Wir reden wirr

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Im Jahr 2004 machte ich mein Abitur. An den Vorabend meines letzten Schultages erinnere ich mich noch, als wäre es gestern gewesen: Ich saß in meinem Zimmer und trank ein Radler. Im Fernsehen lief »Friss oder stirb« von den Toten Hosen. (Damals spielten Musiksender ja noch Musik.) Wenn ich das Lied heute höre, sehe ich mich wieder dort sitzen, vor dem Fernseher in meinem kleinen Zimmer im Haus meiner Eltern, in der Hand das kalte Getränk, im Kopf die Vorfreude auf den letzten Schultag meines Lebens und noch viel mehr die alles überwältigende Neugier auf das Kommende – ein akustischer Bernstein, ein aufflackerndes Lebensgefühl für immer konserviert. Es war ein perfekter Moment. »Oh, ich liebe dieses Leben«, singt Campino in dem Lied und auch wenn natürlich nicht alles positiv gemeint ist, irgendwie bildeten einige Textfetzen und die Melodie genau meine Gefühlswelt ab. »Und bleibt’s mal irgendwann für immer dunkel, der letzte Abend wird unser bester sein«, heißt es weiter. Was hätte meine Aufbruchstimmung besser beschreiben können?

Jeder Mensch hat natürlich solche Momente und vor allem mit Musik verbindet man eben auch immer wieder besondere Augenblicke und Erlebnisse. Dieser eine ist in der Hinsicht vielleicht nicht mein schönster, wohl aber mein »besonderster«. Vielleicht, weil im Nachhinein alles gar nicht so aufregend wurde, gar nicht so großartig und umwälzend, wie ich es mir damals erhofft hatte. Ich hatte ja keine genaue Vorstellung davon, wohin mein Leben mich führen würde, was ich mal machen würde. Ich hatte zu der Zeit einen Studienplatz sicher, war mir bewusst darüber, dass ich mein Heimatkaff bald verlassen würde. Ich war Single, mir stand die Welt offen und wann immer ich meine Stimmung hinausrief, rief das Echo »Freiheit« zurück.

Na ja, genug Pathos. Sage und schreibe dreizehn Jahre später bin ich ein wenig herumgekommen – nicht allzu sehr und wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, habe ich wohl längst nicht alle Chancen immer so genutzt, wie ich das hätte tun sollen oder können. (Obwohl sich durchaus fragen ließe, ob da überhaupt eine Chance war, wenn sie nicht genutzt wurde.) Ich habe in Stuttgart gewohnt, habe in Bonn gelebt, bin nach Berlin gezogen und wider Erwarten einiger früherer Weggefährten immer noch in dieser Stadt – wenn auch seit ein paar Monaten nicht mehr im quirligen Kern (was in Berlin eigentlich fast jeder beliebige Ort innerhalb des S-Bahn-Rings sein kann – je nach Blickwinkel).

Ich bin jetzt 32 und dass ich mich manchmal unsäglich alt fühle, habe ich ja schon das eine oder andere Mal durchklingen lassen. 32, das ist so eine Zahl, bei der ich automatisch denke, dass da so viel eben auch nicht mehr geht. Die Tatsache, dass wir ein Haus am Stadtrand gekauft haben, ist vielleicht auch nur ein Ausdruck dessen, dass ich mich so angekommen fühle wie sich mein 2004er-Aufbruchego vermutlich nie hätte fühlen wollen. Zu behaupten, ich wäre nicht irgendwie doch wie meine Eltern geworden, wäre jedenfalls eine glatte Lüge. Neulich stand ich auf unserer Terrasse. Über mehrere Stunden hinweg fegte ich Kies in die offenen Fugen der Terrassensteine – ein bisschen ist das wie umgekehrtes Zähneputzen: Man putzt den Dreck halt in die Rillen hinein, statt heraus. Ich stand also dort in meiner Windjacke, den Besen in der Hand und da war es wieder, dieses Lied: »Oh, ich liebe dieses Leben. Das bisschen Sehnsucht bringt mich nicht um.«

Das ist es jetzt also, dachte ich, während Steinchen in die Rillen purzelten, das ist das Resultat meiner Lebensreise. Hier bin ich, angekommen, die Reise ist zu Ende. Ich begann als kaum Erwachsener mit einem Radler im Dachzimmer vor dem Fernseher und endete Kies fegend auf meiner Terrasse. Und bin ich deswegen unglücklich? Aber nein, im Gegenteil. 32 ist ein schönes Alter, um zufrieden zu sein. Mit sich und dem Erreichten, Mit all der Spießigkeit, die ein gewöhnliches Leben mitbringt. Mit all seiner Normalität, für die ich meistens dankbar bin. Und das bisschen Sehnsucht? Bringt mich nicht um.

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Bis in die 80er Jahre hinein hatten die Menschen Angst vor einem Atomkrieg. Dann kam –die Älteren wie auch der regelmäßige Dokugucker jüngerer Generation werden das wissen – das Ende des Kalten Krieges. Alle hatten sich plötzlich lieb, die olle innerdeutsche Grenze verschwand und ich durfte eine behütete Kindheit, garniert mit Unmengen "West"-Spielzeug, genießen. Manchmal, wenn Menschen darüber berichten, wie das war, speziell zu Zeiten der Kubakrise, als die Welt kurzzeitig am Abgrund zu stehen schien, dann würde ich gern wissen, wie sich das wohl angefühlt haben mag – zu befürchten, dass jeder Tag auf Erden der letzte sein könnte.

Tja, und heute haben wir Donald Trump und sind nahe dran, wieder in den Genuss dieses Gefühls zu kommen. Trump bietet zwar mehr Unterhaltungspotenzial als die britische Königsfamilie zu ihren besten Skandalzeiten, gleichzeitig steht hinter diesem offensichtlich irren Kerl mit der geschmacksbefreiten Betonfrisur und seinen nicht weniger wahnsinnigen Untergebenen eine echte Gefahr: nämlich die, den von uns als normal empfundenen Frieden des größten Teils dieser (zumindest westlichen) Welt schnurstracks über den Jordan zu befördern. Und wir erinnern uns: Der Präsident der Vereinigten Staaten besitzt auch heute noch, so bekloppt und orange er auch sein mag, das hübsche kleine Köfferchen mit den Codes, die einen Atomkrieg entfesseln könnten. Eigentlich ein Wunder, dass Trump nach inzwischen knapp 20 Tagen im Amt das Ding noch nicht eingesetzt hat.

Lange kann's ja nicht mehr dauern ...

