Dummes Zeug von oben

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Vor einiger Zeit habe ich mir eine Polar M400 gekauft, also so 'ne Schnickschnackuhr, die aussieht wie eine dieser uralten Casio-Armbanduhren auf Steroiden. Da ich mal mehr und mal weniger häufig laufen gehe und eben hin und wieder auch ganz gerne sehe, ob ich mich verbessert habe oder so langsam bin, dass ich rückwärts durch die Zeit diffundiere, empfand ich's als eine ganz gute Idee, mir so ein Teil zu kaufen. Klar, nichts, was mein Smartphone nicht auch kann, aber dieses Riesending mittels Schnalle um den Arm zu wickeln fühlt sich eben immer an, als würde ein sadistischer Arzt eine ganze Stunde lang den Puls messen, während man auf einem Laufband vor sich hinkeuchen muss. So 'ne Uhr erschien mir da schon chicer. Die Apple Watch fiel übrigens von vornherein flach, weil die kein eingebautes GPS hat und damit auch nur eine Penisverlängerung für das iPhone ist.

Apropos Penisverlängerung: Polar hat seiner Uhr mit dem letzten Update auch ein paar ... Features spendiert, die denen der Apple Watch ähneln: Smartphone-Benachrichtigungen jeglicher Art werden jetzt auch auf der M400 angezeigt, und wie gestern bemerkte, kann ich scheinbar nun sogar Anrufe auf dem Ding entgegennehmen. Wie auch immer das funktionieren soll, wenn das Telefon währenddessen in meiner Hosentasche steckt, aber hey, that's none of my business. Das mit den Benachrichtigungen ist zugegebenermaßen ein bisschen praktisch, weil ich so sofort sehe, warum mein Telefon pingt oder vibriert, ohne es erst mühsam aus der Tasche kramen zu müssen, während ich im Bus eingepfercht zwischen schwitzenden Touristen stehe und mich kaum bewegen kann. Ist aber eben nur ein bisschen praktisch, weil man bspw. Nachrichten auf der Uhr nicht scrollen kann, d.h., ich sehe auf dem Winzdisplay mit seiner Auflösung von gefühlt vier mal vier Pixeln den Absender und vielleicht die ersten zwanzig Zeichen einer Nachricht. Den Rest muss ich dann erraten oder eben doch auf dem Telefon nachlesen. Antworten oder so geht schon mal gar nicht. Dolles Ding. Kommt hinzu, dass die Uhr nun ständig die Verbindung zur App auf dem Smartphone verliert, bzw. die App mich dauernd ausloggt. Alle paar Tage muss ich mich nun neu einloggen, die Daten der Uhr mit der App synchronisieren, etc. Von der Sync-Software auf meinem Mac ganz zu schweigen, die bei gefühlt jedem zweiten Synchronisationsvorgang sang- und klanglos abstürzt. Hat den Kram eigentlich irgendwer getestet?!

Hätte man der M400 statt dieser unausgereiften und nicht zu Ende gedachten Funktionen nicht lieber was Gescheites hinzufügen können? Wo sind bspw. individualisierbare Trainingspläne? Eine Funktion, die mich dran erinnert, wie lange ich heute laufen muss? Smartphone-Apps können das schon lange. Warum baut man der Software nicht ein, dass die Uhr mich darauf hinweist, wenn ich zu schnell oder zu langsam laufe? Es gibt Pulsmessgurte, die können das. Wenn ich schon einen Trainingsbegleiter kaufe, weshalb begleitet er mich nicht, sondern tut so, als wäre er eine Apple Watch für alle, die gern eine hätten, sich aber keine leisten können? Solche Funktionen treiben die Leute am Ende doch nur zum Original.

Ich kann mir gut vorstellen, wie das im Management bei Polar abgelaufen sein wird. Der Chef kam mit seiner nagelneuen Apple Watch Edition rein (Ja, Edition ist die goldene mit dem Mondpreis!), schlug mit der Faust auf den Tisch und sagte: »Das, was meine neue Uhr hier kann, müssen unsere auch können. Baut das ein!«

Bemitleidenswerter Ingenieur mit Ahnung darauf: »Aber dafür ist unser Produkt doch gar nicht gemacht.«

Chef: »Papperlapapp! Baut das ein!«

Bemitleidenswerter Ingenieur mit Ahnung und zweihundert Puls: »Aber DAS GEHT NICHT!«

Chef: »Sie sind RAUS!«

Oder eben so:

Meeting bei Polar

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So, Welt. Jetzt hast du's geschafft. Mutti hat immer gesagt, mit blöden Kindern muss ich nicht spielen.* Ich hab nämlich die Nase voll von dir, vor allem aber von dem ganzen Kram, der so passiert und der dann seinen Weg in die Nachrichten findet. Alles, was mir der ganze Schwachsinn bringt, den ich täglich lesend oder schauend konsumiere, ist schlechter Stuhl. Ich hatte eigentlich vor, an dieser Stelle einen Beitrag über die Dummheit der meisten Menschen zu publizieren. Nachdem aber mindestens zwanzig mal das Wort »scheiß« in meinem Post vorkam, der ohnehin schon die Skala für Political Correctness um Lichtjahre sprengte, hab ich entschieden, das Ding im Entwurfsstatus versauern zu lassen und stattdessen mein Politik- und Gesellschaftsmedienkonsumverhalten (Was'n Wort!) zu ändern. Man muss ja immer mal seinen eigenen Standpunkt hinterfragen und gegebenenfalls auch anpassen, wie schon der große Philosoph Oliver Kahn einst sagte, und genau das tue ich jetzt.

