Spielkind

14 Kommentare

Bis in die 80er Jahre hinein hatten die Menschen Angst vor einem Atomkrieg. Dann kam –die Älteren wie auch der regelmäßige Dokugucker jüngerer Generation werden das wissen – das Ende des Kalten Krieges. Alle hatten sich plötzlich lieb, die olle innerdeutsche Grenze verschwand und ich durfte eine behütete Kindheit, garniert mit Unmengen "West"-Spielzeug, genießen. Manchmal, wenn Menschen darüber berichten, wie das war, speziell zu Zeiten der Kubakrise, als die Welt kurzzeitig am Abgrund zu stehen schien, dann würde ich gern wissen, wie sich das wohl angefühlt haben mag – zu befürchten, dass jeder Tag auf Erden der letzte sein könnte.

Tja, und heute haben wir Donald Trump und sind nahe dran, wieder in den Genuss dieses Gefühls zu kommen. Trump bietet zwar mehr Unterhaltungspotenzial als die britische Königsfamilie zu ihren besten Skandalzeiten, gleichzeitig steht hinter diesem offensichtlich irren Kerl mit der geschmacksbefreiten Betonfrisur und seinen nicht weniger wahnsinnigen Untergebenen eine echte Gefahr: nämlich die, den von uns als normal empfundenen Frieden des größten Teils dieser (zumindest westlichen) Welt schnurstracks über den Jordan zu befördern. Und wir erinnern uns: Der Präsident der Vereinigten Staaten besitzt auch heute noch, so bekloppt und orange er auch sein mag, das hübsche kleine Köfferchen mit den Codes, die einen Atomkrieg entfesseln könnten. Eigentlich ein Wunder, dass Trump nach inzwischen knapp 20 Tagen im Amt das Ding noch nicht eingesetzt hat.

Lange kann's ja nicht mehr dauern ...

Na gut, ich will den Teufel wirklich nicht an die Wand malen, aber die Gefahr ist nun mal da, drum folgt nun ein Servicebeitrag. Wer nach dem hellen Blitz, dem Feuerball, der Druckwelle und der Radioaktivität noch steht, der sollte vorbereitet sein. Das »Outland«, die zerstörte und verrohte Welt nach dem Atomkrieg, ist kein schöner Ort zum Verweilen, das kann ich euch sagen. Ich hab immerhin »Fallout 3«, »Fallout New Vegas« und »Fallout 4« durchgespielt, die allesamt ein solches Szenario durchexerzieren, und weiß daher, wie das sein wird, dieses Leben danach. Hier zehn Überlebenstipps von einem, der sich auskennt:

  1. Niemals aus der Toilette trinken! Echt jetzt. Wasser ist nach dem weltweiten Fallout kostbarer als Gold. Wer auch immer so blöd ist und erwartet, das Zeug hinterher in genießbarer Form in einer Kloschüssel vorzufinden, den erwartet ein so qualvoller wie verdienter Tod.
  2. Raus aus der Kanalisation! Wann immer sich draußen eine radioaktive Regenwolke anschickt, die ohnehin dezimierte Bevölkerung weiter auszudünnen, mag es wie eine gute Idee erscheinen, sich in der Kanalisation unterzustellen. Ganz dumme Idee, denn sobald sich dort unten etwas mit leisen Schritten nähern mag, seid gewiss, es handelt sich nicht um die Ninja Turtles. Die sind zwar auch mutiert, aber das, was sich da anschickt, eure Gesellschaft zu suchen, ist zumeist ziemlich groß, hat ziemlich viele Beine, ziemlich viele und große Zähne und mächtig Kohldampf.
  3. Gesellschaft tötet! Solltet ihr euch einer Siedlung nähern, deren Bewohner bereits von weitem zu erkennen lassen, dass sie nicht nur reichlich groß geraten, sondern auch noch mit grüner Haut bedeckt sind, legt den Rückwärtsgang ein. Es handelt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Supermutanten, von irgendeinem wahnsinnigen Warlord oder Wissenschaftler aus Menschenexperimenten gezüchtete Kriegsberserker. Die Bösartigkeit der grünen Zeitgenossen wird nur noch durch ihre miese Laune übertroffen. Gilt allerdings eigentlich auch für so ziemlich alle anderen Typen, die sich in freier Wildbahn antreffen lassen. Kein Wunder: Ich kann mir kaum vorstellen, dass es im wasserarmen Outland anständigen Kaffee gibt. Nach zwei Tagen ohne würde ich schon heute töten.
  4. Kraft rockt! Ihr seid charismatischere Redner als Gregor Gysi zu seinen besten Zeiten, übt allabendlich vor dem Spiegel das Argumentieren für euren Debattierklub und habt deswegen keine Zeit für Sport? Schön für euch, ihr seid so gut wie tot. Im Ernst, der eine oder andere mordlüsterne Bandenchef mag sich von eurem Geschwurbel vielleicht beeindrucken lassen, das allermeiste Viehzeug, das in der verstrahlten Welt kreucht und fleucht, hat allerdings nahezu null Prozent Hirn und hundert Prozent Hunger. Da helfen nur schnelle Beine oder dicke Arme, die richtig dicke Knarren halten können.
  5. Die verlassene Fabrik ist nicht verlassen! Klar, die Grundstücks- und Immobilienpreise sind im Keller, da bietet es sich an, für 'nen schmalen Taler mal eben eine Eigentumswohnung in dieser verlassenen Fabrik gleich um die Ecke zu beziehen. So reizvoll das eigene Loft zum Nulltarif auch scheinen mag, eine gute Idee ist der Einzug nicht. Irgendeine Bande marodierender Hipster hatte die Idee nämlich schon vor euch und im günstigsten Fall werdet ihr von denen einfach nur gegessen.
  6. Nur mit den großen Kindern spielen! Falls ihr Punkt 3 nicht berücksichtigt habt, wider Erwarten trotzdem noch leben solltet, und dabei Freunde gefunden habt, bleibt bei ihnen, solange sie diejenigen mit den dicken Wummen sind. Finger weg von Rebellen und anderem Gesocks, das euch nur mit eurer Unterhose als Rüstung zu irgendwelchen Rettungsaufträgen schickt, bleibt bei denen mit den fetten Rüstungen und vor allem den fetten Waffen. Nichts ist schöner, als mittels richtigem Equipment mit ordentlich Feuerkraft ein zu zehn Metern Größe mutiertes Insekt fertig für den Weber-Gasgrill zu machen.
  7. Niemals zu Hilfe eilen! Ihr hört Radio, weil Netflix im Outland nicht mehr funktioniert? Gute Idee, schließlich macht ein wenig Musik das öde Leben etwas weniger öde. Solltet ihr allerdings per UKW einen Hilferuf auffangen, denkt immer an Admiral Ackbar aus »Star Wars«, der schon damals in seiner Weisheit sagte: »Es ist eine Falle!« Grundsätzlich nicht zu helfen mag euch zwar schlechtes Karma bescheren, aber vergesst nicht: Erstens überlebt ihr. Und zweitens, solltet ihr nach dem dennoch unvermeidlichen Ableben mangels Karma als Insekt wiedergeboren werden, so seid ihr immerhin ein paar Meter groß und kräftig wie Hulk.
  8. Der Messie wird siegreich sein! Ihr habt auf der Pirsch eine kaputte Kaffeemaschine, drei Zigarettenstummel und den Henkel einer Teetasse gefunden? Prima und hoffentlich habt ihr das Zeug mitgenommen. Im KaDeWe wird es nach der Apokalypse definitiv nichts mehr zu kaufen geben und irgendein postapokalyptischer MacGyver aus eurer Nachbarschaft könnte euch vielleicht verraten, wie sich aus den genannten Zutaten ein Protonenredongulator bauen lässt. Was das ist? Keine Ahnung, aber im Zweifel lässt sich damit irgendeinem Fiesling die Birne einschlagen.
  9. Kronkorken sammeln! Fast schon der wichtigste Tipp, auch wenn er komisch klingen mag. Erwartet halt nicht, nach der atomaren Pulverisierung mit Euro bezahlen zu können. Kronkorken dagegen sind die Travelers Cheques der tristen radioaktiven Zukunft und in jedem Gebrauchtwarenhandel gern gesehen, glaubt mir!
  10. Nicht die AfD wählen! Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie neigt dazu, sich zu zitieren. Mit ein wenig Glück wird auch nach der totalen Vernichtung noch mal eine Art zivilisierte Gesellschaftsform entstehen – mit demokratischen Wahlen, zu viel Bürokratie, der Telekom und Mineralölsteuer. Und mit Sicherheit wird es dann auch wieder einen Haufen rechter Populisten geben, die meinen, alles sei scheiße und ließe sich mit ihnen an der Macht viel besser gestalten, indem man einfach alles verteufelt, was anders ist als man selbst. Denkt immer dran: Typen wie die haben euch überhaupt erst in diese beschissene Situation gebracht.

