Welt im Unverständnis

14 Kommentare

Bis in die 80er Jahre hinein hatten die Menschen Angst vor einem Atomkrieg. Dann kam –die Älteren wie auch der regelmäßige Dokugucker jüngerer Generation werden das wissen – das Ende des Kalten Krieges. Alle hatten sich plötzlich lieb, die olle innerdeutsche Grenze verschwand und ich durfte eine behütete Kindheit, garniert mit Unmengen "West"-Spielzeug, genießen. Manchmal, wenn Menschen darüber berichten, wie das war, speziell zu Zeiten der Kubakrise, als die Welt kurzzeitig am Abgrund zu stehen schien, dann würde ich gern wissen, wie sich das wohl angefühlt haben mag – zu befürchten, dass jeder Tag auf Erden der letzte sein könnte.

Tja, und heute haben wir Donald Trump und sind nahe dran, wieder in den Genuss dieses Gefühls zu kommen. Trump bietet zwar mehr Unterhaltungspotenzial als die britische Königsfamilie zu ihren besten Skandalzeiten, gleichzeitig steht hinter diesem offensichtlich irren Kerl mit der geschmacksbefreiten Betonfrisur und seinen nicht weniger wahnsinnigen Untergebenen eine echte Gefahr: nämlich die, den von uns als normal empfundenen Frieden des größten Teils dieser (zumindest westlichen) Welt schnurstracks über den Jordan zu befördern. Und wir erinnern uns: Der Präsident der Vereinigten Staaten besitzt auch heute noch, so bekloppt und orange er auch sein mag, das hübsche kleine Köfferchen mit den Codes, die einen Atomkrieg entfesseln könnten. Eigentlich ein Wunder, dass Trump nach inzwischen knapp 20 Tagen im Amt das Ding noch nicht eingesetzt hat.

Lange kann's ja nicht mehr dauern ...

Na gut, ich will den Teufel wirklich nicht an die Wand malen, aber die Gefahr ist nun mal da, drum folgt nun ein Servicebeitrag. Wer nach dem hellen Blitz, dem Feuerball, der Druckwelle und der Radioaktivität noch steht, der sollte vorbereitet sein. Das »Outland«, die zerstörte und verrohte Welt nach dem Atomkrieg, ist kein schöner Ort zum Verweilen, das kann ich euch sagen. Ich hab immerhin »Fallout 3«, »Fallout New Vegas« und »Fallout 4« durchgespielt, die allesamt ein solches Szenario durchexerzieren, und weiß daher, wie das sein wird, dieses Leben danach. Hier zehn Überlebenstipps von einem, der sich auskennt:

  1. Niemals aus der Toilette trinken! Echt jetzt. Wasser ist nach dem weltweiten Fallout kostbarer als Gold. Wer auch immer so blöd ist und erwartet, das Zeug hinterher in genießbarer Form in einer Kloschüssel vorzufinden, den erwartet ein so qualvoller wie verdienter Tod.
  2. Raus aus der Kanalisation! Wann immer sich draußen eine radioaktive Regenwolke anschickt, die ohnehin dezimierte Bevölkerung weiter auszudünnen, mag es wie eine gute Idee erscheinen, sich in der Kanalisation unterzustellen. Ganz dumme Idee, denn sobald sich dort unten etwas mit leisen Schritten nähern mag, seid gewiss, es handelt sich nicht um die Ninja Turtles. Die sind zwar auch mutiert, aber das, was sich da anschickt, eure Gesellschaft zu suchen, ist zumeist ziemlich groß, hat ziemlich viele Beine, ziemlich viele und große Zähne und mächtig Kohldampf.
  3. Gesellschaft tötet! Solltet ihr euch einer Siedlung nähern, deren Bewohner bereits von weitem zu erkennen lassen, dass sie nicht nur reichlich groß geraten, sondern auch noch mit grüner Haut bedeckt sind, legt den Rückwärtsgang ein. Es handelt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Supermutanten, von irgendeinem wahnsinnigen Warlord oder Wissenschaftler aus Menschenexperimenten gezüchtete Kriegsberserker. Die Bösartigkeit der grünen Zeitgenossen wird nur noch durch ihre miese Laune übertroffen. Gilt allerdings eigentlich auch für so ziemlich alle anderen Typen, die sich in freier Wildbahn antreffen lassen. Kein Wunder: Ich kann mir kaum vorstellen, dass es im wasserarmen Outland anständigen Kaffee gibt. Nach zwei Tagen ohne würde ich schon heute töten.
  4. Kraft rockt! Ihr seid charismatischere Redner als Gregor Gysi zu seinen besten Zeiten, übt allabendlich vor dem Spiegel das Argumentieren für euren Debattierklub und habt deswegen keine Zeit für Sport? Schön für euch, ihr seid so gut wie tot. Im Ernst, der eine oder andere mordlüsterne Bandenchef mag sich von eurem Geschwurbel vielleicht beeindrucken lassen, das allermeiste Viehzeug, das in der verstrahlten Welt kreucht und fleucht, hat allerdings nahezu null Prozent Hirn und hundert Prozent Hunger. Da helfen nur schnelle Beine oder dicke Arme, die richtig dicke Knarren halten können.
  5. Die verlassene Fabrik ist nicht verlassen! Klar, die Grundstücks- und Immobilienpreise sind im Keller, da bietet es sich an, für 'nen schmalen Taler mal eben eine Eigentumswohnung in dieser verlassenen Fabrik gleich um die Ecke zu beziehen. So reizvoll das eigene Loft zum Nulltarif auch scheinen mag, eine gute Idee ist der Einzug nicht. Irgendeine Bande marodierender Hipster hatte die Idee nämlich schon vor euch und im günstigsten Fall werdet ihr von denen einfach nur gegessen.
  6. Nur mit den großen Kindern spielen! Falls ihr Punkt 3 nicht berücksichtigt habt, wider Erwarten trotzdem noch leben solltet, und dabei Freunde gefunden habt, bleibt bei ihnen, solange sie diejenigen mit den dicken Wummen sind. Finger weg von Rebellen und anderem Gesocks, das euch nur mit eurer Unterhose als Rüstung zu irgendwelchen Rettungsaufträgen schickt, bleibt bei denen mit den fetten Rüstungen und vor allem den fetten Waffen. Nichts ist schöner, als mittels richtigem Equipment mit ordentlich Feuerkraft ein zu zehn Metern Größe mutiertes Insekt fertig für den Weber-Gasgrill zu machen.
  7. Niemals zu Hilfe eilen! Ihr hört Radio, weil Netflix im Outland nicht mehr funktioniert? Gute Idee, schließlich macht ein wenig Musik das öde Leben etwas weniger öde. Solltet ihr allerdings per UKW einen Hilferuf auffangen, denkt immer an Admiral Ackbar aus »Star Wars«, der schon damals in seiner Weisheit sagte: »Es ist eine Falle!« Grundsätzlich nicht zu helfen mag euch zwar schlechtes Karma bescheren, aber vergesst nicht: Erstens überlebt ihr. Und zweitens, solltet ihr nach dem dennoch unvermeidlichen Ableben mangels Karma als Insekt wiedergeboren werden, so seid ihr immerhin ein paar Meter groß und kräftig wie Hulk.
  8. Der Messie wird siegreich sein! Ihr habt auf der Pirsch eine kaputte Kaffeemaschine, drei Zigarettenstummel und den Henkel einer Teetasse gefunden? Prima und hoffentlich habt ihr das Zeug mitgenommen. Im KaDeWe wird es nach der Apokalypse definitiv nichts mehr zu kaufen geben und irgendein postapokalyptischer MacGyver aus eurer Nachbarschaft könnte euch vielleicht verraten, wie sich aus den genannten Zutaten ein Protonenredongulator bauen lässt. Was das ist? Keine Ahnung, aber im Zweifel lässt sich damit irgendeinem Fiesling die Birne einschlagen.
  9. Kronkorken sammeln! Fast schon der wichtigste Tipp, auch wenn er komisch klingen mag. Erwartet halt nicht, nach der atomaren Pulverisierung mit Euro bezahlen zu können. Kronkorken dagegen sind die Travelers Cheques der tristen radioaktiven Zukunft und in jedem Gebrauchtwarenhandel gern gesehen, glaubt mir!
  10. Nicht die AfD wählen! Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie neigt dazu, sich zu zitieren. Mit ein wenig Glück wird auch nach der totalen Vernichtung noch mal eine Art zivilisierte Gesellschaftsform entstehen – mit demokratischen Wahlen, zu viel Bürokratie, der Telekom und Mineralölsteuer. Und mit Sicherheit wird es dann auch wieder einen Haufen rechter Populisten geben, die meinen, alles sei scheiße und ließe sich mit ihnen an der Macht viel besser gestalten, indem man einfach alles verteufelt, was anders ist als man selbst. Denkt immer dran: Typen wie die haben euch überhaupt erst in diese beschissene Situation gebracht.