Na gut, ich will den Teufel wirklich nicht an die Wand malen, aber die Gefahr ist nun mal da, drum folgt nun ein Servicebeitrag. Wer nach dem hellen Blitz, dem Feuerball, der Druckwelle und der Radioaktivität noch steht, der sollte vorbereitet sein. Das »Outland«, die zerstörte und verrohte Welt nach dem Atomkrieg, ist kein schöner Ort zum Verweilen, das kann ich euch sagen. Ich hab immerhin »Fallout 3«, »Fallout New Vegas« und »Fallout 4« durchgespielt, die allesamt ein solches Szenario durchexerzieren, und weiß daher, wie das sein wird, dieses Leben danach. Hier zehn Überlebenstipps von einem, der sich auskennt:

  1. Niemals aus der Toilette trinken! Echt jetzt. Wasser ist nach dem weltweiten Fallout kostbarer als Gold. Wer auch immer so blöd ist und erwartet, das Zeug hinterher in genießbarer Form in einer Kloschüssel vorzufinden, den erwartet ein so qualvoller wie verdienter Tod.
  2. Raus aus der Kanalisation! Wann immer sich draußen eine radioaktive Regenwolke anschickt, die ohnehin dezimierte Bevölkerung weiter auszudünnen, mag es wie eine gute Idee erscheinen, sich in der Kanalisation unterzustellen. Ganz dumme Idee, denn sobald sich dort unten etwas mit leisen Schritten nähern mag, seid gewiss, es handelt sich nicht um die Ninja Turtles. Die sind zwar auch mutiert, aber das, was sich da anschickt, eure Gesellschaft zu suchen, ist zumeist ziemlich groß, hat ziemlich viele Beine, ziemlich viele und große Zähne und mächtig Kohldampf.
  3. Gesellschaft tötet! Solltet ihr euch einer Siedlung nähern, deren Bewohner bereits von weitem zu erkennen lassen, dass sie nicht nur reichlich groß geraten, sondern auch noch mit grüner Haut bedeckt sind, legt den Rückwärtsgang ein. Es handelt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Supermutanten, von irgendeinem wahnsinnigen Warlord oder Wissenschaftler aus Menschenexperimenten gezüchtete Kriegsberserker. Die Bösartigkeit der grünen Zeitgenossen wird nur noch durch ihre miese Laune übertroffen. Gilt allerdings eigentlich auch für so ziemlich alle anderen Typen, die sich in freier Wildbahn antreffen lassen. Kein Wunder: Ich kann mir kaum vorstellen, dass es im wasserarmen Outland anständigen Kaffee gibt. Nach zwei Tagen ohne würde ich schon heute töten.
  4. Kraft rockt! Ihr seid charismatischere Redner als Gregor Gysi zu seinen besten Zeiten, übt allabendlich vor dem Spiegel das Argumentieren für euren Debattierklub und habt deswegen keine Zeit für Sport? Schön für euch, ihr seid so gut wie tot. Im Ernst, der eine oder andere mordlüsterne Bandenchef mag sich von eurem Geschwurbel vielleicht beeindrucken lassen, das allermeiste Viehzeug, das in der verstrahlten Welt kreucht und fleucht, hat allerdings nahezu null Prozent Hirn und hundert Prozent Hunger. Da helfen nur schnelle Beine oder dicke Arme, die richtig dicke Knarren halten können.
  5. Die verlassene Fabrik ist nicht verlassen! Klar, die Grundstücks- und Immobilienpreise sind im Keller, da bietet es sich an, für 'nen schmalen Taler mal eben eine Eigentumswohnung in dieser verlassenen Fabrik gleich um die Ecke zu beziehen. So reizvoll das eigene Loft zum Nulltarif auch scheinen mag, eine gute Idee ist der Einzug nicht. Irgendeine Bande marodierender Hipster hatte die Idee nämlich schon vor euch und im günstigsten Fall werdet ihr von denen einfach nur gegessen.
  6. Nur mit den großen Kindern spielen! Falls ihr Punkt 3 nicht berücksichtigt habt, wider Erwarten trotzdem noch leben solltet, und dabei Freunde gefunden habt, bleibt bei ihnen, solange sie diejenigen mit den dicken Wummen sind. Finger weg von Rebellen und anderem Gesocks, das euch nur mit eurer Unterhose als Rüstung zu irgendwelchen Rettungsaufträgen schickt, bleibt bei denen mit den fetten Rüstungen und vor allem den fetten Waffen. Nichts ist schöner, als mittels richtigem Equipment mit ordentlich Feuerkraft ein zu zehn Metern Größe mutiertes Insekt fertig für den Weber-Gasgrill zu machen.
  7. Niemals zu Hilfe eilen! Ihr hört Radio, weil Netflix im Outland nicht mehr funktioniert? Gute Idee, schließlich macht ein wenig Musik das öde Leben etwas weniger öde. Solltet ihr allerdings per UKW einen Hilferuf auffangen, denkt immer an Admiral Ackbar aus »Star Wars«, der schon damals in seiner Weisheit sagte: »Es ist eine Falle!« Grundsätzlich nicht zu helfen mag euch zwar schlechtes Karma bescheren, aber vergesst nicht: Erstens überlebt ihr. Und zweitens, solltet ihr nach dem dennoch unvermeidlichen Ableben mangels Karma als Insekt wiedergeboren werden, so seid ihr immerhin ein paar Meter groß und kräftig wie Hulk.
  8. Der Messie wird siegreich sein! Ihr habt auf der Pirsch eine kaputte Kaffeemaschine, drei Zigarettenstummel und den Henkel einer Teetasse gefunden? Prima und hoffentlich habt ihr das Zeug mitgenommen. Im KaDeWe wird es nach der Apokalypse definitiv nichts mehr zu kaufen geben und irgendein postapokalyptischer MacGyver aus eurer Nachbarschaft könnte euch vielleicht verraten, wie sich aus den genannten Zutaten ein Protonenredongulator bauen lässt. Was das ist? Keine Ahnung, aber im Zweifel lässt sich damit irgendeinem Fiesling die Birne einschlagen.
  9. Kronkorken sammeln! Fast schon der wichtigste Tipp, auch wenn er komisch klingen mag. Erwartet halt nicht, nach der atomaren Pulverisierung mit Euro bezahlen zu können. Kronkorken dagegen sind die Travelers Cheques der tristen radioaktiven Zukunft und in jedem Gebrauchtwarenhandel gern gesehen, glaubt mir!
  10. Nicht die AfD wählen! Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie neigt dazu, sich zu zitieren. Mit ein wenig Glück wird auch nach der totalen Vernichtung noch mal eine Art zivilisierte Gesellschaftsform entstehen – mit demokratischen Wahlen, zu viel Bürokratie, der Telekom und Mineralölsteuer. Und mit Sicherheit wird es dann auch wieder einen Haufen rechter Populisten geben, die meinen, alles sei scheiße und ließe sich mit ihnen an der Macht viel besser gestalten, indem man einfach alles verteufelt, was anders ist als man selbst. Denkt immer dran: Typen wie die haben euch überhaupt erst in diese beschissene Situation gebracht.

