetzt auch keine Katastrophe gewesen wäre. Ansonsten trugen in meiner Kindheit genau drei Männer Vollbart. Aufsteigend geordnet nach ihrer Wichtigkeit waren das: Gott, der Weihnachtsmann und Bud Spencer. Das war eine sichere Bank, das musste so sein. Einen Weihnachtsmann ohne Vollbart hätte ja kein Mensch ins Haus gelassen. »Ein dicker, glatt rasierter Kerl mit rotweißen Klamotten und 'nem großen Sack über der Schulter? Ein Perverser! Ruft die Bullen!« Nein, so ein Vollbart vermittelte einfach auch Sicherheit und Seriosität. Bud Spencer mit seinem Bart aus Bürstendraht beispielsweise: Da konnte man immer sicher sein, dass er den Bösen ziemlich seriös eins aufs Maul gibt.

Ja, damals war die Welt eben noch in Ordnung. Niemand sonst ließ sich so das Gesicht zuwuchern. Väter, die trugen damals beispielsweise lieber Schnauzbärte. Ob von dominanten Ehefrauen verordnet oder einfach im Schatten des wandelnden Brusthaarpanzers Tom Selleck, das weiß ich nicht, aber es war halt so. Mein Vater trug einen dicken, dichten, schwarzen Schnauzbart, in dem man locker ein paar mittelgroße Zootiere hätte verstecken können. Der sah damit immer ein bisschen aus wie Josef Stalin, nur in weniger böse. Doch einen Vollbart hätte der sich nie stehen lassen, obwohl er es gekonnt hätte.

Nun, ich könnte das zwar auch so irgendwie, auch wenn das Ergebnis vermutlich löchrig wäre und eher einem viel zu lange gereiften Schweizer Käse gleichen würde. Aber das Hauptproblem wäre wohl eher, dass ich eben nicht sonderlich groß bin. Was das mit Vollbärten zu tun hat? Nun, mit Vollbart sähe ich aus wie ein verirrter Gartenzwerg auf der Suche nach seiner Mütze. Das ist jetzt nicht unbedingt, was man mit so einem Bart suggerieren will: Männlichkeit natürlich!

Und vielleicht hasse ich sie ja deswegen so, die vielen schlacksigen Typen, die in ihren Birkenstocksandalen durch Berlin schlurfen, das wallende Haar zu einem Hipster-Dutt zusammengeknödelt, die teure Markensonnenbrille auch an schattigen Tagen in der U-Bahn auf der gepeelten Nase, und unterhalb selbiger natürlich der kilometerlange schamponierte und gute geölte Naturhaarteppich: Ich kann da nicht mitmachen, weil meine Freundin mich erstens so wohl mit einem Schlafsack und 'nem Laib Brot in den Keller sperren würde und weil ich zweitens eben, wie gesagt, einfach unfassbar albern aussähe.

Aber ganz ehrlich, viel weniger albern wirken diese Fellfetischisten in derart rauen Mengen auch nicht mehr: zwei Augen, die aus einem Gewühl von Haaren ragen und sich hinter 'ner Sonnenbrille verstecken? Gab es seinerzeit, als das Fernsehen noch schwarzweiß war, bei der Addams Family schon: Vetter It hieß der haarige Zeitgenosse, der stets klang wie ein schimpfendes Eichhörnchen mit Heliumsucht. Sogar den bei Hipstern beliebten Hut trug It bereits. Herzlichen Glückwunsch also, liebe Hipster: Ihr seid nun modisch definitiv in der Addams Family angekommen.

Nein, also wenn ich genauer drüber nachdenke, wird mir die Sache doch zu haarig. Genervt bin ich von der Allgegenwärtigkeit zugewucherter Männergesichter trotzdem. Und spätestens, wenn mir einer dieser BRÖSELBESENANBETER DAS HACKFRESSENSCHAMHAAR NÄCHSTENS IN DER ÜBERFÜLLTEN U-BAHN INS GESICHT DRÜCKT, SKALPIERE ICH IHM SELBIGES OHNE BETÄUBUNG!!! Aber ich rege mich nicht auf. Drum, für den sozialen Frieden in meinem näheren Umfeld und allgemeines Ungenervtsein, und weil das nach dem letzten Barttext auch so prima geklappt hat, versuche ich es einfach noch mal ganz nett und ohne Haarspalterei: Liebe Leute ... können wir uns nicht einfach auf ’nen Dreitagebart einigen? Das wär sehr lieb, danke schön!