12 Kommentare

Was für ein Jahr! Eigentlich ist in meiner heimeligen Welt gar nicht so viel Schlimmes passiert, aber das Drumherum ... meine Güte! Gefühlt hat der Lärm der Welt eine nie dagewesene Unerträglichkeit erreicht. Vermutlich war’s niemals wirklich besser und wenn man mal die Tagesschau von vor 20 Jahren anschaut, die auf einem der unzähligen Öffentlich-rechtlichen Sender ausgestrahlt wird, dann wird das auch untermauert: Irgendwo gab es immer Krieg, irgendwo wurden immer Geiseln genommen, Anschläge begangen, etc. und irgendwo gab es immer schon einen Irren, der nichts lieber getan hätte, als der Welt den letzten Schubs zu geben, der nötig war, um sie gänzlich in den Abgrund zu stürzen.

Trotzdem scheint 2016 eine Zäsur darzustellen, eine scheußliche Dissonanz im Reigen der sonstigen Aufs und Abs der Jahre, die ich bewusst und aufmerksam miterlebt habe. Der Brexit, ein – um es mit Jan Böhmermanns Worten zu sagen – orangefarbener Pelikan als nächster US-Präsident, von dem auch so gar nichts Gutes zu erwarten ist, in Deutschland ist der Terror angekommen und passend dazu erstarken überall die rechten Parteien. Inzwischen wird für 2017 ja schon das komplette Auseinanderbrechen der Eurozone herbeiprophezeit. Es ist, als würde die Welt in ein vermeidbares Chaos stürzen, alle wüssten es, wären aber zum Zusehen verdammt, weil die einen kein Rezept gegen die Katastrophe parat haben und die anderen Freude dabei empfinden, die Welt brennen zu sehen. Auf ganz ähnliche Art und Weise ist diese Welt in die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, den Ersten Weltkrieg, hineingeschlittert, aber ich will den Teufel nicht noch deutlicher an die Wand malen, als er dort ohnehin schon prangt.

Nie war es verlockender als 2016, Augen und Ohren zu verschließen, ganz, ganz langsam bis zehn zu zählen und zu hoffen, dass dann der Kelch an uns Menschen vorübergegangen sein möge. Die Lösung ist das aber wohl auch nicht.

2016 war das Jahr, in dem ich endgültig die Lust daran verlor, lustige Texte zu schreiben. Vielleicht, weil nach vielen Jahren der erfolglosen Schreiberei ein bisschen die Luft raus ist, vielleicht aber auch, weil es eben doch kein richtiges Leben im Falschen geben kann. Die Wahrheit liegt vermutlich dazwischen. Wann immer ich eine Juxnummer über ein banales Alltagsthema zu Papier bringe, fühle mich ein wenig schuldiger an der ganzen Misere, die uns umgibt. Ich, der hier sitzt, sich die Sonne ins Gesicht scheinen lässt, ein teures MacBook auf dem Schoß, neben mir eine Tasse mit gut dampfendem Kaffee und dem letzten »Green Day«-Album, das aus den Lautsprechern schallt, während die Katze neben mir die Sofadecke knetet und zufrieden schnurrt.

Es fühlt sich alles nicht gut an, nicht aufrichtig, viel mehr noch, weil sich unsere private Situation 2016 so sehr verbessert hat wie nie zuvor: Wir sind Mitte Dezember ins eigene neu gebaute Haus gezogen, wo alle großen Fenster und Terrassen mit ihrer Südlage reichlich Sonnenschein einfangen, wo kein zu hoch gebautes Hinterhaus mehr das Tageslicht stiehlt, wo ein kleiner Garten darauf wartet, dass wir im kommenden Jahr irgendwas Passables mit ihm machen. Es ist, als hätten wir eine kleine Insel der Glückseligkeit inmitten eines tosenden Meeres gefunden, und so schön es hier eben auch ist, wissen wir ja doch nie, wann dieses blöde Meer eine alles überrollende Welle ausspuckt.

