Bisschen Kultur?

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Back in the 90s, genauer gesagt muss es 1992 gewesen sein, zogen wir in einen schmucken Plattenbau. Durchaus ernst gemeint, waren die Dinger doch damals einigermaßen fortschrittlich. Erstmals hatten wir eine Heizung, die wie durch Magie den Raum erwärmte, indem man an einem ... Ding drehte, statt Kohle in einen muffigen Kachelofen schaufeln zu müssen. Viel wichtiger aber noch, schließlich war ich damals gerade sieben oder acht Jahre alt: Wir hatten endlich fucking Kabelfernsehen! Bis dahin waren die »Sendung mit der Maus«, »Löwenzahn« und vielleicht noch die »Sesamstraße« mein Zentrum popkultureller Bildung. Aber dank Kabelfernsehen sollte alles anders werden. Vor allem ein Sender stach hier hervor: RTL2. Genau, jener Kanal, der heute wie kein zweiter den gesamtgesellschaftlichen IQ schneller in den Keller treibt als Josef Fritzl seinen Anhang, sollte Anfang der 90er Jahre zumindest für uns Kinder der neue Mittelpunkt des Universums werden.

RTL2 hatte nämlich ein ausgesprochen gutes Unterhaltungsprogramm für die Kleinen. Hätte man damals auf dem Schulhof eine Umfrage gestartet, ich würde meinen Hintern drauf verwetten, mindestens 90 Prozent der Schüler hätten RTL2 als Lieblingssender genannt. Von mittags bis ungefähr 16 Uhr – also genau zu der Zeit, die für Hausaufgaben reserviert sein sollte – dudelte hier ein großartiger Trickfilm nach dem anderen über die Mattscheibe. Die Einkaufsabteilung des Senders musste damals den Weihnachtsmann als Vorstand gehabt haben, jedenfalls hatte man dem japanischen Cartoonbetrieb offenbar so ziemlich alles abgekauft, was nicht bei drei auf den Bäumen war.

Dass all diese Cartoons aus Japan stammten, wusste ich damals nicht. Heute würde man sagen: »Ja hey, das siehste doch wohl schon an den riesigen Augen der Figuren.« Klar, damals allerdings war der deutsche Markt noch nicht durch Animes aus Fernost überschwemmt worden, außerdem war ein Großteil der Serien in einem eher westlichen Szenario angesiedelt – wahrscheinlich wurden sie auch nur deswegen bei uns gezeigt.

GeorgieWie ich jetzt darauf komme? Nun, meine Schwester hat neulich eine DVD-Box der Anime-Serie »Georgie« gekauft – ihre Lieblingsserie anno 1992 – und sie mir nach dem Akkordanschauen freundlicherweise ausgeliehen. In der Serie – bestehend aus insgesamt 45 Folgen (in meiner Erinnerung waren es ungefähr 1.000) – geht es um die während des 19. Jahrhunderts in Australien lebende Familie Butman (Ja, so heißen die.), bestehend aus Mutter, Vater, den Brüdern Abel und Arthur sowie der namensgebenden Schwester Georgie. Diese wiederum, das stellt sich sehr schnell heraus, ist ein Findelkind, was jeder weiß, abgesehen von ihr selbst. Der Trickfilm erzählt die Geschichte der Familie über einen Zeitraum von ungefähr zehn bis zwölf Jahren hinweg in größeren Zeitsprüngen. Beide Brüder verlieben sich während ihrer Jugend in Georgie, womit der Grundkonflikt steht. Letztlich bekommt auch Georgie, die sich wiederum längst in einen aristokratischen Engländer verliebt hat, heraus, dass sie mehr oder minder adoptiert ist. So zieht es sie schließlich nach England, wo sie nicht nur ihre Liebe zu wiederzufinden hofft, sondern auch ihre wahre Herkunft aufdecken möchte.

Woah, lange hat mich eine Trickfilmserie nicht mehr so bewegt. Die Geschichte, die Charaktere, die großartige Gänsehautmusik, all das ist so liebevoll arrangiert, dass es mich emotional regelrecht in die Serie hineingesaugt hat. Dabei kannte ich sie ja eigentlich schon, auch wenn ich die gegen Schluss zunehmend komplexen Themen jetzt natürlich deutlich besser verstehe als Anfang der 90er. Erstaunlich übrigens, dass dieser wirklich schön gezeichnete Anime bereits von 1983 ist – älter als ich also. Das fällt aber während des Anschauens kaum auf, werden hier doch auf zeitlose Art Werte wie Zusammenhalt, Moral und die Bedeutung der Familie vermittelt. Etwas, das Japaner übrigens generell besonders gut darstellen können.

