Lernen von den Alten

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Back in the 90s, genauer gesagt muss es 1992 gewesen sein, zogen wir in einen schmucken Plattenbau. Durchaus ernst gemeint, waren die Dinger doch damals einigermaßen fortschrittlich. Erstmals hatten wir eine Heizung, die wie durch Magie den Raum erwärmte, indem man an einem ... Ding drehte, statt Kohle in einen muffigen Kachelofen schaufeln zu müssen. Viel wichtiger aber noch, schließlich war ich damals gerade sieben oder acht Jahre alt: Wir hatten endlich fucking Kabelfernsehen! Bis dahin waren die »Sendung mit der Maus«, »Löwenzahn« und vielleicht noch die »Sesamstraße« mein Zentrum popkultureller Bildung. Aber dank Kabelfernsehen sollte alles anders werden. Vor allem ein Sender stach hier hervor: RTL2. Genau, jener Kanal, der heute wie kein zweiter den gesamtgesellschaftlichen IQ schneller in den Keller treibt als Josef Fritzl seinen Anhang, sollte Anfang der 90er Jahre zumindest für uns Kinder der neue Mittelpunkt des Universums werden.

RTL2 hatte nämlich ein ausgesprochen gutes Unterhaltungsprogramm für die Kleinen. Hätte man damals auf dem Schulhof eine Umfrage gestartet, ich würde meinen Hintern drauf verwetten, mindestens 90 Prozent der Schüler hätten RTL2 als Lieblingssender genannt. Von mittags bis ungefähr 16 Uhr – also genau zu der Zeit, die für Hausaufgaben reserviert sein sollte – dudelte hier ein großartiger Trickfilm nach dem anderen über die Mattscheibe. Die Einkaufsabteilung des Senders musste damals den Weihnachtsmann als Vorstand gehabt haben, jedenfalls hatte man dem japanischen Cartoonbetrieb offenbar so ziemlich alles abgekauft, was nicht bei drei auf den Bäumen war.

Dass all diese Cartoons aus Japan stammten, wusste ich damals nicht. Heute würde man sagen: »Ja hey, das siehste doch wohl schon an den riesigen Augen der Figuren.« Klar, damals allerdings war der deutsche Markt noch nicht durch Animes aus Fernost überschwemmt worden, außerdem war ein Großteil der Serien in einem eher westlichen Szenario angesiedelt – wahrscheinlich wurden sie auch nur deswegen bei uns gezeigt.

GeorgieWie ich jetzt darauf komme? Nun, meine Schwester hat neulich eine DVD-Box der Anime-Serie »Georgie« gekauft – ihre Lieblingsserie anno 1992 – und sie mir nach dem Akkordanschauen freundlicherweise ausgeliehen. In der Serie – bestehend aus insgesamt 45 Folgen (in meiner Erinnerung waren es ungefähr 1.000) – geht es um die während des 19. Jahrhunderts in Australien lebende Familie Butman (Ja, so heißen die.), bestehend aus Mutter, Vater, den Brüdern Abel und Arthur sowie der namensgebenden Schwester Georgie. Diese wiederum, das stellt sich sehr schnell heraus, ist ein Findelkind, was jeder weiß, abgesehen von ihr selbst. Der Trickfilm erzählt die Geschichte der Familie über einen Zeitraum von ungefähr zehn bis zwölf Jahren hinweg in größeren Zeitsprüngen. Beide Brüder verlieben sich während ihrer Jugend in Georgie, womit der Grundkonflikt steht. Letztlich bekommt auch Georgie, die sich wiederum längst in einen aristokratischen Engländer verliebt hat, heraus, dass sie mehr oder minder adoptiert ist. So zieht es sie schließlich nach England, wo sie nicht nur ihre Liebe zu wiederzufinden hofft, sondern auch ihre wahre Herkunft aufdecken möchte.

Woah, lange hat mich eine Trickfilmserie nicht mehr so bewegt. Die Geschichte, die Charaktere, die großartige Gänsehautmusik, all das ist so liebevoll arrangiert, dass es mich emotional regelrecht in die Serie hineingesaugt hat. Dabei kannte ich sie ja eigentlich schon, auch wenn ich die gegen Schluss zunehmend komplexen Themen jetzt natürlich deutlich besser verstehe als Anfang der 90er. Erstaunlich übrigens, dass dieser wirklich schön gezeichnete Anime bereits von 1983 ist – älter als ich also. Das fällt aber während des Anschauens kaum auf, werden hier doch auf zeitlose Art Werte wie Zusammenhalt, Moral und die Bedeutung der Familie vermittelt. Etwas, das Japaner übrigens generell besonders gut darstellen können.

Und so gab es eben auch noch einige andere großartige Serien damals, die ähnlich angelegt waren: Da war beispielsweise »Lady Oscar«, die Geschichte über ein Mädchen, das zur Zeit der französischen Revolution von seinem Vater als Junge aufgezogen wird, um im Militär Karriere machen zu können. Oder »Eine fröhliche Familie«, die eben von einer Familie erzählt, die zur Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges zwischen die Fronten gerät und aus der Heimat fliehen muss. Da wäre »Die kleine Prinzessin Sara«, in der die namensgebende Sara, ein Mädchen aus gutem Hause, in einem Internat als Dienstmädchen schuften muss, weil der Vater plötzlich verstirbt und mit ihm das Vermögen verschwindet, von dem auch das Internat bezahlt wurde.

Es gäbe da sicher noch die eine oder andere Serie, die erwähnenswert wäre, aber alle aufzuzählen wäre doch etwas müßig. Auffällig ist, dass viele der Trickfilme, die übrigens überwiegend nicht aus den 90ern stammen, sondern bereits aus den 80ern, auf westlichen Romanen basieren (wie ja bspw. die Animes »Heidi« und »Biene Maja« auch – »Georgie« dagegen basiert auf dem gleichnamigen Manga). Nun ja, jedenfalls fehlt mir diese Art des Geschichtenerzählens heute in Trickfilmen sehr. Mitte der 90er Jahre war es nämlich auch vorbei mit diesen Serien, die sich viel Zeit für eine durchgehende Handlung nahmen. Da ging es dann los mit »Sailor Moon«, »Pokémon«, »Dragon Ball« und so weiter, die sich allesamt großer Beliebtheit erfreuten. Japanische Animes überrollten fortan die westliche Kulturlandschaft, die gedruckte Variante in Form der Mangas folgte im Schatten ihrer schrillen Cartoon-Pendants – beides Trend, die sich bis heute gehalten haben. Auch die damals neue Welle thematisierte dieselben alten Grundkonflikte und die eigentlich recht konservativen Wertvorstellungen der von mir so geliebten Zeichentrickfilme – angereichert allerdings um jede Menge Krachbumm und buntes Geblinke, dass man Schaum vorm Mund bekommen möchte. War mir auf Dauer etwas zu doll, allerdings änderten sich altersbedingt auch meine Interessen allmählich.

Tja, wenn es also etwas an den 90er Jahren zu vermissen gibt, dann neben der guten Rockmusik und Bret »The Hitman« Hart, definitiv die Anime-Nachmittage auf RTL2. Die Neuveröffentlichungen der alten Kamellen auf DVD und Blu-ray zeigen ja, dass offenbar nicht nur ich diesbezüglich in Nostalgie schwelge. Drum, wer’s tatsächlich nicht kennen sollte: Give it a try! Manches davon lässt sich auf YouTube finden, anderes wiederum ... anderswo.

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Manchmal wünsche ich mir, irgendwann in ferner Zukunft Enkelkinder zu haben. Das ist natürlich völlig absurd, weil ich selbst keine Kinder haben möchte. Dennoch mag ich den Gedanken, als mit Weisheit gesegneter Opi in meinem unfassbar bequemen Ohrensessel zu sitzen, eine karierte Decke mit Goldrand über dem Schoß und ein Rudel Halbwüchsiger im Halbkreis vor mir sitzend, das staunend zu dem kahlen aber mit einem imposanten weißen Bart gesegneten Großvater aufschaut und sich elegant ausgeschmückte Geschichten von früher anhört, während die Großmutter etwas abseits sitzt und mit halbem Ohr zuhört, was der Greis jetzt schon wieder für Blödsinn verzapft.

Das wären dann Geschichten, wie sie selbst heute schon fast wie aus grauer Vorzeit klingen. Zum Beispiel, dass wir, als ich selbst noch ein Dreikäsehoch war, keine Heizung hatten, sondern nur einen wuchtigen Kohleofen, in dem ganz bestimmt kinderfressende Kobolde lebten, die nachts hervorkamen und uns schlafenden Kindern die Seele absaugten. Morgens nach dem Aufstehen war es so kalt in der Wohnung, dass wir unsere blaugefrorenen Füße in ausgehöhlte Eisblöcke steckten, um sie zu wärmen. Okay, das ist etwas weit hergeholt, klingt für unwissende Kinder, die sich den gut gepolsterten Hintern an der Fußbodenheizung wärmen, aber sicherlich ganz faszinierend.

Und dann wäre da die Geschichte, dass es ja damals kein Telefon gab, zumindest nicht bei uns auf dem Land, wo unachtsame Spaziergänger noch von riesigen Wölfen gefressen wurden. Für Kinder, deren Hände – der Evolution sei dank – vermutlich bereits allein für das Halten eines Smartphones geformt sein werden, sicherlich ein unvorstellbar barbarischer Zustand. Aber es war ja so. Wir mussten eben einfach losziehen und solange bei Freunden klingeln, bis eine ausreichend große Gruppe zusammengetrommelt war, mit der sich was Anständiges anfangen ließ: mit Spraydosen kleine Wälder abfackeln zum Beispiel. Dicke Kinder gab es deswegen nicht, schließlich wohnten alle ausreichend gut im Ort verteilt, und hin und wieder ging auch mal ein Kind auf dem Weg zu Freunden für immer verloren – zumindest erzählte man sich das, und der komische Typ, der ständig sein Auto wusch, war auf jeden Fall ein Kindermörder, der leckere Süßigkeiten anbot, wenn man zu nah heranging und zu dem man auf gar keinen Fall ins frisch gewaschene Auto steigen durfte –, aber so war das eben. Wer sozial sein wollte, musste noch ganz andere Opfer bringen als einer im Sekundentakt nervig piepsenden WhatsApp-Gruppe beizutreten oder beim gemeinsamen Pokémon-GO-Spielen in den Dorfteich zu fallen.