Es sind unsichere Zeiten, ich denke, darauf können sich alle einigen. Wir können nur hoffen und im Kleinen unseren Teil dazu beitragen, dass alles wieder besser wird. Mögen Vernunft und Verstand 2017 die Oberhand gewinnen, mögen wir alle gesund bleiben oder werden, ein kleines bisschen Glück für uns und andere finden. Noch sind wir alle hier, können belanglosen Stuss schreiben und selbigen lesen und das ist im Angesicht der Verrücktheiten da draußen doch schon mal was Gutes. Und immer dran denken: »It ain’t over ’til it’s over«, wie Lenny Kravitz mal sang. In diesem Sinne allen Mitlesern einen guten Rutsch ins nächste Jahr! Keep fingers crossed, wir schaffen’s schon irgendwie.

2 Kommentare

Neulich, ich war auf dem Heimweg, stieg eine Frau vor mir aus dem Bus aus, in deren Nacken ich ein Tattoo entdeckte. Nun ist es wenigstens in Berlin nichts Ungewöhnliches, tätowiert zu sein – im Gegenteil: Man ist fast schon Avantgarde, wenn man keine Tintenkleckse unter der Haut mit sich spazieren trägt. Irgendwann wird eine Generation von Rentnern die Straßen bevölkern, deren faltige Körper von oben bis unten mit ebenso faltigen Motiven aller Art verziert sind. Faltige Bilder gelebter Leben. Vielleicht werden Tattoos bis dahin schon wieder so sehr aus der Mode sein, dass jüngere Menschen sich fragen werden, was die alten Tattergreise nur geritten haben könnte, sich selbst so zu verunstalten. Aber egal, einstweilen ist es cool, tätowiert zu sein, und wer es nicht ist, der ist ’ne ignorante Randerscheinung. So wie ich, der Zaungast der Gesellschaft, der sich über all die bunten Extremitäten in der Öffentlichkeit doch ein bisschen wundert – nicht aufregt, denn so viel Liberalität hat Berlin mir inzwischen angewöhnt, aber wundert eben.

Besagte Frau fiel mir bei aller Normalität jedenfalls trotzdem auf. Es war nicht, wie sie aussah, welche Kleidung sie trug oder wie sie ihre Haare frisiert hatte. Was das anging, gab sie eine ganz gewöhnliche Figur ab. Und wahrscheinlich hat sie einen ebenso gewöhnlichen Bürojob, dem sie von neun bis fünf nachgeht und dessen gelegentliche Tristesse sie durch sozial akzentuierte Pausen in der Kaffeeküche auflockert. Umso seltsamer mutete eben das Tattoo an. »Life is fucking crazy« stand nämlich in ihrem Nacken. Geschwungene Schrift, leicht verschnörkelt, wie man das eben so schreiben würde, wenn man wüsste, das geht nicht mehr weg. »Life is fucking crazy« – ich glaube, kein Spruch dieser Welt hätte besser ausdrücken können, wie gewöhnlich wir doch alle sind.

Ich musste in dem Moment, als ich das Tattoo entdeckte, kurz daran denken, dass wir alle einmal gestorben sein werden. Auch die Frau mit dem Tattoo wird dann vielleicht in einem Sarg liegen und vor sich hin modern, wenn sie nicht gerade eine Feuerbestattung bekommen haben wird. Ein Leichnam, den Würmern als Festschmaus vorgesetzt, und im faltigen, von der unbarmherzigen Hand des Todes kalten Nacken wird immer noch »Life is fucking crazy« stehen. Nicht »Life was fucking crazy«, wie es sich in diesem Fall gehören würde – eine glatte Lüge also. Ein Tattoo kann sich bekanntlich nicht nach dem wechselhaften Lebensstatus seines Trägers richten – immer wieder dann ein Ärgernis, wenn etwa jemand »Jessica-Chiara & Dennis-Robin 4ever« auf dem Unterarm stehen hat, obwohl Jessica-Chiara und Dennis-Robin doch schon seit einem halben Jahr gar kein Paar mehr sind.

Die Dinge ändern sich, Menschen ändern sich, doch ihre Tätowierungen ändern sich nicht mit ihnen. Die Motivwahl ist ohnehin schon eine Crux. Gesellschaftlich relevante Themen zu verbildlichen beispielsweise, dürfte meistens eher eine schlechte Idee sein – ähnlich wie der oben genannte Liebesschwur schneller irrelevant sein kann als ein C-Promi nach einem Aufenthalt im Dschungel-Camp, dürfte es sich mit fast allen zeitgeschichtlich gerade relevanten Dingen verhalten. Na gut, ein Tattoo des unfertigen Hauptstadtflughafens könnte durchaus auf Lebenszeit aktuell bleiben und zudem so ungefähr den kompletten Körper abdecken, schön ist aber was anderes. Tiere dagegen bieten sich als Motiv immer an. Ein Wolf etwa, den können wir Menschen zwar auch ein zweites Mal ausrotten, aber deswegen wird er nicht in zehn Jahren uncool sein. Wölfe sind coole Tiere. Waren sie immer schon, werden sie auch immer sein. Warum also nicht den Steppenwolf irgendwohin tätowieren? Hat dann auch gleich was Metaphorisches – einsamer Wolf und so. Aber ein Spruch wie »Life is fucking crazy«?

Ich habe vor einiger Zeit eine Theorie aufgestellt: Immer dann, wenn irgendetwas mit einem Attribut angepriesen wird, kann man ziemlich sicher sein, dass dieses Etwas die versprochene Eigenschaft genau nicht besitzt. Denn wenn es doch so wäre, dann müsste nicht extra mit dem verbalen Zeigefinger darauf hingewiesen werden. So wird es wohl auch mit dem »Life« sein, das erstens nicht »crazy« ist und zweitens schon gar nicht »fucking«. Ob die Frau mit dem Tattoo sich dessen wohl bewusst ist? War sie es, als sie sich für dieses Motiv entschieden hatte? Wollte sie ihr gewöhnliches Dasein kaschieren? Oder hielt sie sich und ihr Leben tatsächlich für so »crazy«, als sie dem Tätowierer erlaubte, ihren Nacken auszuschildern?