Und so gab es eben auch noch einige andere großartige Serien damals, die ähnlich angelegt waren: Da war beispielsweise »Lady Oscar«, die Geschichte über ein Mädchen, das zur Zeit der französischen Revolution von seinem Vater als Junge aufgezogen wird, um im Militär Karriere machen zu können. Oder »Eine fröhliche Familie«, die eben von einer Familie erzählt, die zur Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges zwischen die Fronten gerät und aus der Heimat fliehen muss. Da wäre »Die kleine Prinzessin Sara«, in der die namensgebende Sara, ein Mädchen aus gutem Hause, in einem Internat als Dienstmädchen schuften muss, weil der Vater plötzlich verstirbt und mit ihm das Vermögen verschwindet, von dem auch das Internat bezahlt wurde.

Es gäbe da sicher noch die eine oder andere Serie, die erwähnenswert wäre, aber alle aufzuzählen wäre doch etwas müßig. Auffällig ist, dass viele der Trickfilme, die übrigens überwiegend nicht aus den 90ern stammen, sondern bereits aus den 80ern, auf westlichen Romanen basieren (wie ja bspw. die Animes »Heidi« und »Biene Maja« auch – »Georgie« dagegen basiert auf dem gleichnamigen Manga). Nun ja, jedenfalls fehlt mir diese Art des Geschichtenerzählens heute in Trickfilmen sehr. Mitte der 90er Jahre war es nämlich auch vorbei mit diesen Serien, die sich viel Zeit für eine durchgehende Handlung nahmen. Da ging es dann los mit »Sailor Moon«, »Pokémon«, »Dragon Ball« und so weiter, die sich allesamt großer Beliebtheit erfreuten. Japanische Animes überrollten fortan die westliche Kulturlandschaft, die gedruckte Variante in Form der Mangas folgte im Schatten ihrer schrillen Cartoon-Pendants – beides Trend, die sich bis heute gehalten haben. Auch die damals neue Welle thematisierte dieselben alten Grundkonflikte und die eigentlich recht konservativen Wertvorstellungen der von mir so geliebten Zeichentrickfilme – angereichert allerdings um jede Menge Krachbumm und buntes Geblinke, dass man Schaum vorm Mund bekommen möchte. War mir auf Dauer etwas zu doll, allerdings änderten sich altersbedingt auch meine Interessen allmählich.

Tja, wenn es also etwas an den 90er Jahren zu vermissen gibt, dann neben der guten Rockmusik und Bret »The Hitman« Hart, definitiv die Anime-Nachmittage auf RTL2. Die Neuveröffentlichungen der alten Kamellen auf DVD und Blu-ray zeigen ja, dass offenbar nicht nur ich diesbezüglich in Nostalgie schwelge. Drum, wer’s tatsächlich nicht kennen sollte: Give it a try! Manches davon lässt sich auf YouTube finden, anderes wiederum ... anderswo.

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Am letzten Wochenende haben meine Freundin und ich "Der kleine Prinz" im Kino angeschaut. Zugegebenermaßen bin ich nur ihr zu Liebe ins Kino gegangen, weil ich mir von der Geschichte an und für sich nicht so richtig viel versprach. Das Büchlein habe ich nie gelesen, im Groben war mir die Geschichte aber bekannt. Nun, um es kurz zu machen: Der Kinobesuch hat sich gelohnt. Der Film gibt nicht einfach nur Antoine de Saint-Exupérys Geschichte wieder, sondern spinnt auch eine wirklich sehr schön gemachte Rahmenhandlung um die ursprüngliche Erzählung. Während die Buchpassagen wunderschön in Stop-Motion-Technik visualisiert wurden, ist der größte Teil des Films im Grunde ein gewöhnlicher Animationsfilm, wie ihn auch Pixar und Co. machen. Das mag nicht jedem älteren Semester gefallen, aber gerade Kinder, für die der Film ja - nicht nur, aber auch - gemacht wurde, werden daran natürlich Gefallen finden (ich übrigens auch).

