Es ist ich

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Für fast alles gibt es ein erstes Mal. Nicht alles davon tritt ein, einiges hätte man gern erlebt, auf anderes hätte man gut und gern verzichten können. In letztere Kategorie fällt das Erlebnis, festzustellen, dass einem die Geldbörse geklaut wurde.

Nun hatte es mich also auch getroffen, am dreizehnten eines Monats, nicht mal an einem Freitag. Dafür ausgerechnet am Tag vor den Osterfeiertagen. Tage, an denen man nichts regeln kann, an denen man sich gern erholen würde.

Aber natürlich hatte es sich mit der Erholung erledigt. Auch als ich aus der Panikphase heraus war – wirklich angenehm wurden meine freien Tage nicht mehr. Überhaupt, die Panik: Zuerst einmal will man so etwas ja nicht wahr haben. Ich trug meine Geldbörse immer in meiner Handtasche Umhängetasche und vielleicht hatte ich diese an jenem Tag einfach nicht richtig geschlossen, ich weiß es nicht. Ich kann nicht mehr rekonstruieren, wo auf meinem Heimweg mein Portmonee abhanden kam. Von selbst herausgefallen konnte es immerhin nicht sein, so viel konnte ich sagen. Als ich den Verlust feststellte, wollte ich eigentlich gerade in einen Baumarkt gehen. Die erste Reaktion war natürlich, alles zu durchwühlen. Die Situation war für mich so surreal, dass ich irgendwann sogar kleinste Zettel in meiner Tasche dreimal umdrehte, so, als hätte sich noch irgendwas darunter verbergen können. Doch es half nichts, meine Geldbörse war weg. Das verlorene Bargeld störte mich dabei weniger, schlimmer waren all die Karten und Ausweise, die ich nun halt nicht mehr besaß.

Hektisch suchte ich noch auf dem Heimweg via Internet eine Telefonnummer, über die ich zumindest meine Geldkarten sperren lassen konnte. Das war gar nicht mal so einfach, wollte die Bandansage doch jedes Mal die Telefonbanking-PIN von mir erfahren. Klar, die hat man ja ständig parat. NICHT! Irgendwie konnte ich diese Hürde jedoch umgehen, sodass zumindest der erste Schritt schnell bewerkstelligt war. Trotzdem guckte ich tagelang ständig auf mein Konto und beäugte sämtliche Geldausgänge.

Tja, und dann saß ich da, ohne die Möglichkeit, irgendwo Geld abheben zu können, ohne im Falle eines Falles zu einem Arzt gehen können, ohne mich irgendwo ausweisen zu können. Und plötzlich stellte ich fest, ohne all die Plastikkarten, auf denen wir unser Leben aufbauen, war ich keine Person mehr. Nur noch ein Mensch, ein Haufen Fleisch, durch den ein rhythmisch pochender Muskel Blut pumpt. Alles, was uns offiziell als Person definiert, ist die Gesamtheit unserer Plastikkarten. Ich fand das ein bisschen schockierend, ehrlich gesagt. Wir schimpfen immer, wie abhängig wir doch von unseren Smartphones geworden seien, dabei sind wir von diesem Bündel an rechteckigen Plastikkarten noch weitaus abhängiger. Sie machen uns aus, sie geben an, wer wir sind und dass wir überhaupt ein Jemand sind. Und so hatte ich eben auch das Gefühl, dass ein Teil von mir gestohlen wurde, zumal auch ein paar alte Bons, vermutlich die eine oder andere Kinokarte und ein paar Fotos in meiner Geldbörse waren. Ich spürte, mir fehlte was. Gestohlene Identität.

Ich versuchte im Laufe der freien Tage, wieder etwas Ordnung in meinen Verstand zu bringen, der die ganze Sache noch immer nicht so recht wahrhaben wollte. Ich erstellte eine Liste und markierte rot bzw. grün, für welche Karten ich bereits eine Sperre beantragt hatte, welche ich neu beauftragt hatte und für welche ich in Bälde Ersatz erhalten würde. Seit einiger Zeit geben mir Listen das Gefühl, Dinge unter Kontrolle zu bekommen. Früher wuppte ich die Dinge einfach nach Chaossystem, indem ich mir alles merkte oder eben auch nicht. Das könnte ich so irgendwie nicht mehr. Inzwischen ist auf meiner Liste alles soweit grün (abgesehen vom Personalausweis und dem von mir nie benötigten Führerschein) und die Normalität ist zurückgekehrt.

Gelernt habe ich aus der Sache, meine Geldbörse nur noch in Jackeninnentaschen zu tragen und nicht benötigte Karten lieber gleich zu Hause zu lassen. Und vielleicht auch ein bisschen, mich selbst noch etwas weniger wichtig zu nehmen. Aber nur vielleicht.

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Im Jahr 2004 machte ich mein Abitur. An den Vorabend meines letzten Schultages erinnere ich mich noch, als wäre es gestern gewesen: Ich saß in meinem Zimmer und trank ein Radler. Im Fernsehen lief »Friss oder stirb« von den Toten Hosen. (Damals spielten Musiksender ja noch Musik.) Wenn ich das Lied heute höre, sehe ich mich wieder dort sitzen, vor dem Fernseher in meinem kleinen Zimmer im Haus meiner Eltern, in der Hand das kalte Getränk, im Kopf die Vorfreude auf den letzten Schultag meines Lebens und noch viel mehr die alles überwältigende Neugier auf das Kommende – ein akustischer Bernstein, ein aufflackerndes Lebensgefühl für immer konserviert. Es war ein perfekter Moment. »Oh, ich liebe dieses Leben«, singt Campino in dem Lied und auch wenn natürlich nicht alles positiv gemeint ist, irgendwie bildeten einige Textfetzen und die Melodie genau meine Gefühlswelt ab. »Und bleibt’s mal irgendwann für immer dunkel, der letzte Abend wird unser bester sein«, heißt es weiter. Was hätte meine Aufbruchstimmung besser beschreiben können?

Jeder Mensch hat natürlich solche Momente und vor allem mit Musik verbindet man eben auch immer wieder besondere Augenblicke und Erlebnisse. Dieser eine ist in der Hinsicht vielleicht nicht mein schönster, wohl aber mein »besonderster«. Vielleicht, weil im Nachhinein alles gar nicht so aufregend wurde, gar nicht so großartig und umwälzend, wie ich es mir damals erhofft hatte. Ich hatte ja keine genaue Vorstellung davon, wohin mein Leben mich führen würde, was ich mal machen würde. Ich hatte zu der Zeit einen Studienplatz sicher, war mir bewusst darüber, dass ich mein Heimatkaff bald verlassen würde. Ich war Single, mir stand die Welt offen und wann immer ich meine Stimmung hinausrief, rief das Echo »Freiheit« zurück.

Na ja, genug Pathos. Sage und schreibe dreizehn Jahre später bin ich ein wenig herumgekommen – nicht allzu sehr und wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, habe ich wohl längst nicht alle Chancen immer so genutzt, wie ich das hätte tun sollen oder können. (Obwohl sich durchaus fragen ließe, ob da überhaupt eine Chance war, wenn sie nicht genutzt wurde.) Ich habe in Stuttgart gewohnt, habe in Bonn gelebt, bin nach Berlin gezogen und wider Erwarten einiger früherer Weggefährten immer noch in dieser Stadt – wenn auch seit ein paar Monaten nicht mehr im quirligen Kern (was in Berlin eigentlich fast jeder beliebige Ort innerhalb des S-Bahn-Rings sein kann – je nach Blickwinkel).