2 Kommentare

Back in the 90s, genauer gesagt muss es 1992 gewesen sein, zogen wir in einen schmucken Plattenbau. Durchaus ernst gemeint, waren die Dinger doch damals einigermaßen fortschrittlich. Erstmals hatten wir eine Heizung, die wie durch Magie den Raum erwärmte, indem man an einem ... Ding drehte, statt Kohle in einen muffigen Kachelofen schaufeln zu müssen. Viel wichtiger aber noch, schließlich war ich damals gerade sieben oder acht Jahre alt: Wir hatten endlich fucking Kabelfernsehen! Bis dahin waren die »Sendung mit der Maus«, »Löwenzahn« und vielleicht noch die »Sesamstraße« mein Zentrum popkultureller Bildung. Aber dank Kabelfernsehen sollte alles anders werden. Vor allem ein Sender stach hier hervor: RTL2. Genau, jener Kanal, der heute wie kein zweiter den gesamtgesellschaftlichen IQ schneller in den Keller treibt als Josef Fritzl seinen Anhang, sollte Anfang der 90er Jahre zumindest für uns Kinder der neue Mittelpunkt des Universums werden.

RTL2 hatte nämlich ein ausgesprochen gutes Unterhaltungsprogramm für die Kleinen. Hätte man damals auf dem Schulhof eine Umfrage gestartet, ich würde meinen Hintern drauf verwetten, mindestens 90 Prozent der Schüler hätten RTL2 als Lieblingssender genannt. Von mittags bis ungefähr 16 Uhr – also genau zu der Zeit, die für Hausaufgaben reserviert sein sollte – dudelte hier ein großartiger Trickfilm nach dem anderen über die Mattscheibe. Die Einkaufsabteilung des Senders musste damals den Weihnachtsmann als Vorstand gehabt haben, jedenfalls hatte man dem japanischen Cartoonbetrieb offenbar so ziemlich alles abgekauft, was nicht bei drei auf den Bäumen war.

Dass all diese Cartoons aus Japan stammten, wusste ich damals nicht. Heute würde man sagen: »Ja hey, das siehste doch wohl schon an den riesigen Augen der Figuren.« Klar, damals allerdings war der deutsche Markt noch nicht durch Animes aus Fernost überschwemmt worden, außerdem war ein Großteil der Serien in einem eher westlichen Szenario angesiedelt – wahrscheinlich wurden sie auch nur deswegen bei uns gezeigt.

GeorgieWie ich jetzt darauf komme? Nun, meine Schwester hat neulich eine DVD-Box der Anime-Serie »Georgie« gekauft – ihre Lieblingsserie anno 1992 – und sie mir nach dem Akkordanschauen freundlicherweise ausgeliehen. In der Serie – bestehend aus insgesamt 45 Folgen (in meiner Erinnerung waren es ungefähr 1.000) – geht es um die während des 19. Jahrhunderts in Australien lebende Familie Butman (Ja, so heißen die.), bestehend aus Mutter, Vater, den Brüdern Abel und Arthur sowie der namensgebenden Schwester Georgie. Diese wiederum, das stellt sich sehr schnell heraus, ist ein Findelkind, was jeder weiß, abgesehen von ihr selbst. Der Trickfilm erzählt die Geschichte der Familie über einen Zeitraum von ungefähr zehn bis zwölf Jahren hinweg in größeren Zeitsprüngen. Beide Brüder verlieben sich während ihrer Jugend in Georgie, womit der Grundkonflikt steht. Letztlich bekommt auch Georgie, die sich wiederum längst in einen aristokratischen Engländer verliebt hat, heraus, dass sie mehr oder minder adoptiert ist. So zieht es sie schließlich nach England, wo sie nicht nur ihre Liebe zu wiederzufinden hofft, sondern auch ihre wahre Herkunft aufdecken möchte.

Woah, lange hat mich eine Trickfilmserie nicht mehr so bewegt. Die Geschichte, die Charaktere, die großartige Gänsehautmusik, all das ist so liebevoll arrangiert, dass es mich emotional regelrecht in die Serie hineingesaugt hat. Dabei kannte ich sie ja eigentlich schon, auch wenn ich die gegen Schluss zunehmend komplexen Themen jetzt natürlich deutlich besser verstehe als Anfang der 90er. Erstaunlich übrigens, dass dieser wirklich schön gezeichnete Anime bereits von 1983 ist – älter als ich also. Das fällt aber während des Anschauens kaum auf, werden hier doch auf zeitlose Art Werte wie Zusammenhalt, Moral und die Bedeutung der Familie vermittelt. Etwas, das Japaner übrigens generell besonders gut darstellen können.

Und so gab es eben auch noch einige andere großartige Serien damals, die ähnlich angelegt waren: Da war beispielsweise »Lady Oscar«, die Geschichte über ein Mädchen, das zur Zeit der französischen Revolution von seinem Vater als Junge aufgezogen wird, um im Militär Karriere machen zu können. Oder »Eine fröhliche Familie«, die eben von einer Familie erzählt, die zur Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges zwischen die Fronten gerät und aus der Heimat fliehen muss. Da wäre »Die kleine Prinzessin Sara«, in der die namensgebende Sara, ein Mädchen aus gutem Hause, in einem Internat als Dienstmädchen schuften muss, weil der Vater plötzlich verstirbt und mit ihm das Vermögen verschwindet, von dem auch das Internat bezahlt wurde.

Es gäbe da sicher noch die eine oder andere Serie, die erwähnenswert wäre, aber alle aufzuzählen wäre doch etwas müßig. Auffällig ist, dass viele der Trickfilme, die übrigens überwiegend nicht aus den 90ern stammen, sondern bereits aus den 80ern, auf westlichen Romanen basieren (wie ja bspw. die Animes »Heidi« und »Biene Maja« auch – »Georgie« dagegen basiert auf dem gleichnamigen Manga). Nun ja, jedenfalls fehlt mir diese Art des Geschichtenerzählens heute in Trickfilmen sehr. Mitte der 90er Jahre war es nämlich auch vorbei mit diesen Serien, die sich viel Zeit für eine durchgehende Handlung nahmen. Da ging es dann los mit »Sailor Moon«, »Pokémon«, »Dragon Ball« und so weiter, die sich allesamt großer Beliebtheit erfreuten. Japanische Animes überrollten fortan die westliche Kulturlandschaft, die gedruckte Variante in Form der Mangas folgte im Schatten ihrer schrillen Cartoon-Pendants – beides Trend, die sich bis heute gehalten haben. Auch die damals neue Welle thematisierte dieselben alten Grundkonflikte und die eigentlich recht konservativen Wertvorstellungen der von mir so geliebten Zeichentrickfilme – angereichert allerdings um jede Menge Krachbumm und buntes Geblinke, dass man Schaum vorm Mund bekommen möchte. War mir auf Dauer etwas zu doll, allerdings änderten sich altersbedingt auch meine Interessen allmählich.

Tja, wenn es also etwas an den 90er Jahren zu vermissen gibt, dann neben der guten Rockmusik und Bret »The Hitman« Hart, definitiv die Anime-Nachmittage auf RTL2. Die Neuveröffentlichungen der alten Kamellen auf DVD und Blu-ray zeigen ja, dass offenbar nicht nur ich diesbezüglich in Nostalgie schwelge. Drum, wer’s tatsächlich nicht kennen sollte: Give it a try! Manches davon lässt sich auf YouTube finden, anderes wiederum ... anderswo.

69 Kommentare

Manchmal muss man Dinge einfach mal machen. Davon, dass ich seit einem Jahr oder so ganz gerne fotografiere, habe ich bereits berichtet. Gestört hat mich bislang auch nicht, dass meine Bilder auf dem heimischen Server Grünspan ansetzten, weil nur ich sie dort betrachten konnte. Ich hatte auch nicht so recht Lust darauf, eine weitere WordPress-Installation für Fotos auf die Beine zu stellen, obwohl diese Plattform dank wunderbarer Templates ganz hervorragend dafür geeignet ist.

Also habe ich mich vor ein paar Tagen kurzfristig dazu entschlossen, einen Instagram-Account anzulegen (einen neuen, denn einen für Alleweltsschnappschüsse habe ich ja bereits), wo ich – so derzeit der Plan – ein, zwei Fotos einstelle. Na ja, eher eines, damit mir nicht so schnell die Vorräte ausgehen.

Wer Lust hat, mich dort zu bookmarken, mir mit dem eigenen Account zu folgen oder was auch immer man mit so einem Account halt anstellen kann*, der möge das gerne tun, ich würde mich freuen. (Dass meine Makros nicht immer ganz scharf sind und farblich an den Rändern etwas ausfransen, liegt übrigens zum Einen an meiner zittrigen Hand, zum Anderen aber auch daran, dass sich bisher kein Oligarch dazu erbarmt hat, mir eines dieser sündhaft teuren Makro-Objektive zu kaufen und ich daher nur mit Aufsatzlinsen herumwurschtle.)

1
Something is wrong. Response takes too long or there is JS error. Press Ctrl+Shift+J or Cmd+Shift+J on a Mac.

* In Sachen Social Media stelle ich mich an wie der erste Mensch.

11 Kommentare

Seit einiger Zeit hadere ich mit mir. Dinge, an denen ich früher viel Freude hatte, machen mir heute weniger bis keinen Spaß. Seit Monaten hinterfrage ich für mich die Sinnhaftigkeit dieser Seite hier beispielsweise, ich habe keine wirkliche Lust mehr, mir Gedanken über Texte zu machen, über deren Aufbau, darüber, ob sie lustig sind oder nicht. Vielleicht ist es eine (längere) Phase, vielleicht ist das Ding auch einfach durch.