Außerdem würde ich in epischer Länge über das Nichtvorhandensein adäquaten Spielzeugs fabulieren. Hm, ob Kinder in 40 Jahren noch wissen werden, was nicht digitales Spielzeug ist? Sogar bei digitalem Kram wird es doch heute schon schwierig: Welches Kind weiß bei all den hochauflösenden Bildschirmen denn heutzutage noch, was ein echtes Pixel ist? Als ich jünger war, waren Pixel groß wie Grizzlybären und mindestens genauso gefährlich. Aber zurück zum Spielzeug, das wir, wie schon angedeutet, ja quasi gar nicht besaßen, weshalb wir mit Mottenkugeln und Rattenködern »Glückliche Familie« spielten. Na gut, gelogen, aber das werden die Kinder ja nicht merken. Was nicht gelogen ist: Meine Kindheit war dermaßen unschuldig, dass ich statt ausufernder Weltraumschlachten einfach nur das Märchen »Der Wolf und die sieben Geißlein« nachspielen wollte. Die Geißlein hatte ich, den Wolf sowieso, aber die Mutter fehlte mir, weshalb ich sie im Kindergarten klauen musste. Wir hatten ja nichts, hab ich das schon erwähnt? Nun gut, jedenfalls wurde ich erwischt, trotzdem nicht bestraft und hatte hinterher endlich die olle Ziegenmutter für mein Spiel. Wenn das nicht pädagogisch wertvoll war, was dann? Klauen lohnte sich offenbar voll, aber das würde ein weiser Großvater in seinem Haus voller wertvollem Kram natürlich nicht den Kindern erzählen, die ihm gebannt lauschen.

Apropos klauen: Derweil ich so darüber nachdenke, fällt mir auf, dass das ganze Prinzip meiner Gedankenspielerei von »Käpt’n Blaubär« gestohlen ist. Ach, es ist doch eine Crux: Kaum erfindet man was, hat’s schon irgendwer vorher erfunden. Aber wie gesagt, mit den brav zuhörenden Enkelkindern wird es eh nichts, also werde ich mir wohl doch lieber einen wunderschönen Krückstock kaufen, mit dem ich drohend in der Luft herumfuchteln werde, während ich unverständliches Zeug schimpfe, weil mir nicht gefällt, was die Nachbarskinder schon wieder treiben. So lässt sich der Lebensabend sicher auch gut aushalten.

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Seit einiger Zeit hadere ich mit mir. Dinge, an denen ich früher viel Freude hatte, machen mir heute weniger bis keinen Spaß. Seit Monaten hinterfrage ich für mich die Sinnhaftigkeit dieser Seite hier beispielsweise, ich habe keine wirkliche Lust mehr, mir Gedanken über Texte zu machen, über deren Aufbau, darüber, ob sie lustig sind oder nicht. Vielleicht ist es eine (längere) Phase, vielleicht ist das Ding auch einfach durch.

Was mir dafür seit einiger Zeit Spaß macht, wozu ich allerdings viel zu selten komme (und woran ich selbst schuld bin), ist das Fotografieren. Vor etwas über einem Jahr habe ich mir eine Kamera gekauft, mich ein wenig in die Materie eingelesen, weil ich der Meinung bin, dass es immer gut ist, die Regeln zu kennen, wenn man sie brechen möchte, und weil es eben doch sehr gut zu wissen ist, weshalb ein Foto schlecht geworden ist, obwohl das Motiv doch so viel hergab und die Kamera so billig gar nicht war.

Ich bin nie über den Anfängerstatus hinausgekommen, mir fehlt auch das Talent, gute Motive ganz natürlich zu erkennen. Ich weiß, es gibt Menschen, die haben dafür ein gewisses Gefühl, die können das, ohne sich dieses geschulte Auge erst aneignen zu müssen. Mir geht das nicht so. Ich muss mir jedes Bild, jeden kleinen Fortschritt erarbeiten.

Aber genau daraus ziehe ich merkwürdigerweise meine Freude. Vor langer Zeit habe ich mir das Gitarrespielen beigebracht, und auch hier bin ich nie über den Anfängerstatus hinausgekommen. Allerdings macht's mir auch keinen wirklichen Spaß zu üben, meine Finger zu trainieren, weil ich einfach weiß, dass mir das Talent fehlt, dass das, was ich spiele, immer mittelmäßig klingen wird, weil meine Wurstfinger gerne danebengreifen. Mit den Bildern mag es auch so sein: Vielleicht werden die niemals besser, wahrscheinlich werden meine Fotos immer schlechter sein als die derjenigen, die einfach ein Auge fürs Motiv haben, aber trotzdem macht mir die Sache viel Spaß.

Ich glaube, das liegt in erster Linie an der Entschleunigung. Ich packe die Kamera in den Rucksack, dann geht's ab in die Natur und auf Motivsuche. Allein diese Suche ist so wahnsinnig beruhigend, und es ist wirklich unendlich befriedigend, etwas Schönes zu entdecken, die Kamera draufzuhalten und bei der Nachkontrolle festzustellen, dass man das, was man fotografieren wollte, wenigstens einigermaßen gut abgelichtet hat. Ich kann während des Fotografierens den Alltag vergessen, die permanente Lautstärke der Großstadt, den Erwartungsdruck des Berufslebens. Allein diese Pirsch macht mir wahnsinnig viel Spaß. Seien es Vögel, Insekten, irgendwelche Pflanzen, Bäume, irgendwas Spannendes gibt es immer zu entdecken. Vermutlich irgendein Kindheitserinnerungsdingsbums. Kleinigkeiten, auf die man im normalen Alltag nie achten würde, werden besonders, und genau das macht die Faszination aus. Und klar, nach einer Weile gehen auch dem blutigsten Anfänger die Fotos etwas leichter von der Hand, was auch ganz schön.

Ich mag auch die Natürlichkeit der Motive. Nie käme ich auf die Idee, Menschen zu fotografieren (abgesehen von meiner Freundin). Ich mag es, dass die Natur tut, was sie mag. Wenn sie geduldig ist, kann ich ein Foto machen, wenn nicht, habe ich eben Pech und warte in Ruhe auf die nächste Gelegenheit. Im Endeffekt bekommt man immer eine Situation, einen Moment, festgehalten in einem Bild. Bei Menschen sieht das anders aus: Sie halten still, begeben sich in Pose, sind daher immer ein Stück weit künstlich. Und ehrlich gesagt, ist gerade das Fotografieren für mich auch eine Art Flucht vor dem Alltag und damit auch vor den Menschen. Deswegen allein reizt mich persönlich Portraitfotografie auch überhaupt nicht. Aber das muss jeder für sich herausfinden.

Was jedenfalls das Fotografieren angeht, habe ich über die Zeit einige einfache Erkenntnisse gesammelt, die ich gerne weitergeben möchte (falls sich auch wer dafür interessiert):

  1. Kauft euch eine gute Kamera. Nicht die beste, um Gottes Willen, aber durchaus eine gute. Die gibt es schon für ca. 300 bis 400 Euro mit brauchbarem Einsteigerobjektiv. Damit kann man schon viel anfangen, die Ergebnisse sind um Lichtjahre besser als jede hochgelobte Smartphone-Kamera, und ihr werdet auf jeden Fall mehr Spaß haben als mit einer 60-Euro-Billigknipse aus dem Elektronikmarkt. Ich habe beispielsweise eine Nikon 3200 und bin damit größtenteils zufrieden. Inzwischen hätte ich gern ein paar zusätzliche Funktionen, die meine Kamera nicht hat, aber auch das gehört zum Lernprozess.
  2. Kauft nicht jeden Quatsch dazu, nur weil's euch jemand empfiehlt. Wer mit einer Kamera und einem guten Allround-Objektiv anfängt, kann damit alles tun, seine Grenzen austesten und, sind diese erreicht, immer noch entscheiden, ob es denn ein weiteres Objektiv sein soll, ein Stativ, diverse Filter, etc.
  3. Lest ein Buch! Echt, es hilft zu wissen, was Blende, Verschlusszeiten und ISO-Werte sind, wie die drei zusammenhängen und wie man damit seine Bilder beeinflussen kann, was bspw. Schärfebereiche, korrekte Belichtung und Bildrauschen angeht.
  4. Nutzt ruhig die automatischen Modi der Kamera. Am Anfang wollte ich alles manuell machen und einstellen, weil ich dachte, das gehört zum richtigen Fotografieren dazu. Aber nach einer Weile merkte ich doch, dass die Kamera es oft besser weiß und dass eben ein Autofokus verdammt viel schneller und genauer ist, als wenn ich manuell am Fokusring des Objektivs drehe.
  5. Macht euch bloß keinen Stress. Ich dachte anfangs, ich muss sofort wahnsinnig tolle Bilder von großartigen Motiven machen. Das ist aber Blödsinn. Im Zweifel halte ich die Kamera einfach drauf und schaue hinterher am Computer, ob sich das Bild verwerten lässt. Lieber ein Bild zu viel als eins zu wenig machen, lautet die Devise. Ein Reiz des Fotografierens besteht für mich auch darin, hinterher kleine Details in Bildern zu entdecken, die man während der Aufnahme gar nicht gesehen hat und die ein ansonsten langweiliges Foto vielleicht doch interessant machen.
  6. Nachbearbeitung! Auch so ein Ding, von dem ich anfangs dachte, ich dürfte es nicht brauchen, weil es eine Art Schummelei sei. Bilder aus der Kamera sind im Rohdatenformat oft etwas blass, manchmal auch zu dunkel, etc. Mindestens Tonwertkorrekturen (Buch lesen!) sollte man ruhig vornehmen und auch an den Farbreglern spielen kann ein erhabenes Erlebnis sein, wenn man damit erst mal ein blasses Bild in ein farbenfrohes verwandelt hat.
  7. Geht raus in die Natur! Wie gesagt, ich müsste es selbst öfter tun, aber ach ... Man muss nicht unbedingt große Reisen unternehmen. Auch (oder gerade) in Berlin bspw. gibt es viele schöne Ecken, wo man ganz in Ruhe fotografieren kann. Alte Friedhöfe sind immer dankbare Motivsammelsurien, aber auch die vielen Parks, die es hier gibt. Wer mal ein hüpfendes Eichhörnchen scharf abgelichtet hat, weiß, wie toll sich das anfühlt.
  8. Last but not least: Die beste Kamera ist immer die, die man dabei hat. Der große Nachteil einer Spiegelreflex ist ihre Größe und damit ihr Gewicht. Meine Freundin hat eine Sony RX100, die sehr kompakt und leicht ist, die aber meist mindestens genauso gute Bilder macht wie meine große Nikon, im Makrobereich (Buch lesen!) sogar deutlich bessere (da ich kein Makroobjektiv besitze – siehe zweitens). Zum Üben im Alltag tut's sicher auch mal eine gute Smartphone-Kamera. Ein Punkt jedenfalls, den ich mir auch mal zu Herzen nehmen müsste (aber siehe hierzu halt auch fünftens).