Ich bin jetzt 32 und dass ich mich manchmal unsäglich alt fühle, habe ich ja schon das eine oder andere Mal durchklingen lassen. 32, das ist so eine Zahl, bei der ich automatisch denke, dass da so viel eben auch nicht mehr geht. Die Tatsache, dass wir ein Haus am Stadtrand gekauft haben, ist vielleicht auch nur ein Ausdruck dessen, dass ich mich so angekommen fühle wie sich mein 2004er-Aufbruchego vermutlich nie hätte fühlen wollen. Zu behaupten, ich wäre nicht irgendwie doch wie meine Eltern geworden, wäre jedenfalls eine glatte Lüge. Neulich stand ich auf unserer Terrasse. Über mehrere Stunden hinweg fegte ich Kies in die offenen Fugen der Terrassensteine – ein bisschen ist das wie umgekehrtes Zähneputzen: Man putzt den Dreck halt in die Rillen hinein, statt heraus. Ich stand also dort in meiner Windjacke, den Besen in der Hand und da war es wieder, dieses Lied: »Oh, ich liebe dieses Leben. Das bisschen Sehnsucht bringt mich nicht um.«

Das ist es jetzt also, dachte ich, während Steinchen in die Rillen purzelten, das ist das Resultat meiner Lebensreise. Hier bin ich, angekommen, die Reise ist zu Ende. Ich begann als kaum Erwachsener mit einem Radler im Dachzimmer vor dem Fernseher und endete Kies fegend auf meiner Terrasse. Und bin ich deswegen unglücklich? Aber nein, im Gegenteil. 32 ist ein schönes Alter, um zufrieden zu sein. Mit sich und dem Erreichten, Mit all der Spießigkeit, die ein gewöhnliches Leben mitbringt. Mit all seiner Normalität, für die ich meistens dankbar bin. Und das bisschen Sehnsucht? Bringt mich nicht um.

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Bis in die 80er Jahre hinein hatten die Menschen Angst vor einem Atomkrieg. Dann kam –die Älteren wie auch der regelmäßige Dokugucker jüngerer Generation werden das wissen – das Ende des Kalten Krieges. Alle hatten sich plötzlich lieb, die olle innerdeutsche Grenze verschwand und ich durfte eine behütete Kindheit, garniert mit Unmengen "West"-Spielzeug, genießen. Manchmal, wenn Menschen darüber berichten, wie das war, speziell zu Zeiten der Kubakrise, als die Welt kurzzeitig am Abgrund zu stehen schien, dann würde ich gern wissen, wie sich das wohl angefühlt haben mag – zu befürchten, dass jeder Tag auf Erden der letzte sein könnte.

Tja, und heute haben wir Donald Trump und sind nahe dran, wieder in den Genuss dieses Gefühls zu kommen. Trump bietet zwar mehr Unterhaltungspotenzial als die britische Königsfamilie zu ihren besten Skandalzeiten, gleichzeitig steht hinter diesem offensichtlich irren Kerl mit der geschmacksbefreiten Betonfrisur und seinen nicht weniger wahnsinnigen Untergebenen eine echte Gefahr: nämlich die, den von uns als normal empfundenen Frieden des größten Teils dieser (zumindest westlichen) Welt schnurstracks über den Jordan zu befördern. Und wir erinnern uns: Der Präsident der Vereinigten Staaten besitzt auch heute noch, so bekloppt und orange er auch sein mag, das hübsche kleine Köfferchen mit den Codes, die einen Atomkrieg entfesseln könnten. Eigentlich ein Wunder, dass Trump nach inzwischen knapp 20 Tagen im Amt das Ding noch nicht eingesetzt hat.

Lange kann's ja nicht mehr dauern ...

Na gut, ich will den Teufel wirklich nicht an die Wand malen, aber die Gefahr ist nun mal da, drum folgt nun ein Servicebeitrag. Wer nach dem hellen Blitz, dem Feuerball, der Druckwelle und der Radioaktivität noch steht, der sollte vorbereitet sein. Das »Outland«, die zerstörte und verrohte Welt nach dem Atomkrieg, ist kein schöner Ort zum Verweilen, das kann ich euch sagen. Ich hab immerhin »Fallout 3«, »Fallout New Vegas« und »Fallout 4« durchgespielt, die allesamt ein solches Szenario durchexerzieren, und weiß daher, wie das sein wird, dieses Leben danach. Hier zehn Überlebenstipps von einem, der sich auskennt:

  1. Niemals aus der Toilette trinken! Echt jetzt. Wasser ist nach dem weltweiten Fallout kostbarer als Gold. Wer auch immer so blöd ist und erwartet, das Zeug hinterher in genießbarer Form in einer Kloschüssel vorzufinden, den erwartet ein so qualvoller wie verdienter Tod.
  2. Raus aus der Kanalisation! Wann immer sich draußen eine radioaktive Regenwolke anschickt, die ohnehin dezimierte Bevölkerung weiter auszudünnen, mag es wie eine gute Idee erscheinen, sich in der Kanalisation unterzustellen. Ganz dumme Idee, denn sobald sich dort unten etwas mit leisen Schritten nähern mag, seid gewiss, es handelt sich nicht um die Ninja Turtles. Die sind zwar auch mutiert, aber das, was sich da anschickt, eure Gesellschaft zu suchen, ist zumeist ziemlich groß, hat ziemlich viele Beine, ziemlich viele und große Zähne und mächtig Kohldampf.
  3. Gesellschaft tötet! Solltet ihr euch einer Siedlung nähern, deren Bewohner bereits von weitem zu erkennen lassen, dass sie nicht nur reichlich groß geraten, sondern auch noch mit grüner Haut bedeckt sind, legt den Rückwärtsgang ein. Es handelt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Supermutanten, von irgendeinem wahnsinnigen Warlord oder Wissenschaftler aus Menschenexperimenten gezüchtete Kriegsberserker. Die Bösartigkeit der grünen Zeitgenossen wird nur noch durch ihre miese Laune übertroffen. Gilt allerdings eigentlich auch für so ziemlich alle anderen Typen, die sich in freier Wildbahn antreffen lassen. Kein Wunder: Ich kann mir kaum vorstellen, dass es im wasserarmen Outland anständigen Kaffee gibt. Nach zwei Tagen ohne würde ich schon heute töten.
  4. Kraft rockt! Ihr seid charismatischere Redner als Gregor Gysi zu seinen besten Zeiten, übt allabendlich vor dem Spiegel das Argumentieren für euren Debattierklub und habt deswegen keine Zeit für Sport? Schön für euch, ihr seid so gut wie tot. Im Ernst, der eine oder andere mordlüsterne Bandenchef mag sich von eurem Geschwurbel vielleicht beeindrucken lassen, das allermeiste Viehzeug, das in der verstrahlten Welt kreucht und fleucht, hat allerdings nahezu null Prozent Hirn und hundert Prozent Hunger. Da helfen nur schnelle Beine oder dicke Arme, die richtig dicke Knarren halten können.
  5. Die verlassene Fabrik ist nicht verlassen! Klar, die Grundstücks- und Immobilienpreise sind im Keller, da bietet es sich an, für 'nen schmalen Taler mal eben eine Eigentumswohnung in dieser verlassenen Fabrik gleich um die Ecke zu beziehen. So reizvoll das eigene Loft zum Nulltarif auch scheinen mag, eine gute Idee ist der Einzug nicht. Irgendeine Bande marodierender Hipster hatte die Idee nämlich schon vor euch und im günstigsten Fall werdet ihr von denen einfach nur gegessen.
  6. Nur mit den großen Kindern spielen! Falls ihr Punkt 3 nicht berücksichtigt habt, wider Erwarten trotzdem noch leben solltet, und dabei Freunde gefunden habt, bleibt bei ihnen, solange sie diejenigen mit den dicken Wummen sind. Finger weg von Rebellen und anderem Gesocks, das euch nur mit eurer Unterhose als Rüstung zu irgendwelchen Rettungsaufträgen schickt, bleibt bei denen mit den fetten Rüstungen und vor allem den fetten Waffen. Nichts ist schöner, als mittels richtigem Equipment mit ordentlich Feuerkraft ein zu zehn Metern Größe mutiertes Insekt fertig für den Weber-Gasgrill zu machen.
  7. Niemals zu Hilfe eilen! Ihr hört Radio, weil Netflix im Outland nicht mehr funktioniert? Gute Idee, schließlich macht ein wenig Musik das öde Leben etwas weniger öde. Solltet ihr allerdings per UKW einen Hilferuf auffangen, denkt immer an Admiral Ackbar aus »Star Wars«, der schon damals in seiner Weisheit sagte: »Es ist eine Falle!« Grundsätzlich nicht zu helfen mag euch zwar schlechtes Karma bescheren, aber vergesst nicht: Erstens überlebt ihr. Und zweitens, solltet ihr nach dem dennoch unvermeidlichen Ableben mangels Karma als Insekt wiedergeboren werden, so seid ihr immerhin ein paar Meter groß und kräftig wie Hulk.
  8. Der Messie wird siegreich sein! Ihr habt auf der Pirsch eine kaputte Kaffeemaschine, drei Zigarettenstummel und den Henkel einer Teetasse gefunden? Prima und hoffentlich habt ihr das Zeug mitgenommen. Im KaDeWe wird es nach der Apokalypse definitiv nichts mehr zu kaufen geben und irgendein postapokalyptischer MacGyver aus eurer Nachbarschaft könnte euch vielleicht verraten, wie sich aus den genannten Zutaten ein Protonenredongulator bauen lässt. Was das ist? Keine Ahnung, aber im Zweifel lässt sich damit irgendeinem Fiesling die Birne einschlagen.
  9. Kronkorken sammeln! Fast schon der wichtigste Tipp, auch wenn er komisch klingen mag. Erwartet halt nicht, nach der atomaren Pulverisierung mit Euro bezahlen zu können. Kronkorken dagegen sind die Travelers Cheques der tristen radioaktiven Zukunft und in jedem Gebrauchtwarenhandel gern gesehen, glaubt mir!
  10. Nicht die AfD wählen! Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie neigt dazu, sich zu zitieren. Mit ein wenig Glück wird auch nach der totalen Vernichtung noch mal eine Art zivilisierte Gesellschaftsform entstehen – mit demokratischen Wahlen, zu viel Bürokratie, der Telekom und Mineralölsteuer. Und mit Sicherheit wird es dann auch wieder einen Haufen rechter Populisten geben, die meinen, alles sei scheiße und ließe sich mit ihnen an der Macht viel besser gestalten, indem man einfach alles verteufelt, was anders ist als man selbst. Denkt immer dran: Typen wie die haben euch überhaupt erst in diese beschissene Situation gebracht.

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Was für ein Jahr! Eigentlich ist in meiner heimeligen Welt gar nicht so viel Schlimmes passiert, aber das Drumherum ... meine Güte! Gefühlt hat der Lärm der Welt eine nie dagewesene Unerträglichkeit erreicht. Vermutlich war’s niemals wirklich besser und wenn man mal die Tagesschau von vor 20 Jahren anschaut, die auf einem der unzähligen Öffentlich-rechtlichen Sender ausgestrahlt wird, dann wird das auch untermauert: Irgendwo gab es immer Krieg, irgendwo wurden immer Geiseln genommen, Anschläge begangen, etc. und irgendwo gab es immer schon einen Irren, der nichts lieber getan hätte, als der Welt den letzten Schubs zu geben, der nötig war, um sie gänzlich in den Abgrund zu stürzen.

Trotzdem scheint 2016 eine Zäsur darzustellen, eine scheußliche Dissonanz im Reigen der sonstigen Aufs und Abs der Jahre, die ich bewusst und aufmerksam miterlebt habe. Der Brexit, ein – um es mit Jan Böhmermanns Worten zu sagen – orangefarbener Pelikan als nächster US-Präsident, von dem auch so gar nichts Gutes zu erwarten ist, in Deutschland ist der Terror angekommen und passend dazu erstarken überall die rechten Parteien. Inzwischen wird für 2017 ja schon das komplette Auseinanderbrechen der Eurozone herbeiprophezeit. Es ist, als würde die Welt in ein vermeidbares Chaos stürzen, alle wüssten es, wären aber zum Zusehen verdammt, weil die einen kein Rezept gegen die Katastrophe parat haben und die anderen Freude dabei empfinden, die Welt brennen zu sehen. Auf ganz ähnliche Art und Weise ist diese Welt in die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, den Ersten Weltkrieg, hineingeschlittert, aber ich will den Teufel nicht noch deutlicher an die Wand malen, als er dort ohnehin schon prangt.

Nie war es verlockender als 2016, Augen und Ohren zu verschließen, ganz, ganz langsam bis zehn zu zählen und zu hoffen, dass dann der Kelch an uns Menschen vorübergegangen sein möge. Die Lösung ist das aber wohl auch nicht.

2016 war das Jahr, in dem ich endgültig die Lust daran verlor, lustige Texte zu schreiben. Vielleicht, weil nach vielen Jahren der erfolglosen Schreiberei ein bisschen die Luft raus ist, vielleicht aber auch, weil es eben doch kein richtiges Leben im Falschen geben kann. Die Wahrheit liegt vermutlich dazwischen. Wann immer ich eine Juxnummer über ein banales Alltagsthema zu Papier bringe, fühle mich ein wenig schuldiger an der ganzen Misere, die uns umgibt. Ich, der hier sitzt, sich die Sonne ins Gesicht scheinen lässt, ein teures MacBook auf dem Schoß, neben mir eine Tasse mit gut dampfendem Kaffee und dem letzten »Green Day«-Album, das aus den Lautsprechern schallt, während die Katze neben mir die Sofadecke knetet und zufrieden schnurrt.

Es fühlt sich alles nicht gut an, nicht aufrichtig, viel mehr noch, weil sich unsere private Situation 2016 so sehr verbessert hat wie nie zuvor: Wir sind Mitte Dezember ins eigene neu gebaute Haus gezogen, wo alle großen Fenster und Terrassen mit ihrer Südlage reichlich Sonnenschein einfangen, wo kein zu hoch gebautes Hinterhaus mehr das Tageslicht stiehlt, wo ein kleiner Garten darauf wartet, dass wir im kommenden Jahr irgendwas Passables mit ihm machen. Es ist, als hätten wir eine kleine Insel der Glückseligkeit inmitten eines tosenden Meeres gefunden, und so schön es hier eben auch ist, wissen wir ja doch nie, wann dieses blöde Meer eine alles überrollende Welle ausspuckt.

