So war das damals

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Back in the 90s, genauer gesagt muss es 1992 gewesen sein, zogen wir in einen schmucken Plattenbau. Durchaus ernst gemeint, waren die Dinger doch damals einigermaßen fortschrittlich. Erstmals hatten wir eine Heizung, die wie durch Magie den Raum erwärmte, indem man an einem ... Ding drehte, statt Kohle in einen muffigen Kachelofen schaufeln zu müssen. Viel wichtiger aber noch, schließlich war ich damals gerade sieben oder acht Jahre alt: Wir hatten endlich fucking Kabelfernsehen! Bis dahin waren die »Sendung mit der Maus«, »Löwenzahn« und vielleicht noch die »Sesamstraße« mein Zentrum popkultureller Bildung. Aber dank Kabelfernsehen sollte alles anders werden. Vor allem ein Sender stach hier hervor: RTL2. Genau, jener Kanal, der heute wie kein zweiter den gesamtgesellschaftlichen IQ schneller in den Keller treibt als Josef Fritzl seinen Anhang, sollte Anfang der 90er Jahre zumindest für uns Kinder der neue Mittelpunkt des Universums werden.

RTL2 hatte nämlich ein ausgesprochen gutes Unterhaltungsprogramm für die Kleinen. Hätte man damals auf dem Schulhof eine Umfrage gestartet, ich würde meinen Hintern drauf verwetten, mindestens 90 Prozent der Schüler hätten RTL2 als Lieblingssender genannt. Von mittags bis ungefähr 16 Uhr – also genau zu der Zeit, die für Hausaufgaben reserviert sein sollte – dudelte hier ein großartiger Trickfilm nach dem anderen über die Mattscheibe. Die Einkaufsabteilung des Senders musste damals den Weihnachtsmann als Vorstand gehabt haben, jedenfalls hatte man dem japanischen Cartoonbetrieb offenbar so ziemlich alles abgekauft, was nicht bei drei auf den Bäumen war.

Dass all diese Cartoons aus Japan stammten, wusste ich damals nicht. Heute würde man sagen: »Ja hey, das siehste doch wohl schon an den riesigen Augen der Figuren.« Klar, damals allerdings war der deutsche Markt noch nicht durch Animes aus Fernost überschwemmt worden, außerdem war ein Großteil der Serien in einem eher westlichen Szenario angesiedelt – wahrscheinlich wurden sie auch nur deswegen bei uns gezeigt.

GeorgieWie ich jetzt darauf komme? Nun, meine Schwester hat neulich eine DVD-Box der Anime-Serie »Georgie« gekauft – ihre Lieblingsserie anno 1992 – und sie mir nach dem Akkordanschauen freundlicherweise ausgeliehen. In der Serie – bestehend aus insgesamt 45 Folgen (in meiner Erinnerung waren es ungefähr 1.000) – geht es um die während des 19. Jahrhunderts in Australien lebende Familie Butman (Ja, so heißen die.), bestehend aus Mutter, Vater, den Brüdern Abel und Arthur sowie der namensgebenden Schwester Georgie. Diese wiederum, das stellt sich sehr schnell heraus, ist ein Findelkind, was jeder weiß, abgesehen von ihr selbst. Der Trickfilm erzählt die Geschichte der Familie über einen Zeitraum von ungefähr zehn bis zwölf Jahren hinweg in größeren Zeitsprüngen. Beide Brüder verlieben sich während ihrer Jugend in Georgie, womit der Grundkonflikt steht. Letztlich bekommt auch Georgie, die sich wiederum längst in einen aristokratischen Engländer verliebt hat, heraus, dass sie mehr oder minder adoptiert ist. So zieht es sie schließlich nach England, wo sie nicht nur ihre Liebe zu wiederzufinden hofft, sondern auch ihre wahre Herkunft aufdecken möchte.

Woah, lange hat mich eine Trickfilmserie nicht mehr so bewegt. Die Geschichte, die Charaktere, die großartige Gänsehautmusik, all das ist so liebevoll arrangiert, dass es mich emotional regelrecht in die Serie hineingesaugt hat. Dabei kannte ich sie ja eigentlich schon, auch wenn ich die gegen Schluss zunehmend komplexen Themen jetzt natürlich deutlich besser verstehe als Anfang der 90er. Erstaunlich übrigens, dass dieser wirklich schön gezeichnete Anime bereits von 1983 ist – älter als ich also. Das fällt aber während des Anschauens kaum auf, werden hier doch auf zeitlose Art Werte wie Zusammenhalt, Moral und die Bedeutung der Familie vermittelt. Etwas, das Japaner übrigens generell besonders gut darstellen können.

Und so gab es eben auch noch einige andere großartige Serien damals, die ähnlich angelegt waren: Da war beispielsweise »Lady Oscar«, die Geschichte über ein Mädchen, das zur Zeit der französischen Revolution von seinem Vater als Junge aufgezogen wird, um im Militär Karriere machen zu können. Oder »Eine fröhliche Familie«, die eben von einer Familie erzählt, die zur Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges zwischen die Fronten gerät und aus der Heimat fliehen muss. Da wäre »Die kleine Prinzessin Sara«, in der die namensgebende Sara, ein Mädchen aus gutem Hause, in einem Internat als Dienstmädchen schuften muss, weil der Vater plötzlich verstirbt und mit ihm das Vermögen verschwindet, von dem auch das Internat bezahlt wurde.

Es gäbe da sicher noch die eine oder andere Serie, die erwähnenswert wäre, aber alle aufzuzählen wäre doch etwas müßig. Auffällig ist, dass viele der Trickfilme, die übrigens überwiegend nicht aus den 90ern stammen, sondern bereits aus den 80ern, auf westlichen Romanen basieren (wie ja bspw. die Animes »Heidi« und »Biene Maja« auch – »Georgie« dagegen basiert auf dem gleichnamigen Manga). Nun ja, jedenfalls fehlt mir diese Art des Geschichtenerzählens heute in Trickfilmen sehr. Mitte der 90er Jahre war es nämlich auch vorbei mit diesen Serien, die sich viel Zeit für eine durchgehende Handlung nahmen. Da ging es dann los mit »Sailor Moon«, »Pokémon«, »Dragon Ball« und so weiter, die sich allesamt großer Beliebtheit erfreuten. Japanische Animes überrollten fortan die westliche Kulturlandschaft, die gedruckte Variante in Form der Mangas folgte im Schatten ihrer schrillen Cartoon-Pendants – beides Trend, die sich bis heute gehalten haben. Auch die damals neue Welle thematisierte dieselben alten Grundkonflikte und die eigentlich recht konservativen Wertvorstellungen der von mir so geliebten Zeichentrickfilme – angereichert allerdings um jede Menge Krachbumm und buntes Geblinke, dass man Schaum vorm Mund bekommen möchte. War mir auf Dauer etwas zu doll, allerdings änderten sich altersbedingt auch meine Interessen allmählich.

Tja, wenn es also etwas an den 90er Jahren zu vermissen gibt, dann neben der guten Rockmusik und Bret »The Hitman« Hart, definitiv die Anime-Nachmittage auf RTL2. Die Neuveröffentlichungen der alten Kamellen auf DVD und Blu-ray zeigen ja, dass offenbar nicht nur ich diesbezüglich in Nostalgie schwelge. Drum, wer’s tatsächlich nicht kennen sollte: Give it a try! Manches davon lässt sich auf YouTube finden, anderes wiederum ... anderswo.

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FahrsimulatorDas Ding auf dem obigen Bild hatte ich als Kind auch. Meine Eltern schenkten mir das als Fahrsimulator getarnte "Telespiel" irgendwann zu Weihnachten. Ich weiß noch sehr genau, dass ich immer an dem kleinen weißen Tisch im Kinderzimmer saß, das ich mir mit meiner Schwester teilen musste, und damit spielte. Irgendwo in alten Alben gibt es davon auch ein paar Fotos. Vermutlich schenkten meine Eltern mir das Ding, weil, tja, ich eben ein Junge war und Jungs mit so was zu spielen hatten. Oder so. Passt aber auch ein bisschen zur Autonation Deutschland. Das Heranführen ans Autofahren schon im Kindesalter. Gibt's ja so ähnlich auch mit Werkzeug, Puppenküchen, etc., wobei man sich da natürlich berechtigt über veraltete Rollenmodelle streiten kann.

Das mit dem Heranführen hat jedenfalls nicht geklappt. Als ich 18 war, drückte ich mich davor, den Führerschein zu machen. Ich hatte schlichtweg kein Interesse daran, Auto zu fahren. Ein bisschen schämte ich mich wahrscheinlich auch, weil ich wusste, dass ich mir selbst kein Auto leisten können würde und dass meine Eltern mir auch keines kaufen konnten. Ich nahm ihnen das nicht übel oder so, es war eben ganz einfach so. Ich legte auch nicht allzu viel Wert darauf. Wenn es nach mir gegangen wäre: Ich hätte ewig weiter Fahrrad fahren können. Allerdings merkte ich schnell: Ab 18 war mit dem Fahrrad allein ziemlich schnell außen vor, wenn es um Unternehmungen ging, die plötzlich überall stattfanden, nur nicht mehr im Heimatort.

Mit 19 machte ich dann doch den Führerschein. Auf Anraten meiner Mutter hin, die immer sagte: "So was braucht man einfach." Wenn dieses tolle Argument nicht zog, ergänzte sie auch gerne: "Wie willst du denn ohne Führerschein eine Arbeit finden?" Okay, die Frage war berechtigt. Tatsächlich wurde ich bei Bewerbungsgesprächen schon danach gefragt, ob ich ein Auto besäße.

Mit 19 also stieg ich dann das erste Mal vorne links ins Fahrschulauto, einen VW Golf, ließ mich auf den Fahrersitz sinken und wusste ziemlich schnell: Das ist nichts für mich!

Ich hab mich wirklich durch die Fahrstunden gequält. Wenn ich wusste, ich hatte am selben Tag noch Fahrunterricht, dann war der Tag für mich eigentlich bis dahin gelaufen. War ich mit den Stunden durch, fing der Tag erst richtig an. Ich fühlte mich nie wohl als Fahrer. In der Stadt ging es gerade noch so, aber sobald ich raus aufs Land und damit schneller fahren musste, bekam ich schwitzige Hände und innerlich eine ziemliche Panik. Wenn ich dann noch eine Kurve bewältigen musste, war das die Hölle für mich. Ich konnte den Gedanken nicht abschütteln, dass ich, wenn ich nicht richtig lenkte, einfach gegen den nächsten Baum vor mir fahren würde, dass mein damaliger Fahrlehrer und ich dann sofort tot wären. Es war einfach allgegenwärtig. Das alles hatte so eine Endgültigkeit, etwas sehr Konkretes. Ich konnte das ja wirklich tun, und ich traute es mir irgendwie zu, weil ich mir wahrscheinlich generell damals nicht viel zutraute. Es lag in meiner Hand, die Stunde zu überleben oder eben nicht. Damit kam ich echt nicht klar.