Vielleicht werfe ich demnächst mal ein paar mehr Ergebnisse hier auf die Seite. Ich hatte ursprünglich überlegt, ein Fotoblog zu starten, hab dann aber erst mal wieder davon abgelassen (noch mal: siehe fünftens). Bis dahin hier ein paar Bildchen, an denen ich wirklich Spaß hatte und noch immer habe:

Eichhörnchen in #Berlin #photography #nikon #d3200 #dslr #nature

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#Berlin #Tiergarten #Nikon #DSLR

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... und seine Beute? 😉 #berlin #kleistpark #schöneberg #fotografie #photography #natur #nature #nikon #d3200 #tamron

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Trolle im Grunewald #Nikon #D3200 #DSLR #Berlin

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Am letzten Wochenende haben meine Freundin und ich "Der kleine Prinz" im Kino angeschaut. Zugegebenermaßen bin ich nur ihr zu Liebe ins Kino gegangen, weil ich mir von der Geschichte an und für sich nicht so richtig viel versprach. Das Büchlein habe ich nie gelesen, im Groben war mir die Geschichte aber bekannt. Nun, um es kurz zu machen: Der Kinobesuch hat sich gelohnt. Der Film gibt nicht einfach nur Antoine de Saint-Exupérys Geschichte wieder, sondern spinnt auch eine wirklich sehr schön gemachte Rahmenhandlung um die ursprüngliche Erzählung. Während die Buchpassagen wunderschön in Stop-Motion-Technik visualisiert wurden, ist der größte Teil des Films im Grunde ein gewöhnlicher Animationsfilm, wie ihn auch Pixar und Co. machen. Das mag nicht jedem älteren Semester gefallen, aber gerade Kinder, für die der Film ja - nicht nur, aber auch - gemacht wurde, werden daran natürlich Gefallen finden (ich übrigens auch).

Aber worum geht's? Ein kleines Mädchen soll auf eine besonders renommierte Schule gehen. Dafür hat die arbeitsame Helikoptermutter das komplette Leben des Kindes durchgeplant, wenn sie sonst schon keine Zeit für Erziehung hat. Jede Tagesaktivität läuft nach einem strengen Zeitplan ab, für Freunde oder Spaß bleibt auf dem Weg zur vermeintlichen Traumkarriere keine Zeit. Nachdem gleich zu Beginn des Films eine Bewerbung an der besagten Schule in die Hose geht, zieht die vaterlose Familie in ein neues Haus in einer übertrieben konformistisch gestalteten Eigenheimsiedlung, nah an der ersehnten Akademie gelegen. Das Haus war besonders günstig, weil direkt nebenan ein schrulliger alter Mann in einem schrägen Haus wohnt, der so gar nicht in die Ordnung liebende Nachbarschaft passen möchte. Kurz um: Natürlich lernt das Mädchen den alten Mann kennen, der sich schließlich als der Pilot aus "Der kleine Prinz" herausstellt. In der Folge wird dem Zuschauer nicht nur die zauberhafte titelgebende Geschichte näher gebracht, sondern er erfährt auch die Werte wahrer Freundschaft und was es bedeutet, ein Kind zu sein und dieses Kind sowie die Macht der Vorstellungskraft in sich zu bewahren.

Aber ach, der Trailer erzählt das besser als ich:

Wenn man den Film analysiert, lässt sich natürlich das eine oder andere Haar in der Suppe finden. Die Themen werden etwas plakativ angegangen, der Handlungsaufbau ist recht konventionell, und ob Til Schweiger als (glücklicherweise nicht omnipräsenter) Synchronsprecher wirklich sein musste, darüber kann man streiten. Darüber konnte ich insgesamt sehr gut hinwegsehen. Denn sehr erstaunt hat mich doch, wie gut die eigentliche Geschichte um den kleinen Prinzen in ein stets aktuelles Setting eingebettet wurde. Gerade der Kontrast macht sehr deutlich, dass auch die originale Erzählung nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat. Und während wir den Film schauten, umringt von mampfenden und tuschelnden Kindern (vor allem das Mädchen hinter uns, das den Film offenbar schon gesehen hatte und ständig die im nächsten Moment gesprochenen Sätze vorplapperte ... Grrr!), erwischte ich mich doch selbst immer wieder mal dabei, wie ich Stationen meines bisherigen Lebens Revue passieren ließ.

Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie es damals war, als ich so allmählich mit der Schule fertig wurde. Karriere wollte ich machen, auf jeden Fall hoch hinaus. Wie genau, das wusste ich damals auch noch nicht, aber dass es sein musste, das war klar. Wurde mir ja auch so vorgelebt. Meine Eltern wollten immer, dass ich's mal besser habe. Wenn sie selbst es schon nie aus dem Proletarierdasein herausgeschafft hatten, so sollten doch ihre Kinder das erreichen, was ihnen verwehrt blieb. Das ewige Projektionsthema der Eltern auf ihre Kinder eben. Ich dachte damals allen Ernstes, ich könnte nach der Schule mein altes Leben einfach abstreifen wie eine abgetragene Jacke, mich in den Anzug schmeißen und Businesskasper spielen.

Hat glücklicherweise nie geklappt, und darüber bin ich sehr froh. Mir war mein Leben, meine Hobbys, der Kontakt zu Menschen, die mir etwas bedeuten, immer wichtiger, als ganze Tage schwer schuftend im Büro zu verbringen und nur noch zum Schlafen nach Hause zu gehen. In meinem Umfeld beobachte ich so was leider allzu oft, und ich möchte dann immer schreien, dass Arbeit doch wohl nicht alles im Leben ist. Ich habe das Kind in mir bewahrt, und das lebe ich auch aus. Böse Zungen könnten natürlich behaupten, ich würde damit kompensieren, dass ich noch immer keine eigenen Kinder habe, und vielleicht ist da auch was dran, aber das ist mir eigentlich sehr egal. Ich habe auch lange gebraucht, um herauszufinden, was es eigentlich bedeutet, jemanden wirklich zu lieben, diesen jemand festzuhalten, wieder loszulassen und zu wissen, dieser jemand kommt auch wieder zurück. In dieser oberflächlichen Höher-schneller-weiter-Zeit, in der jeder immer nur dabei ist, sich selbst weiter zu optimieren, kann man das schon mal verlernen, glaub ich. Oder vielleicht auch nie gelernt haben. Und das ist schade, entgeht einem dadurch doch so viel Schönes.

Es ist nicht immer ganz leicht, sich stets all dieser Lebensinhalte abseits des Strebens nach Geld und Konsum bewusst zu sein, aber es ist wichtig, es sich immer wieder bewusst zu machen, wenn man mal abdriftet. Das waren so Gedanken, die mir während des Films und danach durch den Kopf gingen. Ist also durchaus nicht nur für Kinder gemacht, denn die wissen es wahrscheinlich sowieso noch viel besser als wie Erwachsenen. Erwachsen wird man von allein, am Kindbleiben muss man arbeiten.

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Internet früher ...Die Frühzeit des massentauglichen Internet ist eine Geschichte der Entbehrungen. Mir ist, als wäre es erst gestern gewesen, dass ich so um 2000 herum vor meinem nikotinfarbenen PC vom Ausmaß eines Hochofens saß, der keuchte und stöhnte wie Darth Vader mit Schnappatmung und mit dem ich mich über ein schnarchlahmes Modem ins Netz einwählte, das ich nach hoffentlich erfolgreicher Verbindung wie einen Götzen anbeten musste, selbige bitte nicht ungefragt wieder zu trennen.

War dem Modem eh egal. Das Modem war ein Arschloch. Diese plötzlichen Verbindungstrennungen, untermalt von einem schadenfrohen »Klack« waren ein Ärgernis, weil damals jede scheiß Einwahl sagenhafte vier Pfennig kostete. Das klingt nicht teuer, aber weil ich das pro Tag vier, fünf Mal machte, so ziemlich jeden Tag im Monat natürlich, ganz davon abgesehen, dass die stehende Verbindung seinerzeit ja auch noch minütlich knapp zwei Pfennig kostete (was schon wahnsinnig günstig war) und es für angefangene Minuten hinterher nichts zurückgab, bedeutete das am Monatsende vor allem eines: »Kannst du mir mal bitte erklären, warum wir wegen dir schon wieder so eine hohe Telefonrechnung haben?« Das Für-die-Schule-Argument zog dabei in meinem Fall irgendwann auch nur noch begrenzt, weil mir bald keiner mehr abnahm, dass man für akkurate Schulnoten jeden Monat Unsummen im Internet versurfen musste. Vorher ging's schließlich auch ohne. Ja gut, vorher ging's auch ohne das Rad, und trotzdem stünde der Autofahrer von Welt heute ohne Rad irgendwie ziemlich blöd vor seiner Karre rum.