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smoothieIch sage, dieser ganze Ernährungswissenschaftskram ist Quatsch. Ich bin der (noch) lebende Beweis, dass das alles Blödsinn sein muss, was einem von den Lebensmittelindustrievertretern mit Haifschgrinsen erzählt wird, die sich als Wissenschaftler verkleiden, indem sie sich einen Kittel überwerfen: Iss jeden Tag dein Gemüse auf, von jeder Obstsorte mindestens zwei Kilo, dann wirst du ewig leben und kannst nur noch sterben, indem ein anderer, der ebenso jeden Tag tonnenweise Gemüse und Obst vernichtet, dir mit einem in den schottischen Highlands geschmiedeten Schwert den Kopf abschlägt. 

Ich esse täglich mindestens einen Apfel, meistens eine Banane und vor allem ... trinke ich Smoothies. Jeden Morgen einen. Ich ziehe das so konsequent durch wie eigentlich kaum etwas sonst: Aufstehen, Klo, Frühstück, Klo, Zähneputzen, Klo, ein bisschen Prokrastination am Smartphone, Klo und DANN den Smoothie, bevor ich aufs Klo und dann zur Arbeit gehe. Durch die Smoothietrinkerei müsste ich eigentlich längst unbesiegbar sein, kugelsicher sowieso. Smoothies sind der Gegenentwurf zum Feierabendbier. Alles, was an Bier schlecht ist, kehrt ein Smoothie ins Gegenteil. Nur fett machen sie beide. Würde ich nicht an jedem verdammten Morgen einen Smoothie trinken, hätte ich vielleicht längst einen Waschbrettbauch. Stattdessen sieht mein Körper selbst nach vielen Jahren Sport immer noch aus wie eine Riesenleberwurst im Naturdarm. Toll! Danke Smoothie, danke Merkel!

Und ich schreibe mich hier gerade nur deswegen so in Rage, weil ich alle drei, vier Wörter husten und drei Kilo Rotz in ein Taschentuch entladen muss, was sich zusammen anfühlt, als wollte sich mein Inneres nach außen kehren, wobei: Wenn ich derzeit in den Spiegel schaue, beschleicht mich eher das Gefühl, das Äußere wollte sich eher wieder nach außen kehren und das Innere zurück nach innen – so schlimm steht es um mich! Jedenfalls huste und schniefe ich, als gäbe es kein Morgen und mit jeder Stunde, die hustend und schniefend ins kontaminierte Land zieht, bekomme ich den Eindruck, das mit dem Morgen könnte sich noch bewahrheiten. Denn ich habe Männerschnupfen! Jene furchtbare Krankheit, die nur XY-Chromosomträger befällt, erbarmungslos wie die Ansteckungsgefahr während einer Zombieapokalypse und von der wir Männer nie wissen, ob wir sie überleben werden – und falls doch, in welchem erbarmungswürdigen Zustand. Diese Krankheit, die den Frauen dieser Welt absolut null Mitleid abringt, was das Leiden nur umso schlimmer macht.

Was mich jedenfalls derart in Rage versetzt, ist dass ich nun bereits die zweite blöde Erkältung innerhalb desselben Quartals habe. Innerhalb eines Monats sogar! Durch die verflixten Vitamine müssten meine Immunzellen längst mit Kevlarwesten und Integralhelmen ausgestattet sein, stets bereit, selbst einen Meteoriteneinschlag einfach abzuwehren. Stattdessen herrscht scheinbar Tag der offenen Tür für alle gängigen Berliner Bazillen. »Hereinspaziert, hereinspaziert, hinten stehen Kaffee, Kekse und funktionstüchtige Atemwege für Sie bereit!« Klasse!

Wozu also, frage ich, trinke ich dann diese blöden Smoothies? Da könnte ich, um darauf zurückzukommen, auch gleich morgens in erster Amtshandlung ein Bier zischen. Ich sehe da gerade lauter Vorteile: In den Flaschen ist mehr drin, es erzeugt keinen Plastikmüll, Bier ist erfrischender, es macht nach reichlich Konsum Mett- und Eierbrötchen zur schmackhaftesten Delikatesse des Universums und endlich hätte ich auf der Arbeit mal wieder gute Laune. Okay, vielleicht nicht sonderlich lange, denn wer seine Fahne konsequenter durch die Gegend trägt als der überzeugteste Kommunist, dem ist vermutlich keine sonderlich lange Karriere vergönnt, es sei denn, er arbeitet bei Warsteiner im Testzentrum.

Gut, Bier tut so gar nichts für die Gesundheit, geballte Vitaminpower aber ja nun offenbar auch nicht. Alles Lügenpresse, was da auf den Flaschen steht. Ich sage: Smoothies töten! Denn alles, was nicht zu meiner Gesundheit beiträgt, unterstützt meine Sterblichkeit und ist damit de facto ein Mörder. Und immer, wenn ich jetzt röchelnd und schnaufend den Kühlschrank öffne, mit blutunterlaufenen von den Schatten Mordors umringten Augen nach was Essbarem suche, dann fallen mir diese kleinen bunten Killerfläschchen ins Auge. Wie Spielzeugatombomben liegen sie da, sorgfältig aufgereiht: rote, gelbe, weiße, gefüllt mit püriertem Schleim aus Früchten, die ich in meinem Leben noch nicht gehört, gesehen oder geschweige denn gegessen habe.

So stehe ich vor der geöffneten Kühlschranktür und starre sie an. Und die Smoothies starren zurück. Wie im Westernduell stehen wir uns gegenüber, ein Steppenläufer weht frech über den staubigen Weg, die Türen des verlassenen Saloons knarzen vom Spiel des rauen Windes und im Hintergrund säuselt leise die ikonische Musik von Ennio Morricone. Und ich weiß, ich kann dieses Duell nur verlieren, schließlich habe ich Männerschnupfen, bin längst geschlagen, weshalb die Smoothieflaschen mich weiterhin einfach nur anstarren, bis sie im Chor sagen: »Tja, krank sein ist schon scheiße, oder?«

Recht haben sie, krank sein ist scheiße. Man fühlt sich schwach und mitunter so wirr, dass Dinge mit einem reden. Und das gerade, wo die Alternative – nämlich gesund sein – doch so einfach zu sein scheint. In der Hoffnung, dass ich mich in meiner erkältungsbedingten Grantigkeit irre, trinke ich doch wieder einen dieser blöden Smoothies. Und selbst wenn sie, wie ich vermute, tatsächlich null Wirkung haben sollten, abgesehen von der des Lebenserhaltungssystems meiner Fettschicht, dann bleibt mir doch irgendwie keine andere Wahl, als sie zu trinken, denn es ist, verdammt noch mal, kein Bier im Haus!