Aber worum geht's? Ein kleines Mädchen soll auf eine besonders renommierte Schule gehen. Dafür hat die arbeitsame Helikoptermutter das komplette Leben des Kindes durchgeplant, wenn sie sonst schon keine Zeit für Erziehung hat. Jede Tagesaktivität läuft nach einem strengen Zeitplan ab, für Freunde oder Spaß bleibt auf dem Weg zur vermeintlichen Traumkarriere keine Zeit. Nachdem gleich zu Beginn des Films eine Bewerbung an der besagten Schule in die Hose geht, zieht die vaterlose Familie in ein neues Haus in einer übertrieben konformistisch gestalteten Eigenheimsiedlung, nah an der ersehnten Akademie gelegen. Das Haus war besonders günstig, weil direkt nebenan ein schrulliger alter Mann in einem schrägen Haus wohnt, der so gar nicht in die Ordnung liebende Nachbarschaft passen möchte. Kurz um: Natürlich lernt das Mädchen den alten Mann kennen, der sich schließlich als der Pilot aus "Der kleine Prinz" herausstellt. In der Folge wird dem Zuschauer nicht nur die zauberhafte titelgebende Geschichte näher gebracht, sondern er erfährt auch die Werte wahrer Freundschaft und was es bedeutet, ein Kind zu sein und dieses Kind sowie die Macht der Vorstellungskraft in sich zu bewahren.

Aber ach, der Trailer erzählt das besser als ich:

Wenn man den Film analysiert, lässt sich natürlich das eine oder andere Haar in der Suppe finden. Die Themen werden etwas plakativ angegangen, der Handlungsaufbau ist recht konventionell, und ob Til Schweiger als (glücklicherweise nicht omnipräsenter) Synchronsprecher wirklich sein musste, darüber kann man streiten. Darüber konnte ich insgesamt sehr gut hinwegsehen. Denn sehr erstaunt hat mich doch, wie gut die eigentliche Geschichte um den kleinen Prinzen in ein stets aktuelles Setting eingebettet wurde. Gerade der Kontrast macht sehr deutlich, dass auch die originale Erzählung nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat. Und während wir den Film schauten, umringt von mampfenden und tuschelnden Kindern (vor allem das Mädchen hinter uns, das den Film offenbar schon gesehen hatte und ständig die im nächsten Moment gesprochenen Sätze vorplapperte ... Grrr!), erwischte ich mich doch selbst immer wieder mal dabei, wie ich Stationen meines bisherigen Lebens Revue passieren ließ.

Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie es damals war, als ich so allmählich mit der Schule fertig wurde. Karriere wollte ich machen, auf jeden Fall hoch hinaus. Wie genau, das wusste ich damals auch noch nicht, aber dass es sein musste, das war klar. Wurde mir ja auch so vorgelebt. Meine Eltern wollten immer, dass ich's mal besser habe. Wenn sie selbst es schon nie aus dem Proletarierdasein herausgeschafft hatten, so sollten doch ihre Kinder das erreichen, was ihnen verwehrt blieb. Das ewige Projektionsthema der Eltern auf ihre Kinder eben. Ich dachte damals allen Ernstes, ich könnte nach der Schule mein altes Leben einfach abstreifen wie eine abgetragene Jacke, mich in den Anzug schmeißen und Businesskasper spielen.

Hat glücklicherweise nie geklappt, und darüber bin ich sehr froh. Mir war mein Leben, meine Hobbys, der Kontakt zu Menschen, die mir etwas bedeuten, immer wichtiger, als ganze Tage schwer schuftend im Büro zu verbringen und nur noch zum Schlafen nach Hause zu gehen. In meinem Umfeld beobachte ich so was leider allzu oft, und ich möchte dann immer schreien, dass Arbeit doch wohl nicht alles im Leben ist. Ich habe das Kind in mir bewahrt, und das lebe ich auch aus. Böse Zungen könnten natürlich behaupten, ich würde damit kompensieren, dass ich noch immer keine eigenen Kinder habe, und vielleicht ist da auch was dran, aber das ist mir eigentlich sehr egal. Ich habe auch lange gebraucht, um herauszufinden, was es eigentlich bedeutet, jemanden wirklich zu lieben, diesen jemand festzuhalten, wieder loszulassen und zu wissen, dieser jemand kommt auch wieder zurück. In dieser oberflächlichen Höher-schneller-weiter-Zeit, in der jeder immer nur dabei ist, sich selbst weiter zu optimieren, kann man das schon mal verlernen, glaub ich. Oder vielleicht auch nie gelernt haben. Und das ist schade, entgeht einem dadurch doch so viel Schönes.