Irgendwann, es kam noch persönlicher Stress in anderen Bereichen hinzu, bekam ich vor oder nach einer Fahrstunde einen leichten Hörsturz. Zwei Wochen lang schlug ich mich mit einem Pfeifen im Ohr herum, das dann glücklicherweise wieder verschwand. Es lag nahe, das Hörproblem aufs Autofahren zu schieben, das für mich der pure Horror war.

Den Führerschein bekam ich trotzdem. Die Prüfung war seinerzeit relativ einfach. Der Prüfer hatte offenbar keine Lust oder wenig Zeit, drum war ich dann nach ungefähr 20 Minuten mit der Geschichte durch. Für mich war das ein Erweckungsmoment: Ich würde nie wieder Auto fahren müssen!

Na ja, ein paar mal habe ich es noch versucht, dann eben mit dem Auto meiner Eltern. Das ging nur mäßig gut, weil mir einfach die Übung fehlte und ich nicht über meine Angst hinwegkam. Ich gab dann auf. Diesmal für immer.

Vor einer Weile habe ich mal versucht, ein bisschen was zum Thema zu recherchieren. Einfach, weil mir danach war, weil es mir wieder einfiel und, okay, ich geb's zu, weil wieder mal der Bus nicht kam und es mich in dem Moment tierisch aufregte, immer auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen zu sein. Glaubt man dem Internet, dann ist diese Angst vor dem Autofahren etwas, das nur Frauen betrifft. Sämtliche Seiten, Foren, etc. sind auf Frauen ausgelegt, die sich mit dem Fahren überfordert fühlen. Ich dachte mir, hey, das kann doch nicht sein. Wir leben im Jahr 2015, da kann man doch zumindest im Internet über alles reden. Also suchte ich weiter, doch ... nö. Überall nur Frauen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich nicht der einzige Mann auf dem Erdball bin, der Angst vorm Autofahren hat, also: Ist das wirklich ein so beschämendes Thema? Wo seid ihr alle? Ich habe mich die erste Zeit ja auch davor gedrückt, das zuzugeben, doch dann dachte ich: Warum eigentlich? Ist doch nichts dabei. Ich will nicht Teil einer Machokultur sein, die sich nicht traut, zu ihren Ängsten zu stehen, nur weil das von Gott gegebene Automobil zum Ausdruck von Männlichkeit und männlicher Individualität verklärt wird. Das ist mir echt zu blöd. Dafür bin ich zu alt und zu abgeklärt. Und wenn kein Mann von sich aus drüber sprechen will, ja, dann hab ich das hiermit eben gemacht.

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Internet früher ...Die Frühzeit des massentauglichen Internet ist eine Geschichte der Entbehrungen. Mir ist, als wäre es erst gestern gewesen, dass ich so um 2000 herum vor meinem nikotinfarbenen PC vom Ausmaß eines Hochofens saß, der keuchte und stöhnte wie Darth Vader mit Schnappatmung und mit dem ich mich über ein schnarchlahmes Modem ins Netz einwählte, das ich nach hoffentlich erfolgreicher Verbindung wie einen Götzen anbeten musste, selbige bitte nicht ungefragt wieder zu trennen.

War dem Modem eh egal. Das Modem war ein Arschloch. Diese plötzlichen Verbindungstrennungen, untermalt von einem schadenfrohen »Klack« waren ein Ärgernis, weil damals jede scheiß Einwahl sagenhafte vier Pfennig kostete. Das klingt nicht teuer, aber weil ich das pro Tag vier, fünf Mal machte, so ziemlich jeden Tag im Monat natürlich, ganz davon abgesehen, dass die stehende Verbindung seinerzeit ja auch noch minütlich knapp zwei Pfennig kostete (was schon wahnsinnig günstig war) und es für angefangene Minuten hinterher nichts zurückgab, bedeutete das am Monatsende vor allem eines: »Kannst du mir mal bitte erklären, warum wir wegen dir schon wieder so eine hohe Telefonrechnung haben?« Das Für-die-Schule-Argument zog dabei in meinem Fall irgendwann auch nur noch begrenzt, weil mir bald keiner mehr abnahm, dass man für akkurate Schulnoten jeden Monat Unsummen im Internet versurfen musste. Vorher ging's schließlich auch ohne. Ja gut, vorher ging's auch ohne das Rad, und trotzdem stünde der Autofahrer von Welt heute ohne Rad irgendwie ziemlich blöd vor seiner Karre rum.

Aber ganz im Ernst: Was machten wir eigentlich im Internet? Liebe Eltern der letzten Generation, natürlich haben eure Sprösslinge dieses komische Internet nicht für die Schule benötigt. Nicht nur, jedenfalls. Solange sich die Texte für die nächste Wandzeitung eins zu eins auch vom Bertelsmanns CD-ROM-Lexikon klauen ließen, reichte uns das. War deutlich bequemer, als sich extra ins Internet einzuwählen und dabei zuzuschauen, wie die langsamsten Ladebalken der Welt sich gemütlich wie ein Hundertjähriger mit Rollator von null auf hundert Prozent hochkrebsten, während die Seite sich aufbaute, als würde sie jemand mit Papier und Prittstift von Hand zusammensetzen. Die Lehrer damals kamen außerdem nicht mal mit einem Videorekorder klar, drum war keine Hausaufgabe der Welt darauf ausgelegt, dass man irgendwas aus diesem komischen Internet heraussuchte. Nein, also wenn wir schon ins Netz gingen, dann für die wichtigen Dinge des Lebens.

Um über Napster illegal Musik zu laden beispielsweise. Das mit der gestohlenen Musik war freilich nicht neu, schließlich hatten wir CDs vorher auch schon im Laden geklaut, aber mit dem Internet hatte sich dieser Prozess digitalisiert. Künstler, Plattenfirmen und der nun nicht mehr benötigte Hausdetektiv fanden das vermutlich blöd, dafür freuten sich die Telefongesellschaft und die Verteiler von AOL-CDs. Und natürlich sämtliche Hersteller von CD-Brennern. CDs waren überhaupt prima: Im Gegensatz zu Kassetten gab's nie Bandsalat, und grundsätzlich gingen die Dinger eigentlich nur dann kaputt, wenn man sie an seine Freunde verlieh.

An und für sich war das »Saugen« von Musik in der Anfangszeit allerdings eine ziemlich zähe Angelegenheit. In einer Welt, in der eine simple Webseite ohne Bewegtbildgedöns – denn das gab es damals fast gar nicht – drei Minuten zum Laden benötigte, schaffte es auch die neuste Metallica-Single nicht schneller auf die Festplatte. Und wenn dann die Gegenseite, also der Blödmann, von dem man das Lied gerade kopierte, kurz vor Ende die Verbindung kappte, bekam man glatt Mordgelüste, denn nun musste man von vorn beginnen. Selbst machte ich mir daraus natürlich auch gerne mal einen Spaß. Hahaha, du willst dieses Lied haben, ja? Haha, nur noch vier Prozent? Drei? Zwei? Eins? Nope, Freundchen! Ein Klick, und alles war umsonst. Die Arbeit einer ganzen Stunde – verbrannte Erde aus unbrauchbaren Dateihappen.

Abgesehen von den hohen Telefonrechnungen fanden zumindest die meisten Eltern das aber ganz toll, was wir so machten. Sie kapierten nicht, was unsereiner da tat, wenn wir wie der Angestellte des Monats im professionellen Presswerk eine Silberscheibe nach der anderen im Brenner verschwinden ließen, um sie hinterher fein säuberlich mit Edding oder sogar bedruckten Labels zu verzieren und auf einen großen Stapel zu legen, der hinterher an Freunde oder andere Interessenten verteilt wurde – gegen Bares natürlich. Am Computer zu hocken war aus Elternsicht besser, als draußen heimlich eine Schachtel Kippen nach der anderen wegzuziehen. Nicht, dass dafür keine Zeit mehr gewesen wäre, aber ... Elternlogik halt.

Am Computer sitzen hieß für Eltern, wenn man nicht gerade zockte, dass man was lernte. Was für die eigene Zukunft tat. Für meine Mutter galt die für sie logische Devise: Beschäftigt der Junge sich mit dem Computer, macht er später mal was Anständiges und muss nicht am Fließband Plastikpflanzen zusammenkleben. Zwar klebe ich heute beruflich tatsächlich keine Plastikpflanzen zusammen, hätte ich mich damals beim Schwarzkopieren aber erwischen lassen, dann hätte ich vielleicht im Knast welche zusammengeklebt.

Um 2000 herum war auch an das Herunterladen von Serien und Filmen noch gar nicht zu denken. Gott, diese gigantischen Datenmengen! Ganze Filme, pah! Die passten doch gar nicht durch die Leitung. Und dann die Kosten! Einen neuen Film direkt in den USA zu kaufen – per Selbstabholung – wäre billiger gewesen. Mein Neid galt seinerzeit den paar Freunden mit teurer ISDN-Leitung. Wessen Eltern einen entsprechenden Vertrag bei der Deutschen Telekom hatten, der surfte nicht nur bedeutend schneller als ich mit meinem 56K-Miniaturpanzer, sondern durfte an gesamtdeutschen Feiertagen auch noch umsonst telefonieren und damit eben auch ... UMSONST SURFEN!!!

Ein digitales Eldorado tat sich für jene Glücklichen auf. Den Luxus nutzte einer meiner Freunde seinerzeit, um in einem fein abgestimmten Projekt über mehrere Sonntage hinweg Gina-Wild-Filme herunterzuladen. Gina Wild – die Älteren werden sich erinnern – war um die Jahrtausendwende herum neben Goethe und Schiller eine der großen deutschen Kulturfiguren (»Jetzt wird's schmutzig« – ein Drama in sieben Akten) und gehörte definitiv auf selbstgebrannte CD-ROMs, die es auf dem Schulhof zu verteilen galt, wenn man mal neue Freunde brauchte. Alle anderen mussten sich mit den unzähligen Internetseiten voller, äh, Aktbilder zufrieden geben, die einem beibrachten, was mit Körperöffnungen anatomisch gesehen noch so alles möglich ist. Ja, auch dafür brauchten wir das Internet, wenn wir uns im Zimmer einschlossen, um in Ruhe für die Schule zu lernen.

Heute kommt man an Filme und Musik viel einfacher und deutlich ungefährlicher. Es gibt tolle Online-Dienste wie Spotify. Will ich eine neue Platte anhören, kann ich das da tun. Jederzeit, immer wieder und das alles auch noch für umme und ganz legal. Ähnlich dekadent verhält es sich mit Filmen und Serien: Dank Netflix weiß ich inzwischen, dass nach »Akte X« doch nicht alle Serien Grütze waren. Dafür weiß ich auch, dass »Akte X« sehr wohl Grütze war. Ja gut, will man sich aktuelle Folgen der Serie »Game of Thrones« anschauen, dann ist's immer noch wie vor zwanzig Jahren, weil die Rechteinhaber irgendwie zu glauben scheinen, sie könnten am meisten verdienen, wenn wirklich niemand ihre Serie anschauen kann. Nicht fragen, ist halt so. Die Vertriebschefs haben vermutlich im Jahr 1850 erfolgreich BWL studiert und glauben, digitaler Vertrieb mache impotent.