Also liebe Welt, künftig scheiße (Ha, da ist es wieder, das Wort!) ich auf das, was in dir so passiert. Ich werde das Gedöns um mich herum ignorieren und mich stattdessen den schönen Dingen hingeben. Den Kopf in den Sand stecken mag jetzt auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein, aber bevor ich mich bis zur Darmverstopfung aufrege, und glaub mir, liebe Welt, ich krieg das hin, übe ich mich doch lieber im Fokussieren auf das, was mir zwar nicht wesentlich, aber dafür angenehmer scheint.

Wenn du dich dann in ein paar Jahren oder so wieder eingekriegt haben solltest, Welt, dann können wir's ja noch mal miteinander versuchen. Bis dahin ist Ruhe im Karton, was dich und mich angeht.

 

* Ist gelogen. Hat sie nie gesagt.

2014Ein nicht ganz ernst gemeinter Ausflug ins kommende Jahr. Kann hier auch wunderhübsch in Buchform mit Cover und allem Pipapo gelesen werden. Nur den Kaffee müsst ihr selbst mitbringen, versteht sich.

Januar: Das Jahr beginnt mit einem bayrischen Paukenschlag: Horst Seehofer verkündet den Untergang des Abendlandes. Armutsflüchtlinge aus Osteuropa drohen, das Land zu überrollen wie einst russische T-60-Panzer. Da die Lumpenträger mitsamt ihren je zwanzig natürlich vorbestraften Kindern zu Fuß über die Grenze stiefeln, taugt nicht mal die eilig beschlossene PKW-Maut als Bollwerk gegen den Feind mit den leeren Taschen, und Grenzgeschütze sind mit der SPD nicht zu machen. Erstes prominentes Opfer der Schnorrerschwemme ist schon Ende 2013 Michael Schumacher, der, wie schon bald ein Video verrät, nicht etwa beim Skifahren über einen Stein gestolpert ist, sondern natürlich über einen Armutsflüchtling auf dem Weg zum Sozialamt. Noch während Deutschland um den Rekordweltmeister bangt, stürzt kurz darauf auch die Kanzlerin beim Langlauf über einen eingewanderten Sozialschmarotzer, der als Stein getarnt dabei war, sein üppiges Kindergeld zu zählen. Schnell wird klar: Das Ende naht!

Februar: Nastrovje, das hat politische Sprengkraft! Edward Snowden stößt mit gut gefülltem Wodkaglas auf seinen neuen käuflich erwerbbaren Eventkalender an - ein Spaß zum Staunen, Schmunzeln und Mitraten für die ganze Familie: Jede Woche wartet hinter einem von 52 Türchen ein brandneuer NSA-Skandal, direkt aus dem satten Fundus des US-Staatsfeindes Nummer 1 entnommen. Während die meisten Bundesbürger völlig unverschlüsselt via WhatsApp, Twitter und Co. gemeinsam rätseln, was wohl demnächst im Kalender sein könnte, kann eine Person nicht mitreden, weil ihr Lakai Peter Altmey... Altmei... Altmaier vor lauter Twitterei vergessen hat, ihr einen eigenen Kalender zu schenken: Angela Merkel.

März: Noch mal Angela: Die geliebte Mutti ist inzwischen genesen, bekommt für den nächsten Urlaub aber Sportverbot auferlegt. Nachdem sie sich am Jahresanfang auf Skiern trotz wirklich geringer Reformgeschwindigkeit auf den Beckenring gelegt hatte und leicht verunfallt war, ging's in Berlin drunter und drüber. Als sich zwischenzeitlich heimlich einige FDP-Mannen ins Parlament mogeln wollten, ließ Merkel sich mitsamt Bett ins Amt schieben, wo sie sich seitdem innerlich darüber ärgert, dem Grinsemann Ronald Pofalla nicht beizeiten ihr vollstes Vertrauen ausgesprochen zu haben. Dieser schaufelt derweil bekanntlich zum Unmut des deutschen Michel fleißig Kohlen bei der Bahn. Äh, scheffelt Kohle natürlich! In einem BILD-Interview schimpft der frühere Fraktionsvorsitzende Wolfgang Bosbach über Pofallas unverschämte Lobby-Tätigkeit: »Ich kann seine Fresse nicht mehr sehen!«

April: Tauwetter nicht nur draußen, sondern auch in der großen Koalition. Nachdem der SPD wieder eingefallen ist, dass die Agenda 2010 ja auf dem Mist eines lupenrein sozialdemokratischen Parteigenossen gewachsen ist und kein Teufelswerk der CSU-Ketzer aus Bayern war, kommen die Koalitionäre sich auch inhaltlich allmählich immer näher. Den gesetzlichen Mindestlohn koppelt man zeitlich an die Eröffnung des neuen Hauptstadtflughafens. Vor der nächsten Wahl werde das aber ganz bestimmt noch was, verspricht Sigmar Gabriel im Interview, der jetzt allerdings auch ganz schnell weg müsse, um seine Tochter aus der Kita abzuholen. Derweil wird im Parlament der Sozialstaat zusammengestrichen, bis der Rotstift stöhnt, während die Abgeordneten angestrengt über Kreuzworträtseln darüber brüten, wofür diese ominösen Buchstaben »S« und »C« in ihren Parteikürzeln noch mal stehen.