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Als ich klein war, dachte ich, Alter wäre etwas, das nur anderen passiert. Als Dreikäsehoch ist die Welt ziemlich winzig – soll heißen, meist reichte sie gerade bis zu dieser einen Straße, die ich auf keinen, aber auch wirklich auf GAR KEINEN Fall allein überqueren durfte. Vielleicht ist das für Kinder heute anders, aber vor über zwanzig Jahren gab es halt noch kein Internet, meine Heimat war in eine unüberwindbare Grenze eingezwängt und das einzige von weiter weg, was mir unterkam, waren die Westpakete meiner Urgroßtante aus Baden-Württemberg. Aber erwachsen werden, so alt und grau wie Oma und Opa und vielleicht sogar eines Tages dieses ominöse Sterben mitmachen zu müssen, nee, das war nichts, was mir passieren würde. Viel zu absurd, die Vorstellung. Andere von mir aus, aber mein Leben hatte gefälligst in Wachs gegossen zu sein.

Mit diesem Glauben ließ es sich prima leben. Ich konnte Tage grandios verschwenden, indem ich auf einer Wiese herumlag und in die Wolken starrte, um Bilder in ihnen zu erkennen, ich konnte zum zwanzigsten Mal denselben Trickfilm gucken, die unproduktivsten Dinge des Universums tun, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen und dachte eigentlich nie über so abstrakte Dinge wie Zeit nach – darüber, dass sie vergeht, dass man sie nicht wiederbekommt und dass man sie vielleicht ja mal sinnvoll nutzen sollte. Was war schon Sinn, was war Zeit? Jedenfalls nicht so cool wie Cartoons und Wrestling auf RTL2.

In meiner Jugend hielt ich mich längst nicht mehr für unsterblich, aber durchaus noch für unbesiegbar. Hier und da hörte ich schon mal von anderen Jugendlichen, die schlimme Krankheiten bekamen, die darüber hinwegkamen oder auch nicht, und hin und wieder verunglückte auch mal jemand, den ich aber nie wirklich gut kannte. Im Großen und Ganzen blieb alles wie es war: Ich hatte alle Zeit der Welt und wusste sie immer noch nicht so richtig zu schätzen. Es würde immer ein Morgen geben, um richtig anzufangen mit ... was auch immer, aber einfach fest genug dran glauben würde schon helfen. Irgendwo am Horizont ließ sich allmählich erahnen, dass es nicht ewig so weitergehen würde, dass ich erwachsen werden und sich alles für immer ändern würde und dass die kleinen Sorgenfalten, die sich dabei auf die Stirn verirrten, eines Tages nicht wieder verschwinden würden, sobald der lästige Gedanke abgeschüttelt war.

Inzwischen ist es auch so gekommen. Es fing nicht mal damit an, dass ich plötzlich erwachsen war, Alkohol kaufen und Ab-18-Filme im Kino anschauen durfte, ohne mich irgendwie durchmogeln zu müssen. Das war alles noch ganz cool und aufregend. Es schlich sich eher so ein. Erst war es nur eine Dissonanz hier und da, inzwischen ist daraus eine mitunter wirklich hässliche Melodie geworden. Ich denke oft über den Tod nach. Über all das, was bereits hinter mir liegt. Zum Glück nie über verpasste Chancen, das ist immerhin etwas und das hätte ich auch albern gefunden. Auch nicht so oft darüber, wie viel Zeit ich mit Dingen verschwendet habe, die unsinnig waren, denn wenn auch ich nicht mehr frage, was Zeit ist, dann aber schon noch, was Sinn überhaupt sein soll.

Trotzdem: Ich bin nun 32, eigentlich immer noch annehmbar jung. Wenn ich nur auf die Zahl schaue, kommt mir dieser ganze Text hier wahnsinnig bekloppt vor. Schaue ich dagegen in den Spiegel, sehe ich hinter meinen Augen den Jungen von früher, der sich fragt, was zum Teufel passiert ist. Vielleicht liegt es daran, dass die ersten Einschläge doch schon kamen: Ende des letzten Jahres starben meine Oma und mein Onkel in kurzer Folge. Bevor ich abends schlafen gehe, nehme ich seit längerem eine Tablette gegen zu hohe Blutfettwerte, um nicht irgendwann mit 'nem Herzkasper vom Stuhl zu kippen. Das zusammengenommen mit allerlei Gedankenspielereien und Verlustängsten hat in meinem Gemüt über die Jahre – wie Salat, der zulange herumstand – aus einem knackigen »Carpe diem« ein siffiges »Memento mori« werden lassen.

Aber gut, es ist ja auch Herbst, die Sonne lässt sich seit Wochen nicht blicken, ich bin erkältet und an Geburtstagen bin ich sowieso grundsätzlich melancholisch und die Grummeligkeit in Person. In diesem Sinne: Happy birthday to me!

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Neulich, ich war auf dem Heimweg, stieg eine Frau vor mir aus dem Bus aus, in deren Nacken ich ein Tattoo entdeckte. Nun ist es wenigstens in Berlin nichts Ungewöhnliches, tätowiert zu sein – im Gegenteil: Man ist fast schon Avantgarde, wenn man keine Tintenkleckse unter der Haut mit sich spazieren trägt. Irgendwann wird eine Generation von Rentnern die Straßen bevölkern, deren faltige Körper von oben bis unten mit ebenso faltigen Motiven aller Art verziert sind. Faltige Bilder gelebter Leben. Vielleicht werden Tattoos bis dahin schon wieder so sehr aus der Mode sein, dass jüngere Menschen sich fragen werden, was die alten Tattergreise nur geritten haben könnte, sich selbst so zu verunstalten. Aber egal, einstweilen ist es cool, tätowiert zu sein, und wer es nicht ist, der ist ’ne ignorante Randerscheinung. So wie ich, der Zaungast der Gesellschaft, der sich über all die bunten Extremitäten in der Öffentlichkeit doch ein bisschen wundert – nicht aufregt, denn so viel Liberalität hat Berlin mir inzwischen angewöhnt, aber wundert eben.