Aber gut, es waren unschuldige Zeiten damals, als man noch das Gefühl hatte, das ganze Internet würde von Dampfmaschinen angetrieben. Heute gibt es den Spaß fast nur noch drahtlos, ohne fiepsendes Modem, das man in die Telefondose stöpseln muss, das die Leitung blockiert und so die Familie vom Rest der dauernd anrufenden Verwandtschaft abklemmt. WLAN gab es damals ja nicht. Und als es das endlich doch gab, war es beschissen: unsicher und die Verbindung schwankte schlimmer als Johnny Depp auf 'ner Pressekonferenz. Ein sehr cooler Trick war, zur Verbesserung der Verbindung etwas Alufolie um die Antenne des Routers zu wickeln. Das sah ziemlich nerdig aus und half kein bisschen. Leider.

Wie sich das geändert hat! Heute besteht die Luft zum Atmen wahrscheinlich zu fünfzig Prozent allein aus WLAN. Einmal zu tief Luft geholt, schon hat man vielleicht den viel versprechenden Online-Flirt des Nachbarn verschluckt. So ändern sich die Zeiten: Früher bekam man beim Einzug in eine WG zuerst den Schlüssel, heute fragt man nach dem WLAN-Passwort. Alles kein Thema mehr. Wer heute online sein will, kann das problemlos auch auf dem Klo sitzend tun, ohne den PC auf einem Rollwagen ins Bad karren und sich überlegen zu müssen, wie er die Verlängerungsschnüre durch die Bude legen soll. Früher druckte ich mir interessante Webseiten aus und nahm sie zum Lesen mit aufs Örtchen, heute machen das nur noch CDU-Politiker. Sorgenfrei auf dem Lokus hocken und die Zeit versurfen, während der eigene Hintern allmählich mit der Klobrille fusioniert, das wäre damals undenkbar gewesen.

Und auch der Begriff des Surfens an sich hat sich verändert: Erkundete man früher noch mutig auch die finstersten Ecken des World Wide Web (Ja, natürlich möchte ich den Sexy-Teens-Newsletter täglich kostenlos an meine Mailadresse geschickt bekommen, schließlich ist er KOSTENLOS!), besteht dieser Mut heute weitestgehend darin, nicht nur die Facebook-Timeline rauf und runter zu scrollen, sondern auch mal auf das Profil von Leuten zu klicken, die noch nicht in der eigenen Freundesliste vor sich hin gammeln.

Aus dem harten Scrollrad früher Tage ist eine verweichlichte Wischgeste geworden. Was uns früher beim Schleppen kaputte Knie und Rückenschmerzen bescherte, stecken wir nun in bunte Hüllen und werfen es in die Handtasche. Smartphones mit Dauer-Online-Zugang sind allgegenwärtig. Wir haben unsere digitale Unschuld verloren, unseren Entdeckergeist an Steve Jobs und Mark Zuckerberg verkauft. Man könnte weinen, wäre das nicht alles so ungemein praktisch. So schön bequem. Die Welt steht uns so viel offener als früher, es gibt keine Grenzen mehr. Wer braucht digitalen Survivalurlaub wie früher, wenn er all inclusive mit Klimaanlage haben kann? Ich muss nur mein Telefon in die Hand nehmen, den Browser öffnen und ... oh ... Mist, Datenvolumen ist aufgebraucht.

Und am Ende brannten die Bücher

Meine Güte, es gab nicht viele wirklich miese Schulfächer zu meiner Zeit, aber eines, das mir absolut gegen den Strich ging, war Russisch. Der Teufel weiß, was mich geritten hatte, dieses Kauderwelsch als zweite Fremdsprache zu wählen, klingt Russisch doch immer ein bisschen, als würde man eine einzige große Schimpftirade vom Stapel lassen. Ist doch so. Vielleicht ist ja der Putin in Wirklichkeit ein ganz und gar missverstandener, feinfühliger Mann, der seiner Omi regelmäßig Blumen bringt und der lediglich immer wieder über die Härte seiner eigenen Muttersprache stolpert und … nee, totaler Blödsinn! Jedenfalls wollte ich damals wahrscheinlich einfach nicht Französisch lernen, sieht doch ein französisch sprechender Mensch stets aus, als versuche er, einen Schmallippenfrosch vom anderen Ufer zu imitieren. Ja ja, ich hatte es nicht mit Vielem damals, aber wenn man bei mir die geistigen Schubladen öffnete, wurde man von einer Lawine aus Allerweltsvorurteilen überrollt. Und da sich manche Dinge ja nie ändern, machen wir weiter im Programm.

Die Krux am Russischlernen fängt beim Sprechen an. Wie, nicht das Alphabet?, mag der vielleicht kalligraphisch interessierte Leser jetzt denken, und ja, dazu komme ich noch, aber tatsächlich beginnt das Kuddelmuddel schon bei den ersten gesprochenen Worten. Ein russisches L beispielsweise erfordert, dass man versucht, den hinteren Teil seiner Zunge zu verschlucken, nur um die Verrenkung dann in einen akkuraten Laut umzulenken, der den Mund verlässt, ohne den Redner blau anlaufen zu lassen. Dann wäre da noch das X, das eigentlich kein X ist, sondern eher ein H. Aber auch das ist nur die halbe Wahrheit, weil es so was Sanftes wie ein H – weiß der Wodka, warum – im Russischen nicht gibt. Man gibt sich gerne hart, da ist kein Platz für Gehauchtes. Stattdessen spricht man das Ding also eher als »Chhh« aus, im Prinzip, als würde man jede Menge Spucke von, äh, ganz tief unten im Mund sammeln wollen, um sie seinem Vordermann in die Kapuze zu schleudern (alles erlebt, Freunde der Sonne, alles erlebt). Fügt man Wörter mit diesem Laut in seine erlernten Baukastensätze ein, klingt das in etwa, als würde ein Schweizer rückwärts reden. Tja, und die Königsdisziplin ist natürlich das pflichtgemäß mit der Zunge (nicht mit dem Gaumen) zu rollende R, was außerhalb Russlands niemand so meisterlich beherrscht wie Till Lindemann, die Latzhosen tragende Dampfwalze der Teutonenkombo Rammstein. Stundenlang lag ich abends im Bett und übte speichelsprühend diesen blöden Laut, der mir partout nicht gelingen wollte. Und dann, eines Morgens, flatterte er wie von Zauberhand so leichtfüßig von meiner Zunge wie ein unter Hochdruck freigesetzter frecher Wind, der sich seinen Weg durch die bebenden Gesäßbacken bahnt. Ein wahrlich erhabenes Gefühl! Also das mit der Zunge natürlich, nicht das andere!

Nun aber zum Alphabet, diesem erst mal absurd anmutenden Buchstabenwirrwarr, das einst ein Grieche namens Kyrill den Mannen und Frauen von der Wolga gebracht haben soll: Zumindest das kyrillische Alphabet ist gar nicht so schwer zu erlernen, wie man meinen könnte. Viele Buchstaben gibt es im Deutschen ja auch. Gut, manche tarnen sich als andere Buchstaben. So ist etwa ein deutsches R im Russischen ein P, während es das R zwar auch, aber nur gespiegelt gibt, was zudem als »ja« ausgesprochen wird. Ein C ist ein S, ein W ein B, und damit die Verwirrung für Zugereiste erst so richtig perfekt ist, hat der Russe nicht nur 26 Buchstaben in seinem Alphabet, sondern tischt gleich 33 derer auf. Aber wie gesagt, alles nicht so richtig schwer zu erlernen, wenn man nur will. Oder muss. Wie wir damals.

Unsere Russischlehrerin, die auch zugleich unsere Klassenlehrerin war, gab sich große Mühe, uns die Sprache mittels einfacher Situationsgespräche näher zu bringen. War leider wenig effizient. Im Gedächtnis geblieben ist mir davon eigentlich nur ein Verkaufsgespräch, sodass ich neben meinem Namen und meinem Alter heute in Russland lediglich einen einzigen Satz sagen könnte: »Ich möchte ein Tuch kaufen.« Wie weit man damit kommt, konnte ich mangels Reisefreude ins Domizil des Väterchen Frost nie herausfinden, aber ich denke, bis kurz vor Wolgograd würde ich damit schon irgendwie kommen.

Ansonsten habe ich mit Grausen das Übersetzen längerer, meist historischer Texte in Erinnerung behalten. Glücklicherweise waren zumindest wir Jungs damals bereits technisch derart versiert, dass wir ohne Probleme die entsprechenden Seiten des Russischbuches einscannen konnten, um hinterher eine Texterkennung drüberlaufen zu lassen und das Ganze dann in einen Online-Übersetzer zu schmeißen. Der halbdeutsche Wortsalat wurde vom Klassenbesten, dem Depp vom Dienst, also von mir, dann noch in eine ansprechende Form gebracht und das Ergebnis am nächsten Tag vor dem Unterricht an alle verteilt. Eine kleine logistische Meisterleistung für damalige Verhältnisse. Ein paar Jährchen später, am letzten Schultag, meine ich, steckten wir unserer Klassenlehrerin, was wir getan hatten, aber da sie uns russischen Wodka mitgebracht hatte, erinnere ich mich nicht mehr, wie sie darauf reagierte. Ist vielleicht auch besser so.

Trotz unserer technischen Superkräfte hassten wir diese blöden Russischbücher wie die Pest. Es waren lauter rot- und pausbäckige, schlecht gezeichnete Charaktere darin, die natürlich immer Olga, Tanja, Nadja, Pavel und Vladimir hießen, und die wohl davon ablenken sollten, dass die Lehrbücher von Kapitel zu Kapitel zu einem Sammelsurium von Geschichtstexten mutierten, in denen etwa eindringlich vor Wahnsinnigen wie Josef Stalin gewarnt wurde. Sonderlich interessant fanden wir das alles nicht, und so erinnere ich mich, dass ein Klassenkamerad aus Langeweile das gezeichnete Gesicht einer Lehrbuchprotagonistin feinsäuberlich mittels Radiergummi von der Seite tilgte, nur um hinterher den entstandenen weißen Fleck mit einer Totenkopffratze zu verzieren. Wir alle begutachteten das Ergebnis in der Pause und fanden es wahnsinnig lustig. Unsere Klassenlehrerin nicht so. »Das wirst du so wiederherstellen, wie es war!«, polterte sie. »Aber wie soll ich das denn machen?«, bekam sie vom verzweifelten Schüler zur Antwort, während wir anderen nur umso lauter brüllten. »Das ist mir scheißegal!«, setzte sie hinterher. Das war es, damit war die Sache für ihn gelaufen und für uns auch, denn wir hatten vor Lachen Bauchkrämpfe. Wer den Schaden nicht hat, hat eben einen guten Tag. Tja, und wenn es um den Zustand der Lehrbücher ging, legte man sich eben nicht mit unserer Klassenlehrerin an.