Mai: Völlig überraschend wird das Verbot von Mentholzigaretten vorgezogen. Das EU-Parlament lässt dazu verlauten: »Die fiesen Dinger müssen endlich weg. Als nächstes nehmen wir uns Verteilersteckdosen mit nur drei Steckplätzen, entkoffeinierten Kaffee und braune Eier vor, die überhaupt nicht gesünder sind als weiße.« Helmut Schmidt, der gerade an einem neuen Buch arbeitet, sieht's gelassen. »Wichtig ist nicht, was man raucht, sondern dass man raucht«, verkündete der Altkanzler. Weniger entspannt ist dagegen die Deutsche Bank. Diese hat sich durch riskante Spekulationen mit Mentholzigaretten mächtig verzockt. Während vor allem Die Linke einmal mehr die Casinomentalität des Geldhauses kritisiert, geben sich die Banker selbst unschuldig: Während der Ausbildung hätten sie es vom Croupier eben nicht anders gelernt. Der Vorstand derweil zeigt Reue und verspricht, künftig in weniger riskante Bereiche wie Trinkwasser, Reis und »Brot für die Welt« zu investieren.

Juni: Die Fußball-WM ist in vollem Gange und sorgt hierzulande zumindest für Reiseunlust. Klar, solange die DFB-Elf im Rennen ist, sitzt sich das fußballfanatische Volk die Hinterteile vor den LED-Riesenfernsehern der Szenekneipen platt, statt auf Malle den Kopf in den nächsten Sangriaeimer zu stecken. Als die Bahn massive Einbußen im Personenverkehr befürchtet, erklärt Neuvorstand Ronald Pofalla die Fußball-WM für beendet. Ein Machtwort mit Wirkung: Prompt wird Deutschland im Viertelfinale von Argentinien aus dem Turnier gekegelt. Das entscheidende Handtor geht als »Hand Pofallas« in die Fußballgeschichte ein. Der sichtlich zerknirschte Trainer »Jogi« Löw entschuldigt sich für die maue Leistung und versichert, die nächste WM mache er noch, dann solle aber wirklich mal ein anderer ran.

Juli: Das Sommerloch gähnt obszön wie noch im letzten Jahr FDP-Abgeordnete während eines Vortrags der Hobbystalinistin mit Schreibfehler im Vornamen, Sahra Wagenknecht. Landesweit strömen schwitzende Journalisten in die Fußgängerzonen, um dekadente Wohlstandskinder in überteuerten Eisdielen zu fragen, was sie so vom Sommer halten. Ähnlich mau schaut es im Unterhaltungsfernsehen aus: Als die Quoten ob des guten Wetters vollends einbrechen, versucht Pro7 einen Rettungswurf: Die hirnbefreite Silikonstelze Micaela Schäfer darf ihre Hupen rund um die Uhr in die Kamera halten. Als auch danach kein Hahn kräht, wird der Ruf nach einem staatlichen Rettungsschirm laut. Ganz anders das Öffentlich-rechtliche: Die hohen Mehreinnahmen erlauben dem ZDF, Jenny Elvers eine eigene Show zu spendieren. »Mein Leben nach dem dritten Glas« kommt beim Fernsehpublikum allerdings noch schlechter an als die Schäfer und wird stillschweigend wieder eingestellt.

August: Die FDP löst sich auf. Nach innerparteilichen Querelen schmeißt Hoffnungsträger Christian Lindner hin. Künftig möchte sich der ehemalige liberale Heilsbringer wieder vermehrt wichtigeren Dingen wie dem Ausfahren seines Porsche-Cabriolets widmen. Da sei man ja auch viel näher bei den Menschen, schwärmt Lindner. Auch wolle er endlich wieder Fahrtwind spüren - vor allem in der Tolle, schließlich muss sich die Haartransplantation vom Vorjahr lohnen. Als Journalisten auch FDP-Abgeordnete im Europäischen Parlament befragen wollen, treffen sie dort niemanden an, was allgemeine Verwirrung auslöst, schließlich sind die ausliegenden Anwesenheitslisten allesamt unterschrieben. Auch Altkader wie Westerwelle, Brüderle und Rösler sind aufgrund zeitintensiver Anschlussverwendungen partout nicht zu sprechen.

September: Die Welt schaut gebannt nach Amerika, während Amerika wie gehabt gebannt überallhin schaut. Dort, nämlich im schönen San Francisco, stellt der geheimniskrämerische Technikkonzern Apple der Weltöffentlichkeit einmal mehr das nächste revolutionäre Produkt vor, das natürlich wieder alles verändern wird: ein Smartphone, das sogenannte »iPhone 6«, mit dem wirklich niemand gerechnet hat. Dünner als eine Gillette-Klinge soll es sein und so leicht, dass es am Hosenbund festgemacht werden muss, damit es nicht in die Stratosphäre aufsteigt und Elektroschrottkrusten in der Erdumlaufbahn bildet. Eine kleine Auswölbung an der Rückseite des Gerätes ist, so versichert der Konzern mit dem Apfel, auf keinen Fall einem zu dick geratenen Hodenkrebs verursachenden Spionagebauteil der NSA geschuldet.

Oktober: Mit zu engen Schlitzen verkniffenen Augen, ganz als hätte er nur drei Stunden Schlaf seit der letzten Vernissage abbekommen, tritt Berlins Balu der Bär, Klaus Wowereit, vor die Presse und verkündet, Berlins Großstadtflughafen BER sei eine Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen suche. Während der herkömmliche Berliner sich kaum noch daran erinnert, wovon der wirre Mann da eigentlich redet, wird dieser wenige Monate später wegen unvorhersehbarer Verzögerungen bei der Ankündigung zur nächsten Ankündigung einer Eröffnungsankündigung abdanken und kommissarisch an Matthias Platzeck übergeben. Der wiederum stöhnt augenblicklich auf, zieht sich einen Bänderriss zu und bekommt zwei Jahre Bettruhe verordnet. Überraschend übernimmt Wowereit. Wird der fliegende Wechsel zumeist kritisiert, gibt es unerwartet Beifall aus Moskau: Putin findet’s klasse.