Aber ganz im Ernst: Was machten wir eigentlich im Internet? Liebe Eltern der letzten Generation, natürlich haben eure Sprösslinge dieses komische Internet nicht für die Schule benötigt. Nicht nur, jedenfalls. Solange sich die Texte für die nächste Wandzeitung eins zu eins auch vom Bertelsmanns CD-ROM-Lexikon klauen ließen, reichte uns das. War deutlich bequemer, als sich extra ins Internet einzuwählen und dabei zuzuschauen, wie die langsamsten Ladebalken der Welt sich gemütlich wie ein Hundertjähriger mit Rollator von null auf hundert Prozent hochkrebsten, während die Seite sich aufbaute, als würde sie jemand mit Papier und Prittstift von Hand zusammensetzen. Die Lehrer damals kamen außerdem nicht mal mit einem Videorekorder klar, drum war keine Hausaufgabe der Welt darauf ausgelegt, dass man irgendwas aus diesem komischen Internet heraussuchte. Nein, also wenn wir schon ins Netz gingen, dann für die wichtigen Dinge des Lebens.

Um über Napster illegal Musik zu laden beispielsweise. Das mit der gestohlenen Musik war freilich nicht neu, schließlich hatten wir CDs vorher auch schon im Laden geklaut, aber mit dem Internet hatte sich dieser Prozess digitalisiert. Künstler, Plattenfirmen und der nun nicht mehr benötigte Hausdetektiv fanden das vermutlich blöd, dafür freuten sich die Telefongesellschaft und die Verteiler von AOL-CDs. Und natürlich sämtliche Hersteller von CD-Brennern. CDs waren überhaupt prima: Im Gegensatz zu Kassetten gab's nie Bandsalat, und grundsätzlich gingen die Dinger eigentlich nur dann kaputt, wenn man sie an seine Freunde verlieh.

An und für sich war das »Saugen« von Musik in der Anfangszeit allerdings eine ziemlich zähe Angelegenheit. In einer Welt, in der eine simple Webseite ohne Bewegtbildgedöns – denn das gab es damals fast gar nicht – drei Minuten zum Laden benötigte, schaffte es auch die neuste Metallica-Single nicht schneller auf die Festplatte. Und wenn dann die Gegenseite, also der Blödmann, von dem man das Lied gerade kopierte, kurz vor Ende die Verbindung kappte, bekam man glatt Mordgelüste, denn nun musste man von vorn beginnen. Selbst machte ich mir daraus natürlich auch gerne mal einen Spaß. Hahaha, du willst dieses Lied haben, ja? Haha, nur noch vier Prozent? Drei? Zwei? Eins? Nope, Freundchen! Ein Klick, und alles war umsonst. Die Arbeit einer ganzen Stunde – verbrannte Erde aus unbrauchbaren Dateihappen.

Abgesehen von den hohen Telefonrechnungen fanden zumindest die meisten Eltern das aber ganz toll, was wir so machten. Sie kapierten nicht, was unsereiner da tat, wenn wir wie der Angestellte des Monats im professionellen Presswerk eine Silberscheibe nach der anderen im Brenner verschwinden ließen, um sie hinterher fein säuberlich mit Edding oder sogar bedruckten Labels zu verzieren und auf einen großen Stapel zu legen, der hinterher an Freunde oder andere Interessenten verteilt wurde – gegen Bares natürlich. Am Computer zu hocken war aus Elternsicht besser, als draußen heimlich eine Schachtel Kippen nach der anderen wegzuziehen. Nicht, dass dafür keine Zeit mehr gewesen wäre, aber ... Elternlogik halt.

Am Computer sitzen hieß für Eltern, wenn man nicht gerade zockte, dass man was lernte. Was für die eigene Zukunft tat. Für meine Mutter galt die für sie logische Devise: Beschäftigt der Junge sich mit dem Computer, macht er später mal was Anständiges und muss nicht am Fließband Plastikpflanzen zusammenkleben. Zwar klebe ich heute beruflich tatsächlich keine Plastikpflanzen zusammen, hätte ich mich damals beim Schwarzkopieren aber erwischen lassen, dann hätte ich vielleicht im Knast welche zusammengeklebt.

Um 2000 herum war auch an das Herunterladen von Serien und Filmen noch gar nicht zu denken. Gott, diese gigantischen Datenmengen! Ganze Filme, pah! Die passten doch gar nicht durch die Leitung. Und dann die Kosten! Einen neuen Film direkt in den USA zu kaufen – per Selbstabholung – wäre billiger gewesen. Mein Neid galt seinerzeit den paar Freunden mit teurer ISDN-Leitung. Wessen Eltern einen entsprechenden Vertrag bei der Deutschen Telekom hatten, der surfte nicht nur bedeutend schneller als ich mit meinem 56K-Miniaturpanzer, sondern durfte an gesamtdeutschen Feiertagen auch noch umsonst telefonieren und damit eben auch ... UMSONST SURFEN!!!

Ein digitales Eldorado tat sich für jene Glücklichen auf. Den Luxus nutzte einer meiner Freunde seinerzeit, um in einem fein abgestimmten Projekt über mehrere Sonntage hinweg Gina-Wild-Filme herunterzuladen. Gina Wild – die Älteren werden sich erinnern – war um die Jahrtausendwende herum neben Goethe und Schiller eine der großen deutschen Kulturfiguren (»Jetzt wird's schmutzig« – ein Drama in sieben Akten) und gehörte definitiv auf selbstgebrannte CD-ROMs, die es auf dem Schulhof zu verteilen galt, wenn man mal neue Freunde brauchte. Alle anderen mussten sich mit den unzähligen Internetseiten voller, äh, Aktbilder zufrieden geben, die einem beibrachten, was mit Körperöffnungen anatomisch gesehen noch so alles möglich ist. Ja, auch dafür brauchten wir das Internet, wenn wir uns im Zimmer einschlossen, um in Ruhe für die Schule zu lernen.

Heute kommt man an Filme und Musik viel einfacher und deutlich ungefährlicher. Es gibt tolle Online-Dienste wie Spotify. Will ich eine neue Platte anhören, kann ich das da tun. Jederzeit, immer wieder und das alles auch noch für umme und ganz legal. Ähnlich dekadent verhält es sich mit Filmen und Serien: Dank Netflix weiß ich inzwischen, dass nach »Akte X« doch nicht alle Serien Grütze waren. Dafür weiß ich auch, dass »Akte X« sehr wohl Grütze war. Ja gut, will man sich aktuelle Folgen der Serie »Game of Thrones« anschauen, dann ist's immer noch wie vor zwanzig Jahren, weil die Rechteinhaber irgendwie zu glauben scheinen, sie könnten am meisten verdienen, wenn wirklich niemand ihre Serie anschauen kann. Nicht fragen, ist halt so. Die Vertriebschefs haben vermutlich im Jahr 1850 erfolgreich BWL studiert und glauben, digitaler Vertrieb mache impotent.

Aber gut, es waren unschuldige Zeiten damals, als man noch das Gefühl hatte, das ganze Internet würde von Dampfmaschinen angetrieben. Heute gibt es den Spaß fast nur noch drahtlos, ohne fiepsendes Modem, das man in die Telefondose stöpseln muss, das die Leitung blockiert und so die Familie vom Rest der dauernd anrufenden Verwandtschaft abklemmt. WLAN gab es damals ja nicht. Und als es das endlich doch gab, war es beschissen: unsicher und die Verbindung schwankte schlimmer als Johnny Depp auf 'ner Pressekonferenz. Ein sehr cooler Trick war, zur Verbesserung der Verbindung etwas Alufolie um die Antenne des Routers zu wickeln. Das sah ziemlich nerdig aus und half kein bisschen. Leider.

Wie sich das geändert hat! Heute besteht die Luft zum Atmen wahrscheinlich zu fünfzig Prozent allein aus WLAN. Einmal zu tief Luft geholt, schon hat man vielleicht den viel versprechenden Online-Flirt des Nachbarn verschluckt. So ändern sich die Zeiten: Früher bekam man beim Einzug in eine WG zuerst den Schlüssel, heute fragt man nach dem WLAN-Passwort. Alles kein Thema mehr. Wer heute online sein will, kann das problemlos auch auf dem Klo sitzend tun, ohne den PC auf einem Rollwagen ins Bad karren und sich überlegen zu müssen, wie er die Verlängerungsschnüre durch die Bude legen soll. Früher druckte ich mir interessante Webseiten aus und nahm sie zum Lesen mit aufs Örtchen, heute machen das nur noch CDU-Politiker. Sorgenfrei auf dem Lokus hocken und die Zeit versurfen, während der eigene Hintern allmählich mit der Klobrille fusioniert, das wäre damals undenkbar gewesen.

Und auch der Begriff des Surfens an sich hat sich verändert: Erkundete man früher noch mutig auch die finstersten Ecken des World Wide Web (Ja, natürlich möchte ich den Sexy-Teens-Newsletter täglich kostenlos an meine Mailadresse geschickt bekommen, schließlich ist er KOSTENLOS!), besteht dieser Mut heute weitestgehend darin, nicht nur die Facebook-Timeline rauf und runter zu scrollen, sondern auch mal auf das Profil von Leuten zu klicken, die noch nicht in der eigenen Freundesliste vor sich hin gammeln.