Was mir dafür seit einiger Zeit Spaß macht, wozu ich allerdings viel zu selten komme (und woran ich selbst schuld bin), ist das Fotografieren. Vor etwas über einem Jahr habe ich mir eine Kamera gekauft, mich ein wenig in die Materie eingelesen, weil ich der Meinung bin, dass es immer gut ist, die Regeln zu kennen, wenn man sie brechen möchte, und weil es eben doch sehr gut zu wissen ist, weshalb ein Foto schlecht geworden ist, obwohl das Motiv doch so viel hergab und die Kamera so billig gar nicht war.

Ich bin nie über den Anfängerstatus hinausgekommen, mir fehlt auch das Talent, gute Motive ganz natürlich zu erkennen. Ich weiß, es gibt Menschen, die haben dafür ein gewisses Gefühl, die können das, ohne sich dieses geschulte Auge erst aneignen zu müssen. Mir geht das nicht so. Ich muss mir jedes Bild, jeden kleinen Fortschritt erarbeiten.

Aber genau daraus ziehe ich merkwürdigerweise meine Freude. Vor langer Zeit habe ich mir das Gitarrespielen beigebracht, und auch hier bin ich nie über den Anfängerstatus hinausgekommen. Allerdings macht's mir auch keinen wirklichen Spaß zu üben, meine Finger zu trainieren, weil ich einfach weiß, dass mir das Talent fehlt, dass das, was ich spiele, immer mittelmäßig klingen wird, weil meine Wurstfinger gerne danebengreifen. Mit den Bildern mag es auch so sein: Vielleicht werden die niemals besser, wahrscheinlich werden meine Fotos immer schlechter sein als die derjenigen, die einfach ein Auge fürs Motiv haben, aber trotzdem macht mir die Sache viel Spaß.

Ich glaube, das liegt in erster Linie an der Entschleunigung. Ich packe die Kamera in den Rucksack, dann geht's ab in die Natur und auf Motivsuche. Allein diese Suche ist so wahnsinnig beruhigend, und es ist wirklich unendlich befriedigend, etwas Schönes zu entdecken, die Kamera draufzuhalten und bei der Nachkontrolle festzustellen, dass man das, was man fotografieren wollte, wenigstens einigermaßen gut abgelichtet hat. Ich kann während des Fotografierens den Alltag vergessen, die permanente Lautstärke der Großstadt, den Erwartungsdruck des Berufslebens. Allein diese Pirsch macht mir wahnsinnig viel Spaß. Seien es Vögel, Insekten, irgendwelche Pflanzen, Bäume, irgendwas Spannendes gibt es immer zu entdecken. Vermutlich irgendein Kindheitserinnerungsdingsbums. Kleinigkeiten, auf die man im normalen Alltag nie achten würde, werden besonders, und genau das macht die Faszination aus. Und klar, nach einer Weile gehen auch dem blutigsten Anfänger die Fotos etwas leichter von der Hand, was auch ganz schön.

Ich mag auch die Natürlichkeit der Motive. Nie käme ich auf die Idee, Menschen zu fotografieren (abgesehen von meiner Freundin). Ich mag es, dass die Natur tut, was sie mag. Wenn sie geduldig ist, kann ich ein Foto machen, wenn nicht, habe ich eben Pech und warte in Ruhe auf die nächste Gelegenheit. Im Endeffekt bekommt man immer eine Situation, einen Moment, festgehalten in einem Bild. Bei Menschen sieht das anders aus: Sie halten still, begeben sich in Pose, sind daher immer ein Stück weit künstlich. Und ehrlich gesagt, ist gerade das Fotografieren für mich auch eine Art Flucht vor dem Alltag und damit auch vor den Menschen. Deswegen allein reizt mich persönlich Portraitfotografie auch überhaupt nicht. Aber das muss jeder für sich herausfinden.

Was jedenfalls das Fotografieren angeht, habe ich über die Zeit einige einfache Erkenntnisse gesammelt, die ich gerne weitergeben möchte (falls sich auch wer dafür interessiert):

  1. Kauft euch eine gute Kamera. Nicht die beste, um Gottes Willen, aber durchaus eine gute. Die gibt es schon für ca. 300 bis 400 Euro mit brauchbarem Einsteigerobjektiv. Damit kann man schon viel anfangen, die Ergebnisse sind um Lichtjahre besser als jede hochgelobte Smartphone-Kamera, und ihr werdet auf jeden Fall mehr Spaß haben als mit einer 60-Euro-Billigknipse aus dem Elektronikmarkt. Ich habe beispielsweise eine Nikon 3200 und bin damit größtenteils zufrieden. Inzwischen hätte ich gern ein paar zusätzliche Funktionen, die meine Kamera nicht hat, aber auch das gehört zum Lernprozess.
  2. Kauft nicht jeden Quatsch dazu, nur weil's euch jemand empfiehlt. Wer mit einer Kamera und einem guten Allround-Objektiv anfängt, kann damit alles tun, seine Grenzen austesten und, sind diese erreicht, immer noch entscheiden, ob es denn ein weiteres Objektiv sein soll, ein Stativ, diverse Filter, etc.
  3. Lest ein Buch! Echt, es hilft zu wissen, was Blende, Verschlusszeiten und ISO-Werte sind, wie die drei zusammenhängen und wie man damit seine Bilder beeinflussen kann, was bspw. Schärfebereiche, korrekte Belichtung und Bildrauschen angeht.
  4. Nutzt ruhig die automatischen Modi der Kamera. Am Anfang wollte ich alles manuell machen und einstellen, weil ich dachte, das gehört zum richtigen Fotografieren dazu. Aber nach einer Weile merkte ich doch, dass die Kamera es oft besser weiß und dass eben ein Autofokus verdammt viel schneller und genauer ist, als wenn ich manuell am Fokusring des Objektivs drehe.
  5. Macht euch bloß keinen Stress. Ich dachte anfangs, ich muss sofort wahnsinnig tolle Bilder von großartigen Motiven machen. Das ist aber Blödsinn. Im Zweifel halte ich die Kamera einfach drauf und schaue hinterher am Computer, ob sich das Bild verwerten lässt. Lieber ein Bild zu viel als eins zu wenig machen, lautet die Devise. Ein Reiz des Fotografierens besteht für mich auch darin, hinterher kleine Details in Bildern zu entdecken, die man während der Aufnahme gar nicht gesehen hat und die ein ansonsten langweiliges Foto vielleicht doch interessant machen.
  6. Nachbearbeitung! Auch so ein Ding, von dem ich anfangs dachte, ich dürfte es nicht brauchen, weil es eine Art Schummelei sei. Bilder aus der Kamera sind im Rohdatenformat oft etwas blass, manchmal auch zu dunkel, etc. Mindestens Tonwertkorrekturen (Buch lesen!) sollte man ruhig vornehmen und auch an den Farbreglern spielen kann ein erhabenes Erlebnis sein, wenn man damit erst mal ein blasses Bild in ein farbenfrohes verwandelt hat.
  7. Geht raus in die Natur! Wie gesagt, ich müsste es selbst öfter tun, aber ach ... Man muss nicht unbedingt große Reisen unternehmen. Auch (oder gerade) in Berlin bspw. gibt es viele schöne Ecken, wo man ganz in Ruhe fotografieren kann. Alte Friedhöfe sind immer dankbare Motivsammelsurien, aber auch die vielen Parks, die es hier gibt. Wer mal ein hüpfendes Eichhörnchen scharf abgelichtet hat, weiß, wie toll sich das anfühlt.
  8. Last but not least: Die beste Kamera ist immer die, die man dabei hat. Der große Nachteil einer Spiegelreflex ist ihre Größe und damit ihr Gewicht. Meine Freundin hat eine Sony RX100, die sehr kompakt und leicht ist, die aber meist mindestens genauso gute Bilder macht wie meine große Nikon, im Makrobereich (Buch lesen!) sogar deutlich bessere (da ich kein Makroobjektiv besitze – siehe zweitens). Zum Üben im Alltag tut's sicher auch mal eine gute Smartphone-Kamera. Ein Punkt jedenfalls, den ich mir auch mal zu Herzen nehmen müsste (aber siehe hierzu halt auch fünftens).

Vielleicht werfe ich demnächst mal ein paar mehr Ergebnisse hier auf die Seite. Ich hatte ursprünglich überlegt, ein Fotoblog zu starten, hab dann aber erst mal wieder davon abgelassen (noch mal: siehe fünftens). Bis dahin hier ein paar Bildchen, an denen ich wirklich Spaß hatte und noch immer habe:

Eichhörnchen in #Berlin #photography #nikon #d3200 #dslr #nature

A post shared by Thomas Meyer (@herrphanthomas) on

#Berlin #Tiergarten #Nikon #DSLR

A post shared by Thomas Meyer (@herrphanthomas) on

... und seine Beute? 😉 #berlin #kleistpark #schöneberg #fotografie #photography #natur #nature #nikon #d3200 #tamron

A post shared by Thomas Meyer (@herrphanthomas) on

Trolle im Grunewald #Nikon #D3200 #DSLR #Berlin

A post shared by Thomas Meyer (@herrphanthomas) on

5 Kommentare

Ich habe mir mal vorgenommen, mich weniger aufzuregen. Wenn man darüber nachdenkt, wie gut es einem eigentlich im Gegensatz zu so vielen anderen Menschen auf der Welt geht, dann geht es doch ganz schön gegen das eigene Gewissen, sich ständig an Kleinigkeiten hochzuziehen. So viel zur Theorie. Praktisch ist es leider so, dass ich mich ganz hervorragend aufregen kann. Ich würde soweit gehen zu behaupten, dass ich der perfekte Oppositionspolitiker wäre: Kritik kann ich – blumig gesprochen – einigermaßen schmissig formulieren, mit konstruktiven Verbesserungsvorschlägen dagegen sieht's mau aus. Ist mir aber wurscht. Da ich aber erstens kein Politiker bin, dies hier zweitens mein eigenes Blog ist und sich drittens gerade mein E-Reader nicht einschalten lassen möchte, rege ich mich jetzt nämlich über selbigen auf – in der Hoffnung, dass einer der Macher hier zufällig mal drüber liest. Und falls nicht: Mir doch egal!