November: Apropos abdanken. So sicher wie das Amen in der Kirche ist natürlich die Ankündigung vom Ende der Scorpions. »Nach dem nächsten Album ist Schluss!«, sagt Sänger Klaus Meine und kündig schon mal eine Best-Of-Scheibe im Anschluss an. Und eine Unplugged-CD. Ah ja, und selbstverständlich die zweijährige Mega-Abschluss-Good-Bye-Tour von den Feuerland-Inseln bis Pjöngjang. Der dortige Machthaber verlangt allerdings von den Altrockern, dass zu »Wind Of Change« ausschließlich gepfiffen wird.

Dezember: Deutschland wurde im Jahr 2014 tatsächlich von Armutsflüchtlingen überrollt. War bis zum Ende des Vorjahres niemandem auch nur das Wort ein Begriff, wissen ehemalige Wohlstandsbürger vor lauter Armut inzwischen kaum mehr, wie saubere Erste-Welt-Luft made in Germany überhaupt riecht. An einem kalten Dezembertag, die Sonne ist aus Energiespargründen längst verdunkelt, der Nikolaus abgeschafft, und auf Weihnachten steht zumindest in Berlin Kreuzberg Tod durch Steinigung, verkündet die Bundeskanzlerin einmal mehr die Durchhalteparolen fürs Folgejahr. Derweil hört unter einem großen, schmutzigen Berg aus Armutszeugnissen kaum jemand dumpf die Stimme Horst Seehofers klagen: »Des Gsind'l! I hob's do glei g'sogt!«. Immerhin: Zu Silvester sind sich alle, ob arm, ob reich, einig: Was’n Jahr! Die Zeit vergeht doch wie im Fluge, wenn man sich amüsiert.

Scheiße, jetzt ist es so weit: Ich bin im Raster! Ich bin so was von gerastert, ich könnte ausrastern! Nichtsahnend stehe ich heute Morgen am Flughafen Tegel, ausgestattet mit verklebten Augen und schaue aufgrund Kaffeemangels aus der Wäsche wie ein frisch aus der Hölle entschlüpfter Landurlauber, da zieht mich einer der gefühlt fünfzig Kontrolleure, die sich am Winz-Gate Nummer 11 zusammendrängen wie eine uniformierte Schafherde, zur Seite und bittet mich höflich, ihm zu folgen. Klar geht mir erst mal die Pumpe, als der aufgeweckte Herr sich mein Notebook krallt und in Richtung einer dubiosen Tür marschiert. Mit Knien aus Butter marschiere ich hinterher. Immerhin bin ich jetzt so was von wach und kann schon mal drüber nachgrübeln, was ich wohl ausgefressen haben mag: Illegale Pornos dürften keine auf der Platte liegen, also werde ich wohl beim Twittern die Klappe zu weit aufgerissen haben. Schon sehe ich Bekannte und Familie die Köpfe schütteln und einvernehmlich sagen, sie hätten ja schon immer gewusst, dass einer, der mit knapp 160 Zentimeter Körpergröße unter jedem Radar durchschlüpft, irgendwas ausgefressen haben muss.

»Keine Sorge, wenn Sie nichts zu verbergen haben, müssen Sie auch nichts befürchten«, flötet derweil der unverschämt gut gelaunte Kerl frisch aus dem Legokasten für Satzbausteine, während er noch immer mein Notebook vor sich her trägt wie einen fauligen Karpfen. Alter, weißt du, was ich alles zu verbergen habe? Zwei, drei Schokoriegel vom Arbeitgeber nicht bei der Steuer angegeben, die Tür nie geöffnet, wenn der Rundfunkspitzel auf der Matte stand, vorm Schloss Bellevue ins Gebüsch gepinkelt, und und und! Wenn sie mir jetzt nur die Finger brechen und die Nase abschneiden, kann ich wohl von Glück reden! Und dann … »Sprengstoffkontrolle« steht da auf einem kleinen Schildchen. Eine reichlich erkältete Dame schlurft röchelnd und hustend herbei, fährt mit einem Wattestäbchen über mein Notebook und gibt nach kurzer Analyse Entwarnung. Aha, kein Plutonium an Bord. Durch die Kontrolle muss ich trotzdem noch einmal, wer weiß schließlich, was ich unterwegs geklaut habe? Ist schon klar, mein klobiges Dienst-Notebook, ist natürlich eine verkappte Bombe. Einmal Strg, Alt und F6 gedrückt, schon kracht’s gewaltig im Karton. Big Bang! Und mittels weiterer Tastenkombinationen verwandelt sich das Ding wahlweise in ein Surfbrett oder ein Kilo Lembasbrot, das mich über Wochen bei Futter hält.

Wie aber auch könnte ich‘s den paranoiden Sicherheitsfanatikern hierzulande verdenken? Seit eine bärtige Bergziege namens Osama Bin Laden unbedingt New Yorks Skyline aufs Wesentliche reduzieren musste, wird aus Übersee vorgegeben, dass Terror und Verrat nicht nur vom sprengstoffgürtelbewehrten Turbanmullah ausgehen, der in krümeligen Internetvideos drohend den Wackelfinger hebt, sondern schon im heimischen Notebook anfangen.