Womit ich auch beim traurigen Ende meiner kleinen Russischexkursion wäre. Nach fünf Jahren voller Tuchkäufe, Texte einscannen und scheußlicher Klausuren hatten wir alle derart die Schnauze voll, dass wir Russisch kollektiv abwählten. Unser Russischunterricht der frühen Nullerjahre war quasi das Äquivalent zur FDP von heute: aus und vorbei! Und weil wir den Befreiungsschlag so richtig zelebrieren wollten, trafen wir uns am Abend alle am Wasser, entfachten ein hübsches Lagerfeuer und ... verbrannten unsere Russischbücher. Unsere Lehrerin bemerkte einige Tage später, am letzten Tag des Schuljahres oder so: »Übrigens, ich bekomm noch ein paar Russischbücher zurück.« Betretenes Schweigen. Sie, deren schönstes Hobby es war, uns nicht nur den Irrsinn eines Stalin näherzubringen, sondern auch alles rund um die Nazischwachmaten, sie, deren Oberheiligstes ihre Schulbücher waren, hätte vermutlich wenig entspannt reagiert, wenn wir von unserer Bücherverbrennung erzählt hätten. Wir hatten uns an dem Abend nicht mal was Schlimmes dabei gedacht. Ratsch ratsch … wieder wanderten ein paar Seiten ins Feuer, stets unter johlendem Beifall. Streber und notorische Schwänzer Hand in Hand. Wären hinter uns Fackelträger in braunen Hemden aufmarschiert, musikalisch begleitet vom Königgrätzer Marsch, wir hätten uns wohl selbst dann nichts dabei gedacht, kackenblöd wie wir waren. Parallelen kannten wir halt nur aus der Mathematik.

Und da sieht man es wieder: Selbst etwas Harmloses wie Russischunterricht kann bei akuter Nachdenkverweigerung in einer kleinen Katastrophe enden. Frau M., falls Sie dies hier zufällig lesen: Es tut mir aufrichtig leid. Sollte ich je nach Russland reisen, bringe ich Ihnen ein Tuch mit.

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Irgendwann Anfang 2007 — es war eine Zeit, in der Dropbox und Konsorten noch nicht erfunden waren und die Bude noch nicht mit Ausweich-Computern vollgestopft war, sondern man (also ich) für gewöhnlich einen Computer besaß — hatte ich die Idee, meine kreativen Ergüsse auf einer eigenen Internetseite zu sichern. Nichts Großes, nichts wirklich Designtes oder so, einfach eine Sammelseite, eine Werkbank für meine Texte. Damals schrieb ich ausschließlich Gedichte, was sich dann über die Jahre (glücklicherweise) so’n bisschen verlor, dann aber nach meiner Vorliebe zur Prosa wiederkam, sodass ich heute quasi alles mal ausprobiere. Jedenfalls grassierte damals eigentlich die ständige Angst vor dem großen bösen Festplatten-Crash. Damit ich nach einem solchen wenigstens meine Textschäfchen im Trockenen haben würde, beschloss ich, das ganze Gedöns auf einem kleinen Blog unterzubringen.

Die Jahre gingen dahin, die Haare auch, und alles wurde anders, und nur der Musikgeschmack blieb derselbe. Heute liegen meine Texte längst in irgendwelchen Clouds verteilt, weg kommt da garantiert nichts mehr, und aus meiner Textablage ist eine ansehnliche kleine Seite zum Verweilen geworden (wie ich hoffe). Da ich gerade Urlaub habe, ein Projekt brauchte und Heimwerkerdinge nichts für meine zwei linken Pfoten sind, habe ich das ganze Ding auf ein neues Design umgestellt, angepasst, geschraubt und, tja, et voilà, das Ergebnis kann sich doch sehen lassen, find ich.*

geist-reich.blogspot.de* Das Theme ist natürlich nicht von mir. Ich habe ziemlich viel daran herumgeschraubt, was allerdings nur im Detail auffällt.

Als ich das Gartentor öffnete, das schon seit Jahren zuverlässig klemmte, weil das Holz sich verzogen hatte, und das beim Öffnen verräterisch quietschte, hörte ich laute Musik aus unserem Haus durch jede Ritze schallen. Ich brachte mein Fahrrad in den kleinen Schuppen mit den vielen Geräten, die nie jemand benutzte - aber es war ja immer gut, alles parat zu haben, man wusste schließlich nie, wann man mal was brauchte - und schloss dann vorsichtig die Haustür auf. Wenn man in meiner Familie aufgewachsen war, dann erwartete man nicht, dass laute Musik aus dem Haus dröhnte, wenn man selbst gerade nicht da war. So ging es wenigstens mir: Ich war der Einzige, der an schönen Tagen die Anlage derart aufdrehte, dass durchs offene Fenster die ganze Straße beschallt wurde. Ein Verhalten, das sich später unbemerkt abtrat wie ein Klumpen Erde unterm Schuh, was im Nachhinein ungemein hilfreich war, damit es auch langfristig mit den Nachbarn klappte.

Als ich das Haus betrat, sah ich, dass es sich nicht um die vermuteten Einbrecher auf LSD handelte, die die elterliche Stereoanlage bis an die Belastungsgrenze peitschten. Schon die Musik - ich erinnere mich nicht mehr an das Lied, aber es wird wohl was »Schlageriges« gewesen sein - hätte Indiz genug sein müssen: Es war meine Mutter, die im Wohnzimmer stand, still mitsang und tanzte.

Meine Mutter war immer die Korrekte. Mein ganzes Leben lang. Sie war diejenige, die meine Mathematikhausaufgaben noch mal nachrechnete, die ins Hausaufgabenheft schaute, nur um sicherzugehen, dass ich auch wirklich alles erledigt hatte, bevor ich mich an die Spielkonsole setzte oder mit dem Fußball unterm Arm aus dem Haus verschwinden wollte. Später hatte sie mir diese Korrektheit derart eingeimpft, dass sie nichts mehr kontrollieren musste. Ich war Perfektionist. Während meine Schwester an diesem Verhalten verzweifelte, war es bei mir von Erfolg gekrönt. Ich absolvierte mein Abitur fast mit Bestnote. Erst im Studium wurde ich dann wieder schludrig, was mir allerdings auch nicht schadete und damit eine der ersten großen Lebenslehren für mich wurde: einfach nach dem Min-Max-Prinzip vorgehen, also mit minimalem Aufwand maximale Ergebnisse erzielen. So blieb mehr Zeit für die vergnüglichen Dinge des Lebens. Die mit den besten Noten standen am Ende auch nicht besser da.

Meine Mutter war immer die, die sich um den Haushalt kümmerte. Das war ganz klassisch in unserer Familie. Sie weckte uns Kinder morgens pünktlich um sechs, sie war die, die unsere Wäsche wusch, Socken sortierte und dafür sorgte, dass am Ende des Geldes nicht noch zu viel Monat übrig war. Mein Vater kümmerte sich ums eigentliche Geldverdienen, ums Putzen - was niemand auf dieser Welt so energisch konnte wie er - und zumeist um den Garten. Heute spricht man immer von Arbeitsteilung, sich vermischenden Rollen und so. Ich glaube, das Geheimnis einer, na ja, einigermaßen funktionierenden Partnerschaft ist genau das Gegenteil. Zumindest hätte meine Mutter sich niemals die Verantwortlichkeit über sorgfältig sortierte Socken entreißen lassen. Da können die Gender-Mainstreamer, und wie all diejenigen sich auch nennen mögen, die ihre Lebensfreiräume mit Sojamilch-Chai-Latte aufgießen, noch so sehr zetern.

Als meine Mutter mich im Flur stehen sah, hörte sie natürlich sofort auf zu tanzen und sah mich ein wenig beschämt an. Auch etwas, das ich von ihr nicht gewohnt war. Sie war wie ein elektronisches Gerät mit genau zwei Zuständen: normal und wütend, weil irgendwas nicht korrekt gemacht wurde. Freude beschränkte sich zumeist aufs Monetäre, und ob hinter der inzwischen von Falten verzierten Stirn noch so etwas wie Hoffnungen und Träume schlummerten, vermochte niemand zu sagen. Sie war immer fürsorglich und wollte nur das Beste für uns Kinder, aber äußerlich wahrnehmbare Gefühlsregungen suchte man vergeblich bei ihr.

»Was ist denn hier los?«, fragte ich, noch ganz perplex von dem Anblick meiner tanzenden Mutter. Sie drehte die Musik etwas leiser.

»Ach lass mich doch mal tanzen«, sagte sie und lachte kurz.

»Na von mir aus mach, was du willst«, antwortete ich hoffentlich mit einem Lächeln. Ich ging anschließend die Treppe hoch in mein Zimmer. Was hätte ich auch sagen sollen? Da war ja die Korrektheit in mir, die Dinge so hinnahm, wie sie waren, auch wenn sie nicht so recht in die Realität zu passen schienen. Was half es denn, die Gedanken und Eindrücke herumzuschwenken wie ein Glas Wein? Besser wurden sie davon jedenfalls nicht.

Die andere Hälfte meines Denkens, die von meinem Vater genetisch und irgendwie auch erzieherisch geprägte - obwohl ich ihn immer eher als großes Kind wahrnahm, vielleicht, weil ihm jene Kontrolliertheit völlig fehlte - sah die Sache etwas anders. In diesem Teil meines Oberstübchens erkannte ich die Tragik der Situation. Meine Mutter, die Oberkorrekte, die niemals irgendwelche überbordenden Emotionen zuließ, die zwar streiten und verzeihen, die aber nicht offen leiden konnte, war eben doch ein normaler Mensch. Ich dachte später oft, dass sie sich, während sie im Wohnzimmer tanzte, in ihre eigene Jugend zurückgeträumt haben mochte. In diese eine Dorfdiskothek vielleicht, so ganz mit Ostliedquote, mit den jungen Männern, die sich scheußliche Flaumbärte wachsen ließen, wo jeder diese komische Ostmode trug, alle so individuell gleich. Und trotz des durch den Sozialismus vorgezeichneten Lebenspfades hatte jeder eine große Portion Träume vom aufregenden Ding namens Leben im Gepäck. Und dann, fast dreißig Jahre später, blieb davon nicht viel mehr übrig als ein Tanz im Wohnzimmer. Eingekerkert im Kleinbürgertum, im Leben, das meine Mutter zum Großteil selbst gewählt aber vielleicht nie gewollt hatte.

Einige Jahre später, ich war auf dem Weg von der letzten Abiturprüfung nach Hause, war die Euphorie des Kommenden so präsent wie hinterher niemals wieder in meinem Leben. Es war ein schöner Tag, die Sonne schien auf unsere kleine Stadt herab, als versprach sie alles Glück der Welt. Während ich spazierte, schaute ich auf meine Füße. Zur mündlichen Prüfung musste man sich fein anziehen. Warum, das hätte ich damals noch nicht hinterfragt, ich war ja korrekt. Ich trug schwarze Schuhe, vermutlich aus Kunstleder. Einen Fuß setzte ich vor den anderen, schlenderte und genoss die Wärme. Bildlich im Gedächtnis geblieben sind mir vom Heimweg an jenem Tag nur die Sonne und diese voranschreitenden Schuhe. Alles andere war die pure Magie des Augenblicks.