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Freundin und ich haben ein neues Projekt. Wir bauen ein Haus, bzw. eher, wir lassen bauen. Vor einigen Wochen bereits haben wir ein kleines Baublog eröffnet, auf dem sich allerdings noch nicht allzu viel getan hat, abgesehen davon, dass sich überraschenderweise bereits erste künftige Nachbarn vorgestellt haben.

Wie wir auf die Idee gekommen sind, habe ich im ersten Post dort bereits ein wenig erläutert. Im Prinzip ist es aber einfach so: Wenn man hier eine wirklich schöne Mietwohnung haben möchte, dann muss man mindestens 1200 Euro monatlich auf den Tisch legen. 1200. Euro. Miete. In Berlin, einer Stadt mit hoher Arbeitslosigkeit, mit vergleichsweise geringem Durchschnittseinkommen. Und selbst wenn man eine derart teure Wohnung findet, muss man bei der Besichtigung dem jeweiligen Vermieter dermaßen tief in den Arsch kriechen, dass man ihm hinterher erzählen kann, welche seiner Backenzähne Löcher haben. Das geht so nicht, echt. Mach ich nicht mehr mit, so was.

Tja, deswegen ziehen wir nun eben in die eigenen vier Wände. Das heißt, nicht »nun«, sondern irgendwann spät im nächsten Jahr. Und natürlich hoffe ich, dass alles glatt geht und man uns nicht in wenigen Jahren wahlweise bei »Raus aus den Schulden« oder »Nachbarschaftsstreit« in der Glotze zu sehen bekommt. Falls doch, treten wir dann hinterher noch bei »Goodbye Deutschland« auf. Irgendwas geht ja immer.

Sollte es also künftig weiterhin etwas ruhiger hier sein, kann das entweder daran liegen, dass ich keine Lust zum Bloggen habe, oder aber ich bin dabei, zähneknirschend die ersten Rechnungen zu bezahlen. Und sollte ich nach dem Einzug nichts mehr von mir hören lassen, habe ich wahlweise die Gartenarbeit nicht überlebt, oder ich liege auf der Dachterrasse und sonne meine Zehen.

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»Lauf, Alcudia! Lauf!« Vorhin, als ich gerade ins Büro schlurfte – vor dem ersten Kaffee ist schlurfen die einzig akzeptable Möglichkeit, einen Fuß vor den anderen zu setzen –, kam ich an einem Kinderlaufevent vorbei, oder wie man so was auch immer nennen mag. Früher hätten wir das Sportfest genannt, heute klingt das aber ganz schön nach Erich Honecker. Jedenfalls rannten da ein paar Kinder in bunten Klamotten um einen winzig kleinen Platz, angefeuert von Eltern und Erziehern. Und eine Frau rief eben besagtes: »Lauf, Alcudia! Lauf!« Wer dachte, das klingt mit Forrest schon doof, der hat's mit Alcudia noch nicht gehört. Alcudia ... also eigentlich Alcúdia, nun, ich war da ja mal. Schönes Örtchen auf Mallorca, wenn man keine Lust drauf hat, Urlaubern dabei zuzusehen, wie sie sich zum Einzeller zurückentwickeln und der Meinung sind, nur überleben zu können, wenn sie Pennerbombengesöff aus einem Eimer trinken. Bisschen viele krebsrote Engländer in der Hauptsaison, die sich ja auch ganz gerne mal danebenbenehmen (wobei sich dieses Benehmen direkt proportional zur Anzahl ihrer Zahnlücken zu verhalten scheint), ansonsten aber wirklich ein schönes Örtchen. Aber würde ich mein Kind deswegen so nennen?