Besagte Frau fiel mir bei aller Normalität jedenfalls trotzdem auf. Es war nicht, wie sie aussah, welche Kleidung sie trug oder wie sie ihre Haare frisiert hatte. Was das anging, gab sie eine ganz gewöhnliche Figur ab. Und wahrscheinlich hat sie einen ebenso gewöhnlichen Bürojob, dem sie von neun bis fünf nachgeht und dessen gelegentliche Tristesse sie durch sozial akzentuierte Pausen in der Kaffeeküche auflockert. Umso seltsamer mutete eben das Tattoo an. »Life is fucking crazy« stand nämlich in ihrem Nacken. Geschwungene Schrift, leicht verschnörkelt, wie man das eben so schreiben würde, wenn man wüsste, das geht nicht mehr weg. »Life is fucking crazy« – ich glaube, kein Spruch dieser Welt hätte besser ausdrücken können, wie gewöhnlich wir doch alle sind.

Ich musste in dem Moment, als ich das Tattoo entdeckte, kurz daran denken, dass wir alle einmal gestorben sein werden. Auch die Frau mit dem Tattoo wird dann vielleicht in einem Sarg liegen und vor sich hin modern, wenn sie nicht gerade eine Feuerbestattung bekommen haben wird. Ein Leichnam, den Würmern als Festschmaus vorgesetzt, und im faltigen, von der unbarmherzigen Hand des Todes kalten Nacken wird immer noch »Life is fucking crazy« stehen. Nicht »Life was fucking crazy«, wie es sich in diesem Fall gehören würde – eine glatte Lüge also. Ein Tattoo kann sich bekanntlich nicht nach dem wechselhaften Lebensstatus seines Trägers richten – immer wieder dann ein Ärgernis, wenn etwa jemand »Jessica-Chiara & Dennis-Robin 4ever« auf dem Unterarm stehen hat, obwohl Jessica-Chiara und Dennis-Robin doch schon seit einem halben Jahr gar kein Paar mehr sind.

Die Dinge ändern sich, Menschen ändern sich, doch ihre Tätowierungen ändern sich nicht mit ihnen. Die Motivwahl ist ohnehin schon eine Crux. Gesellschaftlich relevante Themen zu verbildlichen beispielsweise, dürfte meistens eher eine schlechte Idee sein – ähnlich wie der oben genannte Liebesschwur schneller irrelevant sein kann als ein C-Promi nach einem Aufenthalt im Dschungel-Camp, dürfte es sich mit fast allen zeitgeschichtlich gerade relevanten Dingen verhalten. Na gut, ein Tattoo des unfertigen Hauptstadtflughafens könnte durchaus auf Lebenszeit aktuell bleiben und zudem so ungefähr den kompletten Körper abdecken, schön ist aber was anderes. Tiere dagegen bieten sich als Motiv immer an. Ein Wolf etwa, den können wir Menschen zwar auch ein zweites Mal ausrotten, aber deswegen wird er nicht in zehn Jahren uncool sein. Wölfe sind coole Tiere. Waren sie immer schon, werden sie auch immer sein. Warum also nicht den Steppenwolf irgendwohin tätowieren? Hat dann auch gleich was Metaphorisches – einsamer Wolf und so. Aber ein Spruch wie »Life is fucking crazy«?

Ich habe vor einiger Zeit eine Theorie aufgestellt: Immer dann, wenn irgendetwas mit einem Attribut angepriesen wird, kann man ziemlich sicher sein, dass dieses Etwas die versprochene Eigenschaft genau nicht besitzt. Denn wenn es doch so wäre, dann müsste nicht extra mit dem verbalen Zeigefinger darauf hingewiesen werden. So wird es wohl auch mit dem »Life« sein, das erstens nicht »crazy« ist und zweitens schon gar nicht »fucking«. Ob die Frau mit dem Tattoo sich dessen wohl bewusst ist? War sie es, als sie sich für dieses Motiv entschieden hatte? Wollte sie ihr gewöhnliches Dasein kaschieren? Oder hielt sie sich und ihr Leben tatsächlich für so »crazy«, als sie dem Tätowierer erlaubte, ihren Nacken auszuschildern?

Da mir ihr Gesicht nicht bekannt vorkam – und ich habe ein wahnsinnig gutes Gesichtergedächtnis –, kann ich ruhigen Gewissens davon ausgehen, dass sie in früheren Jahren weder Rockstar war, noch erfolgreiche Schauspielerin oder sonst wie derart aus der Gesellschaft herausstechend, als dass sie ein »fucking crazy« Leben geführt haben könnte. Aber vielleicht tue ich ihr ja Unrecht. Vielleicht ist »fucking crazy« im Kleinen gemeint. Eben nur für sie. Ein auf Haut verewigter Insider ihres Daseins. »Fucking crazy« für sie und ihren Partner und die Kinder? Vielleicht ja, und ist es nicht irgendwie auch ein schöner Gedanke, das eigene Leben für so besonders zu halten, ihm so viel Bedeutung beizumessen, dass man es der Welt mitteilen möchte – zumindest der Welt, die in der Fußgängerzone direkt hinter einem läuft? Denn ganz egal, wie groß und erfolgreich wir Menschen zu Lebzeiten sein oder werden mögen, am Ende sind wir doch alle nicht mehr als ein Wimpernschlag in der Geschichte der Welt. Schall und Rauch und Asche, wenn dereinst die Sonne zum Roten Riesen wird und uns alle verschlingt.

Wie auch immer, am Ende ist es immer noch ein bisschen doof, tot zu sein und »Life is fucking crazy« im Nacken stehen zu haben – auch wenn es dann keiner mehr sieht – abgesehen von den Würmern, die aber nicht lesen können (Bücherwurmwitz bitte hier selbst einfügen). Dann vielleicht doch lieber ein chinesisches Schriftzeichen in den Nacken stechen lassen, das irgendeine alte ebenso chinesische Weisheit darstellen soll, am Ende aber doch nur »35 mit Reis« bedeutet. Zumindest hierzulande kann das nämlich auch zu Lebzeiten schon kaum einer lesen und Zaungäste der Gesellschaft wie ich müssen sich dann keine Gedanken über den tieferen Sinn machen, Punkt.

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Manchmal wünsche ich mir, irgendwann in ferner Zukunft Enkelkinder zu haben. Das ist natürlich völlig absurd, weil ich selbst keine Kinder haben möchte. Dennoch mag ich den Gedanken, als mit Weisheit gesegneter Opi in meinem unfassbar bequemen Ohrensessel zu sitzen, eine karierte Decke mit Goldrand über dem Schoß und ein Rudel Halbwüchsiger im Halbkreis vor mir sitzend, das staunend zu dem kahlen aber mit einem imposanten weißen Bart gesegneten Großvater aufschaut und sich elegant ausgeschmückte Geschichten von früher anhört, während die Großmutter etwas abseits sitzt und mit halbem Ohr zuhört, was der Greis jetzt schon wieder für Blödsinn verzapft.

