Vorgehört (CD-Kritiken)

Da lobe ich erst letztens die neue Slash-Platte über den Klee, gerade weil es dieses Jahr mit guter Musik bisher wirklich sehr dünn war, und schon kommt die Überraschung des Jahres von einer Band, an die ich nun wirklich schon lange keine großen Erwartungen mehr gestellt hatte: Weezer! Nach dem so genannten »Red Album« kam ja eigentlich nur noch Halbgares bis Scheußliches, und irgendwie schien der Spirit weg zu sein, wie bei so vielen Bands, die in den 90ern mal richtig groß waren, und dann, wie aus dem Nichts – Bäm! –, kommt plötzlich eine wahnsinnig gute Scheibe um die Ecke.

(Na ja, bzw. ein wahnsinnig guter Download, ahem. Mangels CD-Laufwerk stelle ich mir schon lange keine weiteren CDs mehr ins Regal.)

Wie dem auch sei, das neue Album mit dem sperrigen aber viel versprechenden Namen »Everything Will Be Alright In The End« (Ob man das wohl bald »EWBAITE« abkürzt?) ist auf jeden Fall eine Offenbarung. Kein Scheiß, nicht übertrieben. Über die mitunter absurd simplen Texte (»Go Away«) muss man einfach hinwegsehen, sind doch die Melodien, die Gitarrenparts, ja das Gesamtpaket einfach, über jeden Zweifel erhaben. Eingängige Rockmusik zum Mitjaulen, wenn die Nachbarn mal verreist / schwerhörig / wahnsinnig tolerant sind.

Unbedingt also mal reinhören! Auch wer kein Weezer-Fan ist, sollte ruhig die Lauscherchen aufsperren. Gerade in Zeiten auf Hochglanz durchproduzierter Popgülle und elektronischer Seelenlosigkeit ist was gelungen Hörbares aus dem Fundus echter Musiker ja fast schon ein unschätzbares Gut.

Anspieltipps: »I've Had It Up To Here«, »Foolish Father«

Ah ja, und mangels Anspieltipp-Video und weil die erste Single »Back To The Shack« leider der schwächste Song des Albums ist, hier was Altes zum Schwelgen in der Vergangenheit:

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Days Go ByWas hab ich dem neuen Offspring-Album entgegengefiebert! Würde die in den wilden Neunzigern kurzzeitig extrem populäre Band nach einer Dekade der Schaffensschwächelei ein gelungenes Spätwerk abliefern? Man erinnere sich: Americana aus dem Jahr 1998, trotz oder vielleicht sogar wegen seiner Poppigkeit ein Klassiker seiner Dekade, war so ziemlich der letzte denkwürdige Output der kalifornischen Spaßpunk-Combo mit dem noch immer stachelhaarigen Frontmann und dem dickbrilligen Gitarristen im Stinktierlook. Oder weiß der weniger versierte Hörer mit Namen wie Conspiracy Of One, Splinter oder Rise & Fall, Rage & Grace was anzufangen? Alle drei sind nämlich Nachfolgealben, erschienen in den Jahren 2000 bis 2008. Musikalisch so bedeutsam wie ein Kropf.

Und nun heißt der nächste Wurf also Days Go By (Hier im Stream anhören!). Der Titel klingt erst mal arg melancholisch, das Cover steht dem nicht gerade entgegen, doch beides ist bedeutungstechnisch etwas dick aufgetragen, wenn man erst mal reingehört hat. Mit dem Opener »The Future Is Now« und »Secrets From The Underground« tritt die Band nämlich mit zwei so schnellen wie druckvollen Tracks gleich zu Beginn kräftig aufs Gas. Beide gehen prima ins Ohr und zeigen, warum The Offspring mal eine große Nummer waren. (Speziell für mich übrigens, wie sich hier noch einmal nachlesen lässt.) Hinterlässt schon mal wohliges Gänsehautfeeling. Yeah, so könnte es weitergehen.

Tut es aber nicht. Das etwas dröge »Days Go By«, ein offensichtlicher Foo-Fighters-Diebstahl, auf Ohrwurmgarantie getrimmt, nimmt dann erst mal das Tempo raus und während »Turning Into You« und »Hurting As One« noch Rumhüpfpunk zum Mitgröhlen bieten, kriegt die Platte mit »Cruising California (Bumpin' In My Trunk)« einen krassen Knick in der Formkurve. Woah, nicht nur, dass ein rappender Dexter Holland mir die Rückenhaare aufstellt, nein, mit ordentlich Autotune und geschmacklosen Synthi-Effekten liefert die Band hier den vielleicht schlechtesten Track ihrer Geschichte ab. Echt unter aller Kanone! Wenn das Ding ein Scherz sein soll, dann hätte man es bitte ans Ende der Platte packen sollen. Wer hat das produziert? Bob Rock? Schäm dich!