Ich bin sehr nach meiner Mutter geraten, nur das Familienleben, mit dem mag ich mich nicht recht anfreunden. Wenn ich an den Tag denke, an dem meine Mutter im Wohnzimmer tanzte, fällt mir auch immer der Tag meiner mündlichen Prüfung ein. Nicht, dass beides kausal zusammenzubringen wäre, oh nein. Aber ich frage mich immer, werde auch ich eines Tages mit grauen Schläfen und müden Augen im Wohnzimmer zu einem alten Lieblingslied tanzen und in meiner dreiminütigen Blase des geborgten Glücks doch begreifen, dass ich das bittere Ende einer unendlich überhöhten Aufbruchstimmung zelebriere? Heute bin ich sicher, meine Mutter war sich ihrer eigenen Lebenstragik, nie wirklich aus dem Wohnzimmer herausgekommen zu sein, immer bewusst. Vielleicht weil man sie ihr heute ein bisschen ansieht. Und das macht die Erinnerung daran, wie sie im Wohnzimmer tanzte, so traurig.

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Was war das Leben schön, so ganz ohne Telefon im Haus. Die ersten acht Jahre meiner Menschwerdung kam ich wunderbar ohne zurecht. Damals machte man noch keine Termine aus, man traf sich. Klappte hervorragend, und dran gestorben ist auch keiner. Unser erstes Telefon, ein bordeauxroter Klotz aus dem Hause Siemens, damals natürlich noch ganz mittelalterlich mit Schnur, kam ca. 1992 ins Haus, als die Telefonleitungen in der Post-DDR-Provinz gerade mal frisch verbuddelt waren. Die Eltern fast all meiner Freunde hatten das gleiche Telefon gekauft, nur in anderen grandiosen Farben: kotzgrün und irgendwas Pflaumenartiges. Vielleicht war’s der Zeitgeist, vielleicht war das Ding aber auch einfach nur unschlagbar billig. Ein Telefonat im Ort kostete übrigens seinerzeit laut bedrohlich hochratternder Digitalanzeige zwölf Pfennig pro, äh, Minute, Gesprächseinheit oder was auch immer. Das war auf Dauer zwar kein Pappenstiel, aber zumindest wir Preußen bekamen in einer Minute Gesprächszeit eine ganze Menge Inhalt unter.

Knirps, der ich war, hatte das Telefon für mich damals genau zwei Funktionen. Erstens: Freunde anrufen. Das lief in etwa so ab: »Kommste raus?« - »Joa, wann denn?« - »Jetzt? Treffen am Fußballplatz?« - »Joa, bis gleich.« - »Ciao.« - »Joa.« Zehn Sekunden höchstens, schon war man durch - preußische Gesprächseffizienz in Perfektion! Zweite Funktion: Wenn die eigenen Eltern nicht daheim waren, heimlich bei der Angebeteten anrufen, warten, bis sie ranging, dann schnell auflegen und die mit Raufaser tapezierte Wand anseufzen. Ihre Nummer hatte ich natürlich längst unter Herzklopfen aus dem dicken Telefonbuch gesucht, und während des Freizeichens betete ich innerlich, sie selbst möge abheben und nicht ihre Eltern, von denen ich ja doch immer irgendwie befürchtete, sie würden durch die Stille hinweg sofort erraten, wer gerade anrief und sich offenbar einen Scherz erlaubte. Fakt ist, ich wurde nie erwischt, aber Fakt ist auch, dass ich während dieser Zeit niemals eine Freundin fand. Komisch.

Irgendwann in den ganz späten Neunzigern entdeckte ich das Telefon neu. Ein »Telefon to go« quasi, ein Handy, wie ich erfuhr. Ganz ohne Schnur und für die Hosentasche. Als Potenzvernichter der Neuzeit das funkende Gegenstück zur Viagra-Pille. Das erste Mobiltelefon, das ich in meinen Griffeln hielt, war das Nokia 3210 eines Freundes - ein für damalige Verhältnisse todchices Gerät in der Form eines Flaschenöffners, und genau dafür ließ es sich auch verwenden: zum Öffnen von Bierflaschen. In arabischen Ländern, so sagte man, würden Menschen mit Nokia-Telefonen gesteinigt, weil es schlicht nichts Härteres gab. Es war eine Zeit, als Lehrer dachten, mit dem Ende der Tamagotchis wäre die Schwemme des digitalen Irrsinns überstanden. Mitnichten, denn plötzlich machte es im Unterricht ständig: »Piep piep - piep piep«. Haufenweise Schüler hatten die Hände nur noch unterm Tisch, hielten die Köpfe gesenkt, und wer genau lauschte, konnte ein Geräusch wie das Tippeln von tausend Spinnenbeinen vernehmen. Aus den Lehrerschubladen musste es von all den einkassierten Handys bald mehr gestrahlt haben als aus dem Betonsarg in Tschernobyl.

Handys hatten seinerzeit ebenfalls zwei Funktionen. Die erste hieß »Snake« und war ein ziemlich banales Spielchen, bei dem man eine eckige Schlange über den eckigen Bildschirm steuerte, um kleine eckige Punkte einzusammeln. So aufregend wie das Behandeln von Fußpilz, und trotzdem war’s der Renner, für den man alles stehen und liegen ließ. Funktion Nummer zwei war die SMS. Hatte man in der Prä-Handy-Ära noch jede Menge Inhalt in zwölf Pfennig Telefonzeit unterbringen können, waren es jetzt nur noch 160 Zeichen in einer Kurznachricht für knapp 40 Pfennig - auch wenn abgewichste Profis Optimierung betrieben, indem sie die Leerzeichen wegließen, wasDannSoAussah. Wahnsinnig ineffizient jedenfalls und genauso bekloppt, trotzdem wurde plötzlich nur noch gesimst, statt telefoniert. Das hatte zwei Gründe. Erstens: Zwar konnte man einer Legende zufolge mit dem Handy auch telefonieren, aber die Gesprächsgebühren waren so hoch, dass es günstiger gewesen wäre, die zu übermittelnde Nachricht mit Tinte aus Einhornblut auf ein Blatt Papier mit Prägung zu kritzeln, dieses um einen Goldbarren zu wickeln und den dann mittels adliger Brieftaube zum Empfänger zu schicken. Außerdem waren die Funknetze derart mies, dass mit dem Wort Funkloch im Prinzip das ganze Land gemeint war. Empfang gab’s nur vereinzelt, wenn man das Handy lange genug hochhielt und dabei stillstand. Wie viele Menschen während dieser Pose vom Blitz getroffen wurden, ist nicht überliefert. Zweitens: Unter jüngeren Leuten grassierte offenbar eine Angst vor Eltern. Die Panik, bei einem Anruf über das Festnetz könnten die Erzieher rangehen, die man dann erst hätte fragen müssen, ob der Nachwuchs da sei und man diesen auch sprechen dürfe, war wohl so groß, dass niemand mehr telefonierte und nur noch Kurznachrichten durch die Welt geballert wurden. Diese Form der Kommunikation hatte zwar den Charme, dass man beim Kontaktieren der neuen Freundin nicht mehr befürchten musste, mit dem Vater konfrontiert zu werden, der einen über das Abreißen der Eier und das Hineinstopfen selbiger in die eigenen Augenhöhlen aufklärte, falls man seiner Tochter das Herz brach, es hatte aber auch den Nachteil, dass all jene, die kein Handy besaßen, eigentlich gar nichts mehr mitbekamen, weil niemand mehr auf dem Festnetz anrief. Genau so erging es mir.

Als im Jahr 2003 die sozialen Kontakte derart in den Keller gegangen waren, dass ich mich selbst wie der Außenseiter fühlte, der ich fast schon geworden war, rang ich mich dazu durch und kaufte auch ein Handy. Damals trug ich bei Wind und Wetter für einen Hungerlohn Zeitungen aus, sodass ich mir den kleinen Luxus leisten konnte, einen dieser blöden Nokia-Plastikbomber zu kaufen. Apropos Luxus: Seit Jahren wird geklagt, dass die Armen immer ärmer würden. Wer sich wundert, weshalb am Ende der Kohle immer noch so viel Monat übrig ist, der könnte beispielsweise mal bei Vodafone anrufen und nachfragen, woran das wohl liegen mag. Die haben sich vor nicht allzu langer Zeit für den schmalen Taler von elf Milliarden Euro Kabel Deutschland mit Schlagsahne und Schokostreuseln einverleibt. Das sind schon zwei, drei Durschnittseinkommen. Für mich diente das Handy seinerzeit nur der Erreichbarkeit. SMS-Nachrichten schrieb ich allenfalls mal nach zwei, drei Bier. Überhaupt ließ ich ziemlich viel von dem Irrsinn aus, den die Seuche namens Handy mit sich brachte, als da wären: Schalen! Seinerzeit ließ sich nicht nur der Geräteakku noch wechseln, sondern praktisch alles. Reihenweise Vietnamesen verkauften plötzlich keine geklauten Zigaretten mehr, sondern glitzernde Kunststoffschalen mit Hello-Kitty- oder pseudocoolem Blitzaufdruck fürs Mobiltelefon. Bloß nicht beim Standard bleiben, wenn man sich auf dem Schulhof nicht zum Löffel machen wollte. Ein weiteres Übel, inzwischen zum Glück nahezu in der Versenkung verschwunden, löst noch heute Kotzkrämpfe bei mir aus: Jamba! Was mit billigen Piepsklingeltönen und Furzgeräuschen für eingehende Nachrichten anfing, endete irgendwann bei Videos von singenden Elchen mit herumbaumelnden Eiern und Schlimmerem. Wer meint, die Erfinder dieser Abzockmaschinerie, auf die reihenweise Jugendliche der Generation Alkopop hereinfielen, würden verdienterweise in der Hölle Pfannen voller Angetrocknetem mit herkömmlichem Spülmittel schrubben, der irrt: Die Schlitzohren gründeten von der vielen Kohle hübsche neue Firmen, etwa den freundlichen Schuhlieferanten aus der Nachbarschaft, bei dem noch so richtig geknüppelt wird wie auf den Sklavengaleeren der alten Römer. Schrei vor Glück!