Es sind unsichere Zeiten, ich denke, darauf können sich alle einigen. Wir können nur hoffen und im Kleinen unseren Teil dazu beitragen, dass alles wieder besser wird. Mögen Vernunft und Verstand 2017 die Oberhand gewinnen, mögen wir alle gesund bleiben oder werden, ein kleines bisschen Glück für uns und andere finden. Noch sind wir alle hier, können belanglosen Stuss schreiben und selbigen lesen und das ist im Angesicht der Verrücktheiten da draußen doch schon mal was Gutes. Und immer dran denken: »It ain’t over ’til it’s over«, wie Lenny Kravitz mal sang. In diesem Sinne allen Mitlesern einen guten Rutsch ins nächste Jahr! Keep fingers crossed, wir schaffen’s schon irgendwie.

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smoothieIch sage, dieser ganze Ernährungswissenschaftskram ist Quatsch. Ich bin der (noch) lebende Beweis, dass das alles Blödsinn sein muss, was einem von den Lebensmittelindustrievertretern mit Haifschgrinsen erzählt wird, die sich als Wissenschaftler verkleiden, indem sie sich einen Kittel überwerfen: Iss jeden Tag dein Gemüse auf, von jeder Obstsorte mindestens zwei Kilo, dann wirst du ewig leben und kannst nur noch sterben, indem ein anderer, der ebenso jeden Tag tonnenweise Gemüse und Obst vernichtet, dir mit einem in den schottischen Highlands geschmiedeten Schwert den Kopf abschlägt. 

Ich esse täglich mindestens einen Apfel, meistens eine Banane und vor allem ... trinke ich Smoothies. Jeden Morgen einen. Ich ziehe das so konsequent durch wie eigentlich kaum etwas sonst: Aufstehen, Klo, Frühstück, Klo, Zähneputzen, Klo, ein bisschen Prokrastination am Smartphone, Klo und DANN den Smoothie, bevor ich aufs Klo und dann zur Arbeit gehe. Durch die Smoothietrinkerei müsste ich eigentlich längst unbesiegbar sein, kugelsicher sowieso. Smoothies sind der Gegenentwurf zum Feierabendbier. Alles, was an Bier schlecht ist, kehrt ein Smoothie ins Gegenteil. Nur fett machen sie beide. Würde ich nicht an jedem verdammten Morgen einen Smoothie trinken, hätte ich vielleicht längst einen Waschbrettbauch. Stattdessen sieht mein Körper selbst nach vielen Jahren Sport immer noch aus wie eine Riesenleberwurst im Naturdarm. Toll! Danke Smoothie, danke Merkel!

Und ich schreibe mich hier gerade nur deswegen so in Rage, weil ich alle drei, vier Wörter husten und drei Kilo Rotz in ein Taschentuch entladen muss, was sich zusammen anfühlt, als wollte sich mein Inneres nach außen kehren, wobei: Wenn ich derzeit in den Spiegel schaue, beschleicht mich eher das Gefühl, das Äußere wollte sich eher wieder nach außen kehren und das Innere zurück nach innen – so schlimm steht es um mich! Jedenfalls huste und schniefe ich, als gäbe es kein Morgen und mit jeder Stunde, die hustend und schniefend ins kontaminierte Land zieht, bekomme ich den Eindruck, das mit dem Morgen könnte sich noch bewahrheiten. Denn ich habe Männerschnupfen! Jene furchtbare Krankheit, die nur XY-Chromosomträger befällt, erbarmungslos wie die Ansteckungsgefahr während einer Zombieapokalypse und von der wir Männer nie wissen, ob wir sie überleben werden – und falls doch, in welchem erbarmungswürdigen Zustand. Diese Krankheit, die den Frauen dieser Welt absolut null Mitleid abringt, was das Leiden nur umso schlimmer macht.

Was mich jedenfalls derart in Rage versetzt, ist dass ich nun bereits die zweite blöde Erkältung innerhalb desselben Quartals habe. Innerhalb eines Monats sogar! Durch die verflixten Vitamine müssten meine Immunzellen längst mit Kevlarwesten und Integralhelmen ausgestattet sein, stets bereit, selbst einen Meteoriteneinschlag einfach abzuwehren. Stattdessen herrscht scheinbar Tag der offenen Tür für alle gängigen Berliner Bazillen. »Hereinspaziert, hereinspaziert, hinten stehen Kaffee, Kekse und funktionstüchtige Atemwege für Sie bereit!« Klasse!

Wozu also, frage ich, trinke ich dann diese blöden Smoothies? Da könnte ich, um darauf zurückzukommen, auch gleich morgens in erster Amtshandlung ein Bier zischen. Ich sehe da gerade lauter Vorteile: In den Flaschen ist mehr drin, es erzeugt keinen Plastikmüll, Bier ist erfrischender, es macht nach reichlich Konsum Mett- und Eierbrötchen zur schmackhaftesten Delikatesse des Universums und endlich hätte ich auf der Arbeit mal wieder gute Laune. Okay, vielleicht nicht sonderlich lange, denn wer seine Fahne konsequenter durch die Gegend trägt als der überzeugteste Kommunist, dem ist vermutlich keine sonderlich lange Karriere vergönnt, es sei denn, er arbeitet bei Warsteiner im Testzentrum.

Gut, Bier tut so gar nichts für die Gesundheit, geballte Vitaminpower aber ja nun offenbar auch nicht. Alles Lügenpresse, was da auf den Flaschen steht. Ich sage: Smoothies töten! Denn alles, was nicht zu meiner Gesundheit beiträgt, unterstützt meine Sterblichkeit und ist damit de facto ein Mörder. Und immer, wenn ich jetzt röchelnd und schnaufend den Kühlschrank öffne, mit blutunterlaufenen von den Schatten Mordors umringten Augen nach was Essbarem suche, dann fallen mir diese kleinen bunten Killerfläschchen ins Auge. Wie Spielzeugatombomben liegen sie da, sorgfältig aufgereiht: rote, gelbe, weiße, gefüllt mit püriertem Schleim aus Früchten, die ich in meinem Leben noch nicht gehört, gesehen oder geschweige denn gegessen habe.

So stehe ich vor der geöffneten Kühlschranktür und starre sie an. Und die Smoothies starren zurück. Wie im Westernduell stehen wir uns gegenüber, ein Steppenläufer weht frech über den staubigen Weg, die Türen des verlassenen Saloons knarzen vom Spiel des rauen Windes und im Hintergrund säuselt leise die ikonische Musik von Ennio Morricone. Und ich weiß, ich kann dieses Duell nur verlieren, schließlich habe ich Männerschnupfen, bin längst geschlagen, weshalb die Smoothieflaschen mich weiterhin einfach nur anstarren, bis sie im Chor sagen: »Tja, krank sein ist schon scheiße, oder?«

Recht haben sie, krank sein ist scheiße. Man fühlt sich schwach und mitunter so wirr, dass Dinge mit einem reden. Und das gerade, wo die Alternative – nämlich gesund sein – doch so einfach zu sein scheint. In der Hoffnung, dass ich mich in meiner erkältungsbedingten Grantigkeit irre, trinke ich doch wieder einen dieser blöden Smoothies. Und selbst wenn sie, wie ich vermute, tatsächlich null Wirkung haben sollten, abgesehen von der des Lebenserhaltungssystems meiner Fettschicht, dann bleibt mir doch irgendwie keine andere Wahl, als sie zu trinken, denn es ist, verdammt noch mal, kein Bier im Haus!