Aus dem harten Scrollrad früher Tage ist eine verweichlichte Wischgeste geworden. Was uns früher beim Schleppen kaputte Knie und Rückenschmerzen bescherte, stecken wir nun in bunte Hüllen und werfen es in die Handtasche. Smartphones mit Dauer-Online-Zugang sind allgegenwärtig. Wir haben unsere digitale Unschuld verloren, unseren Entdeckergeist an Steve Jobs und Mark Zuckerberg verkauft. Man könnte weinen, wäre das nicht alles so ungemein praktisch. So schön bequem. Die Welt steht uns so viel offener als früher, es gibt keine Grenzen mehr. Wer braucht digitalen Survivalurlaub wie früher, wenn er all inclusive mit Klimaanlage haben kann? Ich muss nur mein Telefon in die Hand nehmen, den Browser öffnen und ... oh ... Mist, Datenvolumen ist aufgebraucht.

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Was war das Leben schön, so ganz ohne Telefon im Haus. Die ersten acht Jahre meiner Menschwerdung kam ich wunderbar ohne zurecht. Damals machte man noch keine Termine aus, man traf sich. Klappte hervorragend, und dran gestorben ist auch keiner. Unser erstes Telefon, ein bordeauxroter Klotz aus dem Hause Siemens, damals natürlich noch ganz mittelalterlich mit Schnur, kam ca. 1992 ins Haus, als die Telefonleitungen in der Post-DDR-Provinz gerade mal frisch verbuddelt waren. Die Eltern fast all meiner Freunde hatten das gleiche Telefon gekauft, nur in anderen grandiosen Farben: kotzgrün und irgendwas Pflaumenartiges. Vielleicht war’s der Zeitgeist, vielleicht war das Ding aber auch einfach nur unschlagbar billig. Ein Telefonat im Ort kostete übrigens seinerzeit laut bedrohlich hochratternder Digitalanzeige zwölf Pfennig pro, äh, Minute, Gesprächseinheit oder was auch immer. Das war auf Dauer zwar kein Pappenstiel, aber zumindest wir Preußen bekamen in einer Minute Gesprächszeit eine ganze Menge Inhalt unter.

Knirps, der ich war, hatte das Telefon für mich damals genau zwei Funktionen. Erstens: Freunde anrufen. Das lief in etwa so ab: »Kommste raus?« - »Joa, wann denn?« - »Jetzt? Treffen am Fußballplatz?« - »Joa, bis gleich.« - »Ciao.« - »Joa.« Zehn Sekunden höchstens, schon war man durch - preußische Gesprächseffizienz in Perfektion! Zweite Funktion: Wenn die eigenen Eltern nicht daheim waren, heimlich bei der Angebeteten anrufen, warten, bis sie ranging, dann schnell auflegen und die mit Raufaser tapezierte Wand anseufzen. Ihre Nummer hatte ich natürlich längst unter Herzklopfen aus dem dicken Telefonbuch gesucht, und während des Freizeichens betete ich innerlich, sie selbst möge abheben und nicht ihre Eltern, von denen ich ja doch immer irgendwie befürchtete, sie würden durch die Stille hinweg sofort erraten, wer gerade anrief und sich offenbar einen Scherz erlaubte. Fakt ist, ich wurde nie erwischt, aber Fakt ist auch, dass ich während dieser Zeit niemals eine Freundin fand. Komisch.

Irgendwann in den ganz späten Neunzigern entdeckte ich das Telefon neu. Ein »Telefon to go« quasi, ein Handy, wie ich erfuhr. Ganz ohne Schnur und für die Hosentasche. Als Potenzvernichter der Neuzeit das funkende Gegenstück zur Viagra-Pille. Das erste Mobiltelefon, das ich in meinen Griffeln hielt, war das Nokia 3210 eines Freundes - ein für damalige Verhältnisse todchices Gerät in der Form eines Flaschenöffners, und genau dafür ließ es sich auch verwenden: zum Öffnen von Bierflaschen. In arabischen Ländern, so sagte man, würden Menschen mit Nokia-Telefonen gesteinigt, weil es schlicht nichts Härteres gab. Es war eine Zeit, als Lehrer dachten, mit dem Ende der Tamagotchis wäre die Schwemme des digitalen Irrsinns überstanden. Mitnichten, denn plötzlich machte es im Unterricht ständig: »Piep piep - piep piep«. Haufenweise Schüler hatten die Hände nur noch unterm Tisch, hielten die Köpfe gesenkt, und wer genau lauschte, konnte ein Geräusch wie das Tippeln von tausend Spinnenbeinen vernehmen. Aus den Lehrerschubladen musste es von all den einkassierten Handys bald mehr gestrahlt haben als aus dem Betonsarg in Tschernobyl.

Handys hatten seinerzeit ebenfalls zwei Funktionen. Die erste hieß »Snake« und war ein ziemlich banales Spielchen, bei dem man eine eckige Schlange über den eckigen Bildschirm steuerte, um kleine eckige Punkte einzusammeln. So aufregend wie das Behandeln von Fußpilz, und trotzdem war’s der Renner, für den man alles stehen und liegen ließ. Funktion Nummer zwei war die SMS. Hatte man in der Prä-Handy-Ära noch jede Menge Inhalt in zwölf Pfennig Telefonzeit unterbringen können, waren es jetzt nur noch 160 Zeichen in einer Kurznachricht für knapp 40 Pfennig - auch wenn abgewichste Profis Optimierung betrieben, indem sie die Leerzeichen wegließen, wasDannSoAussah. Wahnsinnig ineffizient jedenfalls und genauso bekloppt, trotzdem wurde plötzlich nur noch gesimst, statt telefoniert. Das hatte zwei Gründe. Erstens: Zwar konnte man einer Legende zufolge mit dem Handy auch telefonieren, aber die Gesprächsgebühren waren so hoch, dass es günstiger gewesen wäre, die zu übermittelnde Nachricht mit Tinte aus Einhornblut auf ein Blatt Papier mit Prägung zu kritzeln, dieses um einen Goldbarren zu wickeln und den dann mittels adliger Brieftaube zum Empfänger zu schicken. Außerdem waren die Funknetze derart mies, dass mit dem Wort Funkloch im Prinzip das ganze Land gemeint war. Empfang gab’s nur vereinzelt, wenn man das Handy lange genug hochhielt und dabei stillstand. Wie viele Menschen während dieser Pose vom Blitz getroffen wurden, ist nicht überliefert. Zweitens: Unter jüngeren Leuten grassierte offenbar eine Angst vor Eltern. Die Panik, bei einem Anruf über das Festnetz könnten die Erzieher rangehen, die man dann erst hätte fragen müssen, ob der Nachwuchs da sei und man diesen auch sprechen dürfe, war wohl so groß, dass niemand mehr telefonierte und nur noch Kurznachrichten durch die Welt geballert wurden. Diese Form der Kommunikation hatte zwar den Charme, dass man beim Kontaktieren der neuen Freundin nicht mehr befürchten musste, mit dem Vater konfrontiert zu werden, der einen über das Abreißen der Eier und das Hineinstopfen selbiger in die eigenen Augenhöhlen aufklärte, falls man seiner Tochter das Herz brach, es hatte aber auch den Nachteil, dass all jene, die kein Handy besaßen, eigentlich gar nichts mehr mitbekamen, weil niemand mehr auf dem Festnetz anrief. Genau so erging es mir.

Als im Jahr 2003 die sozialen Kontakte derart in den Keller gegangen waren, dass ich mich selbst wie der Außenseiter fühlte, der ich fast schon geworden war, rang ich mich dazu durch und kaufte auch ein Handy. Damals trug ich bei Wind und Wetter für einen Hungerlohn Zeitungen aus, sodass ich mir den kleinen Luxus leisten konnte, einen dieser blöden Nokia-Plastikbomber zu kaufen. Apropos Luxus: Seit Jahren wird geklagt, dass die Armen immer ärmer würden. Wer sich wundert, weshalb am Ende der Kohle immer noch so viel Monat übrig ist, der könnte beispielsweise mal bei Vodafone anrufen und nachfragen, woran das wohl liegen mag. Die haben sich vor nicht allzu langer Zeit für den schmalen Taler von elf Milliarden Euro Kabel Deutschland mit Schlagsahne und Schokostreuseln einverleibt. Das sind schon zwei, drei Durschnittseinkommen. Für mich diente das Handy seinerzeit nur der Erreichbarkeit. SMS-Nachrichten schrieb ich allenfalls mal nach zwei, drei Bier. Überhaupt ließ ich ziemlich viel von dem Irrsinn aus, den die Seuche namens Handy mit sich brachte, als da wären: Schalen! Seinerzeit ließ sich nicht nur der Geräteakku noch wechseln, sondern praktisch alles. Reihenweise Vietnamesen verkauften plötzlich keine geklauten Zigaretten mehr, sondern glitzernde Kunststoffschalen mit Hello-Kitty- oder pseudocoolem Blitzaufdruck fürs Mobiltelefon. Bloß nicht beim Standard bleiben, wenn man sich auf dem Schulhof nicht zum Löffel machen wollte. Ein weiteres Übel, inzwischen zum Glück nahezu in der Versenkung verschwunden, löst noch heute Kotzkrämpfe bei mir aus: Jamba! Was mit billigen Piepsklingeltönen und Furzgeräuschen für eingehende Nachrichten anfing, endete irgendwann bei Videos von singenden Elchen mit herumbaumelnden Eiern und Schlimmerem. Wer meint, die Erfinder dieser Abzockmaschinerie, auf die reihenweise Jugendliche der Generation Alkopop hereinfielen, würden verdienterweise in der Hölle Pfannen voller Angetrocknetem mit herkömmlichem Spülmittel schrubben, der irrt: Die Schlitzohren gründeten von der vielen Kohle hübsche neue Firmen, etwa den freundlichen Schuhlieferanten aus der Nachbarschaft, bei dem noch so richtig geknüppelt wird wie auf den Sklavengaleeren der alten Römer. Schrei vor Glück!