Das dritte Mal entdeckte ich das Telefon im Jahr 2007 neu. Die Firma Apple hatte es irgendwie geschafft, ein Mobiltelefon aus der Zukunft in die Gegenwart zu teleportieren. Seinerzeit gab es zwar bereits Smartphones, aber die waren so schwer zu bedienen, dass man mindestens Philosophie, höhere Mathematik und transzendentale Informatik studiert haben musste, um da durchzusteigen. Die Finnen schienen mit derlei Unbedienbarkeit besser klarzukommen, denn deren Wirtschaftsprimus sowie einstiger Reifen- und Gummistiefelfabrikant Nokia verpennte glatt den Trend zu leicht benutzbaren Mobiltelefonen. Heute existiert Nokia bekanntermaßen nur noch zum Selbstzweck und damit Finnland nicht lediglich für Exportholz, Finnen und die Band Lordi bekannt ist. Apple änderte mit seinem völlig neuen Konzept aber auch andere Dinge: Mobiltelefone, die bis zuletzt immer kleiner und kleiner werden mussten, bis die Tasten nur noch von Menschen mit angespitzten Fingern zu bedienen waren, konnten plötzlich nicht mehr groß genug sein. Heutige Mobiltelefone sind von Großbildfernsehern kaum mehr zu unterscheiden. Zudem erreichen die Preise für die digitalen Fußfesseln inzwischen ungeahnte Höhen. Dass Chantal aus Marzahn sich trotz Hartz-IV und Kippensucht jedes Jahr das neuste Bling-Bling-Gerät für satte 500 Kröten leisten kann, um alle zwei Tage ihre Duckface-Hackfresse mit möglichst viel Megapixeln fürs Facebook-Profil abknipsen zu können, zeigt immerhin, dass es um Deutschlands Wohlstand so schlecht nicht stehen kann. Ansonsten hat sich im Prinzip nicht viel geändert. Menschen, die früher morgens im Bus eine Flappe zogen, während sie aus dem Fenster starrten, tun heute dasselbe, nur sie während des Schweigens auf ihr Telefon-Display glotzen, sich die Nackenwirbel ruinieren und die Smiley-Palette via WhatsApp und Co. rauf und runter versenden. Das mag spätrömische Dekadenz sein, das oft beschworene Ende der Menschheit ist es gewiss nicht. Wenigstens nicht, bis ich demnächst das Telefon zum vierten Mal entdecken muss, weil jeder um mich herum mit seiner scheiß Armbanduhr spricht! Das sah nämlich schon in den 80ern bei David Hasselhoff in »Knight Rider« dämlich aus, und was aus dem geworden ist, wissen wir ja.

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In der Mitte der 90er, als Spinat noch viel Eisen enthielt, niemand ernsthaft geglaubt hätte, Kanzler Helmut Kohl würde innerhalb der kommenden hundert Jahre abtreten und Nachrichtensprecher sich ungestraft mit kunterbunten Krawatten in die Tagesschau setzen konnten, da bekam ich zu Weihnachten eine Stereoanlage geschenkt. Damals, die älteren werden sich erinnern, musste man zum Musikhören noch wuchtige Geräte mit zwei ebenso wuchtigen Lautsprechern, die das Wörtchen »Stereo« rechtfertigten, auf sperrige Wohnzimmeranrichten oder in, uh, »Anbauwände« stellen. Grabsteine aus Plastik und Spanplatten waren diese Geräte, chinesische Massenware, vollgeklatscht mit blinkenden Digitalanzeigen, die allen Gästen mitteilen sollten: Hey, ich war scheißteuer, bewundere mich! Selbige Anlagen verlangten nach möglichst kratzfreien Silberscheiben, auf denen sich die Musik befand, die man hören wollte, und die noch älteren unter den Mitlesern gehörten damals ja vielleicht zu jenen Ewiggestrigen, die nicht müde wurden, darüber zu staunen, dass man die kleinen runden Scheiben gar nicht nach der Hälfte umdrehen musste. Absurde Zeiten waren das.

Aber zurück zu den wichtigen Dingen: zu mir. Ich wurde also am Abend der Bescherung mit einer von mir definitiv nicht gewünschten Musikabspielapparatur konfrontiert. Zu jener Zeit verhielten Musik und ich uns zueinander wie Öl zu Wasser. Ich weiß nicht mehr, warum das so war, aber als Knirps fand ich Musik grundsätzlich noch beschissener als Mädchen (und das wollte was heißen). Später ging mir auf, dass »Perlen« wie Dr. Alban, Haddaway, Ace of Base und das Schweizer Tanzschokobärchen DJ Bobo nicht ganz unschuldig an dieser Einstellung gewesen sein können. Ich war halt einfach zu klug für diese den Gehörgang verklebende Flitzekacke der 90er, die den künstlerischen Gehalt von aufgeweichtem Styropor besaß. Entsprechend lang war am Heiligabend mein Gesicht. Hätte in jenem Moment ein Pferd neben mir gestanden, man hätte uns nicht auseinanderhalten können. Und mein Vater hielt natürlich immer schön mit der Videokamera drauf. Auch so eine Unsitte der 90er: jedes noch so kleine Familienereignis wurde auf Videokassette gebannt. Das machten alle so, die ich kannte. Auf einem der ersten Bänder sagte der Filmende grundsätzlich etwas wie: »Das kannste mit Fotos gar nicht vergleichen. So was ist später mal unschätzbar.« Die aufgenommenen Kassetten schaute man dann einmal an, lachte sich den Podex ab, und anschließend verschwanden sie für lange Zeit in einem der Schränke, der, uh, »Anbauwand«, wo sie vor sich hin entmagnetisierten, einsortiert in nummerierte Plastikschachteln, die wie alte Bücher aussahen, bis man das irgendwann völlig ungenießbare Krisselwerk dutzendfach in Plastiksäcke steckte und wegschmiss, weil sowieso kein Mensch mehr einen Videorekorder im Haus hatte. Exkurs Videokamera Ende.

So was wie »Na, was ist denn das?«, fragte mein Vater natürlich, während er mit einem Auge durch den surrenden Camcorder glotzte und mich dabei beobachtete, wie ich vor dem Geschenk hockte wie Ludwig XVI. vor dem Schafott. Solche Fragen, die grundsätzlich jedem Kind vor laufender Kamera peinlich waren und deswegen immer nur stillschweigend und mit entnervten Blicken à la »Alter, das siehst du doch selber, was das ist, also frag nicht so blöde!« in Richtung Kamera beantwortet wurden, sollten wohl die für die Nachwelt dokumentierende Stimme aus dem Off darstellen. Quasi der Facebook-Kommentar der 90er. Derweil meine Eltern mir immer noch ein Statement zu meinem ach so tollen Geschenk entlocken wollten, hockte ich weiter ungläubig vor der Stereoanlage und fragte mich, warum meine Eltern mir nicht einfach 'nen Game Boy geschenkt hatten, wenn sie mir wirklich eine Freude machen wollten. (Ein Jahr später waren sie übrigens schlauer und schenkten mir tatsächlich einen. Entgegen der allgemeinen Annahme sind auch Eltern lernfähig.)

Aber das Elend nahm an besagtem Abend kein Ende, denn wenn man schon so einen elektronischen Backstein verschenkt, dann will man ja auch, dass der Beschenkte was damit anfangen kann. Drum offenbarte sich ein weiteres Geschenk nach dem Auspacken zu meinem Entsetzen als Musik-CD. Und nun kannte die Geschmacklosigkeit der 90er Jahre in Sachen Popmusik ja bekanntlich keine Grenzen, doch trotzdem schafften meine Eltern es, diese nicht vorhandene Grenze zu sprengen: Die Techno-Schlümpfe?!?! Falls sich jemand fragt, was das war: Ein geldgeiler wie skrupelloser Musikproduzent nahm Lieder aus dem Archiv, die jeder kannte, verdoppelte einfach deren Abspielgeschwindigkeit, bis der Gesang nach heliumsüchtigen Chorknaben klang, packte einen saudummen Bumsbuden-Beat dazu, presste den Mist auf CD und klebte hinterher die Schlümpfe drauf. Hätte im Prinzip auch mit Pumuckl funktioniert, nur dass die Interpreten dann Kreide hätten fressen müssen. In dem Moment wäre ich gern einfach durch den Boden gesickert, um es mir in der Wohnung unter uns gemütlich zu machen, aus der es immer so stank, wenn die 80jährige Bewohnerin, von der man nie wusste, ob sie überhaupt noch lebte, mal in ihre Kittelschürze gewickelt die Tür öffnete, um uns Kinder anzuschnauzen, wir sollten im Hausflur leiser sein. Aber es half ja alles nichts: Es galt, gute Miene zum bösen Spiel zu machen ... NICHT! Wenn es einen Gott der undankbaren Kinder gibt, dann war er in jenem Moment sehr, sehr stolz auf mich. Kurzum: Die Freude blieb aus, und ich ging gleich zum traditionellen Kartoffelsalat über. Die Stereoanlage fristete fortan ein dem Staub ausgesetztes, ungenutztes Dasein neben meinem Freund, dem Fernseher. Und diese unsägliche CD ließ ich irgendwo hinter Bergen aus altem Spielzeug verschwinden, wo keiner meiner Freunde sie jemals zufällig finden würde, um mich zum Gespött der ganzen Schule zu machen.

Damit war mein Ausflug in musikalische Gefilde bis auf Weiteres vorüber, bevor er überhaupt richtig begonnen hatte. Ich war ja so was von bedient! Die nächsten Jahre befasste ich mich mit den wichtigen Dingen des Lebens: Videospiele, Pommes rot-weiß, Cola und Oben-ohne-Sonnenanbeterinnen im Freibad, Videospiele, Cartoons auf RTL2 und, ach ja, Videospiele. Bis dann plötzlich 1999 war. Inzwischen holte ich die Kiste mit dem Lego nicht mehr vom Schrank, in mein Gesicht verirrten sich hin und wieder mal Pickel und flaumige Haare, und Mädchen fand ich zwar immer noch blöd, jedoch nur, weil ich einer von denen war, die grundsätzlich nie eine abbekamen. Aber plötzlich fand ich MTV cool. Das war, bevor die esoterische Führungsriege des Senders vor lauter Kifferei vergaß, dass das M im Namen des Senders für »Music« stand, und stattdessen die Zuschauer 24 Stunden, sieben Tage die Woche mit Paris Hiltons stumpfsinniger Hackfresse unter Dauerbeschuss setzte, bis keine Sau mehr einschaltete und aus dem verbrannten Rest des einstigen Pioniersenders ein Pay-TV-Müllkübel für hirnamputierte Sofakartoffeln wurde.

1999, das war eine Zeit, zu der eine Jennifer Lopez noch irgendwie sexy war und nicht die Verkörperung eines männerfressenden Hausdrachens mit Riesenhintern und Klunkersucht. Das Geschäftsmodell namens Backstreet Boys war bereits am Ablaufdatum angekommen, setzte sich aber immerhin noch nicht aus fettleibigen Alkoholikern zusammen. Na ja, zumindest waren sie noch nicht fettleibig. Es war eine Zeit, als die Welt noch wusste, wer Ronan Keating war, als Britney Spears solche heutzutage unvorstellbaren Dinge tat wie singen und tanzen, vor allem aber war es eine Zeit, als anständige Rockbands noch anständige Rockmusik machten. Na ja, zumindest empfand ich das so, und genau das sollte mein Ding werden. Und weil Apple die Welt von heute noch nicht erfunden und mit schlechten Akkus ausgestattet hatte und manche Songs mir wahnsinnig gut gefielen, stellte ich gerne mal ein Mikrofon an den Fernsehlautsprecher, um das Lied auf Kassette aufzunehmen. Wenn dann mitten im Lied meine Mutter ohne Vorwarnung mein Zimmer betrat und mit ihrem für sie typischen lauten Mundwerk grammatikalisch fragwürdige Dinge rief wie: »Sind das deine Socken, oder Papa seine?«, dann war meine böse ausfallende Reaktion so gerechtfertigt wie für sie unverständlich, weil sie natürlich nicht kapieren wollte, dass sie mir gerade die Aufnahme versaut hatte und ich jetzt den ganzen Tag weiter Musikfernsehen schauen musste, bis die Nummer noch mal gespielt wurde. Aber man war ja jung, und wenn man was hatte, dann war es Zeit.