Einen wohlmeinenden Test zum »tolino shine« habe ich bereits geschrieben. Wer nicht weiß, was das ist und meinen hervorragenden Test nicht lesen möchte: »Tolino« nennt sich die in Deutschland so ziemlich einzig relevante Konkurrenzgerätefamilie zum Amazon Kindle. Das Modell »shine« war bzw. ist das erste dieser Familie  und wird auch immer noch als Einsteigergerät verkauft. Grundsätzlich gilt auch alles noch, was ich dazu mal fabuliert habe: Robustes Gerät, über das auch mal ein Panzer rollen kann, ohne dass es Schaden nimmt, angenehm knackiges Schriftbild (wenn auch etwas blass), prima augenfreundliche Bildschirmbeleuchtung, falls man mal im Dunkeln unter der Bettdecke lesen möchte, bzw. der DB-Fernzug gerade mal wieder etwas länger – sänk ju for träwelling ... – im Tunnel feststeckt.

So, jetzt aber! AAABER! Diese Software! Software ist – wenn man in der Branche arbeitet, weiß man das – nicht gerade des Deutschen bestes Pferd im Stall. Eher ein lahmer Brauereigaul, der aus dem letzten Loch pfeift. Als ich den »tolino shine« damals gekauft habe, war er einigermaßen flott. Die Software konnte nicht viel, aber mir war das egal. Ich wollte Bücher drauf laden und sie lesen, Punkt! Hat sich bis heute nicht geändert. Das ging prima, doch inzwischen wurden einige »Features« nachgeliefert, die keine Sau braucht. Grundsätzlich sind Softwareupdates ja was Schönes: Dem Hersteller liegt was am Gerät und am Kunden, sehr löblich also. Wenn aber diese Software wie beim »tolino shine« dafür sorgt, dass das Gerät so träge wird wie ich am Sonntagmorgen vorm ersten Kaffee, dann ist das schon ein bisschen frech. Es kommt nicht selten vor, dass sich der Reader nicht mal mehr einschalten lässt. Da hilft nur, einen Zahnstocher im Haus zu haben. Den braucht man nämlich, um an den kleinen Resetknopf neben dem USB-Anschluss zu kommen. Sehr schön sind auch plötzliche Neustarts während ich das Gerät verwende, die dann gerne mal fünf Minuten lang dauern. Was macht das Ding in der Zeit? Primzahlen berechnen? Sehr angenehm, wenn man morgens im Bus zehn Minuten Zeit zu Lesen hat. Als würde ich nicht schon oft genug auf Ladebildschirme schauen, muss ich das nun auch noch während des Lesens? Bah!

Dann diese elende Anmelderei! Ey Leute! Es gibt Menschen, die sind weniger technikaffin als ich. Ältere Menschen beispielsweise, die damit aufgewachsen sind, dass ein Farbfernsehgerät mit vier Sendern mal der neuste Schrei der Technik war. Die sitzen jetzt vor dem »tolino« und wollen die digitale Variante irgendeines staubigen Reklam-Heftes lesen, müssen sich aber alle Nase lang mit ihrem Account anmelden. Du möchtest ein Buch kaufen? Meld dich an! Du hast ein Buch am PC gekauft und möchtest es per Synchronisation auf den Reader laden? Meld dich endlich an! Du möchtest auf dem Reader im Shop stöbern? Meld dich an, verdammt noch mal! Alter! Wenn ich das einmal machen muss, ist es ja okay, aber beim »tolino« muss ich das dauernd tun. Für Leute, deren Passwort 123456 lautet, mag das in Ordnung sein, wer aber so paranoid ist wie ich und seine eigenen Passwörter gar nicht kennen möchte, sondern sie in einer cleveren Passwortverwaltung hält, der guckt abends im Bett in die Röhre, wenn er zum E-Reader greift.

Besonders schön ist auch, wenn das Anmelden auf dem Gerät nicht funktioniert (wie gerade jetzt nach dem Reset!!!11!), weil die Seite nach dem erfolgreichen Login nicht angezeigt werden kann. Die Seite nach dem Login? Genau, wenn man es sich nämlich leicht machen möchte – wie im Fall des »tolino« –, dann benutzt man einfach die eh schon vorhandene Internetseite, um die Anmeldung auf dem Gerät umzusetzen. Tolle Wurst! Nun will ich ein Buch draufladen, das ich gerade gekauft habe und kann es nicht tun. Und das 2016! Da könnte ich strahlkotzen! Immerhin: Klappt's dann mit dem Anmelden doch, dann funktioniert die Synchronisation problemlos. Neu erworbene Bücher sind ratzfatz auf dem Gerät.

Aber dann, und hier muss ich ausholen: So wie Mose, wenn man an derlei Kram glaubt, irgendwann von seinem Berg heruntergekraxelt kam, um den Menschen die zehn Gebote zu bringen, muss auch Satan zwischenzeitlich mal aus seiner kuschligen Hölle gekommen sein, um dem Menschen Adobe DRM zu bringen. Adobe DRM ist der mistige Kopierschutz, mit dem E-Books ganz gern mal versehen werden. Eine Gängelung sondergleichen! Möchte gerne mal Mäuschen spielen, wenn ein/eine BuchhändlerIn dem Altersrente beziehenden Kunden erklärt, wofür er jetzt zum Lesen eine Adobe-ID benötigt. Ohne die kann man kopiergeschützte Bücher nämlich nicht lesen. Und es kommt teilweise noch schlimmer: Eine von mir gekaufte Ausgabe des Buches »Sternenkrieger« von Robert Heinlein war derart DRM-verseucht, dass ich alle paar Male, wenn ich weiterlesen wollte, vorher meine Adobe-ID eingeben musste – inklusive Passwort. Dass meine Passwörter nicht 123456 lauten, habe ich bereits erwähnt, nech? Vielleicht können die Macher der tolino-Software auch gar nicht so viel dafür, keine Ahnung, aber trotzdem: Wenn ich ein Buch kaufe, möchte ich dafür nicht bestraft werden, indem mir Adobe mit seiner bescheuerten ID auf den Sack geht. DAS! GEHT! GAR NICHT! Mit schwarzkopierten Büchern hätte ich dieses Problem nämlich nicht. Und außerdem: Amazon, der unsympathische Internetriese aus Übersee kriegt's doch auch hin.

Also bitte bitte, liebe tolino-Hersteller: Kriegt mal die Performance eurer Software in den Griff und macht, dass ich nicht mehr 'nen Zettel mit Passwörtern neben dem Bett liegen haben muss, wenn ich abends vorm Schlafen noch mal lesen möchte. Zwohundert Puls wegen eines Login-Bildschirms tragen nämlich nicht gerade zu meiner Nachtruhe bei. Ansonsten hab ich nichts zu beanstanden, danke!

6 Kommentare

Secret of Mana
»Secret of Mana«

In grauer Vorzeit, also irgendwann Mitte der 90er Jahre, fuhr ich gern mit meinen Eltern in große Einkaufszentren. Lust auf Klamottenläden hatte ich natürlich keine, viel mehr spurtete ich sofort in den nächsten Elektronikmarkt, um dort den Tag an den Spielekonsolen zu verbringen, die sie dort hatten und die ich armer Tropf eben nicht besaß. Es war die Zeit des Super Nintendo. »Donkey Kong«, »Mario Kart«, »Super Mario World«, das waren die Spiele, die dort meist liefen. Ich war ein Sega-Kind, besaß selbst drum keine Nintendo-Konsole, und spielte daher alles ganz gern mal. Besonders faszinierte mich aber, wenn auf einer der Konsolen »Secret of Mana« lief. Das war ein Action-Rollenspiel, dessen Mechanik ich nicht ganz verstand, weshalb ich auch nie besonders weit kam, das sich aber in einer Hinsicht von den anderen genannten Spielen unterschied: Man konnte nicht nur nach links und rechts laufen, sondern sich frei in einer isometrisch dargestellten Welt bewegen, Häuser betreten, Bewohner treffen.

Das war neu für mich. Eine ganze Welt stand mir da offen! In meiner kindlichen Unwissenheit konnte ich mir auch nicht vorstellen, dass die Entwickler die Welt irgendwie begrenzt haben könnten. Bei allen anderen Spielen, die ich kannte, war das einfach: Scrollte der Bildschirm nicht weiter, ging es eben auch nicht weiter. Aber bei »Secret of Mana« schien mir das anders zu sein. Ich konnte ja gehen, wohin ich wollte. Wie sollte es da also Grenzen geben? Gern hätte ich die Welt vollständig erkundet, entdeckt, was hinter dem Offensichtlichen auf mich wartete, aber meist waren meine Eltern dann eben doch schneller mit dem Shopping fertig, und so musste ich eben wieder mit zurück.