Das dritte Mal entdeckte ich das Telefon im Jahr 2007 neu. Die Firma Apple hatte es irgendwie geschafft, ein Mobiltelefon aus der Zukunft in die Gegenwart zu teleportieren. Seinerzeit gab es zwar bereits Smartphones, aber die waren so schwer zu bedienen, dass man mindestens Philosophie, höhere Mathematik und transzendentale Informatik studiert haben musste, um da durchzusteigen. Die Finnen schienen mit derlei Unbedienbarkeit besser klarzukommen, denn deren Wirtschaftsprimus sowie einstiger Reifen- und Gummistiefelfabrikant Nokia verpennte glatt den Trend zu leicht benutzbaren Mobiltelefonen. Heute existiert Nokia bekanntermaßen nur noch zum Selbstzweck und damit Finnland nicht lediglich für Exportholz, Finnen und die Band Lordi bekannt ist. Apple änderte mit seinem völlig neuen Konzept aber auch andere Dinge: Mobiltelefone, die bis zuletzt immer kleiner und kleiner werden mussten, bis die Tasten nur noch von Menschen mit angespitzten Fingern zu bedienen waren, konnten plötzlich nicht mehr groß genug sein. Heutige Mobiltelefone sind von Großbildfernsehern kaum mehr zu unterscheiden. Zudem erreichen die Preise für die digitalen Fußfesseln inzwischen ungeahnte Höhen. Dass Chantal aus Marzahn sich trotz Hartz-IV und Kippensucht jedes Jahr das neuste Bling-Bling-Gerät für satte 500 Kröten leisten kann, um alle zwei Tage ihre Duckface-Hackfresse mit möglichst viel Megapixeln fürs Facebook-Profil abknipsen zu können, zeigt immerhin, dass es um Deutschlands Wohlstand so schlecht nicht stehen kann. Ansonsten hat sich im Prinzip nicht viel geändert. Menschen, die früher morgens im Bus eine Flappe zogen, während sie aus dem Fenster starrten, tun heute dasselbe, nur sie während des Schweigens auf ihr Telefon-Display glotzen, sich die Nackenwirbel ruinieren und die Smiley-Palette via WhatsApp und Co. rauf und runter versenden. Das mag spätrömische Dekadenz sein, das oft beschworene Ende der Menschheit ist es gewiss nicht. Wenigstens nicht, bis ich demnächst das Telefon zum vierten Mal entdecken muss, weil jeder um mich herum mit seiner scheiß Armbanduhr spricht! Das sah nämlich schon in den 80ern bei David Hasselhoff in »Knight Rider« dämlich aus, und was aus dem geworden ist, wissen wir ja.

Alte Entwicklerweisheit: Teste nie deinen eigenen Code. Keine Ahnung, wer sich das ausgedacht hat, aber vermutlich waren es Entwickler, die zu faul zum Testen waren oder schlicht keine Lust darauf hatten. Testen ist etwas Repetitives, das aber irgendwie so gar nichts Zen-mäßiges hat und auch sonst nur Leuten Spaß macht, die als Kinder gern Insekten bei lebendigem Leib seziert haben.

Nun habe ich das zwar auch gemacht, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, und ich weiß, dass gehörnte Grashüpfer mit allerlei Folterwerkzeug in meiner ganz persönlichen Hölle schon auf mein postmortales Ich warten (Doch was interessiert mich der Blödsinn von morgen?), aber trotzdem teste ich nicht gern. Man muss Testprotokolle ausfüllen, wieder und wieder, Excel-Listen pflegen, Checklisten abhaken, wieder Testprotokolle ausfüllen, oder kurz: Testen ist blöd. Einziger Vorteil: Man macht sich den Rücken dabei nicht kaputt, wie beim Gerüstbau etwa, es sei denn, man sitzt die ganze Zeit krumm.

Trotzdem ist das Testen natürlich wichtig. Wenn man nicht testet, ist die Software, die erstellt wurde, hinterher so stabil wie der Mobilfunkempfang im ICE zwischen Berlin und Hannover. Ohne Tests werden viele Funktionen überhaupt nicht arbeiten, weil während der Konzeptionsphase niemand aufgeschrieben hat, dass ein Button, auf dem das Wort »Speichern« steht, auch etwas tun soll. So was nimmt der Analyst natürlich als gottgegeben an, aber der Entwickler hat da naturgemäß eine ganz eigene Auffassung. Na ja, trotzdem will niemals jemand wirklich Geld für echte Tests in die Hand nehmen. Es ist jedes Mal dasselbe: Die Software ist fertig, also quasi fertig, mit Buttons, die zwar klickbar sind, aber nichts tun, usw., das Geld ist mehr als aufgebraucht, und dann wundert sich irgendein knausriger Kunde, dass am Ende des Budgets noch so viel Testaufwand angesagt ist.

Vom Bugfixing ganz zu schweigen. So wird das Budget dann maßlos überzogen, aus Fehlern werden plötzlich Änderungsanforderungen, die gefälligst zu bezahlen sind, schließlich wurde ja niiiiiemals beauftragt, dass der ominöse »Speichern«-Button auch was tun soll, und und und.
Jedenfalls werden Testphasen vorher grundsätzlich unterschätzt. »Ach, das Testen, das kriegen wir dann da schon unter.« Eine professionelle Qualitätssicherung in IT-Projekten ist zumindest mir bisher nicht begegnet. Testen tun grundsätzlich die Entwickler selbst, die erstens keinen Bock drauf haben und zweitens ganz genau wissen, wo die Fallstricke sind, die sie umgehen müssen, um erfolgreich durchzukommen. Das Resultat sind bockige Kunden, bockige Projektleiter, bockige Entwickler, und natürlich am Ende doch noch eine richtige Qualitätssicherung, die wie die Feuerwehr eben immer erst dann kommt, wenn die Hütte brennt.

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Nicht fünf vor zwölfFast 30 bin ich jetzt, und wenn ich gerade mal wieder glaube, doch erst gestern noch fürs Abitur gelernt zu haben, während iTunes dieselben alten Lieder spielt, dann muss ich nur die geteilten Fotos alter Weggefährten durchklicken, um mir selbst den Spiegel vorzuhalten: Aus Partyfotos sind oft genug gemütliche Bierrunden geworden, statt Haargel schimmert die Kopfhaut dank Blitzlicht in die Smartphone-Kamera, statt rotgeäderter Augen von zu viel Wodka-O sind da randlose Brillen und kleine Fältchen ums Lächeln herum. Die ersten bekommen Kinder und heiraten das erste Mal - oft genug in genau dieser Reihenfolge. Bei so vielen Impressionen bin ich auch gefühlt mit ganzer Wucht in meinem Alter angekommen. Ich stehe vor dem größten scheiß Scherbenhaufen, den man sich nur denken kann: Zehn Jahre seit der großen Sause, dem Verlassen des elterlichen Nests. Zehn Jahre seit Beginn der Möglichkeit, die eigenen großen Träume verwirklichen zu können, und bis auf mehr Kaffee und noch höhere Geheimratsecken scheint sich seitdem kaum was verändert zu haben. So viel Zeit, so viel Verschwendung, der Besen kann gar nicht groß genug sein.

Und so zerren wir wie die Irren an unseren zum Bersten aufgeblasenen Chancen, um noch irgendwas gebacken zu kriegen. Uns lebt kein MTV mehr vor, dass wir alle Rockstars und Supermodels sein können, wenn wir nur den Hintern hochkriegen und es auch wirklich ganz, ganz doll wollen. Es ist viel leichter: Unsere Castings finden auf dem heimischen Sofa statt. Die Jurys heißen YouTube und Co. Wir müssen nur unsere Seele verkaufen, unsere Intimsphäre offenbaren. Wir bloggen uns die Finger blutig, und schmeißen alles den Massen zum Fraß vor, während die große Chance unseres Lebens nur ein paar hundert Likes um die nächste Ecke wartet. Die ganze Welt empfängt uns mit offenen Armen, und je mehr die Zahl unserer Möglichkeiten aus allen Nähten platzt, desto mehr prokrastinieren wir stattdessen, zerkloppen bunte Bonbons in Smartphone-Spielen, wühlen uns durch Myriaden von Katzenbildern und RTL-Sendungen, weil wir unser eigenes »Next Big Thing« auch morgen noch starten können. Und kommt mir bloß nicht mit Verantwortung.

Das ist symptomatisch. Ich bin ein Kind der Generation Y. Wir sind nicht im Schatten einer globalen Hoffnungslosigkeit aufgewachsen wie unsere Vorgängergeneration. Wir haben den Grunge nicht gelebt, wir haben ihn genossen. Wir sind mit so viel westlichem Wohlstand gepampert worden, dass die meisten von uns fürs naturweiche Hinterteil unseren Lebtag lang kein Sitzkissen mehr benötigen werden. Die popkulturellen Hervorkömmlinge so viel gemütlicher Erste-Welt-Dekadenz heißen nicht Kurt Cobain, sie heißen Justin Bieber und Miley Cyrus. So sinnentleert wie deren Liedtexte über Herz und Schmerz erscheint uns unser Eloi-Dasein, und wenn uns in den ruhigen Momenten die Gedanken-Morlocks fressen, dann quält uns wieder einmal die große fette Frage nach dem Sinn des Ganzen. Die Sorgen der Sorglosen. Wir klammern uns ans Carpe diem wie an einen rettenden Strohhalm, als müssten wir sonst ersaufen - ersaufen in der Bedeutungslosigkeit unserer eigenen Zeitgeschichte. Aber ach, es ist eben alles so bequem. Die Miete ist bezahlt, der Job erlaubt keinen Höhenflug, dafür bleibt aber noch Zeit fürs Kino. Und trotzdem ist da diese Angst, dass neben der eigenen Asche nicht mal mehr ein Fußabdruck zurückbleibt. Dagegen hilft eben auch kein neues Jahrtausend.