Was man dagegen so gar nicht hatte, war Geld. Trotzdem hatte ich irgendwann genug Zaster zusammen, um meine allererste CD zu kaufen: »Americana«, ein Album der, na ja, Spaß-Punk-Kapelle The Offspring. Damals klangen die noch einigermaßen ruppig und nicht nach Bierzeltrock für abgehalfterte Jeansjackenopis, die ihrer Jugend nachheulen. Ironischerweise hatten die ihre große Zeit eigentlich, als ich die oben erwähnte Strereoanlage geschenkt bekam, vor lauter musikalischen Feuchtfürzen wie »What is love? Baby don't hurt me ...« und »Eins, zwei, Polizei, drei, vier, Kölner Bier« hatte ich das aber akustisch nicht mitbekommen. Außerdem war ich da wohl definitiv zu jung für Rockmusik gewesen und meine Eltern hätten sich allenfalls gefragt, was sie in der Erziehung falsch gemacht hatten. Aber 1999 war ja alles anders. Ich kam also mit der Platte nach Hause und klaute zu allererst ein CD-Radio aus dem elterlichen Schlafzimmer, weil die alte Stereoanlage sich vor lauter Nichtnutzung längst »kaputtgestanden« hatte, quasi nicht mehr existent war. Kurze Zeit später stand dann die komplette Familie wie zum Gruppenfoto versammelt in meinem Zimmer und bestaunte meinen Einkauf, als hätte ich den heiligen Gral erbeutet. War ja klar, dass der Sohn irgendwann doch noch anfangen würde, Musik zu hören, man hatte das ja gleich gewusst, der Junge sei ja inzwischen in der Pubertät, bla bla bla. Ich schmiss also die CD ein und ließ das erste Lied laufen. Das setzte ungefähr so ein: Gitarrengeschrammel ... »Faaaaaaaalling, I'm faaaaaaaalling ...«, begleitet von mehr Gitarrengeschrammel. Man stelle sich dazu eine Stimme vor, die klang, als kämpfe eine sehr, sehr wütende Katze mit einer rostigen Kreissäge und sei dabei, zu gewinnen. Die Reaktion meiner Mutter war entsprechend: »Um Gottes Willen!!!« Meine Schwester sagte so was wie: »Ach du Scheiße!« und mein Vater, fachkundig, wie er war: »Das ist doch so 'ne Rechtsradikalenrambazambamusik, wa'?« Ja Papa, das war so 'ne Rechtsradikalenrambazambamusik, ganz genau.

Das Verhältnis in Sachen Musik zwischen mir und meinen Eltern blieb weiterhin zerrüttet, und zwar bis zum heutigen Tag. Und mit jedem neuen »Krach«, der auf Silberscheibe Einzug in mein inzwischen von Bandpostern zugepflastertes Zimmer hielt, wuchs das Unverständnis, bis es irgendwann in Gleichgültigkeit umschlug. Einzig Kurt Cobain attestierte meine Mutter beim ersten Mithören »aber eine schöne Stimme«, was sie allerdings zum Refrain hin sofort wieder revidierte. Und derweil ich weiter vor mich hin pubertierte und mein Gehör mit jeder Menge Rockmusik nachhaltig ruinierte, fragte ich mich immer wieder mal ganz kurz, in welcher düsteren Ecke wohl die CD mit den Techno-Schlümpfen abgeblieben sein mochte. Gefunden habe ich sie bis heute nicht.

Es gibt viele Gruselfilmfiguren. Dracula, Frankensteins namenloses Monster, Alice Schwarzer, Freddy Krueger, um nur einige zu nennen. Doch meine fürchterlichste Gruselfilmfigur war nicht einmal wirklich gruselig. Sie trug keine angsteinflößende Maske, keine zerlumpte, mit Blut bekleckerte Kleidung, schwang keine Axt und tat auch sonst nichts wirklich Schauriges. Sie trug einen piefigen Anzug, dazu eine dicke Hornbrille, das Haar war immer konservativ gut frisiert. Sie tat also niemandem direkt weh, und doch löst schon ihr Name Angstschweißausbrüche bei mir aus: Eduard Zimmermann! Zimmermanns Kabinett des Grauens lief alle paar Wochen im ZDF, ein Schauergeschichtensammelsurium namens »Aktenzeichen XY ... ungelöst«. In dieser Abendsendung, die bei uns zu Hause eigentlich immer nur »Aktenzeichen« genannt wurde, brachten in nachgestellten Szenen vermeintlich echte Verbrecher ebenso vermeintlich echte ahnungslose Opfer entweder um Geld und Klunker oder einfach um.

»Aktenzeichen« - eine Sendung, die mich kleinen Hosenscheißer auf der durchgesessenen Couch in unserem Wohnzimmer hockend wie gebannt auf den dicken Röhrenfernseher starren ließ und mich eines lehrte: Egal, was Mama und Papa auch erzählten und versprachen, man war nirgends sicher, wenn erst das Verbrecherduo mit übergezogener Strumpfmaske an der Tür klingelte und um Einlass bat, weil, äh, angeblich die Milch bei ihnen alle war oder sie nachts um zwo einfach mal nach dem Weg zur nächsten Tankstelle fragen wollten.

»Aktenzeichen« trug maßgeblich dazu bei, dass ich mein Leben lang Angstzustände in Wohnungen erleiden werde, deren Haustür eine Glasscheibe hat und sich nicht mittels mindestens dreier Schlösser verriegeln lässt. Als Kind half da auch nicht das ansonsten sichere Bett. Jedes Kind weiß, und das ist wissenschaftlich erwiesen, dass Buhmänner und andere Monster keine Chance haben, solange Hände und Füße sicher unter der Bettdecke versteckt bleiben. Aber wenn sich erst die maskierten Räuber Einlass verschafft haben und sich mit Seil und Paketband oder schlimmer, mit dem dicken Küchenmesser dem Bett nähern, dann hilft auch dieses Bollwerk der Kinderzimmeridylle nicht weiter, dann ist man, nun, ziemlich gearscht. Während die Angst vor tödlichen Gefahren wie schlimmen Krankheiten und den Jungs aus der sechsten Klasse an mir vorüberging, sorgte »Aktenzeichen« dafür, dass ich es mir mental nie allzu behaglich in meiner Kindheit einrichtete. Männer mit übergezogenen Strumpfmasken warteten theoretisch überall und konnten jederzeit an der Tür läuten.

Dabei lief so eine Sendung ziemlich unspektakulär ab: Eduard Zimmermann erklärte kurz, was sich zugetragen hatte, dann folgte ein Einspieler mit Laienschauspielern aus der Fußgängerzone. Hier saßen meist Leute wie Hubert und Traute Mustergültig in ihrem Wohnzimmer und genossen die bedrohliche Stille des Abends. Traute strickte Socken, während Hubert ein Buch las oder Bundesliga schaute. Auf dem Wohnzimmertisch lag ein besticktes Deckchen. Beide hatten natürlich ihr Leben lang schwer im VW-Werk oder bei Audi geschuftet und wollten eigentlich ihren Lebensabend genießen. Eine Weltreise, ein neues Auto noch mal, vielleicht auch eine Anmeldung im Swinger-Club. Wollten ... Eiiigentlich ... Denn plötzlich, so gegen 22 Uhr, fuhr eine dunkle BMW-Limousine vor, aus der zwei zwielichtige Gestalten stiegen, um das Grundstück der Mustergültigs zu betreten und an der Tür zu klingeln. Eine pseudohippe Bildüberblende, der biedere Bruder der Überblenden aus »Star Wars«, führte zurück ins Wohnzimmer der Mustergültigs, wo Traute das Strickzeug zur Seite legte, auf die schwere Wanduhr guckte und mit ihrem Mann verdutzte Blicke tauschte. »So spät? Wer kann das denn wohl noch sein?«, plapperte Traute dann übermäßig betont das Drehbuch nach, und noch während ich dachte, neiiiin, geh nicht zur Tür, das sind doch die Mööörder, ging Hubert natürlich zur Tür, die er ebenso natürlich auch noch öffnete. Warum all diese Deppen am späten Abend fremden Leuten einfach die Tür aufmachten, war mir immer ein Rätsel. Erwachsene machten das offenbar so, und da meine Eltern Erwachsene waren, war auf die kein Verlass. Ich dagegen bin - »Aktenzeichen« sei dank - so bescheuert heute nicht mal am helllichten Tag, es sei denn, der ungebetene Gast trägt was Gelbes, hat einen DHL-Aufdruck auf der Jacke und einen Karton in der Hand. Jedenfalls verschafften sich die maskierten Einbrecher im Einspieler flugs Zugang zum Wohnraum der Mustergültigs - schließlich hatte der blöde Opi die Tür ja schon aufgemacht - klauten dann zentnerweise Schmuck, den alte Leute offenbar horten wie Drachen einen Goldschatz und den sie selbstverständlich immer in großen abgeschlossenen Stahlkassetten aufbewahren, und wenn bei den armen Rentnern zu allem Unglück noch ein bisschen Pech dazukam, wurden sie - zack zack - hinterher umgebracht. Meine Mutter kommentierte das gerne mit Sätzen wie: »Das ist aber auch eine Sauerei!«, so als hätte es sich um die Verkündung einer Mehrwertsteueranhebung gehandelt.

Weiter ging es in etwa so: Am Morgen nach der Nacht des Grauens wollte die freundliche Nachbarin Erna B. ein Körbchen frische Erdbeeren vorbeibringen, wie man das als fürsorglicher Nachbar wohl so tut, als keiner die Tür öffnete. »Wenn da mal nichts passiert ist«, las Erna dann von ihrem Merkzettel ab, ging den Zweitschlüssel holen, den sie natürlich besaß, und fand anschließend das niedergemetzelte Rentnerpärchen in einer Ecke des Gästezimmers. Zurück ging es zu Eduard Zimmermann, der ein betretenes Gesicht machte, und dann saß ich da, ebenfalls mit betretenem Gesicht, geschockt von dieser eigentlich unspektakulären Geschichte über ein Verbrechen an einem unspektakulären Rentnerpaar. Scheiße auch, wir waren doch selber eine unspektakuläre Familie! Unsere Tage waren für mich nach einer solchen Sendung jedenfalls gezählt. Jeden Moment konnte es klingeln! Ach was, eigentlich fing es schon mit dem Beginn der Sendung an. Allein diese Titelmusik: bäbäbäbäm bäbäbäbäm ... Das klang, als wäre der Axtmörder längst im Haus.