Da mir ihr Gesicht nicht bekannt vorkam – und ich habe ein wahnsinnig gutes Gesichtergedächtnis –, kann ich ruhigen Gewissens davon ausgehen, dass sie in früheren Jahren weder Rockstar war, noch erfolgreiche Schauspielerin oder sonst wie derart aus der Gesellschaft herausstechend, als dass sie ein »fucking crazy« Leben geführt haben könnte. Aber vielleicht tue ich ihr ja Unrecht. Vielleicht ist »fucking crazy« im Kleinen gemeint. Eben nur für sie. Ein auf Haut verewigter Insider ihres Daseins. »Fucking crazy« für sie und ihren Partner und die Kinder? Vielleicht ja, und ist es nicht irgendwie auch ein schöner Gedanke, das eigene Leben für so besonders zu halten, ihm so viel Bedeutung beizumessen, dass man es der Welt mitteilen möchte – zumindest der Welt, die in der Fußgängerzone direkt hinter einem läuft? Denn ganz egal, wie groß und erfolgreich wir Menschen zu Lebzeiten sein oder werden mögen, am Ende sind wir doch alle nicht mehr als ein Wimpernschlag in der Geschichte der Welt. Schall und Rauch und Asche, wenn dereinst die Sonne zum Roten Riesen wird und uns alle verschlingt.

Wie auch immer, am Ende ist es immer noch ein bisschen doof, tot zu sein und »Life is fucking crazy« im Nacken stehen zu haben – auch wenn es dann keiner mehr sieht – abgesehen von den Würmern, die aber nicht lesen können (Bücherwurmwitz bitte hier selbst einfügen). Dann vielleicht doch lieber ein chinesisches Schriftzeichen in den Nacken stechen lassen, das irgendeine alte ebenso chinesische Weisheit darstellen soll, am Ende aber doch nur »35 mit Reis« bedeutet. Zumindest hierzulande kann das nämlich auch zu Lebzeiten schon kaum einer lesen und Zaungäste der Gesellschaft wie ich müssen sich dann keine Gedanken über den tieferen Sinn machen, Punkt.

11 Kommentare

Tote Gäule traben nichtDer Einzelhandel ist ein toter Gaul. Und während zumindest meine Generation längst abgestiegen ist, versucht die Branche noch immer, den aufgedunsenen Kadaver zum Trab zu bewegen, indem sie neue Sättel draufschnallt und liebevoll das Fell striegelt. Und ich gebe zu, hin und wieder lasse ich mich von einem besonders schönen Sattel und hübsch gebürstetem Fell auch in den Glauben versetzen, das könnte noch was werden mit dem Gaul ... und dann betrete ich doch einen Laden. Oder eben einfach dann, wenn ich dringend neue Schuhe brauche.

So letztens geschehen. Das Wetter war gut, ich hatte frei, und so machte ich mich auf nach Steglitz, wo es geschätzt fünf komma drei Schuhläden je Einwohner gibt. Und bevor ich jetzt in genervten Ton verfalle, sei diesem Prolog hinzugefügt: Ich! War! In! Jedem! Einzelnen!

Grundsätzlich scheint es erst mal zwei Arten von Schuhgeschäften zu geben. Die, in denen man jeweils nur einen Schuh im Regal findet und dann die, in denen beide Schuhe im Karton liegen.

Okay, zur ersteren Sorte: Ich hatte mich als Kind ja immer gefragt, warum Geschäfte, in denen man eigentlich VIELE Dinge kaufen kann, als »EINZELhandel« bezeichnet werden. Offenbar lautet zumindest für manche Schuhgeschäfte die simple Antwort: weil man eben nur einen einzelnen Schuh bekommt! Und da kriege ich ja einen Hals, dick wie’n Butterfass! Soll ich etwa, wenn ich – oh Wunder – einen verdammten Schuh gefunden habe, der mir gefällt, mit dem Ding durch den Laden bolzen und einen Verkäufer suchen wie ein Verdurstender in der Wüste auf der Suche nach der nächsten Oase? Und das, wo doch Menschen wie ich andere Menschen nicht leiden können – besonders dann, wenn sie Verkäufer sind, mich beobachten und dauernd fragen, ob sie helfen können. NEIN, IHR KÖNNT MIR NICHT HELFEN!!! MIR IST NICHT MEHR ZU HELFEN!!! Baumarktregel Nummer 1: Ich frage nicht nach, wo das Badezimmersilikon liegt, ich finde es selbst. Und wenn es sich nicht finden lässt, dann gehe ich eben wieder, weil es ganz offenbar nicht da ist, Punkt! Das gilt so auch in Schuhläden, verdammt noch mal! Die Urmenschen gingen doch auch nicht zum Serviceschalter, um zu fragen, wo das nächste Mammut zu finden war oder eine Aufbauanleitung fürs Lagerfeuer zu bekommen. Deshalb, liebe Einzelschuhhändler: So wird das nichts mit uns. Sagt doch schon eine alte chinesische Weisheit: Biete dem Menschen nur einen Schuh und du bietest ihm keinen Schuh.

Kategorie zwei der Schuhgeschäfte, die wenigstens nicht glaubt, jeder Kunde sei von Haus aus Kleptomane und würde mit den frisch anprobierten Tretern sogleich aus dem Laden marschieren, ist alles in allem aber auch nicht angenehmer. Zwar wäre ich während meiner Schuhsafari hier zumindest theoretisch in der Lage gewesen, auch mal BEIDE Füße in die besohlten Lederwaren zu schieben, aber immer dann, wenn die Theorie mit einem niedergeschriebenen Masterplan glänzt, kommt die Praxis fröhlich pfeifend um die Ecke und setzt einen großen Haufen drauf.

Denn das Drama fängt schon bei der Auswahl an. Ja ich weiß, die Ladenfläche ist begrenzt und man kann eben nicht so viel Zeug im Angebot haben wie Amazon oder diese Berliner Gebrauchthandyläden, die sich über Nacht in pleitegegangenen Geschäften manifestieren, aber wenn ich eben Sneakers kaufen will, und wenigstens gefühlt tragen doch die meisten Leute unter achtzig Jahren Sneakers, dann erwarte ich einfach nicht, dass das Sneakers-Regal so groß ist wie die Miniküche in Barbies scheiß Traumhaus! Es gibt deswegen auch nur so ungefähr fünf unterschiedliche Modelle, von denen gerade mal eines farblich nicht nach halb verdautem Brokkoli aussieht. Der Rest des Ladens ist dafür vollgestopft mit zehn Fantastilliarden Varianten an Lackraketen! Das sind jene Schuhe, die sich der Businesskasper von Welt über die gebügelten Socken stülpt, wenn er Kompetenz vortäuschen muss. Schuhe wie diese gibt es in genau zwei Farben: Braun und schwarz. Warum zur Hölle muss ein Laden davon also mehr Modelle haben, als es Atome im Universum gibt?