Der nächste Wow-Moment kam, als ich zum ersten Mal den Werbespot zu »Super Mario 64« im Fernsehen zu sehen bekam. Hier konnte man sich als Mario nicht nur frei durch die Welt bewegen, nein, plötzlich war auch noch alles dreidimensional. Die räumliche Tiefe faszinierte mich. In diesem Spiel konnte es doch erst recht keine Grenzen geben. Wie sollte man in einem solchen Spiel an den Rand einer Welt kommen, wenn der Bildschirm doch gar nicht mitscrollte, sondern wie eine Kamera hinter der Spielfigur blieb? Leider kauften mir meine Eltern kein Nintendo 64, sodass ich diese Frage für mich nicht klären konnte.

Witzigerweise war es auch gar nicht die bonbonbunte Mariowelt, die mich gedanklich so faszinierte, sondern die Vorstellung davon, wie wohl die Welt hinter dieser Welt aussehen würde. Wenn es keine Grenzen mehr gab, konnte man doch überallhin gehen, oder? War es, wenn ich nur weit genug lief, vielleicht möglich, die Welt zu erkunden, in der ich lebte? Eine Eins-zu-eins-Entsprechung der realen Welt quasi? Wo würde ich hingehen? Würde ich unser Haus suchen? Bei den Freunden vorbeischauen? Mit Mario durch meine Schule rennen und Lehrern auf den Kopf hüpfen?

Dass die Entwickler nur so viel von der Welt erstellt hatten, wie für das Spiel nötig war, konnte ich mir nicht vorstellen, bzw. kam ich einfach nicht auf die simple Lösung: Wenn ein Leveldesigner nicht möchte, dass ich unendliche Weiten vor mir habe, dann setzt er mir eben einen Abgrund vor die Nase. Oder eine Wand. It's that simple! Vielleicht wollte ich mich aber auch einfach nur in ein Spiel hineinträumen, das grenzenlos war.

Heute sind wir der Sache schon ein gutes Stück näher gekommen. Wenn ich »Fallout 4«, »GTA 5« oder aktuell »The Witcher 3« spiele, dann kann ich stundenlang durch die offenen Welten der Spiele streifen, ohne an irgendwelche Ränder zu gelangen. Ich kann auf Entdeckungsreise gehen, finde Schätze und kleine liebevolle Details, die von den Entwicklern für mich in den hintersten Winkeln der Welt versteckt wurden. Ich rede mit den Bewohnern, mische mich in ihr Leben ein, kann nahezu jedes Gebäude betreten und mit allem interagieren, was mir vor die Nase kommt.

Doch dann, wenn mich gerade die Begeisterung gepackt hat und ich immer weiter und weiter gehe, wird die Welt plötzlich ungemütlich. Scharfe Winde zwingen mich in »Dragon Age: Inquisition« zum Umkehren, reite ich mit dem Hexer Geralt in »The Witcher 3« zu weit hinaus, warnt mich das Spiel: »Hier sind Drachen, kehr um!« Dann möchte ich seufzen und denke wieder zurück an meine Kindheit, daran, wie ich in »Super Mario 64« auf die Suche nach unserem Haus gehen würde. Wie sie wohl sein würde, die Welt hinter der Welt?

2 Kommentare

Vor einiger Zeit habe ich mir eine Polar M400 gekauft, also so 'ne Schnickschnackuhr, die aussieht wie eine dieser uralten Casio-Armbanduhren auf Steroiden. Da ich mal mehr und mal weniger häufig laufen gehe und eben hin und wieder auch ganz gerne sehe, ob ich mich verbessert habe oder so langsam bin, dass ich rückwärts durch die Zeit diffundiere, empfand ich's als eine ganz gute Idee, mir so ein Teil zu kaufen. Klar, nichts, was mein Smartphone nicht auch kann, aber dieses Riesending mittels Schnalle um den Arm zu wickeln fühlt sich eben immer an, als würde ein sadistischer Arzt eine ganze Stunde lang den Puls messen, während man auf einem Laufband vor sich hinkeuchen muss. So 'ne Uhr erschien mir da schon chicer. Die Apple Watch fiel übrigens von vornherein flach, weil die kein eingebautes GPS hat und damit auch nur eine Penisverlängerung für das iPhone ist.

Apropos Penisverlängerung: Polar hat seiner Uhr mit dem letzten Update auch ein paar ... Features spendiert, die denen der Apple Watch ähneln: Smartphone-Benachrichtigungen jeglicher Art werden jetzt auch auf der M400 angezeigt, und wie gestern bemerkte, kann ich scheinbar nun sogar Anrufe auf dem Ding entgegennehmen. Wie auch immer das funktionieren soll, wenn das Telefon währenddessen in meiner Hosentasche steckt, aber hey, that's none of my business. Das mit den Benachrichtigungen ist zugegebenermaßen ein bisschen praktisch, weil ich so sofort sehe, warum mein Telefon pingt oder vibriert, ohne es erst mühsam aus der Tasche kramen zu müssen, während ich im Bus eingepfercht zwischen schwitzenden Touristen stehe und mich kaum bewegen kann. Ist aber eben nur ein bisschen praktisch, weil man bspw. Nachrichten auf der Uhr nicht scrollen kann, d.h., ich sehe auf dem Winzdisplay mit seiner Auflösung von gefühlt vier mal vier Pixeln den Absender und vielleicht die ersten zwanzig Zeichen einer Nachricht. Den Rest muss ich dann erraten oder eben doch auf dem Telefon nachlesen. Antworten oder so geht schon mal gar nicht. Dolles Ding. Kommt hinzu, dass die Uhr nun ständig die Verbindung zur App auf dem Smartphone verliert, bzw. die App mich dauernd ausloggt. Alle paar Tage muss ich mich nun neu einloggen, die Daten der Uhr mit der App synchronisieren, etc. Von der Sync-Software auf meinem Mac ganz zu schweigen, die bei gefühlt jedem zweiten Synchronisationsvorgang sang- und klanglos abstürzt. Hat den Kram eigentlich irgendwer getestet?!

Hätte man der M400 statt dieser unausgereiften und nicht zu Ende gedachten Funktionen nicht lieber was Gescheites hinzufügen können? Wo sind bspw. individualisierbare Trainingspläne? Eine Funktion, die mich dran erinnert, wie lange ich heute laufen muss? Smartphone-Apps können das schon lange. Warum baut man der Software nicht ein, dass die Uhr mich darauf hinweist, wenn ich zu schnell oder zu langsam laufe? Es gibt Pulsmessgurte, die können das. Wenn ich schon einen Trainingsbegleiter kaufe, weshalb begleitet er mich nicht, sondern tut so, als wäre er eine Apple Watch für alle, die gern eine hätten, sich aber keine leisten können? Solche Funktionen treiben die Leute am Ende doch nur zum Original.

Ich kann mir gut vorstellen, wie das im Management bei Polar abgelaufen sein wird. Der Chef kam mit seiner nagelneuen Apple Watch Edition rein (Ja, Edition ist die goldene mit dem Mondpreis!), schlug mit der Faust auf den Tisch und sagte: »Das, was meine neue Uhr hier kann, müssen unsere auch können. Baut das ein!«

Bemitleidenswerter Ingenieur mit Ahnung darauf: »Aber dafür ist unser Produkt doch gar nicht gemacht.«

Chef: »Papperlapapp! Baut das ein!«

Bemitleidenswerter Ingenieur mit Ahnung und zweihundert Puls: »Aber DAS GEHT NICHT!«

Chef: »Sie sind RAUS!«

Oder eben so:

Meeting bei Polar

6 Kommentare

Ich persönlich halte Armbanduhren ja für einen Anachronismus, den niemand mehr wirklich benötigt. Die meisten Leute zücken eh zu jeder sich bietenden Gelegenheit ihr Smartphone, und das zeigt eigentlich immer irgendwo eine Uhr an. Meine Theorie ist ja ohnehin, dass Frauen Uhren nur tragen, weil sie ihr Telefon in der Handtasche vergraben haben und es zu lange dauern würde, das Ding zu finden, während Männer meist nur dann eine Uhr am Handgelenk haben, wenn diese den Gegenwert einer Raumstation hat. Man will schließlich zeigen, was man hat, nech?

Nun ja, ich trage deswegen eben keine Uhr, hab jetzt aber quasi trotzdem eine. Allerdings eher aus sportlichen Gründen, denn eigentlich handelt es sich um einen Activity Tracker. Das Ding namens M400 ist von der Firma Polar und misst bspw. die Anzahl meiner Schritte, schaut, wie weit ich abends beim Joggen gekommen bin, zeichnet die Strecke auf, nimmt dabei den Puls ab, etc. pp. Das Interface der Uhr ist dabei relativ intuitiv geraten, die zugehörige App »Polar Flow« ist dagegen ein wirres Sammelsurium von Messdaten und Fitnessinformationen. Gleiches gilt für das Webportal. Dauert vermutlich noch ein Weilchen, bis ich da durchblicke. Für App und Portal braucht man übrigens einen eigenen Account bei Polar. Ein Facebook-Connect oder ähnliches wäre wünschenswert gewesen, aber was soll's, das Leben ist eben kein Ponyschlecken. Etwas kurios: Beim ersten Einrichten der Uhr wollte ich die Sprache umstellen. Standard ist nämlich Englisch. Das Ding verklickerte mir dann, ich müsse es erst per Kabel an meinen Rechner anschließen und könne es erst nach Synchronisierung mittels downloadbarer Software inklusive Accounterstellung auf Deutsch umstellen. Na schönen Dank auch! Ebenfalls blöd: Die Synchronisierungssoftware, die es immerhin auch für Apple-Computer gibt, gönnt sich Admin-Rechte. Ob das technisch notwendig ist, kann ich nicht sagen, interessieren würde es mich aber schon, zumal ich's als IT-affiner Mensch mit Edward-Snowden-Sicherheitswahn echt blöd finde.