Das wären dann Geschichten, wie sie selbst heute schon fast wie aus grauer Vorzeit klingen. Zum Beispiel, dass wir, als ich selbst noch ein Dreikäsehoch war, keine Heizung hatten, sondern nur einen wuchtigen Kohleofen, in dem ganz bestimmt kinderfressende Kobolde lebten, die nachts hervorkamen und uns schlafenden Kindern die Seele absaugten. Morgens nach dem Aufstehen war es so kalt in der Wohnung, dass wir unsere blaugefrorenen Füße in ausgehöhlte Eisblöcke steckten, um sie zu wärmen. Okay, das ist etwas weit hergeholt, klingt für unwissende Kinder, die sich den gut gepolsterten Hintern an der Fußbodenheizung wärmen, aber sicherlich ganz faszinierend.

Und dann wäre da die Geschichte, dass es ja damals kein Telefon gab, zumindest nicht bei uns auf dem Land, wo unachtsame Spaziergänger noch von riesigen Wölfen gefressen wurden. Für Kinder, deren Hände – der Evolution sei dank – vermutlich bereits allein für das Halten eines Smartphones geformt sein werden, sicherlich ein unvorstellbar barbarischer Zustand. Aber es war ja so. Wir mussten eben einfach losziehen und solange bei Freunden klingeln, bis eine ausreichend große Gruppe zusammengetrommelt war, mit der sich was Anständiges anfangen ließ: mit Spraydosen kleine Wälder abfackeln zum Beispiel. Dicke Kinder gab es deswegen nicht, schließlich wohnten alle ausreichend gut im Ort verteilt, und hin und wieder ging auch mal ein Kind auf dem Weg zu Freunden für immer verloren – zumindest erzählte man sich das, und der komische Typ, der ständig sein Auto wusch, war auf jeden Fall ein Kindermörder, der leckere Süßigkeiten anbot, wenn man zu nah heranging und zu dem man auf gar keinen Fall ins frisch gewaschene Auto steigen durfte –, aber so war das eben. Wer sozial sein wollte, musste noch ganz andere Opfer bringen als einer im Sekundentakt nervig piepsenden WhatsApp-Gruppe beizutreten oder beim gemeinsamen Pokémon-GO-Spielen in den Dorfteich zu fallen.

Außerdem würde ich in epischer Länge über das Nichtvorhandensein adäquaten Spielzeugs fabulieren. Hm, ob Kinder in 40 Jahren noch wissen werden, was nicht digitales Spielzeug ist? Sogar bei digitalem Kram wird es doch heute schon schwierig: Welches Kind weiß bei all den hochauflösenden Bildschirmen denn heutzutage noch, was ein echtes Pixel ist? Als ich jünger war, waren Pixel groß wie Grizzlybären und mindestens genauso gefährlich. Aber zurück zum Spielzeug, das wir, wie schon angedeutet, ja quasi gar nicht besaßen, weshalb wir mit Mottenkugeln und Rattenködern »Glückliche Familie« spielten. Na gut, gelogen, aber das werden die Kinder ja nicht merken. Was nicht gelogen ist: Meine Kindheit war dermaßen unschuldig, dass ich statt ausufernder Weltraumschlachten einfach nur das Märchen »Der Wolf und die sieben Geißlein« nachspielen wollte. Die Geißlein hatte ich, den Wolf sowieso, aber die Mutter fehlte mir, weshalb ich sie im Kindergarten klauen musste. Wir hatten ja nichts, hab ich das schon erwähnt? Nun gut, jedenfalls wurde ich erwischt, trotzdem nicht bestraft und hatte hinterher endlich die olle Ziegenmutter für mein Spiel. Wenn das nicht pädagogisch wertvoll war, was dann? Klauen lohnte sich offenbar voll, aber das würde ein weiser Großvater in seinem Haus voller wertvollem Kram natürlich nicht den Kindern erzählen, die ihm gebannt lauschen.

Apropos klauen: Derweil ich so darüber nachdenke, fällt mir auf, dass das ganze Prinzip meiner Gedankenspielerei von »Käpt’n Blaubär« gestohlen ist. Ach, es ist doch eine Crux: Kaum erfindet man was, hat’s schon irgendwer vorher erfunden. Aber wie gesagt, mit den brav zuhörenden Enkelkindern wird es eh nichts, also werde ich mir wohl doch lieber einen wunderschönen Krückstock kaufen, mit dem ich drohend in der Luft herumfuchteln werde, während ich unverständliches Zeug schimpfe, weil mir nicht gefällt, was die Nachbarskinder schon wieder treiben. So lässt sich der Lebensabend sicher auch gut aushalten.

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Manchmal stehe ich morgens vor dem Spiegel und schaue diesen schönen Mann an. Ich drehe die Shampooflasche* dann um, weil meine Haarpracht sowieso nie den Level des Kerls auf dem Etikett erreichen wird. Etikettenschwindel ist das, suggeriert doch der werbende Aufdruck, man könne sich nach reichlich Gebrauch genüsslich mit den Händen durch die wallende Mähne fahren. Wallende Mähne ... die wüchse mir vielleicht am Kinn, würde ich nicht ab und an mit dem Gesichtsrasenmäher drüberfahren.

Und apropos Bart: In selbigem wachsen seit einiger Zeit zwei weiße Haare frech und fröhlich vor sich hin. Nicht eines, nein, es sind zwei – weil doppelt besser hält? Und nicht grau sind sie, sondern weiß. WEISS! An manchen Tagen fühle ich mich wahnsinnig jung und energiegeladen. An diesen Tagen sprechen die beiden weißen Haare zu mir und sagen: »Nope, du bist alt, Kollege. Nicht wahnsinnig alt, aber das kriegen wir auch noch hin. Und bis dahin sind wir zwei ein kleiner Vorgeschmack.« An anderen Tagen dagegen fühle ich mich schon von Haus aus alt. Ich stehe auf, strecke den Rücken durch und die Geräusche meiner Wirbelsäule ergeben eine saubere c-Moll-Tonleiter, gespielt auf einem hölzernen und morschen Xylophon. An diesen Tagen hätten die Ringe unter meinen Augen Anrecht auf eine eigene Postleitzahl. Stehe ich dann im Bad vor dem Spiegel, denke ich nicht mehr allzu vieles, nur noch: Puuuh!