Es ist nicht immer ganz leicht, sich stets all dieser Lebensinhalte abseits des Strebens nach Geld und Konsum bewusst zu sein, aber es ist wichtig, es sich immer wieder bewusst zu machen, wenn man mal abdriftet. Das waren so Gedanken, die mir während des Films und danach durch den Kopf gingen. Ist also durchaus nicht nur für Kinder gemacht, denn die wissen es wahrscheinlich sowieso noch viel besser als wie Erwachsenen. Erwachsen wird man von allein, am Kindbleiben muss man arbeiten.

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Meine erste Begegnung mit einem Pratchett-Roman verlief sehr unspektakulär. Ich gebe zu, mich schreckten die irre bunten Cover der Scheibenweltromane mit ihren detailverliebten Comiczeichnungen immer ab. Terry Pratchett, von meinem damaligen Verständnis her ein Fantasy-Autor für Nerds, das war nichts für mich. Vielleicht weil ich selbst immer ein bisschen nerdiger war, als ich es gern gewesen wäre. Irgendwann im Frühsommer 2011, recht spät im Lebenswerk des britischen Autors also, fiel mir die deutsche Übersetzung zu »Making Money« in einer Berliner Thalia-Buchhandlung in die Hände. Deutscher Titel: »Schöne Scheine« – der erste Scheibenweltroman in meinen Fittichen, der keines der genannten Cover hatte, sondern ein für mein Empfinden sehr ansprechendes, flächiges. Ich bin ein Augentier, drum kaufte ich das Buch wohl seines Covers wegen. Und weil ich endlich wissen wollte, was es mit dieser verflixten Scheibenwelt überhaupt auf sich hatte.

Es gibt nicht so viele Autoren, die mich von der ersten Seite an mitnehmen. Manche Werke entfalten ihre Qualitäten erst nach der Hälfte des kompletten Buches, andere plätschern bis zum Schluss dahin wie ein gemütliches Bächlein, wieder anderen fehlt die Seele. »Schöne Scheine« dagegen zog mich von der ersten Seite an in seinen Bann. Wie oft fand ich mich selbst in der Schrulligkeit der Charaktere, in ihren ganz gewöhnlichen Fehlbarkeiten wieder? Ich erkannte recht schnell, dass Pratchett das Fantasy-Setting der Scheibenwelt nicht um seiner selbst willen entworfen hatte. Für ihn diente die Fantasy-Welt, die er selbst erschaffen hatte, immer auch dazu, auf ironische Art und Weise auseinandergenommen zu werden – wie Kinder, die eine Sandburg bauen, um sie hinterher mit lautem Gebrüll wieder plattzutrampeln. Diese Welt, eine flache Scheibe, auf dem Rücken von vier Elefanten liegend, die wiederum auf dem Rücken der riesigen Schildkröte Groß A'Tuin stehen, die ihrerseits durchs All schwimmt – schon für sich genommen eigentlich eine Absurdität. Die Demontage dieser Welt, vor allem der mit ihr verbundenen Fantasy-Klischees, war auch immer Pratchetts Mittel, dem Leser die eigenen Fehler und den Irrsinn der echten Welt um ihn herum aufzuzeigen. Man muss den Humor der Bücher nicht mögen, und ich kenne viele, die ihn sogar unerträglich finden, aber die Weitsicht, die Klugheit, die Pratchetts Romanen – bei Weitem nicht nur den Scheibenweltromanen – innewohnt, die muss man anerkennen.

Ich habe inzwischen, bis auf den jüngsten Roman, alle Scheibenwelterzählungen gelesen. Viele gute und entspannende Momente verbinde ich mit diesen Büchern. Ich las sie im Sommer auf dem Balkon, neben mir ein kaltes alkoholfreies Bier, ich las sie in der Badewanne, hatte sie auf meinen Reisen dabei, ganz egal, ob ich meine Freundin besuchte, die damals noch in Stuttgart studierte, ob es in den Urlaub ging, oder ob ich beruflich unterwegs war. Zuerst las ich die Bücher ungeordnet, später in chronologischer Reihenfolge – ich wollte die Querverweise verstehen, denn die Scheibenwelt, die immer auch eine Parabel auf die Rundwelt darstellt, entwickelt sich natürlich weiter. Begann sie in einem mittelalterlichen Szenario um den trottligen Zauberer Rincewind, so lässt sie sich inzwischen eher mit dem viktorianischen England vergleichen, bevölkert von einer Vielzahl wiederkehrender Charaktere. Ich begann auch, die bunten Cover der Bücher zu mögen, weil die vielen Details, die mich anfangs abstießen, mich nun auch zum Schmunzeln brachten.