Genau deswegen hat’s jetzt auch das Paralleluniversum World Of Warcraft erwischt. Wer die letzten zehn Jahre unter einem Stein verbracht hat, dem sei in Kürze gesagt, das ist ein Online-Computerspiel, in dem sich Nerds aus aller Welt Tag für Tag die Rübe einknüppeln, während sie vergessen, welche Jahreszeit draußen herrscht. Wie in solchen Metiers üblich, erfinden die Teilnehmer recht schnell eine, nun, etwas eigentümliche Sprache, die sich zumeist aus Abkürzungen, die niemand sonst versteht, und entsetzlichen Sprachverstümmelungen wie der hier zusammensetzt: »OMG!!!!! da war grad son mongo der hat mich gekillt als ich grad mit 5 mobs am popo grinden war!!!« Alles verstanden? Gut, ich auch nicht. Solchen Käse habe ich schon werktags von neun bis fünf um die Ohren, da brauch ich das nicht auch noch nach Feierabend. Ähnlich muss es wohl auch jedermanns Lieblingsorganisationen gleich nach dem Weihnachtsmann und seinen Wichteln, der NSA, sowie seinem kleinen britischen Wadenbeißer, dem GCHQ, gehen. Denn wie inzwischen bekannt ist, werden nicht nur Hinz und Kunz bis auf die getragenen Unterbuchsen ausgespäht, sondern auch vermeintliche Realitätsverweigerer mit defizitärem Sozialleben und minus zwanzig Dipotrien.

Man stelle sich diesen Irrsinn jetzt einfach mal vor: In der virtuellen Bar »Horki Ochsenstämmers Kartoffelküche« mitten im Zwergenstädtchen Ironforge sitzen der grimmige Blutelf Loki Latrine, der bis an die Zähne bewaffnete Zwergenpaladin Wonki Wurstgulasch sowie ein penetrant popelnder Level-70-Orc beisammen und palavern über den anstehenden 19-Uhr-Raid, die neue PlayStation, die Rolle der Frauen in Gildenführungspositionen und über dieses ominöse Real Life, von dem immer alle reden. Plötzlich ist da dieser zwielichtige Gnom am Nachbartisch, der ganz allein vor seinem Humpen hockt und versucht, nicht aufzufallen. Nicht zum ersten Mal, obwohl dem »Noob« doch erst kürzlich von dem genervten Dreier nebenan ordentlich der Arsch versohlt wurde. Der olle Gnom aber ist nicht etwa ein Loser aus der dritten Klasse, der keine Freunde hat und verzweifelt Anschluss sucht, nein, das ist James Bond. Richtig gelesen, James Bond! Der jettet nämlich gar nicht im Maßanzug um die Welt, schüttelt die Martinis und rührt die Frauen, nein, der hockt in Wahrheit als übergewichtiger Zwangsneurotiker in einem miefigen Kellerbüro ohne Fenster, quarzt den eigenen Blutdruck durch die Decke und hat nichts anderes zu tun, als jugendliche Spieler wie ehrbare Steuerzahler gleichermaßen im Feierabend zu belauschen – alles im Auftrag Ihrer königlichen Majonäse natürlich. Recht so, schließlich weiß man nie, wann aus so einer virtuellen Kriegsaxt eine ziemlich reale Kofferbombe wird. Die Übergänge sind ja durchaus fließend, wie allgemein bekannt ist. So könnte aus zünftigem Speed-Leveln in Azeroth schnell spaßiges Waterboarding auf Guantanamo werden.

So, und nun stelle man sich einfach mal den Barack Obama daneben vor, wie er da steht und nicht so recht über die ganze Sache lachen kann, weil er den Witz immer noch nicht verstanden hat. Wie war das noch? »Free at last!« … ach nee, das war ja ein anderer. Vielleicht sollte sich der erfolgreichste Afroamerikaner seit Bill Cosby und Tiger Woods von Obama in O’Brien umbenennen. Phonetisch ähnlich klingend würde Amerikas Strahlemann in korrekteres Orwellsches Licht gerückt. So betrachtet wirkt sein Amtsvorgänger, der nun in Holzfällerhemden durch Talkshows tingelt und den Portraitmaler mimt, wie der kauzige Opa, den ich nie hatte, und Nordkoreas Kim Jong-un wie ein romantisch kommunistisch verklärter Vernunftmensch mit Disney-Fimmel.

Spinne ich die Chose weiter, sehe ich schon vor mir, wie demnächst Otto Normalbürgers Webcamlämpchen aufflackert, während er gerade YouPorn schaut und die Piccoloflöte poliert, weil Übervater Uncle Sam nie weiß, wann der Rubbelmann das Zewas aus der Hand legt und stattdessen ein Dynamitstängchen dreht. Oder wie wäre es mit Spionagedrohnen im Klo, nur um sicherzustellen, dass der Eierleger vom Dienst während seines Geschäfts keine Uranzentrifugenpläne aus dem Spülkasten zerrt? Schwachsinn? Gut, das mit den Drohnen schon, aber dasselbe hätte vor ein paar Monaten für World Of Warcraft und Konsorten auch gegolten.

So geht es fröhlich weiter, während unsere geliebte Bundesregierung tut, was sie am besten kann: nämlich nichts. Bei diesem gewaltigen Ausmaß an Nichts fragt man sich unweigerlich, ob an solcherlei Kriecherattitüde eigentlich immer noch Adolf Hitler, der schnarchige Politikstil der Angela M. oder doch einfach nur der Dollar schuld ist. Das Resultat ist jedenfalls überflüssig wie ein Kropf. Könnte man auch auflösen, den desolaten Haufen. Am besten in Salzsäure.

Womit ich auch am Ende angekommen wäre, vielleicht ja ganz und gar, denn dieser Text strotzt derart vor Signalwörtern, dass ich gespannt bin, ob ich die Rückreise auch noch antreten darf oder vorsorglich lieber gleich an Ort und Stelle bei der Flughafenkontrolle gesprengt werde. Besser wäre es wahrscheinlich. Wer weiß, was ich sonst noch anstelle?