Mein Hirn hat die manchmal blöde Eigenart, Erinnerungen nicht verblassen zu lassen. Verblassen tut regelmäßig nur, was ich morgen unbedingt erledigen wollte. Ich sehe das meiste von dem, was einmal war, noch ganz deutlich vor mir, fast als wären all diese Erinnerungen Miniaturausgaben dessen, was vergangen ist. Dioramen, in die ich hineingreifen kann, wenn ich möchte, fühlen, wie es damals war, ohne jedoch jemals wieder Teil dessen sein zu können. Das kann sehr zermürbend sein. Es ist grundsätzlich ja schön, wenn man sich erinnern kann, das weiß ich sehr wohl, aber manchmal ist es eben auch ein Fluch. Denn irgendwo in mir schlummert noch das Kind von damals, fragt sich morgens vor diesem blöden Spiegel, was plötzlich passiert ist, wer dieser Mann da ist, und meint damit nicht den üppig behaarten Typ auf dem Etikett der Shampooflasche.

Dieses Kind, hatte morgens regelmäßig den Haarwirbel am Hinterkopf niederzuringen. Ein Ärgernis, das heute nicht mehr existiert und somit direkt in ein anderes Ärgernis übergegangen ist: Sonnenbrände am Hinterkopf ... Dieses Kind stellte sich, während es sich kämmte, gern vor, dass sich hinter dem Spiegelschrank eine Geheimtür in irgendein gemütliches Fantasiereich verbarg. Na ja, im Wesentlichen ging es dabei darum, gedanklich der Schule zu entfliehen. Der Mann, der heute vor dem Spiegel steht, vermutet im Schrank allerhöchstens noch eine angefangene Packung Kopfschmerztabletten, sicher aber keine geheimen Türen.

Mit Anfang 30 steckt man in einer seltsamen Situation: zu alt um sich noch dauerhaft jugendlich zu fühlen und zu jung um sich weise fühlen zu dürfen. Dafür funktioniert der Verstand noch ausgezeichnet genug, um sich darüber Gedanken und Sorgen gleichermaßen zu machen. Mit Anfang 30 ist man quasi eine Ente: Kann nicht richtig gut fliegen, kann nicht wirklich gut schwimmen, schmeckt aber gut. Na immerhin!

Aber okay, genug der Altersärgernisse einstweilen, genug der Lethargie der vergangenen Wochen, auch wenn es hin und wieder mal sehr angenehm ist, nach Feierabend wenig produktives zu tun, tonnenweise Netflix-Serien wegzuatmen und ansonsten fünfe gerade sein zu lassen.

* Das mit dem Shampoo ist frei erfunden. Auf dem Zeug, das ist benutze, ist nichts aufgedruckt, abgesehen vom Markennamen und dem Hinweis, dass es sich um Shampoo handelt (und nicht etwa um Barbecuesauce).

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30 sein ist blöd. Ich bin's ja jetzt schon ein Weilchen, aber irgendwie gewöhne ich mich nicht daran. Beim besten Willen nicht! Nach meinem Alter gefragt, schwebt immer noch zuerst eine 2 durch meinen Kopf, bis ich dann realisiere: Ach nee, ich bin ja jetzt alt. Dabei stimmt das gar nicht, und es fühlt sich auch nicht wirklich so an. Es ist eher ein Zwischending, so wie der Pizzaburger: Nichts halbes und nichts Ganzes, alles in allem aber auch ein bisschen eklig. Mit 30 bin ich zu jung, um mich alt zu fühlen, aber gleichzeitig auch zu alt, um mich noch jung zu fühlen. Das geht einfach nicht richtig klar.

Ich hätte gar nicht gedacht, dass dieses Alter so was Einschneidendes haben könnte, es ist aber so. Ein bisschen kann ich mir jetzt gedanklich ausmalen, wie es dann sein muss, mit knapp 50 oder so in eine waschechte Midlife-Crisis hineinzustolpern. Ich habe jetzt mit 30 nicht das Gefühl, was verpasst zu haben in meinem Leben. Es gibt ja Leute, die laufen mit einer imaginären Checkliste durch den Tag und meinen, möglichst früh am besten schon die ganze Welt bereist zu haben. Das habe ich gar nicht mal. Ich mag die Welt nicht, die interessiert mich nicht, hat sie auch nie. Aber es ist so, bzw. geht es mir so, dass doch viele Gedankengänge in ihrer Wichtigkeit durcheinandergequirlt worden sind. Das schlich sich so in den letzten Monaten ein. In den Zwanzigern etwa dachte ich noch, dass ich mal aus meinem Job ausbrechen würde, einfach was ganz anderes machen, dass ich ja auch jede Menge andere Möglichkeiten hätte. Inzwischen finde ich das gar nicht mehr sonderlich relevant. Dass aus mir wohl kein Bestsellerautor mehr werden wird, nun ja, das kann ich inzwischen ganz gut verschmerzen. Ist ja auch heilsam, da mal ehrlich zu sich selbst zu sein: Mir fehlt das Talent, und mir fehlt auch das Feuer. Gerade Letzteres ist doch ein bisschen erloschen. Als hätte, kaum wurde ich 30, irgendwer den Ofen ausgemacht.

Wie gesagt, ist auch gar kein fieser Gedanke, der sich da eingenistet hat. Es ist nur so, dass andere Dinge an Relevanz gewonnen haben. Beispielsweise kann ich das Leben im Hier und Jetzt viel mehr wertschätzen. Einmal aus dieser Was-noch-werden-könnte-Blase ausgebrochen lebt es sich doch deutlich intensiver. Ich mäandere weniger durchs Dasein, plane weniger Dinge, die ich sowieso nicht umsetzen würde. Dafür mache ich nun aber eben auch mal was, gehe Themen wirklich an. Die Wochenenden mit einer Tasse Kaffee auf der Couch zu starten, das Notebook auf dem Schoß, und irgendwelche Texte in Blogs zu klöppeln, das alles war gut und schön, aber inzwischen hat sich der gedankliche Standpunkt manifestiert, dass auch mal was vorangehen muss. Zeit, Texte in Blogs zu klöppeln bleibt auch so noch, aber ein grundsätzlicher Lebensinhalt sollte das wohl nicht werden. Das Schlimmste, was ich mir für mich vorstellen kann, ist in 30 Jahren noch immer dieselben Rituale zu haben, morgens dieselben Seiten anzusurfen, dieselben alten Lieder zu hören, immer noch zu denken, ich könnte alles erreichen, ich müsste es ja nur wollen. So funktioniert das alles nicht. Im eigenen Saft schmoren ist schon mal ganz okay, aber wenn der Saft ranzig wird, sollte man wohl aus dem Topf steigen.