Ein Kollege meinte, vielleicht wurde das Kind ja in Alcúdia gezeugt. Guter Punkt. Wenn der Urlaub besonders schön war und man eine Dekade lang drauf gespart hat, deswegen extra auf Kippen, Markeneierlikör und ergonomisches Schuhwerk verzichtet hat, will man sich vielleicht auch für immer daran erinnern, wie schön es da war. Schließlich ist so ein Urlaub ratzfatz wieder vorbei. Ich fand's ja auch schön, nur das mit den Algen beim Baden war ein bisschen doof. Und die viel zu stark brutzelnde Sonne, die meiner Freundin und mir diese fies juckenden Hitzepickelchen bescherte, auch wenn ich ja immer noch der Meinung bin, dass es eine Mischung aus Algen und Sonne war, aber wurscht. Jedenfalls hätte ich ein eventuell gezeugtes Kind - eventuell deswegen, weil ja keines gezeugt wurde - nicht Alcúdia genannt, himmelherrgott. Vielleicht auch, weil das Kind mich dann immer an fies juckende Hitzepickel erinnert hätte, vornehmlich aber, weil Alcúdia einfach ein total bescheuerter Name für ein Kind ist.

Was wäre denn gewesen, wenn das Kind in Kotzen gezeugt worden wäre? Oder in Wassersuppe? In Gifthof oder Knochenmühle? Nicht auszudenken! Auch ich finde es ja gut, dass Eltern ihre Kinder heutzutage nicht mehr Gertrud oder Randolf nennen müssen. Mein Opa heißt Traugott ... Ja. Und gibt's eigentlich noch irgendwo herumlaufende Adolfs? Wenn ein Name aus der Zeit gefallen ist, sollte man ihn auch einfach da liegen lassen. Schließlich hebt man ja auch sonst nicht alles auf, was so auf dem Boden herumliegt. Vor allem, wenn es braun ist und matschig und anfängt zu stinken, sobald man reingetreten ist. Für manch altmodische Namen gilt das alles sicherlich auch. Andere leicht veraltete Namen dagegen werden vermutlich gerade von Sojamilch-Chai latte schlürfenden Hipsterpärchen wiederentdeckt. Ludwig und Kassandra gehen dem stolzen Hipsterpapa wahrscheinlich deutlich eleganter vom wallenden Vollbart als Stangenware wie Lara oder Max.

Apropos Hipsternamen: Ich recherchiere nebenher selbstverständlich ein bisschen, und unter den Top-Hipster-Babynamen ist zumindest bei den Mädchen doch tatsächlich auch Nike. Nike ... Spricht man das jetzt Nike, also so wie Pike, oder tatsächlich doch eher wie den Sportartikelhersteller mit dem Häkchen als Logo? In dem Fall: Gut, dass Hipster Adidas offenbar weniger gern mögen. Oder Puma ... meine Güte! Puma! Unter den Top-Jungsnamen befindet sich übrigens Darwin. Das find ich ja schon wieder sehr souverän: einerseits ein Bekenntnis zur Evolutionstheorie, andererseits aber auch gleich ein Fingerzeig, wo's für den Nachwuchs modisch künftig mal hingehen wird: Denn wenn Darwin heutzutage für was anderes als für seine Evolutionstheorie bekannt ist, dann doch wohl für seinen episch langen, weißen und vermutlich gut schamponierten (Hipster-)Vollbart. Obwohl Darwin ja streng genommen ein Nachname ist, hieß doch der gelehrte Weihnachtsmanndoppelgänger mit Vornamen eigentlich Charles. Weiß der Hipster an sich aber bestimmt nicht. Nicht schlimm, erinnert Charles die meisten doch wahrscheinlich am ehesten an den elefantenohrigen britischen Thronfolger, dem man immer noch einen Hang zum Tampon-Fetisch nachsagt.

Aber letzten Endes kann es mir ohnehin egal sein. Vermutlich kompensiere ich mit meiner persönlichen Abneigung gegen die ausufernde Kreativität werdender Eltern (Alcúdia, also bitte!)  nur den mangelnden Einfallsreichtum meiner eigenen Eltern. Zwar konnten die 1984 noch nicht im Internet herumsurfen, um sich ein paar Ideen zu holen, und überhaupt war man in der DDR ja auch nicht so richtig aufgeschlossen, wenn da einer mit Namen um die Ecke kam, die irgendwie nach Imperialismus rochen, aber ein bisschen mehr als Thomas wäre doch bestimmt drin gewesen. Vor allem dann, wenn man mit einem der am häufigsten vorkommenden deutschen Nachnamen gesegnet ist. Ist ja nicht so, als hätten sie nicht vorher neun Monate Zeit zum Überlegen gehabt, aber ach ... Meine Schwester bekam dann drei Jahre später übrigens tatsächlich einen einfallsreicheren Namen. Meine Mutter meinte mal, sie hätte diesen Namen aus einem Film. Der hätte ihr halt gefallen. Kann ich eigentlich froh sein, dass meine Mutter den Film Sissi immer schon beschissen fand. Mit Franz als Vorname hätte ich wahrscheinlich schon längst die Beine in die Hand genommen und wäre ins Exil geflüchtet. Vielleicht hätte man mir dann nachgerufen: »Lauf, Franz! Lauf!« Und DAS hätte erst mal bescheuert geklungen!