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Back in the 90s, genauer gesagt muss es 1992 gewesen sein, zogen wir in einen schmucken Plattenbau. Durchaus ernst gemeint, waren die Dinger doch damals einigermaßen fortschrittlich. Erstmals hatten wir eine Heizung, die wie durch Magie den Raum erwärmte, indem man an einem ... Ding drehte, statt Kohle in einen muffigen Kachelofen schaufeln zu müssen. Viel wichtiger aber noch, schließlich war ich damals gerade sieben oder acht Jahre alt: Wir hatten endlich fucking Kabelfernsehen! Bis dahin waren die »Sendung mit der Maus«, »Löwenzahn« und vielleicht noch die »Sesamstraße« mein Zentrum popkultureller Bildung. Aber dank Kabelfernsehen sollte alles anders werden. Vor allem ein Sender stach hier hervor: RTL2. Genau, jener Kanal, der heute wie kein zweiter den gesamtgesellschaftlichen IQ schneller in den Keller treibt als Josef Fritzl seinen Anhang, sollte Anfang der 90er Jahre zumindest für uns Kinder der neue Mittelpunkt des Universums werden.

RTL2 hatte nämlich ein ausgesprochen gutes Unterhaltungsprogramm für die Kleinen. Hätte man damals auf dem Schulhof eine Umfrage gestartet, ich würde meinen Hintern drauf verwetten, mindestens 90 Prozent der Schüler hätten RTL2 als Lieblingssender genannt. Von mittags bis ungefähr 16 Uhr – also genau zu der Zeit, die für Hausaufgaben reserviert sein sollte – dudelte hier ein großartiger Trickfilm nach dem anderen über die Mattscheibe. Die Einkaufsabteilung des Senders musste damals den Weihnachtsmann als Vorstand gehabt haben, jedenfalls hatte man dem japanischen Cartoonbetrieb offenbar so ziemlich alles abgekauft, was nicht bei drei auf den Bäumen war.

Dass all diese Cartoons aus Japan stammten, wusste ich damals nicht. Heute würde man sagen: »Ja hey, das siehste doch wohl schon an den riesigen Augen der Figuren.« Klar, damals allerdings war der deutsche Markt noch nicht durch Animes aus Fernost überschwemmt worden, außerdem war ein Großteil der Serien in einem eher westlichen Szenario angesiedelt – wahrscheinlich wurden sie auch nur deswegen bei uns gezeigt.

GeorgieWie ich jetzt darauf komme? Nun, meine Schwester hat neulich eine DVD-Box der Anime-Serie »Georgie« gekauft – ihre Lieblingsserie anno 1992 – und sie mir nach dem Akkordanschauen freundlicherweise ausgeliehen. In der Serie – bestehend aus insgesamt 45 Folgen (in meiner Erinnerung waren es ungefähr 1.000) – geht es um die während des 19. Jahrhunderts in Australien lebende Familie Butman (Ja, so heißen die.), bestehend aus Mutter, Vater, den Brüdern Abel und Arthur sowie der namensgebenden Schwester Georgie. Diese wiederum, das stellt sich sehr schnell heraus, ist ein Findelkind, was jeder weiß, abgesehen von ihr selbst. Der Trickfilm erzählt die Geschichte der Familie über einen Zeitraum von ungefähr zehn bis zwölf Jahren hinweg in größeren Zeitsprüngen. Beide Brüder verlieben sich während ihrer Jugend in Georgie, womit der Grundkonflikt steht. Letztlich bekommt auch Georgie, die sich wiederum längst in einen aristokratischen Engländer verliebt hat, heraus, dass sie mehr oder minder adoptiert ist. So zieht es sie schließlich nach England, wo sie nicht nur ihre Liebe zu wiederzufinden hofft, sondern auch ihre wahre Herkunft aufdecken möchte.

Woah, lange hat mich eine Trickfilmserie nicht mehr so bewegt. Die Geschichte, die Charaktere, die großartige Gänsehautmusik, all das ist so liebevoll arrangiert, dass es mich emotional regelrecht in die Serie hineingesaugt hat. Dabei kannte ich sie ja eigentlich schon, auch wenn ich die gegen Schluss zunehmend komplexen Themen jetzt natürlich deutlich besser verstehe als Anfang der 90er. Erstaunlich übrigens, dass dieser wirklich schön gezeichnete Anime bereits von 1983 ist – älter als ich also. Das fällt aber während des Anschauens kaum auf, werden hier doch auf zeitlose Art Werte wie Zusammenhalt, Moral und die Bedeutung der Familie vermittelt. Etwas, das Japaner übrigens generell besonders gut darstellen können.

Und so gab es eben auch noch einige andere großartige Serien damals, die ähnlich angelegt waren: Da war beispielsweise »Lady Oscar«, die Geschichte über ein Mädchen, das zur Zeit der französischen Revolution von seinem Vater als Junge aufgezogen wird, um im Militär Karriere machen zu können. Oder »Eine fröhliche Familie«, die eben von einer Familie erzählt, die zur Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges zwischen die Fronten gerät und aus der Heimat fliehen muss. Da wäre »Die kleine Prinzessin Sara«, in der die namensgebende Sara, ein Mädchen aus gutem Hause, in einem Internat als Dienstmädchen schuften muss, weil der Vater plötzlich verstirbt und mit ihm das Vermögen verschwindet, von dem auch das Internat bezahlt wurde.

Es gäbe da sicher noch die eine oder andere Serie, die erwähnenswert wäre, aber alle aufzuzählen wäre doch etwas müßig. Auffällig ist, dass viele der Trickfilme, die übrigens überwiegend nicht aus den 90ern stammen, sondern bereits aus den 80ern, auf westlichen Romanen basieren (wie ja bspw. die Animes »Heidi« und »Biene Maja« auch – »Georgie« dagegen basiert auf dem gleichnamigen Manga). Nun ja, jedenfalls fehlt mir diese Art des Geschichtenerzählens heute in Trickfilmen sehr. Mitte der 90er Jahre war es nämlich auch vorbei mit diesen Serien, die sich viel Zeit für eine durchgehende Handlung nahmen. Da ging es dann los mit »Sailor Moon«, »Pokémon«, »Dragon Ball« und so weiter, die sich allesamt großer Beliebtheit erfreuten. Japanische Animes überrollten fortan die westliche Kulturlandschaft, die gedruckte Variante in Form der Mangas folgte im Schatten ihrer schrillen Cartoon-Pendants – beides Trend, die sich bis heute gehalten haben. Auch die damals neue Welle thematisierte dieselben alten Grundkonflikte und die eigentlich recht konservativen Wertvorstellungen der von mir so geliebten Zeichentrickfilme – angereichert allerdings um jede Menge Krachbumm und buntes Geblinke, dass man Schaum vorm Mund bekommen möchte. War mir auf Dauer etwas zu doll, allerdings änderten sich altersbedingt auch meine Interessen allmählich.