Drum suchen wir unser Heil im Augenblick. Wenn die Leute meiner Generation sich wünschen, ganze Nächte vor Freude schreiend auf Dächern zu verbringen, »bis die Wolken wieder lila sind«, dann vergessen sie oft, dass so eine Nacht in luftiger Höhe bis zum schönsten Moment des Sonnenaufgangs beschissen kalt sein kann. Man muss die Sehnsüchte fühlen, um sie zu verstehen. Aber man muss sie sich auch ein bisschen erfüllt haben, um zu wissen, dass die Ziele aller Wünsche und Träume nicht nur weiß sind, sondern dass sie auch graustufig sein können und dass auch die Abstufungen kurz vorm Schwarz immer noch zum Grau gehören. Und dass dieselben Sehnsüchte immer wiederkehren. Wie oft habe ich mir vor den geilsten Augenblicken des Lebens einfach nur ein warmes Bett gewünscht, eine heiße Tasse Tee, ein gutes Buch und ein bisschen Ruhe? Aber solche Nebensächlichkeiten färbt hinterher die menschliche Erinnerung schön, bis nur noch der geilste Scheiß übrig bleibt. So wird Mittelmaß zur Legende. Und wofür das alles? Den Moment genießen um des Momentes willen, nur um keine Angst haben zu müssen, später nichts zu erzählen zu haben? Ach was! Wann ist denn dieses Später überhaupt? Und besteht es nur daraus, von den Dingen zu berichten, die mal waren? Wenn wir davon palavern, das Leben in vollen Zügen genießen zu wollen, solange wir jung sind, dann vergessen wir, dass dasselbe olle Leben auch in zwanzig, dreißig und vierzig Jahren noch tödlich ist und dass einem doch sonst nichts weiter bleibt. Nichts, außer dieses eine kleine Leben.

Aber was gibt es dagegen eigentlich zu sagen? Ich habe in mehreren großen Städten quer über die Republik verteilt gelebt. In der letzten Stadt, in Berlin, bin ich hängengeblieben. Hier bin ich jetzt auch zu Hause. Ich habe schon freiwillig den Job gewechselt, arbeite 40 Stunden die Woche in einem oft öden aber festen Beruf. So oft ich über diese Sesselfurzerei auch schimpfe, wenn ich ehrlich bin, dann bin ich als jemand, der den Straßenbauarbeitern vom warmen Büro aus mit einer Tasse Bauschaummilchkaffee aus dem WMF-Automaten zuschauen kann, ziemlich privilegiert. Das ist kein Rock’n’Roll, es ist aber eben auch weit ab von der Gosse. Wenn ich nach Hause komme, wartet meistens meine große Liebe auf mich, und wenn nicht, dann verlangt die Katze etwas Aufmerksamkeit. Ich habe noch niemals in meinem Leben beim Arbeitsamt anstehen müssen, und den Euro im Portmonee drehe ich nur um, wenn die mir anerzogene, provinzielle Sparsamkeit mal wieder durchscheint. Das alles sind so viele Pluspunkte, dass ich manchmal aufstehe, aus dem Fenster schaue und mich frage, ob es das jetzt war. Müsste ich jetzt abtreten, könnte ich behaupten, alle Chancen genutzt zu haben, alles richtig gemacht zu haben? Und was habe ich überhaupt erreicht? Da sind sie wieder, die Gedanken-Morlocks, die Langoliers, der Scherbenhaufen.

Die Wehwehchen lassen sich nicht abschütteln, nie ganz jedenfalls. Aber sie sind allenfalls lästig wie herumschwirrende Mücken beim Picknick im schönen Havelland. Ein vergängliches Übel. Abseits der großen Fragen blicke ich zurück und sehe alles, was mal war: Die vielen gemeinsamen Sessions vor unseren Videospielen, meine darüber schimpfenden Eltern mit ihrer Verständnislosigkeit, halbe Nächte mit genügend kaltem Bier vor der früheren Schule, wo alle lachten, wenn einer die eigenen Fürze mit dem Feuerzeug anzündete, ohne hinterher zu explodieren, gewonnene Liebe, verlorene Liebe, all die kleinen Erfolge, die großen Niederlagen, die besten Freunde und neue Bekanntschaften. Ich habe gelebt, ich habe genossen, ich habe verschwendet, und das Beste ist, ich habe genug Zeit übrig für mehr davon. Berliner Winter sind kalt. Ich bin die Generation Y. Und es lohnt sich, hier im Sommer auf die Straße zu gehen. Wenn Asphalt und Hundekacke dampfen und die Sonne brennt, dann ergibt so ein Scherbenhaufen manchmal ein wunderschönes, bunt glitzerndes Mosaik. Ganz ohne Zutun. Einfach danebenstehen und genießen. Für Angst bleibt auch später noch Zeit.

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Achtung, Achtung, aufgepasst: Dies ist kein Text über Frauen, dies ist ein Text über Männer. Kein Männertext, ein Text über uns. Über uns Männer und über Bärte, aber dazu kommen wir noch, und dennoch ein Text, gänzlich frei von Sexismus.* Da ungefähr neun von zehn Frauen Männer aber immerhin interessant finden, dürfen sie trotzdem mitlesen. Außer die zehnte Frau, die darf nicht. Aber die will ja auch nicht.

Weil dies ein Text über Männer ist und Männerhirne grundsätzlich sequenziell arbeiten, beginnen wir am Anfang. Tausende Jahre Mannwerdung erforderte es, den Urmann zum Mann zu machen. Tausende Jahre sequenzieller Höchstleistung des männlichen präfrontalen Cortex, und im Ergebnis ist der Unterschied zwischen dem hiesigen Mann und seinem Mammut jagenden Pendant immerhin erstens der aufrechte Gang, zumindest bis zur Ehe, und zweitens trägt der heutige Mann von Welt seinen Bart im Gesicht, während der Urmann den seinen am ganzen Körper trug. Dies mag auch für die Urfrau gegolten haben, aber um die geht es hier ja nicht. Beschweren Sie sich nicht, werte Damen, ich hab’s Ihnen gleich gesagt.

Tausende Jahre an Entwicklung bis zur Vervollkommnung des Mannesbildes von heute und dann machen Gillette und Wilkinson alles zunichte. Dabei ist es der Bart und nur der Bart, der einen Mann auf den ersten Blick von seinem weiblichen Konterpart unterscheidet. Zum Nachprüfen in die Hose zu schauen gilt in der abendländischen Kultur meist als sehr unhöflich und auf die Titten glotzen soll unsereiner auch nicht. Schon deshalb sollten Männer Bärte tragen, auch im Sinne der Erhaltung unserer Art. Böses Erwachen nach dem Diskobesuch, weil in der Hose der abgeschleppten One-Night-Stand-Bekanntschaft ein gerade erigierender Anbau anstelle der erwarteten wohlig warmen Körperöffnung ertastet wurde, kann dem Fortpflanzungstrieb nicht zuträglich sein.

Und da wäre also meine Freundin! Ich habe sie richtig gern, meine Freundin. Ja, wirklich. Obwohl doch kaum ein Tag vergeht, an dem sie nicht sagt, dass er weg soll, der Bart. Dieser olle Bart! Als sei er eine dicke Spinne. Weg mit dem scheußlichen Ding, das sticht und kratzt und beim Knutschen das Kinn wundschubbert wie Sandpapier! Meine Freundin, sie erkennt einfach die Metapher nicht. Dafür kann sie nichts, meine Freundin. Diese Metapher eben, ist doch der Bart des Mannes das Haar gewordene Sinnbild der Stärke unseres Geschlechts. Gesichtsschmuck mit Charakter. Es soll Bärte geben, die tragen den dranhängenden Mann spazieren, statt umgekehrt. Deswegen und nur deswegen sind Bärte rau wie Besenborsten. Sonst könnten sie ja auch weich sein wie Perserkatzenfell. Aber das wäre schlimm, schließlich will ich als Mann doch nicht gestriegelt werden wie die Katze von Blofeld. Warum das? Na wegen der Metapher eben, ist doch ein vom Weibe gestriegelter Bart das Sinnbild für die Unterdrückung des Mannes spätestens seit der Erstausgabe der »Emma«.

Überhaupt, was Frauen nur finden mögen, an Männern ohne Bärte. An diesen wandelnden Milchbrötchen mit Gesichtern, weich wie Babypopos. So könnte man besser küssen, sagt jedenfalls meine Freundin. Aber wenn Frauen Männergesichter so weich wie Babypopos haben möchten, um sie besser küssen zu können, warum küssen sie dann nicht einfach Babypopos? Da verstehe ich sie ja nicht, meine Freundin. Doch auch dafür kann sie nichts, denn sie kennt den Unterschied nicht: Vormals kahlgesichtige Männer, die plötzlich mit Bärten zur Tür reinkommen, sind verwegene Abenteurer, heimgekehrt für Wein, Weib und Gesang am trauten Kamin. Bisher bärtige Kerle, die plötzlich den Gesichtswuchs im Waschbecken zu Grabe tragen dagegen, sind erst einmal eine Absurdität der Natur. Da fehlt doch was. Wie eine öffentliche Toilette, in der das Klopapier alle ist: Es geht schon irgendwie, aber schön ist anders.

Denn Bärte machen aus weniger schönen Mannesgesichtern - ja, die gibt es tatsächlich - etwas Ansehnliches. Und warum auch nicht? Schließlich sind Haare einfach nur Haare. Haare sind nicht hässlich. An denen kann die Gesellschaft keinen Anstoß nehmen, zumindest, solange sie irgendwo am Kopf wachsen. Ein hässliches Gesicht, verborgen unter Haaren, ist ein Gesicht mit Haaren, ein Gesicht mit Bart. Bärte machen aus Männern keinen nächsten George Clooney, aber das verwundet nicht, schließlich trägt der selbst keinen Bart. Verstehen kann ich das nicht, aber wahrscheinlich wurde ihm der von seiner Frau / Freundin / Geliebten / Mutter verboten. Die kann nichts dafür, aber das hatten wir schon.