Dass ich auch mal was wirklich angehe, mag auch damit zusammenhängen, dass ich seltsamerweise ganz schlimm das Gefühl habe, nicht mehr genügend Zeit zu haben. Das korreliert nicht wirklich mit dem Gefühl, nie wirklich was verpasst zu haben, ich weiß, aber hat ja auch keiner behauptet, dass Gedankengänge zusammengenommen ein Großes und Ganzes ergeben müssen. Auch das hat sich innerhalb der letzten Monate so eingeschlichen. Weihnachten? Ist ja quasi schon morgen. Das Jahr 2016? So gut wie auch schon erledigt. Dass die Zeit immer schneller vergeht, je älter man wird, das Gefühl kennt wahrscheinlich jeder. Aber gehört da auch zwingend dazu, dass man stets denkt, alles Künftige wäre quasi im Nu schon wieder vorüber? Das treibt seltsame Blüten. Wenn ich beispielsweise durch ein Buchgeschäft laufe, kann ich mich kaum richtig für ein Buch entscheiden, weil ich mit jeder Entscheidung bedauere, welche Bücher ich deswegen wohl in meinem Leben nicht mehr lesen können werde. Jetzt noch schnell was Neues anfangen? Lohnt ja gar nicht richtig. Und gleichzeitig ist da eben auch dieses: Wenn nicht jetzt, wann dann? Also los!

Brrr, schlimm ist das! Fast, als wäre ich wieder in der Pubertät angelangt, nur ohne Akne und den schrecklichen Fluch, mich ständig in irgendwelche Mädels zu verknallen. Kann das mal wer abstellen? Und wird das eigentlich noch schlimmer, wenn ich dann 40 bin? Leidensberichte gerne in die Kommentare. Mit 50 bin ich dann wahrscheinlich auch ein perfekter Midlife-Crisis-Kandidat. Dann werde ich wieder Band-Shirts kaufen, in Jeans-Jacke auf Rockkonzerten mit dem Fuß wippen, während das Plastikbecherbier in meiner Hand pisswarm wird, und mir diesen riesigen Totenkopf auf den Rücken tätowieren lassen, für den meine Mutter mich früher garantiert gekillt hätte. Na ja, so gesehen könnte es dann wohl auch schlimmer kommen.

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Da bin ich also im angekommen im Sommerloch – wieder mal. Während Berlin gähnend leer ist wie nach der Zombieapokalypse, weil all die Berliner an den Stränden der Welt noch nach ein paar freien Handtuchzentimetern suchen, harre ich aus und sinniere über das Leben nach. Etwa wie das so ist, jetzt mit 30 und fast 31. Sofern ich mich nicht in den kommenden Tagen in einen Klumpen Schmelzkäse verwandelt haben sollte, muss ich das mal hier zusammenfassen. Bisschen sortierter halt, was aber nur geht, wenn die Rübe wieder etwas kühler ist. Ansonsten haben wir die letzte wie die jetzige Hitzeperiode genutzt, um die Uraltmöbel, die teilweise noch aus meiner Studentenzeit stammten, durch was Aktuelleres zu ersetzen. Wer bei 30 Grad einen Ikea-Kleiderschrank zusammenschraubt, der hat auch vor dem Fegefeuer keine Angst mehr, so viel mal dazu. Ferner tue ich derzeit, was man halt so tut: »Das Lied von Eis und Feuer« lesen, fotografieren, dafür aber irgendwie so gar nichts schreiben, die PS4 in der heimischen Konsolenfamilie willkommen heißen und wie ein Satellit um mögliche Immobilienkäufe kreisen. Genug bloggenswerter Kram für die nächste Zeit also, sofern halt ... na ja, Schmelzkäse und so. So, nun aber wieder ab ins Sommerloch.

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Komische Gewohnheiten gibt es auf der Welt. Dinge, über die man nie spricht, die man aber einfach so tut. Nicht, dass sie uns anerzogen worden wären, also wenigstens mir nicht, aber sie sind eben so drin. Beispielsweise an der Kasse im Supermarkt: Stehe ich da an, schmeiße das bunte Warengedöns aufs Band und lege dann hinter meine Ware dieses, öhm, Warentrenndingens (Wie heißt das eigentlich offiziell?), dann sagt der- oder diejenige hinter mir meist: »Danke.« Warum eigentlich? Danke, dass Sie meine Ware nicht mit bezahlen wollen etwa?

Anderes Ding: Gehen und herumstehen auf der Rolltreppe. Da wir in einer Hektikgesellschaft leben, gibt's immer auch Leute, denen die Rolltreppen zu langsam rollen. Also stampfen sie die steilen Dinger hinauf, um am Ende sagenhafte zwei, drei Sekunden Zeit zu sparen. Ja gut, kann man machen, ich bin ja auch ein Hektiker und mache das hin und wieder so. Aber warum bedeuten Rolltreppen immer: links gehen, rechts stehen? Hat das mal irgendwer so festgelegt? Steht das irgendwo? Warum hinterfragt das niemand? Liegt es daran, dass rechts Autos parken und links daneben gefahren wird? Und verhält es sich dann in England auf Rolltreppen umgekehrt?

Oder Smalltalk im Fahrstuhl. Ich steige morgens in den Lift, wenn ich ins Büro muss. Solange ich nicht den ersten Kaffee intus habe, bin ich schlechter gelaunt als ein Eisbär in der Sauna. Da will nicht reden, schon gar nicht so was hier:

»Wieder kalt draußen, was?«

»Joa, aber soll ja bald besser werden.«

»Na hoffen wir mal.«

BING!

»So, schönen Tag noch.«

»Danke. Ebenfalls.«

Woah, nee! Warum ist das so? Was ist so schlimm daran, für die paar Sekunden, während der man auf einem Quadratmeter zusammengepfercht steht, Löcher in die Luft zu starren und den Sabbel zu halten?

Gesellschaftliche Normen sind was Seltsames. Ich finde es immer ulkig, dass Tiere gewisse Dinge einfach wissen, ohne sie je bewusst gelernt zu haben. Unsere Katze zum Beispiel: Die tut Dinge, die alle Katzen tun, scharren etwa (auch wenn sie das auf dem Laminat macht, statt im Katzenklo), sich an Vögel anschleichen, etc. Hat sie aber nie von einer anderen Katze gelernt (daher vermutlich die Laminatsache). Wissen tut sie es trotzdem. Beim Menschen scheint es sich mit den genannten Dingen ähnlich zu verhalten. Wir tun sie einfach, hinterfragen sie kaum oder nicht so, als dass wir wirklich Antworten suchen oder uns bewusst anders verhalten. Und wenn doch, sind wir komisch, solange wir nicht reich und damit automatisch exzentrisch sind.