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Ich weiß nicht mal, ob es die Arbeit ist, die mich dieser Tage so auslaugt, dass ich kaum in der Lage bin, ein, zwei Worte zu bloggen, oder ob es das omnipräsente Gequake über den Wahlkampf ist. Was den angeht, ärgere ich mich nämlich so dermaßen über die Parteienauswahl, dass ich schon gar nicht mehr in die Nachrichten reinschauen möchte. Geschweige denn wählen gehen. Nun ja, vermutlich werde ich das dann aber doch tun, einfach, weil es einige gute Gründe für mich gibt, meine Stimme abzugeben, ohne sie gleichzeitig ungültig zu machen.

Und ich weiß auch, dass es vielen anderen so geht wie mir, zumindest wenn man der Blogosphäre, Twitter und dem einen oder anderen Kolumnisten Glauben schenken mag (für das Heraussuchen von Links bin ich freilich zu faul, außerdem ist Google schlauer als ich).

Wer diese Ratlosigkeit angesichts all der unwählbaren Parteien nicht verspürt, der hat vielleicht ohnehin schon resigniert, ist Großindustrieller, oder aber er hat vergessen, was die SPD gemacht hat. Nur für den Fall also, dass irgendwer Peer Steinbrück und seine Truppe für den Heilsbringer halten sollte, hier noch mal von Volker Pispers zur Erinnerung:

Laufe ich dieser Tage durch die Stadt, denke ich: Warum grinsen mich hier alle so an? Ich stelle dann fest: Ach ja, sind ja bald wieder mal Wahlen. Überall hängen sie, die Grinsgesichter, mit denen ich nichts anfangen kann. Sind sie auch von unterschiedlichen Parteien, haben alle doch eines gemein: Ihren fehlt die Botschaft. War Wahlkampf denn schon immer so ... so mau? Sollte ich als Wähler nicht, äh, mittels irgendwelcher Programmpunkte überzeugt werden, mein Kreuzchen an der für mich richtigen Stelle zu machen? Nö.

Zumindest scheint es so, als hätten alle Parteien, mal abgesehen von der Linken, die Rente, Bonbons und Gedöns für alle verspricht, die Merkelsche Kampfhaltung übernommen, mit der sich unsere Kanzlerin ja schon seit geraumer Zeit im Sessel hält. Kurz: Hände in den Schoß legen und schweigen. Sieht man ja schließlich an Peer Steinbrück, was passiert, wenn man den Mund aufmacht. Drum zeichnet sich dieser Wahlkampf bisher vor allem durch eines aus: Inhaltsleere.

Vielleicht deswegen die vielen Grinsgesichter, denke ich mir, denn wenn man nichts zu sagen hat, kann man ja wenigstens für gute Laune sorgen. Vielleicht grinsen die auch nur deswegen alle, weil für sie die Aussicht besteht, sich künftig vom Steuerzahler ein üppiges Einkommen zuschieben zu lassen. Nun, wenn ich so drüber nachdenke ... Da würde ich wohl auch grinsen.

Aber liebe Leute, nur, weil ihr strahlt wie Lieschen Müller im Sandkasten, stehe ich im September nicht auf und schenke euch meine Stimme. Lange nicht. Ich meine, was habt ihr mir denn zu bieten außer mehr vom selben, also nichts? Die Merkelpartei mit dem hohen Ministerverschleiß propagiert, es liefe doch alles prima, also weitermachen wie bisher. Toll. Und die Alternativen? SPD und Grüne wählen geht aus Prinzip schon nicht, haben die doch die menschenrechtsverachtende Agenda 2010 verzapft. Überhaupt die SPD: Seit Schröder steht auch nur noch SPD drauf, und kaum macht man's auf, ist CDU drin. Die Linke ist dank ihrer vielen Querelen zum zahnlosen Tiger verkommen, bleiben also noch die Piraten, die immerhin den Preis für die optisch schönsten Wahlplakate bekommen. Dass man damit keinen Blumentopf und schon gar kein Mandat gewinnt, werden sie dann nach der Wahl merken.

Ah ja, warum springt eigentlich keine Partei so recht auf den NSA-Skandal auf? Ich weiß schon, interessiert die Leute zu wenig, das Thema. Jedenfalls solange kein Gammelfleisch drin vorkommt. Aber sollten nicht wenigstens die Piraten diese Steilvorlage besser nutzen? Ein kleines bisschen wenigstens? Nicht? Nein? Fruchtzwerge? Okay.

Bleibt also noch die FDP ... Hihi, FDP ...

Also, liebe Grinsgesichter: Ich würde sagen, ihr lächelt noch ein bisschen von euren Plakaten herunter, und ich bleibe diesmal dank Alternativlosigkeit am Wahltag zu Hause, ja? Denn auch das, Freunde der Sonne, ist Demokratie.

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So ein Blog ist immer dann eine wunderbare Sache, wenn es darum geht, sich fürchterlich über etwas aufzuregen, ohne jemanden dabei direkt anzubrüllen. Zum Beispiel über US-Präsidentenbesuche in Berlin. Überhaupt, was haben die Besuche von US-Präsidenten und Päpsten gemeinsam? Richtig, sie machen Werbung für ziemlich dicke Glasscheiben und erzählen einem was vom Pferd. Päpste reden über den Blödsinn, den sie vermutlich schon vor tausend Jahren vom Stapel gelassen haben, mit der Ausnahme, dass sie nicht mehr zu Kreuzzügen aufrufen vielleicht. Und Präsidenten, oder nehmen wir Obama doch direkt mal her, die reden über bald geschlossene Gefängnisse auf Kuba etwa. Wie schon vor fünf Jahren. Yes, we can! Wozu überhaupt schließen, wenn es doch schon langen würde, die Missstände dort zu beseitigen? Wenn ein Hotel von Kakerlaken befallen ist, reißt doch auch keiner das ganze Gebäude ab, ohne wenigstens den Kammerjäger mal gerufen zu haben (es sei denn, es handelt sich um Meter große Schaben aus dem All). Macht nichts, erzählen kann man ja erst mal viel.