Ist alles eingerichtet, geht die Synchronisierung der Uhr mit Smartphone und Computer relativ leicht von der Hand. Per Bluetooth lässt die M400 sich direkt mit der Smartphone-App synchronisieren, während man am PC oder Mac, soweit ich bisher weiß, das mitgelieferte USB-Kabel verwenden muss. Muss man aber eigentlich nur einmal ganz am Anfang tun, weil hinterher Bluetooth einfach bequemer ist. Das Kabel braucht man übrigens natürlich auch zum Laden der Uhr, was man, wenn nicht gerade der GPS-Tracker für die Laufstrecke läuft, erfreulich selten tun muss. Ich habe meine Uhr vorgestern Abend zum letzten Mal geladen, trug sie gestern den ganzen Tag über und ließ beim Sport auch das Aufnahmeprogramm inklusive Pulsmessung laufen (für die man ein Pulsmessband benötigt, das man sich wie einen BH umschnallen muss und das bei der HR-Variante der Uhr mitgeliefert wird). Die Akkuladeanzeige zeigt immer noch 100 Prozent an. Dieses Bluetooth, mit dem ich bisher nie was anfangen konnte, ist in Sachen Energieverbrauch echt brachial gut! Der USB-Anschluss der Uhr ist auf der Unterseite versteckt und mittels Gummi abgedichtet. Ob das jetzt wasserdicht ist, kann ich nicht sagen. Werde ich auch nicht testen. Für Regenläufe sollte es allemal langen.

Ah ja, eine Sache, die mich wirklich letztens vorm Laufen nervte: Bis die Uhr mal ein GPS-Signal gefunden hat, bin ich dreimal um den Block gerannt. Man muss dafür natürlich auch stehen bleiben, sodass man sich vorkommt wie ein verlorener Funkmast im Wind. Das scheint mir in aktuellen Smartphones doch irgendwie schon etwas besser gelöst. Beim Laufen ging das Signal diverse Male auch verloren, wurde aber immer sofort wiedergefunden, und auch in der späteren Laufauswertung wurden die GPS-Verluste vollständig kompensiert. Soweit immerhin kein Problem.

Zum alltäglichen Tragen finde ich die Uhr leider nur so mittelgut geeignet. Zwar ist sie angenehm leicht, dafür aber ist der Verschluss des Armbands etwas wuchtig geraten. Wer ständig Armbanduhren trägt, den mag das nicht stören, mich nervt es aber bspw. schon jetzt beim Tippen dieses Textes. Ansonsten ist das Gerät an sich relativ schlank geraten. Designtechnisch gewinnt die Uhr allerdings keinen Schönheitspreis, da sie zumindest mich an diese hässliche uralte Digitaluhr von Casio erinnert (Ja genau, DIIIEEE Uhr!). Dafür ist das Interface, wie bereits erwähnt, angenehm funktional und intuitiv. So was hab ich auch schon schlimmer gesehen.

Wer die Uhr trotz nervigem Armband den ganzen Tag über trägt, hat den angenehmen Benefit, dass er am Ende des Tages weiß, wie viel er sich bewegt hat und ob die empfohlene Tagesdosis an Bewegung erreicht wurde. Diese wird in Prozent angegeben und kann an Tagen mit intensiver sportlicher Betätigung die 100 Prozent auch locker überschreiten. Sehr witzig indes: Wer sich mit dem Ding mal ein Stündchen auf die Couch haut, um, so wie ich bspw., ein Ründchen auf der Konsole zu zocken, der bekommt nach einer Stunde Bewegungslosigkeit eine von leisem Piepsen untermalte Warnmeldung angezeigt: »Zeit für Bewegung!« Uh! Schlechtes Gewissen kann sie also auch. Zusätzlich gibt's einen Tadel ins Online-Bewegungstagebuch. Meine Freundin meinte dazu (hoffentlich) scherzhaft: »Ich hätte das Ding schon weggeschmissen.«

Fazit: Ich bin, abgesehen von einigen kleinen Mankos, rundum zufrieden mit dem Teil und kann für Fitnessnerds oder wohl eher solche, die's werden wollen, eine Kaufempfehlung aussprechen, zumal die Uhr samt Pulsmessband (Hat das Ding eigentlich auch einen richtigen Namen?) für unter 200 Euro zu haben ist und damit deutlich unter dem Preis des Topmodells V800 liegt. Ich kann mir aber insgesamt auch recht gut vorstellen, wie Apple, na ja, vielleicht nicht unbedingt mit der ersten Generation aber dann in ein, zwei Jahren, mit seiner eigenen Uhr diesen Markt aufrollt. Insgesamt werde ich das Gefühl nämlich nicht los, dass mit dieser Technik schon im Sportsegment deutlich mehr drin wäre. Was genau? Tja, wenn ich das wüsste, wäre ich längst reich und berühmt.

2 Kommentare

Was war das Leben schön, so ganz ohne Telefon im Haus. Die ersten acht Jahre meiner Menschwerdung kam ich wunderbar ohne zurecht. Damals machte man noch keine Termine aus, man traf sich. Klappte hervorragend, und dran gestorben ist auch keiner. Unser erstes Telefon, ein bordeauxroter Klotz aus dem Hause Siemens, damals natürlich noch ganz mittelalterlich mit Schnur, kam ca. 1992 ins Haus, als die Telefonleitungen in der Post-DDR-Provinz gerade mal frisch verbuddelt waren. Die Eltern fast all meiner Freunde hatten das gleiche Telefon gekauft, nur in anderen grandiosen Farben: kotzgrün und irgendwas Pflaumenartiges. Vielleicht war’s der Zeitgeist, vielleicht war das Ding aber auch einfach nur unschlagbar billig. Ein Telefonat im Ort kostete übrigens seinerzeit laut bedrohlich hochratternder Digitalanzeige zwölf Pfennig pro, äh, Minute, Gesprächseinheit oder was auch immer. Das war auf Dauer zwar kein Pappenstiel, aber zumindest wir Preußen bekamen in einer Minute Gesprächszeit eine ganze Menge Inhalt unter.

Knirps, der ich war, hatte das Telefon für mich damals genau zwei Funktionen. Erstens: Freunde anrufen. Das lief in etwa so ab: »Kommste raus?« - »Joa, wann denn?« - »Jetzt? Treffen am Fußballplatz?« - »Joa, bis gleich.« - »Ciao.« - »Joa.« Zehn Sekunden höchstens, schon war man durch - preußische Gesprächseffizienz in Perfektion! Zweite Funktion: Wenn die eigenen Eltern nicht daheim waren, heimlich bei der Angebeteten anrufen, warten, bis sie ranging, dann schnell auflegen und die mit Raufaser tapezierte Wand anseufzen. Ihre Nummer hatte ich natürlich längst unter Herzklopfen aus dem dicken Telefonbuch gesucht, und während des Freizeichens betete ich innerlich, sie selbst möge abheben und nicht ihre Eltern, von denen ich ja doch immer irgendwie befürchtete, sie würden durch die Stille hinweg sofort erraten, wer gerade anrief und sich offenbar einen Scherz erlaubte. Fakt ist, ich wurde nie erwischt, aber Fakt ist auch, dass ich während dieser Zeit niemals eine Freundin fand. Komisch.

Irgendwann in den ganz späten Neunzigern entdeckte ich das Telefon neu. Ein »Telefon to go« quasi, ein Handy, wie ich erfuhr. Ganz ohne Schnur und für die Hosentasche. Als Potenzvernichter der Neuzeit das funkende Gegenstück zur Viagra-Pille. Das erste Mobiltelefon, das ich in meinen Griffeln hielt, war das Nokia 3210 eines Freundes - ein für damalige Verhältnisse todchices Gerät in der Form eines Flaschenöffners, und genau dafür ließ es sich auch verwenden: zum Öffnen von Bierflaschen. In arabischen Ländern, so sagte man, würden Menschen mit Nokia-Telefonen gesteinigt, weil es schlicht nichts Härteres gab. Es war eine Zeit, als Lehrer dachten, mit dem Ende der Tamagotchis wäre die Schwemme des digitalen Irrsinns überstanden. Mitnichten, denn plötzlich machte es im Unterricht ständig: »Piep piep - piep piep«. Haufenweise Schüler hatten die Hände nur noch unterm Tisch, hielten die Köpfe gesenkt, und wer genau lauschte, konnte ein Geräusch wie das Tippeln von tausend Spinnenbeinen vernehmen. Aus den Lehrerschubladen musste es von all den einkassierten Handys bald mehr gestrahlt haben als aus dem Betonsarg in Tschernobyl.