Tja, wenn es also etwas an den 90er Jahren zu vermissen gibt, dann neben der guten Rockmusik und Bret »The Hitman« Hart, definitiv die Anime-Nachmittage auf RTL2. Die Neuveröffentlichungen der alten Kamellen auf DVD und Blu-ray zeigen ja, dass offenbar nicht nur ich diesbezüglich in Nostalgie schwelge. Drum, wer’s tatsächlich nicht kennen sollte: Give it a try! Manches davon lässt sich auf YouTube finden, anderes wiederum ... anderswo.

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Als ich klein war, dachte ich, Alter wäre etwas, das nur anderen passiert. Als Dreikäsehoch ist die Welt ziemlich winzig – soll heißen, meist reichte sie gerade bis zu dieser einen Straße, die ich auf keinen, aber auch wirklich auf GAR KEINEN Fall allein überqueren durfte. Vielleicht ist das für Kinder heute anders, aber vor über zwanzig Jahren gab es halt noch kein Internet, meine Heimat war in eine unüberwindbare Grenze eingezwängt und das einzige von weiter weg, was mir unterkam, waren die Westpakete meiner Urgroßtante aus Baden-Württemberg. Aber erwachsen werden, so alt und grau wie Oma und Opa und vielleicht sogar eines Tages dieses ominöse Sterben mitmachen zu müssen, nee, das war nichts, was mir passieren würde. Viel zu absurd, die Vorstellung. Andere von mir aus, aber mein Leben hatte gefälligst in Wachs gegossen zu sein.

Mit diesem Glauben ließ es sich prima leben. Ich konnte Tage grandios verschwenden, indem ich auf einer Wiese herumlag und in die Wolken starrte, um Bilder in ihnen zu erkennen, ich konnte zum zwanzigsten Mal denselben Trickfilm gucken, die unproduktivsten Dinge des Universums tun, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen und dachte eigentlich nie über so abstrakte Dinge wie Zeit nach – darüber, dass sie vergeht, dass man sie nicht wiederbekommt und dass man sie vielleicht ja mal sinnvoll nutzen sollte. Was war schon Sinn, was war Zeit? Jedenfalls nicht so cool wie Cartoons und Wrestling auf RTL2.

In meiner Jugend hielt ich mich längst nicht mehr für unsterblich, aber durchaus noch für unbesiegbar. Hier und da hörte ich schon mal von anderen Jugendlichen, die schlimme Krankheiten bekamen, die darüber hinwegkamen oder auch nicht, und hin und wieder verunglückte auch mal jemand, den ich aber nie wirklich gut kannte. Im Großen und Ganzen blieb alles wie es war: Ich hatte alle Zeit der Welt und wusste sie immer noch nicht so richtig zu schätzen. Es würde immer ein Morgen geben, um richtig anzufangen mit ... was auch immer, aber einfach fest genug dran glauben würde schon helfen. Irgendwo am Horizont ließ sich allmählich erahnen, dass es nicht ewig so weitergehen würde, dass ich erwachsen werden und sich alles für immer ändern würde und dass die kleinen Sorgenfalten, die sich dabei auf die Stirn verirrten, eines Tages nicht wieder verschwinden würden, sobald der lästige Gedanke abgeschüttelt war.

Inzwischen ist es auch so gekommen. Es fing nicht mal damit an, dass ich plötzlich erwachsen war, Alkohol kaufen und Ab-18-Filme im Kino anschauen durfte, ohne mich irgendwie durchmogeln zu müssen. Das war alles noch ganz cool und aufregend. Es schlich sich eher so ein. Erst war es nur eine Dissonanz hier und da, inzwischen ist daraus eine mitunter wirklich hässliche Melodie geworden. Ich denke oft über den Tod nach. Über all das, was bereits hinter mir liegt. Zum Glück nie über verpasste Chancen, das ist immerhin etwas und das hätte ich auch albern gefunden. Auch nicht so oft darüber, wie viel Zeit ich mit Dingen verschwendet habe, die unsinnig waren, denn wenn auch ich nicht mehr frage, was Zeit ist, dann aber schon noch, was Sinn überhaupt sein soll.

Trotzdem: Ich bin nun 32, eigentlich immer noch annehmbar jung. Wenn ich nur auf die Zahl schaue, kommt mir dieser ganze Text hier wahnsinnig bekloppt vor. Schaue ich dagegen in den Spiegel, sehe ich hinter meinen Augen den Jungen von früher, der sich fragt, was zum Teufel passiert ist. Vielleicht liegt es daran, dass die ersten Einschläge doch schon kamen: Ende des letzten Jahres starben meine Oma und mein Onkel in kurzer Folge. Bevor ich abends schlafen gehe, nehme ich seit längerem eine Tablette gegen zu hohe Blutfettwerte, um nicht irgendwann mit 'nem Herzkasper vom Stuhl zu kippen. Das zusammengenommen mit allerlei Gedankenspielereien und Verlustängsten hat in meinem Gemüt über die Jahre – wie Salat, der zulange herumstand – aus einem knackigen »Carpe diem« ein siffiges »Memento mori« werden lassen.

Aber gut, es ist ja auch Herbst, die Sonne lässt sich seit Wochen nicht blicken, ich bin erkältet und an Geburtstagen bin ich sowieso grundsätzlich melancholisch und die Grummeligkeit in Person. In diesem Sinne: Happy birthday to me!

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Neulich, ich war auf dem Heimweg, stieg eine Frau vor mir aus dem Bus aus, in deren Nacken ich ein Tattoo entdeckte. Nun ist es wenigstens in Berlin nichts Ungewöhnliches, tätowiert zu sein – im Gegenteil: Man ist fast schon Avantgarde, wenn man keine Tintenkleckse unter der Haut mit sich spazieren trägt. Irgendwann wird eine Generation von Rentnern die Straßen bevölkern, deren faltige Körper von oben bis unten mit ebenso faltigen Motiven aller Art verziert sind. Faltige Bilder gelebter Leben. Vielleicht werden Tattoos bis dahin schon wieder so sehr aus der Mode sein, dass jüngere Menschen sich fragen werden, was die alten Tattergreise nur geritten haben könnte, sich selbst so zu verunstalten. Aber egal, einstweilen ist es cool, tätowiert zu sein, und wer es nicht ist, der ist ’ne ignorante Randerscheinung. So wie ich, der Zaungast der Gesellschaft, der sich über all die bunten Extremitäten in der Öffentlichkeit doch ein bisschen wundert – nicht aufregt, denn so viel Liberalität hat Berlin mir inzwischen angewöhnt, aber wundert eben.

Besagte Frau fiel mir bei aller Normalität jedenfalls trotzdem auf. Es war nicht, wie sie aussah, welche Kleidung sie trug oder wie sie ihre Haare frisiert hatte. Was das anging, gab sie eine ganz gewöhnliche Figur ab. Und wahrscheinlich hat sie einen ebenso gewöhnlichen Bürojob, dem sie von neun bis fünf nachgeht und dessen gelegentliche Tristesse sie durch sozial akzentuierte Pausen in der Kaffeeküche auflockert. Umso seltsamer mutete eben das Tattoo an. »Life is fucking crazy« stand nämlich in ihrem Nacken. Geschwungene Schrift, leicht verschnörkelt, wie man das eben so schreiben würde, wenn man wüsste, das geht nicht mehr weg. »Life is fucking crazy« – ich glaube, kein Spruch dieser Welt hätte besser ausdrücken können, wie gewöhnlich wir doch alle sind.