Und dann natürlich das Geschwafel über die atomare Abrüstung. Alter Hut natürlich, geht aber immer und lässt den Putin ganz schön blöde aussehen. Yes, we can. Und das mit der ganzheitlichen Überwachung für alle Fälle durch die NSA? Yes, we can. Und warum auch nicht? Ist ja nicht so, als hätte unsere charmante Staatschefin Herrn Obama dafür getadelt, nö - im Gegenteil: Wenn schon der sonst so charismatische Heilsbringer aus Übersee keinen geschichtsträchtigen Satz hinbekommt, dann zeigt ihm eben Frau Merkel, wie's richtig geht. »Das Internet ist für uns alle Neuland«, hat sie gesagt und sich damit zum Gespött einer Gemeinde gemacht, in der sich selbst die Digital Natives schon längst rasieren. Na wenigstens ihr Ausspruch bleibt einem im Gedächtnis, hä?

Denn dieser Satz ist natürlich erst mal ausgesprochen ungeschickt. Er repräsentiert alles, was die CDU in Sachen Netzpolitik ausmacht: nämlich nichts. Wäre die CDU ein Unternehmen, sie wäre die Telekom. Statt sich in das für sie unbekannte Feld einzuarbeiten, überlässt sie es weitestgehend ihrem Juniorpartner FDP, was die Sache eigentlich noch viel trauriger macht. Kommt hinzu, dass Merkels Satz ziemlich widerwärtig Partei für das Spitzelprogramm der USA ergreift. Frei nach dem Motto: Das Internet ist groß und böse, und wir verstehen es alle nicht so richtig. Da ist es doch gut, dass einer auf uns aufpasst und drauf achtet, dass niemand Schindluder treibt. Bah!

Tja, viel mehr kam nicht herum bei Herrn Obamas tollem Besuch, oder? Ob er sich gewundert hat, weshalb Berlin aussieht wie nach einer Zombieapokalypse - nämlich menschenleer? Nun, vielleicht ist das ja überall so, wo dieser Mann mitsamt Gefolge auftaucht. Hat eigentlich wer die Berliner gefragt, ob sie den Trubel haben wollen? Verschobene Flüge, das ganze Brimborium um abgeschleppte Autos, gesperrte Straßen und ausfallende öffentliche Verkehrsmittel? Das Verbot, bestimmte eigentlich öffentliche und durch Steuern von Berliner Bürgern finanzierte Plätze zu betreten, das Verbot das eigene Fenster zu öffnen? Ach was, die Berliner saßen vermutlich in den Kneipen und Biergärten der Stadt und ließen Obama Obama sein. Und wer sollte es ihnen verübeln? Vorgelassen wurde der Pöbel ohnehin nicht, also tat man gut daran, diesem überzogenen Spektakel mit Desinteresse zu begegnen.

Und was hat die Aktion eigentlich gekostet, die so gar keine Früchte getragen hat, abgesehen vom Internetkompetenzmangeleingeständnis der Kanzlerin? Gerade im Hinblick darauf, dass nach der Flutkatastrophe der letzten Wochen immer noch so viele Menschen vor dem existenziellen Nichts stehen, scheint mir ein solcher Empfang, der Millionen verschlungen haben wird, die vielen geholfen hätten, als reichlich unangebracht. Da wird das Lächeln des Strahlemanns zu einer grotesken Fratze, stellvertretend für die Schieflage, dass in den Regierungen dieser Welt eben keine Volksvertreter sitzen, die diesem dienen, sondern eine ganz eigene Klasse Mensch, deren Interessen die der anderen nicht nur bei Weitem überstrahlt, sondern sie sogar behindert. Tja, und dafür muss man nicht mal in einem kommunistisch regierten Unterdrückungsstaat leben, wer hätte das gedacht? Aber wie sagte mal jemand zu mir? Im Kommunismus werden Menschen von Menschen ausgebeutet. Im Kapitalismus ist es genau umgekehrt.

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Darf ich ehrlich sein? Diese Sexismusdebatte ist ungeheuer überzogen und aufgesetzt. Geben Themen wie Problem-Peer und Flughafendebakel nicht mehr genug her, so dass wieder einmal die Opfergruppensau durchs Dorf gejagt werden muss? Ich habe gestern Abend versucht, fernzusehen, doch das war kaum möglich, weil kein verdammter Sender drum herum kam, auf den dampfenden Heuchelzug aufzuspringen. Tschut tschut, auf ins Heuchelland, wo sich jeder aufregt und die Titten wie riesige Augen von gigantischen Werbeplakaten in die Fußgängerzone hineinglotzen! Solange Sex ein boomendes Geschäft ist, das vor allem Frauen zur Ware erklärt, und das ist schon seit Urzeiten so, kann doch niemand ernsthaft glauben, eine Debatte über Sexismus im Alltag könne Früchte tragen. Wie soll denn das gehen, wenn im Fernsehen fleißig diskutiert und gestritten wird, während sich draußen auf der Kurfürstenstraße oder sonstwo die Bordsteinschwalben die Füße platt stehen, um den sexuell frustrierten Herrn im Feierabend um ein paar Euro und andere Dinge zu erleichtern. Wenn an einer Ecke die Erniedrigung unter dem Götzen des schnöden Mammon vorgelebt wird, kann an der anderen die Gleichstellung nicht Fahrt aufnehmen.