Handys hatten seinerzeit ebenfalls zwei Funktionen. Die erste hieß »Snake« und war ein ziemlich banales Spielchen, bei dem man eine eckige Schlange über den eckigen Bildschirm steuerte, um kleine eckige Punkte einzusammeln. So aufregend wie das Behandeln von Fußpilz, und trotzdem war’s der Renner, für den man alles stehen und liegen ließ. Funktion Nummer zwei war die SMS. Hatte man in der Prä-Handy-Ära noch jede Menge Inhalt in zwölf Pfennig Telefonzeit unterbringen können, waren es jetzt nur noch 160 Zeichen in einer Kurznachricht für knapp 40 Pfennig - auch wenn abgewichste Profis Optimierung betrieben, indem sie die Leerzeichen wegließen, wasDannSoAussah. Wahnsinnig ineffizient jedenfalls und genauso bekloppt, trotzdem wurde plötzlich nur noch gesimst, statt telefoniert. Das hatte zwei Gründe. Erstens: Zwar konnte man einer Legende zufolge mit dem Handy auch telefonieren, aber die Gesprächsgebühren waren so hoch, dass es günstiger gewesen wäre, die zu übermittelnde Nachricht mit Tinte aus Einhornblut auf ein Blatt Papier mit Prägung zu kritzeln, dieses um einen Goldbarren zu wickeln und den dann mittels adliger Brieftaube zum Empfänger zu schicken. Außerdem waren die Funknetze derart mies, dass mit dem Wort Funkloch im Prinzip das ganze Land gemeint war. Empfang gab’s nur vereinzelt, wenn man das Handy lange genug hochhielt und dabei stillstand. Wie viele Menschen während dieser Pose vom Blitz getroffen wurden, ist nicht überliefert. Zweitens: Unter jüngeren Leuten grassierte offenbar eine Angst vor Eltern. Die Panik, bei einem Anruf über das Festnetz könnten die Erzieher rangehen, die man dann erst hätte fragen müssen, ob der Nachwuchs da sei und man diesen auch sprechen dürfe, war wohl so groß, dass niemand mehr telefonierte und nur noch Kurznachrichten durch die Welt geballert wurden. Diese Form der Kommunikation hatte zwar den Charme, dass man beim Kontaktieren der neuen Freundin nicht mehr befürchten musste, mit dem Vater konfrontiert zu werden, der einen über das Abreißen der Eier und das Hineinstopfen selbiger in die eigenen Augenhöhlen aufklärte, falls man seiner Tochter das Herz brach, es hatte aber auch den Nachteil, dass all jene, die kein Handy besaßen, eigentlich gar nichts mehr mitbekamen, weil niemand mehr auf dem Festnetz anrief. Genau so erging es mir.

Als im Jahr 2003 die sozialen Kontakte derart in den Keller gegangen waren, dass ich mich selbst wie der Außenseiter fühlte, der ich fast schon geworden war, rang ich mich dazu durch und kaufte auch ein Handy. Damals trug ich bei Wind und Wetter für einen Hungerlohn Zeitungen aus, sodass ich mir den kleinen Luxus leisten konnte, einen dieser blöden Nokia-Plastikbomber zu kaufen. Apropos Luxus: Seit Jahren wird geklagt, dass die Armen immer ärmer würden. Wer sich wundert, weshalb am Ende der Kohle immer noch so viel Monat übrig ist, der könnte beispielsweise mal bei Vodafone anrufen und nachfragen, woran das wohl liegen mag. Die haben sich vor nicht allzu langer Zeit für den schmalen Taler von elf Milliarden Euro Kabel Deutschland mit Schlagsahne und Schokostreuseln einverleibt. Das sind schon zwei, drei Durschnittseinkommen. Für mich diente das Handy seinerzeit nur der Erreichbarkeit. SMS-Nachrichten schrieb ich allenfalls mal nach zwei, drei Bier. Überhaupt ließ ich ziemlich viel von dem Irrsinn aus, den die Seuche namens Handy mit sich brachte, als da wären: Schalen! Seinerzeit ließ sich nicht nur der Geräteakku noch wechseln, sondern praktisch alles. Reihenweise Vietnamesen verkauften plötzlich keine geklauten Zigaretten mehr, sondern glitzernde Kunststoffschalen mit Hello-Kitty- oder pseudocoolem Blitzaufdruck fürs Mobiltelefon. Bloß nicht beim Standard bleiben, wenn man sich auf dem Schulhof nicht zum Löffel machen wollte. Ein weiteres Übel, inzwischen zum Glück nahezu in der Versenkung verschwunden, löst noch heute Kotzkrämpfe bei mir aus: Jamba! Was mit billigen Piepsklingeltönen und Furzgeräuschen für eingehende Nachrichten anfing, endete irgendwann bei Videos von singenden Elchen mit herumbaumelnden Eiern und Schlimmerem. Wer meint, die Erfinder dieser Abzockmaschinerie, auf die reihenweise Jugendliche der Generation Alkopop hereinfielen, würden verdienterweise in der Hölle Pfannen voller Angetrocknetem mit herkömmlichem Spülmittel schrubben, der irrt: Die Schlitzohren gründeten von der vielen Kohle hübsche neue Firmen, etwa den freundlichen Schuhlieferanten aus der Nachbarschaft, bei dem noch so richtig geknüppelt wird wie auf den Sklavengaleeren der alten Römer. Schrei vor Glück!

Das dritte Mal entdeckte ich das Telefon im Jahr 2007 neu. Die Firma Apple hatte es irgendwie geschafft, ein Mobiltelefon aus der Zukunft in die Gegenwart zu teleportieren. Seinerzeit gab es zwar bereits Smartphones, aber die waren so schwer zu bedienen, dass man mindestens Philosophie, höhere Mathematik und transzendentale Informatik studiert haben musste, um da durchzusteigen. Die Finnen schienen mit derlei Unbedienbarkeit besser klarzukommen, denn deren Wirtschaftsprimus sowie einstiger Reifen- und Gummistiefelfabrikant Nokia verpennte glatt den Trend zu leicht benutzbaren Mobiltelefonen. Heute existiert Nokia bekanntermaßen nur noch zum Selbstzweck und damit Finnland nicht lediglich für Exportholz, Finnen und die Band Lordi bekannt ist. Apple änderte mit seinem völlig neuen Konzept aber auch andere Dinge: Mobiltelefone, die bis zuletzt immer kleiner und kleiner werden mussten, bis die Tasten nur noch von Menschen mit angespitzten Fingern zu bedienen waren, konnten plötzlich nicht mehr groß genug sein. Heutige Mobiltelefone sind von Großbildfernsehern kaum mehr zu unterscheiden. Zudem erreichen die Preise für die digitalen Fußfesseln inzwischen ungeahnte Höhen. Dass Chantal aus Marzahn sich trotz Hartz-IV und Kippensucht jedes Jahr das neuste Bling-Bling-Gerät für satte 500 Kröten leisten kann, um alle zwei Tage ihre Duckface-Hackfresse mit möglichst viel Megapixeln fürs Facebook-Profil abknipsen zu können, zeigt immerhin, dass es um Deutschlands Wohlstand so schlecht nicht stehen kann. Ansonsten hat sich im Prinzip nicht viel geändert. Menschen, die früher morgens im Bus eine Flappe zogen, während sie aus dem Fenster starrten, tun heute dasselbe, nur sie während des Schweigens auf ihr Telefon-Display glotzen, sich die Nackenwirbel ruinieren und die Smiley-Palette via WhatsApp und Co. rauf und runter versenden. Das mag spätrömische Dekadenz sein, das oft beschworene Ende der Menschheit ist es gewiss nicht. Wenigstens nicht, bis ich demnächst das Telefon zum vierten Mal entdecken muss, weil jeder um mich herum mit seiner scheiß Armbanduhr spricht! Das sah nämlich schon in den 80ern bei David Hasselhoff in »Knight Rider« dämlich aus, und was aus dem geworden ist, wissen wir ja.

7 Kommentare

Wie jüngst angedroht folgt die Betrachtung einer vermeintlichen Zukunftsvision, die es geschafft hat, in die Gegenwart hineinzudiffundieren. Oder kurz: Wir haben einen Staubsaugerroboter gekauft. Oder müsste man Roboterstaubsauger sagen? Hier sollte dringend jemand eine Abgrenzung definieren. Am besten verschwenderisch aus Steuern finanziert. Aber zurück auf den Boden der schmutzigen Tatsachen.

Kein HAL9000 und jede Menge Auswahl

Nach einigem Gesuche im Neuland Internet fiel unser Augenmerk auf die Roomba-Serie der Firma iRobot. Die hat übrigens so gar nichts mit dem lediglich phonetisch gleichen Film "I, Robot" zu tun, und auch sonst hat der kleine Flusenvernichter bisher noch keine Mordanschläge auf Mensch oder Katze verübt, aber dazu gleich mehr.

Wer sich einen Roomba kaufen möchte, hat die Qual der Wahl. Wir haben uns für was Mittelpreisiges entschieden, weil der Sauger erstens versprach, zwei eingebaute (und austauschbare) Hepa-Filter mitzubringen (für Allergiker und solche, die's mal werden wollen, sehr wichtig), und zweitens zwei sogenannte Virtual Walls bzw. Lighthouses mitgeliefert werden, mit denen man die Routen des Staubsaugers anpassen kann. Na ja, können soll ... Aber auch dazu gleich noch ein bisschen mehr.

Kurz und knapp: Unsere Wahl fiel auf den Roomba 780, ein ehemaliges Topmodell, das preislich inzwischen tatsächlich eher im Mittelfeld angesiedelt ist. Saugen tun die laut diverser Testberichte übrigens alle ganz gut, sie unterscheiden sich eher in Sachen Lautstärke, Staubbehältergröße und Ausstattung generell.