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Ich saß in der U7, las irgendwelchen Kram auf dem iPhone, während über die Kopfhörer einer meiner Lieblingspodcasts mein Hirn mit nutzlosem Wissen anreicherte, als besagte U-Bahn einmal heftig ruckte und dann anhielt. Kurz tat sich gar nichts, dann ging der Motor aus, dann auch das Licht. Ein Notlicht blieb eingeschaltet und versprühte die wenig heimelige Atmosphäre einer Kerze, die in einem Sarg angezündet wurde. Damit tat sich quasi noch weniger als nichts, bis die recht vage Durchsage kam: »Die Weiterfahrt verzögert sich, wir bitten um etwas Geduld. Wir haben hier ein ... etwas größeres Problem.« So was klingt immer, als hätte die Bahn ein Rad verloren oder so.

Als es schon »angenehm« warm im Waggon wurde, hörte man draußen Menschen über den Gleisschotter schlurfen. BVG-Mitarbeiter kamen, dann die nächste Durchsage: »Wir können nicht weiterfahren, weil erst eine Person geborgen werden muss.« Da fiel mir das Rucken der Bahn wieder ein. Irgs! Keine zwei Minuten später gesellten sich Polizisten und Sanitäter zur Menschentraube, die sich zwischen erstem und zweitem Waggon gebildet hatte. Zwischen erstem und zweitem − das hieß ziemlich sicher, dass da nicht einfach nur jemand angefahren wurde, das klang eher danach, als müsste man die Einzelteile einsammeln, von den Rädern abkratzen und hinterher nass durchwischen. Schauriger Gedanke in der düsteren Stille, in der lediglich leise getuschelt wurde. Und dann der arme Fahrer der Bahn, der ja nichts dafür konnte, dass sein Zug gerade jemanden überrollt hatte.

Wenig später wurde der Zug evakuiert. Aussteigen und langsam zurück zum letzten Bahnhof laufen, hieß es. Das klappte alles recht geordnet und schnell, obwohl die Polizei sich ruhig etwas besser um die älteren Leute hätte kümmern können. Eine recht störrische ältere Dame, die vor mir ging, hielt an und lehnte sich im dunklen Tunnel gegen die Wand. Nur ausruhen wolle sie. Ich fragte, ob sie Hilfe benötige, was sie verneinte. Nach weiterem Zureden meinerseits und einer jüngeren Frau ließ sie sich schließlich doch an der Hand aus dem Tunnel führen.

Da der Strom komplett abgestellt war, beschloss ich, einen Bus zu suchen. Ich verließ den U-Bahnhof über die Treppe und fand mich in der Fußgängerzone Nähe Wilmersdorfer Straße wieder. Am Himmel schien die Sonne, es wehte leicht kühler Wind. In der Fußgängerzone war gerade vermutlich zwecks verkaufsoffenem Sonntag ein kleiner Rummel aufgebaut. Nervige Karussellmusik wummerte, an diversen Ständen wurden Eis und Snacks verkauft. Menschen eilten von Geschäft zu Geschäft. Während hier oben Schokoladeneis in der Sonne schmolz, kratzten einige Meter tiefer die Helfer noch immer die Reste des Verunglückten von den Schienen.

Wer war der Verunglückte? Was mochte wohl sein trauriges Schicksal gewesen sein? Das Leben ist fragil, der Einzelne so unwichtig. Wer geht, ist weg, und die meisten Menschen nehmen nicht einmal Notiz davon. Natürlich nicht, und das weiß ja auch jeder. An manchen Tagen wird's einem aber deutlicher vor Augen geführt als an anderen.