Die ganz fiesen Verbrecher wurden zumindest in meiner Erinnerung auch nie gefunden. Wahrscheinlich waren die anderen Zuschauer vom Zwischengeplänkel der Sendung genauso gelangweilt wie ich, sodass keiner mehr aufpasste und keine wichtigen Hinweise eingingen. Die Macher der Sendung gaben sich aber auch alle Mühe, die ödeste Präsentation des Universums zu finden, und sie waren erfolgreich: Eduard Zimmermann saß in einem braunen Studio an seinem braunen Tisch. Der Hintergrund war braun, das Logo sowieso, und wenn man nicht gerade stümperhaft angefertigte Phantombilder zeigte, die eher wie schlecht rasierte Disneyfiguren statt wie Verbrecher aussahen, oder der in die Sendung eingeladene und unter Valium stehende Oberwachtmeister Gümpelstein von Ziegenbrecht mit monotoner Stimme in süddeutscher Einfärbung die Zuschauer zur Mithilfe aufrief, dann wurden potenzielle Spuren und Beweise gezeigt: die Geldbörse des Opfers aus braunem Leder, das handgeschliffene Mordmesser mit braunem Holzimitatgriff, ein braunes Stück Stoff oder die am Tatort zurückgelassene C&A-Lederjacke des Täters in brauner Ausführung. Herrgott, die Sendung war brauner als jeder NPD-Ortsverein! In meinem ganzen Leben sind mir seither nur drei Dinge begegnet, die ähnlich braun waren: die massive DDR-Schrankwand meiner Großeltern, ein Eimer brauner Farbe und Bonn.

Und trotz der tristen Farbgebung hat »Aktenzeichen« mich nachhaltiger geprägt als die konventionelle Erziehung meiner sozialistischen Kindergärtnerin. Die Haustür öffne ich heute überhaupt nicht mehr, was mir nebenbei auch Rundfunkbeauftragte, Zeugen Jehovas und andere Kackspaten vom Hals hält, allerdings einmal auch die Feuerwehr, die mich nachts laut klopfend aus dem brennenden Haus retten wollte. Auch gibt es bei mir keinerlei Schmuck zu klauen. Was das angeht, biete ich wenig Angriffsfläche. Potenzielle Einbrecher fänden bei mir allenfalls eine Videospielesammlung von zweifelhaftem Wert, einige Zauberer-von-Oz-Comics und eine Packung abgelaufenes Müsli. Und in meiner mit Wrestling-Stickern aus den 90ern beklebten Geldkassette liegen lediglich alte Glückwunschkarten von meiner Jugendweihe. Da lohnt sich definitiv kein Hammermord der Welt! Ich bin vorsichtig geworden seit meinen Kindheitstagen.

Über zwanzig Jahre später läuft die Sendung übrigens immer noch auf jenem sagenumwobenen Sender, den meine Generation allenfalls vom versehentlichen Drüberzappen kennt. Eduard Zimmermann weilt zwar inzwischen im Reich all der Opfer, die einst in den Einspielern nachgestellt wurden, dafür versetzt die Sendung in ihrer unspektakulären Art wahrscheinlich wie gehabt ganze Generationen von Kindern mehr in Angst und Schrecken als Pennywise der Clown aus Stephen Kings »Es«. Nur eines ist »Aktenzeichen« heutzutage dann doch nicht mehr: braun. Na immerhin.

2 Kommentare

Ich hatte gerade einen gedanklichen Way-Back-Moment. Erinnert sich noch jemand an die Urzeiten des WWW? Nee, nicht die ganz frühen, als sich nur wahre Nerds mit Flaschenbödenbrillengläsern durch unverständliche Textwüsten klickten, sondern die, als die Telekom noch an die Börse und Manfred Krug mitging. Es war eine Zeit, in der ich gottseidank noch keine Aktien kaufen durfte und in der ich entdeckte, dass sich mit unserem 28K-Uraltmodem nicht nur Faxe verschicken ließen, sondern dass man sich mit dem Ding unter lautem Piepsgetröte auch problemlos ins Internet einwählen konnte.

Es war die Zeit, als Freischalt-Codes noch per Post kamen. Es war auch die Zeit der AOL-CDs, die jeder Klopapierrolle beilagen, jede Menge Gratisspaß im Netz versprachen und die doch immer von der Aura horrend hoher Monatsendabrechnungen umgeben waren, weil man das Kleingedruckte nicht gelesen hatte. Und es war die Zeit unsäglich peinlicher Fernsehwerbungen. Warum die besagte CD-ROM-Schleuder ausgerechnet Lispelkünstler Boris Becker für mehr Akzeptanz des eigenen Internet-Angebots werben ließ, verstehen bis heute vermutlich nur die ehemaligen AOL-Marketing-Genies, wenn sie noch mal dasselbe Kraut wie damals rauchen. »Daf if ja einfach!«, sagte der Tennisheini mit dem Zeugungsdrang im Spot und glotzte grenzdebil auf einen Röhrenmonitor. Sollte wohl so viel sagen wie: Ja also wenn sogar der blöde Becker das rafft, dann krieg ich das ja wohl auch noch gebacken!

Ich verwendete niemals eine der AOL-CDs, starrte aber dennoch immer sehnsüchtig auf die versprochenen Gratisstunden. Denn ich wählte mich seinerzeit mittels sogenannter Call-by-Call-Anbieter ein. Das waren windige Service-Provider, die meisten heute zurecht pleite und begraben, die zu mehr oder minder geringen Pfennigbeträgen kleckerweise Internet im Gehäuseschneckentempo anboten.

An meinen ersten Netzgehversuch erinnere ich mich noch ganz genau: »Mutti, ich bin im Internet!«, rief ich die Treppe hinunter. STAMPF STAMPF STAMPF, mit nicht mehr als drei ausladenden Godzilla-Schritten hatte meine Mutter die fünfzehn Stufen der Treppe genommen und stand in meinem Zimmer, noch ehe ich meinen Satz richtig beendet hatte. »Und jetzt? Müssen wir doch alles bezahlen, oder?«, schrie sie mit schreckgeweiteten Augen. Für meine Mutter war klar, sobald man ins Internet geht, passt die Endsumme der Telefonabrechnung auf keine DIN-A4-Seite mehr. Später war es dasselbe mit Internetkaufhäusern: Sobald man irgendwo was bestellte, war völlig selbstverständlich, dass hinterher das ganze Girokonto geplündert war. So war sie, meine Mutter. Und heute bestellt sie sogar ihre Topflappen bei Amazon.

»Geh nicht zu oft ins Internet«, war in der Folgezeit immer so eine Warnung meiner Mutter. Ein komplettes Verbot konnte sie nicht durchboxen. Meinem Argument »Aber ich brauch das doch für die Schule!« konnte sie nichts entgegensetzen. Gute Noten waren eben mit Geld nicht aufzuwiegen. Und so teilte ich mir meine Internetzeit gut ein. Mit einem Auge auf dem Browserfester, dessen Inhalt langsamer aufgebaut wurde, als die Hamburger Elbphilharmonie, und einem auf dem Gebührenzähler des Einwahlprogrämmchens, surfte ich maximal eine Stunde pro Tag auf den Seiten meiner Lieblingsbands vorbei, guckte mir mies aufgelöste Schweinkrambilder an und klaute Musik bei Napster. Was man für die guten Noten eben so tat.

Und all das immer mit der Angst vor diesem einen Satz im Rücken: »Thomas? Geh mal aus dem Internet raus, ich will telefonieren!« Ganz schlimm war es, wenn ich eigentlich längst schlafen sollte, dann aber doch noch dieses eine Lied fertigladen musste, und dann hörte, wie unten der Telefonhörer abgehoben wurde. So was wie »Äääaaach!« vernahm ich noch, bevor, STAMPF STAMPF STAMPF, meine Mutter im Zimmer stand. »Du sollst doch schlafen! Das bezahlst du bald alles von deinem Taschengeld!« Die Drohung verpuffte natürlich, denn so viel Taschengeld bekam ich nie und nimmer. Außerdem zog wiederum »Mir fiel eben noch ein, dass ich ja was für die Schule nachgucken muss. Bin gleich fertig.« ganz wunderbar. Mein Vater dagegen ließ sich dieses eine Mal nicht besänftigen, als er bei Minusgraden in halbtrunkenem Zustand nach der Betriebsweihnachtsfeier frierend durch die Nacht irrte und gern abgeholt worden wäre, jedoch per Telefon nicht durchkam, weil der Sohnemann die Leitung fortwährend blockierte. Ja, es waren aufregende Zeiten voller Entbehrungen. Für den einen oder anderen.

Es war auch die Geburtszeit der Wikipedia und eine Zeit, in der sich digitale Lexika und Online-Artikel noch nicht bis zu den Lehrern herumgesprochen hatten. Wir druckten ganze Artikelserien samt der Bilder aus, klebten sie auf Wandzeitungen und kassierten die guten Noten dafür, während die ärmeren Kinder ohne Computer gnadenlos auf der Strecke blieben. Tja, wer hat, der kann. Das galt auch damals schon, insbesondere für Referate und Wandzeitungen.

Und dabei war die Online-Suche noch ziemlich rudimentär: Wenn die heiligen Herren des Index gewisse Seiten nicht sorgfältig von Hand eingepflegt hatten, dann fand man die eben auch nicht. Es war ein bisschen wie das Blättern im Quelle-Katalog: Was da nicht drin war, ließ sich ja auch nicht bei Quelle bestellen. Einige Suchmaschinen- und Versandhauspleiten später hat Google sich als Synonym für die Suche im Netz natürlich längst etabliert, aber der erste Besuch auf dieser gruseligen Suchmaschine, mit der man tatsächlich alles finden konnte, war schon ein Aha-Erlebnis.

Nach einer Stunde des gepflegten Surfens war es dann in der Regel auch vorbei. Klack machte das Modem, schon war ich wieder voll und ganz offline. Musste ich mich dann doch noch mal verbinden, drückte ich gern ein Kissen auf das Modem, damit meine Mutter den verräterischen Pfeifton nicht hören konnte. Und manchmal flog man auch einfach so aus dem Netz. Ein Horror, wenn dieser blöde Green-Day-Song noch nicht fertig heruntergeladen war! Außerdem wurde allein für die Einwahl von den meisten brauchbaren Call-by-Call-Providern eine Gebühr verlangt. Wie gesagt, zurecht pleite, die Bande. Irgendwann erklärte meine Mutter, Hüterin der Hauskasse, die Internetrechnung für zu hoch. Als ich vorrechnete, dass schnelles DSL, das es inzwischen gab, genauso teuer sei und man dann einfach immer im Internet sein könne, sagte sie überraschenderweise: »Na warum haben wir denn so was nicht schon längst?« Ich hielt kurz inne, realisierte diesen Satz und dachte: Daf if ja einfach!