Dass das Machwerk vermutlich kein Scherz sein soll, deuten die Tracks »All I Have Left Is You« und »OC Guns« an, denn ersterer, eine Art Ballade oder wie sich so was heutzutage schimpft, trieft vor musikalischem Fett wie ein aufgequollener Pommes und letzterer zeigt, dass man Reggae vielleicht den Reggaemusikern überlassen sollte.

Puh, damit sind die Tiefpunkte der Platte aber auch überwunden. Dass mit »Dirty Magic« ein Klassiker der 92er Platte Ignition recyclet wurde, lässt erahnen, dass im Studio entweder Lustlosigkeit oder Kreativitätsmangel geherrscht haben muss. Das Remake wurde dermaßen in Sachen Tempo und Rotzigkeit kastriert, dass dem Altfan die Weichteile schmerzen. Dennoch immer noch ein passabler Track, wenn man ihn nicht gerade am Original misst.

»I Wanna Secret Family (With You)« ist eine weitere Powerpop-Nummer, die einer Erwähnung nicht unbedingt bedarf. Kann man durchaus mögen, muss man aber nicht. Ein potenzieller Single-Kandidat, fürchte ich. »Dividing By Zero« ist einmal mehr sehr solide Offspring-Kost zum Haareausschütteln und der Abschlusstrack »Slim Pickens Does The Right Thing And Rides The Bomb To Hell« ist nicht nur der Song mit dem längsten Titel in der Bandgeschichte, sondern vielleicht sogar der beste Song, den der ins Alter gekommene Vierer in den letzten zehn Jahren auf die Reihe gekriegt hat. Würden den Altherren künftig mehr solcher Perlen gelingen, dürften sie gern weitermachen, bis sie völlig ergraut sind.

Fazit: Durchwachsene Platte mit wenigen richtigen Höhepunkten, einer Menge Durchschnittskost und einigen ganz, ganz schlimmen Schnitzern. Wenn der Schuster nicht Green Day oder Foo Fighters heißt (die sich in Sachen Songwriting durchaus neu zu erfinden wissen), dann sollte er  auch nicht so tun und einfach bei seinen Leisten bleiben. Oder sind sie letztlich doch nur sucker with no self esteem? Ach bitte nicht!

4 Kommentare

Hmm, fast habe ich das Gefühl, meine Blog-Updates driften zeitlich etwas auseinander. Lässt sich wohl kaum mehr auf herbstliche Ausläufer des Sommerlochs schieben. Da mir gerade auch sonst nur wenig Gescheites einfällt, vielleicht ein kleiner Musiktipp, der so ziemlich niemanden interessieren dürfte.

Es muss ein Moment geistiger Umnachtung gewesen sein, in dem ich mir die neue Weezer-Platte »Hurley« zugelegt habe, nachdem der Vorgänger »Raditude« ziemlich sicher in der Musikhölle aufgenommen und gepresst worden sein muss. Allein schon der Kerl auf dem Cover! Dass der Typ Namensgeber des Album ist und aus der Serie »Lost« stammt, will erst mal gewusst sein, war doch schließlich das selige »Akte X« die letzte Serie, die ich mit Begeisterung schaute. Nachdem das klar war, konnte es auch schon losgehen. Die erste Nummer, »Memories«, dudelt eher mäßig und zu betont fröhlich aus den Lautsprechern. Geht ins Ohr, ist musikalisch aber recht belanglos und sogar leicht peinlich. Dass ausgerechnet dieser Track die Singleauskopplung zum Albumstart ist, spricht entweder gegen den Musikgeschmack er Band oder aber für deren eigenartigen Humor. Nun gut, lassen wir's über uns ergehen und, woah, was ist das? »Ruling Me« möchte man geradezu in der Dauerschleife laufen lassen. Mäßig rockig, unheimlich poppig und so unverschämt einprägsam, dass man sich fast wünscht, Weezer hätten den Track einfach zehn mal auf die Platte gepresst. Mit »Trainwrecks«, »Unspoken« und »Where's My Sex?« geht's auf musikalisch gehobenem Niveau weiter, wobei vor allem der letzt genannte Track durch Coolness und einen zum Schmunzeln skurrilen Text auffällt. Anschließend fällt die Formkurve leider wieder, um pünktlich zum Abschluss mit »Brave New World« und »Time Flies« noch mal nach oben zu tendieren. Wer sich die Special Edition gegönnt hat, der bekommt noch vier Zusatztracks, wobei besonders das knackige »All My Friends Are Insects« durchaus hörenswert ist. Das grausige Coldplay-Cover »Viva La Vida«, das schon im Original unhörbar ist, hätte man sich dagegen sparen können. Was bleibt also? Eine durchaus hörenswerte und damit okaye Platte von einer okayen Band, die aber doch abermals einen Hauch Melancholie zurücklässt, schließlich waren Weezer Mitte der 90er mal eine Überband, die nur Überalben mit Übertracks hervorgebracht hat.