Ich musste in dem Moment, als ich das Tattoo entdeckte, kurz daran denken, dass wir alle einmal gestorben sein werden. Auch die Frau mit dem Tattoo wird dann vielleicht in einem Sarg liegen und vor sich hin modern, wenn sie nicht gerade eine Feuerbestattung bekommen haben wird. Ein Leichnam, den Würmern als Festschmaus vorgesetzt, und im faltigen, von der unbarmherzigen Hand des Todes kalten Nacken wird immer noch »Life is fucking crazy« stehen. Nicht »Life was fucking crazy«, wie es sich in diesem Fall gehören würde – eine glatte Lüge also. Ein Tattoo kann sich bekanntlich nicht nach dem wechselhaften Lebensstatus seines Trägers richten – immer wieder dann ein Ärgernis, wenn etwa jemand »Jessica-Chiara & Dennis-Robin 4ever« auf dem Unterarm stehen hat, obwohl Jessica-Chiara und Dennis-Robin doch schon seit einem halben Jahr gar kein Paar mehr sind.

Die Dinge ändern sich, Menschen ändern sich, doch ihre Tätowierungen ändern sich nicht mit ihnen. Die Motivwahl ist ohnehin schon eine Crux. Gesellschaftlich relevante Themen zu verbildlichen beispielsweise, dürfte meistens eher eine schlechte Idee sein – ähnlich wie der oben genannte Liebesschwur schneller irrelevant sein kann als ein C-Promi nach einem Aufenthalt im Dschungel-Camp, dürfte es sich mit fast allen zeitgeschichtlich gerade relevanten Dingen verhalten. Na gut, ein Tattoo des unfertigen Hauptstadtflughafens könnte durchaus auf Lebenszeit aktuell bleiben und zudem so ungefähr den kompletten Körper abdecken, schön ist aber was anderes. Tiere dagegen bieten sich als Motiv immer an. Ein Wolf etwa, den können wir Menschen zwar auch ein zweites Mal ausrotten, aber deswegen wird er nicht in zehn Jahren uncool sein. Wölfe sind coole Tiere. Waren sie immer schon, werden sie auch immer sein. Warum also nicht den Steppenwolf irgendwohin tätowieren? Hat dann auch gleich was Metaphorisches – einsamer Wolf und so. Aber ein Spruch wie »Life is fucking crazy«?

Ich habe vor einiger Zeit eine Theorie aufgestellt: Immer dann, wenn irgendetwas mit einem Attribut angepriesen wird, kann man ziemlich sicher sein, dass dieses Etwas die versprochene Eigenschaft genau nicht besitzt. Denn wenn es doch so wäre, dann müsste nicht extra mit dem verbalen Zeigefinger darauf hingewiesen werden. So wird es wohl auch mit dem »Life« sein, das erstens nicht »crazy« ist und zweitens schon gar nicht »fucking«. Ob die Frau mit dem Tattoo sich dessen wohl bewusst ist? War sie es, als sie sich für dieses Motiv entschieden hatte? Wollte sie ihr gewöhnliches Dasein kaschieren? Oder hielt sie sich und ihr Leben tatsächlich für so »crazy«, als sie dem Tätowierer erlaubte, ihren Nacken auszuschildern?

Da mir ihr Gesicht nicht bekannt vorkam – und ich habe ein wahnsinnig gutes Gesichtergedächtnis –, kann ich ruhigen Gewissens davon ausgehen, dass sie in früheren Jahren weder Rockstar war, noch erfolgreiche Schauspielerin oder sonst wie derart aus der Gesellschaft herausstechend, als dass sie ein »fucking crazy« Leben geführt haben könnte. Aber vielleicht tue ich ihr ja Unrecht. Vielleicht ist »fucking crazy« im Kleinen gemeint. Eben nur für sie. Ein auf Haut verewigter Insider ihres Daseins. »Fucking crazy« für sie und ihren Partner und die Kinder? Vielleicht ja, und ist es nicht irgendwie auch ein schöner Gedanke, das eigene Leben für so besonders zu halten, ihm so viel Bedeutung beizumessen, dass man es der Welt mitteilen möchte – zumindest der Welt, die in der Fußgängerzone direkt hinter einem läuft? Denn ganz egal, wie groß und erfolgreich wir Menschen zu Lebzeiten sein oder werden mögen, am Ende sind wir doch alle nicht mehr als ein Wimpernschlag in der Geschichte der Welt. Schall und Rauch und Asche, wenn dereinst die Sonne zum Roten Riesen wird und uns alle verschlingt.

Wie auch immer, am Ende ist es immer noch ein bisschen doof, tot zu sein und »Life is fucking crazy« im Nacken stehen zu haben – auch wenn es dann keiner mehr sieht – abgesehen von den Würmern, die aber nicht lesen können (Bücherwurmwitz bitte hier selbst einfügen). Dann vielleicht doch lieber ein chinesisches Schriftzeichen in den Nacken stechen lassen, das irgendeine alte ebenso chinesische Weisheit darstellen soll, am Ende aber doch nur »35 mit Reis« bedeutet. Zumindest hierzulande kann das nämlich auch zu Lebzeiten schon kaum einer lesen und Zaungäste der Gesellschaft wie ich müssen sich dann keine Gedanken über den tieferen Sinn machen, Punkt.

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Manchmal muss man Dinge einfach mal machen. Davon, dass ich seit einem Jahr oder so ganz gerne fotografiere, habe ich bereits berichtet. Gestört hat mich bislang auch nicht, dass meine Bilder auf dem heimischen Server Grünspan ansetzten, weil nur ich sie dort betrachten konnte. Ich hatte auch nicht so recht Lust darauf, eine weitere WordPress-Installation für Fotos auf die Beine zu stellen, obwohl diese Plattform dank wunderbarer Templates ganz hervorragend dafür geeignet ist.

Also habe ich mich vor ein paar Tagen kurzfristig dazu entschlossen, einen Instagram-Account anzulegen (einen neuen, denn einen für Alleweltsschnappschüsse habe ich ja bereits), wo ich – so derzeit der Plan – ein, zwei Fotos einstelle. Na ja, eher eines, damit mir nicht so schnell die Vorräte ausgehen.

Wer Lust hat, mich dort zu bookmarken, mir mit dem eigenen Account zu folgen oder was auch immer man mit so einem Account halt anstellen kann*, der möge das gerne tun, ich würde mich freuen. (Dass meine Makros nicht immer ganz scharf sind und farblich an den Rändern etwas ausfransen, liegt übrigens zum Einen an meiner zittrigen Hand, zum Anderen aber auch daran, dass sich bisher kein Oligarch dazu erbarmt hat, mir eines dieser sündhaft teuren Makro-Objektive zu kaufen und ich daher nur mit Aufsatzlinsen herumwurschtle.)

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* In Sachen Social Media stelle ich mich an wie der erste Mensch.