Das hier soll kein Antiaufschrei sein, keine Verweigerung einer generellen Debatte. Doch sie wird in einer Gesellschaft geführt, der eine Parallelgesellschaft gegenübersteht, die sexistisch bis ins Mark ist, weil sie davon lebt, den Menschen (zumeist die Frau) zur Ware, zum Objekt zu erklären. Außerdem: Wenn in den deutschen Talkrunden, bei Twitter und Co. von ach so bösen Männlein mit noch viel böseren Anmachen und Belästigung am Arbeitsplatz die Rede ist, dann fühle ich mich als dem Geschlecht zugehöriger Proband doch ein wenig generalisiert - schlimmer noch, unter Generalverdacht gestellt.

Und dabei wollte doch der Rainer Brüderle bloß Spitzenkandidat einer unbedeutenden Sonnenscheinpartei sein. Kaum ist das so, wittert der Stern die Chance auf eine hohe Auflage und schickt Frau Himmelreich ins Feld, die Skandalöses zu berichten weiß, das sich so oder so ähnlich vor einem Jahr zugetragen haben mag. Soweit, so gut. Vielleicht hat Brüderle sich einen doofen Scherz erlaubt, schon möglich. Bisher hüllt er sich in Schweigen und das ist taktisch ungeschickt, bietet er so doch eine möglichst breite Angriffsfläche. Sollte man wenigstens meinen.

Denn zumindest in meiner Wahrnehmung schadet die aktuelle Debatte weder ihm noch seiner Partei. Helmut Schmidt zitierte einst aus der Mao-Bibel, dass man die Dinge stets von allen Seiten betrachten sollte. Bisher ist die Berichterstattung höchst einseitig, was natürlich an Brüderles Schweigen liegen mag, aber gerade diese Einseitigkeit nervt doch gewaltig und bringt dem Stern sowie Frau Himmelreich einiges an Unsympathie ein, während Brüderle allmählich selbst in die Opferrolle zu rutschen scheint. Am Ende bringt genau die Geschichte der FDP die für den Wiedereinzug in den Bundestag nötigen Prozentpünktchen, wetten? Und bis dahin brennt dann auch die nächste Hexe medial inszeniert auf dem Scheiterhaufen. Ach.

 

Update: Ergänzend ließe sich übrigens an anderer Stelle nachlesen, weshalb ein wenig Differenzierung nicht schaden kann und außerdem bringt der von mir eher weniger gemochte Jan Fleischhauer in seiner Kolumne die Sache derart auf den Punkt, dass dem so nichts mehr hinzuzufügen ist.

Alle Jubeljahre wieder gibt's in Deutschland 'ne feine Rezession und jedes Mal regt mich das tierisch auf, insbesondere, wenn es dann heißt, der Absatz der Automobilindustrie breche dramatisch ein. Aha. Hat sich mal jemand die Mühe gemacht, Jahresdurchschnittsgehälter mit aktuellen Neuwagenpreisen zu vergleichen? Hat irgendwer mal geschaut, was die Preistafeln an den Tankstellen anzeigen? Hat irgendwer jüngst hinterfragt, wann und wo bei den Damen und Herren aus der Automobilindustrie der Realitätssinn auf der Strecke geblieben ist? Zu viele Dieselabgase geschnuppert? Manchmal habe ich das Gefühl, besagte Industrie besteht hauptsächlich aus ewiggestrigen Greisen, so wie die SED-Regierung kurz vor dem Zusammenbruch der DDR. Erkennt denn angesichts rapide steigender Preise und zunehmenden Ökobewusstseins der Menschen niemand die Zeichen der Zeit?

Ich sehe den Steuerzahler schon wieder diesen Hauptzweig deutscher Wirtschaftsleistung retten, an dem ja tatsächlich (leider) einiges dranhängt. Und warum auch nicht? Die »Abwrackprämie« hätte längst eine Auflage 2.0 verdient, oder? Außerdem sind nächstes Jahr Wahlen. Damit ließe sich prima auf Stimmenfang gehen. Nur um den Moment noch ein wenig länger hinauszuzögern, an dem auch der letzte Narr einsehen muss, dass man nicht weiterhin Güter für den Massenmarkt fertigen kann, die sich aber nur noch Besserverdiener leisten können. Ganz zu schweigen davon, ob diese das überhaupt noch wollen.

Isch 'abe übrigens ga' kein Auto. Habe niemals eines besessen und auch habe ich nicht vor, das in diesem Leben noch zu ändern. Schon angesichts der Entwicklung an den Zapfsäulen sehe ich das gar nicht ein. Solange öffentliche Verkehrsmittel und meine Beine mich hin tragen, wo ich hin möchte, wären damit nur unnötige Mehrkosten verbunden, die ich mir definitiv nicht leisten könnte. Einer penetrant über die Mattscheibe flimmernden Imagekampagne von vor ein paar Jahren nach zu urteilen bin ich Deutschland. Nun, wenn das so wäre, hätte dieses Land vermutlich ein ziemliches Problem.

2 Kommentare

Beziehungsweise leicht verständlich eigentlich. Wer die Sendung von Markus Lanz nicht gesehen hat, kann sich hier von meinem Namensvetter, dem Kabarettisten Chin Meyer noch mal erklären lassen, warum wir eigentlich so tief in der Scheiße sitzen. Natürlich veranschaulicht am besten Sinnbild für den Finanzmarkt überhaupt: dem Schnaps.