Geplante Fahrten und schreiende Netzteile

Erst mal zur Verarbeitung: Der Roomba 780 fühlt sich ganz hervorragend an. Da ist nichts irgendwie billig drangeflanscht. Das Gerät ist recht schwer, mit einem gummierten Stoßdämpfer ausgestattet (den braucht es auch), hat einen kleinen Tragegriff und - das Beste - man kommt so ziemlich an jedes Bauteil wunderbar heran. Bürsten, Räder, Akku, alles ist schnell gewechselt, und gerade für Reinigungszwecke ist das hin und wieder auch dringend notwendig. Kleinere Reinigungsutensilien für die Bürsten und Rollen des Geräts liegen übrigens bei. Oben am Gerät ist ein Sensorfeld angebracht, über das sich der Reinigungsmodus festlegen (Komplettreinigung oder ein Quadratmeter-großer, festgelegter Bereich - wofür auch immer das gut sein soll), die Uhr stellen und der Scheduler programmieren lässt. Letzterer ist ziemlich cool: Für jeden Tag der Woche kann man eine festgelegte Reinigungszeit einprogrammieren. Roomba macht sich dann automatisch an die Arbeit. Prima für Werktätige. Über einen einzigen großen Knopf lässt sich das Gerät zudem jederzeit ein- und ausschalten. Viel leichter kann man die Bedienung eines Roboters echt nicht umsetzen. Hier ein großes Lob.

Auch das mitgelieferte Dock, zu dem sich Roomba nach der Reinigung zwecks Aufladen von selbst begibt, sowie die beiden Türmchen für die Virtual Wall- und Lighthouse-Funktion sind sehr okay verarbeitet. Den schönen Ersteindruck zerstörte dann aber in unserem Fall leider das Netzteil. Kaum hatte ich das Ding eingesteckt, bekam ich einen Schreck: Das Ding pfiff ganz fürchterlich schrill, was zumindest ich selbst dann noch hörte, wenn ich drei Meter entfernt auf der Couch saß. Ein Wunder, dass die Katze kein Schimpfkonzert anstimmte. Ich wendete mich an den Support, und von dem wurde uns dann innerhalb weniger Tage ein neues Netzteil zugesandt. Immerhin das ging sehr reibungslos. Leider erwies sich auch das neue Netzteil als Dauerfiepser, wenn auch weniger laut. Dennoch nervig und für Geräte dieser Preiskategorie eigentlich ein Unding. Auch doof: Der Roomba futtert im Standby-Modus auf seinem Dock ca. 4 Watt, was absolut inakzeptabel ist. Ohnehin ist für mich völlig unverständlich, weshalb das stillstehende Gerät leuchten muss wie ein Casino in Las Vegas bei Nacht. Aber gut, ich bin ja Pragmatiker: Eine Zeitschaltuhr, die so eingestellt ist, dass der Roomba nach dem Saugen genug Zeit zum Laden hat, macht das Netzteil mundtot, spart Strom und verbietet dem Fusselfresser das Dauerfunkeln.

Regent des Chaos und manchmal faul

Natürlich soll das Ding nicht nur in der Ecke stehen, sondern vor allem saugen. Bei uns tut er das jetzt jeden Tag ab 11 Uhr. Roomba verlässt das Dock und fängt dann nach dem Chaosprinzip an, durchs Wohnzimmer zu wirbeln. Seine Lautstärke dabei geht völlig in Ordnung. Im Gegensatz zum normalen Staubsauger vertreibt der Roboter jedenfalls die Katze nicht. Fernsehen kann man aber nebenbei dann doch nicht, es sei denn, man dreht die Lautstärke auf Anschlag. Auf Kabel und eventuell herumstehende Blumenvasen nimmt das Gerät übrigens keine Rücksicht und fährt sie einfach um wie ein Kampfpanzer. Auch vor der Katze, die den Roboter jedes Mal recht neugierig beäugt, macht das Ding keinen halt. Das fidele Fellbündel springt aber rechtzeitig zur Seite, was ziemlich putzig anzusehen ist. Inzwischen hält sie meist Sicherheitsabstand Vor Möbeln bremst der Sauger oft ab, genauso oft aber auch nicht wirklich. Da die Front gummiert und gedämpft ist, hinterlässt das Herumrumpeln jedoch immerhin keine Spuren. Mit dunklen Möbeln auf dunklem Grund scheint das Gerät seine Probleme zu haben. Auch der Chaosmodus ist tatsächlich wörtlich zu nehmen: Der Roomba saust durchs Wohnzimmer, bis er auf ein Hindernis trifft, macht dann kehrt und saugt woanders weiter. Ein System ist da nicht zu erkennen, das Chaosprinzip führt aber dazu, dass der Roboter überall mal vorbeikommt und die Bude hinterher dennoch erstaunlich sauber ist. Größere Schmutzansammlungen werden von Sensoren registriert, sodass der kleine Wicht sogleich mehrfach über die betroffene Stelle rumpelt, bis alles sauber ist. Kleiner Wermutstropfen: In so mach versteckte Ecke muss man dann doch noch mal mit dem Handsauger, weil der runde Roomba eben nicht überall hinfahren kann. Dafür brettert er zumindest bei uns aber auch unters Sofa und unters Bett. Das klappt hervorragend, sofern der Raum darunter ca. 9,5 cm hoch ist. So viel braucht der kleine Dicke nämlich, um überhaupt drunter zu kommen.

Nach jeder Reinigung fährt der Roomba von selbst aufs Dock zurück. Das funktioniert erstaunlich gut und ist witzig zu beobachten. Was einzig einmal nicht klappte, war das geplante Saugprogramm an sich: Roomba fuhr vom Dock, wirbelte ein bisschen herum und beendete seine Tour nach nur wenigen Minuten wieder. Faule Sau! Seither war er aber sehr fleißig. War wohl nicht sein Tag.

Vor die Wand, vom Leuchtturm keine Spur und jede Menge Dreck

Noch ein paar Worte zu den zwei kleinen Türmchen, die im Lieferumfang enthalten waren: Diese müssen mit Batterien bestückt werden (die leider nicht im Lieferumfang enthalten sind) und aktivieren sich von selbst, sobald der Roomba sein Saugprogramm startet. Im Modus "Virtual Wall" sorgen die Türme dafür, dass der Roomba eine virtuelle Wand nicht überfährt. Das machen die Geräte über Sensoren aus, und bisher hat das auch wunderbar geklappt. So poltert der Roomba nämlich nicht ins Badezimmer, wo er nicht saugen soll. Die Funktion "Lighthouse" dagegen scheint nicht so recht ausgereift zu sein. Diese soll eigentlich dafür sorgen, dass Roomba erst in einem Zimmer saugt und dann ins nächste hinüberfährt, sobald er mit dem ersten fertig ist. Tatsächlich aber ignoriert der Roboter die Lighthouses ganz gerne mal. Vor allem das Navigieren vom ersten zum zweiten und dann vom zweiten zum dritten Raum scheint dem Gerät Kopfzerbrechen zu bereiten. Na ja, nun saugt das Ding eh in der Woche hauptsächlich in Wohnzimmer und Küche, wo es sich vor allem und sehr erfolgreich um die vielen Katzenhaare kümmert und nur am Wochenende auch mal im Schlafzimmer und im Flur.

Nach einer Tour sollte man zumindest den Staubbehälter leeren. Da der Roomba recht kompakt ist, ist natürlich sein Behälter auch nicht wahnsinnig groß. Es ist erstaunlich, wie viel Dreck der kleine Putzneurotiker jeden Tag wieder zusammenträgt. Der Sammelbehälter lässt sich leicht entfernen und ausschütten. Und sollten mal die Bürsten und Räder gereinigt werden müssen, lassen auch diese, wie gesagt, sich leicht entfernen. Das Herausziehen längerer Haare und dergleichen kann dabei zwar etwas mühsam werden, klappt aber auch. Für etwas mehr Tiefenreinigung des Roomba empfiehlt sich übrigens ein Druckluftspray. Damit bekommt man sowohl den Staubbehälter als auch die Hepa-Filter ganz gut sauber. Sollte man aber unbedingt draußen tun, sonst kann man sich das Saugen auch gleich ganz sparen.

Fazit

Der Roomba 780 ist ein tolles Gerät, das bis auf das schreckliche Netzteil hervorragend verarbeitet ist. Die Technik wirkt noch etwas experimentell, das Reinigungsergebnis ist aber dennoch erstaunlich gut. Sofern keine Kleinteile, Hamster und Kabel im Zimmer herumliegen, kann man den Roboter auch getrost saugen lassen, wenn niemand zu Hause ist. Auch die mitgelieferten Virtual Walls funktionieren hervorragend, die Lighthouse-Funktion dagegen ist recht dürftig. Würde ich's also wieder kaufen? Auf jeden Fall! Die Wohnung ist trotz Katze inzwischen dauerhaft wunderbar sauber. Die Lautstärke des Gerätes geht in Ordnung, auch wenn etwaiges Fernsehen nur noch bei maximaler Lautstärke funktioniert. Nebenbei lesen geht aber prima. Einzig das miese Netzteil ist ein kleines Ärgernis, das in Kombination mit einer Zeitschaltuhr aber zu verschmerzen ist.