Vielleicht, um zu beweisen, dass der gute PhanThomas auch was anderes kann, als sich selbst über den Klee zu loben und die Welt zu verteufeln, möchte er heute mal an anderer Stelle ein wenig Lob anbringen. Aber nicht zu viel. Klar. Und da es ziemlich beschissen zu lesen ist und noch beknackter, ja gar ein wenig nach Schizophrenie klingt, wenn er in der dritten Person schreibt, wird er mit dem folgenden Satz wieder in die Ich-Schreibe wechseln. Nun hatte ich ja jede Menge Zeit, mir am bisherigen Wochenende das neue Green Day-Album anzuhören (ist HIER für jedermann zu hören - legal und so). So viel Zeit, dass ich bestimmt zehn Durchläufe durch die Brüllwürfel gejagt habe. Wenn nicht mehr. Uh. Damit wage ich mal zu behaupten, dass ich selbst 'ne kleine CD-Kritik verfassen kann. Schneller als laut.de, cdstarts.de und Konsorten. Ist überhaupt 'ne gute Idee, so als zusätzlicher Content hier. Nur ab und an mal, wenn's was leckeres Neues auf die Ohren gibt. Semiprofessionell. Mit Wertungssystem und so. Dann mal hier der Startschuss.

Green Day - 21st Century Breakdown

Anno 94 des ausklingenden letzten Jahrtausends, als ich noch Kampfroboter aus Lego-Bausteinen zusammensetzte und glücklich war, wenn ich in der Schule die Aufmerksamkeit der Mädels auf mich zog, so dass sie mir eine reindonnerten, kotzte der gerade mit einem Knall abgetretene Grunge seine musikalische Nachgeburt in die Welt. Punkrock war wieder schick, vor allem aus Übersee, meist aus dem sonnigen Kalifornien. The Offspring und Green Day waren die ganz großen Vertreter, die jeweils über zehn Millionen Exemplare ihrer Platten an die nicht zu rettende Jugend brachten. Aber auch andere Bands wie wie Pennywise, NoFX, Bad Religion, Rancid und so weiter, und so fort, mussten plötzlich eine größere Hörerschaft mit ihrem Krach versorgen. Punk war thematisch irgendwie alles, solange es nur laut und schnell war. Und so besangen die einen politische Missstände (Bad Religion, Pennywise), andere setzten auf Selbstzweifel (The Offspring), und wieder andere versuchten es einfach mit Langeweile und Masturbation (Green Day).

»I think I'm losing what's left of my mind. - To the 20th century deadline.«
(21st Century Breakdown)

Nun sind die 90er längst Passé, und während die meisten der genannten Vertreter zwar noch aktiv, allerdings in die musikalische Belanglosigkeit abgedriftet sind, sind ausgerechnet die masturbierenden Langweiler als einzige Combo mit künstlerischer Relevanz übrig geblieben. Und wie! Denn nach einigen Burnouts, Fast-Auflösungen, musikalischen Tieffliegern (Insomniac) und kommerziell gefloppten Achtungserfolgen (Warning) kam das, womit keiner mehr rechnete: Das 2004 erschienene American Idiot wurde eines der wohl rundesten, anspruchsvollsten und erfolgreichsten Alben der Jahre 2004 und 2005. Konsequenz waren Lastwagenladungen an Preisen, ausverkaufte Konzerte (von denen ich German Idiot kein einziges gesehen habe) und am Ende natürlich ein unheimlicher Erwartungsdruck, was den Nachfolger betraf.

»There's fire in my veins. - And it's pouring out like a flood.«
(Christian's Inferno)

Und der steht nun unter dem verheißungsvollen Namen 21st Century Breakdown vor der Tür. Jetzt fragt man sich natürlich vor allem: Ist die Platte besser als der Vorgänger? Oder zumindest ebenso gut? Nun, so ganz einfach ist das nicht zu beantworten. Sie ist anders. Vorab: Wer eine musikalische Kopie des Vorgängers befürchtet hat, kann aufatmen. Hier klingt eigentlich gar nichts nach American Idiot. Keine neun-minütigen zergliederten Songs vom Schlage eines Jesus of Suburbia, weniger Politik insgesamt. Lediglich die Idee des Konzepts erinnert noch an den genialen Vorgänger. Denn 21st Century Breakdown erzählt wieder einmal eine Geschichte. In drei Kapiteln (Heroes and Cons, Charlatans and Saints und Horseshoes and Handgrenades) wird die Geschichte eines jungen Pärchens, bestehend aus den Protagonisten Christian und Gloria, erzählt. Während Christian eher der explosive, energiegeladene Typ ist, bleibt Gloria abschätzend und mit politisch festem Standpunkt. In diesem Rahmen bewegen sich die Lieder durch den Scherbenhaufen einer zurückliegenden Bush-Ära, umgeben von Massenhysterie und religiösem Übereifer (alles sehr typisch Amerika) So viel also zum ambitionierten Konzept der Platte. Doch das Interessante sind schließlich die Songs. Was wird einem denn nun tatsächlich um die Ohren geklatscht?

»Sing us a song of the century - that is louder than bombs - and eternity.«
(Song of the Century)

Eigentlich wäre es nicht nötig gewesen, sich selbst unbedingt übertreffen zu müssen, wo es doch so oder so keine relevante Konkurrenz mehr gibt. Dennoch haben Green Day genau das versucht - und in vielerlei Hinsicht geschafft. Tatsächlich sind alle Tracks durchweg gelungen. Nach dem Opener Song of the Century zeigt das einmal mehr untergliederte, jedoch nicht übermäßig lange, ziemlich geniale, Titelstück 21st Century Breakdown, in welche musikalische Richtung die nächste Stunde ausschlagen wird. Denn so abwechslungsreich wie allein dieses eine Stück daher kommt, zeigt sich die gesamte CD. Ruhige Stücke wie das verträumte Last Night on Earth oder 21 Guns wechseln sich mit schnellen, dabei stets eingängigen, Punk-Nummern wie der ersten Single Know Your Enemy oder Christian's Inferno ab. Zwischendurch wird's auch mal etwas exotischer, wenn einem beispielsweise in Peacemaker Latino-Klänge um die Ohren wehen. Schlechte Songs sucht man wirklich vergebens. Lediglich ausgerechnet das Abschlussstück See The Light fällt ein klein wenig ab und wirkt etwas uninspiriert. Insgesamt wurden aber alle Register gezogen: Alles, was, beginnend bei Dookie über Warning, bis American Idiot erprobt wurde, fließt hier zu einem funktionierenden, musikalisch anspruchsvollen Gesamtkunstwerk zusammen. Wie schon beim Vorgänger wurde auch mit Anspielungen auf Klassiker der Musikgeschichte nicht gespart. Scott McKenzie, Bob Dylan, Herman's Hermits, von allem lässt sich was finden, wenn man genau hinhört. 21st Century Breakdown ist eine musikalische Erlebnisreise und macht riesig Spaß.

»Do you know the enemy? Do you know the enemy? Well gotta know the enemy.«
(Know Your Enemy)

Und genau das ist das einzig wirkliche Problem der Platte. Green Day sagen von sich, sie hätten sich quasi drei Jahre lang eingeschlossen, um mit diesem Album wieder heraus zu kommen. Nun, dann müssen die Altherren aber reichlich Spaß hinter der verschlossenen Tür gehabt haben. Die Platte frohlockt förmlich vor Eingängigkeit und griffigen Melodien. Das Ding enthält gefühlt mehr Tanzbodenbrecher als alle Vorgängeralben zusammen! Ein wenig unpassend für ein Album, das sich der verzweifelten Stimmung einer zerrütteten Gesellschaft annimmt. Wo der Vorgänger seinen Charme gerade aus dem Klang nach Wut, Niedergeschlagenheit und aufkeimende Hoffnung auf Verbesserung zog, schießt 21st Century Breakdown ein wenig am Ziel vorbei. Lediglich Know Your Enemy, der Titeltrack und das melancholische 21 Guns wissen die Message so geschärft wie zu Zeiten eines American Idiot zu transportieren. All das ändert jedoch nichts daran, dass 21st Century Breakdown außerordentlich gelungen ist. Die Platte ist weniger rund als ihr Vorgänger, enthält zum Ausgleich aber noch ausgefeiltere Songs, bietet noch mehr Abwechslung, noch mehr Spaß beim Hören. Und darauf kommt es doch letztlich an. Auf den Spaß an der Musik.

Anspieltipps:
21st Century Breakdown
East Jesus Nowhere
Last of the American Girls
¿Viva La Gloria? (Little Girl)