Drum appelliere ich an den zeitgemäßen Mann, Bart zu tragen. Denn etwas mehr Bart wagen, das ist sozusagen eine Metapher. Eine Metapher eben, auf die letzte Bastion männlicher Selbstentscheidung in einer Welt der stetigen Geschlechterangleichung. Frauen und Freundinnen dieser Welt, wir Männer haben euch richtig gern. Ja, wirklich. Lasst uns doch unsere Bärte, schließlich verlangen wir von euch auch nicht, dass ihr euch Penisse anklebt. Denn Bärte, das soll hier noch erklärt werden, sind der Gesichtspenis des Mannes. Des zeitgemäßen Mannes. Bärte berechtigen den Mann zum Tragen einer Glatze, liebe Damen, und mögt ihr nicht Bruce Willis und Vin Diesel, die bekanntesten Vertreter der kahlköpfigen Zunft? Auch diese Burschen tragen Bärte, nehmen selbige jedoch zwecks Mimikspiel zu den Dreharbeiten ab. So schaut’s aus. Denn bartfreie Männer, zudem ohne Kopfhaar, sehen aus wie ein übergroßer Hoden, der auf einem Hals wächst. Das gilt freilich nicht für die Herren Willis und Diesel.

Neun von zehn Frauen behaupten nun, dieser kleine Exkurs driftet zu sehr in Richtung Geschlechtsteilvergleich ab. Das ist durchaus richtig, doch ist es gewollt. Denn schließlich ist dies hier ein Text über Männer. Männer mit geschlechtszentrischem Weltbild. Ein Text über Männer, kein Männertext, geschrieben für Männer, die Bärte tragen, trugen, trügen, so sie dürften oder sich trauten. Geschrieben auch für neun von zehn Frauen, die sich für Männer interessieren und die sich bitte nicht über den Überschuss an Mannesmotiven in diesem Text beklagen mögen, schließlich tragen sie selbst nun mal keine Bärte, was soll man da auch schreiben?

Eine von zehn Frauen übrigens trägt Bart, wo auch immer, und liest die »Emma«.**

 

* teilweise gelogen
** genau deswegen

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Der Tod ist doof. In erster Linie, weil einem die Optionen fehlen. Nimm einem Menschen seine Optionen, schon kommt er erstens nicht nur vergleichsweise schnell zu einer Entscheidung, sondern fühlt sich meistens auch noch gegängelt und reagiert unbeherrscht. Das ist im Kontext des finalen Abtritts durchaus verständlich: Ist man erst einmal dabei, in Richtung Licht abzumarschieren, fragt niemand mehr, ob man nicht doch lieber zu dieser einen coolen Studentenfete vor unzähligen Jahren zurückkehren möchte, auf der man sich seinerzeit nicht getraut hatte, auf die schlüpfrigen Andeutungen der heißen wie angesoffenen Kunstgeschichtestudentin aus dem dritten Semester einzugehen. Das Leben ist wie die schönste Hörspielkassette in einem äußerst rabiaten Walkman: Zurückspulen geht nicht, das gibt nur scheußlichen Bandsalat. Und gelingt es doch, die Kassette zu reparieren, ist das Ergebnis nicht befriedigend, weil es leiert.

Dem Menschen an sich gefällt das freilich nicht. Nun, dem Tier vermutlich auch nicht, doch das kann erstens keine für uns verständlichen Einwände erheben und zweitens würden wir es vermutlich auch nicht fragen, vor allem dann, wenn es anschließend mitsamt Kartoffeln hübsch angerichtet auf einem Teller landen soll. Weil auf dem Tod jedenfalls seit jeher ein riesiger »Dislike«-Knopf prangt, vermutlich etliche Milliarden Male geklickt, hat der Mensch das Leben nach dem Tod erfunden - das Paradies. Da natürlich jeder eine recht individuelle Vorstellung von paradiesischen Zuständen hat, haben sich kleinere bis größere Gruppierungen herausgebildet, die sich bisweilen sehr unterschiedliche Vorzüge vom Dasein jenseits des großen dunklen Tunnels versprechen: die Erlösung vom Bösen, wie auch immer selbiges geartet sein mag, mit anschließender Togaparty, sofern man am Türsteher Petrus vorbeikommt, oder einen Sack voll Jungfrauen, die es zu befriedigen gilt, was das Zeug hält, und und und. Auch das Schwitzen im Fegefeuer mag durchaus für den einen oder anderen erstrebenswert sein. Paradies ist eben Definitionssache. Alles in allem scheinen Paradiese jedenfalls viel mit Frauen und relativer Nacktheit zu tun zu haben. Vermutlich hat niemals jemand eine Frau nach ihren Wünschen befragt. Andernfalls gäbe es wahrscheinlich glitzernde Altare in Form riesiger Stilettos.

Um also nach dem blöden Sterbeprozedere ins Paradies zu gelangen, muss man sich lediglich zu Lebzeiten benehmen. Soll heißen, es gilt, möglichst auf jegliches irdische Vergnügen zu verzichten. Aber auch bedeutet es, seinem Gegenüber nicht zu einer schnelleren Himmelfahrt zu verhelfen. Es sei denn natürlich, dieser hat eine andere Vorstellung von Religion, Staatsformen, Ländergrenzen, Besitzansprüchen, etc. pp. Dann, liebe Landsleute und Glaubensgenossen, raus mit seinem Gedärm! Denn auch hier gilt: Alles ist eine Sache der Definition. Wenn der gewählte oder nicht gewählte Staatschef meint, es sei richtig, das Nachbarland in die Steinzeit zurückzubomben, dann sollen seine Leute das gefälligst nicht hinterfragen, sondern die Panzer betanken. Dass dabei nicht nur Skylines umgestaltet werden, sondern auch viele Menschen sterben, die das gar nicht unbedingt wollen, die aber ohnehin niemand gefragt hat, bringt uns wieder auf die Begrifflichkeit des Todes an sich zurück, zu der es noch eine Menge zu sagen gibt.

Beispielsweise, dass der Tod das einzige Gut sein dürfte, dessen Grenznutzen nach dem Gossenschen Gesetz schon nach dem Konsum einer einzigen Einheit auf einem Minimum angelangt ist. Zugegeben, für so manchen gilt das auch bereits nach einer Flasche Bier, jedoch eben nicht für jeden. Außerdem ist nicht jeder ein Biertrinker. Der Tod dagegen ist für alle da und das macht ihn so penetrant wie doof. Doch ist das Sterben nicht nur blöd, weil es, im Gegensatz zum Gehirn beispielsweise, jedem Individuum zugedacht ist, sondern auch, weil der Prozess (und sein Ergebnis) der vermutlich größte Witz in der Menschheitsgeschichte ist. Und kaum einer versteht ihn. Denn zu Lebzeiten würde doch niemand bei gesundem Menschenverstand einem anderen empfehlen, durch einen ominösen Tunnel in Richtung Licht zu gehen, es sei denn, er möchte ihn loswerden. Mit großer Wahrscheinlichkeit handelt es sich bei dem Licht schließlich nicht um das wartende Paradies, sondern um den eben nicht wartenden Güterzug. Wer garantiert also, dass das besagte Licht am Ende des Liveauftritts auf Mutter Erde besser ist? Es gibt durchaus angenehmere Vorstellungen, als nach dem Ableben auch noch von einigen Tonnen transzendentalem Stahl mit Dieselantrieb überrollt zu werden.

Fakt ist also: Niemand weiß, was ihn nach dem Ende tatsächlich erwartet. Wahrscheinlich nichts, sonst würde es nicht Ende heißen. Außerdem könnte es dann noch ein zweites Ende geben und das hat bekanntlich nur die Wurst. Vermutlich sind Zombies nur deshalb ziemlich garstig drauf: Da verspricht man dem in Kürze dahinscheidenden Probanden Glückseligkeit, Wein, Weib und Gesang in Ewigkeit, nur damit er schließlich ohne Proviant, Buch oder Gameboy im Nichts herumstehen und sich langweilen muss. Da wäre ich auch wütend. Weshalb man deswegen aber Gehirne auslutschen muss, will sich mir beim besten Willen nicht erschließen. Und wer aller Unwahrscheinlichkeit zum Trotz aus dem Tod zurückkehrt, ohne ein hirntoter Menschenfresser zu sein, nur um dann von leuchtenden Nahtoderfahrungen zu berichten, dem hat der den Tod feststellende Arzt vermutlich zu lange mit seiner Funzel in die Augen geleuchtet. Oder er ist rechtzeitig vom Gleis gegangen.

Und der Witz geht weiter: Lustig ist nämlich auch, dass das letzte Hemd keine Taschen hat. Neid gilt dem, den taschenlose Hemden schmeichelnd kleiden. Man stelle sich jedenfalls vor: Ein ganzes Leben müht man sich ab, sammelt Freunde, Prestige, Geld und diese kleinen Porzellanfiguren für den Kaminsims, nur damit einem nach dem Ableben doch wieder alles weggenommen wird. Da hilft kein Gezeter, alles Angehäufte landet schließlich auf dem Sperrmüll oder, noch viel, viel schlimmer, bei der raffgierigen Verwandtschaft. Wozu sich also lebenslang abmühen, falsche Ideale verfolgen oder mit wortkargen Götzen quatschen, statt das Leben zu genießen? Nehmen wir Hitler: Da opfert der Mann sein Leben dem Traum, ganz Europa in Schutt und Asche zu legen, nur um am Ende in einem stinkenden Bunker das eigene Hirn auf dem Sofapolster zu verteilen. Und zu allem Überfluss klaut auch noch der Russe die Leiche. Aber was hätte er auch tun sollen, denn schließlich wissen wir: Der Führer brennt nicht. Wäre er mal Postkartenmaler geblieben.

Halten wir also fest: Der Tod nervt! Die tatsächlich witzigen Aspekte verpuffen angesichts der Tatsache, dass es sich letztlich um schlechte Witze handelt, weil kaum jemand über sie lacht. Auch Witze sind eben Definitionssache. Einen Garantieschein auf gute Unterhaltung gibt es ohnehin nicht, auch wenn Rauschebart- und Pileolusträger was anderes behaupten. Trotzdem wird niemand davon ausgenommen und überdies sagt die Stimme der Vernunft auch noch, der Tod sei an und für sich eine praktische Angelegenheit. Alles genau wie bei den Öffentlich-Rechtlichen quasi. Ich könnte drauf verzichten.