Vieles habe ich aus Pratchetts Büchern gelernt, sowohl, was das Erzählen von Geschichten an sich angeht, als auch – was viel wichtiger ist – über das Funktionieren einer modernen Gesellschaft. Pratchetts Romane standen und stehen für Toleranz, Pazifismus und eben jenes Quäntchen an gesundem Menschenverstand, das am Ende über Kriegstreiberei, Vorurteile, Hass und Gier siegen wird. Wenn ich nur eine zentrale Botschaft von der Scheibenwelt mitnehmen dürfte, so wäre es diese: Denke und glaube, woran du möchtest, aber geh damit niemandem auf die Nerven. Pratchett hat diesen Satz so nie geschrieben, aber das war auch nicht notwendig.

Die jüngsten Romane versprühen leider nicht mehr den Geist und die Magie früherer Werke, was wohl der Alzheimer-Erkrankung zuzuschreiben sein dürfte, unter welcher der Autor seit spätestens 2007 litt und die seinem Dasein gestern ein viel zu frühes Ende bereitete. Der früher so charmante Humor war in den letzten paar Büchern inzwischen eher ein fernes Echo geworden, die Charaktere waren Schatten ihrer selbst und kaum mehr wiederzuerkennen. Irgendwie hoffte ich trotzdem immer, es würde wieder besser werden, wieder bergauf gehen, schließlich ist es nicht vorbei, bis die dicke Frau gesungen hat. Auf der Rundwelt stirbt die Hoffnung zuletzt. Pratchett ist gestern vorausgegangen. Tod und er konnten hoffentlich wenigstens noch kurz an einem Imbiss anhalten und ein Currygericht genießen.

Einen Roman gibt es noch, einen habe ich noch nicht gelesen. Die Scheibenwelt erhält zum Abschluss eine Eisenbahnlinie. Ich weiß, der Roman, »Toller Dampf voraus«, wird eher mittelmäßig sein. Ich werde ihn trotzdem lesen. In Gedanken werde ich dann in einem der Waggons sitzen und rausschauen, während die Stadt Ankh-Morpork noch einmal an mir vorbeizieht, wo die Flaggen auf Halbmast wehen. Irgendwo im winzigen Königreich Lancre wird wohl sogar Oma Wetterwachs ein Tränchen vergießen, aber natürlich nur, wenn wirklich, wirklich, wirklich niemand in der Nähe ist, der sie dabei sehen könnte.

Die Endgültigkeit auf einer Welt, von der man nicht herunterfallen kann, wenn man immer geradeaus läuft, ist ein seltsam mattes Gefühl. Kommandant Mumm von der Stadtwache hätte darauf wohl einen zotigen Spruch parat. Ich werde all das wirklich vermissen.

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Kürzlich las ich irgendwo, dass die Firma iRobot, die unter anderem den Staubsaugerroboter Roomba vertreibt, auch Militärroboter fertigt. Ich fand die Vorstellung sehr amüsant, wie eine Horde fleißiger Soldaten vor dem bewaffneten Roboter herläuft, um alle herumstehenden Blumenvasen Hindernisse aus dem Weg zu räumen, damit das Ding nicht plötzlich kehrtmacht und in die eigenen Reihen ballert oder irgendwo hängenbleibt und vor- und zurückwalzt, bis der Akku leer ist oder versehentlich die Krawatte des Oberbefehlshabers einsaugt oder ... Andererseits ist der Gedanke auch ein bisschen erschreckend, und ich bin ganz froh, dass unser Katzenhaarentferner, den wir liebevoll Max getauft haben (Okay, meine Freundin war's!), keine Arme hat oder so.

Die Angst vor Haushaltsrobotern, und was die Dinger anrichten könnten, wenn sie technologisch erst mal ein gewisses Level erreicht haben, ist ja nicht ganz neu. Zahlreiche Science-Fiction-Filme und -Geschichten haben das Thema schon zur Genüge umgesetzt. Der Film »I, Robot« (ironischerweise gleichklingend wie der oben genannte Roomba-Hersteller) ist vermutlich eine der bekanntesten Interpretationen des Themas. Sehr, sehr schön gemacht ist aber auch dieser Kurzfilm über den niedlichen Helfer »Blinky«.