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Tote Gäule traben nichtDer Einzelhandel ist ein toter Gaul. Und während zumindest meine Generation längst abgestiegen ist, versucht die Branche noch immer, den aufgedunsenen Kadaver zum Trab zu bewegen, indem sie neue Sättel draufschnallt und liebevoll das Fell striegelt. Und ich gebe zu, hin und wieder lasse ich mich von einem besonders schönen Sattel und hübsch gebürstetem Fell auch in den Glauben versetzen, das könnte noch was werden mit dem Gaul ... und dann betrete ich doch einen Laden. Oder eben einfach dann, wenn ich dringend neue Schuhe brauche.

So letztens geschehen. Das Wetter war gut, ich hatte frei, und so machte ich mich auf nach Steglitz, wo es geschätzt fünf komma drei Schuhläden je Einwohner gibt. Und bevor ich jetzt in genervten Ton verfalle, sei diesem Prolog hinzugefügt: Ich! War! In! Jedem! Einzelnen!

Grundsätzlich scheint es erst mal zwei Arten von Schuhgeschäften zu geben. Die, in denen man jeweils nur einen Schuh im Regal findet und dann die, in denen beide Schuhe im Karton liegen.

Okay, zur ersteren Sorte: Ich hatte mich als Kind ja immer gefragt, warum Geschäfte, in denen man eigentlich VIELE Dinge kaufen kann, als »EINZELhandel« bezeichnet werden. Offenbar lautet zumindest für manche Schuhgeschäfte die simple Antwort: weil man eben nur einen einzelnen Schuh bekommt! Und da kriege ich ja einen Hals, dick wie’n Butterfass! Soll ich etwa, wenn ich – oh Wunder – einen verdammten Schuh gefunden habe, der mir gefällt, mit dem Ding durch den Laden bolzen und einen Verkäufer suchen wie ein Verdurstender in der Wüste auf der Suche nach der nächsten Oase? Und das, wo doch Menschen wie ich andere Menschen nicht leiden können – besonders dann, wenn sie Verkäufer sind, mich beobachten und dauernd fragen, ob sie helfen können. NEIN, IHR KÖNNT MIR NICHT HELFEN!!! MIR IST NICHT MEHR ZU HELFEN!!! Baumarktregel Nummer 1: Ich frage nicht nach, wo das Badezimmersilikon liegt, ich finde es selbst. Und wenn es sich nicht finden lässt, dann gehe ich eben wieder, weil es ganz offenbar nicht da ist, Punkt! Das gilt so auch in Schuhläden, verdammt noch mal! Die Urmenschen gingen doch auch nicht zum Serviceschalter, um zu fragen, wo das nächste Mammut zu finden war oder eine Aufbauanleitung fürs Lagerfeuer zu bekommen. Deshalb, liebe Einzelschuhhändler: So wird das nichts mit uns. Sagt doch schon eine alte chinesische Weisheit: Biete dem Menschen nur einen Schuh und du bietest ihm keinen Schuh.

Kategorie zwei der Schuhgeschäfte, die wenigstens nicht glaubt, jeder Kunde sei von Haus aus Kleptomane und würde mit den frisch anprobierten Tretern sogleich aus dem Laden marschieren, ist alles in allem aber auch nicht angenehmer. Zwar wäre ich während meiner Schuhsafari hier zumindest theoretisch in der Lage gewesen, auch mal BEIDE Füße in die besohlten Lederwaren zu schieben, aber immer dann, wenn die Theorie mit einem niedergeschriebenen Masterplan glänzt, kommt die Praxis fröhlich pfeifend um die Ecke und setzt einen großen Haufen drauf.

Denn das Drama fängt schon bei der Auswahl an. Ja ich weiß, die Ladenfläche ist begrenzt und man kann eben nicht so viel Zeug im Angebot haben wie Amazon oder diese Berliner Gebrauchthandyläden, die sich über Nacht in pleitegegangenen Geschäften manifestieren, aber wenn ich eben Sneakers kaufen will, und wenigstens gefühlt tragen doch die meisten Leute unter achtzig Jahren Sneakers, dann erwarte ich einfach nicht, dass das Sneakers-Regal so groß ist wie die Miniküche in Barbies scheiß Traumhaus! Es gibt deswegen auch nur so ungefähr fünf unterschiedliche Modelle, von denen gerade mal eines farblich nicht nach halb verdautem Brokkoli aussieht. Der Rest des Ladens ist dafür vollgestopft mit zehn Fantastilliarden Varianten an Lackraketen! Das sind jene Schuhe, die sich der Businesskasper von Welt über die gebügelten Socken stülpt, wenn er Kompetenz vortäuschen muss. Schuhe wie diese gibt es in genau zwei Farben: Braun und schwarz. Warum zur Hölle muss ein Laden davon also mehr Modelle haben, als es Atome im Universum gibt?

Das nächste Drama ist dann – man ahnt es – die Schuhgröße. Als Mann finde ich es ja schon schlimm genug, dass man von den guten alten Größenangaben in Zahlen wie 40, 41 und so weiter abgerückt ist, um mir jetzt eine Achteinhalb zu präsentieren. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, verflixt und zugenäht, also hört auf, unsere liebgewonnenen Größen durch fünf zu teilen oder was weiß ich, was ihr da tut! Hundert Gramm Käse sind schließlich auch seit jeher hundert Gramm Käse und nicht plötzlich dreiundzwanzig komma sieben acht Metakubri. Man muss nicht aus allem eine Wissenschaft machen.

Aber das eigentliche Problem mit den Größen ist dann viel eher, dass keine der vorrätigen Schuhe passen. Okay ich weiß, ich habe kleine Füße, ich bin größentechnisch insgesamt eh nicht gerade das, was man Durchschnitt nennt, aber zumindest in meinen Augen sind alle Schuhe der Herrenabteilung, die man heute in einem Geschäft kaufen kann, lediglich in den Größen »Kindersarg« und aufwärts erhältlich. Was ist hier eigentlich passiert? Hat Tschernobyl nicht nur unsere Pilze versaut, sondern den Leuten Goofys Fußlänge beschert? Das kann doch nicht gesund sein. Wenn das so weitergeht, braucht sich zum Skifahren bald niemand mehr Bretter unter die Füße zu schnallen.

Um es kurz zu machen, es lief in jedem einzelnen Laden so ab: Ich suchte und fand so ziemlich genau ein Schuhmodell, das mir gefiel, probierte es an und es passte nicht. Kein! Einziges! Mal! Natürlich machte mich das immer wütender. Jedes Mal, wenn ich dann ein Schuhgeschäft verließ, stellte ich mir vor, ich sei einer dieser Superbösewichte aus den Comics und im nächsten Moment würde der Laden effektvoll explodieren, während ich ganz lässig, ohne mich umzudrehen und natürlich in Zeitlupe, weggehen würde – den rechten Mundwinkel zu einem fiesen aber zufriedenen Lächeln verzogen.

Ende der traurigen Ballade: Ich ging nach Hause, klappte das Notebook auf, rief den Schuhhändler meines Vertrauens auf, der mit »Z« anfängt und auf »alando« endet, stellte ein paar Filter ein – klick, klick, klick – schon waren drei (übrigens passende) Schuhpaare unterwegs zu mir. Zeitaufwand: ungefähr drei Minuten. Nervenersparnis: unendlich! Und so leid es mir tut: Zumindest für mich bleiben die toten Gäule jetzt tot.