Das nächste Drama ist dann – man ahnt es – die Schuhgröße. Als Mann finde ich es ja schon schlimm genug, dass man von den guten alten Größenangaben in Zahlen wie 40, 41 und so weiter abgerückt ist, um mir jetzt eine Achteinhalb zu präsentieren. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, verflixt und zugenäht, also hört auf, unsere liebgewonnenen Größen durch fünf zu teilen oder was weiß ich, was ihr da tut! Hundert Gramm Käse sind schließlich auch seit jeher hundert Gramm Käse und nicht plötzlich dreiundzwanzig komma sieben acht Metakubri. Man muss nicht aus allem eine Wissenschaft machen.

Aber das eigentliche Problem mit den Größen ist dann viel eher, dass keine der vorrätigen Schuhe passen. Okay ich weiß, ich habe kleine Füße, ich bin größentechnisch insgesamt eh nicht gerade das, was man Durchschnitt nennt, aber zumindest in meinen Augen sind alle Schuhe der Herrenabteilung, die man heute in einem Geschäft kaufen kann, lediglich in den Größen »Kindersarg« und aufwärts erhältlich. Was ist hier eigentlich passiert? Hat Tschernobyl nicht nur unsere Pilze versaut, sondern den Leuten Goofys Fußlänge beschert? Das kann doch nicht gesund sein. Wenn das so weitergeht, braucht sich zum Skifahren bald niemand mehr Bretter unter die Füße zu schnallen.

Um es kurz zu machen, es lief in jedem einzelnen Laden so ab: Ich suchte und fand so ziemlich genau ein Schuhmodell, das mir gefiel, probierte es an und es passte nicht. Kein! Einziges! Mal! Natürlich machte mich das immer wütender. Jedes Mal, wenn ich dann ein Schuhgeschäft verließ, stellte ich mir vor, ich sei einer dieser Superbösewichte aus den Comics und im nächsten Moment würde der Laden effektvoll explodieren, während ich ganz lässig, ohne mich umzudrehen und natürlich in Zeitlupe, weggehen würde – den rechten Mundwinkel zu einem fiesen aber zufriedenen Lächeln verzogen.

Ende der traurigen Ballade: Ich ging nach Hause, klappte das Notebook auf, rief den Schuhhändler meines Vertrauens auf, der mit »Z« anfängt und auf »alando« endet, stellte ein paar Filter ein – klick, klick, klick – schon waren drei (übrigens passende) Schuhpaare unterwegs zu mir. Zeitaufwand: ungefähr drei Minuten. Nervenersparnis: unendlich! Und so leid es mir tut: Zumindest für mich bleiben die toten Gäule jetzt tot.

7 Kommentare

Sommerzeit, Eiszeit. Früher war das etwas anders, da war für mich prinzipiell immer Eiszeit. Mochten draußen auch Minusgrade herrschen, ein paar Kugeln Eis passten immer zwischen Schnitzel zum Mittag und Vollkornbrot zum Abend. Inzwischen sehe ich das etwas anders. Liegt erstens daran, dass meine Freundin es ziemlich absurd findet, Eis zu essen, wenn man eh schon friert – was ich ja nun so gar nicht nachvollziehen kann, aber alleine Eis essen ist eben auch blöd. Zweitens liegt es aber vor allem an den Preisen.

Und hier sind wir an dem Punkt, an dem ich mich so richtig herrlich aufregen kann. Wer sommers durch die Fußgängerzonen der Republik flaniert, kommt nicht umher, festzustellen, dass eine Kugel Eis nirgends mehr für unter einen Euro zu haben ist. 1,20 Euro sind zumindest hier in Berlin schon eher normal. Wenn man sich in Touristen-Nap-Ecken über den Tisch ziehen lässt, ist man für eine Kugel Eis auch schnell mal 1,60 Euro los.

Das sind – Achtung, jetzt verwandle ich mich in einen provinziellen Hinterwäldler mit Zahnlücke und speckigem Feinrippunterhemd – ungefähr 3,20 DM. Zugegeben, die Rückrechnerei ist üblicherweise reichlich bescheuert und zeugt nicht nur von Verbohrtheit sondern auch davon, dass man die Wirtschaftvorlesungen geschwänzt hat. Aber hier beim Eis lässt sich so ganz gut der Vergleich ziehen. Im Jahr der D-Mark-Ablösung hielt ich eine Mark für eine Kugel Eis schon für eine ziemliche Frechheit. Das wären in Europreisen ja ungefähr 50 Cent gewesen. Nehmen wir jetzt eine jährliche Inflation von 2 Prozent an (seit ein paar Jahren ist sie deutlich niedriger, was aber wohl eher an Kraftstoffpreisen liegen dürfte), dann müsste die Kugel Eis 14 Jahre nach der Euro-Einführung ungefähr 65 Cent kosten. Tatsächlich ist sie aber doppelt so teuer. DOPPELT! Man stelle sich vor, 2002 hätte eine Kugel Eis zwischen 2,40 und 3,20 DM gekostet. Die Eisverkäufer hätte man doch mit Fackeln und Forken aus der Stadt gejagt.

Wie, zum Henker, kommt diese Teuerung zustande? Am Milchpreis kann es ja wohl kaum liegen, oder kommt Speiseeismilch ausschließlich von königlichen Kühen? Sind die Kugeln mundgeblasen? Ist Blattgold als Zutat enthalten? Zumindest gefühlt hat sich in den letzten Jahren kein Lebensmittel derart verteuert wie Speiseeis in der Eisdiele. Und was machen die Leute? Kaufen's trotzdem, wo wir wieder bei der Marktwirtschaft wären: Ein Gut wird immer so viel kosten, wie die Konsumenten bereit zu zahlen sind.

Und hin und wieder, das gebe ich zu, in schwachen Momenten, da erwischt es mich auch, und dann gebe ich eben doch über drei Euro (!!!) für drei popelige Kugeln Eis aus. Trotzdem: Dieser Zustand regt mich auf! Sehr sogar. Statt gegen Islamisierung auf die Straße zu gehen, sollte es einen großangelegten Protest gegen überteuertes Speiseeis geben. Mir ist der Spaß an dem Zeug nämlich leider gehörig vergangen.

9 Kommentare

Als Kind schaute ich gern »Star Trek – The Next Generation«. Für diejenigen, die's nicht kennen, das ist die Serie, in der Patrick Stewart den Captain Jean-Luc Picard mimt. Ich musste gerade nachschauen, wie man den Namen schreibt, ein riesiger Fan war ich also nie. Aber in Ermangelung eines besseren Programms und weil die Titelmelodie so unfassbar gut war, schaute ich mir die Serie eben gern an. Ich konnte mit dem dort gezeigten Weltall nicht viel anfangen, konnte mir nicht vorstellen, wie das denn funktionieren sollte, das mit der Unendlichkeit, mit der Leere, der Weite. Für mich war der Weltraum tatsächlich ein Raum. Ein Raum mit Wänden, die man nur nicht sehen konnte, ein Raum, in dem Sterne funkelten, von denen ich nicht wusste, was sie eigentlich waren, außer funkelnde Dinger im Hintergrund. Ein Raum mit Boden, den ich mir immer als eine Art galaktischen Vogelsand vorstellte, weil ein Raum eben einen Boden haben musste, weil es ein Unten und ein Oben geben musste, weil mein kindlicher Verstand nichts anderes zuließ. Aber mich faszinierte die Vorstellung vom freien Reisen in einem Raumschiff. Wir hatten ja gerade erst die deutsche Teilung überwunden, da wurde Freiheit noch in viel kleineren Dimensionen gedacht, und nicht mal damit konnte ich wirklich was anfangen.

Später dann, ich war so um die zwölf, spielte ich mit Freunden oft Fußball auf dem Bolzplatz um die Ecke. Wenn wir besonders lange spielten und es schon dunkel wurde, kletterte ich gern am Tor hinauf und ließ mich ins Netz sinken. Dort lag ich dann und schaute in die Sterne. Immer wenn ich das tat, dudelte durch meinen Kopf die Titelmelodie aus »Star Trek – The Next Generation«. Ich stellte mir vor, wie dort oben jetzt irgendwo Raumschiffe fremde Galaxien erkundeten und Welten entdeckten, die sich hier unten niemand vorstellen konnte. Irgendwann in der Zukunft, so wusste ich, würden wir Menschen auch in der echten Welt das All bereisen. Irgendwann, das stand außer Frage.

Inzwischen habe ich die 30 überschritten. Die letzten Begegnungen mit der Zukunft, an die ich mich erinnere, waren die Vorstellung des ersten iPhone – ein Gerät, das ganz offensichtlich aus der Zukunft zu uns gekommen war und all die mittelalterlichen Murkstelefone wegfegte, mit denen wir uns bis dahin begnügen mussten – und zuletzt die Landung der Forschungssonde »Philae« auf dem Kometen »Tschuri«.

Und das war's dann leider auch schon. Gut, Wissenschafter haben zwischenzeitlich das Higgs-Boson gefunden, und bei der Kernfusion sind wir auch immerhin schon einen kleinen Schritt weiter, aber sonst so? Wo sind denn die Raumschiffe? Wo sind die fernen bewohnbaren Planeten, zu denen wir aufbrechen? Wo denn wenigstens die realistische Marsbesiedelung, die nicht ein Himmelfahrtskommando für alle Beteiligten darstellen würde?

Ich bin ernüchtert, so viele Dinge betreffend. Es geht mir gar nicht um die Kolonialisierung des Weltalls, die ich in meiner viel zu langen Einleitung ausgebreitet habe, es geht mir um die Menschheit, die so dumm ist, so unsäglich, unfassbar dumm, dass ich sie kaum mehr ertragen kann. Auch in meiner Sturm-und-Drangzeit habe ich zwar nie versucht, die Welt zu verbessern, aber ich hing doch einer Art unerschütterlichem Glauben an, es könnte alles mal besser werden. Wir würden unsere Konflikte bald gelöst haben. Wenn schon nicht durch die Beseitigung unserer Energieprobleme, dann doch zumindest durch das Internet. Wissen, Information und Kommunikation waren der Schlüssel. Wenn ich mit einem ganz gewöhnlichen Menschen in einem anderen Kulturkreis via Internet innerhalb von Sekundenbruchteilen Nachrichten austauschen konnte, dazu auch noch in der gemeinsamen Sprache Englisch, die so viele von uns zumindest einigermaßen beherrschen, dann musste es doch funktionieren, dass man einander versteht, sich akzeptiert und gemeinsam an Dingen arbeitet, statt sich über den Haufen zu schießen.

So dumm war ich damals. Echt jetzt.

2016 – gefühlt schießen wir uns mehr denn je über den Haufen. Vermeintlich intelligente Leute ziehen in Religionskriege, stützen sich auf angebliche Lehren aus uralten Büchern mit so hanebüchenen Geschichten, dass ich eher noch die Märchen der Gebrüder Grimm glauben würde. Menschen, die eigentlich aufgeklärt sein müssten, sprengen sich in die Luft, der angeblich fortschrittliche Westen schmeißt dem primitiven Osten unter dem Banner der Menschenrechte Bomben auf den Kopf, und unser ach so fortschrittlicher Wohlstand basiert auf der Ausbeutung des Planeten und der Ärmsten, die auf ihm leben. In Deutschland zünden derweil Volldeppen Unterkünfte für Zugereiste an wie zuletzt Anfang der 90er Jahre, und mittendrin in all dem Chaos stehen Menschen wie ich.

Menschen wie ich, die mal an das Gute glaubten, daran, dass nichts unmöglich sein würde, wenn man nur weiter daran arbeitete. Menschen wie ich, die keine Lust mehr auf andere Menschen mit ihrer unfassbaren Blödheit haben. Menschen wie ich, die sich lieber in Eskapismus üben, bevor sie vor lauter Schockstarre gänzlich in Handlungsunfähigkeit verfallen, und dabei auch noch Schuldgefühle wegen ihres Nichteingreifens bekommen. Ich hätte nie gedacht, dass es mal so weit kommen würde, aber ich fühle mich nicht mehr wohl. Nicht in dieser Stadt, nicht auf diesem Planeten. Ich habe Angst. Angst vor dem, was kommt, vor der Zukunft, die ich mal als so verheißungsvoll empfand. Ich möchte hier in Frieden leben, aber es scheint mir nicht mehr möglich.

Unter der Annahme, dass das Universum unendlich groß oder wenigstens unvorstellbar groß ist, müsste es doch wahrscheinlich sein, dass wir Menschen nicht die einzig intelligente Lebensform sind, die nach den Sternen greift. Warum sind wir dann anderen Zivilisationen noch nicht begegnet? Das sogenannte »Fermi-Paradoxon« befasst sich mit diesem Widerspruch. Eine von vielen Begründungen dafür ist, dass wir einander verpassen. Die Zeitspanne, über die eine Lebensform sich entwickelt und schließlich doch ausstirbt, bevor sie auf eine andere intelligente Spezies treffen kann, ist demzufolge schlicht zu kurz, gemessen am Alter des Universums. Das scheint logisch: Wenn man sich in diesem Sinne nach den Gründen für das Aussterben der Menschheit fragt, fiele mir in Anbetracht unserer aller Blödheit genug ein.

Vielleicht sind wir Menschen schon zu klug geworden, um nicht bescheuert zu sein, vielleicht sind auch einfach die meisten Menschen zu bescheuert, als dass die Klugheit obsiegen könnte, ich weiß es nicht. Schaue ich in den Sternenhimmel, sehe ich dort keine Menschen mehr, die mal fremde Galaxien erkunden werden. Wir werden vorher bereits ausgestorben sein, und die einzigen, die sich fragen werden, wie das jetzt passieren konnte, werden die Katzen sein, die auf ihr Mutterschiff zurückgekehrt sein werden, um sich eine andere dämliche Rasse zu suchen, die ihnen die Futterdosen öffnet.

Im AffenhausAuf der Suche nach einer Kerze (immer diese kreativen Weihnachtsgeschenke) waren meine Freundin und ich neulich – da muss ich tief durchatmen – im »Bikini Berlin«. Nicht, dass nebenan nicht auch ein Weihnachtsmarkt gewesen wäre, auf dem fünf fantastilliarden Sorten an Kerzen verkauft wurden, aber nee, irgendwie sagte uns das alles nicht zu. Wenn man schon Kerzen schenkt, dann richtig. Aber gut, zurück zum »Bikini«: Dabei handelt es sich nicht etwa um extragroße Damenbademode, die man betreten kann (obwohl man solche extravaganten Konstruktionen den Berliner Stadtplanern mit ihrem Stahlbetonfetisch ja durchaus zutraut), sondern um ein Einkaufszentrum. Na ja, oder um so etwas Ähnliches.

Genau genommen habe ich noch nicht verstanden, was das »Bikini« eigentlich genau sein möchte. Laut Webseite eine »Concept Mall«. Und damit fängt der Irrsinn auch schon an. Optisch schaut das Ding von innen aus wie das »Alexa« am Alexanderplatz von außen: grausig! Alles hat diese Warenlageratmosphäre: Die Decke voller Rohre und wirr verlaufender Kabelkonstruktionen, die Wände nicht verkleidet, also ziemlich genau so, wie der BER anno 2015. Überall stehen Kisten im Weg, von denen man eigentlich meinen möchte, jemand hätte sie beim Einräumen vergessen, aber dann sitzt eben doch schon wieder ein komisch anmutender Berliner drauf und schlürft sein Tässchen Was-auch-immer-mit-Biosojamilch. Geschäfte gibt es dort natürlich auch. Alles wirkt ein bisschen wie in »Mad Max«, nachdem da einmal feucht durchgewischt wurde: Zusammenimprovisierte Miniboutiquen aus Bretterzäunen, Baupaletten und Maschendraht zusammengefriemelt, und drinnen oder daneben steht eine gelangweilte Verkaufskraft, die sich aufgrund des mageren Warenangebots so wenig bewegen muss, dass man sie auch für eine Schaufensterpuppe halten könnte. Aber ich weiß schon, das muss so, das gehört zum Konzept.

Apropos Konzept: Das erschließt sich mir nämlich nicht wirklich. In den größeren Geschäften mit dekadent üppiger Verkaufsfläche stehen lediglich zwei, drei Tischlein, auf denen ... Dinge platziert wurden, die entweder Verkaufsartikel oder Deko sind oder beides. Meist sieht das, was da an potenzielle Kundschaft mit ausgeleiertem Geldbeutel vertickt werden soll, so aus, als hätte man zwei willkürliche Gegenstände in einen Teilchenbeschleuniger geschmissen, um sie kollidieren zu lassen und das verknäulte Ergebnis dann als Kunst auszugeben. Zumeist haben wir das nur vom Schaufenster aus festgestellt, weil wir uns nicht wirklich trauten, die Läden zu betreten, denn merke: Ein leeres Geschäft und ein gelangweilter Verkäufer bergen immer die Gefahr, dass man mit Beratungsgesprächen vollgeballert wird, sobald man auch nur einen Viertelfuß in den Laden setzt. Der Traum eines jeden, der lieber online bestellt.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Geschäfte ihr ach so individuelles Konzept schon am Namen herausstellen wollen, der dann auch so gar nichts darüber aussagt, was einem drinnen eigentlich angedreht wird. Das alles geht so weit, dass ich mich fast nicht traute, aufs Klo zu gehen, weil ich nicht sicher war, ob sich hinter der Tür mit den goldenen Lettern »WC« tatsächlich ein Lokus oder doch wieder nur ein Klamottenladen verbarg.

Aber wie gesagt, gehört eben alles zum Konzept. Man kann sich schließlich schlecht »Concept Mall« nennen, wenn dann hinter der Tür doch nur Kik und Lidl warten. Ich will das »Bikini« auch gar nicht zerreden, auch wenn das hier eventuell, also nur vielleicht, ein kleines bisschen so wirken könnte. Das Ding war brechend voll, auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass da irgendwer tatsächlich mal eine Lampe aus rostigem Stacheldraht und ein paar Glasscherben für tausend Euro kauft. Das Ding ist quasi der Gegenentwurf zu den Ikeas und H&Ms dieser Welt: Hier ist alles und jeder so fürchterlich individuell, dass man eigentlich nur dann auffällt, wenn man bei Ikea und H&M einkaufen geht. Alles ist so hip, hipster wird's definitiv nicht. Anders ausgedrückt: Wir sind einfach die falsche Klientel. Zu einfach, zu provinziell, zu Kassengestell. Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, in dem Salz und Pfeffer im Essen das höchste aller kulinarischen Gefühle waren. In einem solchen Shoppingtempel fühle ich mich wie Charlton Heston auf dem Planeten der Affen (die übrigens ihr Gehege – kein Witz – direkt nebenan haben), und das fasst für mich auch alles zusammen, was man darüber sagen kann.

Ach ja, Kerzen gab's dort übrigens keine.

2 Kommentare

Um dich her, da sitzen Leute,
jeder tut, was er so tut.
Am Monatsende, »fette« Beute
für die Arbeit. Für dein Blut.

Bis hierher! Du möchtest schreien:
Fickt euch doch und euren Mist!
Du willst dich aus dem Schlund befreien,
der dich täglich mehr zerfrisst.

Schaust du dir mal in die Augen?
Siehst im Spiegel dich aus Glas.
Erkennst du, wie die Jahre saugen?
Stück für Stück beißt du ins Gras.

Wär's nicht leicht, jetzt fortzugehen?
Führt der Weg doch durch die Tür.
Bevor du losgehst, bleibst du stehen.
»Erst mal sehen.« – Nur wofür?

Deine Zeit hört auf zu geben,
da sie auch mal nehmen muss.
Doch c'est la vie, du gibst dem Leben
einen schweren Sehnsuchtskuss.

Tust, was immer du schon tatest,
Weil's auch jeder and're tut.
Du würdest gerne, doch du wartest:
»Wird mal besser, wird mal gut.«

2 Kommentare

Es wohnt ein Monster an der Spree,
macht (re)publik
wohl Politik.
Spielt Spiele, die ich nicht versteh,
von Geld und Krieg
und Markt und Sieg.

Weil Monsters Säen Wellen macht,
verbricht sein Wind
ein totes Kind
und tote Mütter - schwarze Nacht!
Weil Leichen blind
und freudlos sind

zieh'n Lebende vor uns're Tür,
aus Monsters Brand
verheertem Land.
Mit krummem Rücken steh'n sie hier
zur kahlen Wand
mit leerer Hand.

Der Kleingeist flucht, das Monster schreit:
»Die Welle rollt
nicht wie gesollt!
Wir sind für euch hier nicht bereit!
Noch nicht mal zollt
ihr Schwarzrotgold!«

Wer Wind erst sät, der erntet Sturm.
Der Kluge weiß
um diesen Preis
für Kriegsspiel aus dem Herrscherturm.
Ein ewig' Kreis,
des Monsters Scheiß!

2 Kommentare

Vor einiger Zeit habe ich mir eine Polar M400 gekauft, also so 'ne Schnickschnackuhr, die aussieht wie eine dieser uralten Casio-Armbanduhren auf Steroiden. Da ich mal mehr und mal weniger häufig laufen gehe und eben hin und wieder auch ganz gerne sehe, ob ich mich verbessert habe oder so langsam bin, dass ich rückwärts durch die Zeit diffundiere, empfand ich's als eine ganz gute Idee, mir so ein Teil zu kaufen. Klar, nichts, was mein Smartphone nicht auch kann, aber dieses Riesending mittels Schnalle um den Arm zu wickeln fühlt sich eben immer an, als würde ein sadistischer Arzt eine ganze Stunde lang den Puls messen, während man auf einem Laufband vor sich hinkeuchen muss. So 'ne Uhr erschien mir da schon chicer. Die Apple Watch fiel übrigens von vornherein flach, weil die kein eingebautes GPS hat und damit auch nur eine Penisverlängerung für das iPhone ist.

Apropos Penisverlängerung: Polar hat seiner Uhr mit dem letzten Update auch ein paar ... Features spendiert, die denen der Apple Watch ähneln: Smartphone-Benachrichtigungen jeglicher Art werden jetzt auch auf der M400 angezeigt, und wie gestern bemerkte, kann ich scheinbar nun sogar Anrufe auf dem Ding entgegennehmen. Wie auch immer das funktionieren soll, wenn das Telefon währenddessen in meiner Hosentasche steckt, aber hey, that's none of my business. Das mit den Benachrichtigungen ist zugegebenermaßen ein bisschen praktisch, weil ich so sofort sehe, warum mein Telefon pingt oder vibriert, ohne es erst mühsam aus der Tasche kramen zu müssen, während ich im Bus eingepfercht zwischen schwitzenden Touristen stehe und mich kaum bewegen kann. Ist aber eben nur ein bisschen praktisch, weil man bspw. Nachrichten auf der Uhr nicht scrollen kann, d.h., ich sehe auf dem Winzdisplay mit seiner Auflösung von gefühlt vier mal vier Pixeln den Absender und vielleicht die ersten zwanzig Zeichen einer Nachricht. Den Rest muss ich dann erraten oder eben doch auf dem Telefon nachlesen. Antworten oder so geht schon mal gar nicht. Dolles Ding. Kommt hinzu, dass die Uhr nun ständig die Verbindung zur App auf dem Smartphone verliert, bzw. die App mich dauernd ausloggt. Alle paar Tage muss ich mich nun neu einloggen, die Daten der Uhr mit der App synchronisieren, etc. Von der Sync-Software auf meinem Mac ganz zu schweigen, die bei gefühlt jedem zweiten Synchronisationsvorgang sang- und klanglos abstürzt. Hat den Kram eigentlich irgendwer getestet?!

Hätte man der M400 statt dieser unausgereiften und nicht zu Ende gedachten Funktionen nicht lieber was Gescheites hinzufügen können? Wo sind bspw. individualisierbare Trainingspläne? Eine Funktion, die mich dran erinnert, wie lange ich heute laufen muss? Smartphone-Apps können das schon lange. Warum baut man der Software nicht ein, dass die Uhr mich darauf hinweist, wenn ich zu schnell oder zu langsam laufe? Es gibt Pulsmessgurte, die können das. Wenn ich schon einen Trainingsbegleiter kaufe, weshalb begleitet er mich nicht, sondern tut so, als wäre er eine Apple Watch für alle, die gern eine hätten, sich aber keine leisten können? Solche Funktionen treiben die Leute am Ende doch nur zum Original.

Ich kann mir gut vorstellen, wie das im Management bei Polar abgelaufen sein wird. Der Chef kam mit seiner nagelneuen Apple Watch Edition rein (Ja, Edition ist die goldene mit dem Mondpreis!), schlug mit der Faust auf den Tisch und sagte: »Das, was meine neue Uhr hier kann, müssen unsere auch können. Baut das ein!«

Bemitleidenswerter Ingenieur mit Ahnung darauf: »Aber dafür ist unser Produkt doch gar nicht gemacht.«

Chef: »Papperlapapp! Baut das ein!«

Bemitleidenswerter Ingenieur mit Ahnung und zweihundert Puls: »Aber DAS GEHT NICHT!«

Chef: »Sie sind RAUS!«

Oder eben so:

Meeting bei Polar