Da lobe ich erst letztens die neue Slash-Platte über den Klee, gerade weil es dieses Jahr mit guter Musik bisher wirklich sehr dünn war, und schon kommt die Überraschung des Jahres von einer Band, an die ich nun wirklich schon lange keine großen Erwartungen mehr gestellt hatte: Weezer! Nach dem so genannten »Red Album« kam ja eigentlich nur noch Halbgares bis Scheußliches, und irgendwie schien der Spirit weg zu sein, wie bei so vielen Bands, die in den 90ern mal richtig groß waren, und dann, wie aus dem Nichts – Bäm! –, kommt plötzlich eine wahnsinnig gute Scheibe um die Ecke.

(Na ja, bzw. ein wahnsinnig guter Download, ahem. Mangels CD-Laufwerk stelle ich mir schon lange keine weiteren CDs mehr ins Regal.)

Wie dem auch sei, das neue Album mit dem sperrigen aber viel versprechenden Namen »Everything Will Be Alright In The End« (Ob man das wohl bald »EWBAITE« abkürzt?) ist auf jeden Fall eine Offenbarung. Kein Scheiß, nicht übertrieben. Über die mitunter absurd simplen Texte (»Go Away«) muss man einfach hinwegsehen, sind doch die Melodien, die Gitarrenparts, ja das Gesamtpaket einfach, über jeden Zweifel erhaben. Eingängige Rockmusik zum Mitjaulen, wenn die Nachbarn mal verreist / schwerhörig / wahnsinnig tolerant sind.

Unbedingt also mal reinhören! Auch wer kein Weezer-Fan ist, sollte ruhig die Lauscherchen aufsperren. Gerade in Zeiten auf Hochglanz durchproduzierter Popgülle und elektronischer Seelenlosigkeit ist was gelungen Hörbares aus dem Fundus echter Musiker ja fast schon ein unschätzbares Gut.

Anspieltipps: »I've Had It Up To Here«, »Foolish Father«

Ah ja, und mangels Anspieltipp-Video und weil die erste Single »Back To The Shack« leider der schwächste Song des Albums ist, hier was Altes zum Schwelgen in der Vergangenheit:

Ich hab hier ja schon lange keine Musiktipps mehr gegeben, und vermutlich kann sich nur eine Person für das begeistern, was ich so höre, und das bin ich dann eben selbst. Aber puh, ist »World On Fire« eine saucoole Platte. Wer ein bisschen was für handgemachte Rockmusik übrig hat, die alten GNR-Platten mag und Slash für so ziemlich das Beste hält, was einer E-Gitarre passieren kann (knapp hinter John Frusciante natürlich), der sollte sich die Platte mal eben reinpfeifen. Knallt besser als ein dreifacher Espresso nach ’ner durchzechten Nacht.

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Gegebenenfalls ist irgendwem da draußen entgangen, dass es eine neue Platte der Queens Of The Stone Age gibt. »... Like Clockwork« heißt das Ding und ist, wie nicht anders zu erwarten, ziemlich hervorragend geworden. Wer jetzt »My God Is The Sun« schon kennt, der könnte sich beispielsweise »If I Had A Trail« mal anhören. Insgesamt etwas schwer reinzukommen, wie es bei den Hommeschen Klängen immer der Fall ist, aber dafür hat man dann länger was von seiner Investition, nech? Auf jeden Fall die bestmögliche musikalische Einstimmung auf den Sommer und eine angenehme Abwechslung zu dem Schund, der sonst so fabriziert wird und dafür sorgt, dass ich nur noch altes Zeug höre. Ach.

Ich war drauf und dran, mich darüber zu echauffieren, dass 2012 musiktechnisch zumindest meinen Geschmack betreffend ein wenig Flaute herrschte. Neue Platten gab es zwar genug, irgendwie war aber nichts mit richtig Schmackes dabei, obwohl doch noch dieses Jahr die Welt untergehen soll. Mensch! Und kaum habe ich mich drüber geärgert, haut Graveyard was Neues raus:

Wahnsinn!

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Gibt's noch Anhänger der Drei-Akkorde-Fraktion da draußen? All denjenigen sei die neue »Self Entitled« von NoFX ans Herz gelegt. Ich hätt's nicht gedacht, aber das Ding ist höllisch gut. Kann man auch ganz frech legal mittels Spotify anhören, bevor man fünfzehn Euro in eine vorsintflutliche Silberscheibe investiert. Ach ja, unbedingt zu empfehlen, die Nummer hier: